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So bitterkalt

Kriminalroman

Taschenbuch
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So bitterkalt — Inhalt

Nach den erfolgreichen Öland-Krimis – der neue Thriller von Johan Theorin.

Kaum ein Bewerber findet den Weg nach Valla an die schwedische Westküste. Jan Hauger aber kommt, und er besitzt gute Zeugnisse. Doch es ist kein Zufall, dass er sich in dem außergewöhnlichen Kinderhort vorstellt – er braucht diese Stelle unbedingt. Denn Jan hat ein dunkles Geheimnis: Bei einer seiner früheren Stellen ging ein Kind verloren, das erst nach Tagen auf nie geklärte Weise wieder auftauchte. Und das ist nicht der einzige Fleck auf Jan Haugers Weste. Warum aber will er nun ausgerechnet in Valla arbeiten?

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 10.12.2013
Übersetzt von: Susanne Dahmann
480 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30426-9
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.09.2012
Übersetzt von: Susanne Dahmann
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95854-7

Leseprobe zu »So bitterkalt«

Lieber Ivan, kann man jemandem, den man noch nie gesehen hat, einen Liebesbrief schreiben? Ich versuche es zumindest. Schließlich habe ich Dich nur auf den Bildern in den Zeitungen gesehen. Schwarz-weiße Pressefotos unter schrecklichen, schreienden Überschriften, die »Ivan Rössel, den wahnsinnigen Kindermörder«, oder wie sie Dich auch immer nennen, zeigen sollen.
Die Bilder sind hart und ungerecht, aber ich habe sie trotzdem oft angeschaut. Mit dem Blick aus Deinen Augen hat es etwas Besonderes auf sich, er ist so ruhig und klug – und doch so [...]

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Lieber Ivan, kann man jemandem, den man noch nie gesehen hat, einen Liebesbrief schreiben? Ich versuche es zumindest. Schließlich habe ich Dich nur auf den Bildern in den Zeitungen gesehen. Schwarz-weiße Pressefotos unter schrecklichen, schreienden Überschriften, die »Ivan Rössel, den wahnsinnigen Kindermörder«, oder wie sie Dich auch immer nennen, zeigen sollen.
Die Bilder sind hart und ungerecht, aber ich habe sie trotzdem oft angeschaut. Mit dem Blick aus Deinen Augen hat es etwas Besonderes auf sich, er ist so ruhig und klug – und doch so durchdringend. Du scheinst die Welt so zu sehen, wie sie ist, und es kommt mir so vor, als würdest Du mich völlig durchschauen. Ich wünschte, Du könntest mich auch in Wirklichkeit betrachten. Ich würde Dich so gern kennenlernen.
Einsamkeit ist etwas Schreckliches, und leider habe ich im Laufe der Jahre meinen Teil davon genossen. Bestimmt fühlst Du Dich in Deinem verschlossenen Zimmer hinter der Krankenhausmauer auch manchmal einsam. In der Stille spätnachts, wenn niemand sonst auf der Welt mehr wach ist … Man wird so leicht von der Einsamkeit eingesogen und am Ende von ihr erstickt.
Ich schicke Dir ein Foto von mir mit, das an einem warmen, sonnigen Tag im letzten Sommer aufgenommen wurde. Wie Du siehst, habe ich helle Haare, aber eine Vorliebe für dunkle Kleidung. Ich hoffe, dass Du mich anschauen willst, so wie ich die Bilder von Dir angeschaut habe.
Jetzt werde ich für dieses Mal Schluss machen, aber ich möchte Dir gern wieder schreiben. Ich hoffe, dass dieser Brief Dich auch auf der anderen Seite der Mauer erreicht. Und ich hoffe, dass Du irgendeine Möglichkeit hast, mir zu antworten.
Gibt es etwas, was ich für Dich tun kann?
Ivan, ich tue alles.
Alles.

 

1 – ROUTINEN

 

Und doch fängt jeder an derselben Stelle an;
wie kommt es, dass die meisten ohne Schwierigkeit weiterkommen, einige wenige aber den Weg verlieren?

 

John Barth; Ambrose im Juxhaus

 

1

 

»Achtet auf unsere spielenden Kinder!«, liest Jan durch das Seitenfenster des Taxis. Der Text ist auf ein blaues Plastikschild gemalt, und darunter steht die Ermahnung: LANGSAM FAHREN.
»Verdammte Kinder!«, ruft der Fahrer.
Jan fällt nach vorn. Das Taxi ist um eine Ecke gebogen und musste abrupt vor einem Dreirad bremsen, das ein Kind mitten auf der Straße hat stehen lassen.
Die Straße liegt in einem Wohnviertel mit Einfamilienhäusern in der Stadt Valla. Jan sieht niedrige Holzzäune vor weißen Steinhäusern und dann das große Warnschild.
Achtet auf unsere spielenden Kinder. Doch obwohl da ein Dreirad steht, sind die Straßen leer. Hier gibt es keine Kinder, auf die man achten könnte.
Vielleicht sind sie alle in den Häusern, denkt Jan. Eingesperrt.
Der Fahrer, der mit seiner zerfurchten Stirn, dem weißen Weihnachtsmannbart und einem müden Blick aussieht, als stünde er kurz vor der Rente, mustert ihn im Rückspiegel. Jan ist diese müden Blicke gewohnt, die gibt es überall.
Bis zu der Vollbremsung und dem Fluch hat der Fahrer so gut wie nichts gesagt, doch als er wieder anfährt, stellt er plötzlich eine Frage: »Sankt Patricia … arbeiten Sie da oben ? «
Jan schüttelt den Kopf. »Nein, noch nicht.«
»Aha. Wollen Sie sich bewerben?«
» Ja. «
»Ach so«, erwidert der Fahrer.
Jan sagt nichts weiter, sondern senkt den Blick. Er will nicht zu viel von sich erzählen, und er weiß nicht, was er über das Krankenhaus sagen darf.
Der Fahrer plaudert weiter: »Sie wissen sicher, dass es noch einen anderen Namen für das Haus gibt, oder?«
Jan blickt wieder auf. »Nein. Welchen denn?«
Der Fahrer lächelt ein wenig über sein Lenkrad hinweg.
»Das erzählen die Ihnen da oben bestimmt selbst.«
Jan sieht zur Seite, auf die Reihen der Einfamilienhäuser, und denkt an den Mann, den er bald treffen wird. Doktor Patrik Högsmed, Chefarzt. Sein Name stand unter einer Stellenanzeige, die Jan Mitte Juni entdeckt hatte:

 

ERZIEHER(IN)/VORSCHULLEHRER(IN)
für »Die Lichtung« als Vertretung gesucht.

 

Der Text unter der Überschrift ähnelte vielen anderen, die er bereits gelesen hatte:

 

Sie sind Erzieher(in) und/oder Vorschullehrer(in), gerne männlich und jünger, da wir eine gleichberechtigte und gemischte Personalgruppe anstreben.
Als Mensch ruhen Sie in sich selbst und sind offen und ehrlich. Sie mögen Spiele und Musik und alle Arten kreativer Tätigkeit. Unsere Vorschule liegt in einer reizvollen Umgebung, deshalb sollten Sie Ausflüge in Wald und Flur schätzen.
Sie wollen aktiv für eine positive Stimmung in der Vorschule sorgen und sich gegen alle Formen von Diskriminierung stellen.

 

Vieles davon traf auf Jan zu. Er war ein junger Mann, ausgebildeter Vorschullehrer, er mochte Spiele, und er hatte in seiner Jugend eine Weile Schlagzeug gespielt, allerdings meist für sich allein.
Diskriminierungen konnte er aus persönlichen Gründen nicht leiden.
Aber war er offen und ehrlich? Je nachdem. Auf jeden Fall war er gut darin, offen zu wirken.
Schlussendlich war es die Adresse der Kontaktperson, die Jan dazu veranlasst hatte, die Anzeige auszuschneiden. Der Ansprechpartner hieß Oberarzt Dr. Patrik Högsmed, und seine Anschrift lautete: Geschäftsleitung, Forensische Psychiatrische Klinik Sankt Patricia, Valla.
Es war Jan schon immer schwergefallen, sich selbst anzupreisen, doch die Anzeige hatte mehrere Tage auf dem Küchentisch gelegen und ihn angestarrt, und irgendwann hatte er doch dort angerufen.
»Högsmed«, sagte eine leise Männerstimme.
» Doktor Högsmed ? «
» Ja ? «
»Ich heiße Jan Hauger, und ich interessiere mich für die freie Stelle. «
» Welche Stelle?«
»Die Stelle als Vorschullehrer bei Ihnen. Ab September. «
In der Leitung war es kurz still, ehe Högsmed antwortete: »Aha, ja, die …«
Högsmed sprach leise, er wirkte zerstreut. Doch dann antwortete er mit einer Frage: »Und warum interessieren Sie sich für die Stelle?«
»Nun …« Die Wahrheit konnte Jan nicht sagen, also hätte er jetzt anfangen müssen, zu lügen oder zumindest Dinge zu verschweigen. »Ich bin neugierig«, erwiderte er deshalb einfach nur.
»Neugierig«, echote Högsmed.
»Ja … auf den Arbeitsplatz und auf die Stadt. Ich habe hauptsächlich in Einrichtungen in größeren Städten gearbeitet, und ich fände es spannend, an einen kleineren Ort zu ziehen und zu sehen, wie es dort in einer Vorschule zugeht. «
»Gut«, hatte Högsmed gesagt. »Allerdings ist das hier eine etwas spezielle Einrichtung für Kinder, weil deren Eltern bei uns Patienten sind …«
Dann hatte er ausgeführt, warum Sankt Patricia überhaupt eine Vorschule hatte: »Wir haben sie vor einigen Jahren als Versuchseinrichtung eröffnet. Die Grundidee beruht auf Forschungsergebnissen, wonach die Beziehung zu den Eltern absolut entscheidend für die Entwicklung kleiner Kinder ist, um sozial reife Individuen werden zu können. Sowohl temporäre als auch dauerhafte Aufenthalte in Kinderheimen bringen immer gewisse Probleme mit sich, und hier in Sankt Patricia wissen wir, wie wichtig es ist, dass Kinder einen regelmäßigen und stabilen Kontakt zu beiden biologischen Eltern haben, und zwar trotz der speziellen Umstände. Und auch für den betroffenen Elternteil ist der Kontakt zum Kind natürlich wichtiger Bestandteil der Behandlung.« Der Doktor machte eine Pause und fügte dann hinzu: »Das ist es schließlich, was wir hier in der Klinik machen: Wir behandeln. Wir bestrafen nicht, egal, was unsere Patienten auch immer getan haben. «
Jan hatte zugehört und dabei bemerkt, dass der Doktor nicht das Wort »heilen« verwendet hatte.
Högsmed hatte das Gespräch mit einer raschen Frage beendet: »Wie klingt das für Sie?«
Jan fand, dass es interessant klang, und er hatte eine Bewerbung mit einem beigefügten Lebenslauf geschickt.
Anfang August hatte Högsmed dann zurückgerufen. Jan war in der Auswahl eine Runde weitergekommen, und der Doktor wollte ihn kennenlernen. Sie hatten einen Termin in der Klinik vereinbart, und gegen Ende des Gesprächs sagte Högsmed: »Eine Bitte habe ich noch, Herr Hauger. «
» Ja ? «
»Bringen Sie einen Ausweis mit, Ihren Führerschein oder Ihren Pass, damit wir uns versichern können, wer Sie sind. «
»Ja, ja, natürlich.«
»Und noch eine letzte Sache, Herr Hauger … tragen Sie keine scharfen Gegenstände bei sich, denn dann werden Sie bei uns nicht in die Klinik gelassen.«
» Scharfe Gegenstände ? «
»Scharfe Gegenstände aus Metall, also … keine Messer.«

 

Jan kam – ohne scharfe Gegenstände – gegen dreizehn Uhr, eine halbe Stunde vor dem Bewerbungsgespräch, mit dem Zug in Valla an. Er behielt die Zeit im Auge, war aber immer noch ganz ruhig. Er würde ja keinen Berg besteigen müssen, sondern hatte nur ein Bewerbungsgespräch vor sich.
Es war ein sonniger Dienstag Anfang September, und die Straßen der Stadt um den Bahnhof herum waren hell und trocken, aber menschenleer. Er war zum ersten Mal in Valla, und als er auf den Bahnhofsvorplatz trat, wurde ihm klar, dass niemand wusste, dass er hier war. Niemand. Der Oberarzt von Sankt Patricia wartete natürlich auf ihn, doch für Doktor Högsmed war er nur ein Name und ein Lebenslauf.
War er bereit? Natürlich. Er zog die Jackettärmel herunter und glättete seinen blonden Haarschopf, dann ging er zum Taxistand. Dort wartete ein einziger Wagen.
»Klinik Sankt Patricia. Wissen Sie, wo das ist?«
» Aber ja. «
Der Fahrer sah zwar aus wie der Weihnachtsmann, war aber nicht ebenso freundlich; er faltete wortlos seine Zeitung zusammen und ließ den Motor an. Als Jan sich auf dem Rücksitz niedergelassen hatte, begegneten sich ihre Blicke für eine halbe Sekunde im Rückspiegel, als wollte der Weihnachtsmann prüfen, ob Jan auch gesund sei.
Er hatte erwogen, den Fahrer zu fragen, ob er denn wisse, was für eine Art Klinik Sankt Patricia sei, doch sein Blick war eindeutig.
Sie fuhren vom Bahnhofsvorplatz auf eine Straße, die parallel zu den Zuggleisen verlief, dann nahmen sie eine kurze Unterführung unter den Gleisen hindurch. Auf der anderen Seite standen mehrere große braune Ziegelbauten mit Fassaden aus Stahl und Glas, die wie ein Krankenhaus aussahen. Vor dem breiten Eingang sah Jan zwei gelbe Notarztwagen stehen.
»Ist das hier Sankt Patricia?«
Doch der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf. »Nee, hier sind die Leute normal krank, nicht verrückt. Das ist das Bezirkskrankenhaus. «
Die Sonne schien noch immer, keine Wolke stand am Himmel. Nach dem Krankenhaus bogen sie links ab, fuhren einen steilen Hügel hinauf und rollten in das Wohnviertel, wo ein Schild um Rücksicht auf die Kinder bat.
Achtet auf unsere spielenden Kinder.

 

Jan muss an all die Kinder denken, auf die er im Laufe der Jahre geachtet hat. Keines war je sein eigenes gewesen, sondern er war dafür angestellt, sich um sie zu kümmern. Doch sie wurden in gewisser Weise zu seinen Kindern, und wenn seine Vertretungszeit beendet war, war es immer schwer, sich von ihnen zu trennen. Oft weinten sie beim Abschied. Manchmal weinte er auch.
Plötzlich fällt sein Blick auf ein paar Kinder zwischen den Häusern – vor einer Garage spielen vier Jungs von ungefähr zwölf Jahren Feldhockey.
Sind Zwölfjährige denn wirklich noch Kinder? Wann hören Kinder auf, Kinder zu sein?
Jan lehnt sich in den Autositz zurück und schiebt alle tiefer gehenden Fragen beiseite. Jetzt muss er sich darauf konzentrieren, klare Antworten zu geben. Bewerbungsgespräche sind anstrengend, wenn man etwas zu verbergen hat, und wer hat das nicht? Jeder hat seine kleinen Geheimnisse, über die er nicht sprechen möchte. Auch Jan. Aber gerade heute dürfen sie nicht zum Vorschein kommen.
Vergiss nicht, dass Högsmed Psychiater ist.
Das Taxi verlässt das Wohngebiet und fährt durch einige Viertel mit niedrigen Reihenhäusern. Dahinter erstreckt sich eine große Wiese, die an eine mindestens fünf Meter hohe, grüne Betonmauer grenzt. Auf der Mauerkrone verläuft in dünnen Linien fest gespannter Stacheldraht.
Fehlen nur noch hohe Türme mit bewaffneten Wachleuten.
Hinter der Mauer erhebt sich fast wie ein Schloss ein großes, graues Steinhaus. Jan sieht nur den oberen Teil, schmale Fensterreihen unter einem langen Ziegeldach. Viele der Fenster sind mit Gittern versehen.
Dort hinter den Gittern sitzen sie, denkt Jan, die Gefährlichsten der Gefährlichen. Die man nicht auf die Straße lassen kann. Und dorthinein gehst du jetzt.
Er spürt, wie ihm das Herz in der Brust schneller schlägt, als er an Alice Rami denkt und an die Möglichkeit, dass sie in diesem Moment da sitzt und durch eines der Gitter zu ihm herübersieht.
Ruhig, ganz ruhig.
Jan ist ein Mensch, der in sich selbst ruht, und er liebt Kinder wirklich. Das wird Doktor Högsmed schon begreifen.
In die Betonmauer ist ein breites Stahltor eingelassen, doch davor herrscht Halteverbot, also bleibt das Taxi auf der Wendeplatte stehen. Jan ist angekommen. Das Taxameter zeigt sechsundneunzig Kronen. Er gibt einen Hunderter nach vorn.
» Stimmt so. «
» Aha. «
Der Weihnachtsmann scheint nicht sonderlich begeistert über das Trinkgeld, von vier Kronen kann man keine Weihnachtsgeschenke für die Kinder kaufen. Daher steigt er nicht aus dem Wagen, um Jan die Tür zu öffnen.
»Viel Glück mit dem Job«, brummt der Fahrer nur, als er die Quittung durch das halb heruntergekurbelte Seitenfenster reicht.
Jan nickt und rückt sein Jackett zurecht.
»Kennen Sie jemanden, der dort arbeitet?«, fragt er noch schnell.
»Nicht, dass ich wüsste«, erwidert der Weihnachtsmann. »Aber die meisten, die da oben arbeiten, halten sowieso die Klappe, damit ersparen sie sich eine Menge Fragen über die Leute da drin.«
Jan sieht, dass sich in der Mauer neben dem breiten Tor eine kleinere Tür geöffnet hat. Dort steht jemand und wartet auf ihn, ein Mann um die vierzig mit schwarzer Drahtbrille und dickem braunem Haar. Auf die Entfernung erinnert er ein wenig an John Lennon.
Lennon ist von Mark Chapman erschossen worden, denkt Jan. Warum erinnert er sich jetzt daran? Weil dieser Mord Chapman über Nacht weltbekannt machte.
Wenn Rami in Sankt Patricia ist, welche Berühmtheiten werden dann wohl noch dort weggeschlossen sein?
Vergiss es, sagt eine innere Stimme. Und vergiss auch den »Luchs«. Konzentriere dich auf das Bewerbungsgespräch.
Der Mann an der Mauer trägt keinen weißen Arztkittel, sondern nur eine schwarze Hose und ein braunes Jackett, trotzdem ist es offensichtlich, um wen es sich handelt.
Doktor Högsmed rückt seine Brille zurecht und konzentriert sich auf Jan. Die Beurteilung hat bereits begonnen.
Jan wendet sich ein letztes Mal an den Taxifahrer. »Können Sie jetzt den Namen sagen?«
» Welchen Namen ? «
Jan deutet mit einem Nicken auf die Betonmauer. »Den Namen des Krankenhauses … Wie nennen es die Leute?«
Der Weihnachtsmann antwortet nicht gleich, sondern lächelt amüsiert über Jans Neugier.
»Sankt Psycho«, sagte er schließlich.
» Was ? «
Der Taxifahrer zuckt die Schultern. »Grüße an Ivan Rössel … Der soll doch hier einsitzen.«
Dann wird das Fenster hochgekurbelt, und das Taxi fährt davon.

 

2

 

Nein, das ist kein gewöhnlicher Stacheldraht auf der Krone der Mauer rund um die Klinik Sankt Patricia, das bemerkt Jan, nachdem er das Tor passiert und Doktor Högsmed die Hand geschüttelt hat. Es ist Elektrodraht, ein meterhohes Stromgatter, ausgestattet mit Leuchtdioden, die an jedem Pfeiler rot blinken.
»Willkommen.« Högsmed betrachtet ihn durch die dicken Brillengläser, ohne zu lächeln. »Haben Sie gut hierhergefunden ? «
»Ja, kein Problem.«
Die Betonmauer und der Elektrodraht erinnern Jan an eine Palisade wie bei einem Tigergehege. Doch auf der Kiesfläche rechts neben der Pforte entdeckt er ein kleines Stückchen Alltag: einen Fahrradständer. Herren- und Damenfahrräder, ausgerüstet mit Fahrradkörben und Reflektoren, stehen in einer Reihe nebeneinander. Eines hat sogar einen Kindersitz auf dem Gepäckträger.
Die Stahltür macht ein klickendes Geräusch, sie wird von unsichtbaren Händen zugezogen.
»Nach Ihnen, Herr Hauger.«
» Danke. «
Durch eine Gefängnismauer zu treten, das ist, als würde man die ersten Schritte in die Öffnung einer pechschwarzen Grotte machen. Eine isolierte und fremde Welt.
Die Tür gleitet hinter ihnen ins Schloss. Das Erste, was Jan innerhalb des Mauerrings sieht, ist eine lange weiße Überwachungskamera, deren Linse direkt auf ihn gerichtet ist. Die Kamera, schweigend und bewegungslos, ist auf einen Pfeiler neben der Pforte montiert.
Dann entdeckt er noch eine Kamera auf einem anderen Pfeiler näher am Krankenhaus und weitere am Gebäude selbst. »Gelände videoüberwacht«, warnt ein gelbes Schild an der Wand.
Sie gehen an einem Parkplatz vorüber, auf dem ebenfalls Schilder angebracht sind: »Reserviert für Krankentransport«, steht auf einem und auf einem anderen: »Reserviert für Polizei«.
Jetzt kann Jan die gesamte hellgraue Vorderfassade der Klinik überblicken. Das Gebäude ist fünf Stockwerke hoch und hat lange Reihen schmaler Fenster. Um die Fenster des untersten Stockwerks windet sich eine Art Efeu wie ein Lindwurm.
Jan fühlt sich unwohl auf diesem Vorplatz, gefangen zwischen Steinmauer und Klinik. Er zögert, aber der Doktor geht ihm mit eiligen Schritten weiter voraus bis zu der stählernen Eingangstür der Klinik. Sie ist verschlossen, doch der Oberarzt schiebt eine Magnetkarte in einen Schlitz in der Tür und winkt in die nächstgelegene Kamera, und nach einer halben Minute klickt das Schloss.
Sie betreten einen Vorraum mit einem verglasten Empfang und einer weiteren Kamera. Hier riecht es nach Schmierseife und nassem Stein, der Fußboden ist frisch gewischt. Hinter dem dunklen Glas am Empfang sitzt ein breitschultriger Schatten.
Ein Krankenhauswärter. Jan fragt sich, ob er wohl bewaffnet ist.
Der Gedanke an Gewalt und Waffen lässt ihn auf Geräusche von den Patienten horchen, doch die sind wahrscheinlich zu weit weg. Weggeschlossen hinter Stahltüren und dicken Mauern. Und warum sollte man sie auch hören? Sie werden ja wohl kaum brüllend oder lachend mit Metallbechern an die Gitterstäbe schlagen. Ihre Welt besteht vermutlich eher aus stillen Räumen und leeren Fluren.
Der Doktor hat etwas gefragt. Jan sieht ihn fragend an. » Entschuldigung ? «
»Der Ausweis«, wiederholt Högsmed. »Haben Sie ihn dabei, Herr Hauger?«
»Natürlich … hier.«
Jan fingert in seiner Jackentasche herum und reicht ihm dann seinen Pass.
»Behalten Sie ihn«, sagte Högsmed. »Klappen Sie nur die Seite mit Ihren Angaben zur Person auf, und halten Sie die vor diese Kamera hier.«
Jan hält den Pass hoch. Es klickt in der Kamera. Jetzt ist er registriert.
»Gut. Dann sollten wir noch einen Blick in Ihre Tasche werfen. «
Jan muss die Tasche öffnen und vor dem Wärter und dem Doktor den Inhalt herausholen: ein Päckchen Taschentücher, eine Regenjacke, eine zusammengefaltete Göteborgs-Posten …
»Jetzt können wir gehen.«
Der Doktor winkt dem Wachmann hinter der Scheibe zu, danach führt er Jan durch einen großen Bogen, wahrscheinlich ein Metalldetektor, und weiter zu einer Tür, die er aufschließt.
Jan kommt es vor, als würde es immer kälter, je tiefer sie in die Klinik hineingehen. Nach drei weiteren Stahltüren stehen sie in einem Flur, an dessen Ende eine einfache Holztür ist. Högsmed öffnet sie.
»So, hier halte ich Hof.«
Jan betritt ein ganz gewöhnliches Büro. Die meisten Gegenstände im Zimmer des Arztes sind weiß, von den Tapeten bis hin zu den gerahmten Diplomen neben den weißen Bücherregalen. Aber auf dem großen Schreibtisch, neben einigen Papierstapeln, scheint etwas Persönliches zu stehen, nämlich das Bild einer jungen Frau, die glücklich, aber erschöpft aussieht und ein neugeborenes Baby im Arm hält.
Doch Jan entdeckt rechts auf dem Tisch noch etwas anderes, eine Sammlung Mützen und Hüte. Fünf Stück, recht abgenutzt. Die blaue Dienstmütze eines Wachmanns, eine weiße Schwesternhaube, ein schwarzer Borsalino, eine grüne Jägermütze und eine rote Clownperücke.
Högsmed deutet darauf. »Nehmen Sie sich eine, wenn Sie möchten. «
» Wie bitte ? «
»Ich lasse meine neuen Patienten immer eine der Kopfbedeckungen auswählen und dann aufsetzen«, erklärt Högsmed. »Dann sprechen wir darüber, warum er oder sie ausgerechnet diese Mütze ausgewählt hat und was das bedeuten könnte. Sie dürfen das gern auch tun, Jan.«
Jan streckt die Hand zu den Kopfbedeckungen aus. Er würde am liebsten die Clownperücke nehmen, aber was symbolisiert die wohl? Ist es nicht besser, eine hilfsbereite Krankenschwester zu sein? Ein guter Mensch. Oder ein Firmendirektor mit Borsalino, der für Klugheit und Wissen steht ?
Seine Hand beginnt leicht zu zittern. Schließlich lässt er sie sinken.
»Ich muss wohl verzichten.«
» Warum ? «
»Nun … ich bin schließlich kein Patient.«
Högsmed nickt kurz. »Aber ich habe gesehen, dass Sie im Begriff waren, den Clown zu wählen, Jan. Und das ist interessant, denn Clowns haben oft Geheimnisse. Sie verbergen etwas hinter einer lachenden Maske.«
» Ach, ehrlich ? «

Über Johan Theorin

Biografie

Johan Theorin, geboren 1963 in Göteborg, gehört zu den meistgelesenen Krimiautoren seines Landes. Die vier Bände seines Öland-Quartetts, ausgezeichnet unter anderem mit dem Preis für das Beste Krimidebüt und den Besten Kriminalroman des Jahres sowie dem renommierten CWA International Dagger Award,...

Medien zu »So bitterkalt«

Pressestimmen

Dresdner Neueste Nachrichten

»Nicht umsonst gelang Johan Theorin bereits mit seinem Erstling der internationale Durchbruch. Denn wo andere mit detaillierter Ermittlungsarbeit oder überbordender Action langweilen, entwickelt er bewegende Charaktere.«

Osterländer Volkszeitung

»Ein psychologisches Duell, das in die tiefsten seelischen Abgründe führt, allerdings ohne jemals platt oder voyeuristisch zu werden.«

Leipziger Volkszeitung

»Ein psychologisches Duell, das in die tiefsten seelischen Abgründe führt, allerdings ohne jemals platt oder voyeuristisch zu werden.«

Westdeutsche Allgemeine

»Der Roman beschert dem Leser reichlich Gänsehaut mit seinen tiefen Blicken in die menschliche Psyche. (...) Spannend bis zur letzten Seite!«

Südhessen Woche

»Eine unglaublich packende Geschichte über die Abgründe der menschlichen Psyche.«

Goslarsche Zeitung

»Ein kompakter, bestens konstruierter Roman, der einen überraschenden Ausgang bietet und zeigt, was alles passieren kann, wenn Menschen es zu gut meinen.«

Cellesche Zeitung

»Johan Theorin schafft es, in seinem neuen Roman "So bitterkalt", seinen Lesern eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken zu jagen.«

Format

»Superspannender Schweden-Krimi über Psychatrie und Gutmenschentum.«

Kronen Zeitung Steiermark

»"So bitterkalt" spielt virtuos mit labilen Seelen, einem beklemmenden Umfeld und immer wieder überraschenden Wendungen.Großartig geschrieben aber ganz sicher nichts für schwache Nerven.«

Welt kompakt

»Kaum einer versteht es so gut, so grausam seinen Lesern ganz subtil Gänsehaut über den Rücken zu jagen wie der Schwede Johan Theorin.«

Oberhessische Presse

»Dieser hochsensible Thriller ist wahrlich nichts für schwache Nerven.«

Oberösterreichische Nachrichten

»Beste Kost!«

Nürnberger Zeitung

»'So bitterkalt' ist schon rein erzähltechnisch ein Hochgenuss; Johan Theorin versteht sein Handwerk, hat es immer weiter perfektioniert, den Fokus präziser eingestellt, die einzelnen Szenen noch höher konzentriert.«

schwedenerleben.com

»Die Spannung steigt ins Unermessliche. [...] Immer wieder glaubt der Leser, zwischendurch aufatmen zu können. Doch dann schlägt Johan Theorin gekonnt und eiskalt zurück und es verschlägt einem regelrecht den Atem.»

BÜCHER

»Theorin ist ein Meister der Atmosphäre.«

KrimiZEIT-Bestenliste

»Super tricky Thriller über die Fallen des Gutmenschentums.«

BR -B5 aktuell

»Ein fesselnder Krimi, atmosphärisch dicht, sprachlich versiert.«

culturmag.de

»Theorin verlässt sich ganz auf die Wirkung seiner Geschichte, und er kann es sich leisten. 'So bitterkalt' ist ein perfektes Beispiel kalkulierter Hochdramatik. Das ist für ein Genre, in dem immer häufiger auf billige Grusel- und Ekeleffekte gesetzt wird, eine beachtliche Leistung.«

Der Standard

»Theorins Personen sind janusköpfig, niemand ist harmlos, grausame Überraschungen lauern in allen dunklen Ecken: sehr eigen und unheimlich.«

booksection.de

»In der Zeichnung seiner Figuren ist Johan Theorin ein wahrer Künstler, (...) einer, der die tiefsten menschlichen Abgründe kennt und es versteht, seine Leser absolut fesselnd daran teilhaben zu lassen.«

Kurier am Sonntag

»(…) klug arrangierte Hochspannung.«

Buchmarkt

»Psychologische Hochspannung.«

Buchkultur

»Brillanter Krimi um das sensible Thema Hochsicherheitspsychiatrie und verwundete Seelen.«

Hempels Straßenzeitung

»Johan Theorin liefert psychologische Hochspannung inmitten schwedischer Landschaft und ein Duell, welches erst auf den letzten Seiten des Schmökers sein dramatisches Ende findet.«

Kommentare zum Buch

Ist doch nur ein Job, oder?
kassandra10 am 10.03.2014

Jan bewirbt sich um eine Stelle als Kindererzieher. Doch dass hier ist kein normaler Hort. Nein dass hier ist ein Hort in einer speziellen Einrichtung. Die Kinder im Hort sind die Kinder der Insassen und es soll ein Versuch sein, so sein neuer Chef.   Als Jan dort ankommt stellt er fest, das alles von Elektrozäunen umgeben ist und nicht freundlich wirkt.   Das Bewerbungsgespräch läuft nicht so, wie Jan es geplant hat…..   Von Anfang an Spannend!

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