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SchwesterSchwester

Schwester

Roman

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Schwester — Inhalt

Zwei Schwestern, zwei Leben. Ein Unfall stellt die entscheidende Frage: Welches ist das richtige?

Iulia lässt sich aufs Sofa ihrer Schwester fallen. Sie hat nicht allzu oft darauf gesessen, viel zu selten eigentlich. Wo ist sie in letzter Zeit gewesen, warum haben Lone und sie sich nicht viel öfter getroffen? - Die Antworten auf diese Fragen muss sie allein finden. Lone liegt nach einem Unfall im Koma, und Iulia ist gezwungen, einige ihrer Aufgaben als Hebamme zu übernehmen. Sie beginnt nachzudenken, über ihre Familie und die Männer, über Vertrauen und die gemeinsamen Erlebnisse - nicht zuletzt auch über das Leben, das sie selbst seit Jahren führt: als Frau des Pastors und Angestellte in einer Sparkasse.

„Schwester“ erzählt von dem schmerzlichen Abgleich zweier Leben und einer Heldin, die zunächst tastend, dann immer entschlossener ihren Weg sucht.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erscheint am 15.03.2021
336 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05856-8
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erscheint am 15.03.2021
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99837-6
„Krügel schreibt mit Gefühl, schwarzem Humor und Wucht.“ Emotion über „Sieh mich an“
emotion

Leseprobe zu „Schwester“

Mrs Robinson   Bevor Iulia sonntags zum Gottesdienst ging, wusch sie sich die Haare. Pastorenfrauen saßen in der ersten Reihe, viele Menschen starrten ihnen auf den Hinterkopf, und ihrer sah jedenfalls nur mit frisch gewaschem Haar wirklich ordentlich aus. Heute war selbst in der Kirche die hochsommerliche Hitze zu spüren. Aus den Bankreihen stieg der Duft von erwärmtem Holz auf. Wie immer war der Gottesdienst gut besucht, was vor allen Dingen an Niels lag, der jetzt am Ende des Orgelvorspiels seinen Auftritt hatte. Vorhin hatte Iulia wie üblich einmal [...]

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Mrs Robinson   Bevor Iulia sonntags zum Gottesdienst ging, wusch sie sich die Haare. Pastorenfrauen saßen in der ersten Reihe, viele Menschen starrten ihnen auf den Hinterkopf, und ihrer sah jedenfalls nur mit frisch gewaschem Haar wirklich ordentlich aus. Heute war selbst in der Kirche die hochsommerliche Hitze zu spüren. Aus den Bankreihen stieg der Duft von erwärmtem Holz auf. Wie immer war der Gottesdienst gut besucht, was vor allen Dingen an Niels lag, der jetzt am Ende des Orgelvorspiels seinen Auftritt hatte. Vorhin hatte Iulia wie üblich einmal in der Sakristei vorbeigeschaut und war vor der Tür beinahe mit der neuen Chorleiterin zusammengestoßen. Die hatte ihr einen seltsam komplizenhaften Blick zugeworfen, einen Blick, der leicht verächtlich Männer sagte. Iulia hatte freundlich gelächelt. Sie war keine Komplizin in irgendeinem Frauen-Komplott, das den Männern die Weltherrschaft neidete. Niels war gerade dabei gewesen, sich sein Hemd auszuziehen, es war so heiß unter dem Talar. Dabei hatte er sonderbare Grimassen geschnitten. Die Chorleiterin musste sie ihm gezeigt haben. Es lockere die Gesichtsmuskulatur, hatte er behauptet. Iulia hatte nichts dazu gesagt und ihm einfach viel Glück gewünscht. An Sonntagen beneidete sie ihren Mann. Seine Arbeitskleidung war festgelegt und ließ keinen Zweifel an seiner Rolle. Sie hingegen musste selbst entscheiden, welche Bluse, welche Hose, welche Schuhe angemessen waren und die richtige Botschaft aussandten. Die Botschaft sollte lauten: Ich bin keine typische Pastorenfrau, also kommt nicht und fragt, wann der christliche Handarbeitskreis sich trifft, aber ich weiß trotzdem, was sich beim Kirchgang gehört. Für ihre Arbeit in der Bank gab es immerhin einen Dresscode, an den sie sich halten konnte und der sogar einer der Gründe gewesen war, weshalb sie sich damals für diese Ausbildung entschieden hatte. Jede Art von Ordnung war ihr verlockend erschienen. In ihrem Schrank hatte sie Kleidung für Beerdigungen, Theaterbesuche, Feiertage, sie hatte etwas fürs Kranksein, für Wanderungen, die Gartenarbeit. Und dann besaß sie noch einen kleinen Rest an Freestyle-Kleidung, aus dem sie ihre Gottesdienst-Outfits immer neu zusammenstellen konnte. Wenn sie sich dabei einmal vertat, kam die Rückmeldung zuverlässig bei Niels an: Herr Richter, Ihre Frau hatte aber einen ziemlich tiefen Ausschnitt letzten Sonntag. Sie wünschte, es wäre ihr egal, was die Leute dachten. Die Blicke, die sie auf ihrem Hinterkopf spürte, ignorierte sie, stattdessen konzentrierte sie sich auf ihren Atem. Inzwischen beherrschte sie alles, was im Gottesdienst erforderlich war – das Aufstehen, das Kopfsenken, das Händefalten –, quasi vollautomatisch, sodass sie die Zeit anderweitig nutzen konnte. Im Internet gab es Yogalehrerinnen, die nützliche Techniken erklärten, und Iulia war neuerdings fasziniert von den Möglichkeiten ihres eigenen Ventilationssystems. Wenn man es richtig anstellte, konnte man seine Pulsfrequenz verlangsamen, die Verdauung anregen, die Durchblutung des Gehirns verbessern – alles durch Atmung. Da sie an Schlafstörungen litt und seit einiger Zeit auch an unerklärlicher Reizbarkeit, war die Aussicht, durch simple Atemtechnik innere Ruhe herzustellen, verlockend. Also ergänzte sie damit ihre altbewährten Gottesdienst-Routinen. Die Ujjayi-Atmung konnte sie während des Orgelspiels praktizieren. Auch die yogische Vollatmung eignete sich für die Gottesdienst-Teile, in denen die Geräuschkulisse gelegentliches Schnaufen übertönte – Löwen- oder Feueratmung sparte sie sich für zu Hause auf. Wenn gesungen wurde, übte sie, sich ganz auf den Moment einzulassen, eine Achtsamkeitsaufgabe mit Gesang. Beim Vaterunser schob sie im Stehen eine kleine Einheit Beckenbodentraining ein. Anspannen und Loslassen, Mikrobewegungen der Füße mit unsichtbarer Gewichtsverlagerung. Und wenn Niels für die Predigt auf die Kanzel stieg, machte sie autogenes Training. Angefangen beim rechten Arm, reichte die Zeit meistens genau, um bis zur Gesichtsmuskulatur zu kommen. Währenddessen hörte sie zu und registrierte dabei ihre Gedanken, ohne diese zu bewerten. Das war von allem das Schwerste: zuhören und sich nicht verlieren in der inneren Welt, nicht an gestern und morgen denken, sich keine Sorgen machen, keine Angst haben und auch kein schlechtes Gewissen. Viel zu oft fand in Iulias Kopf ein Jahrmarkt statt. Er lärmte dann ununterbrochen, spuckte eigenartige Ideen aus, ließ die Gedanken Achterbahn und Karussell fahren. Es war das Gegenteil von Ordnung. Wenn dann gar nichts anderes mehr half, formulierte sie Berichte, verwandelte Menschen, Situationen und Gedankenfolgen in sachliche Erzählungen. Am besten war es, das sogar schriftlich zu tun. Schreibend war sie eine andere, mutig und scharfzüngig, eine, die sich traute, die Dinge auszusprechen. Leider ließ sich das kaum noch in ihrem Alltag unterbringen, und manchmal war es, als würde diese Person, die sie schreibend war, ihr auf einmal im richtigen Moment Sätze auf die Zunge legen. Böse, zynische Sätze, die verhinderten, dass die Menschen ihr zu nahe kamen. Es war ihr jedenfalls lieber, wenn sich das Ganze auch einfach durch Atmung regulieren ließ. In der Bank hielten die ewig gleichen Vorgänge die Fahrgeschäfte und verrückten Gedanken in Schach. Sie liebte es, Risiken zu erkennen und zu minimieren, war gut darin, Menschen zu beraten, die das Prinzip von Ursache und Wirkung zwischen all den Summen nicht erkannten, sie hatte einen Blick für Muster und Abweichungen. Letztlich wurde sie dafür bezahlt, die Ordnung zu bewahren und Zufälle zu Fehlern zu erklären. In der Bank brauchte sie weder autogenes Training noch Ujjayi-Atmung. Und die Zahlen standen zuverlässig und unanfechtbar zwischen ihr und den Kunden, ohne jemals anderes zu beleidigen.   Während des Gottesdienstes hatte sie ihr Telefon in den Flugmodus gestellt. Hinterher, als Niels noch am Kirchenausgang stand und die Schäfchen einzeln verabschiedete, schlenderte sie über den Friedhof und stellte es wieder um. Sofort wurde sie darüber informiert, dass sie fünf Anrufe ihres Vaters verpasst hatte. Sie seufzte. Seit über sechszehn Jahren war sie sonntags zwischen zehn und elf Uhr nicht erreichbar, aber er hatte es bis heute nicht geschafft, aus dieser Tatsache eine einfache Konsequenz zu ziehen. Sie sah Niels, von einer kleinen Damentraube umgeben. Wo immer er stillstand, versammelten sich die Frauen. Er war der Hirte, er musste sie alle beachten. Iulia hingegen durfte sich davonmachen, von einer Bankangestellten erwartete im echten Leben niemand etwas. Sie war nicht gut darin, Smalltalk zu machen, und sie fühlte sich unwohl zwischen den Frauen, die offenbar stets so viel besser aufgepasst hatten als sie und nun über jeden Aspekt des Lebens Bescheid wussten und sofort sahen, wenn sie etwas falsch machte. Sie umrundete die Kirche, bis sie sich unbeobachtet fühlte. Einige Gemeindemitglieder fanden Handynutzung auf Friedhöfen ungehörig: Herr Richter, Ihre Frau hat neulich neben dem Grab von Brodersen telefoniert. Eine Krähe hoch oben in einer der Buchen beschwerte sich lautstark über Iulias Anwesenheit. Die Kirchenwand strahlte Wärme ab, und der Kies knirschte unter ihren Schritten, während sie zwischen den Gräbern auf und ab ging und die Freizeichen mitzählte. Schließlich nahm ihr Vater ab. "Iulia, bist du das?", fragte er. Er hielt es nie für nötig, sich mit seinem eigenen Namen zu melden. "Du hast angerufen", sagte sie. "Ist was passiert? Wie geht es deinem Fuß?" In der vergangenen Woche war ihm ein gefüllter, Gottseidank aber noch nicht erhitzter Wasserkocher heruntergefallen und hatte ihm einen Mittelfußknochen gebrochen. Im Hintergrund hörte sie ihre Stiefmutter brüllen: "Werner, ich bin dann weg." "Ist gut", rief er ebenso laut zurück. "Weiß Monika eigentlich, dass sie klingt wie das schlimmste Klischee einer norddeutschen Ehefrau, wenn sie so durch die Gegend brüllt? Und ist dir klar, dass du gerade mein Trommelfell hättest ruinieren können?" "Jetzt lass zur Abwechslung mal deine Sprüche und hör zu", sagte er. "Es geht um deine Schwester. Sie hatte einen Unfall."

Mareike Krügel

Über Mareike Krügel

Biografie

Mareike Krügel, 1977 in Kiel geboren, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Förderpreis der Stadt Hamburg und den Friedrich-Hebbel-Preis. Sie ist Mitglied des PEN Deutschland. Nach „Die Witwe, der Lehrer, das Meer“ (2003), »Die Tochter...

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„Krügel schreibt mit Gefühl, schwarzem Humor und Wucht.“ Emotion über „Sieh mich an“

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