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Seefahrt mit HuhnSeefahrt mit Huhn

Seefahrt mit Huhn

Monique und ich und unsere ungewöhnliche Weltreise

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Seefahrt mit Huhn — Inhalt

Henne ahoi! Zu zweit 45.000 Seemeilen um die Welt

Die Welt des Bretonen Guirec Soudée ist das Meer. Aufgewachsen auf einer winzigen Insel, schmeißt er mit sechzehn die Schule, um seinen Traum von einer Weltumsegelung zu verwirklichen. Auf einem Fischkutter verdient er sich das Geld für Yvinec, ein dreißig Jahre altes Segelboot. Er restauriert es liebevoll, dann sticht er in See. Seine Begleitung an Bord: die fidele Monique – ein rotbraunes Huhn. Gemeinsam segeln sie über den Atlantik, erkunden Grönland, kämpfen sich 130 Tage durch Packeis und queren die Nordwestpassage, bevor sie gen Süden fahren: vorbei an pazifischen Inseln, durch die wilde See um Kap Hoorn bis in die Antarktis. Erfrischend komisch und anrührend erzählt das Buch von zwei ungleichen Freunden und ihrem großen Abenteuer.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 02.03.2020
Übersetzt von: Barbara Neeb, Katharina Schmidt
320 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-89029-538-1
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 02.03.2020
Übersetzt von: Barbara Neeb, Katharina Schmidt
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99537-5

Leseprobe zu „Seefahrt mit Huhn“

Pass auf, Monique. Wir sind hier. Vancouver Island heißt das. Wunderschön, oder? Und ganz oben auf der Karte? Das ist Grönland! Die Diskobucht, was hatten wir zwei dort für einen Spaß … Da haben wir uns zwar … die Federn abgefroren, sind aber ein paarmal trotzdem mächtig ins Schwitzen geraten! Weißt du noch? Und jetzt, Momo, folge meinem Finger. So. Siehst du hier die große blaue Fläche? Das ist der Pazifik. Und die vielen Punkte darin? Das sind Inseln. Jetzt sei doch nicht so hibbelig, Momo, hör mir zu. Also, das ist Polynesien. Wo man diese [...]

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Pass auf, Monique. Wir sind hier. Vancouver Island heißt das. Wunderschön, oder? Und ganz oben auf der Karte? Das ist Grönland! Die Diskobucht, was hatten wir zwei dort für einen Spaß … Da haben wir uns zwar … die Federn abgefroren, sind aber ein paarmal trotzdem mächtig ins Schwitzen geraten! Weißt du noch? Und jetzt, Momo, folge meinem Finger. So. Siehst du hier die große blaue Fläche? Das ist der Pazifik. Und die vielen Punkte darin? Das sind Inseln. Jetzt sei doch nicht so hibbelig, Momo, hör mir zu. Also, das ist Polynesien. Wo man diese Blumenketten macht und es lecker nach Vanille und Kokosnuss riecht. Da fahren wir hin. Es wird eine lange Reise, Monique, richtig lang. Aber am Ziel erwarten uns türkisblaues Wasser und feinster weißer Sandstrand, genau wie bei mir zu Hause in der Bretagne auf Yvinec, meiner Heimatinsel. Eines Tages nehm ich dich auch mal dorthin mit. Polynesien wird uns jetzt guttun – nach all dem Eis. Wirst schon sehen, Momo, das ist ein wenig wie bei dir zu Hause auf Teneriffa, auf den Kanaren. In diesem Paradies kannst du so viele Fische fangen, wie du willst. Und dann surfen wir beide, machen Stand-up-Paddling und sogar Kitesurfen, und, versprochen, wir heben nicht zu sehr ab! Also, was meinst du?

Ins Paradies sind wir nicht gekommen. Da wollten sie uns nicht. Besser gesagt, dich wollten sie dort nicht. Und ohne dich würde ich nirgendwohin gehen.
Aber das ist nicht so tragisch. Wir finden schon ein anderes Paradies.


Wie alles begann
Dezember 2012
Ich habe mein Boot. Um es zu finden, bin ich extra aus der Bretagne nach Südfrankreich, genauer gesagt Martigues, gefahren. Ich, Guirec, geboren in Plougrescant im Departement Côtes-d’Armor, kaufe mir am Mittelmeer ein Boot. Unglaublich! Am Telefon hatten mich die Besitzer vorgewarnt: „Du wohnst ja weit weg, wir wollen nicht, dass du den langen Weg umsonst machst: Der Preis ist 40 000 Euro. Weiter runter gehen wir nicht.“ Ja, ich weiß, habe ich gesagt und bin losgefahren. Was die beiden jedoch nicht wissen: Ich habe diese 40 000 nicht. Wenn ich all meine Ersparnisse und das, was ich in Australien verdient habe, zusammenkratze, komme ich gerade mal auf 31 000 Euro. Egal, ich will dieses Boot.

Zuvor hatte ich alle Kleinanzeigen für Boote in der Bretagne durchforstet und alle Hafenstädte in den Departements Côtes-d’Armor, Finistère, Morbihan und Ille-et-Vilaine abgeklappert. Ich habe mir Dutzende Segelboote angesehen, aber da war nichts dabei, was meinen Vorstellungen entsprach – und was ich mir mit meinem schmalen Budget leisten konnte: nämlich ein Boot, das stabil genug war, um damit die Weltmeere zu besegeln.
Dort unten in Südfrankreich wartete nun die Loungta auf mich. Der Name war schon ein gutes Omen: „Windpferd“, wie der tibetische Glücksbringer. Als ich die Loungta zum ersten Mal sah, lag sie auf ihren Unterstellböcken außerhalb des Wassers und machte sich großartig unter dem tiefblauen Himmel der Provence. Sie gefiel mir auf den ersten Blick. Zehn Meter lang, solide gebaut, scheinbar alles heil, von innen genauso schön wie von außen, obwohl ich von dem Orangeton des Rumpfs nicht gerade begeistert war. Aber zwei Schichten Farbe sollten eigentlich genügen, um das zu beheben. Auf mehr als den „ersten Blick“ konnte ich mich auch nicht verlassen – denn von Segelbooten für die Hochsee habe ich nicht den geringsten Schimmer. Das war absolutes Neuland für mich, und als die Sprache auf die technischen Details kam, war ich vollends aufgeschmissen. Daher setzte ich ein kundiges Gesicht auf und tat so, als könnte ich allem folgen.
Mit Damien, einem der beiden jungen Besitzer, habe ich mich sofort gut verstanden. Als ich ihm von meinen Plänen erzählte – allein den Atlantik zu überqueren, ins ewige Eis an den Nordpol zu segeln –, habe ich bemerkt, dass ich ihn zum Träumen brachte.
Warum sollten die beiden mich auch nicht ernst nehmen? Ich war schließlich einmal quer durch ganz Frankreich gefahren, um dieses Boot zu besichtigen. Wie ein erfahrener Skipper habe ich den Rumpf inspiziert, auf zwei oder drei Macken hingewiesen und so getan, als wäre ich in der Lage, kritische Punkte zu erkennen. Außerdem habe ich mir den Motor angehört, gecheckt, ob er verdreckt war, das Spiel des Ruderblatts überprüft, liebevoll den Mast getätschelt, die Segel entfaltet und die Beschläge kontrolliert.
Dann habe ich gesagt, um nach meinen Plänen auf große Fahrt zu gehen, würden bestimmt etliche Reparaturen anfallen, man müsste einige Teile austauschen, die Stabilität des Bootes begutachten lassen … Kurz, ich habe dick aufgetragen. Und dabei anscheinend gut verhandelt: Zum Schluss sind sie auf 29 000 runtergegangen. So war ich endlich Besitzer eines schönen Segelboots.
Ein paar Wochen später kehrte ich nach Martigues zurück, um das Boot zum ersten Mal zu Wasser zu lassen, drei Freunde im Schlepptau: Romain und zwei routinierte Seeleute, Kiki und Étienne. Zwar kann mir auf dem Wasser keiner etwas vormachen, solange es ums Surfen geht, aber wie man ein Segelboot steuert, davon hatte ich null Ahnung. Um die Loungta in die Nordbretagne zu bringen, brauchte ich daher unbedingt ihre Hilfe.
Die Wettervorhersage verhieß nichts Gutes, als wir Mitte Dezember ausliefen. Aber das konnte uns nicht schrecken – so würden wir das Boot zumindest unter realistischen Bedingungen testen können.
Von Martigues bis in die Bretagne ist es ein ziemliches Stück. Erst muss man an der spanischen Küste das Mittelmeer runter, dann einmal südlich um Gibraltar herum, anschließend geht es an ganz Portugal entlang nordwärts, ehe man die Biskaya durchquert. Mit zwei Zwischenstopps haben wir im Mittelmeer den Zauber des neuen Jahres genossen. Doch hinter Gibraltar begannen die Probleme. Kiki und Étienne mussten zurück nach Hause, daher gingen sie in Cádiz von Bord. Romain und ich spuckten große Töne, wir würden das schon allein hinkriegen, aber uns war nicht ganz wohl in unserer Haut.
Zehn Tage später erreichten wir nach einer extrem anstrengenden Segelfahrt Galicien und waren vollkommen erledigt. Das schlechte Wetter und unsere mangelnde Erfahrung waren eine gefährliche Kombination. Zwischendrin war es richtig kritisch geworden, und wir fürchteten schon, wir würden das Boot verlieren. Auf einmal war alles voll Wasser, und wir konnten das Leck nicht finden! Romain – genauso ahnungslos wie ich – rief: „Wir saufen ab, Guirec, wir saufen ab!“ In Galicien sahen wir daher keine Möglichkeit mehr, die Fahrt fortzusetzen und den Golf von Biskaya zu durchqueren, der für seine heftigen Winde und mehrere Meter hohen Wellen berüchtigt ist. Wir waren total erschöpft, und außerdem war ich so gut wie pleite. Also beschlossen wir, das Boot vorübergehend in Spanien zu lassen und nach Hause zu fahren, er nach Annecy und ich nach Paris. Dort konnte ich bei Valentine, meiner älteren Schwester, wohnen. Weil ich dringend Geld brauchte, verdingte ich mich als Fensterverkäufer. Eine Kleinanzeige in Le Bon Coin brachte mich zu diesem Job. Dort stand: „Hilfe im Verkauf gesucht. Gute Bezahlung.“ Das hatte mich sofort angesprochen. Bezahlt wurde nach Umsatz. Ich war so motiviert, dass ich schon bald der beste Verkäufer im ganzen Laden war. Bestimmt hätte ich es sogar geschafft, das Schloss von Versailles komplett neu verglasen zu lassen, wenn ich es nur versucht hätte.

Fünf Monate später hatte ich meine Bordkasse wieder aufgefüllt, und das schöne Wetter war auch zurückgekehrt. Mit einem Freund aus Kindertagen legte ich von Spanien ab, und am Ende schafften wir das Boot heil nach Yvinec.
Zum Glück konnte ich mich auf ihn verlassen, denn wir wurden ordentlich durchgeschüttelt. Obwohl es Sommer war, hatten wir Wellen von sechs Meter Höhe. Und ziemlich bald gab es Probleme mit der Batterie. In der Bretagne ging gar nichts mehr mit dem Motor, wir konnten nicht einmal mehr das GPS einschalten! Vor der Inselgruppe Sept-Îles, es war eine mondlose Nacht, hatten wir die Hosen gestrichen voll. Die Strömung war so stark, dass wir mehr abgetrieben wurden als vorwärtszukommen. Bei Tagesanbruch sahen wir, dass nur noch ein paar Zentimeter gefehlt hatten, und wir wären an den Klippen zerschellt. Flut, Wind und Strömungen trugen uns schließlich doch ostwärts zu meiner Insel, wo wir am Abend anlegten. Wir waren mehr als zufrieden, es geschafft zu haben, und warfen bei Yvinec direkt vor meinem Zuhause den Anker. Es war der 5. Juli. Ich war stolz und glücklich.

Yvinec ist der schönste Ort auf der Welt. Auf der Insel steht nur ein Haus, nämlich unseres. Das Festland ist nicht weit weg, gerade mal einen Kilometer, bei Ebbe kann man es trotzdem nicht zu Fuß erreichen, und bei Flut sind sowieso nur wir auf diesem Kiesel im weiten Meer. Von der fantastischen Landschaft rund um meine Insel kann ich nie genug bekommen. Die Szenerie ändert sich ständig mit den Gezeiten und den Jahreszeiten, genauso wie das Licht und das Geräusch der Wellen, die uns jeden Tag in den Schlaf wiegen. Von klein auf ist das Meer mein Spielplatz gewesen. Ich war bei Wind und Wetter draußen. Wir hatten mehrere Ruderboote, mit denen ich aufs Meer hinausfuhr und meine Reusen und Angeln auslegte. Um fünf Uhr früh stand ich auf und kehrte erst bei Sonnenuntergang zurück. Ich konnte mehr als zehn Stunden des Tages auf dem Wasser verbringen. Schon mit vier oder fünf Jahren baute ich mir Flöße aus Holzbrettern … Dazu sollte man erwähnen, dass ich einen Vater hatte, der mir voll und ganz vertraute. Natürlich hat man ihm oft vorgeworfen, er würde mir zu viel Freiheit lassen. Vor allem an stürmischen Tagen, wenn sonst keine Boote draußen waren, schimpften meine Schwestern: „Du bist komplett verrückt, er wird noch umkommen, und dann wirst du es dein ganzes Leben bereuen.“ Doch er hörte nicht darauf und ließ mir weiterhin meinen Willen. Ich scherte mich den Teufel ums Wetter – wenn ich meine Hummerreusen einholen musste, kümmerte es mich nicht, wie sehr es stürmte. Ich war ja nie weit von der Küste entfernt, schlimmstenfalls hätte ich schwimmen müssen. Wenn ich nicht fischte, surfte ich – mit allem, was mir unterkam, Board, Surfsegel oder Kite –, oder ich trainierte Apnoetauchen. Ich hatte wohl so etwas wie eine Meeres-Hyperaktivität. Übrigens trug ich immer nur T-Shirt und Shorts und lief sommers wie winters barfuß rum. Man nannte mich den „kleinen Insulaner mit den nackten Füßen“. Wenn ich zum Arzt oder in den Supermarkt musste, erzählte ich oft, dass man mir die Schuhe geklaut hätte. Ich erinnere mich an einen Winter, der etwas strenger als andere war, da war Eis in meinem kleinen Boot und ich zerhackte es mit meiner Ferse. Ich sprang noch bei sieben Grad Celsius ins Wasser, nichts konnte mich aufhalten, weder Angst noch der Wind, noch die Kälte.
Yvinec hat mich ganz und gar geprägt. Meine Insel hat aus mir einen Einzelgänger gemacht, einen Meeresliebhaber, nein, einen Meeresbegeisterten. So einen, wie mein Vater einer war.
Nach der Scheidung von meiner Mutter beschloss er, auf Yvinec zu leben, das war ein Kindheitstraum von ihm gewesen. Er segelte leidenschaftlich gern, hatte den Atlantik zweimal in einem Team überquert. Leider bin ich nur sehr selten mit ihm gesegelt. Aber als ich klein war, erzählte er mir oft von seinen Reisen, und ich sagte dann: „Eines Tages segeln du und ich zusammen, wir fahren einmal um die ganze Welt.“
Regelmäßig schlug ich die alten Fotoalben auf, die mit der Zeit verblichen und von der hohen Luftfeuchtigkeit ganz wellig geworden waren. Ich liebte es, in meinen Träumen über die Meere zu schweifen, von denen er so fantastisch erzählen konnte. Und ich dachte, dass ich sie eines Tages auch befahren würde.

Den Sommer verbrachte ich damit, mein Boot zu flicken. Manchmal schauten Freunde vorbei und halfen mir. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, Ende August den Anker zu lichten. Wenn ich rechtzeitig fertig sein wollte, musste ich gewaltig ranklotzen, aber harte Arbeit hat mich noch nie geschreckt, außer in der Schule. Die Schule und ich, wir waren keine guten Freunde. Dabei habe ich es wirklich versucht, sogar an dreizehn verschiedenen! In Pontrieux, Brest, Saint-Brieuc, Paimpol, Paris … sogar auf Yvinec! In der zehnten Klasse, da war ich gerade auf dem Gymnasium in Paimpol, hatte ich genug, ging zu meinem Vater und sagte: „Ich hör auf.“ In seiner Verzweiflung holte er mich nach Yvinec zurück und engagierte Lehrer, die mir dort Privatunterricht geben sollten. Ich war sechzehn und brannte darauf, das Leben kennenzulernen, was mir meiner Meinung nach nicht mithilfe der Schulbücher gelingen würde.
Den Lehrern war ziemlich bald klar, dass mit mir nichts anzufangen war. Sie waren sehr nett, wir arbeiteten so gut wie nichts, redeten über Abenteuer und die hohe See, und wenn mein Vater nicht da war, nahm ich sie zum Angeln mit, das fanden sie toll. Im nächsten Jahr meldeten mich meine Eltern in der elften Klasse in Saint-Brieuc an. Langeweile pur! Ich starrte den ganzen Tag aus dem Fenster und berechnete die Gezeiten, während ich an meine Hummerreusen dachte. Im Januar darauf wurde ich schließlich achtzehn. Und kam ins Grübeln. „Du bist jetzt in der elften Klasse. Nächstes Jahr machst du dein Abi, und was dann? Mit dem Abitur ist es nicht getan, danach muss man weitermachen, studieren. Noch mehr lernen? Vor allem was? Und was kommt danach? Irgendein Bürojob, und so geht das die nächsten vierzig Jahre und mehr weiter?“ Wenn ich mich in dieses System begab, würden mir garantiert nicht viele Möglichkeiten zur Entfaltung bleiben. Dabei riefen das Fernweh und die Freiheit so laut nach mir …
Ich wollte segeln, aber davor brauchte ich Geld. Also gab ich alles auf. Meine Insel, meine Familie, das Gymnasium, die Annehmlichkeiten eines geregelten Lebens.
Ich verkaufte mein Motorrad, besorgte mir ein Ticket nach Australien, dazu ein Englisch-Französisch-Wörterbuch und einen „Lonely Planet“-Reiseführer, ich steckte fast alles, was ich hatte, dort rein. Mir blieben gerade mal 200 Euro.
Meine Familie versuchte mit vereinten Kräften, mir meinen Plan auszureden. Aber ich sagte, dass ich ins Ausland wollte, um andere Länder kennenzulernen und Englisch zu lernen.
Dafür hätte ich natürlich auch nach Großbritannien oder Irland gehen können, aber das war mir viel zu nah. Ich träumte von einer völlig neuen Umgebung, wollte Kängurus, Schnabeltiere und Koalabären sehen und auf den Wellen des Pazifischen und des Indischen Ozeans surfen.
Australien war mit 200 Euro in der Tasche, den fünf Wörtern Englisch, die ich beherrschte, und niemandem vor Ort, der sich um mich kümmern würde, eine ziemliche Herausforderung. Sogar mein Vater, der mich in meinen Projekten sonst immer unterstützt hatte, wunderte sich: „Ich verstehe das nicht … du bist gerade erst achtzehn geworden, du hast deine kleine Wohnung, dein Motorrad, alles, was du willst …“ Und ich gab dieses einfache, bequeme Leben auf, nur um am anderen Ende der Welt auf der Straße zu stehen …
Das „auf der Straße stehen“ ist übrigens wörtlich zu nehmen. Die ersten Tage in Sydney schlief ich wirklich auf dem Gehsteig und wurde von auf mir herumkletternden Ratten geweckt. Ich wartete dann bis Sonnenaufgang, um mich wieder in einen Normalo zu verwandeln.
Vor meinem Abflug wollten mir ein paar Leute Adressen von ihren Freunden mitgeben, aber ich lehnte alle ab, denn ich wollte allein klarkommen, um herauszufinden, was alles in mir steckt.
Ziemlich bald verließ ich Sydney und zog übers Land. Ich hatte gelesen, es wäre die Zeit der Obsternte. Und damit lag ich absolut richtig, denn ich fand schnell Arbeit bei der Apfel- und Wassermelonenernte und bei der Weinlese.
Von meinem ersten Lohn kaufte ich mir ein Fahrrad und machte eine Reise durch den gesamten Südwesten des Landes, auf der ich mich hauptsächlich von Haferflocken und Milchpulver ernährte. Ich wollte schließlich so wenig wie möglich von meinem sauer verdienten Geld ausgeben, denn jeder Cent brachte mich meinem Boot ein bisschen näher.
Unterwegs arbeitete ich als Poolreiniger, Gärtner, Kellner, Tellerwäscher … und dann kam ich nach Carnarvon. Dort sagten mir ein paar Altersgenossen: „Du kannst gleich wieder umdrehen. Hier gibt es keine Arbeit.“
Hatten sie wirklich überall danach gesucht?
Als ich mich so im Hafen umsah, kam ich mit ein paar Schiffskapitänen ins Gespräch. Einer von ihnen war angepisst, seine Mannschaft war nicht komplett: Ein Mann war nicht aufgetaucht.
Er fragte mich: „Hast du schon mal auf einem Garnelenkutter gefischt?“
„Na klar! Das ist in Frankreich mein Job!“
„Okay, du kannst anheuern. Abfahrt in dreißig Minuten, wir sind ein paar Wochen unterwegs.“
Eigentlich war ich von drei Wochen ausgegangen, letzten Endes wurde über ein Monat daraus. Mein Kapitän hatte schnell kapiert, dass das nicht mein Job in Frankreich war, aber er hat mich dann angelernt. Ich habe wie ein Tier geschuftet, fast zwanzig Stunden am Tag auf einem Meer, in dem es vor Haien nur so wimmelte, und auf den Sortiertischen landeten jede Menge giftiger Fische und Seeschlangen. Einmal hätte ich beinahe ein Bein verloren, ein anderes Mal hat mich ein riesiger Seestern k. o. geschlagen. Aber mir war das ziemlich egal, ich war zu allem bereit, um mir ein Segelboot kaufen zu können und die Welt zu entdecken.

Ich hatte eigentlich vor, von meiner Insel Ende August in See zu stechen. Aber die Liste mit den Reparaturen an Bord war endlos. Die Fahrt durch die Biskaya hatte ihre Spuren hinterlassen. Ich musste den Motor durchchecken lassen. Die Segel waren in weitaus schlechterem Zustand, als ich gedacht hatte. Damit das Boot bei Ebbe nicht umkippte, hatte ich es fürs Trockenfallen abgestützt, aber mehrmals fand ich es danach auf der Seite liegend vor, weil eine Stütze einfach weggebrochen war.

Eines Morgens, mein Boot schwimmt bei Flut am Anker, bemerke ich, dass es sehr tief liegt im Verhältnis zur Wasserlinie. Was für ein Mist ist das jetzt schon wieder? Der gesamte Schiffsboden ist überschwemmt! Das Wasser ist durch die Stopfbuchse des Motors eingedrungen, die Batterien stehen unter Wasser, grauer Rauch quillt hervor … Es hat einen Kurzschluss gegeben. Säure hat sich im Boot verteilt, und ein Teil der Elektronik ist beschädigt. Die Schäden müssen repariert werden, all das kostet Geld. Und wir haben schon September.
Also gut – Terminänderung: Ich werde Ende November die Segel setzen. Davor muss ich mein Boot noch einmal gründlich sauber machen und Vorräte für einen guten Monat auf dem Meer besorgen. Viel Zeit bleibt mir nicht, aber bevor es losgeht, will ich den Rumpf noch weiß und grün streichen, grün ist ja die Farbe der Hoffnung. Das Boot soll Yvinec heißen, wie sonst, damit ich ein Stückchen meiner Insel mitnehmen kann. Der Maler und Seefahrer Yvon Le Corre hat für mich die entsprechende Namensschablone gefertigt.
Als ich mich mit dem Rumpf beschäftige, entdecke ich kleine Roststellen. Ein Freund, der sich damit auskennt, beruhigt mich: „Dagegen sollte man was tun. Erst abschlagen, dann sandstrahlen und vor dem Streichen das Antifouling auftragen … macht ein bisschen Arbeit, ist aber halb so wild.“
Da ich den Schaden schnell beheben will, bewaffne ich mich mit einem Hammer und einer Drahtbürste und befolge seinen Rat wortwörtlich. Mit kleinen Hammerschlägen entferne ich den Rost, ehe ich mit der Drahtbürste den Stahl des Rumpfs freilege. Plötzlich spritzt mich eine Wasserfontäne von oben bis unten nass.
Ich habe ein Loch in mein Boot gemacht!
Ich schäume vor Wut. Nach all der Mühe, die ich mir mit diesem verdammten Ding gegeben habe! Da schufte ich mich kaputt, nur, um zehn Tage vor dem Auslaufen mit einem durchlöcherten Rumpf dazustehen …
Aber es kommt überhaupt nicht infrage, jetzt noch mal bei null anzufangen. Ich stecke eine Schraube ins Loch und dichte es mit einem speziellen Marine-Dichtstoff ab, dann überprüfe ich, ob auch kein Wasser mehr durchkommt … klopfe also wieder mit dem Hammer, diesmal vorsichtig, und zisch! ein, zwei, drei Fontänen! Das schaffe ich nicht mehr allein. Ich rufe meinen Freund an.
Als er eintrifft, begrüßt er mich lachend. Doch als er die Löcher und den Rost sieht, vergeht ihm das Lachen. Stellenweise ist das Blech kaum dicker als Zigarettenpapier, und der Rost hat sich ausgebreitet.
„Guirec, so kannst du nicht los. Das ist eine Riesenbaustelle, dein Boot ist total vom Rost zerfressen, das muss man komplett überholen.“
Jetzt langt es mir. Ich bin vor drei Jahren von der Schule abgegangen, habe vor einem Jahr das Boot gekauft, seit vier Monaten tue ich nichts anderes, als es zu reparieren, und bin mental schon voll in meiner ersten Atlantiküberquerung im Alleingang. Ich habe all meine Energie und Ersparnisse in dieses Unterfangen gesteckt. Habe jede Menge Geld für Ausrüstung, Kleidung und Essen ausgegeben. Und jetzt soll ich nicht mehr losfahren können?
Eigentlich hatte ich gedacht, ich hätte ein Boot in einem ausgezeichneten Zustand gekauft, und nun stellt sich heraus, dass es durchlöchert ist wie ein Sieb, eine rostzerfressene Nussschale. Auf die Vorbesitzer bin ich nicht sauer, sie haben das Boot selbst gebraucht und neu gestrichen gekauft, sind dort im Mittelmeer wenig gesegelt und hatten keine Ahnung vom Ausmaß der Katastrophe.
Wenn ich vernünftig wäre, würde ich warten, bis ich die nötigen Mittel beisammen habe, um eine so große Reparatur zu stemmen. Auf sechs Monate Verzögerung kommt es jetzt auch nicht mehr an. Ich würde nach Paris zurückkehren und wieder Fenster verkaufen, bis ich erneut genügend Kohle erarbeitet habe.
Aber alles verschieben? Noch einmal? Und für wie lange? Bis der gesamte Rumpf überholt ist? Dafür habe ich kein Geld. Natürlich ist es total unvernünftig, mit einem durchlöcherten Rumpf allein über den Atlantik zu segeln. Aber ist es überhaupt vernünftig, allein über den Atlantik zu segeln? Wenn man schon beim ersten Hindernis anfängt zu zweifeln, wird es nie etwas. Man findet immer eine gute Ausrede, um nicht aufzubrechen, es gibt immer etwas, das nicht passt, tausend andere Sachen, die repariert werden müssten, wenn man eigentlich schon fertig war. Egal. So ein paar dämliche Löcher werden mich schon nicht absaufen lassen.
Also kitte ich, löte ein wenig, und dann setze ich die Segel. Vorsichtshalber nehme ich mein Schweißgerät mit.

Ende November segele ich los. Etwas überstürzt. Ich habe es gerade noch geschafft, Yvinec in grünen Buchstaben auf eine Seite des Rumpfs zu malen. Für die zweite Seite blieb keine Zeit mehr. Ich habe einfach die Schablone und den Farbtopf mitgenommen und will das beim nächsten Zwischenstopp erledigen. Beim Anblick meiner Nussschale würde jeder Seemann schimpfen: „Spinnst du völlig, mach das nicht, das ist unverantwortlich!“ Und er hätte nicht einmal unrecht. Doch das Leben ist zu kurz, um etwas zu bedauern. Es bringt gar nichts, schon vorher alles zu bedenken, das bremst einen höchstens aus. Man kann genauso gut abwarten, bis die Probleme wirklich da sind, um sie dann anzugehen.
Bevor ich in See stach, musste ich nur noch eines tun, und das war das Wichtigste: Ich musste meine Familie beruhigen. Bei meinen Plänen blieb ich ziemlich vage, das war für alle Beteiligten besser.
Mein eigentliches Ziel, und das hatte ich noch niemandem gesagt, war es nämlich gar nicht, allein um die Welt zu segeln. Sondern ans Ende der Welt zu segeln. Ganz hoch in den Norden, an die Spitze der Erdkugel, wo sich bis jetzt nur wenige Menschen hingewagt haben. Ich wollte die Einsamkeit erfahren, wahre Abgeschiedenheit in unendlich weißen Landschaften. Woher kam dieser Wunsch? Wer hatte mir das eingeflüstert? Vielleicht hatte ich mal eine Reportage gesehen, einen Bericht gehört, irgendwo etwas gelesen, ich erinnere mich nicht. Fakt war, ich träumte davon, Eisbären zu sehen, mit bloßen Händen einen Eisberg zu berühren und mitten durchs Eis zu schippern.
Zu meinen Eltern habe ich gesagt: „Ich werde den Atlantik überqueren, und wenn mir das Spaß macht, dann fahre ich weiter.“
Schon das bereitete ihnen große Sorgen. Ich hatte nicht genügend Erfahrung, mein Boot war vom Rost zerfressen. Daher habe ich meinen Traum vom Packeis mit keinem Wort erwähnt. Außerdem war ich mir meiner Sache gar nicht so sicher. Und wenn ich scheitern würde?
„Was tust du, wenn dir mitten auf dem Ozean etwas passiert?“
„Macht euch keine Sorgen, ich bin gut ausgerüstet.“
Na ja, das stimmte so nicht. Ehrlich gesagt hatte ich nichts außer einem alten UKW-Funkgerät, dank dem ich mit anderen Booten kommunizieren könnte, aber das hatte eine sehr geringe Reichweite, und einem alten GPS. Sonst nichts. Keine Rettungsboje, zu teuer. Keine Leuchtraketen, die nützen auf hoher See sowieso nichts. Wenn man nicht gerade das Glück hat, auf ein Frachtschiff zu treffen, gibt es da niemanden, der sie bemerken könnte.
Für meine Eltern habe ich noch folgende, zugegebenermaßen nur halbwegs tröstlichen Worte gefunden: „Wenn ihr nach zwei Monaten nichts gehört habt, könnt ihr anfangen, euch Sorgen zu machen.“
Ich habe keine Erfahrung darin, allein zu segeln. Für die traditionelle Route von Frankreich aus zu den Antillen nutzt man für gewöhnlich das südliche Azorenhoch, um zu den Kanarischen Inseln und von dort aus zu den Kapverden und in die Region der Passatwinde zu gelangen. Das sind warme, kräftige Luftströmungen, die von Osten nach Westen wehen. Da ich nun mal kein gestandener Seemann bin, beschließe ich, keine Experimente zu wagen und dieser erprobten Route zu folgen.
Am Tag vor meiner Abreise rief ich meinen Freund Romain an und bat ihn, mir noch einmal zu erklären, wie man seinen Standort bestimmt und wie man Längen- und Breitengrad auf einer Karte berechnet. Als ob es nur das gewesen wäre … Egal. Der Wille war da, ich brannte auf meine Fahrt und hatte keine Angst. Den Rest würde ich dann eben unterwegs lernen, direkt bei der Arbeit. Praxis war mir schon immer lieber gewesen als Theorie, und ich bin immer meinem Bauchgefühl gefolgt. Ich verließ mich auf meinen guten Stern. Vielleicht bin ich ja verrückt, aber ich bin voller Vertrauen auf das Leben.

Mit dem Motor habe ich nichts als Ärger … Bis ich irgendwann sogar überlege, ganz ohne zu fahren, es müsste dann eben mit den Segeln gehen. Die Batterien habe ich ausgewechselt, ebenso meinen Windgenerator. Für die Navigation habe ich Karten auf Papier und die auf meinem iPad. Mit dem Werkzeug an Bord sollte ich mein Boot bei jeder Art von Schaden reparieren können. Ich denke, ich habe alles dabei, was dafür nötig ist. Das beruhigt mich. Was ich sonst noch brauche, habe ich auch eingepackt: Lebensmittel, Kleidung, Boards, Paddel, Gabelbäume, Masten, Ausrüstung zum Kitesurfen und zum Tauchen, einen Kompressor, ein Stromaggregat und das berühmte Schweißgerät … Mein Boot ist zum Bersten voll, wie ein Supermarkt … oder eher ein Surfshop!
Unglaublich, was man in so einem kleinen Segelboot unterbringen kann! Es gibt nur ein Problem: Wenn ich etwas brauche, muss ich Geduld mitbringen, denn ich muss erst alles rausräumen und danach wieder verstauen.
Technisch gesehen ist die Yvinec ein Schwertboot mit Ballast. Diese Art von Einrumpfboot heißt so wegen des Schwerts, das man hochziehen kann. Mein bescheidener Kiel nennt sich Kielschwert. Das ist ein Unterschied zu einem normalen Kielboot mit festem Ballast mit meist großem Tiefgang. Diese liegen besser im Wasser, segeln höher am Wind.
Die Yvinec ist dafür ein Boot, mit dem man auch flachere Gewässer befahren kann. Und man kann trockenfallen, wenn man vorher das Schwert hochgezogen hat. Man wirft den Anker, bringt die Stützen an, und dann muss man sich um die Gezeiten keinerlei Sorgen mehr machen.
Wenige Tage vor meiner Abreise haben mir meine Eltern – getrennt voneinander – die wichtigsten Lebensmittel vorbeigebracht: Butter, Müsli, Konservendosen, Milch, Joghurt, Dorschleber … Die Extras habe ich mir im Supermarkt von Tréguier besorgt: Wurst, gute Paté, Käse … Und direkt vor der Abfahrt habe ich mir noch eine Crêpe reingezogen, um den Geschmack meiner Bretagne auf der Zunge zu haben.
Ich wollte ganz allein auslaufen. Niemand war am Kai von Tréguier, so hatte ich mir das ausdrücklich gewünscht. Ein Journalist von Ouest-France wollte einen Artikel über das Projekt des „kleinen Jungen aus der Region“ verfassen, doch ich hatte ihm geantwortet, dass ich das nicht wollte. Ich sagte mir: „Ich weiß nicht, wohin ich fahre, ich habe keine Ahnung, daher, bitte, macht auch nichts darüber!“ Ich wollte kein Aufsehen.
Ich warf den Motor an, ließ ihn ein wenig warmlaufen, während ich seinem Tuckern lauschte, und dann entfernte sich die Yvinec ganz sanft vom Kai, um schließlich dem Flusslauf des Jaudy zu folgen.
Der Hafen von Tréguier ist im Inland gelegen, wenn man auf die offene See hinauswill, muss man gute vierzig Minuten diesen kleinen Meeresarm hinab.
Die Uferlandschaft entlang des Jaudy wird mir nie langweilig. Winzige Buchten mit hellem Sand wechseln sich mit Wäldern ab, von denen Vogelschwärme aufsteigen. Ich fahre am Schloss von Kestellic vorbei, ein Traum aus roséfarbenem Granit und Schiefer mit den Palmen als Wächter. Dann La Roche Jaune, la baie de l’enfer – die Höllenbucht. Vor Pors Hir begrüßt mich ein Delfin – hurra, mein ist die offene See! Am äußersten Zipfel meiner Insel Yvinec entdecke ich meinen Vater, der auf dem Fels von Gouffre steht und mir mit großen Bewegungen zuwinkt. Ich bin stolz. Gerührt. Glücklich. Endlich ist es so weit, ich fahre! Salut, Papa!
Plötzlich setzt mein Motor aus. Soll das ein Scherz sein? Nein. Es ist ein ernstes Problem. Das Teil, das die Steuerung von Beschleunigung und Bremsen des Motors regelt, ist gerade entzweigegangen. Das ist keine Lappalie. Ich bin gerade mal eine Stunde unterwegs, und schon liege ich wieder fest.
Ich hole das Stromaggregat und das Schweißgerät raus, ich hatte eigentlich nicht gedacht, dass ich es so bald brauchen würde. Na schön, an die Arbeit! Ich mag neu in dem Geschäft sein, aber gut, für mich sieht es so aus, als würde die Naht halten. Ich starte den Motor wieder und setze meine Fahrt fort.
Aber dann geht das Spiel von vorne los. Einmal. Zweimal. Ich schweiße wieder und wieder und versuche, meine Technik zu verbessern. Schließlich, als ich es besonders gut machen will, schneide ich mir in den Finger und den Nagel. Das tut vielleicht weh! Ich habe eine ordentliche Wunde, die ich mit Alkohol desinfiziere.
Die Nacht bricht bereits herein. Meine erste als Alleinsegler. Kurz vor Mitternacht kommt Wind auf. Ich setze die Segel und schalte den Motor aus. Die Yvinec gleitet im Mondschein durch die Stille des Ozeans.
Ganz allmählich frischt der Wind auf. Jetzt gibt es auch ein wenig Seegang. Böen peitschen übers Meer und schütteln die Yvinec kräftig durch. Bei Tagesanbruch bemerke ich, dass die Windfahne vom Windsteuersystem nicht mehr da ist … Die Windsteueranlage ist ein zu hundert Prozent mechanisch betriebenes Gerät, das, wie der Name es sagt, mit Windkraft funktioniert, es gibt keine Elektronik darin, und genau das ist ja so beruhigend daran. Damit kann man einen Kurs zum scheinbaren Wind steuern. Früher, als es noch keine elektrischen Autopiloten gab, hatten alle Segler eine Windsteueranlage. Selbst heutzutage sind die meisten Fahrtenjachten (bis auf ganz schnelle Rennboote) damit ausgerüstet. Diese Anlagen verstehen das Meer besser als die neuen Autopiloten, weil ihre Funktionsweise natürlicher ist. Im Idealfall hat man alle beiden Systeme und das war auch auf der Yvinec so … bis heute Nacht …
Ich werde also in Spanien einen Zwischenstopp einlegen müssen, um das Windsteuersystem zu reparieren, ehe ich Kurs auf die Antillen setze. Bis dorthin sollte ich mit dem Autopiloten allein klarkommen. Zumindest glaube ich das, bis dieser mich vor der Küste des Departements Finistère ebenfalls im Stich lässt!
Der Autopilot erleichtert das Leben an Bord sehr, weil man nicht ununterbrochen an der Pinne sitzen muss. Er ist unverzichtbar, um sich kurz auszuruhen und etwas zu essen. Man muss nur einen Kurs auswählen und auf „Auto“ drücken, damit er gehalten wird. Total easy. Aber jetzt kann ich noch so sehr ein positiv denkender Mensch sein, nach dem Motto „Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen“ – das ist jetzt alles zu kompliziert. Ich muss mir schnell etwas einfallen lassen.
Was soll ich tun?
Ich habe keine Navigationshilfe mehr, ich muss das Ruder die ganze Zeit per Hand bedienen. Sehr weit käme ich so nicht. Ich bin fast auf halber Strecke zwischen der Bretagne und Spanien. Ich habe Ouessant, die Bucht von Audierne und die Landspitze von Penmarch passiert, befinde mich also ungefähr fünfzig bis hundert Meilen südlich von Concarneau. Wofür soll ich mich entscheiden? Mich in den Golf von Biskaya wagen mit seiner stürmischen See, und das mit einem angeschlagenen Boot? Oder zurück ins Departement Finistère? Einmal in meinem Leben bin auch ich vernünftig und beschließe, in die Bretagne zurückzufahren. Dort jeden Defekt zu reparieren und erst wieder in See zu stechen, wenn alle Geräte funktionieren.
Also drehe ich um. Am Ruder setze ich Kurs Nordost, hin zum Süden von Finistère.
Es ist tiefe Nacht, als ich die Küste erreiche. Nach dreißig Stunden an der Pinne bin ich total erledigt.

Eine gehörige Mütze Schlaf, eine heiße Schokolade und eine Schüssel Müsli später gehe ich in Port-la-Forêt an Land.
Port-la-Forêt ist das Paradies der großen Seefahrer. Der Hafen ist riesig, mehr als tausend Liegeplätze. Und er ist ein Trainingszentrum fürs Sportsegeln. Die Segler nennen es unter sich „das Tal der Verrückten“. Die Allerbesten sind schon dort gewesen, besonders der zweimalige Sieger der Vendée Globe, Michel Desjoyeaux, aber auch Vincent Riou, Armel le Cléac’h … Die Crème de la Crème der Ozeane.
Hier werde ich wohl problemlos Spezialisten für Schiffselektronik finden.
Deren Diagnose ist klar und deutlich. Ein neuer Autopilot muss her, teurer als mein alter: 4800 Euro Materialkosten und 500 Euro für die Montage. Ich habe nicht einen Cent. Irgendwie muss ich einen Weg finden, das zu bezahlen. Bis jetzt habe ich mich seit Australien allein mit Gelegenheitsjobs, wie sie gerade kamen, durchgeschlagen. Weil ich stolz bin, habe ich bis zu diesem Zeitpunkt alle helfenden Hände abgewiesen. Ich habe das Glück, dass meine Familie eher begütert ist, aber ich will das nicht ausnutzen. Dieses Mal bleibt mir jedoch keine Wahl. Um 6000 Euro zu verdienen, müsste ich meine Reise um mehrere Monate verschieben, und das würde meinen Stolz noch viel mehr verletzen. Also ringe ich mich zum ersten und – wie ich hoffe – letzten Mal dazu durch, die Hilfe von Nolwenn anzunehmen, meiner großen Schwester und quasi Zweitmutter. Sie hat sich sehr um mich gekümmert, als ich klein war.
Wegen der Reparatur liegt die Yvinec für eine Woche fest. Ich nutze die Gelegenheit, um selbst noch zwei oder drei Dinge zu verbessern. Ich installiere einen kleinen AIS-Empfänger, mit dem ich andere damit ausgestattete Schiffe identifizieren und Zusammenstöße vermeiden kann. Repariere den Kühlschrank, dessen Platine durchgeschmort ist. Und vor allem den Wechselstromgenerator, damit der Motor die Batterien auflädt wie bei einem Auto. Bei allen Hochseeregatten wie der Vendée Globe oder der Route du Rhum benutzen die Segler ihre Motoren nur zum Aufladen, selbstverständlich im Leerlauf, denn wenn sie schalten, also den Vorwärts- oder Rückwärtsgang einlegen, werden sie unverzüglich wegen eines Regelverstoßes bestraft. Mit anderen Worten, all das ist unerlässlich fürs Blauwassersegeln, und ich hätte von Anfang an daran denken müssen.
Ich baue auch noch einen Schwimmerschalter für die Bilgenpumpe ein, die sich dadurch automatisch in Gang setzt, sobald Wasser in mein Boot eindringt. Das ist ziemlich praktisch, wenn mal niemand an Bord ist. Für Seeleute ist es eine der größten Ängste zu entdecken, dass ihr Boot unter Wasser steht. Und auch dieses Teil hatte ich weggelassen …
Kurz gesagt, hatte ich damit riskiert, jederzeit ohne Strom dazustehen oder zu sinken!

Ich bin schon seit einigen Tagen in Port-la-Forêt, als ich Aziz, einen Journalisten, kennenlerne. Wir verstehen uns auf Anhieb, und ich willige ein, dass er den ersten Artikel über mich verfasst. Er stellt mir einen Haufen Fragen. Einige Tage später schlage ich die Ouest-France auf und fasse es nicht. Über eine halbe Seite ein Foto von meinem Boot und mir mit hochgerecktem Daumen …


Guirec Soudée trotzt der Welt in seinem Boot
An Bord seines Segelboots Yvinec wird Guirec Soudée ganz allein eine Weltumsegelung wagen. Er ist in Côtes-d’Armor gestartet und musste in der Cornouaille anlanden, um einen Teil der Ausrüstung reparieren zu lassen. Jetzt wartet er auf „guten Wind“, um wieder zu starten.
Nichts kann Guirec Soudée aufhalten. Wenn sich der 21-jährige Bretone einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, kann niemand ihm das ausreden …


Es ist komisch, wenn man auf einmal in der Zeitung steht. Als ich wie inzwischen üblich das Hafencafé betrete, sprechen mich mehrere Leute darauf an: „Hör mal, Guirec, Respekt! Was du vorhast, ist toll, du hast da ein Superprojekt!“
Am Tresen umringen mich alle, und ich merke, dass sie mich für jemanden halten, der ich gar nicht bin: einen großartigen Segler! Mir ist das peinlich … ich grinse etwas verschämt … Das Beste daran ist, dass eigentlich ich jede Menge Fragen hätte, die ich ihnen stellen möchte. Aber nach diesem Artikel würden sie glauben, ich will sie auf den Arm nehmen.

Nach einer Woche ist die Yvinec fertig und mein Geldbeutel leerer als je zuvor. Es ist an der Zeit, Port-la-Forêt zu verlassen. Ich verabschiede mich von meinen neuen Freunden. Bye bye, Jungs, der große Skipper sticht wieder in See für seine Weltumsegelung. Er hisst die Segel Richtung … Concarneau. Denn ich muss unbedingt Arbeit finden, außerdem käme ich bei dem schlechten Wetter sowieso nicht weit.

Guirec Soudée

Über Guirec Soudée

Biografie

Guirec Soudée, Jahrgang 1992, stammt von der kleinen Insel Yvinec in Côtes-d'Armor. 2014 brach er mit einem Segelboot, benannt nach seiner Heimatinsel, zu einer Weltreise auf. Seine Begleiterin: Monique – das wohl einzige Huhn, das weiß, wie man segelt, und sich am liebsten von Fisch ernährt....

Pressestimmen
General-Anzeiger

„Soudée erzählt humorvoll und kurzweilig von den verschiedensten Abenteuern und von den zahlreichen kleinen und auch großen Problemen, die das Projekt von Anfang an begleiten.“

br.de

„Beim Lesen spürt man richtig den Wind in den Haaren und schmeckt das Salz. Für alle, die das Meer lieben und am liebsten selbst sofort ins Boot springen würden, ist dieser Reisebericht gleichermaßen geeignet wie für diejenigen, die lieber gemütlich am Strand liegen und die wilden Abenteuer anderen überlassen. Das Buch ist informativ und spannend und immer wieder sehr lustig.“

Inhaltsangabe
Wie alles Begann

Teil 1
Unsere Atlantiküberquerung

Teil 2
Gefangen im Eis. Ein Winter am Polarkreis

Teil 3
Die Nordwestpassage

Teil 4
Von Alaska nach Kanada

Teil 5
Auf nach Süden

Teil 6
Der lange Weg zurück

Partner
Dank
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