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Silo

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Die komplette Saga

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Silo — Inhalt

Die Erde ist unbewohnbar geworden. Seit Generationen leben die Menschen in unterirdischen Silos. Als Sheriff Holston sich nach dem Tod seiner Frau entschließt, zum ersten Mal das Silo zu verlassen, setzt er eine dramatische Kette von Ereignissen in Gang, die das Schicksal der Menschheit endgültig besiegeln könnten ... Mit seinen klaustrophobischen Endzeitromanen »Silo«, »Level« und »Exit« schuf Hugh Howey eine spannende wie düstere Science-Fiction-Trilogie, die bereits heute Kult ist. Nun liegt die komplette Bestsellersaga erstmals in einem Band vor – ein Muss für jeden Fan des Genres.

€ 25,00 [D], € 25,70 [A]
Erschienen am 01.09.2016
Übersetzer: Johanna Nickel, Gaby Wurster
1408 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70428-1

Leseprobe zu »Silo«

1. Kapitel

 

Die Kinder spielten, als Holston in den Tod hinaufstieg. Er hörte sie kreischen, wie nur glückliche Kinder es tun. Wild tobten sie dort oben umher, während er ganz langsam die Wendeltreppe hinaufging, jeder Schritt bedacht und schwer, seine alten Stiefel dröhnten auf den Stahlstufen.

Die Stufen zeigten, wie auch die Stiefel seines Vaters, deutliche Spuren der Abnutzung. Es klebten Farbbläschen daran, vor allem in den Ecken und an der Unterseite, wo die Stufen vor den Tritten geschützt waren. Der Verkehr weiter unten auf der Treppe wirbelte [...]

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1. Kapitel

 

Die Kinder spielten, als Holston in den Tod hinaufstieg. Er hörte sie kreischen, wie nur glückliche Kinder es tun. Wild tobten sie dort oben umher, während er ganz langsam die Wendeltreppe hinaufging, jeder Schritt bedacht und schwer, seine alten Stiefel dröhnten auf den Stahlstufen.

Die Stufen zeigten, wie auch die Stiefel seines Vaters, deutliche Spuren der Abnutzung. Es klebten Farbbläschen daran, vor allem in den Ecken und an der Unterseite, wo die Stufen vor den Tritten geschützt waren. Der Verkehr weiter unten auf der Treppe wirbelte kleine Staubwölkchen auf. Holston spürte die Vibrationen am Geländer, das bis auf das glänzende Metall abgewetzt war. Das hatte ihn immer fasziniert – dass nackte Handflächen und schlurfende Füße massiven Stahl im Laufe der Jahrhunderte tatsächlich abschleifen konnten. Molekül für Molekül, dachte er. Jedes Leben schliff eine Schicht ab, während der Silo ebendieses Leben schleifte.

Die Stufen waren von generationenlangem Verkehr durchgetreten, die Kante hing herab wie eine schmollende Unterlippe. In der Mitte waren fast keine Spuren der kleinen Noppen geblieben, die den Stufen einmal Trittsicherheit verliehen hatten. Man konnte sie nur noch an den Seiten erahnen, wo kleine konische Erhebungen mit gezackten Kanten und Farbspritzern aus dem flachen Stahl ragten.

Holston setzte einen Stiefel auf eine alte Stufe, er trat auf und wiederholte die Bewegung dann mit dem anderen Bein. In Gedanken war er weiter bei diesen unzähligen Jahren: Moleküle und Leben waren Schicht um Schicht zu feinem Staub zermahlen worden. Und er dachte nicht zum ersten Mal, dass weder das Leben noch die Treppe für diese Art von Existenz bestimmt waren. Die enge und lange Spirale, die sich durch den unterirdischen Silo wand wie ein Strohhalm in einem Glas, war nicht für eine derart massenhafte Benutzung gebaut worden. Wie der Großteil ihres zylindrischen Heims schien die Treppe für andere Aufgaben gedacht, für Zwecke, die lange vergessen waren. Was nun als Verkehrsachse für Tausende Leute diente, die sich in täglichen, sich wiederholenden Spiralen hinauf- und hinunterbewegten, schien in Holstons Augen eher für Notfälle und für lediglich ein paar Dutzend Menschen geeignet zu sein.

Holston ließ ein weiteres Stockwerk hinter sich, in das man kuchenstückförmige Schlafsäle eingeteilt hatte. Während er auf seinem allerletzten Gang die letzten Ebenen hinaufstieg, drang der Klang kindlicher Ausgelassenheit immer lauter zu ihm herab. Das Gelächter der jungen Seelen, die noch kein Bewusstsein für ihren Lebensraum entwickelt hatten, die noch nicht den Druck der Erde von allen Seiten spürten und in ihrer Vorstellung nicht begraben, sondern einfach nur lebendig waren – ein unbeschwertes Geträller, das so gar nicht zu Holstons Vorhaben passte, zu seiner Entscheidung, nach draußen zu gehen.

Eine einzelne junge Stimme übertönte die anderen, als er sich der obersten Ebene näherte. Holston erinnerte sich an seine Kindheit im Silo, an seine Schulzeit, die Spiele. Damals war der stickige Betonsilo mit seinen vielen Stockwerken, mit den Werkstätten, Hydrokulturgärten und dem Gewirr der Lüftungsrohre ein unermessliches Universum gewesen, eine weite Welt, die man nie zur Gänze erkunden konnte, ein Labyrinth, in dem er und seine Freunde sich für immer verirren konnten.

Doch diese Zeiten waren seit mehr als dreißig Jahren vorbei. Holston hatte das Gefühl, seine Kindheit läge zwei, drei Leben zurück und gehöre zu jemand anderem. Nicht zu ihm. Er war sein Leben lang Polizist gewesen, das wog schwer und blendete die Vergangenheit aus. Außerdem hatte kürzlich ein dritter Lebensabschnitt begonnen – ein geheimes Leben nach seiner Kindheit und nach seiner Zeit als Polizist. Es war die letzte Schicht seiner selbst, die zu Staub zerfallen war. Drei Jahre lang hatte er still auf etwas gewartet, das niemals eintreten würde.

Ganz oben glitt Holstons Hand am Geländer ins Leere. Die geschwungene Stange aus abgewetztem Stahl endete mit der Wendeltreppe, die sich in den größten Raum des ganzen Silos öffnete – die Kantine und den angrenzenden Aufenthaltsraum. Holston war nun auf einer Ebene mit den spielenden Kindern. Helle Gestalten flitzten kreuz und quer zwischen den herumstehenden Stühlen umher und spielten Fangen. Ein paar wenige Erwachsene versuchten, des Chaos Herr zu werden. Holston sah, wie Donna Kreide und Stifte von den fleckigen Bodenfliesen aufhob. Clarke, ihr Mann, saß an einem Tisch, der mit Saftbechern und Schalen voller Maismehlkekse gedeckt war.

Holston blickte auf die Wand der Kantine und die verschwommene Panoramaprojektion – dem umfassendsten zusammenhängenden Blick auf die unwirtliche Welt dort draußen. Es war Morgen, trübes Dämmerlicht überzog die leblosen Hügel, die sich seit Holstons Kindheit kaum verändert hatten. Da waren sie, so wie sie immer da gewesen waren, während er sich von einem unbeschwert in der Kantine spielenden Jungen zu der ausgebrannten Hülle entwickelt hatte, die heute noch von ihm übrig war. Hinter den sich erhaben wellenden Hügelkämmen wurden die schwachen Strahlen der Morgensonne von der Spitze der vor sich hin rottenden Skyline reflektiert. Altes Glas und Stahl standen dort in der Ferne, wo vermutlich einmal Menschen auf der Erdoberfläche gelebt hatten.

Ein Kind löste sich wie ein Komet aus der Gruppe und stieß gegen Holstons Knie. Unvermittelt dachte er an die Lotterie, die sie in Allisons Todesjahr gewonnen hatten. Er hatte noch immer das Los, nahm es überall mit hin. Eines dieser Kinder hätte ihres sein können – ein Mädchen oder ein Junge, es wäre nun zwei Jahre alt und würde mit den anderen Kleinen herumtoben. Wie alle Eltern hatten sie von doppeltem Zwillingsglück geträumt. Sie hatten es versucht, natürlich hatten sie das. Nachdem Allisons Hormonimplantat entfernt worden war, hatten sie eine wundervolle Nacht nach der anderen versucht, den Gewinn einzulösen. Einige Eltern hatten ihnen Glück gewünscht, andere hoffnungsfrohe Kandidaten hatten still gebetet, dass ihr Jahr erfolglos vorüberginge.

Allison und er hatten gewusst, dass ihnen nur ein Jahr zur Verfügung stand, also hatten sie jedes nur erdenkliche Hilfsmittel benutzt und waren am Ende gar dem Aberglauben verfallen. Knoblauch über dem Bett steigerte angeblich die Fruchtbarkeit, zwei Münzen unter der Matratze brachten Zwillinge, ein rosa Band in Allisons Haar, blaue Farbe auf Holstons Augenlidern – alles lächerlich und aussichtslos. Einzig, nicht alles zu versuchen, irgendeinen dummen Trick, irgendeine Strategie auszulassen, wäre noch verrückter gewesen.

Doch es hatte nicht sein sollen. Noch bevor die Jahresfrist abgelaufen war, war das Los einem anderen Paar zugefallen. Es hatte nicht daran gelegen, dass sie sich keine Mühe gegeben hätten, sondern es hatte ihnen die Zeit gefehlt. Genauer gesagt: Es fehlte plötzlich die Frau.

Holston wandte sich von den Kinderspielen und dem trüben Ausblick ab und ging zu seinem Büro, das zwischen der Kantine und der Luftschleuse des Silos lag. Während er diese Strecke zurücklegte, wanderten seine Gedanken zu dem Kampf, der dort einmal stattgefunden hatte, einem Kampf der Geister, den er in den letzten drei Jahren Tag für Tag erneut hatte durchleben müssen. Und er wusste: Würde er sich umdrehen und dem weiten Ausblick an der Panoramawand folgen, würde er durch die zunehmend trüben und fleckigen Kameralinsen und die Luftverschmutzung hindurchspähen und entlang der dunklen Spalte den Hügel hinaufblicken, entlang dieser Falte, die sich über die schlammige Düne zur Stadt hinzog, dann würde er ihre reglose Gestalt erblicken können. Dort auf dem Hügel würde er seine Frau sehen. Sie lag da wie ein schlafender Fels, die Arme unter dem Kopf verschränkt, während die vergiftete Luft an ihr zehrte.

Vielleicht.

Es war nicht gut zu sehen, war auch damals nicht eindeutig auszumachen gewesen, bevor sich die Linse von Neuem zu trüben begann. Außerdem war diesem Blick kaum zu trauen, es gab eher guten Grund, ihn anzuzweifeln. Und deshalb sah Holston ganz einfach nicht hin. Er durchquerte den Raum, in dem der Geist seiner Frau gekämpft hatte und in dem die schlechten Erinnerungen für immer gespeichert waren – das Bild ihres plötzlichen Wahnsinns –, und betrat sein Büro.

»Da ist heute aber einer früh dran!«, sagte Deputy Marnes lächelnd.

Holstons Stellvertreter schloss gerade eine Schublade des metallenen Aktenschrankes, dessen uralte Scharniere leblos quietschten. Er nahm einen dampfenden Becher, dann sah er Holstons ernste Miene. »Alles in Ordnung, Chef?«

Holston nickte. Er deutete auf das Schlüsselbrett hinter dem Schreibtisch. »Zur Arrestzelle«, sagte er.

Das lächelnde Gesicht seines Stellvertreters verzog sich zu einem irritierten Stirnrunzeln. Er stellte den Becher ab, drehte sich um und nahm den Schlüssel. Während Marnes ihm den Rücken zudrehte, rieb Holston ein letztes Mal den scharfkantigen, kalten Stahl in der Hand und legte seinen Stern dann flach auf die Schreibtischplatte. Marnes drehte sich wieder um und reichte Holston den Schlüssel.

»Soll ich den Wischmopp holen?« Marnes deutete mit dem Daumen hinter sich zur Kantine. Sie betraten die Zelle sonst nur, um zu putzen, mit der einzigen Ausnahme, dass gerade jemand verhaftet worden war.

»Nein.« Holston nickte zur Zelle hinüber und bedeutete seinem Stellvertreter, ihm zu folgen.

Der Schreibtischstuhl knarzte, als Marnes aufstand. Holston ging zur Tür, der Schlüssel glitt leicht ins Schloss. Das Innere der massiven Tür gab ein tiefes Stöhnen von sich. Die Türangeln knirschten leise, dann ein entschlossener Schritt, ein Stoß, und die Tortur hatte ein Ende.

Holston reichte den Schlüssel zwischen den Gitterstäben hindurch. Marnes sah ihn unsicher an, aber seine Hand hob sich und nahm ihn entgegen.

»Was ist los, Chef?«

»Hol die Bürgermeisterin«, sagte Holston. Er seufzte, ließ den schweren Atem aus, den er drei Jahre lang angehalten hatte.

»Hol Mayor Jahns. Sag ihr, dass ich rauswill.«

 

 

 

2. Kapitel

 

Der Blick aus der Zelle war nicht so verschwommen, wie es der Blick aus der Kantine gewesen war. Holston verbrachte seinen letzten Tag im Silo damit, sich über dieses Rätsel den Kopf zu zerbrechen. Konnte es sein, dass die Kamera auf der Zellenseite des Silos dem toxischen Wind weniger ausgesetzt war? Gaben sich die zum Tode Verurteilten an dieser speziellen Linse vielleicht mehr Mühe mit der Reinigung, weil sie den Blick bewahren wollten, den sie am letzten Tag ihres Lebens genossen hatten? Oder war die zusätzliche Anstrengung ein Gefallen für den Nächsten, der seinen letzten Tag in derselben Zelle würde verbringen müssen?

Holston blickte hinaus in die tote Welt, die irgendwann von den Menschen einer längst vergessenen Zeit zurückgelassen worden war. Der Blick war nicht der beste auf die Landschaft um ihren unterirdischen Bunker herum, aber es war auch nicht der schlechteste. In der Ferne erhoben sich Hügel in einem schönen Braunton – wie Kaffee-Ersatz mit genau dem richtigen Schuss Schweinemilch. Der Himmel über den Hügeln war vom selben dumpfen Grau wie in seiner Kindheit, in der Kindheit seines Vaters und der Kindheit seines Großvaters. Das Einzige, was sich da draußen bewegte, waren die Wolken. Dick und dunkel hingen sie über den Hügeln. Sie zogen frei umher wie das Weidevieh in den Bilderbüchern.

Der Blick auf die tote Welt umfasste die ganze Wand seiner Zelle wie auch alle anderen Wände der obersten Ebene des Silos – wobei jede einen anderen Ausschnitt des trüben und immer trüber werdenden Brachlandes zeigte. Holstons Ausschnitt reichte von seiner Koje hinauf zur Decke, hinüber an die andere Wand und hinunter zur Toilette. Trotz der leichten Unschärfe – als hätte jemand Öl auf die Linse geschmiert – wirkte das Bild so, als könnte man hineinwandern, ein klaffendes, einladendes Loch schräg gegenüber den Gefängnisgittern.

Die Sinnestäuschung überzeugte jedoch nur aus der Ferne. Aus der Nähe betrachtet, konnte Holston auf dem riesigen Bildschirm ein paar tote Pixel sehen, die sich grellweiß von den braunen und grauen Farbnuancen abhoben. Jeder dieser Pixel – Allison hatte sie »klebende Pixel« genannt – leuchtete extrem hell und war wie ein quadratisches Fenster, das sich zu einem strahlenderen Ort hin öffnete, ein Loch von der Breite eines menschlichen Haares, das den Betrachter in eine bessere Wirklichkeit einzuladen schien. Es gab Dutzende dieser klebenden Pixel, wie Holston nun sah. Er fragte sich, ob jemand im Silo wusste, wie man sie reparieren konnte oder ob es dafür spezielles Werkzeug gab. Waren sie für immer tot – so wie Allison? Würden alle Pixel irgendwann absterben? Holston stellte sich einen Tag vor, an dem die Hälfte der Bildpunkte ganz weiß sein würde, dann, eine Generation später, würden nur einige wenige graue und braune Pixel übrig sein, dann nur noch ein knappes Dutzend, und die Welt würde in ein neues Stadium geraten, die Menschen im Silo würden denken, die Außenwelt stehe in Flammen, sie würden die einzigen wahren Pixel für kaputte Pixel halten.

Oder taten Holston und die anderen das jetzt schon?

Hinter ihm räusperte sich jemand. Holston drehte sich um und sah Mayor Jahns auf der anderen Seite des Gitters stehen, die Hände in den Bauchtaschen ihres Overalls. Die Bürgermeisterin deutete ernst mit dem Kinn in Richtung der Koje.

»Wenn die Zelle leer ist, nachts, wenn du und Marnes keinen Dienst habt, sitze ich manchmal hier und genieße diesen Blick.«

Holston wandte sich wieder der matschigen Landschaft zu. Der Anblick war einfach nur deprimierend, verglichen mit den Bildern in den Kinderbüchern – den einzigen Büchern, die den Aufstand überstanden hatten. Die meisten glaubten nicht an die Farben in den Büchern, sowenig wie sie glaubten, dass es je lila Elefanten und rosa Vögel gegeben hatte, doch Holston fand sie wirklicher als das Bild, das er jetzt vor sich hatte. Wie einige andere empfand auch er etwas Ursprüngliches und Tiefes, wenn er diese zerfledderten Seiten und bunten Bilder betrachtete. Und trotzdem wirkte der Blick auf die dreckige Außenwelt gegenüber dem erdrückenden Silo wie eine Erlösung, eben wie die frische Luft, die die Menschen zu atmen geboren waren.

»Hier wirkt alles immer ein bisschen klarer«, sagte Jahns, »also … ich meine … der Blick.«

Holston sagte noch immer nichts. Er sah zu, wie ein kräuseliger Wolkenfetzen sich löste und davonzog. Schwarz und Grau wirbelten durcheinander.

»Du kannst dir ein Essen wünschen«, sagte Jahns. »Das ist Tradition …«

»Du brauchst mir nicht zu erklären, wie das hier abläuft«, unterbrach er sie. »Ich habe Allison vor drei Jahren ihre letzte Mahlzeit in genau diese Zelle gebracht.« Aus Gewohnheit wollte er den Kupferring an seinem Finger drehen, er hatte vergessen, dass er ihn vor ein paar Stunden auf seine Kommode gelegt hatte.

»Ich kann gar nicht glauben, dass es schon so lange her ist«, sagte Jahns leise zu sich selbst. Holston drehte sich um und sah, wie sie mit zusammengekniffenen Augen in die Wolken blickte, die an der Wand zu sehen waren.

»Fehlt sie dir?«, fragte er gehässig. »Oder passt es dir nicht, dass sich in der langen Zeit wieder so viel Dreck auf den Linsen hat ansammeln können?«

Jahns funkelte ihn kurz an, dann senkte sie den Blick. »Du weißt, dass ich das hier nicht will, nicht für die sauberste Linse der Welt. Aber Regeln sind nun mal Regeln.«

»Das musst du mir nicht sagen!« Holston versuchte, seine Wut im Zaum zu halten. »Ich kenne die Regeln besser als die meisten anderen.« Er wollte kurz an sein Abzeichen greifen – aber es fehlte, genau wie sein Ring. »Ich habe diese Regeln den größten Teil meines Lebens durchgesetzt, selbst nachdem mir klar geworden ist, wie unsinnig sie sind!«

Jahns räusperte sich. »Ich werde dich nicht fragen, warum du dich entschieden hast zu gehen. Vermutlich, weil du hier drinnen noch unglücklicher wärst.«

Ihre Blicke trafen sich, Holston sah den Schleier auf ihren Augen, bevor sie ihn wegblinzeln konnte. Sie sah dünner aus als sonst, verloren in ihrem weiten Overall. Die Falten an ihrem Hals und um ihre Augen waren tiefer, als er sie in Erinnerung hatte. Dunkler. Und er dachte, dass ihre Stimme nicht nur vom Alter und vom regelmäßigen Tabakkonsum so brüchig war – er hörte aufrichtiges Bedauern darin.

Auf einmal sah Holston sich mit Jahns’ Augen, sah im blassen Schimmer der toten Außenwelt einen gebrochenen Mann mit grauer Haut, der auf einer abgewetzten Bank saß, und bei diesem Anblick wurde ihm schwindlig. Er versuchte, sich an einem vernünftigen Gedanken, an etwas Sinnvollem festzuhalten. Es war wie ein Albtraum, die Zwangslage, in die sein Leben geraten war. Keines der letzten drei Jahre schien tatsächlich stattgefunden zu haben.

Er sah wieder auf die Hügel hinaus. Aus dem Augenwinkel meinte er ein weiteres Pixel sterben und weiß aufleuchten zu sehen. Ein weiteres winziges Fenster hatte sich geöffnet, eine weitere optische Täuschung.

Morgen bin ich erlöst, dachte er, selbst wenn ich da draußen sterbe.

»Ich bin schon zu lange Mayor«, sagte Jahns.

Holston sah sie an, ihre runzligen Hände umschlossen den kalten Stahl der Gitterstäbe.

»Unsere Aufzeichnungen reichen nicht bis zu den Anfängen zurück, sondern beginnen erst mit dem Aufstand vor anderthalb Jahrhunderten. Aber seitdem hat kein Mayor mehr Menschen zur Reinigung geschickt als ich.«

»Tut mir leid, wenn ich dir Unannehmlichkeiten mache«, sagte Holston.

»Ich will damit nur sagen, dass es mir auch keinen Spaß macht. Nicht den geringsten.«

Holston wies mit einer Armbewegung zum Monitor.

»Aber morgen Abend bist du dann trotzdem die Erste, die sich den Sonnenuntergang durch die frisch geputzte Linse anguckt, oder?« Er hasste den Klang seiner Stimme. Er war nicht wütend über seinen bevorstehenden Tod oder über sein vergangenes Leben, aber er spürte noch immer die Verbitterung über Allisons Schicksal. Es war längst vorbei, und trotzdem sah er die Ereignisse noch als vermeidbar an. »Euch allen wird der Blick morgen gefallen«, sagte er zu sich selbst.

»Das ist nicht fair!«, sagte Jahns. »Gesetz ist Gesetz, und du hast es gebrochen. Du hast vorher gewusst, was dich erwartet.«

Holston starrte auf seine Füße. Ein längeres Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Jahns brach es schließlich: »Einige sind nervös, sie meinen, du könntest die Reinigung verweigern, eben weil du vorab jetzt nicht damit drohst.«

Holston lachte. »Würde es euch besser gehen, wenn ich sagen würde, ich putze die Linsen nicht?« Er schüttelte den Kopf über diese verdrehte Logik.

»Jeder, der hier sitzt, kündigt an, er werde es nicht tun«, sagte Jahns, »und dann tut er es doch. Und deshalb erwarten wir alle …«

»Allison hat nie behauptet, sie werde sich weigern«, stellte Holston richtig, aber er wusste, was Jahns meinte. Er selbst war damals sicher gewesen, dass Allison die Linsen nicht reinigen würde. Nun glaubte er zu verstehen, was sie durchgemacht hatte, als sie auf dieser Bank saß. Es gab Weitreichenderes zu bedenken als die Reinigung. Die meisten Häftlinge, die hinausgeschickt wurden, waren bei irgendeinem Vergehen ertappt worden, sie konnten es kaum glauben, dass sie plötzlich in dieser Zelle saßen und ihr Ende nur noch wenige Stunden entfernt war. Sie sannen auf Rache, wenn sie sagten, sie würden die Reinigung verweigern, es war eine reflexhafte Sturheit. Doch Allison und nun auch Holston hatten andere Sorgen. Die Reinigung war vollkommen belanglos. Sie waren hier, weil sie es, aus irgendeinem verrückten Grund, so wollten. Sie waren beherrscht von der Neugier auf die Außenwelt hinter dem Schleier aus Lügen.

»Also, wirst du die Reinigung nun übernehmen oder nicht?«, fragte Jahns ganz direkt.

Holston zuckte mit den Schultern. »Du hast es doch selbst gesagt: Niemand weigert sich. Dafür muss es ja wohl einen Grund geben.«

Er tat so, als kümmerte es ihn nicht, als interessierte es ihn nicht, warum die Linsen gereinigt wurden – in Wahrheit hatte er den Großteil seines Lebens, vor allem die letzten drei Jahre, über dieses Warum nachgegrübelt. Die Frage trieb ihn in den Wahnsinn. Und es machte ihm nicht das Geringste aus, wenn die Ungewissheit über sein morgiges Verhalten nun diejenigen in den Wahnsinn trieb, die seine Frau auf dem Gewissen hatten.

Nervös strich Jahns mit den Händen an den Gitterstäben auf und ab. »Kann ich ihnen sagen, dass du dich an die Regeln hältst?«

»Es ist mir egal. Du kannst ihnen auch sagen, dass ich die Reinigung verweigern werde. Meine Antwort wird sowieso nichts ändern.«

Jahns sagte nichts. Holston sah sie an, sie nickte.

»Wenn du doch etwas essen willst, sag Deputy Marnes Bescheid. Er bleibt die ganze Nacht im Büro. Das ist so Tradition …«

Tränen stiegen Holston in die Augen, als er sich an diesen Teil seiner früheren Dienstpflichten erinnerte. Er hatte am Schreibtisch ausgeharrt, als Donna Parks vor zwölf Jahren zur Reinigung hinausgeschickt worden war, und ebenso, als vor acht Jahren Jack Brents Zeit gekommen war. Und er hatte sich an das Gitter geklammert, als vor drei Jahren seine Frau an die Reihe kam.

Jahns wandte sich zum Gehen.

»Sheriff«, murmelte Holston, bevor sie außer Hörweite war.

»Wie bitte?« Jahns blieb auf der anderen Seite des Gitters stehen, ihre grauen, buschigen Augenbrauen verhängten ihren Blick.

»Er ist nun Sheriff Marnes, nicht Deputy.«

Jahns klopfte mit den Fingerknöcheln an eine Stahlstange. »Iss was. Und es wird sicher nicht schaden, wenn du versuchst, ein bisschen Schlaf zu bekommen.«

Hugh Howey

Über Hugh Howey

Biografie

Hugh Howey, Jahrgang 1975, verdiente sein Geld als Skipper, Bootsbauer, Dachdecker und Buchhändler, bevor er als Romanautor erfolgreich wurde. Mit seinem großen Endzeitthriller »Silo«, der als Erzählung angelegt war und so überwältigend viele Leser fand, dass schließlich, ein Roman daraus wurde,...

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