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Sein Leben war das traurigste der Welt

Sein Leben war das traurigste der Welt

Friedrich II und der Kampf mit seinem Vater

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Sein Leben war das traurigste der Welt — Inhalt

»Sein Leben war das traurigste der Welt«, schrieb Wilhelmine von Bayreuth über die Jugend ihres Bruders Friedrich II. (1712 – 1786). Tatsächlich erlebte der junge Friedrich eine harte Kindheit, die geprägt war von der Auseinandersetzung mit seinem Vater Friedrich Wilhelm I. Der Stoff des Dramas ist bekannt: hier der polternde, jähzornige »Soldatenkönig«, dort der zart besaitete Kronprinz. Und jeder kennt die schreckliche Szene, in der der Vater befiehlt, dass der Sohn der Hinrichtung seines Freundes Katte zusehen muss. Doch war Friedrich Wilhelm I. felsenfest davon überzeugt, das Beste für seinen Sohn und den preußischen Staat zu tun. Waren die Rollen also tatsächlich so klar verteilt: der Vater der unbarmherzige Richter, der Sohn das unschuldige Opfer?

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 05.10.2011
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95382-5

Leseprobe zu »Sein Leben war das traurigste der Welt«

Einleitung

 

Latein zu lernen – das war aus der Sicht des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. (1688–1740) vergeudete Zeit. Eine tote Sprache, mit der man nichts anfangen konnte. In der Instruktion für die Erziehung des Kronprinzen hielt er daher knapp und bündig fest: »Was die lateinische Sprache anbelangt, so soll mein Sohn solche nicht lernen.«1 Dass Latein immer noch zum klassischen Bildungskanon gehörte, kümmerte den »Soldatenkönig« wenig. Das sah der Lehrer des Kronprinzen, der Hugenotte Jacques Égide Duhan de Jandun (1685–1746), anders und [...]

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Einleitung

 

Latein zu lernen – das war aus der Sicht des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. (1688–1740) vergeudete Zeit. Eine tote Sprache, mit der man nichts anfangen konnte. In der Instruktion für die Erziehung des Kronprinzen hielt er daher knapp und bündig fest: »Was die lateinische Sprache anbelangt, so soll mein Sohn solche nicht lernen.«1 Dass Latein immer noch zum klassischen Bildungskanon gehörte, kümmerte den »Soldatenkönig« wenig. Das sah der Lehrer des Kronprinzen, der Hugenotte Jacques Égide Duhan de Jandun (1685–1746), anders und ließ diesem heimlich Lateinunterricht erteilen. Und dann kam, was kommen musste, wie sich Friedrich der Große noch als König inmitten des Siebenjährigen Krieges mit Schaudern erinnerte: »Ich deklinierte mit meinem Lehrer: mensa, ae, dominus, i, ardor, ris, als plötzlich mein Vater ins Zimmer trat. ›Was machst du da?‹ – ›Papa, ich dekliniere mensa, ae‹, sagte ich in kindlichem Tone, der ihn hätte rühren müssen. ›O du Schurke, Latein für meinen Sohn! Geh mir aus den Augen!‹ Und er verabreichte meinem Lehrer eine Tracht Prügel und Fußtritte und beförderte ihn auf diese grausame Weise ins Nebenzimmer. Erschreckt durch diese Schläge und durch das wütende Aussehen meines Vaters, verbarg ich mich, starr vor Furcht, unter dem Tische, wo ich in Sicherheit zu sein glaubte. Ich sehe meinen Vater nach vollbrachter Hinausbeförderung auf mich zukommen – ich zittere noch mehr; er packt mich bei den Haaren, zieht mich unter dem Tische hervor, schleppt mich so bis in die Mitte des Zimmers und versetzt mir endlich einige Ohrfeigen: ›Komm mir wieder mit deiner mensa, und du wirst sehen, wie ich dir den Kopf zurechtsetze.‹«2 Was Friedrich Wilhelm I. so sehr in Rage gebracht hatte, war die – wie er es sah – Nutzlosigkeit der Beschäftigung seines Sohnes. »Was habe ich davon?«, war die erste Frage, die der König bei allem zu stellen pflegte. Daran war alles zu bemessen. Und im Falle des Lateinischen war die Antwort aus seiner Sicht klar: Nichts!
Für den »Soldatenkönig« gab es nichts Schlimmeres als Müßiggang: »Parol in dieser Welt ist nichts als Müh’ und Arbeit, und wo man nicht … die Nase in allen Dreck selber steckt, so gehen die Sachen nicht, wie sie gehen sollen, denn auf die meisten Bediensteten kann man sich nicht verlassen, wenn man nicht selbst danach sieht.«3 So wie er selbst sollten auch alle seine Untertanen ihre Pflicht erfüllen, ohne zu »räsonniren« (zu klagen). Schon als Kind war er sparsam bis zum Geiz; jede noch so geringfügige Rechnung hielt er in einem penibel geführten Ausgabenbuch fest. Am glücklichsten war Friedrich Wilhelm, wenn er mit seinen Soldaten exerzieren konnte. Nichts erfreute ihn mehr als der Anblick eines hochgewachsenen Grenadiers. Die Lustgärten in Potsdam und Berlin verwandelte er in Exerzierplätze. Hölzerne Stühle zog er dick gepolsterten Sesseln vor, und in einer Zeit, in der die Angst vor dem als Krankheitsüberträger gefürchteten Wasser verbreitet war, wusch er sich täglich mehrmals mit kaltem Brunnenwasser. Auf Reisen machte es ihm nichts aus, in Scheunen zu übernachten. Vergnügungen der barocken Art, wie sie seine Eltern, König Friedrich I. (1657–1713) und Königin Sophie Charlotte (1668–1705), geliebt hatten, waren ihm ein Gräuel. In einer Instruktion mahnte er seinen Nachfolger 1722: »Mein lieber Successor muss auch nicht zugeben, dass in seinen Ländern und Provinzen Komödien, Operas, Ballettes, Maskeraden, Redouten [Maskenbälle mit Tanz] gehalten werden, und ein Gräuel davor haben, weil es gottlos und teuflisch ist, da dadurch Satanas sein Tempel und Reich vermehret werden. «4
Seine Ablenkungen waren einfach gestrickt: Er liebte die Jagd und sein abendliches Tabakskollegium, eine bierselige, rauchgeschwängerte Männerrunde, in der sich der König im Kreis echter und vermeintlicher Freunde ein wenig Entspannung von der ihn förmlich auffressenden täglichen Pflichterfüllung gönnte. In dieser Gesellschaft wollte der König »nur als Privatmann erscheinen« und verbot daher »jede zeremonielle Begrüßung …, so dass … niemand aufstehen durfte, wenn er eintrat«.5 Jeder Teilnehmer der Runde »hatte die Erlaubnis, sich nach seiner Denkungsart mit ungeschminkten Worten auszudrücken, wenn er nur bei der Wahrheit blieb«.6 Unterstrichen wurde der beabsichtigte zwanglose Charakter dieser Veranstaltung auch dadurch, dass keine Diener im Raum waren. Jeder Gast musste sein Bier selbst einschenken; den Salat, der zu Butterbroten und Käse gereicht wurde, machte der König höchstpersönlich an.
Kein anderer Ort ist geeigneter, das Wesen Friedrich Wilhelms I. zu erfassen, als das südlich von Berlin gelegene Schloss Wusterhausen. »Wunderlicher« als dort habe »wohl nie ein König Hof gehalten. Ein ländlicher Gutshaussaal mit Geweihen und jagdlichen Emblemen an Pfeilern und Wänden, eine Tabakstube, die zugleich als Speisekammer an den kalten, regnerischen Tagen diente; zwei Räume für die Königin, die als einzige am Kamin ein wenig schmückende Stukkatur aufwiesen; ein paar enge Kammern für die … Gäste; ein schmales Gelass mit einem steinernen Waschtrog für ihn selbst – dies alles genügte dem König.«7 Bei Manövern wurden sogar noch Soldaten im Schloss einquartiert. In seinen » Wanderungen durch die Mark Brandenburg « zog Theodor Fontane (1819–1898) das Fazit: »Ein prächtiger Platz für einen Waidmann und eine starke Natur, aber freilich ein schlimmer Platz für ästhetischen Sinn.«8
Der französische Philosoph Voltaire (1694–1778) hat über diesen seltsamen Monarchen ein vernichtendes Urteil gefällt: »1740 starb in Berlin … der unwirscheste aller Könige, der unbestreitbar sparsamste und der an flüssigem Geld reichste: der dicke Preußenkönig Friedrich Wilhelm. Sein Sohn … unterhielt seit mehr als vier Jahren eine ziemlich rege Verbindung mit mir. Vielleicht waren auf der ganzen Welt Vater und Sohn sich nie so unähnlich wie diese beiden Monarchen. Der Vater, ein wahrer Vandale, war während seiner ganzen Regierungszeit nur darauf bedacht, Geld anzuhäufen und mit so geringen Kosten wie möglich die schönsten Truppen Europas zu unterhalten … Auf diese Weise brachte er es fertig, in den 28 Jahren seiner Regierung in den Kellern seines Schlosses in Berlin an die 20 Millionen Taler anzuhäufen, die in großen mit Eisenreifen beschlagenen Fässern aufbewahrt wurden … Der Monarch verließ dieses Schloss zu Fuß, in einem schäbigen Rock aus blauem Tuch mit Messingknöpfen …, und wenn er sich einen neuen Rock anschaffte, ließ er die alten Knöpfe verwenden. In diesem Anzug, mit einem dicken Feldwebelknüppel bewaffnet, nahm Seine Majestät täglich die Parade … ab … Wenn Friedrich Wilhelm die Parade abgenommen hatte, spazierte er durch seine Stadt; jedermann ergriffschleunigst die Flucht. Wenn er einer Frau begegnete, fragte er sie, warum sie ihre Zeit auf der Straße vertrödle: ›Scher dich heim, Weib; eine anständige Frau gehört ins Haus.‹ Und er begleitete diese Ermahnung mit einer saftigen Ohrfeige, mit einem Fußtritt in den Bauch oder mit ein paar Stockschlägen. So traktierte er auch die Diener des heiligen Evangeliums, wenn es sie gelüstete, die Parade zu sehen. Es lässt sich denken, wie erstaunt und verdrossen dieser Vandale war, einen geistreichen, anmutigen, höflichen Sohn zu haben, der gefallen und sich bilden wollte, musizierte und Verse schrieb. Sah er ein Buch in den Händen des Kronprinzen, warf er es ins Feuer; spielte der Prinz Flöte, zerbrach er die Flöte; und bisweilen traktierte er die Königliche Hoheit [= den Kronprinzen], wie er die Damen und die Prediger auf der Straße traktierte.«9
Voltaire hat den »Soldatenkönig« nicht persönlich gekannt. Alles, was er über ihn geschrieben hat, wusste er nur vom Hörensagen. Manches mag ihm Friedrich der Große selbst erzählt haben. Daher entbehrt das verheerende Urteil des Philosophen nicht der Fehler und der Übertreibungen, wie sie beim »Hörensagen« gern vorkommen. Doch der Kontrast zwischen König und Kronprinz hätte tatsächlich kaum größer sein können. Und ebendieser Gegensatz war die Saat für das Drama eines Vater-Sohn-Konflikts, das in der gescheiterten Flucht des 18-jährigen Kronprinzen seinen Höhepunkt erreichte.
Konflikte zwischen Herrschern und Thronfolgern waren in der frühen Neuzeit keine Seltenheit. Der erste preußische König Friedrich I. war nach dem Tod des eigentlichen Kurprinzen Karl Emil (1655–1674) immer nur die ungeliebte zweite Wahl seines Vaters geblieben, und auch der »Soldatenkönig« selbst hatte zu seinen Eltern ein problematisches Verhältnis gehabt. Weder konnte er mit dem künstlerischen Mäzenatentum seiner intellektuellen Mutter etwas anfangen noch mit der barocken Sucht nach Selbstdarstellung, die sein Vater zelebrierte. Doch keine dieser Auseinandersetzungen war von einer vergleichbaren körperlichen und seelischen Gewalt begleitet wie der Konflikt zwischen Friedrich Wilhelm I. und Friedrich dem Großen. Keine steuerte fast wie in einer antiken griechischen Tragödie auf einen solchen Höhepunkt zu.
Noch im Siebenjährigen Krieg wachte Friedrich, der damals schon als »der Große« gefeiert wurde, mitten in der Nacht schweißgebadet auf – nicht wegen der Grausamkeiten des Krieges um ihn herum, sondern weil er von seinem Vater geträumt hatte. Seinem Vorleser Henri de Catt (1725–1795) erzählte der König 1759: »Mein Leben ist seit meiner zartesten Jugend bis zu diesem Augenblicke eine Kette von Leiden gewesen. Für einige Freuden habe ich tausend Mühen erfahren, und selbst mitten in den Freuden, die ich genieße, taucht das Bild meines Vaters auf, um sie zu vermindern. Wie rau ist er gegen mich gewesen ! Sie können sich davon keine Vorstellung machen, mein Lieber.«10
Und doch erkannte Friedrich der Große die Lebensleistung des »Soldatenkönigs« in seinen »Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg« ohne Umschweife an: »Er arbeitete an der Wiederherstellung der Ordnung in Finanzwirtschaft, Verwaltung, Rechtspflege und Heerwesen, denn diese Gebiete waren unter der vorangegangenen Regierung gleichermaßen verwahrlost. Er besaß eine arbeitsame Seele in einem kraftvollen Körper. Es hat nie einen Mann gegeben, der für die Behandlung von Einzelheiten so begabt gewesen wäre. Wenn er sich mit den kleinsten Dingen abgab, so tat er das in der Überzeugung, dass ihre Vielheit die großen zuwege bringt. Alles, was er tat, geschah im Hinblick auf das Gesamtbild seiner Politik; er strebte nach höchster Vervollkommnung der Teile, um das Ganze zu vervollkommnen … Er gab das Beispiel einer Sittenstrenge und Einfachheit, die der ersten Zeiten der römischen Republik würdig waren … Ein politisches Ziel schwebte Friedrich Wilhelm bei seiner Reorganisation des Innern vor: Er wollte sich durch ein mächtiges Heer bei seinen Nachbarn in Respekt setzen … Er war der Demütigungen satt, die bald die Schweden, bald die Russen seinem Vater zugefügt hatten, indem sie ungestraft seine Staaten durchquerten … Ein so überlegener Geist wie der Friedrich Wilhelms durchdrang und erfasste die größten Fragen. Besser als irgendeiner von seinen Ministern oder Generalen kannte er die Interessen des Staates.«11
Friedrich Wilhelm I. hatte Preußen geformt, zu einem Staat gemacht, der wie ein Uhrwerk funktionierte. Die viel zitierten preußischen Tugenden – Ordnung, Fleiß, Unbestechlichkeit, Pünktlichkeit, Sparsamkeit, Selbstbeschränkung, Disziplin –, sie gehen in ihrem Ursprung auf den »Soldatenkönig« zurück. Und Friedrich Wilhelm hatte die Staatskasse gefüllt, ohne die sein Sohn keinen einzigen seiner Kriege hätte führen können.
Die Jagd mochte Friedrich der Große als Erwachsener so wenig, wie er sie als Kind gemocht hatte. Musik und Philosophie blieben seine Leidenschaft. Ein guter Christ im Sinne des »Soldatenkönigs« wurde er gleichfalls nicht. Doch in vielen Dingen wurde er seinem Vater ähnlicher, als er es sich in seiner Kindheit je hätte vorstellen mögen. Dazu gehört an erster Stelle das preußische Credo der Pflichterfüllung, wie es Friedrich in seinem zweiten »Politischen Testament« von 1768 formuliert hat: »Pflicht eines jeden guten Bürgers ist es, dem Vaterlande zu dienen, daran zu denken, dass er nicht allein für sich auf der Welt ist, sondern dass er zum Wohle der Gesellschaft, in die die Natur ihn gesetzt hat, arbeiten muss.«12

 

Die Erziehung eines Kronprinzen

 

Die Freude war groß im Haus Hohenzollern, als dem damaligen Kronprinzenpaar Friedrich Wilhelm und Sophie Dorothea (1687–1757) am 24. Januar 1712 endlich ein Sohn geboren wurde – der so dringend ersehnte Thronfolger. Zwar hatte die Kronprinzessin bereits 1707 und 1710 Söhne zur Welt gebracht, doch beide Kinder überstanden das erste Jahr nicht. 1709 wurde Wilhelmine (1709–1758), die älteste Tochter des Paares, geboren. Mit ihr ließen sich diplomatische Ehebande knüpfen, doch den Thron würde sie nie besteigen können. Das Königreich Preußen war durch Erhebung des Kurfürsten zum König erst 1701 gegründet worden, ein angreifbarer Flickenteppich, dessen Rang in Europa noch längst nicht gefestigt war. Ohne einen männlichen Thronfolger wären alle Mühen darum vergeblich gewesen.
Noch lebte König Friedrich I., den Gerüchte für den Tod der ersten beiden Söhne des Kronprinzenpaares verantwortlich gemacht hatten: Bei dem ersten habe er in seiner Begeisterung zu laute Kanonenschüsse abfeuern lassen, dem zweiten die Krone zu fest auf den Kopf gedrückt. Solcher Überschwang würde zwar zu der barocken Persönlichkeit des ersten preußischen Königs passen; zum Tod der Kinder hat sicher weder das eine noch das andere geführt.
Die Kindersterblichkeit im 18. Jahrhundert war hoch, auch in adligen Familien. Gerade deshalb war – männlicher – Nachwuchs für ein Herrscherhaus ungeheuer wichtig. So wichtig, dass es möglichst alle gleich wissen sollten, wenn das glückliche Ereignis denn eintrat. An die Höfe Europas wurde die Nachricht von der Geburt des preußischen Thronerben daher sogleich übermittelt, zumal Mutter und Kind ganz offenkundig gesund waren, wie einem Brief des Königs an seine Schwiegermutter Kurfürstin Sophie von Hannover (1630–1714) zu entnehmen ist: »Gottlob, dass ich durch diese Zeilen Eurer Kurfürstlichen Durchlaucht abermals zu einem Prinzen kann gratulieren; der höchste Gott lasse deroselben an diesem Prinzen noch viel Freude erleben, und dass wir insgesamt Ursache haben, Gott noch ferner dafür zu danken. Die Kronprinzessin befindet sich zur Zeit recht wohl und mein Enkel ebenfalls. Er schreit brav und ist recht fett und frisch.«1
Nach dem Tod der ersten beiden Söhne des Kronprinzenpaares war der Großvater sehr besorgt um die Gesundheit des späteren Thronerben. Der Tod der kleinen Prinzen war möglicherweise durch Entzündungen beim Zahnen hervorgerufen worden. Umso zufriedener konnte der König seiner Schwiegermutter in einem weiteren Brief berichten: »Eure Kurfürstliche Durchlaucht werden sich zweifelsohne mit uns erfreuen, dass der kleine Fritz nunmehr sechs Zähne hat, und [dies] ohne die geringste Incommodität [ Unannehmlichkeit ]. «2
Die wichtigsten Bezugspersonen in den ersten sechs Lebensjahren des kleinen Prinzen waren seine Mutter Sophie Dorothea und seine Gouvernante, Marthe de Roucoulle (1659–1741), die in den Quellen meist nur als »Madame de Roucoulle« bezeichnet wird. Und hier liegt ein weiterer Keim für die kommenden Zerwürfnisse. Denn Sophie Dorothea war das glatte Gegenbild ihres Mannes. Wie ihre Schwiegermutter Sophie Charlotte war sie eine gebürtige Welfin. Sophie Dorothea besaß zwar nicht den intellektuellen Scharfsinn ihrer Vorgängerin, die den berühmten Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) nach Berlin geholt hatte. Doch liebte sie wie diese Maskeraden, Bälle, Opern und Theater, sosehr ihr Mann dergleichen Zerstreuungen ablehnte.
Darüber hinaus legte sie viel Wert auf höfische Etikette und eine entsprechende Tischkultur – wiederum im Gegensatz zu ihrem Mann, der sich in der Rolle des biederen Hausvaters am wohlsten fühlte. Dass man ob seines Geizes hungrig von der königlichen Tafel aufgestanden sei, ist gleichwohl eine (von seiner Tochter Wilhelmine aufgebrachte) Mär: »Die Abstellung des Überflusses, so Friedrich Wilhelm bei seiner Tafel eingeführt hatte, war nicht dergestalt übertrieben, dass diejenigen, die an derselben gezogen zu werden die Ehre hatten, hungrig nach Hause gehen mussten, sondern so viel, als zur vollkommenen Sättigung der Eingeladenen erfordert wurde, war allemal vorhanden.« Allerdings fand man auf seiner Tafel nicht mehr die unter seinem Vater gewohnten » Leckerbissen «, sondern bloß dasjenige, »was unter dem Namen von Hausmannskost bekannt ist und sich für die deutschen Magen am besten schicket«.3 Besonders gern aß der König Erbsensuppe, Schweinefleisch mit Sauerkraut oder Hammelkaldaunen mit Weißkohl und trank dazu Ducksteiner Bier – die Rezepte holte er sich zum Teil bei seinen Spaziergängen durch Potsdam. Duftete es aus einem Haus besonders angenehm, trat der König in die Küche und lud sich selbst zum Essen ein. Dabei ließ er sich auch über die Kosten informieren. Entdeckte er auf den Abrechnungen der Hofküche für die gleichen Speisen höhere Beträge, setzte es für den Koch eine Tracht Prügel. Statt des an anderen Höfen üblichen, fein gemahlenen Weißbrots bevorzugte Friedrich Wilhelm Pumpernickel, also Vollkornbrot aus Roggenschrot – aus heutiger Sicht ernährungsphysiologisch sinnvoll, für einen Adligen des 18. Jahrhunderts eine grauenvolle Vorstellung.
Königin Sophie Dorothea teilte die Vorlieben ihres Mannes keineswegs und brachte ihre Kinder dazu, gegen das Essen an der Tafel des Vaters zu rebellieren. Friedrich Wilhelm hatte für das Repräsentationsbedürfnis seiner Frau zwar wenig Verständnis, doch wenn fürstlicher Besuch nach Berlin kam, wusste selbst er, dass ein entsprechendes Auftreten erwartet wurde, und dann gab es auch an der Tafel des » Soldatenkönigs« erlesene Speisen. Für die Königin waren dies willkommene Abwechslungen. Zudem konnte Sophie Dorothea in ihrem Schloss Monbijou einen gewissen Kontrapunkt zum nüchternen Alltag am Hof ihres Mannes setzen, und an Geburtstagen oder zu Weihnachten ließ sich der König sogar zu kostbaren Geschenken an sie hinreißen. Doch blieb der Haushalt der Königin von den allgemeinen Sparmaßnahmen nicht verschont, was dazu führte, dass sie stets in Geldsorgen steckte. Ein zeitgenössischer Beobachter, der Lingener Regierungspräsident Johann Michael von Loen (1694–1776), stellte bei einem Besuch in Berlin 1717 erstaunt fest: »Ein paar schlechte Kutschen mit sechs alten Pferden bespannet und ein kleiner Mohr zu Seiten; dieses ist gemeiniglich der ganze Aufzug dieser großen Königin.«4 So hatte sich die stolze Welfin ihr Dasein als preußische Königin nicht vorgestellt.
Umso mehr setzte sie daran, ihren ältesten Sohn in Opposition zu seinem Vater zu erziehen. Aus Friedrich sollte einmal kein ungehobelter Grobian werden, sondern ein kultivierter, gebildeter junger Mann, mit dem sich im wahrsten Sinn des Wortes Staat machen ließ. Friedrich Wilhelm I. wiederum, so seltsam dies bei einem solchen Berserker erscheinen mag, wollte vor allem geliebt werden: von seinen Untertanen und natürlich von seiner Familie. Seiner Frau, die er in biederer Zärtlichkeit »Fiekchen« nannte, blieb er ein Leben lang treu. Eine Mätresse zu nehmen wäre mit seinen christlichen Moralvorstellungen niemals in Einklang zu bringen gewesen. Allerdings war er nicht frei von krankhafter Eifersucht, die sich auf die Ehe sehr belastend auswirkte.
Seinem ältesten Sohn sollten die Erzieher begreiflich machen, »dass er keine … Furcht, sondern nur eine wahre Liebe und vollkommenes Vertrauen für mich haben und in mich setzen müsse, da er dann finden und erfahren sollte, dass ihm mit gleicher Liebe und Vertrauen begegnet würde«. Und würde er sich doch einmal »unartig« aufführen, »sollten … sie ihm bedeuten, es der Königin zu hinterbringen, und müssen sie ihm mit derselben alle Zeit schrecken, mit mir aber niemals«.5 Angst vor der Königin sollte Friedrich also schon haben – vor seinem Vater aber nicht! Dahinter steckte offensichtlich die Befürchtung, dass der Kronprinz sich zu sehr an seine Mutter und deren Vorstellungen klammern könnte. Die Zerrissenheit Friedrichs zwischen Vater und Mutter nahm bereits in frühester Kindheit ihren Anfang.
Friedrich Wilhelm I. liebte seinen ältesten Sohn und wollte ihn nach seinem Vorbild formen. Umso größer wurde die Enttäuschung, als sich der Kronprinz in allem zu seinem Gegenteil zu entwickeln schien. Darin liegt der Kern des Konflikts zwischen Vater und Sohn. All die Demütigungen und Schläge sollten ihn auf den richtigen Weg bringen. Dass der »Soldatenkönig« Friedrich damit nicht nur körperlich, sondern auch seelisch tief verletzte, spürte er nicht oder wollte es nicht spüren. Die Bürde des Königtums lastete schwer auf Friedrich Wilhelm I., und seine Sorge war es, dass sein Nachfolger nicht in der Lage sein könnte, diese Bürde zu tragen. Er dachte, Friedrich würde das preußische Königtum aufs Spiel setzen, wenn er nicht ebenso pflichtbewusst, arbeitsam und fromm würde wie der Vater selbst.

Uwe A. Oster

Über Uwe A. Oster

Biografie

Uwe A. Oster, geboren 1964, ist stellvertretender Chefredakteur des Geschichtsmagazins »Damals« und hat zahlreiche Bücher geschrieben. Sein besonderes Interesse gilt der preußischen Geschichte; u. a. veröffentlichte er die Bücher »Wilhelmine von Bayreuth. Das Leben der Schwester Friedrichs des...

Pressestimmen

Der Sonntag

»Uwe A. Oster schreibt spannend und lebensnah über einen der grossen Vater-Sohn-Konflikte in der deutschen Geschichte.«

Südwest Presse

»Eine gut zu lesende Studie über den Vater-Sohn-Konflikt Friedrichs.«

Inhaltsangabe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Erziehung eines Kronprinzen

Gouvernante, Lehrer und Gouverneure • Ein Lehrplan, der es in sich hat • Keine ruhige Minute • Hungrig nach Bildung • Ein Konflikt bahnt sich an • »Ein Querpfeifer und Poet« • »Der glaubt Gespenster …« • Zu Besuch in Dresden • Das Fegefeuer von Wusterhausen • Im »Lustlager« von Mühlberg

Heiratspläne und Hofintrigen

Der Traum von der »gedoppelten Heirat« • Des Königs »Freunde«: Seckendorffund Grumbkow • Jülich-Berg – der Schlüssel zum Erfolg • Charles Hothams gescheiterte Mission

Eine Flucht und ihre Folgen

Ein neuer Fluchthelfer • Reise nach Süddeutschland • Flucht im roten Rock • Eine politische Verschwörung? • Erste Verhöre in Wesel • Häftling in Küstrin • Katastrophenstimmung in Berlin • Der »Arrestant« Friedrich • Das Verhör des »Schurken Fritz« • Kattes Verhängnis • Das Kriegsgericht spricht sein Urteil • Ein königlicher Justizmord? • Die Hinrichtung Kattes • »Ich sterbe mit tausend Freuden für Sie« • Das Schicksal der »Mitverschwörer «

Küstrin – oder: Ein Kronprinz als Lehrling

Ein seltsamer Hofstaat • Ein durchorganisierter Tagesplan • Tage in gepflegter Langeweile • Wie Alexander von Eroberung zu Eroberung • Versöhnung in Raten • Eleonore von Wreech – die geliebte Muse • Die Hochzeit der Schwester • Drohende Hochzeitsglocken • Fazit einer Lehrzeit

Regimentskommandeur in Neuruppin

Enttäuschende Feuertaufe • Vergebliche Hoffnung auf den Thron • »Lustreise« nach Ostpreußen • Zwischen Dienst und Übermut • Hochzeit mit Hindernissen

Glückliche Zeiten in Rheinsberg

» Wahrhaft entzückende Tage « • Friedrich und die Liebe • Die Rheinsberger Tafelrunde • Malerei, Musik und Architektur • Friedrich und die Philosophie • Der »Antimachiavell« • An der Schwelle der Macht

Anmerkungen

Literatur

Register

Bildnachweis

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