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So auf Erden

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Roman

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So auf Erden — Inhalt

Davidùs Vater starb kurz vor seiner Geburt, und so sind es seine Mutter, seine Großeltern und sein hünenhafter Onkel, die ihn aufziehen. Die Jahre vergehen. Von Onkel Umbertino lernt Davidù die Liebe zum Boxen und zum Meer. Von seiner Großmutter, einer Lehrerin, die Liebe zu den Worten und zum Erzählen. Von Großvater Rosario, dem großen Schweiger, die Liebe zu den Pflanzen und zum Kochen. Und von Nina - von Nina lernt er einfach die Liebe. Eine Liebe, für die er immer wieder kämpfen muss - vor allem gegen sich selbst. Als Davidù schließlich für das Finale in den Ring steigt, geht es um viel mehr als nur die italienische Meisterschaft ...

Ein kraftvolles Debüt, gewalttätig und lyrisch zugleich. Stilistisch zieht Enia meisterhaft sämtliche Register: Tragik, Komik, Ironie, Poetik, Realismus. So entsteht ein "Hurricane" von einem Roman, in dem Trauriges und Episches, Schönes und Wildes sich zu einer unvergesslichen Geschichte fügen.

 

€ 15,99 [D], € 15,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzt von: Moshe Kahn
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7751-6
»Eine liebevolle Geschichte aus den Siebzigerjahren, die viel über die Schönheit und die Schrecken Siziliens erzählt.«
BÜCHERmagazin
»Davide Enia hat eine Hommage an das Boxen geschrieben, die männlichste Sportart.«
Playboy

Leseprobe zu »So auf Erden«

Sie stehen zu zweit im Ring.
Der eine wiegt siebenundfünfzig Kilo, ist ein Meter fünfundsechzig groß und siebenundzwanzig Jahre alt.
Vom anderen weiß man nicht, wie viel er wiegt, unwichtig ist auch, wie groß er ist, er wird noch wachsen.
Seine Hände sind nicht bandagiert worden, er trägt Boxhandschuhe und hüpft durch den Ring.
Er ist neun Jahre alt.
Hinten in der Halle raucht ein Mann und spricht am Telefon.
»Zina, beruhige dich doch, er ist beimir, es geht ihm gut, in spätestens einer halben Stunde kommen wir wieder nach Hause, ciao.«
Er beendet das [...]

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Sie stehen zu zweit im Ring.
Der eine wiegt siebenundfünfzig Kilo, ist ein Meter fünfundsechzig groß und siebenundzwanzig Jahre alt.
Vom anderen weiß man nicht, wie viel er wiegt, unwichtig ist auch, wie groß er ist, er wird noch wachsen.
Seine Hände sind nicht bandagiert worden, er trägt Boxhandschuhe und hüpft durch den Ring.
Er ist neun Jahre alt.
Hinten in der Halle raucht ein Mann und spricht am Telefon.
»Zina, beruhige dich doch, er ist beimir, es geht ihm gut, in spätestens einer halben Stunde kommen wir wieder nach Hause, ciao.«
Er beendet das Telefonat, nimmt die Zeitung vom Tisch, informiert sich eingehend über die Quoten beiden Pferden, um eine erinnerungswürdige Dreierwette zusammenzubringen, durch die sich sein Leben wenigstens zweiMonate lang grundlegend ändern
würde.
Am Rand des Rings, an die Seile gelehnt, schreit ein Mann mit Schiebermütze: »Ich zähle bis drei.«
Die Boxer unterbrechen das Training am Sack und die Liegestütze.
»Eins, zwei, drei.«
Der Kleine hält von Anfang an sicheren Abstand zum Gegner. Er zeigt eine interessante Beinarbeit: Die Fußspitzen lösen sich und landen im Zusammenspiel wieder auf dem Boden.
Hinten in der Halle schlägt der Raucher mit dem Handrücken auf die Zeitung.
»Ohu, was für ein scheißguter Dreier: Asansol, Regolo, Mastino III. Nix wie hin und setzen.«
Er reißt die Seite heraus, steckt sie in die Tasche und kommt zum Ring.
Der sechsundzwanzigjährige Boxer heißt Carlo. Er ist konzentriert: Hellwach, angebeugte Beine, seine Augen fixieren die des Gegners.
Nachdem der Kleine nach rechts vorgetäuscht hat, macht er einen unerwarteten Satz nach links. Ihm sind die Bewegungen nicht bewusst, er führt sie einfach nur aus, weiter nichts. Carlo behält seine Deckung bei. Er ist verriegelt wie eine Kirchentüre beiNacht. Sobald der Kleine wieder den Boden berührt, lässt er den linken Handschuh erneut nach oben steigen. Carlo wehrt die Faust mit dem rechten Ellbogen ab. Der Mann mit der Schiebermütze am Rand des Rings ist im Begriff, etwas zu schreien, doch das Kommando erstickt in seiner Kehle: Ohne dass es vorhersehbar gewesen wäre, hat der Kleine den Schlag verdoppelt.
Mit der Linken streift er Carlos Gesicht.
Er hat’s versucht.
Nicht geglückt.
Der Raucher gibt ihm ungerührt die Anweisung: »Schick ihn zu Boden.«
Die Kirchentüre öffnet sich.
Carlo schwingt eine Gerade, die den Kleinen mitten auf die Wange trifft und ihn niederstreckt.
Nach ein paar Sekunden steht der Kleine wieder auf, verliert aber sofort das Gleichgewicht.
Er beißt die Zähne zusammen, um nicht wieder hinzufallen.
Der Mann mit der Schiebermütze fragt ihn: »Kannst du Seil springen?«
»Mein Kopf dreht sich.«
»Das war nicht die Frage«, präzisiert der Raucher seelenruhig, bevor er den Qualm aus dem Mund bläst.
Sein Blick ist der des Jägers vor dem Schuss.
»Kann ich nicht.«
»Dann lern’s.«
Der Kleine zieht die Handschuhe aus, steigt aus dem Ring, nimmt ein Seil und versucht’s. Er verheddert sich ständig.
»Na?«, sagt der Raucher zu dem mit der Schiebermütze.
»Du hast’s ja selbst gesehen, er hat den Schlag verdoppelt.«
»Trotzdem gibt’s auch noch Füße.«
»Tja.«
»Der Augenblick ist gekommen.«
»Man sieht, dass er der Sohn seines Vaters ist.«
»Bis morgen, Franco.«
Der Mann mit der Zigarette nimmt dem Kleinen das Seil aus der Hand, nachdem er gesehen hat, dass jeder Sprungversuch fehlgeschlagen ist.
»Das wirst du mit der Zeit auch noch lernen. Gehn wir jetzt nach Hause. Und lass mich dir noch sagen, deiner Mutter kannst du alles erzählen, was passiert ist, alles, nur nicht, dass ich dich in die Boxschule mitgenommen habe. Schwör mir das.«
Der Kleine schwört.
»Aber deinem Großvater darfst du alles erzählen.«
»Darf ich?«
»Du musst.«
Sie gehen genau in dem Augenblick hinaus, als der Mann mit Namen Franco die Schiebermütze lüftet und dem Boxer mit dem Namen Carlo zuruft, er soll so tun, als würde er nach links ausweichen und dabeieinen rechten Aufwärtshaken landen, noch mal, noch mal und noch einmal, verdammtes Hurenelend, und noch mal.
Draußen, in einer vor Hitze stehenden Luft, heulen die Sirenen der Polizei. Ansammlungen von stillstehenden Menschen im Schatten deuten auf einen fernen Punkt. Irgendwer erzählt, was er erfahren hat, jemand anderer stellt Fragen, irgendjemand wagt eine Antwort, alle zusammen bekreuzigen sich, als er das Wort Mafia ausspricht.
Der Raucher geht mit den Händen in der Hosentasche vorbei.
Er kümmert sich um nichts und niemand.
Er dreht sich nie um.
Er heißt Umbertino.
Er ist mein Onkel.
Der Kleine von neun Jahren bin ich.

 

 


ERSTER TEIL
Der Haizieht in den Krieg

 

»Nein, es ist so, wie ich sage. Wenn man zum ersten Mal fickt, löst sich das Fädchen ab.«
Nino Pullàra war da endgültig. Er war der älteste, der größte und der stärkste der Gruppe. Deshalb hatte er natürlich recht.
»So ist das, das hat mir mein Cousin Girolamo erzählt, der hat schon zwölf Mal gefickt, der. Er ist fünfzehn. Beim ersten Mal löst sich das Fädchen am Schwanz ab.«
»Tut das weh?«, fragte Lele Tranchina, und ihm war es egal, dass es ein Zeichen von Schwäche ist, nach Schmerzen zu fragen.
»Ja, tut es, es blutet, aber Girolamo sagt, wenn man richtig fickt, ist die Lust so groß, dass sie das bisschen Schmerz verdeckt.«
Auf den Bänken der Piazza thronten Inschriften, die mit rebellischen kleinen Messern eingeritzt waren.
POLIZEi= Schwanzlutscher
STAAT = MAFIA
WENIGER BULLEN, MEHR HEROIN
Nino Pullàra zog ein Päckchen Zigaretten heraus, zündete sich eine an und ließ es herumwandern.
»Gerruso, du Blödmann und was du sonst noch alles bist, wenn du einatmest, musst du den Qualm ganz runterschlucken, sonst wirst du überhaupt nicht gestoned, und dann bringt Rauchen doch gar nichts.«
»Aber dann muss ich husten.«
»Das musst du nur, weil du schwul bist.«
Nur um dazuzugehören, nahm Gerruso alles auf sich: Tritte, Spucken, Kratzen. Er hatte sich so damit abgefunden, ständig verprügelt zu werden, dass er inzwischen keinen Widerstand mehr leistete. Das Ergebnis war, dass es immer weniger Spaß machte, ihn zu schlagen.

»Ich«, fing Pullàra wieder an, »will, wenn ich erwachsen bin, zweiDinge tun: als Erstes will ich mit Fabrizia ficken.«
»Die aus der Bäckerei?«, fragte Danilo Dominicimit weit aufgerissenen Augen.
»Ja, die.«
Fabrizia, umwerfende siebzehn Jahre, zweifeste Möpse. Seit sie dort arbeitete, kaufte das ganze Viertel in dieser Bäckerei das Brot.
»Noch nie so viele Männer gesehen, die einkaufen gehen wollen «, stellte meine Großmutter Provvidenza verschmitzt fest.
»Ich muss Fabrizia unbedingt ficken, aber erst, wenn das Fädchen schon abgegangen ist.«
Pullàra zeigte die Sicherheit, die einer hat, wenn er ganze zwölf Jahre alt ist.
»Und was ist das Zweite, was du tun willst?«, fragte Guido Castiglia.
Guido Castiglia entging nie etwas. Da war es besser, sich gut mit ihm zu stellen. Einmal hatte er Paolo Vizzinium ein Kaugummi gebeten, aber der: nichts, er hatte ihm das Kaugumminicht geben wollen. Still, ohne mit der Wimper zu zucken, war Castiglia weggegangen. Zwei Monate später hatte irgendwer Vizzini das Johannisbrot weggerissen, und er stürzte auf sein linkes Bein. Das Fleisch war zerfetzt, und man konnte das Weiße des Knochens sehen.
»Hilfe! Hilfe!«, schrie er.
Auf der Schotterstraße tauchte Guido Castiglia auf.
»Willst du, dass ich Hilfe hole?«
Vizzinifl ehte ihn darum an.
»Jetzt lernst du, was es heißt, mir kein Kaugummizu geben.«
Er hatte ihn dort liegen lassen mit seinem Bruch, und Vizzini weinte wie ein kleines Mädchen.
»Ich will werden, was mein Vater ist: Tankwart.«
Pullàras Satz klang wie ein Urteil. Seine Stimme kündete von der Unausweichlichkeit der Zukunft. Tankwart, das war eine mit nichts zu vergleichende Arbeit: im Schatten zu sitzen, umweht vom magischen Duft des Benzins, einen Hund zur Gesellschaft, an die Kette gelegt, den man für den Fall von Langeweile immer verprügeln kann, in der Gesäßtasche der Hose ein dickes, beeindruckendes
Bündel Geldscheine.
»Ich will auch als Erwachsener werden, was mein Vater ist«, teilte Danilo Dominicimit. »Es ist doch schön, immer im Freien zu sein.«
Sein Vater asphaltierte Straßen.
»Auch ich will werden, was mein Vater ist, nämlich Schutzmann.«
Wir sahen Gerruso grimmig an, Schutzmann ist ein nutzloser Beruf, der hat ja nicht mal eine Pistole.
»Gerruso, schau doch mal her.«
Als er sich umdrehte, klatschte Pullàra ihm mit offener Hand einen Schlag in den Nacken. Dann wandte er sich an mich.
»Und du, Davidù? Was willst du werden?«
Ich antwortete mit der ersten Wahrheit, die mir einfiel, ohne lange darüber nachzudenken.
»Ich? Ooch, weiß nicht, ich bin ja nicht wie ihr, ihr wollt den Beruf eurer Väter machen, aber ich kann machen, was ich will, da bin ich viel besser dran als ihr, denn ich bin ja Waise.«

Vor dem Haus traf ich Großmutter an, sie saß auf der Bank im Schatten des Jacarandabaums. Sie rauchte eine Zigarette und lehnte an der grünen, rostigen Rückenlehne.
»Komm, mein Engel, und setz dich zu mir, Nonno ist oben und kocht das Mittagessen.«
»Ist Mama noch nicht zurück aus dem Krankenhaus?«
»Nein. Man sollte meinen, dass dir eine Bombe im Kopf explodiert ist.«
Zwischen einem Hustenanfall und einem Zug an der Zigarette lachte sie.
Großmutter roch nach Tabak und Kreide.
Sie war Grundschullehrerin.
Sie hat mir das Lesen und Schreiben beigebracht.
Da war ich vier.
Sie war richtig lästig.
»Davidù, lernen wir Lesen und Schreiben?«
Jeden Tag, den Gott geschaffen hatte.
Sie übermannte mich durch Erschöpfung. Und auch, weil sie geschworen hatte, dass sie mir hinterher beibringen würde, wie man auf Kommando rülpst.
Sie hielt Wort.
»Was hast du heute gemacht?«
»In der Schule nichts, die Lehrerin hat uns zeichnen lassen, weil sie die Zeugnisse fertig schreiben wollte. Auf der Piazza haben wir Freunde uns darüber unterhalten, was wir tun wollen, wenn wir groß sind.«
»Groß sein werden.«
»Schon gut, man hat’s ja auch so verstanden.«
»Davidù, es ist unwichtig, ob der, der dir zuhört, es versteht, die Worte müssen kontrolliert werden. Was hat dir deine Nonna beigebracht? Was sind Worte?«
»Der Ausdruck der Gedanken.«
»Und warum benutzen wir die Zukunftsform?«
»Damit wir Pläne und Hoffnungen und eben solche Dinge ausdrücken können.«
»Gut so, mein Engel, wenn du ein bisschen größer gewesen wärst, hätte ich dir jetzt eine schöne Zigarette angeboten.«
»Warum bist du nicht oben beim Nonno?«
»Ich wollte in aller Ruhe rauchen, als wäre es zwanzig vor sieben am Abend.«
»Was bedeutet das?«
»Eine Gewohnheit, die ich noch aus meinen Mädchentagen mitschleppe. Damals war Krieg, und in Capaciwaren die Amerikaner angekommen. Sie verschenkten Schokolade und Zigaretten. Ich hatte diesen Soldaten kennengelernt, Michael. Der schenkte mir das erste Päckchen Zigaretten meines Lebens, wenn ich dafür einmal mit ihm tanzte.«
»Habt ihr euch geküsst?«
»Nein, du Blödmann. Damals arbeitete ich schon seit ein paar Monaten in Palermo, in der Stadtbibliothek, und ich lernte fleißig für die ausgeschriebene Stelle.«
»Denn zu dieser Zeit waren Stellenausschreibungen noch eine ernste Sache, das sagst du mir immer wieder, Nonna.«
»Ich kann sogar Altgriechisch.«
»Die Geschichte, Nonna.«
»Die Bibliothek liegt gleich neben der Kirche von Casa Professa. Die Bomben hatten während der berühmten Bombardierung vom neunten Mai1943 beides getroffen. In dem Flügel, der noch stand, verbrachte ich meine Tage damit, die Bücher zu archivieren, die aus dem Trümmerschutt geborgen wurden, und ich notierte die Titel, Autoren und fehlenden Seiten. Bomben löschen nicht nur Menschen, Häuser und Hoffnungen aus. Bomben löschen auch das Gedächtnis aus. Wenn ein Arbeitstag zu Ende gegangen war, lehnte ich mich an die Platane, die gleich gegenüber von der Casa Professa stand, und zündete mir meine Lieblingszigarette an, die um zwanzig vor sieben abends. Den Tag mit seinen Mühen ließ ich dann hinter mir, während ich in aller Ruhe den bitterschönen Geschmack genoss, vom ersten bis zum letzten Zug. Unterdessen kamen immer mehr Menschen vom Ballarò vorüber. In jenen Jahren erlebte der Markt den größten Andrang beiSonnenuntergang. Es gab so viele Menschen dort, dass man, wenn man vorwärtskommen wollte, die Pakete mit dem Eingekauften hochhalten musste, über den Kopf. In den Häusern gab es noch keine Kühlschränke, und die Waren mussten verkauft werden, bevor sie schlecht wurden. So wurden die Preise abends immer heruntergesetzt. Die Kleinen, die für Salz anstanden, spielten ›Stein, Schere, Papier‹. Die Mädchen tuschelten über Liebschaften und über die fuitìne, die legendären Liebesentführungen. Der eine oder andere parfümierte Kerl, der wegen Kartoffeln anstand, stimmte eine Opernarie an und zwinkerte jedem zu, der seinen Blick kreuzte. Ich weiß nicht, wie viele Zigaretten ich am Tag rauche, vielleicht zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig, doch die, die ich wirklich genieße, meine Lieblingszigarette, das ist die um zwanzig vor sieben, und wenn es nicht zwanzig vor sieben am Abend ist, so wie jetzt, schert mich das nicht, ich tu so, als wäre es schon so weit, löse mich von allem und jedem, zünde sie mir an und dann fick dich in den Undsoweiter.«
Großmutter brachte auch ihren Schülern unanständige Wörter bei, heimlich, um sie besser auf das Leben vorzubereiten, das »nicht nur aus Tätigkeitswörtern und Mathematik besteht, sondern auch aus Dreck und schmutzigen Wörtern, und es ist immer besser, etwas zu wissen, als es nicht zu wissen«.
Eine Polizeistreife kam auf uns zu, fuhr langsamer, beobachtete uns, fuhr weiter und verschwand.

Auf dem Bett ein von meiner Mutter beschriebenes Blatt Papier, geschrieben in ihrer Krankenschwesternschrift.
»Onkel möchte, dass du ihn um vier Uhr irgendwohin begleitest, er kommt dich abholen. Ciao, mein Engel.«
In der Küche bereitete Großvater das Mittagessen zu. In Gegenwart anderer war er praktisch stumm. Großvater Rosario redete nur mit mir und seinem engen Freund Randazzo. Er arbeitete als Koch.
»Was kochst du denn?«
»Pasta mit Zucchiniblattgemüse.«
Er schnitt die Tomate in Scheiben, nachdem er sie abgebrüht und geschält hatte. Nonno hatte unglaublich flinke Hände.
»Woher kennst du alle Garzeiten? Gibt’s da so was wie eine Zahlentabelle?«
»Man muss nur etwas über die Zutaten lernen.«
»Und wie lernt man das?«
»Durch Fehler.«

Auf der Konsole des Esszimmers stand eine Fotografie meiner Eltern vom Tag ihrer Hochzeit. Mein Vater umfasste die Schulter meiner Mutter mit dem rechten Arm, sein Haar war seitlich gescheitelt, der Anzug dunkel. Er lächelte. In seinen blauen Augen lag eine stolze Hoffnung, er konnte ja nicht wissen, dass er einen Monat später tot sein würde. Auf dem Foto war mein Vater schön wie sein Spitzname: der Paladin. Mama trug ein weißes Kleid und hielt eine rote Rose. Ihre Augen waren geschlossen, weil sie an der Blume roch, heiter und leicht, von einer endgültigen Heiterkeit.

»Ich setze also auf diesen schönen Dreier: Pirollo, Francesino, Abracadabra. Eine fabelhafte Kombination. Gehn wir nach Hause.«
»Siehst du dir das Rennen denn nicht an, Onkel?«
»Warum sollte ich’s mir denn ansehn?«
»Du hast doch gewettet.«
»Davidù, lern es jetzt ein für alle Mal, hast du erst einmal gewettet, hast du mit der Sache nichts mehr zu tun. So steht’s schon im Evangelium: Erst abwägen, dann wetten, und am Ende die Sache sich selbst überlassen.«
Die Abgeklärtheit, mit der mein Onkel gewettet hatte. Daran dachte ich, während wir auf der Piazza in den schweißtreibenden Nachmittagsstunden Gerruso mit Schlägen quälten.
Nino Pullàra hatte befohlen: »Wir spielen Abwatschen mit geschlossenen Augen. Gerruso, du bist der Erste.«
Dieser Vollidiot kapierte einfach nicht, dass das Spiel nur ein Vorwand war, um ihn fertigzumachen. Ohne Widerrede ging er mit schlurfenden Füßen an die Mauer. Ein Marsch ins Unausweichliche. Er wusste, dass er dem sicheren Schmerz entgegenging, doch ihm lag so ungeheuer viel daran, zu uns zu gehören, dass die Würde schon vor einiger Zeit den Kampf gegen die Resignation verloren hatte. Warum nur suchte Gerruso sich keine anderen Freunde? Unter den Dicken und Nutzlosen wie ihm selbst? Warum nahm er alles hin? In mir hat er nicht das geringste Erbarmen erregt. Er war ein Schwächling. Und Schwächlinge verdienen keinen Respekt.
Gerruso gelangte zur Mauer, er bedeckte sich die Augen mit der rechten Hand, die linke verbarg er unter der Achsel und öffnete sie. Er war bereit für das Spiel. Pullàra hatte jedoch beschlossen, die Regeln umzustoßen. Auch wenn Gerruso erraten würde, wer ihn gerade geschlagen hatte, würden wir ihm sagen, dass er sich getäuscht hatte, dann müsste er sich umdrehen und sich einen neuen Schlag einfangen und noch einen und noch einen und so weiter.
Unsere Absicht war ja nicht zu spielen.
Unsere Absicht war ja, ihn zu massakrieren.
Den ersten Schlag versetzte ihm Danilo Dominici.
Gerruso steckte ihn ein und unterdrückte einen Schmerzenslaut, dann drehte er sich um und sah uns fest an.
»Danilo Dominici.«
»Nein.«
Pullàra hatte im Namen aller geantwortet.
Gerruso mogelte nicht.
Pullàra dagegen wohl.
Lele Tranchina nahm Anlauf und schlug mit aller Kraft zu. Gerruso erstickte einen Klagelaut in seiner Kehle. Er drehte sich um, ohne jemand besonders anzuschauen.
»Tranchina.«
»Nein.«
Ohne zu widersprechen drehte Gerruso sich wieder um. Er war eine Memme. Er hatte alles Böse dieser Welt verdient.
Ich spuckte in die Hand und rieb sie gegen die andere, wie in dem Film, den ich mit Umbertino im Kino gesehen hatte, der bei jedem Mord wiederholte: »Endlich ein richtiger Film, nicht so eine französische Wichsereivon Lebensüberdrüssigen, schau nur, was für eine tolle Explosion! Das ist Kunst.«
Die Wahrheit ist einfach: Du, Gerruso, warst so wie einer aus einem französischem Film.
Ich traf ihn mit derartiger Gewalt, dass ich selbst ganz überrascht war. Die Abreibung explodierte nicht im rauschenden Knall der Ohrfeige, sondern wurde von seinem ganzen Körper mit einem einzigen hohl tönenden Wimmern aufgenommen.
Gerruso sah sofort mich an, er kümmerte sich gar nicht erst um die anderen.
»Pullàra.«
Warum nur, Gerruso? Warum bist du nur so daneben? Du hattest doch auch dieses Mal richtig geraten, du musstest meinen Namen sagen, so spielt man doch nicht.
»Irrtum!«
Speichelspritzer schossen aus Pullàras Mund. Seine Augen loderten. Der Nächste, der zuschlagen sollte, sollte er sein, das war nur zu offensichtlich.
»Dreh dich um, du nutzloser Sack. Jetzt wetten wir, dass du weinst.«
Pullàra erlebte die Herausforderung nicht abgeklärt, er war ganz von ihr erfasst. Er sprang herum, schüttelte die Hand, um sie aufzuwärmen. Er brach wieder die Regeln, indem er mit geschlossener Faust auf Gerrusos Ohr schlug. Gerruso klappte nach vorn wie ein gespaltenes Stück Holz. Pullàra stieß einen Schreiaus und zeigte mit dem Finger zum Himmel. Gerruso richtete sich mit hängenden Armen wieder auf.
»Pullàra«, sagte er.
Seine Augen hatten keine einzige Träne vergossen.

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»Eine liebevolle Geschichte aus den Siebzigerjahren, die viel über die Schönheit und die Schrecken Siziliens erzählt.«

Playboy

»Davide Enia hat eine Hommage an das Boxen geschrieben, die männlichste Sportart.«

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