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SeptemberSeptember

September

Roman

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September — Inhalt

München 1972. Es sollten die heiteren Spiele werden...

Zwei Journalisten, ein BBC-Korrespondent und ein rätselhafter New Yorker, frisch akkreditiert, um über die Olympischen Spiele zu berichten, begegnen sich am Vorabend der großen Eröffnungszeremonie. Sie sind fasziniert voneinander, versuchen, sich aus dem Weg zu gehen - die beiden gestandenen Männer benehmen sich wie verliebte Teenager. Es entspinnt sich eine amour fou, die zunächst keiner der beiden zu leben wagt. Wenige Tage später schlägt das palästinensische Terrorkommando zu. Die beiden Journalisten werden zu Augenzeugen jener Ereignisse, aus denen weder Israel, noch Palästina, weder Deutschland, noch Olympia - aus denen wohl einfach niemand unbeschadet hervorgeht. Hat eine so private, eine so komplizierte Sache dagegen eine Chance?

Jean Mattern hat das fürchterliche Drama des 5. September minutiös recherchiert und erzählt es in diesem raffinierten Roman wie es noch nie erzählt worden ist. Und doch ist dies vor allem die stilistisch virtuose Geschichte einer großen Liebe, die damals noch ein Skandal gewesen wäre.

 

Erschienen am 17.03.2016
Übersetzer: Holger Fock, Sabine Müller
160 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1293-7
Erschienen am 17.03.2016
Übersetzer: Holger Fock, Sabine Müller
160 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7875-9
»Ein atmosphärisch äußerst dichter Roman.«
Hamburger Lokalradio
»Jean Mattern erzählt in seinem vierten Roman in klarer Sprache, gut recherchiert und gekonnt erzählt die Tragödien um den 5. September 1972. Auch ein Stück Aufklärung darüber, wie Dilettantismus und Machtdünkel Menschenleben kosten können. Lesen!«
literaturblatt.ch
»Jean Mattern veröffentlicht über das Geiseldrama von München 1972 den Roman 'September'.«
Basler Zeitung

Leseprobe zu »September«

Freitag, 25. August
Bei meiner Ankunft im Pressezentrum, ein paar Hundert Meter entfernt vom Olympischen Dorf, fiel mir gleich sein konzentrierter, fast düsterer Gesichtsausdruck auf. Genauso wie ich wartete er, bis er mit dem Ausfüllen der Formulare an der Reihe war, und bekam dann seinen Schlüssel. Zwei Empfangsdamen taten ihr Bestes, um das Verfahren zu beschleunigen, doch man musste sich mit Geduld wappnen. An jenem Abend vor der Eröffnungsfeier strömten viele Journalisten schlagartig zusammen. Über viertausend, verteilt auf etwas mehr als tausend [...]

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Freitag, 25. August
Bei meiner Ankunft im Pressezentrum, ein paar Hundert Meter entfernt vom Olympischen Dorf, fiel mir gleich sein konzentrierter, fast düsterer Gesichtsausdruck auf. Genauso wie ich wartete er, bis er mit dem Ausfüllen der Formulare an der Reihe war, und bekam dann seinen Schlüssel. Zwei Empfangsdamen taten ihr Bestes, um das Verfahren zu beschleunigen, doch man musste sich mit Geduld wappnen. An jenem Abend vor der Eröffnungsfeier strömten viele Journalisten schlagartig zusammen. Über viertausend, verteilt auf etwas mehr als tausend Zwei- und Vierzimmerapartments. Aufgrund meiner späten Akkreditierung war ich nicht im selben Gebäude untergebracht wie meine Kollegen von der BBC, doch das passte mir recht gut. Wie ich den aufgeschnappten Gesprächsfetzen entnehmen konnte, standen in den beiden Warteschlangen vor allem Journalisten der Printmedien. Ich hörte Portugiesisch, Russisch, Englisch. Ich fragte mich, woher der junge Mann mit dem besorgten Blick wohl kam.
Am Nachmittag traf ich mich mit meinen BBC-Kollegen, um das Olympische Dorf zu besichtigen. Wir entdeckten die von André Courrèges entworfenen himmelblauen Uniformen des Personals, die kleinen Gebäude, in denen die Athleten untergebracht waren, aufgereiht an Wegen, die von Rabatten gesäumt wurden. Eine bunte Menschenmenge spazierte entlang der Kanäle, die sich durch das Gelände zogen, oder sonnte sich auf den Uferstreifen, und überall sah man den lächerlichen kleinen Hund namens Waldi – das Maskottchen der Spiele – in jeglicher Form: auf Plakaten, auf T-Shirts, als Schlüsselanhänger, als riesiges Plüschtier. Die Mädchen trugen Miniröcke, die Männer Trainingsanzüge und Sandalen. Mehr als siebentausend Athleten aus einhundertzwanzig Ländern wurden erwartet, und überall schien gute Laune zu herrschen. Ich hatte keinerlei Erfahrung mit vergleichbaren Veranstaltungen, doch die Kollegen, die bereits von den Spielen in Mexiko-Stadt berichtet hatten, waren ebenso überrascht wie ich von der zur Schau getragenen Lockerheit. Der Wachmann am Eingang zum Olympischen Dorf hatte kaum einen Blick auf unsere Presseausweise geworfen.
Ich sollte nicht unbedingt über die Wettkämpfe berichten; die Londoner Redaktion erwartete andere Reportagen von mir, und während ich so durch das Olympische Dorf wanderte, hatte ich eine erste Idee: Ich würde über die Absicht der deutschen Verantwortlichen schreiben, sich von der fröhlichen Seite zu zeigen und der ganzen Welt zu beweisen, dass Deutschland ein Land wie jedes andere sei. In keiner offiziellen Verlautbarung war auf die düsteren Erinnerungen an die anderen deutschen Spiele hingewiesen worden, die von 1936 in Berlin, aber uns ausländischen Korrespondenten war klar, dass dieser stumme Vergleich in allen Köpfen war. Die Bilder der Naziführer auf der Tribüne des Stadions löschen, Hitlers Weigerung, den »Neger« Jesse Owens zu grüßen, vergessen machen, Leni Riefenstahls Filme zum Ruhm der arischen Rasse in der Mottenkiste verschwinden lassen und all das durch bunte Bilder ersetzen, die die biedere Fröhlichkeit des neuen Deutschlands zeigen würden – das schien der Wille einer ganzen Nation zu sein. Und schon hatte ich ein zweites Thema: Ich könnte vielleicht nach Berlin fahren, um der Frage dieses Erbes trotzdem nachzugehen. Zudem hatte ich mir in den Kopf gesetzt, eine typische deutsche Familie zu finden und einen halben Tag mit ihr in einem Wohnzimmer1 vor dem Fernsehapparat zu verbringen. Die Übertragung der Wettbewerbe bei einer Familie mitzuerleben würde mir bestimmt helfen, ein wenig mehr darüber zu erfahren, was der Durchschnittsdeutsche über das große olympische Fest wirklich dachte.
Am Ende unserer Besichtigungstour durch das Dorf der Athleten lud mich unser Statistiker Jonathan Goldberg zu einem zwanglosen Essen mit anderen Presseleuten ein.
»Nicht nur die Sportler verbrüdern sich«, sagte er zu mir. Außerdem hatte ich an diesem Abend vor der Eröffnungsfeier nichts anderes vor. Ich hatte mir einen Plan gemacht, mich mit den Spielstätten zwischen Olympischem Dorf, Pressezentrum – allgemein das Loch genannt – und unseren Büros vertraut gemacht und nichts weiter vorzubereiten. Warum nicht mit anderen Journalisten essen gehen und ein wenig feiern? Auch wenn ich im Allgemeinen nicht versessen bin auf diese großen, reichlich alkoholisierten Abendessen, nichts sprach gegen ein Bier unter Kollegen. Ich beschloss, mit der nagelneuen U-Bahn zum Ort des Treffens zu fahren, den mir Jonathan genannt hatte, ein bayerisches Gasthaus in der Innenstadt, am Marienplatz. Die U-Bahn, einige Monate zuvor in Betrieb genommen, war ganz offensichtlich der Stolz der Münchner. Vielleicht ein weiteres Thema für eine Reportage, dachte ich, während ich auf einen Zug der U3 wartete. Ich betrachtete den Bahnsteig, auf dem ich, ohne zu zögern, gepicknickt hätte, so sauber glänzte er, und ich musste an unsere alte Londoner U-Bahn mit ihren Holzrolltreppen denken. Hier hatte die deutsche Gründlichkeit wieder Wunder vollbracht.
Offenkundig wollte das Restaurant der Inbegriff bayerischer Folklore sein. Kellnerinnen mit üppigen, in engen Dirndl zur Schau gestellten Brüsten stemmten mit verwirrender Mühelosigkeit Ein-Liter-Bierkrüge, und neben ein paar Jagdtrophäen schmückten Fotos von den Schlössern Ludwigs II. die Wände. Auf der Speisekarte: Weißwürste, Knödel und Wild mit Preiselbeeren. Wollte ich mit einer Reportage alle Klischees über Deutschland bestätigen, müsste ich hier drehen, dachte ich. Die kitschige Innenausstattung, die aufgesetzte Fröhlichkeit der Kellnerinnen und erst recht das schwindelerregende Tempo, mit dem die Deutschen am Nebentisch literweise Bier in sich hineinkippten, standen im Gegensatz zu meinen Erwartungen an den Abend. Ich bedauerte bereits, dass ich mich in diese Touristenfalle hatte locken lassen.
Wir waren etwa zu zehnt: Jonathan und Ron, meine Kollegen von der BBC, mehrere französische Journalisten, zwei Amerikaner und drei Israelis. Ich weiß nicht, wie Jonathan diese Runde zusammengestellt noch wer wen mitgebracht hatte, aber ich fühlte mich schon unwohl, als wir uns einander vorstellten. Von manchen konnte ich mir weder Vor- noch Nachnamen merken, ich beteiligte mich kaum am Gespräch – das in mindestens drei Sprachen um alles Mögliche kreiste – und begnügte mich damit, nützlich zu sein, indem ich die Karte übersetzte. Ich war schüchtern, und diese rein männliche Versammlung erinnerte mich an den Speisesaal während der Jahre im Internat, wo es mir nie gelungen war, meinen Platz zu finden.
Nach mehreren Glas Bier, während wir auf die berühmten Kalbswürste mit süßem Senf warteten, traf mich der Blick eines israelischen Journalisten. Er saß zwei Plätze rechts von Ron, meinem direkten Gegenüber, und er fixierte mich, ohne darauf zu achten, was um uns herum vorging. Sein Blick war so bohrend, dass ich nicht wusste, ob ich darin einfache Neugier oder etwas anderes lesen sollte. Ich versuchte zu lächeln, natürlich zu wirken, aber es gelang mir nicht, ihn zu ignorieren. Es war unmöglich, wegzusehen oder mich an der Unterhaltung der anderen zu beteiligen. Im gedämpften Licht des Restaurants kamen mir seine Augen sehr finster vor, das war alles, was mir einfiel. Ein verstohlenes Lächeln, das man vielleicht ironisch nennen konnte, zeichnete sich auf sein Gesicht. Vielleicht, weil er merkte, dass ich gelähmt war, ja, geradezu erstarrt? Welches Spiel spielte er? Und warum kam es mir so vor, als läge in dieser Aufmerksamkeit noch mehr? Ich war verwirrt, saß wie angenagelt da. Dann gab etwas in mir nach, und ich wollte auf keinen Fall, dass es aufhörte.
Der weitere Abend in jenem Restaurant verschwimmt in der Erinnerung. Ich weiß nicht mehr, wie wir es schafften, im Verlauf der Unterhaltung zueinanderzufinden, auch nicht, ob die anderen etwas bemerkt hatten. Ich weiß nur, dass wir an dem Abend nicht miteinander gesprochen haben. Noch nicht. Auf dem Rückweg muss unsere kleine Truppe sehr viel Lärm in der U-Bahn gemacht haben, denn wir waren alle ziemlich angeheitert. Es gelang uns gerade noch, uns nicht zu verlaufen und zu unseren jeweiligen Unterkünften auf dem Olympiagelände zurückzufinden. Nachdem ich mich vor Haus Nr. 20 von den beiden Kollegen von der BBC verabschiedet hatte, fiel mir wieder ein, dass ich den Mann, der nun mit mir zusammen in Richtung Haus Nr. 22 weiterging, schon einmal gesehen hatte: bei meiner Ankunft im Pressezentrum, als mir sein sorgenvoller Gesichtsausdruck aufgefallen war. Wir waren also im selben Gebäude untergebracht, und es war ganz normal, dass wir denselben Weg einschlugen. Wollte ich mich mit diesem Gedanken beruhigen, war mir das ein Bedürfnis? Wir gingen langsam und schweigend. Die rund fünfzig Meter bis vor unseren Block kamen mir gleichermaßen zu weit und zu kurz vor. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich plötzlich mit diesem Mann allein sein würde, der anscheinend für den israelischen Rundfunk arbeitete. Sollte ich auf diesen etwas zu intensiven Blickwechsel zurückkommen, mich vielleicht sogar bei ihm entschuldigen, oder sollte ich nichts sagen? Inzwischen waren wir bei der Rezeption angekommen und der Fremde verlangte den Schlüssel für Wohnung 55 mit einem amerikanischen Akzent, der meine Verblüffung noch steigerte. Als man mir meinen Schlüssel aushändigte, nachdem ich »Wohnung 53, bitte« gesagt hatte, war klar, dass wir auf demselben Stockwerk wohnten. Doch selbst während der gemeinsamen Fahrt im Aufzug konnte sich keiner von uns beiden entschließen, etwas zu sagen. Der Unbekannte richtete erneut seinen Blick auf mich. Jetzt sah ich, dass seine Augen wirklich sehr dunkel waren, fast schwarz, und ich fühlte dasselbe Prickeln im Unterarm wie vor wenigen Stunden in jener skurrilen Gastwirtschaft. Ich war unfähig zu reagieren, die Situation begann mir zu entgleiten, mir war bewusst, dass die Höflichkeit, die Umgangsformen, dass alles uns dazu drängte, ein Gespräch zu beginnen, uns endlich einander vorzustellen, um wieder einfache Kollegen, Journalisten, zu werden, die aus demselben Grund nach München gekommen waren, dass wir diesen Blickwechsel endlich abbrechen mussten, der schon viel zu lange dauerte, damit wieder Normalität einkehrte, es musste unbedingt ein Ausweg gefunden werden, es musste aufhören.
Der Aufzug hielt in der fünften Etage und entließ uns in einen langen, taghell beleuchteten Flur, ihn zuerst, mich anschließend. Als er vor der Wohnung Nr. 55 auf der linken Seite des Flurs stehenblieb, wurde mir klar, dass er genau gegenüber von dem Apartment wohnte, das ich mit einem gewissen Jim teilte, einem Toningenieur vom Fernsehsender ABC. Wir standen beinahe Rücken an Rücken. Er steckte als Erster den Schlüssel ins Schloss, doch er öffnete nur die Tür, dann drehte er sich zu mir um. Seine rechte Hand suchte die meine und er berührte mit zwei Fingern mein Handgelenk. Ich weiß nicht, wie lange wir so dastanden, bevor ich meinen Schlüssel im Schloss umdrehte. Dann hatte uns die Dunkelheit unserer jeweiligen Wohnungen auch schon verschluckt.

Jean Mattern

Über Jean Mattern

Biografie

Jean Mattern wurde 1965 geboren und wuchs in Deutschland auf. Er lebt in Paris, wo er als Verlagslektor arbeitet. September ist sein vierter Roman.

Pressestimmen

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»Ein atmosphärisch äußerst dichter Roman.«

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»Jean Mattern erzählt in seinem vierten Roman in klarer Sprache, gut recherchiert und gekonnt erzählt die Tragödien um den 5. September 1972. Auch ein Stück Aufklärung darüber, wie Dilettantismus und Machtdünkel Menschenleben kosten können. Lesen!«

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»Jean Mattern veröffentlicht über das Geiseldrama von München 1972 den Roman 'September'.«

Männer

»"September" ist präzise recherchiert, spannend aufbereitet und begeht nicht den Fehler, die tragischen Ereignisse ausschließlich als billige Kulisse für seine Geschichte zu missbrauchen. Er entwickelt einen ganz eigenen Sog, weil die aufkeimende Liebe der beiden Männer immer wieder aufgeschoben werden muss. Das ist gut gemacht, ein geschickt komponiertes Nachdenken über die Leidenschaft in Gedanken, die Liebe im Konditional. Es ist wohl etwas dran, dass die Vorstellungskraft manchmal größer ist als die Lust selbst. Dieser Roman jedenfalls bietet dafür ein konzentriertes und diskretes Beispiel.«

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