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Seht, was ich getan habeSeht, was ich getan habeSeht, was ich getan habe

Seht, was ich getan habe

Roman

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Seht, was ich getan habe — Inhalt

Ein ungeklärter Mordfall, der bis heute die Gemüter erhitzt

»Vater ist tot!« Zutiefst verstört starrt Lizzie Borden ihren Vater an, der blutüberströmt auf dem Sofa liegt. Auch ihre Stiefmutter wird tot aufgefunden – ebenfalls hingerichtet mit einer Axt. Eindeutige Spuren sind an jenem schicksalhaften Morgen des 4. August 1892 kaum auszumachen, dafür häufen sich die Fragen. Denn während die Nachbarn in Fall River, Massachusetts, nicht begreifen, wie einer so angesehenen Familie etwas derart Grausames zustoßen kann, erzählen diejenigen, die den Bordens wirklich nahestehen, eine ganz andere Geschichte: von einem jähzornigen Vater, einer boshaften Stiefmutter und zwei vereinsamten Schwestern. Schnell erklärt die Polizei Lizzie zur Hauptverdächtigen, deren Erinnerung jedoch lückenhaft ist. Wo war sie zum Zeitpunkt der Morde? Saß sie wie so oft unter den Birnbäumen und träumte vor sich hin? Oder ist sie doch verantwortlich für diesen Albtraum?

 

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 01.02.2018
Übersetzt von: Pociao
384 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-435-6
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erscheint am 04.06.2019
Übersetzt von: Pociao
384 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-23527-3
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 01.02.2018
Übersetzt von: Pociao
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99038-7

Leseprobe zu »Seht, was ich getan habe«

TEIL EINS
1 LIZZIE
4. August 1892
Er blutete noch. »Jemand hat Vater getötet!«, schrie ich. Ich atmete petroleumgetränkte Luft, leckte den zähen Belag von den Zähnen. Die Uhr auf dem Kaminsims tickte und tickte. Ich betrachtete Vater: wie sich seine Hände in die Oberschenkel krallten, wie der goldene Ring an seinem kleinen Finger an eine Sonne erinnerte. Ich hatte ihm den Ring zum Geburtstag geschenkt, als ich ihn nicht mehr haben wollte. »Daddy«, hatte ich gesagt, »ich schenke dir diesen Ring, weil ich dich lieb habe.« Er hatte gelächelt und mich auf die [...]

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TEIL EINS
1 LIZZIE
4. August 1892
Er blutete noch. »Jemand hat Vater getötet!«, schrie ich. Ich atmete petroleumgetränkte Luft, leckte den zähen Belag von den Zähnen. Die Uhr auf dem Kaminsims tickte und tickte. Ich betrachtete Vater: wie sich seine Hände in die Oberschenkel krallten, wie der goldene Ring an seinem kleinen Finger an eine Sonne erinnerte. Ich hatte ihm den Ring zum Geburtstag geschenkt, als ich ihn nicht mehr haben wollte. »Daddy«, hatte ich gesagt, »ich schenke dir diesen Ring, weil ich dich lieb habe.« Er hatte gelächelt und mich auf die Stirn geküsst.
Das war nun lange her.
Ich sah Vater an. Ich berührte seine blutende Hand, wie lange dauert es, bis eine Leiche kalt wird?, beugte mich näher über sein Gesicht, bemüht, seinen Blick auf mich zu lenken, und wartete darauf, dass er zwinkerte, mich wiedererkannte. Ich rieb mir mit der Hand über den Mund und schmeckte Blut. Mein Herz raste wie in einem Albtraum, schneller, schneller, während ich Vater anstarrte und sah, wie sein Blut am Hals entlang in den Stoff des Anzugs sickerte. Die Uhr auf dem Kaminsims tickte und tickte. Ich ging aus dem Zimmer, schloss die Tür hinter mir und tastete mich bis zur Treppe, wo ich erneut nach Bridget rief: »Schnell! Jemand hat Vater getötet!« Ich rieb mir über den Mund, leckte über die Zähne.
Bridget kam herunter und brachte den Gestank nach fauligem, fettem Fleisch mit sich. »Miss Lizzie, was …«
»Er ist im Wohnzimmer.« Ich zeigte auf die dicken, tapezierten Wände.
»Wer?« Bridgets Gesicht, gereizt und verwirrt.
»Zuerst dachte ich, er wäre verletzt, aber mir war nicht klar, wie sehr, bis ich näher kam«, sagte ich. Die Sommerhitze glitt an meinem Hals empor wie ein Messer. Meine Hände schmerzten.
»Miss Lizzie, Sie machen mir Angst.«
»Vater ist im Wohnzimmer.« Es war schwierig, irgendetwas anderes zu sagen.
Bridget lief von der Hintertreppe durch die Küche, und ich folgte ihr. Sie rannte zur Wohnzimmertür, legte die Hand auf den Knauf und dreh ihn, dreh ihn.
»Sein Gesicht ist völlig zerfetzt.« Irgendetwas in mir hätte Bridget beinahe in den Raum gestoßen und ihr gezeigt, was ich gefunden hatte.
Sie nahm die Hand vom Knauf und wandte sich zu mir um. Ihr Blick schweifte über mein Gesicht wie der einer Eule. Schweiß rann von ihrer Schläfe bis zum Schlüsselbein. »Was soll das heißen?«, fragte sie.
Wie durch ein kleines Fernglas in meinem Kopf sah ich Vaters Blut, eine Mahlzeit, Reste eines Gelages, zurückgelassen von einem wilden Hund. Die Hautfetzen auf seiner Brust, das Auge, das auf seiner Schulter lag. Sein Körper als Buch der Offenbarung. »Jemand ist hier eingedrungen und hat ihn mit einem Messer angegriffen.«
Bridget zitterte am ganzen Leib. »Wie meinen Sie das, Miss Lizzie? Wie kann jemand sein Gesicht zerfetzt haben?« Ihre Stimme schlug um, wurde weinerlich. Ich wollte nicht, dass sie in Tränen ausbrach, wollte sie nicht trösten müssen.
»Weiß ich auch nicht«, sagte ich. »Möglicherweise mit einer Axt. Wie wenn man einen Baum fällt.«
Bridget begann zu schluchzen, und über meinen Knochen explodierten seltsame Gefühle. Sie wandte sich zur Tür und drehte das Handgelenk, bis sich die Tür einen Spaltbreit öffnete.
»Lauf und hol Dr. Bowen«, sagte ich. Dann spähte ich an ihr vorbei und versuchte, Vater zu sehen, doch es gelang mir nicht.
Bridget drehte sich zu mir um und kratzte sich an der Hand. »Wir müssen uns um Ihren Vater kümmern, Miss Lizzie …«
»Bring Dr. Bowen her.« Ich ergriff ihre Hand, die rau und klebrig war, und führte sie zur Hintertür. »Beeil dich, Bridget.«
»Sie sollten nicht allein bleiben, Miss Lizzie.«
»Und wenn Mrs Borden nach Hause kommt? Sollte ich nicht hier sein, um es ihr zu sagen?« Meine Zähne klapperten kalt gegen meine Zähne.
Sie sah zur Sonne auf. »Na gut, ich versuch, so schnell wie möglich zu machen.«
Bridget rannte derart hastig los, dass die Tür gegen ihren Rücken schlug wie ein Paddel und sie kurz stolperte, als sie auf die Second Street trat. Die weiße Haube war wie ein Segel im Wind. Sie sah sich über die Schulter nach mir um, mit bekümmertem Gesicht, doch ich scheuchte sie mit einer knappen Handbewegung fort. Sie lief weiter und rempelte eine alte Frau an, die ihren Spazierstock verlor und ihr nachrief: »Wohin denn so eilig, Missy?« Bridget achtete nicht auf sie, wie ungehörig, und verschwand aus dem Blickfeld, während die Frau ihren Stock wieder aufhob. Als sie ihn auf das Pflaster stieß, klang er klebrig.
Ich sah Leute vorbeigehen, und es gefiel mir, wie ihre Stimmen die Luft durchdrangen und einem das Gefühl gaben, alles sei in Ordnung. Ich spürte, wie sich mein Mund zu einem Lächeln verzog, als ich sah, wie die Vögel unter den Zweigen des Baums und über sie hinweghüpften. Einen Augenblick lang dachte ich daran, sie zu fangen und in meinen Taubenschlag in der Scheune zu bringen. Was für ein Glück sie hätten, wenn ich mich um sie kümmerte. Ich dachte an Vater, während mein Magen vor Hunger knurrte und ich zum Wassereimer am Brunnen ging, um meine Hände darin zu versenken, schwipp, schwapp. Ich hob die Hände zum Mund und trank, leckte das Wasser mit der Zunge auf. Es war weich und süß. Alles geschah, als hätte sich die Zeit verlangsamt. Ich sah eine tote Taube, die grau und reglos im Hof lag, und mein Magen grummelte. Ich blickte zur Sonne auf, dachte an Vater und versuchte, mich an die letzten Worte zu erinnern, die ich an ihn gerichtet hatte. Schließlich nahm ich eine Birne aus der Gartenlaube und ging zurück ins Haus.
Auf der Küchenanrichte stand ein Teller mit Maiskuchen. Ich bohrte meine Finger in ihre Mitte, bis sie sich in Brocken von Gletschermilch verwandelten. Eine Handvoll davon schleuderte ich gegen die Wand und hörte, wie sie in schlaffen Wellen zerfielen. Dann trat ich zum Herd, zog den Topf mit der Hammelbrühe zu mir heran und holte tief Luft.
Es gab nichts als meine Gedanken und Vater. Ich kehrte zum Wohnzimmer zurück, versenkte die Zähne in der Birne, blieb vor der Tür stehen. Die Uhr auf dem Kaminsims tickte und tickte. Meine Beine fingen an zu zittern, die Füße trommelten gegen den Boden, und ich biss ein Stück Birne ab, um sie zu beruhigen. Hinter der Tür zum Wohnzimmer roch es nach Pfeifentabak.
»Vater«, sagte ich. »Bist du das?«
Ich stieß die Tür ein Stück auf und dann noch ein Stück, meine Zähne in der Birne vergraben. Vater lag auf dem Sofa. Er hatte sich nicht gerührt. Ich hatte knackige Birnenschale im Mund, und der Geruch war wieder da. »Du solltest mit dem Rauchen aufhören, Vater. Deine Haut riecht muffig.«
Auf dem Boden neben dem Sofa lag Vaters Pfeife. Ich klemmte sie mir zwischen die Zähne, meine Zunge presste sich gegen das kleine Mundstück. Ich holte Luft. Draußen hörte ich Bridget schreien wie eine Verrückte: »Miss Lizzie! Miss Lizzie!« Ich legte die Pfeife wieder auf den Boden, meine Finger streiften die Blutlachen, und warf noch einen kurzen Blick auf Vater, ehe ich hinausging und die Tür halb hinter mir zuzog.
Dann öffnete ich die Hintertür. Bridget sah aus, als stünde sie in Flammen, ihr Gesicht war feuerrot. »Dr. Bowen ist nicht zu Hause.«
Ich hätte sie am liebsten angespuckt. »Dann such ihn! Hol jemand, egal, wen. Na los, mach schon.«
Ihr Kopf schleuderte herum. »Solln wir nicht Mrs Borden Bescheid sagen, Miss Lizzie?« Ihre Stimme klang wie das Echo in einer Höhle, Schluss jetzt mit der Fragerei.
Ich stampfte mit dem Fuß auf; das Haus ächzte und stöhnte. »Ich habe dir doch gesagt, dass sie nicht da ist.«
Bridget legte die Stirn in Falten. »Wo ist sie denn? Wir müssen sie holen, schnell.« Lästig, aufdringlich.
»Erzähl mir nicht, was ich zu tun habe, Bridget.« Ich hörte, wie meine Stimme um Türen und Ecken glitt. Das Haus; spröde Knochen unter den Füßen. Alles klang lauter als notwendig, verletzte das Ohr.
»Tut mir leid, Miss Lizzie.« Bridget rieb sich die Hand.
»Geh und such jemand anderes. Vater braucht dringend Hilfe.«
Bridget seufzte tief auf, und dann sah ich ihr nach, wie sie die Straße hinunterlief, an einer Gruppe kleiner Schulkinder vorbei, die Himmel und Hölle spielten. Ich biss erneut ein Stück Birne ab.
Da hörte ich von der anderen Seite des Zauns eine Frau meinen Namen rufen. Es fühlte sich an, als bohrte sie sich in mich hinein. »Lizzie. Lizzie. Lizzie«, drang es in mein Ohr. Ich kniff die Augen zusammen, als die Gestalt auf mich zukam. Dann presste ich das Gesicht gegen das Fliegengitter und setzte die vertrauten Bruchstücke zusammen. »Mrs Churchill?«
»Ist alles in Ordnung, mein Kind? Ich hörte Bridget auf der Straße schreien, und dann sah ich dich so verloren an der Tür stehen.« Mrs Churchill kam auf das Haus zu und zupfte an ihrer roten Bluse.
An der Tür fragte sie noch einmal. »Ist alles in Ordnung mit dir, Kleines?«, und mein Herz raste, schnell, schneller, als ich sagte: »Kommen Sie rein, Mrs Churchill. Jemand hat Vater getötet.«
Ihre Augen und ihre Nase verzogen sich, ihr Mund formte ein stummes O. Aus dem Keller kam ein lauter Knall; mein Hals zuckte.
»Das ist doch Unsinn«, sagte sie mit erstickter Stimme. Ich öffnete die Tür und ließ sie eintreten. »Was ist passiert, Lizzie?«, fragte sie.
»Weiß ich nicht. Ich kam ins Wohnzimmer, und da lag er, halb zerstückelt. Er ist da drin.« Ich deutete zum Wohnzimmer.
Mrs Churchill bewegte sich langsam in die Küche, rieb sich mit dicken, sauberen Fingern über die Rote-Königin-Wangen, über das goldene Halsband mit der Kamee und bedeckte dann mit beiden Händen die Brust. Dort in all seiner Pracht der diamantenbesetzte goldene Ehering, den hätte ich auch gern. Ihr Busen wogte, weiche Brüste, mit denen sie ihre Kinder gestillt hatte. Ich wartete darauf, dass ihr Herz den Brustkorb sprengte und auf den Küchenboden fiel.
»Ist er allein?« Wie eine Maus.
»Ja. Sehr.«
Mrs Churchill ging ein paar Schritte auf das Wohnzimmer zu, blieb dann stehen und drehte sich zu mir um. »Soll ich hineingehen?«
»Er ist sehr schwer verletzt, Mrs Churchill. Aber Sie könnten. Wenn Sie wollten.«
Sie wich zurück und kam wieder zu mir. Ich zählte nach, wie oft ich Vaters Leiche gesehen hatte, seit ich sie gefunden hatte. Mein Magen knurrte.
»Wo ist deine Mutter?«, fragte sie.
Ich verdrehte den Kopf zur Decke, ich hasse dieses Wort, und schloss die Augen. »Sie wollte eine kranke Verwandte besuchen.«
»Wir müssen ihr dringend Bescheid sagen, Lizzie.« Mrs Churchill zog an meiner Hand, als wollte sie mich in Bewegung setzen.
Meine Haut juckte. Ich löste mich aus ihrem Griff und kratzte meine Handfläche. »Ich will sie jetzt nicht stören.«
»Sei nicht albern, Lizzie. Das ist ein Notfall.« Sie schimpfte mit mir, als wäre ich ein kleines Kind.
»Sie können ihn sehen, wenn Sie wollen.«
Verwirrt schüttelte sie den Kopf. »Ich glaube nicht, dass ich …«
»Ich meine, wenn Sie ihn sehen würden, wüssten Sie, warum es keine gute Idee ist, Mrs Borden zu verständigen.«
Mrs Churchill legte ihren Handrücken auf meine Stirn. »Du fühlst dich ganz heiß an, Lizzie. Du kannst nicht klar denken.«
»Mir geht es gut.« Meine Stirn entzog sich ihrer Hand.
Ihre Augen weiteten sich, drohten, aus den Höhlen zu springen, und ich beugte mich dicht zu ihr hinüber. Sie fuhr zusammen. »Vielleicht sollten wir lieber nach draußen gehen, Lizzie …«
Ich schüttelte resolut den Kopf. »Nein, Vater darf nicht allein bleiben.«
Mrs Churchill und ich standen nebeneinander vor der Tür zum Wohnzimmer. Ich konnte hören, wie sie atmete, wie ihr Speichel schwer über den Gaumen glitt, ich nahm den Duft nach Nelke und Olivenölseife in ihrem Haar wahr. Das Dach knarrte, und die Tür zum Wohnzimmer öffnete sich ein winziges Stück weiter. Meine Zehen krümmten sich, ein Schritt und noch einer, so war ich meinem Vater ein bisschen näher gekommen. »Mrs Churchill«, sagte ich. »Was glauben Sie, wer die Leiche waschen wird, wenn es so weit ist?«
Sie sah mich an, als hätte ich eine fremde Sprache benutzt. »Das … weiß ich auch nicht.«
»Vielleicht könnte meine Schwester das übernehmen.« Ich drehte mich zu ihr, sah, wie Trauer über ihre Stirn huschte, und schenkte ihr ein Lächeln, Kopf hoch, na los, Kopf hoch!
Ihre Lippen teilten sich wie ein Meer. »Darüber brauchen wir uns jetzt nicht den Kopf zu zerbrechen.«
»Ach so. Na gut.« Ich wandte mich wieder der Wohnzimmertür zu.
Eine Weile blieben wir beide stumm. Meine Handfläche juckte. Ich spielte mit dem Gedanken, die Zähne zum Kratzen zu benutzen, und hob die Hand zum Mund, als Mrs Churchill plötzlich fragte: »Wann ist es passiert, Lizzie?«
Rasch senkte ich die Hand wieder. »Das weiß ich nicht. Ich war kurz rausgegangen, dann kam ich wieder, und er war verletzt. Bridget war oben. Und jetzt ist er tot.« Ich versuchte zu denken, aber alles hatte sich verlangsamt. »Ist das nicht komisch? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was ich getan habe. Passiert Ihnen das auch manchmal … dass Sie die einfachsten Dinge vergessen?«
»Vermutlich schon, ja.« Ihre Worte schwappten einfach so aus dem Mund.
»Er sagte, er fühle sich nicht wohl und wolle allein sein. Ich gab ihm einen Kuss, ließ ihn auf dem Sofa liegen und ging nach draußen.« Das Dach knackte. »Das ist alles, woran ich mich erinnere.«
Mrs Churchill legte mir die Hand auf die Schulter und drückte sie, bis mir ganz heiß und kribbelig wurde. »Überanstrenge dich nicht, mein Kind. Das ist alles sehr … ungewöhnlich.«
»Da haben Sie recht.«
Mrs Churchill tupfte sich über die Augen, die vom Weinen und Reiben gerötet waren. Sie machte einen seltsamen Eindruck. »Das kann nicht sein«, sagte sie. Irgendwie sah sie eigenartig aus, und ich versuchte, nicht an Vater zu denken, der allein auf dem Sofa lag.
Meine Haut juckte. Ich kratzte. »Ich habe wirklich Durst, Mrs Churchill.«
Sie starrte mich an, mit geröteten Augen, und ging dann zur Anrichte. Dort goss sie mir eine Tasse Wasser aus der Kanne ein. Das Wasser sah trüb und warm aus. Ich nahm einen Schluck. Ich dachte an Vater. Das Wasser war wie Teer in meiner Kehle. Ich hätte es auf den Boden kippen und Mrs Churchill bitten sollen, es aufzuwischen, mir frisches Wasser zu holen. Ich nahm noch einen Schluck. »Danke«, sagte ich und lächelte.
Mrs Churchill kehrte zu mir zurück, legte den Arm um meine Schulter und hielt sich an mir fest. Sie drückte sich gegen mich und fing an zu flüstern, doch dann stieg mir ein Geruch nach saurem Joghurt von irgendwo in ihrem Innern in die Nase, und mir wurde übel. Ich schob sie weg.
»Wir müssen deiner Mutter Bescheid sagen, Lizzie.«
Von draußen kamen jetzt Geräusche, näherten sich einer Seite des Hauses. Mrs Churchill flog zur Hintertür und öffnete sie. Vor mir standen jetzt Mrs Churchill, Bridget und Dr. Bowen. »Ich hab ihn gefunden, Miss«, sagte Bridget und bemühte sich, ihren Atem zu beruhigen, sie hechelt wie ein alter Köter. »Ich bin so schnell gelaufen, wie ich konnte.«
Dr. Bowen schob die runde Nickelbrille auf der schmalen Nase nach oben und fragte: »Wo ist er?«
Ich deutete in Richtung Wohnzimmer.
Dr. Bowen, seine gerunzelte Stirn. »Alles in Ordnung, Lizzie? Hat jemand versucht, dir etwas anzutun?« Seine Stimme war weich, wie Milch und Honig.
»Mir etwas anzutun?«
»Derjenige, der deinen Vater verstümmelt hat. Er hat nicht versucht, auch dir etwas anzutun, oder?«
»Ich habe niemanden gesehen. Niemand ist verstümmelt außer Vater«, gab ich zurück. Die Dielen des Fußbodens dehnten sich unter meinen Füßen, und einen Moment lang glaubte ich zu versinken.
Dr. Bowen stand vor mir und griff nach meinen Handgelenken, große Hände. Sein Atem streifte meinen Mund. Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen. Seine Finger pressten sich gegen meine Haut, bis Blut floss. »Dein Puls ist zu schnell, Lizzie. Ich kümmere mich darum, sobald ich nach deinem Vater gesehen habe.«
Ich nickte. »Möchten Sie, dass ich mitkomme?«
Dr. Bowen. »Das ist … nicht notwendig.«
»Ah«, sagte ich.
Dr. Bowen zog sein Jackett aus und reichte es Bridget. Er griff nach seiner alten ledernen Arzttasche und ging zum Wohnzimmer. Ich hielt den Atem an. Er öffnete die Tür, als führte sie zu einem Geheimnis, und schob sich ins Zimmer. Ich hörte, wie er laut nach Luft schnappte und »Lieber Himmel!« murmelte. Die Tür stand gerade weit genug offen. Irgendwo hinter mir schrie Mrs Churchill auf, und ich drehte mich nach ihr um. Dann schrie sie erneut, so wie Menschen in Albträumen schreien, und das Geräusch rasselte durch meinen Körper, bis meine Muskeln sich schmerzhaft anspannten.
»Ich wollte ihn nicht sehen. Ich wollte ihn nicht sehen«, kreischte Mrs Churchill. Dann heulte auch Bridget auf und ließ Dr. Bowens Jackett fallen. Die beiden Frauen hielten sich aneinander fest und schluchzten.
Ich wollte, dass sie aufhörten. Es gefiel mir nicht, wie sie auf Vater reagierten, sie stellen ihn bloß. Ich trat zu Dr. Bowen, stellte mich neben ihn an den Rand des Sofas, um den Blick auf Vaters Leiche zu versperren. »Gehen Sie nicht da rein, Miss Lizzie«, rief Bridget. Es war still im Wohnzimmer, und Dr. Bowen schob mich zur Seite. »Lizzie«, sagte er. »Du hast hier nichts verloren.«
»Ich will nur …«
»Du darfst hier nicht bleiben. Hör auf, deinen Vater anzusehen.« Er bugsierte mich hinaus und schloss die Tür. Mrs Churchill schrie noch einmal auf, sodass ich mir die Ohren zuhielt. Ich lauschte meinem Herzschlag, bis sich alles taub anfühlte.
Nach einer Weile kam Dr. Bowen blass und verschwitzt wieder heraus und sagte: »Rufen Sie die Polizei.« Dann biss er sich auf die Lippen, sein Kiefer klang wie ein kleiner Donner. An seinen Fingerspitzen klebten kleine Tropfen von Blut, Konfetti, und ich versuchte mir vorzustellen, wie sie Vater berührt hatten.
»Sie sind auf ihrem alljährlichen Picknick«, flüsterte Mrs Churchill. »Auf der Wache wird niemand anzutreffen sein.« Dann rieb sie sich die Augen, bis sie wund waren.
Ich wollte, dass sie aufhörte zu schluchzen, deshalb sagte ich lächelnd: »Schon gut. Irgendwann kommen sie wieder. Alles wird wieder gut, nicht wahr, Dr. Bowen?«
Der Arzt musterte mich, und ich betrachtete seine Hände und dachte an Vater.

Ich war vier, als ich Mrs Borden kennenlernte. Sie ließ mich löffelweise Zucker essen, wenn Vater nicht hinsah. Wie sang meine Zunge! »Kannst du ein Geheimnis für dich behalten, Lizzie?«, fragte Mrs Borden.
Ich nickte. »Ich kann die größten Geheimnisse behalten.« Nicht einmal Emma hatte ich gesagt, dass ich unsere neue Mutter lieb hatte.
Sie schob mir löffelweise Zucker in den Mund; meine Wangen waren prall von dem süßen Zeug. »Dann behalten wir unser Zuckerfrühstück am besten für uns.«
Ich nickte und nickte, bis mir alles vor den Augen verschwamm. Später, als ich durchs Haus rannte, »Karoo! Karoo!« schrie und über das Sofa im Wohnzimmer kletterte, rief Vater: »Emma, hast du Lizzie vom Zucker essen lassen?«
Emma kam mit gesenktem Kopf ins Wohnzimmer. »Nein, Vater. Ich schwöre.«
Ich lief an ihnen vorbei, und Vater packte mich am Arm. Ich spürte den Ruck im Gelenk. »Lizzie«, sagte er, während ich kicherte und versuchte, ihm auszuweichen. »Hast du etwas Verbotenes gegessen?«
»Nur Obst.«
Vater beugte sich dicht über mein Gesicht. Er roch nach Butterkuchen. »Und sonst nichts?«
»Sonst nichts.« Ich lachte.
Emma musterte mich und versuchte, mir in den Mund zu spähen.
»Lügst du etwa?«, fragte Vater.
»Nein, Daddy. Das würde ich nie tun.«
Er sah mich forschend an und suchte sogar in den Grübchen meiner Wangen nach Zeichen von Ungehorsam. Ich lächelte. Er lächelte. Und dann war ich schon wieder weg, tollte herum, und als ich in der Küche an Mrs Borden vorbeirannte, zwinkerte sie mir zu.

Wenig später traf die Polizei ein und machte Fotos von dem dunkelgrauen Anzug, den Vater an diesem Morgen zur Arbeit getragen hatte, und von den schwarzen Lederstiefeln, die seine Füße bis zu den Knöcheln bedeckten. Alle sechs Sekunden flammte ein Blitzlicht auf. Der junge Polizeifotograf erklärte, er wolle den Kopf des alten Mannes nicht aufnehmen. »Könnte das vielleicht jemand anderes übernehmen? Bitte?«, sagte er und strich sich mit der Hand über die Stirn, als tropfte Öl von seinem Kopf.
Ein älterer Polizist sagte, er solle hinausgehen, bis sie einen echten Mann gefunden hatten, der die Aufgabe zu Ende brachte. Dabei brauchten sie gar keinen Mann. Eine Tochter würde reichen. Ich hatte Vater den ganzen Morgen liebevoll betrachtet; sein Gesicht flößte mir keine Angst ein. Ich hätte sie fragen sollen: »Wie viele Fotos brauchen Sie? Wie nah soll ich rangehen? Welcher Winkel führt Sie zu dem Mörder?«
Stattdessen injizierte Dr. Bowen mir eine wunderbar warme Medizin, nach der ich mich federleicht und seltsam fühlte. Sie setzten mich mit Mrs Churchill und Bridget ins Esszimmer und sagten: »Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir Ihnen ein paar Fragen stellen, oder?«
Der kleine Raum war erfüllt von einem widerlich süßen Geruch nach warmen Körpern, Gras und Polizeiatem, der nach halb verdautem Hühnchen und feuchter Hefe stank. »Natürlich nicht«, erwiderte Mrs Churchill. »Aber ich möchte mich nicht darüber auslassen müssen, in welchem Zustand Mr Borden war.« Sie brach in Tränen aus und machte Geräusche, die an einen Wirbelwind erinnerten. Im Geiste schwebte ich ins obere Stockwerk des Hauses, wo alles wie ein Echo war. Ich dachte an Vater.
Ein Polizist kniete vor mir, legte eine Hand auf die meine und flüsterte: »Wir werden herausfinden, wer es getan hat, und den Täter mit allen Kräften verfolgen.«
»Menschen sind zu schrecklichen Taten fähig«, sagte ich.
»Ja, da haben Sie vermutlich recht«, nickte der Polizist.
»Ich hoffe, dass Vater keine Schmerzen erleiden musste.«
Der Mann starrte auf seine Hände und räusperte sich. »Ich bin mir sicher, dass er nicht allzu viel gemerkt hat.« Er griff nach seinem Notizbuch. »Vielleicht könnten Sie mir alles erzählen, woran Sie sich von diesem Morgen erinnern.«
»Ich weiß nicht …«
»Es gibt keine falschen Antworten, Miss Borden.« Seine einschläfernde Stimme, ein Singsang. Der hüpfende Adamsapfel erinnerte mich an Halloweenspiele.
Ich sah dem Polizisten in die Augen und grinste, es gibt keine falschen Antworten, wie nett von ihm, mich zu beruhigen. Ich war überzeugt, dass Gott ihn von nun an mit Wohlwollen betrachten würde. »Ich war draußen in der Scheune, und als ich wiederkam, fand ich ihn.«
»Erinnern Sie sich, warum Sie in der Scheune waren?«
»Ich hatte versucht, ein Senkblei für meine Angelschnur zu finden.«
»Sie wollten angeln gehen?« Kritzel, kritzel.
»Mein Onkel nimmt mich immer mit. Sie sollten mal sehen, was ich alles fangen kann.«
»Sie erwarten seinen Besuch?«
»Oh, er ist schon da. Er ist hier.«
»Wo?«, fragte der Polizist wie ein Pony auf der Suche nach Futter.
»Im Moment ist er unterwegs, um etwas Geschäftliches zu erledigen. Er ist gestern angekommen.«
»Wir müssen ihm einige Fragen stellen.«
»Warum?« Meine Finger schlugen gegeneinander, poch, poch, poch, poch, bis ins Zentrum meines Körpers hinein. Ich folgte dem Gefühl, blickte an mir selbst hinab und bemerkte eine weiche graue Taubenfeder, die an meinem Rock klebte. Ich zupfte sie ab und rieb sie zwischen den Fingern; mir wurde heiß und schwül.
»Es tut mir leid, so direkt zu sein, Miss, aber es handelt sich um Mord. Wir müssen Ihren Onkel fragen, ob er draußen etwas Ungewöhnliches bemerkt hat.«
Ich strahlte ihn an. »Ja. Ja, natürlich.« Ich quetschte die Taubenfeder in meine Faust und hielt sie fest wie die Liebe.
Der Polizist fragte immer weiter. Mein Blick schweifte durch das Zimmer, dann zur Decke empor, als versuchte er, durch den spinnwebartig gesprungenen Putz und das Holz in den Raum über uns zu spähen: Ein paar Stunden zuvor war ich dort oben gewesen und hatte zugesehen, wie Vater und Mrs Borden einander bei der Vorbereitung auf den Tag behilflich waren. Mrs Borden hatte ihr dichtes hellgraues Haar geflochten und zu einem Knoten geschlungen, und Vater hatte gesagt: »Charmant wie immer, meine Liebe.« Das kam gelegentlich vor, dass sie so freundlich und liebevoll miteinander waren. Der Polizist stellte immer neue Fragen, und in meinem Kopf breitete sich allmählich Nebel aus.
Neben mir hörte ich Bridgets hohe Piepsstimme, mit der sie einem zweiten Polizisten antwortete. »Ihre Schwester ist zu Besuch bei ’ner Freundin in Fairhaven. Schon seit …«
»Zwei Wochen«, unterbrach ich sie. »Sie ist seit zwei Wochen dort, und es wird Zeit, dass sie nach Hause kommt.«
Der zweite Polizist nickte. »Wir werden sie umgehend zurückbeordern«, sagte er schroff.
»Gut. Ich kann das nicht alles allein regeln.«
»Ich schließ die Türen ab«, sagte Bridget plötzlich. »Das Haus ist Tag und Nacht verschlossen.« Der zweite Polizist machte sich Notizen und kritzelte so wütend in sein Heft, dass sich Schweißperlen auf seinem dichten Schnurrbart sammelten. Manchmal wurde auch Vaters Bart feucht vor Ärger, und wenn er mit einem sprach und dem Gesicht so nahe kam, dass man seine Worte auch wirklich verstand, übertrug sich diese Feuchtigkeit auf das eigene Kinn und sickerte in die Haut ein. Der Nebel hatte sich in meinem Kopf festgesetzt. Ich hatte das Bedürfnis, Bart und Gesicht meines Vaters zu streicheln, bis er wieder so aussah wie vorher. Ich warf einen Blick zum Wohnzimmer.
»Und Sie sind sich sicher, dass die Türen auch heute Morgen abgeschlossen waren?«, fragte der zweite Polizist Bridget jetzt.
»Ja. Ich musste die Tür heute Morgen aufschließen, um den armen Mr Borden reinzulassen, als er viel zu früh von der Arbeit kam.«
Ich musste lächeln, als ich hörte, wie Bridget über meinen Vater sprach. Dann wandte ich mich ihr und dem Polizisten zu. »Aber es kommt schon mal vor, dass die Tür zum Keller nicht verschlossen ist«, sagte ich.
Bridget sah mich von oben bis unten an. Ihre raupendicken Augenbrauen bildeten Risse wie die Erde, und der zweite Polizist machte sich fleißig Notizen, Notizen. Meine Füße zeichneten Kreise auf dem Boden. Ich riss die Augen auf und spürte, wie sich das Haus erst nach links, dann nach rechts neigte und die Hitze in die Mauern eindrang. Alle zerrten am Kragen, um die enge Bekleidung zu lockern. Ich saß still und hielt meine Hände gefaltet.
Draußen hörte ich Schwärme von Menschen, die sich vor dem Haus versammelten. Stimmen wie Kanonenschüsse. Ich schwankte in der Hitze, hörte, wie die Nägel in den Dielen nachgaben. Taubenfüße trippel-trappelten über das Dach, und ich dachte an Vater. Die Sonne bewegte sich hinter einen Schatten, und das Haus knarrte. Ich fuhr auf meinem Stuhl zusammen. Bridget fuhr auf dem ihren zusammen. Mrs Churchill auch. »Scheint, als hätten wir alle Angst«, sagte ich und hätte am liebsten gelacht. Mrs Churchill fing wieder an zu schluchzen, und ich bekam eine Gänsehaut. In meinem Kopf hämmerte mir ein Schlächter den Verstand zu den Ohren hinaus auf den Esstisch. Das Korsett zwängte meine Rippen ein, und unter den Armen und zwischen den Beinen bildeten sich kleine Tümpel von Schweiß. Bridget stand auf, zupfte den schmuddelig weißen Rock von der Rückseite ihrer Schenkel und trat zu Mrs Churchill, um sie zu trösten. Die beiden unterhielten sich leise. Die Polizisten machten sich Notizen, gingen ein und aus und beobachteten mich.
Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht und ließ die Feder auf den Teppich fallen, als ich winzige Tropfen von Blut auf den Fingern entdeckte. Ich hielt sie an die Nase und steckte sie dann in den Mund. Ich leckte, schmeckte Vater, schmeckte mich selbst. Ich blickte hinab auf meinen Rock, entdeckte auch dort Blutflecken. Ich starrte darauf, sah, wie sie sich in Flüsse auf meinem Schoß verwandelten, ich kenne diese Flüsse!, und dachte an die Zeiten, als ich mit Emma im Quequechan River gespielt hatte, als wir beide noch jünger waren, und wie Vater uns vom Ufer aus zurief: »Geht nicht zu weit hinein. Man kann nie wissen, wie tief es hier ist.«
Mein Körper sehnte sich nach einer Vergangenheit mit Emma und Vater: Ich wollte wieder klein sein. Ich wollte schwimmen, dann angeln, wollte, dass Emma und ich in der Sonne trockneten, bis unsere Haut glühte. »Komm, wir spielen Bären!«, sagte ich zu ihr; wir wurden braun und riesig und schlugen uns gegenseitig mit unseren Bärentatzen auf die schwarze Nase. Emma kratzte mir die Haut blutig, und ich bohrte meine Klauen in ihre pelzbedeckten Rippen auf der Suche nach dem Herz. Emma wollte erneut zuschlagen, doch dann sagte Vater: »Emma, sei lieb zu Lizzie«, und wir umarmten uns.

Erst zwei Jahre zuvor hatte ich meine Bildungsreise nach Europa gemacht. Welche Freiheit hatte ich dort! Emma war nicht da, um mir zu sagen, wie ich mich benehmen oder was ich sagen sollte, und so genoss ich jede Sekunde. Auf Vaters Drängen hin war ich mit Verwandten gefahren, geborenen und angeheirateten Bordens, mit denen ich zu Hause kaum ein Wort wechselte. Wir setzten die Segel, schluckten die Winde des Ozeans und lernten, den Wellen zu trotzen. Was stellten wir alles an!
Rom. Meine in Boston fabrizierten Schuhe blieben im Kopfsteinpflaster stecken, sodass ich ständig stolperte und mich lächerlich machte. Ich kaufte neue, italienische Kalbslederstiefel, ging schnurgeradeaus, ging, wie eine Dame gehen sollte – ohne Aufsehen zu erregen. Ich schritt dahin, und meine Ohren waren erfüllt von dem schnellen Italienisch ringsum, bis ich am liebsten in den Singsang, der von einem Mund zum anderen flog, hineingesprungen wäre.
Alles erinnerte mich daran, wie klein Fall River war und wie groß ich endlich wurde. Dort drüben die Spanische Treppe, bedeckt von blühendem Lavendel und teppichroten Azaleen. Männer und Frauen stiegen hinauf, mit sonnengebräunten Gesichtern und geküssten Lippen; zwei schwarz-weiß gemusterte Ziegen zogen einen kleinen grauen Karren mit orangerotem und grünem Gemüse, und ich stand mit meiner Cousine am Fuß eines marmornen Brunnens, zeigte auf ein dunkelrotes römisches Gebäude und flüsterte: »Dort lebte John Keats!«, bin ich nicht kultiviert?
Dort drüben trugen die Männer mit Kaninchenfell gefütterte Fedoras, saßen an einem runden Tisch und tranken starken schwarzen Kaffee. Dort drüben kleideten sich die Frauen alle in züchtige Spitze. Dort drüben drei Leser. Dort drüben schüttelten Tauben ihr Gefieder und pickten nach Körnern. Wie gern hätte ich eine mit nach Hause genommen. Dort drüben, dort drüben, dort drüben. Meine Augen weiteten sich angesichts all der Dinge, die ich entdeckte. Ich wusste mehr von der Welt als Emma, und das machte mich glücklich. Ich schickte ihr eine Postkarte nach der anderen, damit sie nicht das Gefühl hatte, etwas zu verpassen, schickte ihr Grüße und gab ihr jeden Grund, mich noch mehr zu vermissen.
In Paris aß und trank ich, was ich wollte. Butter, Entenfett, Leberfett, Sahnebrie, dunkelrote Weintrauben, Birnen-, Clementinen- und Lavendelgelee, Buttercremetorten, Kaviar, Schnecken mit gerösteten Pinienkernen und Knoblauchbutter. Ich tat es den Franzosen gleich und leckte meine Finger ab, ohne darauf zu achten, was die Leute von mir dachten, wenn sie es sahen. Vater hätte es missbilligt und mich als ungehobelt bezeichnet. Ich aß alles auf, ich aß sein Geld und war bezaubernd, wohin ich auch ging. Ich lernte, meine Zunge um besonders betonte Vokale zu wickeln oder mich mit wildfremden Leuten zu unterhalten. Niemand kannte mich; niemand erwartete etwas von mir. Wäre es nach mir gegangen, hätte es immer so bleiben können.
Ich, die Entdeckerin. Wie bin ich überall herumgelaufen. Eines Tages sah ich eine Frau, die sich in die Seine stürzte und wie ein Schwan unter den gebogenen weißen Brücken und Pont Saint-Michel entlangschwamm. Die Geräusche, die sie dabei machte – eine Oper. Sie lächelte, trieb fort und verschwand. Ich klatschte in die Hände und rief Bravo!, um sie dazu zu beglückwünschen, wie sie die Verantwortung für sich selbst übernahm. Hätte nur Emma das sehen können! Wie weit man als Frau kommen konnte, wenn man sich wirklich darauf konzentrierte. Und das tat ich.

Mein Rock klebte an den Schenkeln. O Gott! Blutsauger! Ich löste den schweren Stoff von der Haut und versuchte, die winzigen Blutflecken darauf zu verbergen. Vom Wohnzimmer aus öffnete Dr. Bowen eine der Türen zum Esszimmer und sagte: »Wir brauchen Laken für die Leiche.« Als ich hörte, wie er »Leiche« sagte, biss ich die Zähne zusammen. Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her und bemühte mich, einen Blick ins Wohnzimmer zu werfen, um nachzusehen, ob mit Vater alles in Ordnung war.
»Bridget, wo bewahren die Bordens ihre Bettwäsche auf?«, fragte Mrs Churchill.
»Im Schrank im Gästezimmer. Ich komme mit Ihnen.«
»Sie müssen über die Hintertreppe gehen, meine Damen«, erklärte ihnen der Polizist. »Halten Sie sich vom Wohnzimmer fern.«
Sie nickten und verließen den Raum. Ihre Schritte erzeugten einen leisen, regelmäßigen Rhythmus, als sie die mit einem Teppich belegte Treppe hinaufgingen. Jemand reichte mir ein Glas Wasser. Ich nahm einen Schluck. Die Uhr auf dem Kaminsims tickte und tickte. Ich nahm noch einen Schluck. Dr. Bowen legte mir die Hand auf die Stirn und fragte, wie es mir gehe. Ich wollte gerade antworten, als zwei lang gezogene Schreie aus dem oberen Stockwerk kamen. »Was um Himmels willen …?«, sagte Dr. Bowen.
Und noch einmal erklangen zwei lange Schreie. »Hilfe! Zu Hilfe!«, kreischte Bridget. Die Schreie, die Schreie.
2 EMMA
4. August 1892
Ich stand an Helens Fensterscheibe gelehnt und spürte die Morgensonne warm wie Mutters Berührung. Wie sie auf meiner Haut brannte. Wie sie mich an sie erinnerte, an all die Jahre ohne sie. Sie war in mein Zimmer gekommen und hatte die Vorhänge zurückgezogen. Ich hatte mir so gewünscht, dass sie blieb, dass ich sie sein könnte, damit ich sie für immer für mich hatte. Doch im Nebenzimmer schrie Baby Alice, und Mutter lief hinüber. Ließ mich allein. Jahre später schrie Baby Lizzie, und ich begann zu verstehen, dass es so etwas wie für immer nicht gibt.
Die Morgensonne. Ein Vogel flog am Fenster vorbei, und ich schob die Gedanken an Mutter beiseite.
In Helens Haus war alles still: keine Uhr, keine Schritte auf den Dielen, keine erhobenen Stimmen, keine zugeknallten Türen, kein Vater, keine Abby, keine Schwester. Meine Wangen wurden groß und rund wie Heißluftballons. Ich hatte seit zwei Wochen keine Schwester mehr gehabt, hatte mich nicht mit den Nöten, Gefühlen und dem Innenleben von jemand anderem beschäftigen müssen. In diesem Haus hatte ich meine Seele nur für mich.
Ich presste mich stärker gegen die Scheibe und dachte daran, wie ich, wenn ich hier in Fairhaven fertig war, mein Zuhause verlassen würde, über fremde, blau gepflasterte Straßen reisen, sie in meiner Arbeitsmappe skizzieren und dabei meine Finger mit pastellfarbigen Wachsstiften beflecken würde. Anschließend würde ich mir im tiefen Meer die Hände waschen und für den abwegigen Fall, dass ich überhaupt an meine Familie dachte, eine Postkarte mit der schlichten Nachricht »Das Abenteuer geht weiter« versenden. Ich würde darauf achten, Postkarten aus Orten zu schicken, an denen Lizzie auf ihrer Europareise nicht gewesen war, und Vater daran erinnern, dass ich eine Menge geopfert hatte, damit Lizzie lernte, sich gut zu benehmen, und dass ich das alles verdiente.
Und wenn ich schließlich wieder nach Amerika zurückkehrte, würde ich aus der Second Street ausziehen und ein abgeschiedenes, ruhiges Leben führen. Leben wie Maria a’Beckett und meine eigenen Northern Lights malen. Es gäbe keine Lizzie mehr, keinen Vater, keine Abby. Endlich, mit zweiundvierzig, hätte die Heuchelei ein Ende.
Die Sonne wanderte weiter, und meine Schultern strafften sich. Mein Körper richtete sich auf. Unten in der Küche wuchtete Helen einen gusseisernen Kessel auf den Herd. Ich fuhr zusammen.
»Tee, Emma?«, rief sie. Es klang fast wie ein Singsang.
Ich lächelte. »Ja. Immer ja.«
Der Unterschied zwischen zwei Häusern.
Bevor ich die gewaltigen sechzehn Meilen zu Helens Haus in Fairhaven in Angriff nahm, hatte Lizzie mich angefleht, in der Second Street zu bleiben, sie nicht zu verlassen.
»Nein«, hatte ich gesagt. All meine Träume waren in dieses kleine Wort eingehüllt: Ich würde privaten Kunstunterricht nehmen, meine heimliche Rebellion gegen Vater.
Sie hatte mich mit glänzenden Augen gemustert. »Du machst einen schrecklichen Fehler, wenn du weggehst.« Lizzie war wie eine Lokomotive und versuchte, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich hob die Hand, als wollte ich sie schlagen, verließ dann jedoch einfach ihr Zimmer, ohne darauf zu achten, dass sie mir nachrief. Ich ließ sie einfach schreien.
Zwei Tage nach meiner Ankunft in Fairhaven kam der erste Brief von Lizzie.
Nun, für mich ist das kein Zuckerschlecken, lass dir das gesagt sein, Emma. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich mir am Esstisch alles anhören muss. Vater ist grässlich langweilig. Ist dir schon mal aufgefallen, wie er die Lippen zusammenkneift, wenn er »heute« sagt?

War mir nicht aufgefallen. Zuerst amüsierten mich ihre Briefe. Ich las sie Helen beim Abendessen vor, und wir beide brüllten vor Lachen. Dann fing Lizzie an, sich über Abby auszulassen.
Zufällig hörte ich, wie Mrs Borden ihrer albernen Schwester erzählte, dass sie sich jetzt »sicher« fühle, da nach Vaters Tod dessen ganzer Besitz an sie überginge und er uns nichts hinterlassen würde. Emma! Was für eine Lügnerin. Stell dir diese Frechheit vor. Was sollen wir da machen?

Ich konnte ihre Stimmen in meinem Kopf hören, alte Kopfschmerzen, hörte sie quer durch den Salon einander etwas zurufen, durch die Küche, auf der Treppe, durch die Wände der Zimmer im oberen Stockwerk. Sechzehn Meilen entfernt und ich war immer noch zu Hause. Ich faltete Lizzie in kleine Stücke.
Doch die Briefe hörten nicht auf.
Ich habe wieder diese seltsamen Träume, Emma. Ich dachte, sie seien Wirklichkeit. Du musst nach Hause kommen.

Nach Hause kommen. Ich dachte an Lizzie in ihrem blütenweißen Zimmer. Wie sie auf dem Bett lag und Straußenfedern zwischen ihren kurzen Fingern drehte. Die Federn hingen am Kopfende wie überreife Früchte. Sie schnalzte mit der Zunge und zog die Wangen ein, wie sie es immer tat, und ich ballte die Faust und dachte daran, sie mir auf die Schenkel zu schlagen, dieselbe alte Frustration, ein Flickenteppich von blauen Flecken. Stattdessen verbrannte ich einen Brief nach dem anderen.
Ich brauchte lange, um mich an ein Leben außerhalb meiner Familie zu gewöhnen. Wenn Helen und ich uns in diesen ersten Tagen versehentlich streiften oder zur gleichen Zeit zu sprechen begannen, sah ich mir über die Schulter, jedes Mal auf eine Konfrontation gefasst. In ihrem Haus zu wohnen war eine Erlösung. Ich vergaß Abbys Getrampel im Haus, Vaters arthritisch verkrümmte Finger an der linken Hand, das ständige Rein und Raus an der Eingangstür, den widerlichen Gestank nach schlechtem Atem morgens, ehe das Haus gelüftet wurde, Lizzies Seufzen in der Nacht.
Um mich leichter an ein Leben ohne meine Familie zu gewöhnen, ging ich in die Stadt und zeichnete streunende Katzen, Blumenarrangements auf den Tischen der Restaurants, Mütter und ihre Kinder, angenehme Dinge dieser Art. Wie sich Finger ineinander verhakten. Ich vergrub mich unter Fremden. Auf dem Weg zurück zu Helen blieb ich irgendwo stehen, um wild wachsende dunkelrote und gelbe Blumen zu pflücken. Ihr Duft: Nachmittagssonne auf den Blütenblättern, hohes Gras, das sich an den Stängeln gerieben hatte, trockene Erde. Dinge, die mir einfielen:
    1.    Für Himbeergelee braucht man nur einen Hauch von Zucker, wenn man Apfelsaft verwendet.
    2.    Über Mutters Bett gebeugt. »Ich verspreche dir, immer auf Lizzie aufzupassen.« Ein Kuss auf ihre rissigen Lippen.
    3.    Mutter reicht mir zum ersten Mal Baby Alice. »Sie riecht nach ih-bäh-bäh.« Doch als Mutter mir die kleine Alice zum letzten Mal in den Arm legte, nachdem sie vor Schmerzen gekrümmt gestorben war, roch Alice nach gar nichts mehr.
    4.    Wie ich mich, statt auf Lizzie aufzupassen, in meinem Zimmer eingeschlossen und geometrische Formen gezeichnet hatte, bis mir das Handgelenk wehtat. Lizzie war das Treppengeländer heruntergerutscht und hatte sich den Arm gebrochen. Vater hatte meine Stifte zerbrochen.
    5.    Eines Tages werde ich mir Jakobs bunten Rock im Ashmolean Museum ansehen.
    6.    Ich wünschte, nicht Mutter wäre gestorben, sondern Vater.
    7.    Lizzie, die sich an Abbys Beine klammert. Wie konnte sie sie so leicht ins Herz schließen?
    8.    Wie schnell vergisst der Körper seine Vergangenheit?

Die Sonne breitete sich auf meinen Fingern aus. Ich musste daran denken, wie ich Vater zum letzten Mal hatte weinen sehen. Mutter war gestorben. Er hatte alle vergessenen Stellen ihres Körpers mit Küssen bedeckt, das Innere eines Fußgelenks, die Lücke unter der Augenbraue, die freien Räume zwischen den Fingern. Es hatte mich erschreckt, ihm zuzusehen.

Eines Nachmittags, als ich aus der Stadt nach Hause kam, schloss ich Helens Haustür auf, ging ins Wohnzimmer und wollte gerade die Blumen in eine Vase stellen, als Helen hinter mir auftauchte. »Erwartest du Besuch?«
»Nein.« Bitte, sag jetzt nicht, dass Lizzie da ist.
»Ein Mann war hier und hat nach dir gefragt. Er sagte, er sei dein Onkel.«
Mein Kiefer verkrampfte sich. »Hatte er leicht vergrößerte Vorderzähne?«
Helen nickte. »Das ist er. Dein Lieblingsonkel, nicht wahr?«
»Nein. Es war John, der Bruder meiner Mutter. Warum in aller Welt will er mich hier besuchen?« Ich strich mir über den Hals. Woher wusste er, dass ich hier war? Lizzie? Sie hatte ihn doch nicht etwa geschickt, um mich nach Hause zurückzuholen? Sie wusste, dass ich nicht auf ihn hören würde; in letzter Zeit hatte ich seine Besuche kaum noch ertragen. Widerlich, wie John mit Vater sprach, als wollte er etwas von ihm, wie Lizzie um ihn herumscharwenzelte, dann um Taschengeld bettelte und es bekam, wie er scheinbar immer auf irgendetwas aus war oder mir jedes Mal sagte, ich sähe aus wie Mutter, und ich sie dann noch mehr vermisste als ohnehin schon.
»Hat er gesagt, ob er noch mal wiederkommt?«
»Ich hatte keine Gelegenheit, ihn danach zu fragen. Er wirkte böse, hätte mir fast meine eigene Haustür vor der Nase zugeschlagen. Er wollte wirklich nur mit dir sprechen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Das tut mir leid.« Immer musste ich mich für meine Familie entschuldigen.
»Du weißt, du kannst hierbleiben, solange du willst.« Helen kam zu mir und nahm meine Hand. Die Wärme. Helen, die gute Freundin. Ich hielt sie fest. Die Möglichkeit, nicht mehr nach Hause zurückzukehren – ich würde sie ergreifen. Was würde ein neues Leben für mich bedeuten!
»Wäre ich eine Last für dich?«
Helen schwenkte die freie Hand. »Sei nicht albern. Du könntest hundert Jahre bei mir bleiben, Hauptsache, Lizzie kommt nicht nach.«
Ein ganzes Jahrhundert nur ich. Endlich tun, was ich wollte. Ich konnte es kaum erwarten, Lizzie zu erzählen, dass ich länger bleiben würde.
Ich schrieb meinen Brief an Lizzie. Dann nahm ich den längeren Weg zur Post, lief weiter, bis die gepflasterten Straßen in Feldwege übergingen und Häuser den Feldern wichen. Ich drückte Wildblumen und Blätter an die Lippen, bevor ich sie auseinandernahm und den Aufbau der Natur studierte. Wiedergeburt. Bäume begrüßten mich mit Vogelgesang, ermunterten mich, weiterzugehen, nicht umzukehren. Meine Fußgelenke lockerten sich. Die Sonne fiel aufs Gras, wärmte die Erde darunter, und ich saß da und strich mit den Fingern über grüne und gelbe Halme.

Sarah Schmidt

Über Sarah Schmidt

Biografie

Nach ihrem Master of Arts im Fach Kreatives Schreiben begann Sarah Schmidt, als Bibliothekarin zu arbeiten. Dabei stieß sie 2005 auf die Geschichte von Lizzie Borden, die sie seither nicht wieder losließ. Ihre leidenschaftliche Suche nach den Hintergründen der Mordfälle...

Pressestimmen

diebuchbloggerin.de

»(…) brillant geschriebener Roman, der auch Nicht-Krimi-Leser begeistern wird.«

Wilhelmshavener Zeitung

»Das ist ein Buch für alle Sinne. Ein 5D-Panorma-Schwarzweißfilm aus der Zeit der Nachttöpfe, Mieder und Kamine.«

herzensbuecher.blog

»Es ist kein klassischer historischer Krimi, eher ein atmosphärischer, düsterer und eindrucksvoller Roman.«

Kieler Nachrichten

»Eine durchweg fesselnde Lektüre, die viel mehr ist als ein handelsüblicher Krimi.«

buecherrezensionen.org

»Differenziert und drastisch erzählt Sarah Schmidt die Vorgänge in dieser seelisch verkrusteten Familie«

kejas-blogbuch.de

»Die Autorin hat es geschafft, alle der involvierten Personen in einem Licht darzustellen, dass sich Unmengen an Fragen auftun. Eine Geschichte mit realem Hintergrund, fiktiv aufgearbeitet und damit noch viel unheilvoller.«

buchlesetipp.blogger.de

»Ein Krimi in dunkelster Atmosphäre herausragend erzählt und in Szene gesetzt!«

Münchner Merkur

»Für die Ereignisse im Hause Borden findet Schmidt immer wieder neue Bilder – drastisch, wuchtig und sehr prägnant. Hervorragend.«

papierundtintenwelten.com

»›Seht, was ich getan habe‹ ist eine interessante und vielschichtige Geschichte, bei der die Autorin die Fakten sehr gut mit der Fiktion verknüpft und mich dadurch toll unterhalten hat!«

schaedelspalter.de

»Geschickt vermischt Schmidt (…) historische Fakten und Fiktion zu einem packenden und beklemmenden Plot. (…) Ein historischer Krimi ist ihre Geschichte jedoch nicht. Schmidt zeichnet viel mehr ein Psychodrama über eine angesehene Familie mit einem jähzornigen Vater und zwei vereinsamten Schwestern nach.«

pinkfish.net

»Sarah Schmidt hat noch mehr vermocht, als ein bekanntes Gruselkabinett mit neuen Farben anzumalen. Sie hat mit literarischer Kraft die Zeit und ihre Bewohner für uns spürbar und erlebbar gemacht.«

leseblick.blogspot.de

»Dieser Roman wird mir als sehr bedrückend in Erinnerung bleiben. Die Autorin setzt hier auf sehr viel kühle Emotionen, die der Fall an sich, aber auch die Charaktere im Buch mit sich bringen. Mit einem sehr speziellen Schreibstil und einer sehr gut recherchierten Geschichte kann sie den Lesern den ungelösten Fall im Hause Borden näherbringen lässt einen jeden mit der Frage zurück, was damals wirklich in Fall River passierte.«

Neue Presse

»Ein heißes Debüt.«

Deutschlandfunk Kultur Studio 9

»Wer sich literarisch dieses in allen Richtungen durchgekauten Falls annimmt, muss gute Gründe und ein gutes Händchen haben. Das ist der jungen Australierin Sarah Schmidt in ihrem Debüt ›Seht, was ich getan habe‹ offensichtlich gelungen.«

Freie Presse

»Dieses Buch kann man nicht weglegen. Sarah Schmidt schreibt fesselnd, die unheimliche Atmosphäre dieses Hauses ist regelrecht greifbar. Absolutes Kopfkino. (…) Großes Kompliment: Sarah Schmidt ist eine begnadete Krimiautorin.«

Freundin

»Die australische Autorin Sarah Schmidt erzählt in ihrem beeindruckenden Debütroman die düstere Geschichte so, wie sie gewesen sein könnte.«

erdbeersekt-testet.blogspot.de

»Es ist ein spannendes Psychodrama, das so anschaulich und bildhaft geschrieben ist, dass man den Schmutz, das Blut und die stets aufs Neue aufgewärmte Hammelsuppe riechen kann. Sehr gelungen vermischt Sarah Schmidt ihre Interpretation des Mordfalls, die Fiktion des Romans, mit den historischen Fakten.«

Aachener Nachrichten

»Das Haus der Bordens entpuppt sich als Gefühlshölle; die Schwestern sind gefangen in einer Symbiose aus Hass und Hörigkeit. Schmidt findet überraschend neue sprachliche Bilder für all das.«

Radio Bremen 2

»›Seht, was ich getan habe‹ ist ein tolles Debüt dieser jungen Autorin.«

WDR 2 "Krimitipp"

»Packend, verstörend, grandios. (…) Sarah Schmidt präsentiert ein Familiendrama, das mindestens so spannend ist wie der Kriminalfall selbst. Die Beschreibung einer einzigen Ohrfeige hat mich beim Lesen mehr berührt und schockiert als jeder blutrünstige Serienkiller-Roman.«

Donna

»Erschütternd gut.«

Sonic Seducer

»Beklemmend und absolut lesenswert.«

BÜCHER Magazin

»Ein vielversprechendes Debüt, das für Wahnsinn eine Sprache findet und dessen Abschluss lange nachwirkt.«

Für Sie

»Raffiniertes Debüt.«

Kommentare zum Buch

Spannendes Psychodrama über einen brutalen Mord, beruhend auf wahren Ereignissen
Lena Siegl am 28.02.2018

"Seht, was ich getan habe" ist die Nacherzählung eines Mordfalls, der sich Endes des 19. Jahrhunderts in Amerika ereignete.   Aus der Sicht von vier Protagonisten, darunter die vermeintliche Mörderin, wird der Tag des Mordes, der 4. August 1892, und der Vortag erzählt. Lizzie Borden ist 32 Jahre alt, unverheiratet und wohnt bei ihrem Vater Andrew und ihrer Stiefmutter Abby. Im Haus wohnt neben der Familie die irische Haushälterin Bridget.   Es ist Lizzie, die ihren bis zur Unkenntlichkeit zugerichteten Vater tot im Wohnzimmer auffindet. Als die Polizei eintrifft, findet diese auch Abby tot im Schlafzimmer auf. Statt geschockt zu sein oder in Trauer zu verfallen, ist Lizzie vielmehr verwirrt und kann sich bei der Befragung durch die Polizei kaum an den Morgen des Mordtages erinnern. Sie verlangt nach ihrer älteren Schwester Emma, die später aus Fairhaven eintrifft. Diese ist entsetzt über die Szenerie, die sich ihr in ihrem Elternhaus bietet. Auch ihr Onkel John Morse, der Bruder ihrer verstorbenen Mutter ist vor Ort, der auf Besuch da ist und die Nacht im Haus verbracht hat.   Die Polizei steht vor einem Rätsel, da sich der Mörder nicht mit Gewalt Zugang zum Haus verschafft hat.   Andrew Borden war ein gewalttätiger, jähzorniger Mann, seine zweite Frau im Gegensatz zu seiner ersten Frau Sarah und Mutter seiner Kinder weniger herzlich. Die Familie war nicht arm, konnte sich eine Haushälterin leisten, weshalb sie viele Neider gehabt haben könnte. Am Tag vor dem Mord hatte Andrew Lizzies geliebte Haustauben getötet, was ein Motiv für den Mord und einen möglichen Amoklauf von Lizzie sein könnte. Auch Onkel John, der wusste, wie schlecht Andrew seine Töchter behandelte, hätte diese mit einem Mord rächen können. Selbst die Haushälterin Bridget, die von Abby um ihre Ersparnisse gebracht worden war, um das Haus nicht verlassen zu können, hätte aus Hass das Paar töten können. Fraglich ist auch, ob ein Einbruch in der Vergangenheit und die Vergiftungserscheinungen von Andrew und Abby mit dem Mord in einem Zusammenhang stehen könnten.   Im Fokus der Handlung stehen die äußeren Umstände des Mordfalls, nicht aber die Aufklärung der Tötungsdelikte. Geschickt erzählt Sarah Schmidt in Rückblenden und aus den Perspektiven von Lizzie, Emma und Bridget, wie das Leben bei Andrew und Abby Borden war. Vor allem Lizzie wirkt emotional sehr labil, hat sie doch im Gegensatz zu ihrer neun Jahre älteren Schwester Emma nie eine liebevolle Erziehung erfahren können, da sie erst zwei Jahre alt war, als ihre Mutter Sarah gestorben ist. Die Stiefmutter Abby hat nie ein Interesse an den Mädchen gezeigt und lieber die Haushälterin schikaniert. Onkel John, der den unbekannten Benjamin engagiert hatte, um seinem Schwager eine Abreibung zu erteilen, wirkt so abgebrüht, als sei ihm alles zuzutrauen.   Sarah Schmidt hat in ihrem Debütroman ihre eigene Version des brutalen Mordes an dem Ehepaar Borden beschrieben und lässt offen, ob es tatsächlich die Hauptverdächtige Lizzie war, die ihren Vater und ihre Stiefmutter regelrecht abgeschlachtet haben könnte. Als Leser ist man mit ekliger Faszination von der Familie und den gruseligen Akteuren in den Bann gezogen. Man fragt sich, ob Lizzie zu so einer Tat fähig gewesen sein könnte, wie viel Schuld sie aufgrund ihrer labilen Psyche überhaupt haben könnte oder wer die Schwestern letztlich von den gewalttätigen Ausbrüchen des Vaters erlöst haben könnte. Rätselhaft ist dabei zunächst die vierte Perspektive des Benjamin, bei dem lange unklar bleibt, in welcher Verbindung er zur der Familie steht.   Den gesamten Roman durchzieht eine düstere, unheimliche und beklemmende Stimmung, die das Leben der jungen Frauen Lizzie und Emma, aber auch von Bridget, in einem spannungsgeladenen Haushalt beschreiben, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Es ist ein spannendes Psychodrama, das so anschaulich und bildhaft geschrieben ist, dass man den Schmutz, das Blut und die stets aufs Neue aufgewärmte Hammelsuppe riechen kann. Sehr gelungen vermischt Sarah Schmidt ihre Interpretation des Mordfalls, die Fiktion des Romans, mit den historischen Fakten.

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