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Size Zero

Ein Topmodel über die dunklen Seiten der Modewelt

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Size Zero — Inhalt

Victoire steht kurz vor dem Abitur, als sie mit 17 von einem Modelscout angesprochen wird. Sie unterschreibt bei der renommierten Agentur ELITE. Damals wiegt sie 56 Kilo bei einer Körpergröße von 1,78 m – zu viel! Um den tyrannischen Forderungen der Branche zu entsprechen, beugt sie sich dem Diätwahn und erkrankt schließlich an Anorexie. Prompt wird sie eines der gefragtesten Models und läuft für Häuser wie Céline oder Miu Miu. Hinter dieser schillernden Fassade erkennt Victoire schnell ein gnadenloses System, in dem junge Frauen nicht mehr sind als seelenlose Kleiderständer. Sieben Monate nach ihrem Model-Debüt versucht sie, Selbstmord zu begehen. Seitdem kämpft sie gegen den unmenschlichen Magerwahn in der Modebranche.

Erschienen am 01.02.2017
Übersetzer: Alexandra Baisch
272 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-06057-8
Erschienen am 01.02.2017
Übersetzer: Alexandra Baisch
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97673-2

Leseprobe zu »Size Zero«

RÜCKBLENDE

 

Ich wollte nicht mehr daran denken. Es ging mir gut. In jedem Fall viel besser. Ich hatte mein normales Leben wieder aufgenommen. Mein Studium. War umgezogen. Hatte einen Freund und einen Job gefunden. Fast schon eine Zukunft. Hatte wieder eine annehmbare Figur, so einigermaßen. Ich dachte immer ernsthafter darüber nach, die Theaterschiene einzuschlagen, weil es das Einzige war, wofür ich mich wirklich interessierte.

Aber dann rief Maman mich an. »Meine Loutch, ich habe eine Mail an diesen Abgeordneten geschrieben, der ein Gesetz gegen [...]

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RÜCKBLENDE

 

Ich wollte nicht mehr daran denken. Es ging mir gut. In jedem Fall viel besser. Ich hatte mein normales Leben wieder aufgenommen. Mein Studium. War umgezogen. Hatte einen Freund und einen Job gefunden. Fast schon eine Zukunft. Hatte wieder eine annehmbare Figur, so einigermaßen. Ich dachte immer ernsthafter darüber nach, die Theaterschiene einzuschlagen, weil es das Einzige war, wofür ich mich wirklich interessierte.

Aber dann rief Maman mich an. »Meine Loutch, ich habe eine Mail an diesen Abgeordneten geschrieben, der ein Gesetz gegen Anorexie durchbringen will.« Sie wollte, dass ich den Brief lese, wollte wissen, ob ich mit ihren Worten einverstanden war und ob es okay wäre, wenn sie meine Kontaktdaten anfügte. Ich habe ihn gelesen. Natürlich war ich einverstanden. Und ja, es war okay.

Sie hat ihn abgeschickt. Einige Journalisten haben angerufen und Fragen gestellt. Ich habe erzählt. Und damit hat alles wieder von vorn angefangen.

Essen.

Essen, um mich zu füllen. Essen, um diese Leere zu füllen. Widerwillen dabei empfinden. Es trotzdem tun. Zusehen, wie mein Körper sich verändert, selbst wenn ich ihn leere, nachdem ich ihn gefüllt habe. Ihn nicht wiedererkennen. Ihn hassen. Mich nicht wiedererkennen. Mich hassen. Mich schlecht fühlen. Mich hässlich fühlen. So leer. So belanglos.

Also habe ich beschlossen, alles aufzuschreiben. Sie noch einmal Revue passieren zu lassen, diese acht Monate, in denen mein Leben über dem Nichts schwebte. Diesen Schwindel, den ich nicht mehr loswurde. Diese barbarische, wilde Angst, die meinen Körper und meine Seele verschlang, wenn ich überhaupt noch eine hatte.

Die Einsamkeit.

Die Einsamkeit inmitten von Zynikern, Mistkerlen, Verirrten und Kaputten. Diese abscheuliche, heruntergehungerte, widerwärtige Hässlichkeit inmitten all dieser Schönheiten. Der Tod, ausstaffiert mit Glanz, Schminke, Pelz, Seide, Strass, Spitze, Satin, erlesenem Leder und 18-Zentimeter-High-Heels.

 

Der Tod, der mich fast in seine Klauen bekommen hätte.

 

 

CLAUDIA SCHIFFER

 

Es war an einem Sonntag. Maman hatte mich, fast schon gewaltsam, ins Marais-Viertel geschleppt, damit ich auf andere Gedanken kam. Ich hatte keine Lust, zu gar nichts. Ich bereitete mich gerade auf das Abitur und die Aufnahmeprüfungen für den Eintritt in die Eliteuniversität Sciences Po in Paris vor, die ich mit zunehmender Angst auf mich zukommen sah. Vor allem aber gab ich mich meinem Kummer hin. Meinem ersten Liebeskummer, wegen Hugo, der mich gerade verlassen hatte, um wieder mit seiner Juliette zusammenzukommen. Weggeworfen. Verlassen, wie irgendein nutzloses Ding, das nichts wert ist. Seine Worte hatten mich getroffen wie ein Schlag ins Gesicht und zutiefst verletzt. Eine Niederlage. Seitdem litt ich, und zwar so richtig, und ich hatte auch ein bisschen Angst. Davor, immer wieder fallen gelassen zu werden. Allein zu sein. Nicht zu wissen, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, und vor allem, mit wem. Vor dem Unbekannten. Mich zu verirren. Vielleicht auch davor, mich zu verlieren.

Alles war nach dem Wechsel aufs Lycée so richtig schwierig geworden. Nach einer unproblematischen Schulzeit auf dem Collège wurde ich durch eine Neustrukturierung der Klassen beim Eintritt ins Lycée von meinen Freundinnen getrennt. In der ersten Zeit hörte ich auf zu lernen, dann beschloss ich, nie wieder einen Fuß in ein Lycée zu setzen. Ich würde mein Abi ganz allein vorbereiten – und zwar zu Hause. Ehe ich meinen Eltern diese Neuigkeit verkündete, klärte ich alles ab. Ich hatte im Vorfeld die Kontaktdaten eines Lycées für Fernunterricht besorgt und meinen Stundenplan genau ausgearbeitet, um ihnen zu beweisen, dass ich wirklich an alles gedacht hatte. Außerdem versprach ich, mich ins Zeug zu legen, um als Beste abzuschneiden.

Natürlich waren meine Eltern nicht gerade begeistert, aber sie ließen sich darauf ein. Sie kennen mich eben. Ich war immer eine gute Schülerin, wusste, wie man lernt, und hätte es vor allen Dingen auf gar keinen Fall ertragen, an etwas zu scheitern, das ich mir fest vorgenommen hatte. Zumal ich sie quasi gezwungen hatte, es mir zu erlauben. Ich würde mein Abitur machen. Und zwar ein Einser-Abitur.

 

Beim Lernen komme ich gern schnell voran. Sobald sich etwas in die Länge zieht, wird mir langweilig. Also zog ich das Jahresprogramm in einem halben Jahr durch, damit ich mich im zweiten Halbjahr mit anderen Dingen befassen konnte. Wie zum Beispiel: Viel Zeit mit Daddy und Nana verbringen, meinen geliebten Großeltern. Salsa und Tango tanzen lernen. Theater spielen. Meinen Cousin Tom und seine dreißigjährigen Kumpel treffen und mit ihnen um die Häuser ziehen; mit Sophie zusammen sein, meiner besten Freundin, die ich beim Tanzkurs kennengelernt hatte … Mein Leben war wunderbar organisiert. Aufstehen um acht. Um neun ab an den Schreibtisch in meinem Zimmer, zusammen mit Plume, meiner Katze, während Maman in ihrem Atelier in der Etage darüber arbeitete. Meine Mutter ist Künstlerin, sie malt, bildhauert, klebt, zeichnet. Sie kann einfach alles! Zum Mittagessen sah ich mir irgendwelche schwachsinnigen Serien im Fernseher an. Maman macht keine Mittagspause, sie hat noch nie wirklich gern gegessen. Ich schaute am Nachmittag oft bei ihr im Atelier vorbei, um etwas Zeit mit ihr zu verbringen, oder aber wir zogen los und sahen uns eine Ausstellung an oder gingen shoppen, bis meine Brüder von der Schule nach Hause kamen.

Ich habe zwei Brüder, den eineinhalb Jahre jüngeren Alexis und den sechs Jahre jüngeren Léopold. Ich freute mich immer darauf, wenn sie wieder heimkamen. Dann aßen wir eine Kleinigkeit zusammen in der Küche. Mein Leben verlief in ruhigen Bahnen. Behütet.

 

»Ganz eindeutig, du bist die nächste Claudia Schiffer.« Ich schaute mir gerade Uhren in einer Auslage in der Rue des Francs-Bourgeois an, als mich ein kleiner, ziemlich schmächtiger Schwarzer ansprach, der mir gerade mal bis zu den Schultern reichte. Ich musterte ihn kühl. Er lächelte mich an. »Hast du noch nie daran gedacht, Model zu werden?« Ha, ha, ha. Was für eine coole Anmache. Vielen Dank auch. Und tschüs. Maman kam zu uns. Nicht dass ihn das in irgendeiner Weise abgeschreckt hätte, ganz im Gegenteil. »Ihre Tochter ist außergewöhnlich hübsch. Und diese Nase! Sie balanciert das ganze Gesicht aus und macht sich im Licht bestimmt hervorragend. Sie können mir glauben, damit kenne ich mich aus!« Damit kennt er sich aus? Mit Nasen? Ich hatte gute Lust, laut loszulachen. Schließlich hatte ich diese kleine Beule auf der Nase, die in unserer Familie mütterlicherseits seit mindestens drei Generationen weitervererbt wird. Meine ganze Kindheit über hatte ich auf sie geklopft, immer in der Hoffnung, sie würde dadurch verschwinden. Das hatte ich so ausdauernd wiederholt, dass meine Nase seitdem eine leicht bläuliche, platt gedrückte Stelle aufweist …  Jeder Kenner sah doch sofort, dass das, was mit meinem Gesicht nicht stimmte, meine Nase war …

Er ließ nicht locker. Duzte mich, als würden wir uns schon ewig kennen: »Ehrlich, Mann, ich erzähl hier keinen Mist! Ich arbeite für eine Modelagentur, Elite, vielleicht kennst du die ja? Du bist für diesen Job gemacht, hundertpro. Ich kann dich im September zur Fashion Week nach New York bringen, da wirst du voll einschlagen. Hier, meine Karte. Denk mal darüber nach und ruf mich an. Ich schwöre dir, du bist absolut gemacht für diesen Job.« Ich bedankte mich bei ihm und sagte, ich würde mich gerade aufs Abi und die Aufnahmeprüfung für Sciences Po vorbereiten, außerdem sei das überhaupt nicht mein Ding. Im Gehen drehte er sich noch einmal um und rief mir zu: »Ruf mich an!« Maman grinste mich an. Sobald er außer Hörweite war, prusteten wir los. Dann stimmten diese Geschichten von den Scouts also tatsächlich, die Mädchen auf der Straße ansprachen, um sie für eine Modelagentur anzuwerben? Und so lief das ab? Ein kleines Schnipsen vor einer Uhrenauslage? Topmodel – sonst noch was?

Trotzdem war Elite natürlich nicht irgendeine Agentur! Auch ohne ein totaler Modefreak zu sein, las ich ab und zu Frauenzeitschriften. Ich wusste, dass Elite eine der wichtigsten Agenturen war. Abends mal eben schnell ins Internet geklickt, schon hatte ich die Bestätigung: Naomi Campbell, Cindy Crawford, Claudia Schiffer, Linda Evangelista … Auch wenn er übertrieben hatte, dieser Seb – er heißt eigentlich Sébastien, das stand auf seiner Visitenkarte –, war es doch sehr schmeichelhaft, mir zu sagen, dass ich vielleicht, unter Umständen, zur Gruppe der allerschönsten Mädchen der Welt gehören könnte!

Es war Balsam für meine Seele. Sebs Visitenkarte legte ich auf einer Ecke meines Schreibtischs ab, seine Worte in einer Ecke meines Gehirns, dann konzentrierte ich mich wieder intensiv aufs Lernen. Gleichzeitig versuchte ich, die Angst in den Griff zu bekommen, die mich von innen heraus zerfraß, sobald ich an die Klausuren dachte. Das Abitur würde ich bestehen, da war ich mir sicher, und dennoch hatte ich schreckliche Angst, ich könnte durchfallen … Sciences Po hingegen war die große Unbekannte. Selbst meine seit jeher hervorragenden schulischen Leistungen verschafften mir hier kein gutes Gefühl: Je näher das Examen rückte, umso mehr Schiss bekam ich. Es war nicht nur ein leichtes, unbedeutendes Lampenfieber, nein, es war eine schreckliche Angst davor, zu versagen, unfähig zu sein. Eine Niete.

 

 

WARTEN AUF SCIENCES PO

 

Ich brachte meine Prüfungen hinter mich. Alle. So entschlossen wie eine Kriegerin. Ich war eine gute kleine Soldatin. Eine verdammt gute kleine Soldatin sogar. Das Abi, kein Problem. Aber Sciences Po, das war etwas ganz anderes! Eine verrückte Welt. Und dann die Angst, plötzlich nichts mehr zu wissen, auf genau das Thema zu stoßen, das ich nicht genug gepaukt hatte. Ich hatte den Stoff gelernt, so gut es ging, aber alles bis zur Perfektion durchzunehmen, das hatte ich nicht geschafft … Ich war gut vorbereitet, würde die Situation schon meistern, gleichzeitig aber fühlte ich mich zerbrechlich, wie abhängig von irgendeinem Zufall, der mein Leben in eine andere Richtung lenken könnte als in die von mir vorgesehene. Und dann die Prüfung bei 40 Grad in einem unklimatisierten Raum. Eine regelrechte Zerreißprobe. Doch hatte ich bestanden? Die Antwort darauf würde ich Ende Juli erhalten. Genau wie die Ergebnisse der Hypokhâgnes, einer Vorbereitungsklasse für die Aufnahmeprüfung an der Elitehochschule École Normale Supérieure, an die ich meine Bewerbungsmappe geschickt hatte.

In der Zwischenzeit rief ich Seb an. Einfach mal so. Als ich ihn fragte: »Erinnern Sie sich an mich?«, antwortete er: »Als ob ich dich vergessen könnte!« Ich weiß, das ist bescheuert, aber es hat mich gefreut. Immerhin war auch das eine Option: Wenn ich nicht intelligent genug war, um mit meinem Köpfchen Erfolg zu haben – ob im Journalismus, beim Theater oder in der Politik, das wusste ich noch nicht so genau –, dann könnte ich es doch vielleicht mit meinem »Traumbody« versuchen, oder?

Wir vereinbarten einen Termin. Maman ließ mich vor seiner Wohnung aussteigen, irgendwo bei Saint-Michel, und wiederholte x-mal: »Wenn irgendetwas merkwürdig ist, dann gehst du, versprochen? Dann rufst du mich an. Dann rufst du mich an, und ich hole dich ab.«

»Mach dir keine Sorgen, Maman. Ich will doch nur ein bisschen über diesen Beruf quatschen, verstehen, wie das so abläuft, und hören, was er mir anzubieten hat.«

Wenn ich weder bei Sciences Po noch an einer Hypokhâgne angenommen würde, hätte ich so immer noch die Möglichkeit, für die Fashion Week nach New York zu gehen. New York, davon träumte ich schon seit Friends und Sex and the City. Und vielleicht würde ich mich auf der Fashion Week ja ganz gut machen, wer wusste das schon?

Seb war eine regelrechte Quasselstrippe. Er legte los, kaum dass ich zur Tür reingekommen war, und hörte gar nicht mehr auf: meine Schönheit, meine Nase, meine blauen Augen, meine ellenlangen Beine – »Wie groß bist du? Eins achtundsiebzig würde ich mal sagen, kommt das hin? Volltreffer, da hätte ich wetten können! Du bist perfekt, meine Schöne, per-fekt!« Er schwafelte über die Agenturen, die Modenschauen, die Castings, die Shootings, die überragenden Kreationen der berühmtesten Modeschöpfer, die Werbekampagnen, die mehrere Hunderttausend Euro einbrachten, die herrlichen Hotels in der ganzen Welt sowie alle großen, von ihm höchstpersönlich entdeckten Topmodels, die er ganz nach oben gecoacht hatte. Artig hörte ich zu, wie er mich für dumm verkaufte. Wenn er so erfolgreich war, weshalb empfing er mich dann in dieser schäbigen Einzimmerwohnung, die noch dazu nicht einmal seine Wohnung war, sondern die seiner Freundin Clémentine, ein hübsches, etwas rundliches Mädchen, das Schauspielerin werden wollte und ebenfalls von ihm gecoacht wurde?

Schauspielerin, von diesem Beruf träumte ich, seit ich mit acht Jahren Romy Schneider in Sissi gesehen hatte! Die Aufnahmeprüfung zur Sciences Po machte ich, weil ich eine gute Schülerin war und mein Vater mir dazu geraten hatte, erst ein Studium zu absolvieren, aber im Grunde wollte ich schon immer Schauspielerin werden. »Du bist verrückt, Victoire, vergiss es!«, lautete Sebs Kommentar dazu. »Du hast das Aussehen eines Models, nicht das einer Schauspielerin. Als ich Marion Cotillard in Taxi gesehen habe, da war mir vor allen anderen klar, dass aus ihr ein Kinostar würde. Sie hat dieses gewisse Etwas. Du nicht. Du bist ein Topmodel! Dein Gesicht taugt nicht für Hollywood.«

Er ging mir auf die Nerven, immer mehr sogar. Redete nur von sich, spickte seine Erzählung mit Namen von berühmten Leuten. Das alles klang nach einer einzigen himmelschreienden Lüge, seine Geschichte von wegen afrikanischer Diplomatensohn, der an die Eliteuni Sciences Po wollte (was für ein Zufall), sich dann aber dazu entschieden hätte, »seine Mädchen« zu coachen. Nach einer Mischung aus Ramsch und Strass, aus Traum und erbarmungswürdiger Schinderei. Aber immerhin, Elite! Er könnte mich bei Elite unterbringen!

Wir machten ein paar Fotos, damit er mich bei Elite vorstellen konnte. Also, keine Fotos, sondern Polas, Polaroidfotos. Früher war das die einzige Möglichkeit, sofort ein Bild in Händen zu halten. Heute sind diese Fotos digital, aber ohne Nachbearbeitung, ohne Schminke, ohne Filter. In den Exemplaren der Vogue, die nachlässig auf dem Couchtisch herumlagen, zeigte er mir die Basics für eine Pose: zusammengebundene Haare, damit das Gesicht nicht verdeckt war, den Kopf leicht geneigt, den Blick gerade nach vorn. »Leg eine Absicht in deinen Blick. Man muss spüren, dass du denkst. Und öffne die Lippen ein bisschen, sonst wirkst du verschlossen.« Ich schwankte zwischen der unbändigen Lust, mich über ihn lustig zu machen, und der riesigen Konzentration, die mir die gleichzeitige Umsetzung seiner Anweisungen abverlangte. Er hatte recht: Posen war tatsächlich ein Beruf. Aber wollte ich ihn wirklich zu meinem machen?

Ich würde darüber nachdenken, sagte ich ihm, als ich ging.

 

An diesem Abend sprach ich zu Hause lange mit meinen Eltern darüber. Papa war begeistert: »Ist dir eigentlich klar, was das für eine Chance ist, Victoire? Du wirst die ganze Welt bereisen, die schönsten Orte besuchen, gut verdienen, ohne dass du viel dafür arbeiten müsstest! Eine solche Gelegenheit bekommst du kein zweites Mal! Du bist jung, du kannst es ein Jahr lang ausprobieren.« Er hatte recht. Vielleicht war das ja tatsächlich die Chance meines Lebens. Maman war etwas zögerlicher: Sollte es mit Sciences Po oder einer Hypokhâgne klappen, dann wäre es vielleicht verkehrt, dort abzusagen. Sicher, Sebs Vorschlag versprach unglaubliche Erlebnisse, aber würde ich mich nicht sehr schnell langweilen, wie das so häufig der Fall war? Würde ich meine Entscheidung bereuen? Oder schlimmer noch: Würde ich auf meine Eltern wütend sein, weil sie mir erlaubt hatten, eine so schlechte Wahl zu treffen?

 

Trunken von Sebs Worten ging ich zu Bett. All das schwirrte mir noch lange im Kopf herum: die Bilder in den Hochglanzmagazinen, mit denen er mich bestürmt, die Fachausdrücke, mit denen er um sich geworfen hatte, die renommierten Namen, die in jedem seiner Sätze aufgeploppt waren. New York, Tokio, London. Pola, Shooting, Staff, Book, Casting. Dior, Galliano, Céline, Castelbajac. Claudia, Natalia, Kate … Wenn ich diese Chance ablehnte, würde ich ihr dann nicht den Rest meines Lebens nachweinen?

Am nächsten Morgen rief ich ihn an: Ich wollte die Leute von Elite kennenlernen. Ganz unverbindlich.

Victoire Dauxerre

Über Victoire Dauxerre

Biografie

Victoire Dauxerre wurde 1992 in Paris geboren. Vor wenigen Jahren war sie eines der meistgebuchten Laufsteg-Models und absolvierte Modeschauen in Paris, Mailand und New York für zahlreiche große Designer. Nach einem harten Kampf gegen die Magersucht studiert sie heute Schauspielerei und Theater in...

Pressestimmen

Deutschlandradio Kultur

»›Size 0‹ ist das wütende Bekenntnis einer Überlebenden, verpackt in eine direkte Sprache, die tatsächlich diejenigen erreichen könnte, die den Traum von Germany's Next Topmodel‹ und Co träumen.«

aviva-berlin.de

»Victoire Dauxerres Bericht ist anklagend und wütend.«

Inhaltsangabe

INHALT

 

Rückblende
Claudia Schiffer
Warten auf Sciences Po
Ein Retro- und ein Luxusteil
Die Kathedrale der Mode
Mit meinem Körper spielen
Laufen lernen
83-60-88
Drei Äpfel am Tag
Yùki
The American Dream
Die fiese kleine Stimme
Hör auf, dich vollzustopfen !
New York
Die Casting-Hölle
Russel Marsh
Three, two, one, go !
Im Herzen der Fashion-Week
Home, sweet home
Mailand
Völlig fertig
Und jetzt Paris !
Das Allerheiligste
Im Scheinwerferlicht
Die Shootings
Ich, die fette Kuh
Mein Leben als Kleiderbügel
Schwerelos
Das Miststück
Ich höre auf
Verschwinden
In bin nicht mehr allein
Das Leben ist schön

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