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Shalom Berlin – SündenbockShalom Berlin – Sündenbock

Shalom Berlin – Sündenbock

Kriminalroman

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Shalom Berlin – Sündenbock — Inhalt

In seinem Kriminalroman „Shalom Berlin – Sündenbock“, Band 2 der Alain-Liebermann-Reihe, führt SPIEGEL-Bestsellerautor Michael Wallner seine Leser in einen dramatischen Fall um Bombenterror, Manipulation, Verleumdung und Mord. Der Sumpf der Berliner Politik erweist sich in diesem hochspannenden Krimi als todbringendes Terrain: Wallners Ermittler Alain Liebermann – Mitglied einer Spezialeinheit zur Terrorbekämpfung und Mitglied einer großen jüdischen Familie in Berlin  - verstrickt sich in ein undurchsichtiges Netz von Intrigen und gerät zwischen allen Fronten – aktuell, aufwühlend und atemberaubend spannend!  

Um Haaresbreite überlebt die erste grüne Verteidigungsministerin der Bundesrepublik einen Bombenanschlag. Während die Polizei die Täter im Umkreis afghanischer Terroristen sucht, geht Staatsschützer Alain Liebermann anderen Spuren nach. Steckt die Rüstungslobby dahinter, die durch den Friedenskurs der Ministerin Milliardenaufträge verloren hat? Steckt die eigene Parteichefin dahinter? Der Bodyguard der Ministerin ist Sohn eines gefürchteten War Lords in Somalia. Galt der Anschlag eigentlich ihm? Schicht um Schicht deckt Alain die perfide Verschwörung auf und erkennt zu spät, wie wie gefährlich seine Gegner sind ...

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 31.08.2020
320 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06192-6
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 02.06.2020
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99579-5

Leseprobe zu „Shalom Berlin – Sündenbock“

1
Sarajewo


„Du willst eine Blondine mit drei Kindern heiraten? Was bist du, ein Astronaut?“ Betrübt ließ Caspar den Smoothie-Mixer sinken. „Das waren ihre Worte.“

Alain stellte den Bücherkarton zu den übrigen Umzugskisten. „Großmutter hat es bestimmt nicht so gemeint.“

„Sie hat es genau so gemeint. Sie mag Isabel einfach nicht.“

„Das redest du dir ein.“

Nebeneinander kehrten die beiden Liebermanns ins Freie zurück und starrten erschöpft ins Innere des Pritschenwagens. Nur zwei Gegenstände warteten noch darauf, ins Haus getragen zu werden, eine [...]

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1
Sarajewo


„Du willst eine Blondine mit drei Kindern heiraten? Was bist du, ein Astronaut?“ Betrübt ließ Caspar den Smoothie-Mixer sinken. „Das waren ihre Worte.“

Alain stellte den Bücherkarton zu den übrigen Umzugskisten. „Großmutter hat es bestimmt nicht so gemeint.“

„Sie hat es genau so gemeint. Sie mag Isabel einfach nicht.“

„Das redest du dir ein.“

Nebeneinander kehrten die beiden Liebermanns ins Freie zurück und starrten erschöpft ins Innere des Pritschenwagens. Nur zwei Gegenstände warteten noch darauf, ins Haus getragen zu werden, eine Bastlampe und Caspars Heimorgel.

„Helene macht sich eben Sorgen, dass dir drei Kinder zu viel werden könnten.“ Alain überließ dem Cousin die Bastlampe und hievte selbst die Heimorgel hoch. „Wo sind die Kids überhaupt? Wir haben noch ein paar Fragen an sie.“

„Isabel holt sie gerade ab. Die Mädchen haben Karate, der Älteste nimmt Steppunterricht.“ Caspar griff zur Bastlampe. „Wird dir das nicht zu schwer?“, fragte er über die Schulter.

Wer spielte heutzutage noch Heimorgel? Jeder andere pluggte bloß seine Tastatur ins Handy und klimperte drauflos. Aber nicht Caspar. Caspar verfrachtete das Monstrum mit den sechsunddreißig Registern bei jedem Auftritt in seinen Lieferwagen. Wann hatte Caspar seinen letzten Auftritt gehabt?

Keuchend ließ Alain die Orgel im Wohnzimmer zu Boden sacken. „Ich wusste gar nicht, dass Babelsberg so schön ist. Der Park, das Schloss, die kleinen Gassen.“

„Für mich als Schauspieler hat es außerdem den Vorteil, dass die Filmstudios gleich um die Ecke liegen“, antwortete Caspar.

„Studio Babelsberg? Du glaubst, dass man dich im Film beschäftigen wird?“

„Du etwa nicht?“

Alain hätte sich in den Hintern beißen können. Er wusste doch um Caspars angeknackstes Selbstvertrauen. Vom Kleindarsteller an Kellerbühnen war er zum Animateur auf Kindergeburtstagen abgerutscht. Mittlerweile versuchte er sich als Bauchredner, aber die Kinder begannen jedes Mal zu weinen, wenn er auftrat.

Alain wollte seinen Fehler wieder ausbügeln. „Ich bin froh, dass es für dich gerade so gut läuft.“

Mit hängenden Schultern betrachtete Caspar seine mageren Habseligkeiten. „Gut läuft? Gar nichts läuft gut. Ein Versager bin ich durch und durch. Jeden, der sich bisher auf mich verlassen hat, habe ich enttäuscht. Mit Isabel wird es mir genauso gehen.“

Alain lag daran, das Thema rasch zu beenden. Seine Leute vom Mobilen Einsatzkommando Staatsschutz, kurz MES, waren im Haus und führten im ersten Stock den Sicherheitscheck durch. Sie sollten Caspar nicht in diesem weinerlichen Zustand sehen. „Du bist kein Versager.“

„All die Jahre hatte ich die allergrößten Hoffnungen, dass das Leben für mich mehr bereithält als Misserfolge, aber jedes Mal habe ich wieder eins in die Fresse gekriegt.“

Alain lief zur Treppe. Oben ging einer vom Team vorbei und signalisierte, dass sie bald fertig sein würden. Alain kehrte zu seinem Cousin zurück. „Du hast doch immer wieder mal eine Rolle bekommen.“

„Sicher, irgendwann im Mittelalter. Nichts, was ich anpacke, klappt“, lamentierte Caspar. „Zuletzt, aber das brauchst du Oma nicht zu erzählen, habe ich sogar gekellnert. Das war die Hölle für meine kaputte Bandscheibe. Wenn ich Isabel nicht getroffen hätte, wäre mein Leben leer und sinnlos.“

Alain griff den Hoffnungsschimmer auf. „Vielleicht hattest du ja wirklich nicht allzu viel Glück bisher, aber mit Isabel wird alles anders.“

„Glaubst du?“

„Bestimmt.“

„Ich bin nicht so ein cooler Superheld wie du“, erwiderte Caspar. „Bestimmt dauert es nicht lange, bis auch sie draufkommt, dass ich eine Null bin.“

„Den Superhelden kannst du gleich mal streichen.“ Alain tat so, als checke er sein Handy, dabei sah er auf die Uhr. Er hätte längst wieder in der Stadt sein müssen. „In neun von zehn Fällen besteht mein Job in öder Observierung. Nächtelanges Herumsitzen und Warten, bis den bösen Jungs irgendein Fehler unterläuft. Was wir heute bei dir machen, Objekt- und Sicherheitsschutz, ist eine echte Abwechslung für das MES.“

„Das tust du ja nur mir zuliebe.“

„Natürlich auch dir zuliebe. Aber das Team ist froh, mal rauszukommen.“ Er zeigte in den Garten. „Wie seid ihr nur an dieses schmucke Häuschen gekommen?“

„Isabel hat es ihrem zweiten Mann bei der Scheidung aus den Rippen geschnitten.“

„Sie hat nie selbst darin gewohnt?“

„Das ist das Pikante an der Geschichte.“ Caspar raffte sich zu einem Lächeln auf. „Isabels Ex-Mann hat in diesem Haus seine Geliebte empfangen.“

»Und es macht Isabel nichts aus, mit drei kleinen Kindern hier einzuziehen? Ich meine, an dem Ort, wo die Geliebte ihres Mannes …?«

„Isabel ist eine pragmatische Frau. Nachdem die Scheidung durch war, hat sie als Erstes alle Betten aus dem Haus geschmissen und es vom Kammerjäger desinfizieren lassen. Wegen so ein paar Spermaflecken lasse ich mir eine Immobilie in dieser Lage doch nicht entgehen. Das waren ihre Worte.“

Alain sah die Truppe die Treppe herunterkommen.

„Das wär’s“, sagte Nummer drei, der Riese im MES.

„Dann wollen wir mal.“ Alain schloss seine Jacke und warf einen Blick aus dem Fenster. „Pünktlich aufs Stichwort kommt ja auch die Hauptperson.“

„Wer?“, fragte Caspar.

„Die Dame, weswegen wir dich und Isabel und das Haus und sogar die Kinder überprüfen mussten.“

Auf der anderen Straßenseite ging eine Veränderung vor sich. Ein Konvoi aus zwei Motorrädern und einem SUV hielt vor dem Haus. Im Gegensatz zu dem gemütlichen Altbau aus der Vornazizeit, in den Caspar gerade einzog, besaß das Gebäude dort die Stromlinienform eines futuristischen Ökohauses. Der überwiegende Baustoff war Holz, Lehmputz im Außenbereich; eine Blumenwiese auf dem Dach vervollständigte das Ensemble. Man konnte sicher sein, dass auch die verwendeten Wandfarben das höchste Ökosiegel trugen.

Wer Boulevard-Magazine las und sich mit deutschen Celebrities auskannte, würde jetzt mutmaßen, dass in diesem Moment die Bundesministerin für Verteidigung ihren Wohnsitz verließ. Zu sehen war aber lediglich eine Gestalt in schwarzem Lederanzug, die einen Vollvisierhelm trug. Sie lief durch den Bonsai-Garten und bestieg ein Motorrad eines bekannten deutschen Herstellers. Zur gleichen Zeit nahmen zwei weitere Motorräder vor und hinter der Gestalt Aufstellung. Die Fahrer trugen ebenfalls Schwarz.

Alain beobachtete die Vorgänge mit Genuss. Auch er gehörte zur eingeschworenen Gemeinde der Motorradfreaks, fuhr eine Shadow Black Spirit und besaß einen ähnlichen Helm wie die drei Fahrer gegenüber. Svea Wieland, die Verteidigungsministerin, hatte Alain schon zu Zeiten imponiert, als sie noch auf der grünen Oppositionsbank saß. Seit die Grünen in die Regierung eingezogen waren, befehligte sie das deutsche Heer. In letzter Zeit schien es Mode geworden zu sein, Frauen mit diesem traditionellen Männerjob zu betrauen.

Der Mann auf der vorderen Maschine drehte sich um. Svea Wieland startete. Vor und hinter ihr gingen die Motoren an. Die Bundesministerin für Verteidigung rollte aus der Einfahrt und fuhr zur Arbeit. Ihr Ziel war der Bendlerblock in der Stauffenbergstraße, Berlin-Mitte. Hinter den Motorrädern reihte sich der SUV als Letzter ein.

***

Mit der linken Stiefelspitze tippte Svea auf die Gangschaltung und ließ die Maschine kommen. In moderatem Tempo fuhr sie den Heinz-Rühmann-Weg entlang. Vier Fahrzeuge waren erforderlich, damit sie ihr Büro erreichte. Die Umstände, die Kosten, die CO2-Bilanz – mit ihrer Fahrt zur Arbeit trat sie grüne Prinzipien mit Füßen, das war klar. Hätte sie sich mit einem Dienstwagen einverstanden erklärt, wäre das Security-Brimborium kleiner gewesen. Andererseits hatte Svea sich geschworen, auch als Ministerin ein Mensch zu bleiben. Und als Mensch fuhr sie Motorrad. Sie brauchte das, bevor sie sich mit grauen Männern in grauen Uniformen an den Konferenztisch setzte. Einmal am Tag wollte sie ihr früheres Leben leben, an der Havel langbrausen, durch den Grunewald, manchmal einen Schlenker zum Wannsee und nach Schwanenwerder machen. Sie wollte draußen sein und die Stadt spüren. Sie hätte natürlich das Fahrrad nehmen können, aber anderthalb Stunden Fahrzeit ließen sich mit ihrem Terminplan nicht vereinbaren. Und für die S-Bahn war ihr Gesicht zu bekannt. Sie sah sich nicht gern als Celebrity und wusste zugleich, gerade weil sie eine Celebrity war, hatte sie diesen Job. Bekannt geworden war sie durch sportliche Höchstleistungen, zweimal Olympia, dreimal Weltmeisterschaft, sie hatte sogar Franziska van Almsicks Rekorde in den Schatten gestellt. Sie war so etwas wie der weibliche deutsche Arnold Schwarzenegger, falls es das überhaupt gab.

Man kannte Svea Wieland, ihre Stimme wurde gehört. Daher war die Partei seinerzeit auf sie zugekommen. Ohne ihr Zutun war sie das Aushängeschild der Grünen geworden. Man liebte es, ihr den Stempel „die Jüngste“ aufzudrücken. Die jüngste Parteivizefrau, die jüngste Landwirtschaftsministerin, und nun vertraute man der Sechsunddreißigjährigen das deutsche Heer an. In früheren Zeiten hatte dieser Job Kriegsminister geheißen. Das war seit Jahrzehnten vorbei, doch die primäre Aufgabe der Streitmacht, des Militärs hatte sich nicht verändert. Wozu baute man Panzer? Bestimmt nicht, um festgefahrene Autos aus dem Dreck zu ziehen. Man baute Panzer, um einen Feind zu überrollen. Doch Panzer waren gut sichtbare, beinahe nostalgische Waffen. Svea hatte die zusätzliche Aufgabe, die heimtückischen, unsichtbaren Waffen zu verwalten. Die lasergestützten Systeme, die hinter anderen Waffen herzufliegen imstande waren. Die unterirdischen und unterseeischen Arsenale, die Drohnen mit ihrem fragwürdigen Vernichtungspotenzial, die Satelliten, die Aufklärer, die Zerstörer. Das alles kostete Geld. Dreiundvierzig Milliarden Euro waren es im Vorjahr gewesen, zwölf Prozent des Bundeshaushalts. Nächstes Jahr, so wollte es der große NATO-Verbündete, sollte es noch mehr werden.

Doch seit Svea diesen Job innehatte, war es weniger geworden. Sie missachtete die Wünsche des großen NATO-Verbündeten, missachtete auch die Wünsche der Rüstungsindustrie. Svea Wieland machte manches anders und einiges neu. Sie tat viel, um ihre Vision von einem grünen Heer Wirklichkeit werden zu lassen.

Auf ihr Motorrad zu verzichten, brachte sie allerdings nicht übers Herz. Und da eine Ministerin nicht ungeschützt auf dem Zweirad von Babelsberg nach Berlin-Mitte fahren durfte, war ihr ein Konvoi zugeteilt worden. Zwei Motorräder als Begleitschutz und der SUV, falls etwas passierte, oder einfach, falls es zu stark regnete.

Heute nahm Svea die Route entlang der Königstraße von Potsdam Richtung Wannsee. Hier war Tempo siebzig erlaubt. Sie hatte mit den motorisierten Personenschützern vereinbart, dass fünfundsiebzig auch noch okay sei. Im dritten Gang fuhr sie durch die schnurgerade Waldstraße. Rechter Hand erinnerten verwelkte Blumen und ein Holzkreuz daran, dass hier Menschen zu Tode gekommen waren.

 

Der erste Schuss traf Sveas Helm. Der zweite ging daneben. Der dritte Schuss traf den Personenschützer hinter ihr frontal, er stürzte. Eingeklemmt unter seiner Maschine rutschte er quer über die Fahrbahn. Svea sah es im Rückspiegel, bremste und hielt. PB 1, der Motorradfahrer vor ihr, machte kehrt. Svea fuhr an den Rand und nahm den Helm ab. Ein weiterer Schuss sirrte an ihr vorbei. Sie sprang vom Motorrad, doch statt sich hinzuwerfen, wollte sie dem Gestürzten zu Hilfe eilen.

PB 1 kreuzte ihren Weg. „Sind Sie verrückt?“, rief er ihr zu, riss die Ministerin zum Graben und ging mit ihr in Deckung. Fast gleichzeitig hielt der SUV am Straßenrand, wodurch Svea Wieland aus der Schusslinie geriet. Die Tür glitt auf, PB 4, ein Mann im schwarzen Anzug, sprang heraus und zerrte die Ministerin ins Innere. Ein, zwei, drei Schüsse schlugen ins Blech, bevor er die Tür wieder geschlossen hatte. Svea Wieland schrie erschrocken auf.

„Die Panzerung hält“, rief PB 4 und zog sie auf den Rücksitz.

Als er versuchte, sie anzuschnallen, schüttelte sie seine Hände ab. „Wir müssen uns um Gottfried kümmern!“

„Der Krankenwagen ist bereits unterwegs.“

„Wir können ihn nicht einfach liegen lassen.“

„Als Erstes müssen wir Sie aus der Schusslinie bringen“, entgegnete der Personenschützer, während ein dumpfer Schlag ins Blech den nächsten Schuss anzeigte. „PB 3 bleibt so lange bei Gottfried.“ Er stieg auf den Beifahrersitz. PB 1 setzte sich zur Ministerin nach hinten. Der SUV fuhr los.

Svea Wieland hielt ihren Helm auf dem Schoß, den sie die ganze Zeit umklammert hatte. Mit dem Finger strich sie die Kerbe entlang, die die Kugel hinterlassen hatte. Ein Zentimeter tiefer, und sie hätte ein Loch in ihren Kopf gebohrt.

Neben Svea nahm PB 1 den Helm ab. Kadou Hauser hatte schwarzes Haar, dunkle Augen, bronzefarbene Haut. Er war Deutschafrikaner aus Somalia mit deutscher Mutter.

PB 4 drehte sich zu ihnen um. „In ein paar Minuten sind wir auf Schwanenwerder, Frau Minister.“

„Was soll ich denn da?“, fragte Svea Wieland.

„Es ist der nächstgelegene Punkt, wo ein Helikopter landen kann. Hinter uns ist bloß Wald, vor uns die Bebauung zu dicht.“

Sie hielten an der Brückenampel, wo die Königstraße in den Kronprinzessinnenweg mündete. Linker Hand lagen der Wannsee und das Bismarck-Denkmal. Die Ampel sprang auf Grün. Sie fuhren an.

„Moment“, sagte Kadou Hauser.

„Was ist?“

Er warf sich nach vorne und packte den Fahrer bei der Schulter. „Zurück!“

„Wieso?“

„Setz zurück, sofort!“ Mit der Faust schlug Kadou dem Fahrer auf den Arm. „Zurück! Zurück!“

Der Fahrer war BKA-Mann, Ende vierzig mit Familie. Er hielt sich zugute, noch nie in die Schusslinie geraten zu sein. Er fuhr die gepanzerten Wagen des Ministeriums, vertraute auf die kugelsicheren Scheiben und die dicken Bleiplatten. Er hatte keinen Grund, dem atemlosen Befehl eines jungen Afrikaners zu folgen, selbst wenn der schwarze Personenschützer der Liebling der Ministerin war. Zugleich war der Fahrer auf die eigene Sicherheit bedacht. Seine Frau hatte Diabetes, die Kinder wechselten gerade von der Grundschule ins Gymnasium. Der BKA-Mann legte also den Rückwärtsgang ein und setzte fünf Meter zurück. Neben ihm überholten zwei Autos und fuhren in die Kreuzung ein.

 

Die Bombe explodierte drei Meter vor dem Regierungsfahrzeug. Der blaue Kleinwagen vor ihnen wurde in die Höhe katapultiert, bevor ihn die Flammenwand verschluckte. Kadou warf sich über Svea Wieland. Die Flammenwand erreichte den SUV, durchschlug mühelos die Vorderfront und tötete den Fahrer. Sie zerstörte den Motorblock, das Getriebe und den ganzen vorderen Bereich des Wagens. Auch PB 4, der Beifahrer, war sofort tot.

Der Rücken von Kadou Hauser fing Feuer. Das Leder seines Motorradanzugs schützte ihn nicht. Er brannte. Svea Wieland spürte, wie die Feuerwand über sie hinwegbrauste. Sie schloss die Augen. Die Hitze, der Lärm, die Stille danach. Als sie die Augen öffnete, brannte es rundum, lautlos. Der SUV stand in Flammen. Kadou tat etwas, was sie nicht sofort verstand. Mit beiden Beinen trat er gegen die verbeulte Seitentür. Rundum Feuer, Kadous brennender Rücken. Er schuf eine Öffnung, sprang aber nicht gleich hinaus, sondern riss Svea an beiden Armen hoch und stieß sie aus dem Wagen. Sie landete auf dem Asphalt. Jetzt erst rettete sich Kadou selbst aus dem brennenden Fahrzeug und fiel neben Svea zu Boden. Dicht an dicht lagen sie auf der Straße. Svea erwartete, Schreie zu hören, Sirenen, doch die Menschen liefen mit zum Schrei geöffneten Mündern und vor Panik verzerrten Gesichtern lautlos an ihr vorbei. Svea war umgeben von Stille. Hatte die Explosion ihr Trommelfell zerrissen? Nein, sie konnte Kadou hören, er war bei Bewusstsein, er stöhnte. Das Feuer auf seinem Rücken war erloschen.

Ein Motorrad näherte sich, ein Mann im dunklen Outfit stieg ab. Dahinter hielt ein Lieferwagen. Der Mann nahm seinen Helm ab.

„Frau Minister“, hörte Svea und versuchte, sich aufzurichten.

Er kniete neben ihr nieder. „Nicht bewegen.“

„Wer sind Sie?“

„Alain Liebermann, Staatsschutz.“

„Wieso ist der Staatsschutz noch vor dem Krankenwagen hier?“

„Wir waren in der Nähe. Bitte nicht sprechen.“

„Es waren zwei Anschläge“, sagte Svea.

„Ich weiß. Es kam per Funk durch.“ Und dann sagte der dunkle Motorradfahrer etwas, das die Bundesministerin nicht verstand. „Sarajewo“, sagte er. „Sarajewo, nur umgekehrt.“

Michael Wallner

Über Michael Wallner

Biografie

Michael Wallner spielte nach seiner Ausbildung am Wiener Max Reinhardt-Seminar am Burgtheater und am Berliner Schillertheater. 1982 erhielt er den Schauspielerpreis beim Norddeutschen Theatertreffen. Seit 1987 arbeitet er als freischaffender Theater- und Opernregisseur und inszenierte unter anderem...

Weitere Titel der Serie „Alain-Liebermann-Reihe “

Alain Liebermann ist Mitglied einer Spezialeinheit im heutigen Berlin und Mitglied einer großen jüdischen Familie. Er ist der Ermittler der rasanten Krimis von Autor Michael Wallner.
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