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Sechzig Sekunden

Sechzig Sekunden

Thriller

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Sechzig Sekunden — Inhalt

Das Gesicht oder beide Füße verlieren? Alle Zähne oder ein Ohr? Sich selbst umbringen oder zusehen, wie die eigene Frau erschossen wird?

Ein perfider Killer treibt in Boston sein Unwesen. Er stellt seine Opfer vor die Wahl. Sechzig Sekunden haben sie Zeit, sich zwischen zwei Optionen zu entscheiden – eine grausamer als die andere.

Detective John Spader ermittelt auf Hochtouren. Doch schon bald gerät er selbst ins Visier des Täters – und das Leben seiner Familie steht auf dem Spiel …

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 04.10.2016
Übersetzt von: Alice Jakubeit
464 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97556-8

Leseprobe zu »Sechzig Sekunden«

EINS

Peter Lisbon wurde von einer Stimme geweckt. Einer eigenartigen Stimme. Unnatürlich. Da war sie wieder, diese eigenartige Stimme. »Aufwachen, Peter.«

Irgendwas ist komisch an dieser Stimme, dachte Lisbon. Mehr kam ihm dazu nicht in den Sinn. Das Denken fiel ihm schwer. Sein Verstand war … benebelt.

»Öffnen Sie jetzt die Augen, Peter«, hörte er. »Sie müssen jetzt aufwachen. Sie müssen über etwas nachdenken. Eine schwierige Entscheidung treffen.«

Was war mit dieser Stimme los? Sie war schrill und nasal, bebte ein wenig und klang … wie eine Automaten- [...]

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EINS

Peter Lisbon wurde von einer Stimme geweckt. Einer eigenartigen Stimme. Unnatürlich. Da war sie wieder, diese eigenartige Stimme. »Aufwachen, Peter.«

Irgendwas ist komisch an dieser Stimme, dachte Lisbon. Mehr kam ihm dazu nicht in den Sinn. Das Denken fiel ihm schwer. Sein Verstand war … benebelt.

»Öffnen Sie jetzt die Augen, Peter«, hörte er. »Sie müssen jetzt aufwachen. Sie müssen über etwas nachdenken. Eine schwierige Entscheidung treffen.«

Was war mit dieser Stimme los? Sie war schrill und nasal, bebte ein wenig und klang … wie eine Automaten- oder Roboterstimme oder … so. Sie klang einfach durch und durch falsch, und sie gehörte nicht in sein Schlafzimmer.

Lisbon schlug die Augen auf und stellte fest, dass er nicht im Bett lag, wo er eigentlich hätte sein sollen. Er lag nicht einmal, sondern saß auf einem Stuhl. Er hob den Kopf, der viel schwerer als sonst war, und blinzelte, um die Benommenheit abzuschütteln. Das Licht war aus, doch er sah, dass er sich noch in seinem Schlafzimmer befand und mitten im Raum auf einem Stuhl saß. Denjenigen, der gesprochen hatte, konnte er nicht sehen.

»Sie haben bestimmt eine Menge Fragen, Peter.« Wieder diese schaurig bebende Stimme. Sie klang wie eine Kreuzung aus einem Roboter und einem Munchkin aus Der Zauberer von Oz. »Allerdings habe ich keine Zeit, sie Ihnen zu beantworten. Aber damit wir vorankommen, werde ich Ihnen die Situation erklären. Zunächst muss ich Ihnen sagen, dass Sie mit Industrieklebeband an diesen Stuhl gefesselt sind. Robustes Zeug, mehrmals um Sie herumgewickelt. Sie können sich nicht aus eigener Kraft befreien.«

O Gott! Es stimmte, stellte Lisbon fest, als er versuchte, sich zu bewegen. Breites silbernes Industrieklebeband war um seine Brust gewickelt. Seine Arme waren an den Armlehnen des Stuhls festgeklebt, seine Beine an den Stuhlbeinen. Heilige Scheiße! Er war an einen Stuhl gefesselt.

Er war völlig hilflos.

Und diese Stimme. Sie kam aus nächster Nähe, aus der Dunkelheit gleich hinter ihm.

»Sicher fragen Sie sich, wie Sie auf diesem Stuhl gelandet sind.« Die schrille, vibrierende Stimme klang schrecklich fremd und zugleich schrecklich vertraut. Wie war das möglich? Wie konnte eine Stimme wie diese ihm vertraut erscheinen? »Tja, ich will Ihnen sagen, wie Sie da gelandet sind. Während Sie wie ein Engel in Ihrem Bett geschlafen haben, habe ich Ihnen einen mit Chloroform getränkten Lappen auf die Nase gedrückt. Als Sie bewusstlos waren, habe ich Sie auf diesen Stuhl gesetzt und daran festgeklebt. Und da wären wir jetzt.«

Eine Erinnerung schoss Lisbon durch den Kopf, eine Erinnerung an etwas Weiches, das ihm an die Nase gehalten wurde, an einen widerlich süßlichen Geruch, und dann nichts … bis diese bizarre Stimme ertönt war.

»Ich habe das Licht Ihretwegen aus gelassen, Peter. Ich dachte, es ist sicher leichter für Sie, wenn wir uns da ganz allmählich herantasten.«

Der Mond schien träge durch die Fenster herein. Sein fahles Licht leuchtete die Schlafzimmerlandschaft nicht aus, sodass die Gestalt, die nun direkt vor Lisbon trat, nur schattenhaft zu erkennen war. Der Mann war von kräftiger Statur, und sein Kopf, den Lisbon nur als Silhouette sah, war … du lieber Gott, er hatte eine ganz und gar absonderliche Form. Zu groß. Die Wangen zu breit. Und dort, wo die Augen hätten sein müssen … war das da wirklich ein hellgrünes Leuchten?

Lisbon versuchte zu sprechen, wollte fragen, was der Mann wollte – falls das da überhaupt ein Mann war –, doch der zugeklebte Mund hinderte ihn daran.

Peter Lisbon war kein ängstlicher Mann. Allein in den letzten sechs Monaten hatte er seinen ersten Solo-Fallschirmsprung absolviert und – vielleicht unklugerweise – einen bewaffneten Autoräuber abgewehrt. Ihm jagte man nicht so leicht Angst ein. Daher waren der kalte Schweiß, der nun seine Haut befeuchtete, und die eisigen Finger, die ihm den Rücken hochkrochen, eine ganz neue Erfahrung für ihn. Aber wem würde diese Situation keine Angst einflößen? Eine Gestalt, die in seinem dunklen Zimmer stand, ein Fremder mit einem fremdartigen Kopf und einer fremdartigen Stimme, einer Stimme, die so unnatürlich war, so schrecklich, so …

So verdammt vertraut? Wie konnte das sein? An eine so fremdartige Stimme müsste er sich doch erinnern … Das war es. Jetzt erinnerte er sich.

»Wenn Sie dann bereit sind, Peter, schalte ich nun das Licht ein.«

Er wusste, er hatte diese Stimme schon einmal gehört. Aber das war verrückt. Diese Stimme gehörte nicht hierher, in dieses Zimmer. Sie gehörte nicht in die reale Welt.

Der Eindringling ging ans andere Ende des Zimmers, und ein leises metallisches Klirren begleitete seine Schritte, ganz schwach, wie zwei Messer, die sanft aneinanderrieben. Er betätigte den Lichtschalter an der Wand. Es wurde hell, und nun sah Lisbon das Gesicht des Eindringlings, und die fremdartige Stimme ergab einen Sinn, auch wenn eigentlich nichts an dieser ganzen Situation einen Sinn ergab.

Vor ihm stand eine vollständig in Schwarz gekleidete Gestalt, vom schwarzen Trainingsanzug bis hin zu den schwarzen Turnschuhen. Das allerdings nahm Lisbon kaum zur Kenntnis. Seine Aufmerksamkeit war ganz auf den Kopf des Mannes gerichtet. Er war völlig kahl. Außerdem war er unnatürlich gelb, beinahe neongelb. Die Wangen waren in die Breite gezogen, viel zu sehr in die Breite gezogen zu einem riesigen, fröhlichen, zahnlückigen Grinsen. Über dem Mund saß eine niedliche kleine Stupsnase. Die Augen waren von einem leuchtenden, funkelnden Grün, die Iris waren mit reflektierenden smaragdgrünen Pünktchen gesprenkelt. Aus der ansonsten glatten Stirn ragten zwei stummelartige Auswüchse mit kleinen Knubbeln am Ende. Antennen. Ohren gab es keine. So fremdartig das Gesicht auch war, konnte Lisbon es doch auf Anhieb einordnen. Es gehörte Galaxo, Rächer von den Sternen!. Das Ausrufezeichen war nicht Lisbons Idee; man sah es überall in der Werbung für den beliebten Zeichentrickhelden.

Lisbon erkannte Galaxo, weil … nun, weil ihn jeder mit einem Kind unter zehn Jahren kannte. Vermutlich gab es im ganzen Land nicht einen einzigen Menschen, der Galaxo nicht kannte. Der Außerirdische begeisterte die Kinder in Amerika wie seit Langem nichts, mehr als jedes andere Geschöpf der Kinderunterhaltungsbranche – sprechende Dinosaurier, sprechende Schwämme, sprechende Eisenbahnen, was auch immer. Angefangen hatte es mit dem Galaxo-Zeichentrickfilm samstags im Vormittagspro-gramm. Doch im Nu waren Bücher dazugekommen, T-Shirts, Schlafanzüge, Videospiele, Actionfiguren, Rucksäcke, Bettwäsche und ein Spielfilm sowie alles, womit die Merchandisingleute sonst noch glaubten, den Kindern das Taschengeld und liebenden Eltern, die ihren Kindern eine Freude machen wollten, die Scheine aus der Brieftasche ziehen zu können. Lisbon mochte gar nicht darüber nachdenken, wie viel Geld er selbst schon für Galaxo-Devotionalien für seinen eigenen Sohn Toby ausgegeben hatte. Das meiste davon bewahrte der Junge im Haus seiner Mutter auf.

Nun ergab die unheimliche Stimme einen Sinn. Sie gehörte zur Maske. Auch im Fernsehen sprach Galaxo mit dieser fremdartigen, schrillen Stimme mit dem gruseligen Vibrato. Die Maske, die den gesamten Kopf bedeckte, war die gleiche wie die, die Lisbon Toby letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte. Es gab sie nur in einer Einheitsgröße, doch an der Innenseite befand sich ein verstellbarer Riemen, sodass jeder zwischen fünf und fünfundneunzig Jahren sie tragen konnte. In die Maske eingebaut war ein Gerät, das die Stimme verfremdete, mit einem Mikrofon innen und einem Lautsprecher, der geschickt in der Lücke zwischen Galaxos zwei Schneidezähnen verborgen war. Im Lauf der Jahre hatte Lisbon Toby diverse Masken mit solchen stimmverfremdenden Vorrichtungen gekauft, daher wusste er, dass die Technik in letzter Zeit gewaltige Fortschritte gemacht hatte. Die Stimme, die aus der Galaxo-Maske kam, war praktisch nicht wiederzuerkennen. Im Gegenteil: Zum Entzücken der Kinder wie zur Bestürzung der Erwachsenen allerorten war sie von der des Zeichentrick-Aliens im Grunde nicht zu unterscheiden.

Und jetzt stand jemand mit dieser Maske in Lisbons Schlafzimmer. Zum ersten Mal seit seiner Scheidung war Lisbon froh, dass er den Streit um das Sorgerecht für Toby verloren hatte. Sonst säße sein Sohn jetzt womöglich an einen Stuhl gefesselt neben ihm, und einzig Gott wusste, was der kranke Mistkerl mit der Maske im Sinn hatte. Erneut versuchte Lisbon zu sprechen, aber sein Mund war ja zugeklebt.

»Sie bekommen noch die Gelegenheit zu sprechen«, sagte Galaxo mit seiner gruseligen, quieksenden Alienstimme. »Sie werden sogar sprechen müssen. Sie müssen nämlich eine Wahl treffen. Aber zunächst die Spielregeln. Die erste Regel lautet: keine Hilferufe. Wenn ich Ihnen das Klebeband vom Mund abnehme, werden Sie um Hilfe rufen wollen. Offen gestanden, ich könnte es Ihnen nicht verdenken. Aber ich muss Ihnen sagen, wenn Sie das tun, dann stecke ich Ihnen das hier in den Hals.« Er hielt einen Eispickel in die Höhe. »Sie werden also nicht schreien, richtig?«

Lisbon zögerte, dann nickte er. Was zum Teufel sollte er auch sonst tun?

»Gut. Jetzt die zweite Regel … die betrifft mich. Und Sie wohl auch. Aufgepasst. Ich versuche, Sie nicht zu töten, aber falls Sie mich dazu zwingen, töte ich Sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Also zwingen Sie mich nicht dazu, okay?« Lisbon wollte Galaxo keineswegs zwingen, ihn zu töten, also nickte er erneut.

»Okay, Regel Nummer drei. Das ist die wichtigste. Ich werde Sie vor eine Wahl stellen. Ich warne Sie vor, es wird eine ganz scheußliche Wahl sein. Aber Sie müssen wählen. Von dem Augenblick an, wenn ich das Klebeband abziehe, haben Sie eine Minute Zeit, sich zu entscheiden. Wenn Sie sich innerhalb dieser Zeit nicht entscheiden, verstehe ich das so, dass Sie beide Optionen gewählt haben. Aber ich verspreche Ihnen, Peter, das wollen Sie nicht – nicht wenn Sie die beiden Wahlmöglichkeiten erst hören. Um Ihretwillen hoffe ich also wirklich, dass Sie in der Lage sind, eine Wahl zu treffen. Alles klar so weit?«

Erneut nickte Lisbon, und dabei löste sich ein Schweißtropfen von seinem Haaransatz. Der kalte Tropfen rann ihm über die Stirn, verharrte einen Augenblick an seiner rechten Augenbraue und fiel ihm dann in den Schoß. Galaxo beobachtete den Weg des Schweißtropfens bis zum Ende, dann sprach er weiter.

»Nur damit Sie wissen, dass ich fair spiele: Dies wird die offizielle Stoppuhr sein.«

Mit einem ganz leisen metallischen Klicken ging Galaxo vor Lisbon in die Knie und nahm eine kleine Sporttasche vom Boden auf. Er stellte sie neben sich aufs Bett, zog den Reißverschluss auf und wühlte darin. Lisbon hörte Metall klirren und sah flüchtig verschiedene garstige Gegenstände mit Metallspitzen und gezackten Klingen und Greifern. Er bekam eine Gänsehaut. Galaxo wühlte noch eine Weile in seiner Tasche, ehe er schließlich einen glänzenden roten Apfel herausholte. Um die Mitte verlief eine schwarze Trennlinie, darüber waren kurze vertikale Striche mit Ziffern angeordnet. Eine Eieruhr.

»Die stelle ich auf eine Minute ein. Ich nenne Ihnen Ihre Wahlmöglichkeiten, lasse die Eieruhr laufen und nehme Ihnen dann das Klebeband vom Mund ab. Verstehen Sie?«

Das konnte unmöglich wirklich geschehen. Es konnte nicht sein, dass ein Zeichentrick-Alien in seinem Schlafzimmer stand, der ihm damit drohte, ihm einen Eispickel in den Hals zu rammen, und mit seiner gespenstischen Alienstimme von einer Wahl brabbelte, die er treffen musste. Das war absolut unwirklich.

»Ich habe gefragt, ob Sie verstanden haben, Peter. Antworten Sie mir irgendwie, oder ich werde Ihnen sehr wehtun.«

Lisbon glaubte ihm aufs Wort. Aber er konnte sich zu keiner wie auch immer gearteten Antwort durchringen.

»Peter …«, mahnte der dauerlächelnde Alien. Lisbon nickte. »Gut. Also, mal sehen, was soll ich Ihnen anbieten, was nur?« Galaxo tat nachdenklich: Er strich sich über das gelbe Kinn, dann tippte er sich an die gelbe Schläfe. »Wie wär’s damit? Entweder ich zertrümmere Ihnen mit einem Hammer die Knie oder ich … hmm … ich schneide Ihnen alle Ihre Finger ab, einen nach dem anderen. Es ist Ihre Entscheidung. Was meinen Sie?« Daraufhin drang ein sehr eigenartiger Laut aus dem freundlichen Zeichentrickgesicht, eine Vibratoexplosion, die Lisbon nach einem Augenblick als Kichern erkannte.

Unvermutet klopfte es, und Lisbon schöpfte flüchtig Hoffnung, bis er erkannte, dass das Klopfen in seinem Kopf war: das Blut, das in seinen Ohren pochte. Er versuchte zu schlucken, doch seine Kehle war ein ausgetrockneter Schwamm. Der Kerl war ja völlig irre.

Plötzlich ergriff ihn Panik. Die zweite Spielregel dieses Irren fiel ihm wieder ein. Oder war es die dritte? Egal, er hatte nur eine Minute Zeit für seine Antwort, sonst … Wie war das gewesen? … Ach ja, richtig, Scheiße, Galaxo hatte gesagt, sonst wäre es, als hätte er sich für beide Möglichkeiten entschieden. Galaxo würde ihm die Knie zerschmettern und ihm die Finger abschneiden. Oh Gott!

Aber Moment mal. Galaxo hatte die Eieruhr nicht gestellt. Und er hatte Lisbon das Klebeband nicht abgenommen. Lisbon blickte zu Galaxo hoch, der nach wie vor lächelte, der natürlich immer lächelte und der sich nun erneut an die Schläfe tippte.

»Nein«, sagte er, »das ist nicht besonders gut. Vergessen Sie das.«

Lisbon atmete gierig durch die Nase ein und wieder aus. Doch seine Erleichterung war nicht von Dauer.

»Warten Sie, ich hab’s«, sagte Galaxo. »Oh, das ist gut. Los geht’s. Hier kommt Ihre Auswahl, Peter, also hören Sie gut zu. Entweder ich gieße Ihnen Salzsäure über das ganze Gesicht, oder« – hier machte Galaxo eine dramatische Pause – »ich säge Ihnen beide Füße ab. Das ist es. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.«

Urplötzlich herrschte in Lisbons Kopf völlige Leere, wie auf einem Fernsehbildschirm, wenn jemand den Stecker gezogen hat. Er verarbeitete kaum noch, was er sah und hörte: Galaxo, der die obere Hälfte der Apfeleieruhr drehte, das Ticken, das daraufhin einsetzte, Galaxo, der den Apfel aufs Bett stellte, Galaxo, der nach dem Klebeband auf Lisbons Mund griff, Galaxo, der etwas sagte, was Lisbon in der Verfassung, in der er sich befand, nicht verstehen konnte. Erst das heftige Brennen, als ihm das Klebeband von den Lippen gerissen wurde, brachte ihn wieder zu sich.

»Peter, ich hoffe, Sie versuchen, sich zu entscheiden. Sie wollen doch nicht, dass die Eieruhr abläuft, bevor Sie Ihre Wahl getroffen haben. Es wäre eine Tragödie, sowohl das Gesicht als auch die Füße zu verlieren, obwohl Sie die Chance haben, entweder das eine oder das andere zu behalten, finden Sie nicht?«

Lisbon konnte nicht denken. Er konnte nicht sprechen. Er war paralysiert, unfähig, sich zu bewegen, abgesehen von einem unkontrollierten Zittern, verursacht durch das ausgeschüttete Adrenalin.

Galaxo blickte zu der Eieruhr auf dem Bett. »Zehn Sekunden vorbei, Peter. Nur noch fünfzig übrig.«

Lisbon schnappte gierig nach Luft und versuchte zu sprechen, doch diese Fähigkeit hatte er noch nicht zurückerlangt. Das Ticken kam ihm unverhältnismäßig laut vor. Er kämpfte gegen das Klebeband an, das ihn am Stuhl festhielt, versuchte mit aller Macht, sich loszureißen. Er konnte seine Arme nicht einen Zentimeter bewegen. Er keuchte immer lauter, das Ausatmen wurde immer angestrengter.

Galaxo sah auf ihn herab und schüttelte seinen grotesken Kopf. »Schlechter Zeitpunkt, um in Panik zu geraten, Peter. Ich möchte Ihnen wirklich nicht sowohl die Füße als auch das Gesicht nehmen müssen.«

Endlich platzten Worte aus Lisbon heraus. »Dann tun Sie’s auch nicht, um Himmels willen!«

»Ah, gut, jetzt reden Sie.« Galaxo wirkte aufrichtig erfreut. »Das ist schon mal ein Anfang. Aber nur noch vierzig Sekunden. Ich hoffe wirklich, Sie wägen diese schwierige Entscheidung gebührend ab. Ihre Wahl wird offenkundig weitreichende Folgen für den Rest Ihres Lebens haben.«

Lisbon setzte an zu sprechen, stieß ein panisches Grunzen aus, räusperte sich und sagte verzweifelt: »Warum tun Sie mir das an?«

Galaxo schüttelte den Kopf. »Das ist wirklich enttäuschend. Sie haben schlicht keine Zeit für Fragen, wo eine solche Entscheidung ansteht. Ich rate Ihnen dringend, Ihre Wahlmöglichkeiten abzuwägen. Sie haben jetzt noch eine knappe halbe Minute.« Er klang so gelassen, so vernünftig, dabei drohte er, Lisbon auf unsägliche Weise zu verstümmeln, und die Drohung war umso schrecklicher, als sie aus diesem permanent grinsenden Zeichentrick-Alienmund kam, mit dieser quieksenden, bebenden Stimme, die tagtäglich Millionen von Kindern begeisterte.

O Gott, o Gott. Tick, tick, tick, tick, tick, tick …

»Bitte«, sagte Lisbon, »bitte tun Sie das nicht. Ich habe einen Sohn. Bitte.«

»Nur noch fünfundzwanzig Sekunden. Ich versichere Ihnen, ich habe einen Kanister Säure dabei. Um ehrlich zu sein, ich habe ihn im Auto gelassen, aber ich könnte ihn im Handumdrehen holen. Oder …« Er beugte sich über die Sporttasche auf dem Bett und zog eine kurze Handsäge heraus, und beim Anblick ihrer scharfen, hässlichen kleinen Haifischzähne stieg Übelkeit in Lisbon auf. Diese Zähne wirkten scharf genug, um Knochen durchzusägen.

Lisbons Blick zuckte hektisch im Raum umher, als hoffte er, in einer Ecke jemanden zu entdecken, jemanden, der ihn retten konnte, jemanden, der bisher nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet hatte, um einzuschreiten. Doch da war niemand.

Tick, tick, tick, tick …

»Noch fünfzehn Sekunden, Peter«, sagte Galaxo. »Was soll es sein? Werden Sie mich zwingen, die Säure aus dem Auto zu holen, oder sind wir mit dieser Säge hier zufrieden?«

Lisbon hatte wieder Atemnot. Er konnte nicht einatmen. Er versuchte es wie verrückt, aber seine Lunge spielte nicht mit. Er versuchte zu sprechen, brachte jedoch nur ein klägliches Krächzen zustande.

»O nein, Peter, das ist Pech. Sie hyperventilieren. In dieser Verfassung wird es Ihnen schwerfallen, mir Ihre Entscheidung mitzuteilen. Bitte versuchen Sie, sich zu entspannen. Sie glauben mir vielleicht nicht, aber ich möchte Sie wirklich nicht zu einem gesichts- und fußlosen Aussätzigen machen. Das wäre ein schweres Los. Mit dem einen oder dem anderen können Sie vielleicht umgehen, aber beides … Ich weiß nicht.«

Tick, tick …

»Kommen Sie, Peter«, sagte Galaxo. »Ich zähle auf Sie. Sie können das. Treffen Sie Ihre Wahl.«

Lisbon wollte nochmals um Gnade flehen, wollte fragen, warum, warum, Himmel, warum Galaxo ihm das antat, aber er bekam keine Luft, konnte nicht sprechen. Unvermittelt hoffte er, er würde entweder ersticken oder einen schweren, tödlichen Herzinfarkt bekommen, damit er nicht wählen musste, damit er nicht zusehen musste, wie dieser Scheißirre den Deckel von einem Säurekanister schraubte, nicht spüren musste, wie ihm flüssiges Feuer über die Stirn lief, über das Gesicht, vielleicht in die Augen, wie die ätzende Flüssigkeit seine Nase zersetzte, ihm Löcher in die Wangen brannte, Knochen freilegte, seine Lippen wegfraß … und wenn er dann vor Schmerzen schrie, würde dieser Scheißkerl ihm auch noch die Füße absägen, zuerst den einen, dann den anderen. O Gott, bitte, Gott, bitte …

»Verdammt, Peter«, sagte Galaxo, nunmehr in drängendem Ton. »Sie haben noch zehn Sekunden, und Sie sollten mir verdammt noch mal glauben, dass ich tue, was ich sage. Ich ätze Ihnen das Gesicht weg, und dann säge ich Ihnen beide Füße ab. Glauben Sie’s, verdammt noch mal!« Jetzt brüllte Galaxo. »Denken Sie nach, Peter! Entscheiden Sie sich!«

Lisbon glaubte ihm durchaus. Er hegte keinen Zweifel daran, dass er seine Drohung wahr machen und beide Gräueltaten ausführen würde. Doch er konnte nicht sprechen. Er konnte nicht genug Luft in die Lunge bekommen, um einen verständlichen Laut zu produzieren. Er grunzte und stöhnte und spürte, wie ihm Tränen über die Wangen liefen, aber er brachte kein Wort hervor. Er wusste auch gar nicht, was er sagen würde, wenn er es könnte.

»Es wird Zeit, Peter, gleich ist es zu spät. Wenn die Eieruhr abgelaufen ist, lasse ich Sie nicht mehr wählen, das schwöre ich bei Gott. Das ist nur gerecht. Ich würde es bei niemand sonst tun, und ich tue es auch bei Ihnen nicht. Also treffen Sie endlich Ihre Scheißwahl!«

O Gott, als gesichtsloses Ungeheuer zu leben, das zerstörte, säurezerfressene Gesicht niemals in der Öffentlichkeit zeigen zu können, ohne sofort entsetzte Blicke auf sich zu ziehen. Die Leute würden mit dem Finger auf ihn deuten, sie würden erschrocken nach Luft schnappen oder grausame Kränkungen von sich geben. Er war immer ein gut aussehender Mann gewesen. Markante Züge, hatte man ihm oft gesagt, und ein sympathisches Lächeln, und da musste er ihnen zustimmen. O Gott, das alles zu verlieren. Und die Schmerzen. Die Schmerzen würden unerträglich sein. Aber seine Füße, er brauchte seine Füße doch, brauchte sie zum Gehen, zum Rennen, um mit seinem Sohn zu spielen, zum Autofahren. Himmel, er brauchte sie für alles. Aber sein Gesicht …

»Wählen Sie jetzt, Peter. Wenn Sie nicht sprechen können, geben Sie mir ein Zeichen. Wackeln Sie mit den Zehen für Ihre Füße oder schütteln Sie den Kopf für Ihr Gesicht.«

Ich kann keine Wahl treffen. Ich kann wirklich nicht. Ich kann nicht einmal denken bei diesem Scheißticken, nein, nein, nein, ich will nicht wählen …

»Verdammt noch mal, Peter, die Zeit läuft ab«, sagte Galaxo und klang aufrichtig enttäuscht. »Drei … zwei … eins …«

»Meine Füße.« Die Worte brachen im selben Augenblick aus Lisbon hervor, als die Eieruhr ein wohlklingendes leises Ding ertönen ließ. Lisbon schnappte gierig nach Luft und stieß sie stakkatoartig wieder aus – hemmungslose, unmännliche Schluchzer. Der Kopf fiel ihm auf die Brust. Tränen rannen ihm in den Schoß. Ein weiterer tiefer Atemzug, eine weitere Serie Schluchzer, die ihn förmlich schüttelten.

»Hmm, ich weiß nicht, Peter«, sagte Galaxo. »Das war verdammt knapp.«

Entsetzt blickte Lisbon hoch. Er zwang sich, mit dem Weinen aufzuhören. »A-a-aber ich habe gewählt«, sagte er. »Ich habe gewählt.«

»Ich glaube, ich habe es klingeln gehört, bevor Sie ›Füße‹ sagten.«

Lisbon blickte in diese riesigen grünen Augen, auf das dünne schwarze Gewebe, das die fünfcentstückgroßen Pupillen im Zentrum der leuchtend grünen Iris bedeckte, wo er meinte, das feuchte Glänzen echter Augen zu entdecken, und diese Augen blickte er flehentlich an.

»Bitte, bitte, bitte nehmen Sie mir nur die Füße.«

Galaxo strich sich wieder über das gelbe Kinn.

»Um Gottes willen, zeigen Sie ein bisschen Gnade«, fügte Lisbon hinzu. »Nehmen Sie mir nur die Füße.«

Er schloss die Augen. Er konnte nicht glauben, dass er soeben einen Mann angefleht hatte, ihm die Füße abzusägen.

Dennoch betete er, seine Bitte möge ihm gewährt werden. Galaxo schwieg einen Augenblick. Schließlich sagte er: »Okay, ich denke, das war nahe genug dran. Ist wohl Ihre Glücksnacht«, fügte er fröhlich hinzu.

Als Galaxo ihm frisches Klebeband auf den Mund drückte, öffnete Lisbon die Augen und begann wieder zu weinen. Dann fiel sein Blick auf die scharfzackige Säge in Galaxos Hand, und er schrie aus Leibeskräften – ein Schrei aus tiefster Seele. Es fühlte sich an, als zerrissen dabei seine Stimmbänder. Dennoch klang der Schrei selbst in seinen eigenen Ohren leise, wurde er doch von dem Klebeband auf seinem Mund gedämpft.

Bald darauf war er über jedes Schreien hinaus.

 

ZWEI

Die Frau unter John Spader bewegte sich in völligem Einklang mit ihm. Die beiden atmeten synchron, ihre Körper lösten sich rhythmisch ein wenig voneinander und trafen dann genau im richtigen Augenblick, genau im richtigen Winkel wieder aufeinander. So war es immer mit Hannah. Beide wussten sie instinktiv, was der andere wollte und brauchte, und erfüllten diese Wünsche, ohne das Fließen ihrer Bewegungen abreißen zu lassen. Es war wie ein improvisierter Tanz, ohne vorgegebene Form, der dennoch wirkte, als folgte er einer präzisen Choreografie. Und so war es jedes Mal. Spader blickte in Hannahs schöne, whiskeybraune Augen und dachte so wie jedes Mal: »Diese Augen sollten blau sein. Das sollten die Augen meiner Frau sein.« Die Schuldgefühle, die ihn dabei jedes Mal beschlichen, hätten ihn diesmal beinahe aus dem Takt gebracht, doch dazu kam es nicht. Diese Rolle übernahm sein Handy.

Ohne sich von Hannah zu lösen, stützte er sich auf einen Ellbogen und nahm das Telefon vom Nachttisch. Hannah sah ihn ungläubig an, schwer atmend, noch immer das Becken wiegend, während seines nunmehr reglos verharrte.

»Spader«, meldete er sich und merkte, dass seine Stimme ein wenig rauer als sonst klang. »Nein, nicht im Geringsten. Was ist … Mein Gott, so schnell? Wie lange ist das mit Lisbons Füßen her? Nur zwölf Tage, oder? Was war’s diesmal?« Pause. »Beide Ohren?«

Hannahs Beckenbewegungen wurden ein wenig nachdrücklicher, dazu grub sie ihm ganz leicht die Fingernägel in den unteren Rücken.

»Wo ist es passiert?« Er sah auf die roten Ziffern der Uhr am Bett. Fast zwei Uhr morgens. Hannahs Bewegungen wurden noch drängender. Außerdem kam jetzt noch ein verführerisches kleines Hüftkreisen dazu. Sie fuhr mit den Händen abwärts, legte sie Spader auf den Po und drückte ihn tief in sich hinein, während sie ihm zugleich entgegendrängte. Sie atmete wieder tiefer, hatte in ihren Rhythmus zurückgefunden, stöhnte vor Lust.

Spader drehte ein wenig den Kopf, damit er besser hören konnte – den Anrufer, nicht Hannah.

»Ich kann in zwanzig Minuten im Ten Fed sein«, sagte er und meinte damit Federal Street Nummer zehn in Salem, Massachusetts, wo die Kriminalpolizei der Essex County State Police ihren Sitz hatte. »Von da aus können wir zusammen hinfahren. Was? Ja, ich mache mich gleich auf den Weg.« Er klappte das Handy zu und sah Hannah an. »Tut mir leid, ich muss weg.«

»Hmm?« Ihre Stimme klang sogar noch rauer als seine eben. Ihr Gesicht, ohnehin immer ein hübscher Anblick, war jetzt, vom Liebesspiel gerötet, noch schöner. Einige dunkle Haarsträhnen waren ihr in die Stirn gefallen und bedeckten ein Auge. Dann veränderte sich ihr Blick, und ihr Gesicht büßte einen Hauch der intensivierten Schönheit ein. Sie hatte begriffen, dass er es ernst meinte. »Du willst gehen? Jetzt sofort?« Sie bewegte noch immer die Hüften.

»Tut mir leid.«

Da hielt sie inne. Sie sah ihn an mit diesen Augen, die nicht die seiner Frau waren, und sagte: »Bitte sag, dass das ein Scherz ist. Das ist doch ein Scherz, oder?«

 

»Bitte sag, dass das ein Scherz ist«, sagte Gavin Dunbar.

Spader sah den Mann an, mit dem er seit neun Jahren bei der Kriminalpolizei zusammenarbeitete und fast ebenso lang befreundet war. »Tut mir leid, das kann ich nicht. Du kommst von der Spur ab.«

Dunbar lenkte den Ford Crown Victoria zurück auf ihre Fahrspur. »Herr im Himmel, John, du hast einfach mittendrin aufgehört? Geht das physisch überhaupt?«

»Doch, Gavin, das geht.«

»Ich glaube nicht, dass ich das könnte. Nein, das könnte ich niemals. Ist bestimmt auch gefährlich, man soll ja auch ein Niesen nicht zurückhalten. Weil dann angeblich die Augäpfel explodieren oder so was. Bloß dass einem nicht die Augäpfel explodieren, wenn man mitten im Sex aufhört.«

»Ich habe es offenbar ganz gut überstanden.«

»Hast bestimmt nur Glück gehabt. Und was hast du ihr gesagt, Mann?«

»Ich habe ihr gesagt, aus Erfahrung würde ich schätzen, dass sie noch sechs, sieben Minuten bis zu ihrem großen Finale braucht, und dass ich das Gefühl hätte, aus irgendeinem Grund würde ich heute Nacht ein paar Minuten hinter ihr herhinken, und dass da ein Mann sei, dem man gerade das Ohr abgeschnitten hat und der wahrscheinlich nicht noch zehn Minuten länger warten will, bis die Dinge in seinem Fall in Gang kommen, bloß damit der leitende Detective zu Ende bumsen kann.«

»Das hast du nicht zu ihr gesagt. Das mit dem Ohr.«

»Doch.« Das hatte er wirklich, denn er hatte sich gedacht, wenn sie erfuhr, dass da einem Mann das Ohr abgeschnitten worden war, könne sie seine Entscheidung besser verstehen. Und falls nicht: Pech gehabt, denn sie würde noch viele Orgasmen haben, aber dieser Mann hatte von nun an nur noch ein Ohr.

»Weißt du, John, ich kenne dich lange genug, um dir zu glauben. Wahrscheinlich bist du wirklich einfach mittendrin abgehauen, weil die Pflicht gerufen hat.« Dunbar wandte den Blick nicht von der Straße ab. Er fügte hinzu: »Aber ich glaube nicht, dass das der einzige Grund war.«

»Ein Mann, dem das Ohr von einem Irren abgeschnitten wurde – einem Irren, der rumläuft und den Leuten mitten in der Nacht irgendwelche Körperteile absägt –, reicht dir nicht als Grund?«

»Mag schon sein, aber das war nicht dein einziger Beweggrund heute Nacht.« Dunbar konzentrierte sich auf die Straße vor ihnen, doch Spader fühlte sich, als ruhte sein Blick trotzdem auf ihm.

»Schon gut, ich habe an meine Frau gedacht. Na, und?«

»An deine Exfrau, John.« Dunbar meinte es nur gut. Er war eine ehrliche Haut, ein verlässlicher Freund, und Spader würde notfalls eine Kugel für ihn abfangen, denn das taten Polizisten, die zusammenarbeiteten, nun einmal oder sollten es jedenfalls tun, aber Spader wusste nicht, ob er ihm auch in Liebesdingen sein Herz ausschütten wollte.

»Wie alt bist du?«, fragte Dunbar. »Vier, fünf Jahre jünger als ich?«

»Da bin ich überfragt. Wie alt bist du? Fünfundfünfzig? Sechzig?« Spader wusste sehr wohl, dass Dunbar sechsundvierzig war.

»Du kannst mich mal, du Scherzkeks. Also, wie alt bist du? Vierzig?«

»Einundvierzig. Worauf willst du hinaus?«

»Ich will darauf hinaus, dass du noch ein junger Mann bist. Und nicht übel aussiehst, würde ich mal sagen. Also vielleicht …«

»Meine Güte, Gavin, gräbst du mich etwa an? Ich bin gerührt.«

Dunbar seufzte und verzog das Gesicht, dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Ich meine ja nur, du hast genau die dichten Haare, auf die die Frauen abfahren.« Er fuhr sich durch die eigenen, lichter werdenden kurzen Haare. »Und sie scheinen deine Augen zu mögen, weil sie so blau sind und alles. Jedenfalls, ein paar Kolleginnen im Büro haben mich auf dich angesprochen.« Jeder, der im Ten Fed arbeitete, nannte es manchmal einfach »das Büro«.

»Ach? Und was sagen die so?« Eigentlich war Spader nicht allzu neugierig darauf. Ihm war selbst einiges zu Ohren gekommen. Und man hatte ihm oft genug gesagt, er sehe nicht übel aus, also glaubte er es. Aber er wollte mehr von Dunbar hören, einfach weil dessen offenkundige Verlegenheit ihn amüsierte.

Erneut verzog Dunbar das Gesicht. »Scheiße, ich weiß auch nicht. Alles Mögliche. Über deine Haare, deine Augen, deinen … deinen Hintern.«

»Was ist mit meinem Hintern? Was genau, meine ich. Was genau haben sie über meinen Hintern gesagt?«

»Scheiß drauf. Vergiss es einfach. Mann, da versucht man mal, jemandem was Gutes zu tun …« Dunbar schüttelte den Kopf. »Nein, warte, vergiss es nicht. Du musst aufhören, deiner Exfrau nachzuweinen. Wahrscheinlich will ich bloß darauf hinaus: Falls Hannah wirklich die Richtige für dich ist: toll. Aber selbst wenn sie es nicht ist, dann findest du eben eine andere, eine andere als deine Ex, verstehst du, was ich meine? Darauf wollte ich hinaus. Olivia ist weg, Mann. Das solltest du akzeptieren. Das ist jedenfalls meine Meinung. Und jetzt bin ich fertig. Ich hab gesagt, was ich sagen wollte.« Er schüttelte den Kopf. »Ich meine, das ist jetzt … wie lange her? Neun Monate?«

Es war elf Monate her, dass seine Exfrau Olivia ihn gebeten hatte auszuziehen und dass er Dunbar davon erzählt hatte. »Die Scheidung ist seit sechs Monaten durch«, fügte er hinzu. Diese Unterhaltung war ziemlich schnell unerquicklich geworden.

»Sechs Monate sind eine lange Zeit, Kumpel. Zu lange, um sich immer noch schuldig zu fühlen, wenn man mit einer anderen Frau zusammen ist. Und da Olivia diejenige war, die Schluss gemacht hat, hättest du eigentlich nie Schuldgefühle haben müssen.«

Allmählich befürchtete Spader, dass er Dunbar im Verlauf der letzten Monate mehr erzählt hatte, als ihm lieb war. »Ich denke darüber nach, mit Hannah Schluss zu machen. Es ist nicht fair ihr gegenüber.«

»Moment mal. Hast du nicht gesagt, der Sex mit ihr sei der Wahnsinn, so was wie die olympischen Spiele?« Spader erinnerte sich, einmal etwas Derartiges gesagt zu haben, und nun bereute er es. Überdies war er sich jetzt sicher, dass er ein wenig zu mitteilsam gewesen war. »Und dass sie jedes Mal die Goldmedaille gewonnen hat?«

»Ich weiß nicht, ob ich die Metapher so weit getrieben habe. Jedenfalls ist guter Sex nicht immer genug, weißt du?«

»Für viele Männer schon.«

Und in den ersten eineinhalb der insgesamt drei Monate, die er sich jetzt mit Hannah traf, war es auch für Spader genug gewesen. Dann hatte er gemerkt, dass er ihr in die braunen Augen sah und wünschte, sie wären blau. Er blickte nach vorn auf die Straße und sagte: »Wie auch immer, ihr gegenüber ist es nicht fair. Im Augenblick nicht. Die nächste rechts.«

Dunbar schien etwas erwidern zu wollen, tat es dann aber doch nicht. Während Spader sie durch die Straßen von Beverly lotste, sagte er: »Das ist das dritte Opfer in gut sechs Wochen. Nur zwölf Tage, nachdem unser Mann Peter Lisbon getötet hat.«

Der Täter, der mittlerweile einfach Galaxo genannt wurde, hatte Lisbon beide Füße abgesägt, und dann hatte er doch tatsächlich den Notruf gewählt, ehe er Lisbons Haus verlassen hatte. Lisbon hatte allerdings so viel Blut verloren, dass er kurz nach Ankunft der Cops gestorben war, noch ehe der Krankenwagen eingetroffen war.

Dunbar nickte. »Zwölf Tage, ja.«

»Er hat nicht lange gewartet.«

»Konnte es wohl nicht erwarten, diese niedliche gelbe Maske wieder aufzusetzen.«

»Falls dieser Psycho sie überhaupt je abnimmt. Das da drüben ist die Straße.«

Dunbar bog ab. Spader musste ihm nicht zeigen, zu welchem Haus sie wollten. Die Scheinwerfer zweier Streifenwagen in der Einfahrt des dritten Hauses auf der rechten Seite – dazu der Tatortbus der State Police, der auf der Straße vor dem Haus stand – waren Hinweis genug. Dunbar hielt hinter dem Bus der Spurensicherung am Straßenrand und stellte den Motor ab. Als sie ausstiegen, sagte er: »Die Spurensicherung war aber schnell.«

»Ich habe sie angerufen, gleich als ich Hannahs Haus verlassen habe, und gesagt, sie sollen schon mal anfangen, wir kämen gleich nach.« Spader vertraute darauf, dass die Spurensicherer nichts von der Stelle bewegen würden, das er nicht bewegt haben wollte, ehe er es gesehen hatte.

Die beiden Detectives gingen die kurze Einfahrt entlang zum Haus. Spader fiel eine Holzrampe auf, die von dem einen Ende der Veranda zu einem wuchtigen Transporter führte, der in der Einfahrt stand. Es handelte sich um eines dieser Fahrzeuge, die mit einer kleinen Hebebühne für Rollstuhlfahrer ausgestattet sind.

Spader und Dunbar zeigten dem Uniformierten an der Tür ihre State-Police-Dienstausweise. »State Troopers Spader und Dunbar«, sagte Spader. »Kriminalpolizei.«

Der junge Officer nickte und notierte sich pflichtbewusst ihre Namen auf dem Block auf seinem Klemmbrett. Dann gingen sie die drei Stufen hinauf und ins Haus. In der Diele stand ein weiterer uniformierter Kollege von der örtlichen Polizei, nicht viel älter als der Junge draußen. Wieder stellte Spader Dunbar und sich selbst vor.

»Die Küche ist da hinten und dann rechts, Sir«, sagte der Officer. »Da sitzen die Opfer. Das meiste hat sich aber im Schlafzimmer abgespielt – am Ende der Diele links.«

»Moment mal«, sagte Spader. »Ich dachte, diesem Mann wäre das Ohr abgeschnitten worden.«

»Das stimmt.«

»Warum ist er dann nicht im Krankenhaus?«

»Die Sanitäter haben die Blutung gestillt und die Erstversorgung gemacht. Haben ihm gesagt, das Ohr wäre endgültig ab, von daher fand er, er hätte nichts zu verlieren und könne auch auf Sie warten. Er hat gesagt, er will alles tun, was in seiner Macht steht, damit der Kerl, der … der ihm das angetan hat, geschnappt wird. Er hat gesagt, er fährt ins Krankenhaus, wenn Sie ihm sagen, dass Sie mit ihm fertig sind.«

»Und die Mutter?«

»Der scheint es so weit gut zu gehen. Kleinere Verletzungen, haben sie mir gesagt. Eine zähe Dame ist das.«

Spader nickte dem Jungen zu, dann schlug er Dunbar vor, sie sollten sich zuerst den Tatort ansehen. Als sie durch den Flur gingen, wo ihnen zwei Spurensicherer entgegenkamen, bemerkte Spader Kerben und Schrammen an den Wänden und den Türrahmen, manche wenige Zentimeter über dem Boden – die Höhe der Fußstütze eines Rollstuhls –, manche höher, vielleicht von einem Rad oder einem Handgriff verursacht. An beiden Wänden des Flurs hingen gerahmte Fotografien. Spader ging langsamer, damit er sich die Fotos im Vorbeigehen kurz ansehen konnte. Sie zeigten allesamt dieselben zwei Personen, manchmal gemeinsam, dann wieder einzeln. Die eine Person war eine dünne Frau mit einem traurigen Gesicht. Sogar wenn sie lächelte, wirkte ihr Gesicht ein wenig traurig, als könnte sie ihre Sorgen selbst für den kurzen Augenblick eines Fotos nicht vergessen. Die andere Person war männlichen Geschlechts. Auf einem Foto war er noch ein kleiner Junge von sieben, acht Jahren und stand lächelnd im Schatten eines knorrigen Baums, die Baseballkappe aus der Stirn geschoben, einen Baseballhandschuh an der Hand. Auf den übrigen Fotos war er älter. Auf den Ganzkörperaufnahmen saß er nun im Rollstuhl. Auch sein Gesicht hatte sich verändert: Nun hatte er drei lange Narben auf der linken Wange, die von der Schläfe senkrecht bis fast zum Kinn verliefen.

»Mit den Narben da«, sagte Dunbar leise, »würde ich mich wahrscheinlich nur von der anderen Seite fotografieren lassen.«

Spader besah sich die Fotos erneut. Sie waren allesamt so aufgenommen, dass die Narben zu sehen waren, wie ihm jetzt auffiel.

»Kann natürlich sein, dass die andere Seite noch schlimmer aussieht«, fügte Dunbar hinzu.

Als sie an einem Badezimmer vorbeikamen, sah Spader einen erhöhten, gepolsterten Sitz auf der Toilettenschüssel und an der Wand daneben eine solide Metallstange. Dann standen sie vor dem hinteren Schlafzimmer.

Der Raum war vergleichsweise klein; er mochte zwanzig Quadratmeter haben. Ein ungemachtes, relativ schmales Bett stand an der einen Wand, eine niedrige, lange Kommode an der anderen, ein Schreibtisch mit einem ziemlich schicken Computer in einer Ecke. Kein Schreibtischstuhl, soweit Spader sah. Die Schranktür stand offen: In etwa einem Meter zwanzig Höhe hing eine Kleiderstange, die sich über die gesamte Länge des Schranks zog. Neben dem zerwühlten Bett stand ein verlassener Rollstuhl.

Zwei Mitglieder der Spurensicherung bearbeiteten den Tatort. Einer holte eine Digitalkamera hervor und begann, Fotos zu machen. Der andere war dabei, den Tatort zu vermessen und die Ergebnisse in einem Notizbuch zu verzeichnen. Spader wusste, dass als Nächstes jemand mit einer speziellen UV-Tatortleuchte nach Fingerabdrücken suchen würde. Er wandte seine Aufmerksamkeit einem Stuhl zu – dem Aussehen nach ein Küchenstuhl –, der in der Mitte des Raums stand. Er gehörte eindeutig nicht hierher, ebenso wenig wie der wirre Haufen Industrieklebeband, der daneben auf dem Boden lag, oder die zahlreichen Blutflecken rings darum her. Der Spurensicherer mit der Kamera nahm Klebeband und Blutflecken aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf, dann richtete er das Objektiv auf den Stuhl.

Spader zog gerade sein Notizbuch aus der Tasche, da kam ein Schwarzer im dunkelblauen Anzug auf sie zu und streckte die Hand aus.

»Ken Matthews, Polizei Beverly.«

Sie schüttelten einander die Hand, und Spader und Dunbar stellten sich vor. Spader merkte, dass Matthews ihn erkannte, so wie viel zu viele Menschen, und er suchte in Miene und Verhalten des Mannes nach Anzeichen von Ablehnung. Er entdeckte keine, was nicht immer so war. Spader war vor nicht allzu langer Zeit in die Schlagzeilen geraten, war zuerst gelobt und dann geschmäht worden. Doch Matthews ließ sich keinerlei Missbilligung anmerken. Er wirkte einfach nur solide, in körperlicher Hinsicht wie auch von der Ausstrahlung her, die Selbstvertrauen und Kompetenz verriet.

»Hab den Anruf vor eineinhalb Stunden bekommen«, sagte Matthews. »Als mir klar wurde, dass das euer Junge war, habe ich gleich die State Police gerufen.«

»Woher wussten Sie, dass das auf das Konto unseres Mannes geht?«, fragte Spader.

»Wie viele gelbe Aliens laufen hier rum und schneiden die Leute in Stücke? Haben Sie die Opfer schon gesehen?«

»Noch nicht«, erwiderte Spader. »Gehen wir erst noch mal einen Schritt zurück. Erzählen Sie von Anfang an.«

Matthews zog sein eigenes Notizbuch hervor, schlug es auf und begann, die Fakten vorzutragen, wobei Spader jedoch den Eindruck hatte, er habe jede Einzelheit im Gedächtnis und das Notizbuch sei kaum mehr als eine Requisite, etwas, das seine Hände beschäftigt hielt, während er sprach.

»Der Notruf ging vor knapp zweieinhalb Stunden ein«, begann er. »Die ersten Officers fuhren zum Tatort, und die Mutter des Opfers« – er warf einen kurzen Blick in seine Notizen, sichtlich aus reiner Gewohnheit –, »Louise Pendleton, öffnete ihnen die Tür. Sie ist einundsechzig und arbeitet seit über dreißig Jahren als Krankenschwester im Massachusetts General in Boston.«

Sie würden die Frau später natürlich selbst befragen, aber Spader notierte sich dennoch, was sie Matthews erzählt hatte. Anscheinend war irgendwann kurz nach Mitternacht jemand ins Haus eingedrungen, wahrscheinlich durch die Tür, die vom Garten in die Küche führte und von den Hausbewohnern nur selten abschlossen wurde. Keine Alarmanlage. Der Eindringling ging zuerst ins Zimmer der Mutter. Sie hörte ein Geräusch, schlug die Augen auf und erblickte eine schwarze Gestalt, die sich über ihr Bett beugte. Sie wollte schreien, doch er drückte ihr etwas an den Hals – es erwies sich als Elektroschocker – und machte sie vorübergehend bewegungsunfähig. Dabei erlitt sie leichte Verbrennungen am Hals. Er verließ das Zimmer, und als er einige Minuten später zurückkam, gewann sie gerade die Kontrolle über ihre Muskeln zurück, daher chloroformierte er sie, steckte sie in einen Schrank und rammte einen Stuhl unter den Türknauf.

»Himmel«, sagte Dunbar. »Er hat eine einundsechzigjährige Dame mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt?«

»Er hätte sie töten können«, sagte Spader.

»Das meine ich ja. Herrgott!«

»Nein, ich meine, wenn er gewollt hätte, hätte er sie ganz leicht töten können. Sie hat Glück gehabt. Detective Matthews, wenn der Täter die Mutter in den Schrank gesperrt hat, wie hat sie dann Ihren Jungs die Tür öffnen können?«

»Der Türknauf an diesem Schrank sitzt offenbar seit Jahren locker«, sagte Matthews. »Er lässt sich nicht mehr richtig drehen. Man zieht die Tür einfach auf. Jedenfalls, eine der beiden Schrauben fehlt schon lange – sieht so aus, als hätte hauptsächlich der Anstrich den Knauf an der Tür gehalten –, und als Mrs Pendleton ein paar Mal gegen die Tür gehämmert hat, löste sich der Knauf einfach, und sie konnte die Tür aufdrücken.«

Spader nickte. »Wer hat den Notruf getätigt?«, fragte er, obwohl er die Antwort kannte.

»Anscheinend der Täter selbst«, erwiderte Matthews, »denn die Mutter sagt, sie sei es nicht gewesen. Sie hätte es getan, aber als sie hereinkam, lag der Hörer nicht auf der Gabel, und als sie ihn aufnahm, war jemand von der Notrufleitstelle dran und wartete darauf, dass sich jemand meldet.«

Genau wie bei den anderen, dachte Spader. »Gibt’s einen Vater?«

»Warren Pendleton. Er ist mit einundfünfzig an Lungenkrebs gestorben, vor dreizehn Jahren.«

»Okay, und was ist mit dem Sohn?«

Matthews blickte erneut in seine Notizen. »Stanley Pendleton, neunundzwanzig. Sitzt seit einundzwanzig Jahren im Rollstuhl. Die Mutter fand ihn in seinem Zimmer, mit Klebeband an einen Stuhl gefesselt, den der Täter offenbar aus der Küche geholt hatte. Pendleton lief Blut über Gesicht und Hals, und sein rechtes Ohr fehlte.«

»Warum hat er ihn nicht einfach in seinen Rollstuhl gesetzt?«, fragte Spader. »Der stand doch gleich am Bett, oder?«

»Fragen Sie den Kerl, wenn Sie ihn schnappen.«

»Steht Pendleton im Moment unter Schmerzmitteln?«

Matthews nickte. »Ja, aber die dürften sein Erinnerungsvermögen nicht beeinträchtigen.«

»Wenn sein Rollstuhl hier ist, worauf sitzt er dann jetzt?«

»Als er hörte, dass wir den Stuhl hierbehalten wollen, bis die Spurensicherung da ist, bat er unsere Leute, ihn in die Küche zu tragen. Er sitzt jetzt auf einem normalen Stuhl, bis Ihre Spusis mit seinem Rolli fertig sind.«

Spader nickte, und Matthews fuhr mit seinem Bericht fort. Nachdem der Täter die Mutter mit dem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt hatte, war er offenbar ins Zimmer des Sohnes gegangen und hatte ihn chloroformiert, während er schlief. Als der Mann aufwachte, war er an den Stuhl gefesselt.

Auch das Opfer würden sie nachher selbst befragen, doch Spader wollte Matthews’ Bericht hören. »Der Mann wird also wach und sieht den gelben Zeichentrick-Alien, nach dem die Kinder so verrückt sind.«

»Galaxo«, sagte Dunbar.

»Genau, Galaxo. Der Täter trägt eine Galaxo-Maske, und wenn er spricht, klingt es genau wie in dem Zeichentrickfilm.«

»Stimmverfremdungstechnik«, merkte Spader an.

»Genau. Ich wusste gleich, dass das Ihr Mann war. Oder vielleicht auch ein Nachahmungstäter. So oder so ist es Ihr Fall. Jedenfalls, der Mann wacht aus seinem Chloroformnickerchen an einen Stuhl gefesselt auf, und vor ihm steht Galaxo.«

Sie lauschten Matthews, der Pendletons Geschichte wiedergab. Spader war froh, sie zu hören, denn die beiden vorigen Opfer hatten nur sehr lückenhafte Angaben machen können, ehe sie gestorben waren, der eine an Herzversagen infolge des Traumas, das er erlitten hatte, der andere unmittelbar an den Verletzungen, die Galaxo ihm zugefügt hatte. Doch bei Pendleton war es anders. Er hatte überlebt und konnte seine Leidensgeschichte selbst erzählen. Das war ein Durchbruch für die Polizei.

Matthews kam zum Ende. Ein Angehöriger der Spurensicherung betrat den Raum, sprach mit einem Kollegen und wandte sich wieder zur Tür. Spader hielt ihn auf. »Wissen Sie, ob wir draußen Fußabdrücke gefunden haben?«

»Vor einem der vorderen Fenster haben wir einen Teilabdruck gefunden«, sagte der Spurensicherer, »aber er sieht nicht sehr vielversprechend aus. Ist nur wenig übrig.«

Dunbar fragte: »Haben Sie etwas gefunden, was darauf hindeutet, dass er das Haus zuerst beobachtet hat? Zigarettenkippen auf der Straße oder unter einem Laternenpfahl oder so?«

»Ich glaube, bisher nicht, aber wir sind noch nicht fertig.« Der Mann zögerte, wartete wohl auf die nächste Frage, und als keine mehr kam, verließ er den Raum.

Matthews sah Spader und Dunbar an. »Mir ist klar, dass das Ihr Fall ist, aber ich gehe davon aus, dass ich an Bord bleibe, als Bindeglied zwischen meiner und Ihrer Behörde und so weiter.«

»So arbeite ich nach Möglichkeit immer«, sagte Spader. »Sie kennen die Gegend garantiert viel besser als wir. Falls wir jemanden von hier verdächtigen, haben Sie vielleicht schon eine Akte über ihn oder kennen ihn sogar.«

Matthews nickte. »Ich habe schon ein paar Mal mit der State Police zusammengearbeitet. Ihre Leute haben mich immer anständig behandelt. Ich helfe Ihnen, wo ich kann. Wenn jemand so was in meiner Stadt anstellt, dann will ich, dass er geschnappt wird. Wer ihn am Ende einkassiert, ist mir egal.«

Spader nickte.

»Ansonsten«, fuhr Matthews fort, »ist das jetzt Ihr Tatort, aber haben Sie was dagegen, wenn ich noch bleibe und mich ein bisschen umsehe? Vielleicht entdecke ich was, was der Spusi entgangen ist.«

»Gern. Lassen Sie es mich wissen, falls Ihnen etwas auffällt. Nur zu Ihrer Information: Ich werde schnellstens eine Arbeitsgruppe für diesen Fall einrichten, und ich hoffe, Sie als Verbindungsmann zwischen unseren Behörden sind mit dabei.« Matthews nickte, daher fuhr Spader fort: »Genauer gesagt, werde ich schon heute Nacht auf dem Heimweg den Leuten eine Nachricht hinterlassen. Ich hätte gerne morgen früh die erste Besprechung, sagen wir um halb zehn.«

»Bei Ihnen?«

»Federal Street Nummer zehn in Salem.«

»Ich werde da sein.«

»Eins noch. Bleiben die Uniformierten da draußen noch eine Weile?«

»Wenn Sie wollen.«

Spader nickte, und Matthews verließ den Raum. Spader und Dunbar sahen sich ein wenig am Tatort um, machten sich Notizen, besprachen, was sie sahen, und gingen dann zurück durch den Flur, vorbei am Bad und in den Raum, der offenbar das Schlafzimmer der Mutter war. Matthews kniete vor dem Schrank und besah sich die Tür aus nächster Nähe. Spader nickte einem Spurensicherer zu, der gerade mit einem sehr kleinen Handstaubsauger das ungemachte Bett absaugte. Ein Stuhl mit besticktem Sitzbezug lag in der Nähe des Schranks auf der Seite. Etwa einen Meter vom Stuhl entfernt befand sich der Türknauf, der sich von der Schranktür gelöst hatte, wie Matthews gesagt hatte; daneben war ein Fähnchen mit einer Nummer aufgestellt. Sonst gab es hier nicht viel zu sehen, daher widmeten Spader und Dunbar sich dem Rest des Hauses. Die Küche hoben sie sich für zuletzt auf. Hin und wieder sprachen sie mit einem der diversen Spurensicherer, die am Tatort arbeiteten, und vergewisserten sich, dass sie nichts übersahen. Schließlich gingen sie in die Küche, wo eine uniformierte Kollegin mit einem runden Gesicht und großen Augen bei den beiden Tatopfern am Tisch saß. Die Polizistin wusste offensichtlich, wer Spader und Dunbar waren, erhob sich und stellte sich an die Tür zum Flur.

Die Mutter war dünn und trug eine minderwertige Perücke, mit der sie sich nicht wohlzufühlen schien. Die braunen Haare waren viel zu dunkel für eine Frau ihres Alters. Neben ihr am Tisch saß ein junger Mann, der sich auf dem Küchenstuhl ebenso unwohl zu fühlen schien wie seine Mutter sich mit ihrer Perücke. Stanley Pendleton sah in etwa so aus wie auf den neueren Fotografien in der Diele. Spader stellte zuerst Dunbar und dann sich selbst vor. Als Pendleton Spader erblickte, zeichnete sich Wiedererkennen in seiner Miene ab.

Matthews zufolge war Pendleton neunundzwanzig Jahre alt, doch er wirkte zehn Jahre älter. Die Fotos, die Spader im Flur gesehen hatte, hatten ihn auf die Narben im Gesicht des Mannes vorbereitet, aber als er ihn nun persönlich sah, wirkten sie schlimmer. Eine verlief so dicht am linken Auge, dass sie den Augenwinkel herabzog. Dort, wo sein rechtes Ohr gewesen war, befand sich ein dickes, mit einem weißen Verband befestigtes Mullkissen. Zudem sah Spader nun, was auf den Fotos nicht zu sehen gewesen war, nämlich dass die rechte Gesichtsseite des Mannes unversehrt war, unberührt von dem, was die Narben auf der linken Seite verursacht hatte. Wenn man bedachte, dass Pendleton auf beinahe jedem Foto, das Spader gesehen hatte, mit der vernarbten Seite posierte, musste er die Haltung des Mannes einfach bewundern. Er versuchte nicht, zu verbergen, wie entstellt er war.

Spader bemühte sich, die Narben und das leicht deformierte linke Auge nicht anzustarren, ohne sich dieses Bemühen anmerken zu lassen. »Wie ich sehe, erkennen Sie mich, Mr Pendleton«, sagte er. »Sie haben mein Gesicht in der Zeitung gesehen?«

Anscheinend verlegen senkte Pendleton den Blick und nickte. »Und in den Nachrichten. Entschuldigen Sie, falls ich überrascht gewirkt habe. Sie sind doch der Jack of Spades, oder?«

»Nun, eigentlich heiße ich Detective Spader.«

»Verzeihung.«

»Machen Sie sich keine Gedanken.«

Das war leichter gesagt als getan … den eigenen Rat zu befolgen, fiel Spader nicht so leicht. Seine Präsenz in den Zeitungen und den lokalen Nachrichtensendungen war ein Teil seines Lebens, den er am liebsten vergessen würde. Doch Augenblicke wie dieser machten es ihm schwer. Er wusste, was Pendleton bei seinem Anblick gedacht hatte: Wird dieser Cop es wieder vermasseln? Scheiße. Und die Sache mit dem »Jack of Spades«, dem Pikbuben, machte es nicht besser. Spader hatte keine Ahnung, wie es zu Jack als Spitzname für John gekommen war, doch irgendein Witzbold auf der Polizeiakademie hatte ihn mit Spaders leicht abgeändertem Nachnamen kombiniert und ihn von da an Jack of Spades genannt. Unglücklicherweise waren andere Polizeianwärter seinem Beispiel gefolgt, und der Spitzname war haften geblieben. Als Spader zur State Police gegangen war, hatte er geglaubt, er habe den idiotischen Spitznamen hinter sich gelassen. Aber als er Jahre später eine Zeit lang der große Held gewesen war, hatte der Schwachkopf von der Polizeiakademie sein Gesicht in den Nachrichten gesehen, sich interviewen lassen und Spader dabei Jack of Spades genannt. Wie vorherzusehen hatte die Presse sich daraufgestürzt und den Jack of Spades berühmt gemacht, ihn einen Helden genannt … bis dann alles schiefgelaufen war. Da hatten die Medien sich gegen ihn gewandt und die Öffentlichkeit gegen ihn aufgebracht. Mittlerweile hatten die meisten Menschen ihn wieder vergessen, doch für Spaders Geschmack erinnerten sich noch immer zu viele an ihn.

Er musterte die Frau. Erneut fiel ihm auf, wie dünn sie war – möglicherweise hatte ihr Sohn den schlanken Körperbau von ihr –, doch irgendwie wirkte sie trotzdem nicht zerbrechlich. Auf der linken Halsseite, wo der Elektroschocker sie berührt hatte, klebte ein kleines weißes Pflaster.

»Sehen Sie sich dazu in der Lage, mit uns zu sprechen, Mrs Pendleton?«, fragte er. »Sie haben heute Nacht einiges durchgemacht, und es ist schon spät, aber falls Sie sich dazu imstande fühlen, wäre es wirklich besser, wenn wir uns jetzt unterhalten, wo die Erinnerungen an die Ereignisse noch frisch sind.« Unter den gegebenen Umständen fand er, er müsse ihr anbieten, die Befragung auf den nächsten Tag zu verschieben, doch er hoffte wirklich, sie würde nicht darauf bestehen.

»Ich habe dem schwarzen Burschen schon alles erzählt.« Ihre Stimme klang rauchig, aber ohne die erotische Ausstrahlung einer Lauren Bacall.

»Ich weiß, dass Sie bei Detective Matthews Ihre Aussage gemacht haben, und sicher haben Sie ihm viele Fragen beantwortet, aber wir müssen alles noch einmal durchgehen, und zwar je eher, desto besser. Wenn nicht heute Nacht, dann spätestens morgen.«

»Mom«, sagte Pendleton, »möchtest du lieber warten …«

»Nein, nein, schon gut«, sagte sie. »Wirklich. Wenn es hilft, den Mann zu schnappen, der dir das angetan hat, rede ich notfalls die ganze Nacht.«

»Danke, Mrs Pendleton«, sagte Spader.

»Ich wünschte nur, ich könnte fünf Minuten allein mit ihm in einem Raum sein, wenn Sie ihn schnappen.«

»Mom«, sagte Pendleton beinahe entschuldigend, »der Mann ist gefährlich. Er könnte …«

»Still, Stanley. Natürlich müsste er Handschellen tragen oder so, damit ich auf ihn losgehen kann, aber er nicht auf mich. Ich bin doch nicht verrückt.«

Der Kollege vorn in der Diele hatte recht. Die Dame war zäh. »Okay, Mrs Pendleton, würden Sie dann meinem Partner, Detective Dunbar, Ihr Zimmer zeigen, wo Sie überfallen wurden? Dort wird er Ihnen seine Fragen stellen, wenn es Ihnen recht ist.«

Dunbar und Spader waren keine Partner im engeren Sinne. Die Kriminalpolizisten der State Police bekamen normalerweise keine regulären Partner zugeteilt, anders als die Kriminalpolizisten in Fernsehsendungen oder die FBI-Agenten in Spielfilmen. Vielmehr arbeiteten sie allein oder bei einzelnen Ermittlungen mit jemandem von der lokalen Polizei zusammen, in deren Bezirk das Verbrechen geschehen war. Doch Spader und Dunbar hatten im Lauf der Jahre bei diversen Fällen zusammengearbeitet, und Spader hatte Hochachtung vor den Fähigkeiten und der Arbeitseinstellung seines Freundes. Daher hatte Spader Dunbar gewählt, als der Detective Captain diesen Fall Spader zugeteilt und ihm gesagt hatte, er solle sich einen Partner aussuchen, weil er gewusst hatte, dass diese Sache möglicherweise ein großes Medienecho finden würde.

»Wie gesagt«, wiederholte Mrs Pendleton, »wir wollen beitragen, was wir können, damit dieser Irre hinter Gitter kommt.«

Dunbar folgte der Frau aus der Küche. Spader und Dunbar trennten ihre beiden Zeugen hauptsächlich deshalb, damit sie keine gemeinsame Geschichte von ihren Erlebnissen konstruieren konnten. Beide hatten etwas Eigenes erlebt. Manches mochte sich überschneiden, doch es war besser, wenn sie ihre jeweiligen Geschichten unabhängig voneinander erzählten, damit sie sich nicht gegenseitig beeinflussen konnten, und sei es auch nur unterbewusst. Spader nahm an, dass Detective Matthews es genauso gehalten hatte. Als Dunbar und Mrs Pendleton fort waren, wandte Spader sich Pendleton zu. »Bevor wir anfangen, dürfte ich fragen …?«

»Meine Beine? Ein Unfall als Kind. Ich habe viel im Wald gespielt, bin auf Bäume geklettert, gewandert, so was.« Er sprach leise, wie ein Mann, der nicht gerne Aufmerksamkeit auf sich zog. »Als ich acht Jahre alt war, bin ich mit einem Freund durch den Wald gezogen und dabei einen steilen Abhang runtergefallen. Ich hab mir ein paar Wirbel im Rücken und einen Haufen Rippen gebrochen und mir das Gesicht an den Felsen aufgerissen.« Auch Spaders Frau – nun ja, seine Exfrau – trug noch heute eine zehn Zentimeter lange Narbe an der Wade als Erinnerung an eine Waldwanderung als Jugendliche. Daher konnte Spader ganz aufrichtig sagen: »Der Wald kann gefährlich sein.«

»Ja, darum gehe ich heute auch nicht mehr oft wandern«, sagte Pendleton mit seiner leisen Stimme. Spader musste lächeln. »Aber das geht schon in Ordnung. Es ist lange her.« Er blickte Spader offen an, so als wartete er auf weitere Fragen zu seiner Behinderung. Wahrscheinlich war er daran gewöhnt.

Spader klappte sein Notizbuch auf. Zunächst stellte er einige grundlegende Fragen zu Pendletons Vergangenheit und seinem Alter und erfuhr, dass er ein sehr kleines und nicht allzu profitables Unternehmen betrieb, indem er zu Hause an seinem Computer Websites designte, und dass er drei Mal die Woche ehrenamtlich in der Stadtbibliothek des Ortes arbeitete.

»Okay«, sagte Spader schließlich, »sprechen wir über heute Nacht. Erzählen Sie mir, was geschehen ist, so gut Sie sich daran erinnern. Seien Sie so gründlich wie möglich, denn man weiß nie, ob nicht irgendein kleines Detail später den Ausschlag gibt. Okay?«

Pendleton nickte und atmete tief durch. »Tja, ich habe tief und fest geschlafen. Irgendwann werde ich wach, weil mir ein Lappen aufs Gesicht gedrückt wird, der ziemlich komisch riecht. Ich sehe einen Schatten über mir, dann wird alles schwarz. Das war das Chloroform, hat man mir gesagt.« Spader nickte. »Irgendwann werde ich wieder wach, ich weiß nicht, wie lange das gedauert hat, und bin an einen Stuhl gefesselt, und dieser … dieser Irre mit der Kindermaske steht da. Es war dieser Alien aus dem Zeichentrickfilm, den alle Kinder kennen, Galaxo irgendwas.«

Rächer von den Sternen!, ergänzte Spader bei sich. »Mal abgesehen von der Maske«, fragte er laut, »wie sah er aus?«

»Na ja, er war ganz in Schwarz.«

»Schwarze Jeans und schwarzes Sweatshirt? Oder ein schwarzer Trainingsanzug? Können Sie sich erinnern?«

Pendleton dachte kurz nach. »Ich bin mir nicht sicher.« Es klang entschuldigend. »Ich war auf sein Gesicht fixiert. Ich meine, auf die Maske. Außerdem hatte ich wohl Angst.« Er wirkte verlegen bei diesem Eingeständnis.

»Wer hätte die nicht?«, entgegnete Spader. »Ist Ihnen außer der Maske noch irgendetwas an ihm aufgefallen? Was war mit seinen Händen?«

Pendleton dachte nach. Spader bemerkte, dass Blut durch den Verband gesickert war. »Er trug schwarze Handschuhe, glaube ich. Vielleicht aus Leder, aber das konnte ich nicht so genau sehen.«

»Was ist mit seiner Statur?«

»Stämmig. Durchschnittlich groß, glaube ich. Ich kann das nur schwer schätzen, weil ich immer zu allen aufsehe.« Er lächelte matt. »Aber ich würde sagen, er war ungefähr so groß wie Sie.«

»Ich bin eins dreiundachtzig.«

»Kommt ungefähr hin, plus minus ein paar Zentimeter. Und wie gesagt, er war stämmig, ein bisschen dick.« Er starrte eine Weile in eine Ecke der Küche. »Das ist alles, fürchte ich. Sonst fällt mir zu seinem Aussehen nichts ein.«

»Schon gut. Das haben Sie großartig gemacht. Sie sagten, Sie wachten auf dem Stuhl auf und sahen ihn dort stehen. Direkt vor Ihnen?« Pendleton nickte. »Was geschah als Nächstes?«

»Also. Okay. Dann fängt der Irre an zu reden. Ach, mein Mund ist übrigens zugeklebt. Jedenfalls, er fängt an zu reden, und seine Stimme klingt komisch. Ich meine, richtig komisch. Wie … wie …«

»Wie der Außerirdische im Fernsehen?«, fragte Spader.

»Ja, fast genau so. Total unheimlich.«

»Konnten Sie erkennen, ob die Person hinter der Maske ein Mann oder eine Frau war?«

Diese Frage schien Pendleton zu überraschen. »Ich weiß nicht. Ich bin wohl einfach von einem Mann ausgegangen. Außerdem war er ja ziemlich kräftig gebaut.«

»Aber die Stimme – an der Stimme konnten Sie es nicht erkennen? Ich meine, konnten Sie heraushören, ob die Person hinter der Maske eine tiefe oder eine hohe Stimme hatte? Oder hat sie vielleicht gelispelt? Irgend so was?«

»Gelispelt nicht, glaube ich. Und was den Rest angeht, tja, ich konnte da nichts raushören. Wie gesagt, er klang einfach wie dieser Alien im Fernsehen. Aber ich bin ziemlich sicher, dass es ein Mann war.«

»Und wie hat er gesprochen? Ich meine, klang er gebildet? Wie jemand mit einem Universitätsabschluss oder einem akademischen Titel? Oder klang er vielleicht wie jemand, der nie über die fünfte Klasse hinausgekommen ist? Ist Ihnen in dieser Hinsicht irgendetwas aufgefallen?«

»Ähm, eigentlich nicht. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, er war gebildet. Hat sich ganz gut ausgedrückt, meine ich.«

»Okay«, sagte Spader, »das ist gut. Und was hat er zu Ihnen gesagt?«

»Tja, er hat mir gleich am Anfang gesagt, dass es Spielregeln gibt.«

»Nämlich?«

»Erstens: Er tötet mich nicht, wenn er nicht muss. Zweitens: Ich darf nicht um Hilfe rufen, wenn er mir das Klebeband vom Mund nimmt. Darüber habe ich mich in dem Augenblick gefreut. Dass er mir das Klebeband abnimmt, meine ich. Da dachte ich nämlich, na ja, scheiße, es kann nicht total schlimm sein, was er mit mir vorhat, wenn er mir das Klebeband abnehmen will. O Mann, was für ein Irrtum.« Er schwieg eine Weile, und Spader wartete geduldig. Pendleton atmete durch und fuhr fort, sein Angreifer habe ihn vor eine Wahl gestellt, und wenn er sich nicht innerhalb einer Minute für eine der Möglichkeiten entscheide, werde der Mann das so verstehen, als habe er beide Möglichkeiten gewählt.

Spader nickte. »Okay. Haben Sie sich Sorgen um Ihre Mutter gemacht?«

»Hm? Na ja, klar, natürlich. Seit dem Krebs kommt sie mir ein bisschen zerbrechlicher vor.« Das erklärte die Perücke, dachte Spader. »Aber ich habe was vergessen. Mit das Erste, was der Kerl zu mir gesagt hat, war, dass es meiner Mutter gut geht. Sie wäre in einem Schrank eingesperrt, und er hat geschworen, er hätte ihr nichts getan, und das würde er auch nicht, wenn ich mich benehme.«

Erneut nickte Spader, dann stellte er ein paar vertiefende Fragen, forschte nach weiteren Details zum bisherigen Tathergang. Dunbar kam in die Küche und setzte sich an den Tisch. Er teilte Pendleton mit, seine Mutter ruhe sich in ihrem Zimmer aus. Gut gemacht, Dunbar, dachte Spader, weil dieser dafür gesorgt hatte, dass sie nach der Befragung nicht wieder in die Küche kam. Spader bat Pendleton, fortzufahren.

»Okay, also, er steht da«, sagte Pendleton, »kratzt sich an seinem verrückten Plastikkopf, sieht aus, als würde er nachdenken, und dann gibt er mir zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Entweder ich lasse mir die Nase abschneiden oder das Ohr. Ist das zu fassen? Ich konnte es jedenfalls nicht fassen. Es war total verrückt. Total sinnlos. Und dann streckt er die Hand nach dem Klebeband auf meinem Mund aus, und mir schwirrt der Kopf, klar, und ich frage mich, wie ich mich verdammt noch mal zwischen meiner Nase und meinem Ohr entscheiden soll. Dann zögert der Kerl, bevor er mir das Klebeband abreißt. Er scheint noch mal darüber nachzudenken und dann ändert er meine Wahlmöglichkeiten. Ich weiß nicht, warum. Eine der Möglichkeiten ist immer noch mein Ohr – wie man sieht«, und er drehte den Kopf ein Stück, um Spader den Verband zu zeigen, »aber anstatt mir die Nase abzuschneiden, bietet er mir als zweite Möglichkeit an, dass er mir alle meine Zähne zieht, einen nach dem anderen, mit einer Kneifzange. Und wenn sie mit der Kneifzange nicht rausgehen, dann will er einen Hammer benutzen, sagt er. Und dann reißt er mir ganz schnell das Klebeband ab. Plötzlich merke ich, die Eieruhr läuft, und ich kann kaum denken. Und da steht dieser durchgeknallte Alien mit seinem irren Lächeln und seinen großen fröhlichen Augen, und ich versuche zu denken, aber er quatscht die ganze Zeit auf mich ein, mit dieser schrillen Zeichentrickfigur-Stimme, und erzählt mir, ich soll mich lieber entscheiden, sonst reißt er mir alle meine Zähne raus und schneidet mir das Ohr ab. Und er hält einfach nicht die Klappe, und ich versuche wie wild, nachzudenken, was ich tun soll, weil ich ihm nämlich jedes Wort geglaubt habe, verstehen Sie? Ich wusste einfach, dass er genau das tun würde, was er gesagt hatte. Und weil mir klar war, dass ich da nicht rauskomme, bevor die Eieruhr abläuft, musste ich mich für eins von beidem entscheiden, egal, wie schlimm es war. Also habe ich mich dafür entschieden, mir das Ohr abschneiden zu lassen. Ich meine, es ist Ihnen vielleicht nicht aufgefallen, aber ich bin nicht gerade der Herzensbrecher, nicht mit diesem Gesicht, also dachte ich, wenn ich ein Ohr verliere, ist das keine große Sache, weil es bestimmt künstliche gibt, die man annähen kann – und da hatte ich übrigens recht, der Sanitäter hat mir erzählt, die gibt es wirklich … ich habe vergessen, wie die Dinger heißen …«

»Ohrprothesen«, schlug Spader vor.

»Genau«, sagte Pendleton, »stimmt. Jedenfalls dachte ich, entweder ich bekomme ein künstliches Ohr oder künstliche Zähne, und das würde vom Aussehen her ziemlich egal sein, aber es würde bestimmt viel mehr wehtun, wenn er mir einen Zahn nach dem anderen zieht – womöglich mit dem Hammer –, als wenn er mir das Ohr abschneidet. Verstehen Sie, mit einem schnellen Schnitt hätte das erledigt sein können. Dachte ich jedenfalls. Stattdessen hat das Arschloch sich richtig Zeit dabei gelassen.« Er erschauerte unwillkürlich. »Ich weiß nicht, ich glaube immer noch, dass es die richtige Entscheidung war. Was hätten Sie gemacht?«

Diese Frage traf Spader unvorbereitet. »Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich müsste darüber nachdenken.«

»Ich hätte auch gern Zeit gehabt, darüber nachzudenken, aber er hat mir nur eine Minute gegeben. Jedenfalls, ich habe mich für das Ohr entschieden. Ich glaube, ich habe es nur knapp geschafft, denn ein paar Sekunden, nachdem ich gewählt habe, klingelt die Eieruhr. Galaxo sagt, das hätte ich gut gemacht, und klatscht mir neues Klebeband auf den Mund. Dann öffnet er seine kleine Sporttasche und holt eine kleine Säge raus, packt mein Ohr mit der anderen Hand, zieht es vom Kopf ab und fängt an zu sägen. Es hat so wehgetan, das können Sie sich nicht vorstellen.«

»Bestimmt. Und dann?«

»Und dann bin ich, glaube ich, ohnmächtig geworden. Irgendwann weckt mich meine Mutter – und Mannomann, Sie hätten sehen sollen, wie sie mich angestarrt hat, mit dem ganzen Blut –, und Galaxo ist weg. Dann tauchen die Cops auf, und die Sanitäter.«

»Und die hat Ihre Mutter gerufen?«, fragte Spader, obwohl er die Antwort ja kannte.

»Nein, das war auch komisch. Das war Galaxo selbst, glaube ich, weil der Hörer nicht auf der Gabel lag, als meine Mutter in mein Zimmer kam, und die Polizei war anscheinend schon dran.«

Spader stellte ihm noch weitere Fragen, die dazu dienen sollten, etwaige Lücken in Pendletons Schilderung zu schließen und weitere Details herauszukitzeln. Dann schnitt er ein neues Thema an und fragte Pendleton, ob ihm irgendjemand einfalle, der ihm womöglich Schaden zufügen wolle, oder ob er sich in letzter Zeit mit irgendjemand ernsthaft gestritten oder jemand Neues kennengelernt habe, den zu überprüfen sich lohnen könne. Schließlich sagte er: »Damit sind wir dann auch fast fertig, Mr Pendleton. Nur eins noch: Sagt Ihnen der Name Andrew Yasovich etwas?«

Pendleton dachte nach, dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Müsste er?«

»Was ist mit Peter Lisbon?«

Er runzelte die Stirn. »Kann sein, dass ich den Namen in der Zeitung gelesen habe. Ich weiß nicht.«

»Sagt Ihnen einer der Namen irgendetwas, abgesehen von dem, was Sie vielleicht in den Nachrichten oder in der Zeitung mitbekommen haben? Irgendeine Verbindung zu Ihrem eigenen Leben? Lassen Sie sich Zeit. Das könnte sehr wichtig sein.«

Pendleton atmete geräuschvoll aus und schien gründlich nachzudenken. Erneut schüttelte er den Kopf.

»Tut mir leid, nein.«

»Okay, Mr Pendleton. Jetzt sind wir so gut wie fertig. Fällt Ihnen sonst noch etwas ein, irgendetwas zu heute Nacht, was hilfreich sein könnte?«

Pendleton schien länger darüber nachzudenken. »Nein, tut mir leid.«

»Schon gut. Das haben Sie wirklich gut gemacht.« Er reichte dem Mann seine Visitenkarte. »Rufen Sie mich bitte sofort an, falls Ihnen noch etwas einfällt. Man kann nie wissen, wann das passiert. Kurz vor dem Einschlafen, beim Fernsehen, man weiß nie. Rufen Sie mich jederzeit an.«

»Mache ich.«

Spader klappte sein Notizbuch zu und stand auf. »Ich denke, Sie sollten möglichst schnell ins Krankenhaus fahren. Die Sanitäter haben bestimmt alles gut gemacht, aber es ist besser, wenn Sie sich so bald wie möglich richtig behandeln lassen.«

»Klar, ich wollte nur auf Sie warten, das ist alles. Ich wollte unbedingt mit Ihnen reden, bevor ich irgendwas vergesse. Und die Sanitäter haben gesagt, man könnte sowieso nicht viel für mich tun, jedenfalls nicht sofort.«

»Trotzdem sollten Sie ins Krankenhaus fahren. Ihre Mutter sollte sich auch untersuchen lassen. Ich sorge dafür, dass Sie Ihren Rollstuhl schnell zurückbekommen, und ich bitte einen der Polizisten, Sie beide ins Krankenhaus zu fahren, okay?«

»Okay.«

Spader wandte sich an die Polizistin, die nach wie vor an der Tür zum Flur stand, und sah auf ihr Namensschild. »Officer Davis? Wie wär’s? Möchten Sie die Pendletons ins Krankenhaus fahren?«

»Selbstverständlich.«

Spader wollte schon gehen, da sagte Pendleton: »Sie werden den Kerl, der uns das angetan hat, doch schnappen, Detective Spader?« In seinem Tonfall lag Hoffnung, doch Spader meinte, daneben auch einen Hauch von Zweifel herausgehört zu haben. So reagierten seit gut einem Jahr viele Menschen auf ihn.

»Wir werden jedenfalls alles daran setzen, Mr Pendleton«, sagte er. »Das verspreche ich Ihnen.«

Pendleton nickte, und Spader folgte Dunbar aus der Küche und direkt aus dem Haus.

 

Auf der Fahrt zurück zum Sitz der Kriminalpolizei in Salem, der Stadt gleich südlich von Beverly, tauschten sie sich darüber aus, was sie jeweils erfahren hatten. Dunbar berichtete, die Mutter habe ihm im Wesentlichen dasselbe erzählt wie Matthews.

»Hat sie dir erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass ihr Sohn im Rollstuhl sitzt?«, fragte Spader.

»Du hast den Sohn nicht danach gefragt?«

»Doch, natürlich.«

»Sie hat gesagt, er sei bei einer Waldwanderung von einer Felswand gestürzt. Hätte sich das Rückgrat gebrochen.«

»Mir hat er erzählt, es sei ein steiler Hang gewesen.«

»Tja, na ja, als Kind wurde ich einmal von einem Beagle gebissen«, erzählte Dunbar. »Wenn du meine Mutter heute diese Geschichte erzählen hörst, war es ein tollwütiger Bernhardiner.«

Spader berichtete Dunbar, was Pendleton erzählt hatte, ehe Dunbar zurück in die Küche gekommen war. Danach fuhren sie einige Minuten schweigend dahin.

»Krankes Arschloch«, sagte Dunbar schließlich.

»Pendleton?«

»Sehr witzig. Als hätte es der arme Kerl nicht schon schwer genug. Muss er auch noch sein Ohr einbüßen? Scheiße, John, allmählich glaube ich, dieses Galaxo-Arschloch hat kein Gewissen.«

»Diesen Eindruck hattest du nicht schon, als er Andrew Yasovich die Zunge rausgeschnitten hat und dem alten Mann einfach das Herz stehen geblieben ist? Oder als er Peter Lisbon die Füße abgesägt hat und der arme Kerl verblutet ist?«

»Doch, schon, aber … scheiße, ich meine, ein Krüppel. Und dann noch mit solchen Narben im Gesicht. Ich meine ja nur, verstehst du?«

Spader nickte. »Ja, versteh ich.«

Weitere zwei Meilen glitten in der Dunkelheit vorüber, dann fragte Dunbar leise: »John?«

»Ja?«

»Ich will diesen Kerl wirklich schnappen.«

»Ich auch.«

Sie hatten das Ten Fed beinahe erreicht, ehe einer von ihnen das Schweigen erneut brach.

»John?«

»Ja?«

»Falls du wirklich mit Hannah Schluss machst, gibst du mir dann ihre Nummer?«

James Hankins

Über James Hankins

Biografie

James Hankins wuchs in New Jersey auf und hat als Drehbuchautor gearbeitet, ehe er sich nach seinem Jurastudium als Anwalt in Boston niederließ und für eine der größten Anwaltskanzleien der USA arbeitete. Mittlerweile widmet er sich ganz dem Schreiben sowie der Erziehung seiner Zwillingssöhne.

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