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Solons VermächtnisSolons Vermächtnis

Solons Vermächtnis

Vom richtigen Zeitpunkt im Leben

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Solons Vermächtnis — Inhalt

Die Zeit ist reif - für dieses Buch!

 

Der Mensch hat die Zeit über das Essen entdeckt. Jäger und Sammler orientierten sich am Reifegrad von Wurzeln und Gräsern, Beeren und Früchten. Das Wissen um den richtigen Zeitpunkt gehörte von Beginn an zum menschlichen Überlebensrepertoire. Der athenische Staatsmann und Lyriker Solon führte es früh zu höchster Blüte. Er begründete die Lehre von den sieben Reifestadien des Menschen.

Denis Scheck und Eva Gritzmann greifen Solons Vermächtnis auf und begegnen Menschen, die es mit Leben füllen. Wie schon die Jäger und Sammler interessieren sie sich dabei besonders fürs Kulinarische, allerdings auf entschieden höherem Niveau. Auf ihren Streifzügen erfahren sie unter anderem, wie aus einem Kunstbuchverleger ein Schnapsbrenner von Weltruf, wie aus einem Junk-Food-verzehrenden Rockstar ein führender Gourmet-Kritiker wird, und warum Martin Walser noch immer mit Begeisterung von einem Lottogewinn träumt. Denis Scheck und Eva Gritzmann zeigen uns so gescheit wie unterhaltsam, wie wir lernen, den richtigen Zeitpunkt im Leben zu erkennen und wie wir uns an den Vorzügen unseres jeweiligen Lebensalters erfreuen können.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 05.10.2015
256 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1098-8
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 05.10.2015
256 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7840-7
»Die Ärztin Dr. Eva Gritzmann und der Literaturkritiker Denis Scheck haben ein Buch vom richtigen Zeitpunkt im Leben geschrieben.«
Magdeburger Volksstimme
»In diesem Buch kann man viel lernen. Über jenes Rosengewächs zum Beispiel, das wir Apfel nennen, über die griechische Philosophie, den Geschmack von Schnepfenhirn und die Lottoleidenschaft des Schriftstellers Martin Walser. Das alles und noch viel mehr passt in das Buch 'Solons Vermächtnis'. Die Ärztin Eva Gritzmann und der Kölner Literaturkritiker Denis Scheck haben es mit scharfem Verstand und leichter Hand geschrieben. Sie setzen dem von ihnen erkannten allgemeinen Jugendwahn ein Buch entgegen, das der Reife ein Loblied singt.«
Die Welt am Sonntag
»Entscheidungen und Entwicklungen brauchen Zeit, erinnern die Autoren mit Ausflügen in die Kulinarik und einer Haltung, die modernen Irrungen und Wirrungen mit triefender und durchaus süffisanter Ironie begegnet.«
Mannheimer Morgen
»Das ist sehr pointiert geschrieben, bringt immer wieder Überraschendes zutage und ist klarerweise nicht nur für die Babyboomer gedacht.«
Film, Sound & Media
»Die Ärztin Eva Gritzmann und der Literaturkritiker Denis Scheck haben mit 'Solons Vermächtnis' ein wundervolles Buch 'vom richtigen Zeitpunkt im Leben' geschrieben.«
Saarbrücker Zeitung
»ATEMPAUSE: Literaturkritiker Denis Scheck zeigt an prominenten Beispielen, wie wichtig es ist, sich Zeit zu nehmen.«
BUNTE
»Alle diese Skizzen sind glänzend erzählt, die ‚ihr‘ und ‚ihm‘ begegnenden Menschen wachsen einem als charakteristische Persönlichkeiten entgegen, unterwegs meist in ihrer natürlichen Umgebung entfalten sich Kunst und Kultur in diesen wundervollen Miniaturen.«
Nürnberger Nachrichten
»Zum menschlichen Überlebensrepertoire gehörte von Beginn an das Wissen um den richtigen Zeitpunkt. Die Autoren nähern sich den Grundsätzen des athenischen Staatsmanns und Lyrikers Solon unter dem Aspekt der Kulinarik an.«
Bayern 2 "Diwan. Büchermagazin"
»Der griechische Dichter und Politiker Solon glaubte: Erst nach dem 42. Geburtstag wird ein Mensch richtig klug. So begründete er die Lehre von den sieben Reifestadien des Menschen. Die Ärztin Eva Gritzmann und der TV-Literaturkritiker Denis Scheck erinnern jetzt an dieses Konzept – und an die Tatsache, dass das Beste im Leben vielleicht erst noch kommt, wenn man die werberelevante Zielgruppe längst verlassen hat.«
Slow

Leseprobe zu »Solons Vermächtnis«

»Hier spricht der Dichter!«
Über griechische Schulden, den ersten Dichterstreit 
der Welt und Solons Vermächtnis
Wenn Dichter streiten, fliegen die Fetzen. Kein Wunder, sind die Beteiligten an solchen Händeln schließlich Profis, was das Wägen von Argumenten, das Ausbaldowern von Strategien und die Wahl ihrer rhetorischen Waffen angeht. Viele Schriftsteller wissen genau, wann der richtige Moment gekommen ist, zu Florett, Degen oder Säbel zu greifen – und wann zum Stilett. Aber anders als beim Zickenkrieg oder beim Zores um den Maschendrahtzaun, das täglich [...]

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»Hier spricht der Dichter!«
Über griechische Schulden, den ersten Dichterstreit 
der Welt und Solons Vermächtnis
Wenn Dichter streiten, fliegen die Fetzen. Kein Wunder, sind die Beteiligten an solchen Händeln schließlich Profis, was das Wägen von Argumenten, das Ausbaldowern von Strategien und die Wahl ihrer rhetorischen Waffen angeht. Viele Schriftsteller wissen genau, wann der richtige Moment gekommen ist, zu Florett, Degen oder Säbel zu greifen – und wann zum Stilett. Aber anders als beim Zickenkrieg oder beim Zores um den Maschendrahtzaun, das täglich Brot keineswegs nur von Minderbemitteltenmedien wie RTL, SAT 1 oder BILD (»Das ›N‹ im Namen steht für Niveau …«), lässt sich, wenn Schriftsteller streiten, meist etwas lernen. Durchaus nicht, weil es dabei immer »um die Sache«, der Güter Höchstes oder sonstige ewige Werte und Wahrheiten ginge – Ehrpussel, Knicker und Ego-schweller aller Art nehmen unter den Akteuren im literarischen Leben wahrlich keinen kleineren Raum ein als in unserem Alltag.
Streit, ausgelöst durch ein schlagendes Beispiel menschlicher Unreife, steht am Anfang der abendländischen Literatur. Homer besingt den Zorn Achills und lässt die Achaier vor den Toren Trojas in ihrer zehnjährigen Belagerung um ein Haar scheitern, weil der eitle junge Muskelprotz Achill sich ungerecht behandelt fühlt. Aus gekränktem Stolz, Dünkel und kindischem Trotz will Achill lieber untätig und schmollend in seinem Zelt herumsitzen, als zu den Waffen zu greifen und die Entscheidung zu suchen. Quasi der Prototyp für die allen Eltern bekannte Verhaltensweise: Ist mir doch egal, wenn meine Finger erfrieren, hätte mir Mutti eben Handschuhe einpacken müssen. Wenn nicht vieles täuscht, wird Streit, die Inszenierung von Gegnerschaft und der Test auf die menschliche Reife auch einst am hoffentlich fernen Ende der Literatur stehen. An Gefahren zu wachsen, um Erkenntnisse zu ringen und mit Wahrheiten zu kämpfen, sind Teil jenes Reifeprozesses, der den Stoff liefert, von dem alles Erzählen lebt: Drama. Doch gibt es nichts Wichtigeres als einen Streit unter Dichtern und Denkern?
Wer den Blick auch nur hundert Jahre in die Vergangenheit richtet und einige der zentralen Dispute unter Intellektuellen Revue passieren lässt, wird rasch erkennen, wie produktiv diese für das Selbstverständnis unserer Gesellschaft waren. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg zoffen sich die Brüder Heinrich und Thomas Mann über die Rolle des Intellektu-ellen im Wilhelminischen Kaiserreich. Während der Weimarer Republik streitet Kurt Tucholsky gegen die Dunkelmänner der Reaktion. Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft in Deutschland bringen sich junge Intellektuelle wie Alfred Andersch gegen die alten Nazi-Barden in Position. Hans Magnus Enzensberger geißelt die Sprache von FAZ und Spiegel und befindet den »Neckermann«-Katalog für rezensionswürdig. Der junge Peter Handke wirft Ende der sechziger Jahre in einem genialen Selbstmarketingcoup seinen altvorderen Gruppe-47-Kollegen »Beschreibungsimpotenz« vor und geht in den Neunzigern mit der Haltung des Westens zu Serbien im Jugoslawienkrieg ins Gericht. Heinrich Böll wird mit seinen Interventionen gegen den vom Terrorismus der RAF herausgeforderten Staat zum Gewissen der Nation. Der US-amerikanische Literaturnobelpreisträger Saul Bellow drischt in den siebziger Jahren auf Günter Grass ein, weil dieser ihm die Beschönigung der sozialen Wirklichkeit in den USA vorwirft. Die Auszeichnung Ernst Jüngers mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt zieht den Hass einer denkfaulen Linken auf sich, die nicht lesen mag. Im Historikerstreit um Ernst Nolte einigt sich die Zunft auf die Singularität des Holocausts. Botho Strauss reflektiert im Anschwellenden Bocksgesang über Potenziale des Konservativen. Elfriede Jelinek legt Machtstrukturen patriarchalisch verfasster Gesellschaften frei und spürt der unaufgearbeiteten Nazi-Vergangenheit Österreichs nach. W. G. Sebald fragt, warum der Luftkrieg kein Echo in der deutschen Literatur fand. Martin Walser warnt in der Paulskirche vor der Instrumentalisierung des Holocausts und wehrt sich im Anschluss gegen die skandalöse Fehlinterpretation seiner Friedenspreisrede. Charlotte Roche ficht mit Alice Schwarzer über Schamgrenzen und Feminismus. Sibylle Lewitscharoff denkt in Dresden über unser ungetröstetes Sterben in der Moderne nach und gerät mit einigen en passant eingeflochtenen Nebenbemerkungen über künstliche Befruchtung in gefährliches Fahrwasser. Selbst noch aus den kalkulierten Attacken eines Maxim Biller gegen deutschsprachige Autoren mit Migrationshintergrund, die sich in seinen Augen willfährig dem Kulturbetrieb und seinem kulturellen Mainstream anpassten, statt sich von ihrer Biographie ihre Themen vorschreiben zu lassen, oder aus den politischen Amokläufen einer Karen Duve lässt sich viel über die Verfasstheit unserer schönen Bundesrepublik erfahren.
Aus zeitlichem Abstand erkennen wir die Bedeutung vieler historischer Ereignisse für unsere Gegenwart besser – sie springen uns regelrecht ins Auge, während vieles ins Konturlose verschwimmt, je näher es an uns heranrückt. Und vielleicht erkennen wir auch klarer die Relevanz und die Implikationen mancher von uns zunächst nur als üblichen Radau im Literaturzirkus eingestufter Kontroversen unter Autoren. Mitunter können die Rituale des Meinungsbetriebs ganz schön ermüden. Dieses permanente Durchröntgen aller Aussagen auf »Stoff«, das heißt aus Ungeschicklichkeit, Insensibilität oder Dummheit, oft auch aus einer Mischung aus allen dreien, politisch inkorrekt Formuliertem. Diese eingeübten Aufschreie. Diese Gebetsmühlen mit ihrem ewigen Leierton nach Rücknahme, Entschuldigung und Rücktritt. Diese schalen Empörungsroutinen. Dieses Insistieren auf Verbeugungen vor irgendwelchen Gesslerhüten der Saison.
SIE und ER empfinden diese abgepressten Lippenbekenntnisse, diese unerbittliche Sanktionierung jeder Abweichung vom gesellschaftlichen Konsens, und sei es nur um ein Iota, ganz schön zermürbend. So etwas löst in IHR und IHM regelrechten Ekel vor der Gegenwart aus. Ein Ekel, der durch Ärger bei der Arbeit, Verdruss am Frühstückstisch oder vielleicht auch einfach durch zu viel Blabla über Krankenversicherungen und Dosenpfand ausgelöst werden mag. Da wandert dann der Blick zum Bücherregal, und man denkt sich: Das kann’s doch nicht gewesen sein. Dafür sind wir doch nicht auf der Welt. Genau. Bloß: Wozu, bitte schön, sind wir denn eigentlich auf der Welt? Was macht ein Menschenleben aus? Wie lange soll es dauern? Welche Erfahrungen umfassen? An welchen Erlebnissen reifen? Durch welche Zäsuren geprägt sein?
Just darum dreht sich der erste Dichterstreit der Welt vor rund zweieinhalbtausend Jahren. Geführt haben ihn der Athener Dichter und Politiker Solon und sein Kollege Mimnermos aus Smyrna in Kleinasien, und schon damals kamen in der polemischen Rede und Gegenrede ihrer Gedichte alle Mittel aus der Trickkiste der Rhetorik zum Einsatz. Entzündet hatte sich ihr Streit an einer einfachen Frage: Welchen Wert hat das Leben, wenn der erste Glanz der Jugend verblasst und wir an sexueller Attraktivität einbüßen? Ist das Älterwerden des Menschen eine einzige Verfallsgeschichte? Eine unaufhaltbare Schussfahrt über eine Rutschbahn in den Tod? Oder gewinnen wir neben Erfahrung auch etwas durch unser Altern?
Cicero sagt, ein Narr sei, wer nur den Bächen nachläuft und darüber die Quellen aus den Augen verliert. Mit solchen Fragen gehen SIE und ER daher gern ad fontes, zu den Quellen, und das heißt zu den Anfängen des Nachdenkens des Menschen über sich selbst. An dieser Stelle können SIE und ER sich und ihren Lesern ein wenig Bildungsmühe nicht ersparen.
Antworten auf die sogenannten Letzten Fragen finden SIE und ER nicht unbedingt in den Heiligen Schriften, eher bei jenen ersten Denkern des Abendlands, für die sich der etwas unglückliche Begriff »Vorsokratiker« eingebürgert hat. So nennt man die griechischen Philosophen vor Sokrates, die etwa zwischen 650 und 400 vor unserer Zeitrechnung lebten und deren Werke nur in Form von Fragmenten und Zitatschnipseln bei jüngeren Autoren erhalten sind. In dieser Bezeichnung »Vorsokratiker« schwingt aber in den Ohren von IHR und IHM auch etwas leicht Herabstufendes mit, als handelte es sich bei diesen Denkern um eine bloße Vorgruppe der headliner der Philosophie. Dabei wird man in der gesamten Geistesgeschichte kaum auf radikalere Gedanken ohne jede Rücksicht auf unsere derzeit herrschende Moral oder irgendeinen sonstigen verbindlichen Wertekanon stoßen als bei den Vorsokratikern.
Die Antworten der Vorsokratiker sind oft alles andere als bequem. Es sind Antworten, die aus der Anfangszeit des Nachdenkens des Menschen über sich selbst stammen. Man kann sich, Friedrich Nietzsche hat es vorexerziert, an den Texten der Vorsokratiker regelrecht gesund lesen – oder über ihnen den Verstand verlieren. In jedem Fall lernt man aus ihnen wieder, über scheinbar Selbstverständliches wie Sonne und Mond, Wolken und Sterne, Regenbogen und Kometen, Blitz und Donner, Hagel und Schnee wie ein Kind zu staunen und ganz neu nachzudenken.
Eigentlich waren die Vorsokratiker eher Denker als Philosophen. Anaxagoras, Heraklit oder Demokrit passen in keine Kästchen, beschäftigen sich mit Medizin und Meteorologie genauso wie mit Astronomie, Poesie oder Politik. Man kann in ihren Texten Zaubersprüche finden und dann wieder über profunde Einsichten und echte Weisheiten stolpern. »Die Armut in der Demokratie ist dem so genannten Glück bei den Fürsten um soviel mehr vorzuziehen wie die Freiheit der Sklaverei«, schreibt etwa Demokrit. Derselbe Denker äußert dann aber auch Ansichten, die heute nicht nur unpopulär, sondern unakzeptabel erscheinen und viele bis zur Weißglut reizen werden. Darüber, dass das Schweigen der Schmuck der Frauen sei zum Beispiel. SIE und ER verbuchen so was achselzuckend unter Schwachsinn und lesen einfach weiter.
Das fällt schon weniger leicht, wenn Demokrit schreibt: »Es scheint mir nicht erforderlich, sich Kinder anzuschaffen«, um dies wie folgt zu begründen: »Denn ich sehe im Besitz von Kindern viele große Gefahren und viel Kummer, aber wenig Glückseligkeit, und auch diese ist nur gering und schwach.« Hier trennen sich die Wege von IHR und IHM. IHR erscheint ein Leben ohne Kinder gleichermaßen arm an Sinn wie arm an Freude. ER sieht in Demokrits Sätzen die wahre Emanzipation des Menschen vom Fortpflanzungsdiktat der Evolution. Außerdem klingen sie ihm angenehm in den Ohren in einer Zeit, in der die Obrigkeit einen durch Steuervergünstigungen ständig zur Fortpflanzung zum angeblichen Wohl von Rentenkassen, der Wirtschaft und des Staatswesens insgesamt motivieren möchte. Dabei hat selbst der Papst neuerdings eingesehen, dass sich Katholiken nicht wie Karnickel vermehren sollten. Gleichzeitig schwant IHM, dass SIE recht hat. Für solche unauflösbaren Gemengelagen des Denkens kann man die Vorsokratiker lieben und hassen zugleich. In jedem Fall wird man sich über sie ärgern. Aber man muss sie lesen.
Die Vorsokratiker sind ein verlässlicher Kompass, eine Art Polarstern am Firmament menschlichen Denkens. Für viele Themen sind sie die erste Quelle, einfach weil wir heutige Leser in ihren Texten Menschen beim Grübeln über Fragen verfolgen können, die uns jetzt noch just genauso unter den Nägeln brennen wie diesen Menschen vor rund zweieinhalbtausend Jahren: Fragen nach Gerechtigkeit und Sinn, nach dem richtigen Maß, nach Ursprung und Ziel unserer Existenz. Solon von Athen ist die wohl ungewöhnlichste Erscheinung unter diesen Pionieren abendländischen Denkens: Politiker und Dichter, eine Mischung aus Theodor Heuss, Jürgen Habermas und Helmut Schmidt auf der Schwelle vom sechsten zum fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.
Schon das klassische antike Griechenland hat Solon als visionären Verfassungsvater und Lyriker verehrt, rechnete ihn zu den Sieben Weisen und schrieb ihm die im Vorraum des Apollon-Tempels zu Delphi angebrachten Maximen »Erkenne dich selbst« und »Alles in Maßen« zu. Ein anderer Leitspruch Solons lautet: »Allen gefallen ist schwer, geht es um wichtige Tat«, was in den Ohren von IHR und IHM wie eine antike Vorwegnahme von Franz Josef Strauß’ berühmtem Diktum »Everybody’s darling is everody’s Arschloch« klingt. Solon ist Philosoph und Staatsmann, ja der große Versöhner seiner Vaterstadt Athen zu einer Zeit, als diese kurz vor dem Bürgerkrieg stand und in sich in unversöhnlichem Hass verzehrende Fraktionen zerfallen war. Solon verkörpert an sich Unvereinbares in seiner Person: Er war kühl kalkulierender Realpolitiker und zugleich Idealist, der in seinem politischen Handeln der Ethik eine entscheidende Rolle zusprach, gleichermaßen kühner Reformer wie sorgend bewahrender Konservativer.
Ein Mann wie Solon in Griechenland heute würde zum Helden und zur Leitfigur moderner kapitalismuskritischer Bewegungen taugen. Selbst die Guy-Fawkes-Maske des Occupy-Movements stünde Solon nicht schlecht. Denn viele der Probleme, mit denen er während seiner Lebenszeit rang, weisen verblüffende Ähnlichkeit mit denen unserer Gegenwart auf. Die große Konfliktlinie in Solons Athen verlief zwischen einer immer reicher werdenden Aristokratie, die wiederum in mehrere regionale Parteiungen zerfallen war, und einem von Schuldknechtschaft bedrohten Kleinbauerntum, welches das Gros der Bürgerschaft stellte. Diese kleinen Landpächter besaßen zwar das Athener Bürgerrecht, darüber hinaus aber wenig mehr; zudem ermöglichte ihnen das Subsistenz-wirtschaftssystem und vielfache Handelsbeschränkungen auch innerhalb der Polis kaum die Erwirtschaftung des Lebensnotwendigsten.
Durch Missernten oder Krankheit gerieten diese Bauern über Jahre leicht in eine Armutsspirale, der sie durch Kredite bei den vermögenden Landbesitzern zu entkommen trachteten. Da sie diese Kredite aber nicht durch ihr unveräußerbares Land, sondern nur durch ihre eigenen Körper und die ihrer Familien absichern konnten, drohte ihnen bei Nichterfüllung ihrer Schuldnerpflicht der Verkauf mitsamt ihren Nachkommen in die Sklaverei. Genau dieses grausame Schicksal wiederholte sich zu Lebzeiten Solons massenhaft und führte zu sozialen Unruhen, wie sie Athen noch nie erlebt hatte. Nach seiner Amtszeit als Archon, also im höchsten Athener Staatsamt, zum Schlichter berufen, reagiert Solon auf diese Missstände überaus zeitgenössisch: Er propagiert und praktiziert einen radikalen Schuldenschnitt, die bis heute in Griechenland unvergessene und sprichwörtliche seisachtheia oder »Schuldenabschüttlung«. Solon lässt alle Schulden der Kleinbauern streichen, die bereits in die Sklaverei verkauften Athener auslösen und die aus Angst vor der drohenden Schuldknechtschaft Geflohenen aus der Diaspora zurückholen. Ob er tatsächlich der »erste Streiter für das Volk« war, wie Aristoteles ihn Jahrhunderte später in seiner Athenaion Politeia charakterisiert, muss allerdings fraglich bleiben.
Zwar verbot Solon die Schuldknechtschaft und bannte damit das Schreckgespenst vieler armer Athener, als rechtlose Sklaven zu enden. Auch stärkte er den Handel und erklärte das Olivenöl zum einzig legalen Exportgut Athens, das sich damals kaum selbst ernähren konnte. Er ermutigte den Handwerkerstand und die Ansiedlung von Händlern aus anderen Städten, denen, sofern sie sich mit ihren Familien niederließen, das Bürgerrecht in Aussicht gestellt wurde. Und er vereinheitlichte Maß- und Gewichtseinheiten. Einer echten Bodenreform mit gleicher Landverteilung unter allen Athener Bürgern erteilte Solon jedoch genauso eine Absage wie allen weitergehenden Forderungen nach einer gerechteren Verteilung der Lasten und Pflichten im athenischen Stadtstaat.
Dennoch gelang es ihm durch seine Reformen, den Riss in der in wenige Reiche und zahllose in niemals rückzahlbare Schulden versunkene Arme gespaltene Athener Gesellschaft zu kitten und ihr die Vorform einer Verfassung zu geben. Schon in der Antike wähnten sich die Athener späterer Jahrhunderte noch unter den Solon’schen Gesetzen lebend, obwohl der konkrete Inhalt dieses Regelwerks rasch in Vergessenheit geriet und kaum hundert Jahre nach Solons Tod teilweise aufgehoben, mindestens jedoch vielfach abgeändert und ergänzt worden war. Doch nicht wenige selbst unter den heutigen Griechen sehen Solon noch als den Vater »ihrer« Verfassung. Obwohl selbst der Schicht der Aristokratie entstammend, den sogenannten »Fünfhundertschefflern«, die als Einzige Zugang zum prestigeträchtigsten Amt des Archonten hatten, warnt Solon in seinen zur Gedankenlyrik neigenden Gedichten gleichermaßen vor der Anhäufung von Macht und Kapital. Dabei war Solon weniger ein Verächter des Reichtums, als der er immer wieder dargestellt wird, als vielmehr ein scharfsinniger Analytiker von Wirtschaftssystemen und ein hellsichtiger Visionär dessen, was ungezügelte Geldströme und ungerechte Kapitalanhäufungen in einer Gesellschaft alles anrichten können. Dies kommt auch in Solons Gedichten zum Ausdruck, die sich teilweise erstaunlich modern lesen:

Viele Böse sind reich, viele Gute arm:
Wir tauschen unsere Reife nicht gegen ihren Reichtum.
Reife kann uns niemand nehmen,
Geld aber wechselt jeden Tag den Besitzer.

Eva Gritzmann

Über Eva Gritzmann

Biografie

Dr. med. Eva Gritzmann, geboren 1965, studierte nach einer Banklehre Betriebswirtschaft und Medizin in Bayreuth, Berlin und Düsseldorf und konzipierte den Internet-Auftritt des Deutschlandfunks. Heute lebt sie als Fachärztin für Allgemeinmedizin in Stuttgart.

Denis Scheck

Über Denis Scheck

Biografie

Denis Scheck, geboren 1964, ist einer der bekanntesten deutschen Literaturkritiker. Er studierte Geschichte, Politik und Literaturwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas und arbeitet heute als Literaturredakteur des Deutschlandfunks sowie als Moderator der Fernsehsendungen "Lesenswert" im...

Pressestimmen

Magdeburger Volksstimme

»Die Ärztin Dr. Eva Gritzmann und der Literaturkritiker Denis Scheck haben ein Buch vom richtigen Zeitpunkt im Leben geschrieben.«

Die Welt am Sonntag

»In diesem Buch kann man viel lernen. Über jenes Rosengewächs zum Beispiel, das wir Apfel nennen, über die griechische Philosophie, den Geschmack von Schnepfenhirn und die Lottoleidenschaft des Schriftstellers Martin Walser. Das alles und noch viel mehr passt in das Buch 'Solons Vermächtnis'. Die Ärztin Eva Gritzmann und der Kölner Literaturkritiker Denis Scheck haben es mit scharfem Verstand und leichter Hand geschrieben. Sie setzen dem von ihnen erkannten allgemeinen Jugendwahn ein Buch entgegen, das der Reife ein Loblied singt.«

Mannheimer Morgen

»Entscheidungen und Entwicklungen brauchen Zeit, erinnern die Autoren mit Ausflügen in die Kulinarik und einer Haltung, die modernen Irrungen und Wirrungen mit triefender und durchaus süffisanter Ironie begegnet.«

Film, Sound & Media

»Das ist sehr pointiert geschrieben, bringt immer wieder Überraschendes zutage und ist klarerweise nicht nur für die Babyboomer gedacht.«

Saarbrücker Zeitung

»Die Ärztin Eva Gritzmann und der Literaturkritiker Denis Scheck haben mit 'Solons Vermächtnis' ein wundervolles Buch 'vom richtigen Zeitpunkt im Leben' geschrieben.«

BUNTE

»ATEMPAUSE: Literaturkritiker Denis Scheck zeigt an prominenten Beispielen, wie wichtig es ist, sich Zeit zu nehmen.«

Nürnberger Nachrichten

»Alle diese Skizzen sind glänzend erzählt, die ‚ihr‘ und ‚ihm‘ begegnenden Menschen wachsen einem als charakteristische Persönlichkeiten entgegen, unterwegs meist in ihrer natürlichen Umgebung entfalten sich Kunst und Kultur in diesen wundervollen Miniaturen.«

Bayern 2 "Diwan. Büchermagazin"

»Zum menschlichen Überlebensrepertoire gehörte von Beginn an das Wissen um den richtigen Zeitpunkt. Die Autoren nähern sich den Grundsätzen des athenischen Staatsmanns und Lyrikers Solon unter dem Aspekt der Kulinarik an.«

Slow

»Der griechische Dichter und Politiker Solon glaubte: Erst nach dem 42. Geburtstag wird ein Mensch richtig klug. So begründete er die Lehre von den sieben Reifestadien des Menschen. Die Ärztin Eva Gritzmann und der TV-Literaturkritiker Denis Scheck erinnern jetzt an dieses Konzept – und an die Tatsache, dass das Beste im Leben vielleicht erst noch kommt, wenn man die werberelevante Zielgruppe längst verlassen hat.«

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