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Schweinebande

Ein Westfalen-Krimi

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Schweinebande — Inhalt

Als der pensionierte Lehrer Lorenz Plückebaum erschossen in seiner Wohnung aufgefunden wird, tappen Kommissar Schwiete und seine Kollegen im Dunkeln. Plückebaum galt als Einzelgänger und lebte zurückgezogen in einem ruhigen Paderborner Stadtteil. Das einzig Auffällige an seinem Leben scheint seine Sammelleidenschaft für Kunst gewesen zu sein, doch von einem Mörder keine Spur. Verbirgt sich das Tatmotiv hinter der gepanzerten Tür des tresorähnlichen Kellerraums?

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 09.03.2015
304 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30341-5
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 09.03.2015
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96807-2

Leseprobe zu »Schweinebande«

Prolog


Warum musste es ausgerechnet an diesem Abend schneien? Den ganzen Januar über hatte sich der Winter vornehm zurückgehalten. Sonnenschein hatte sich mit Nieselregen abgewechselt, es war durchgängig zu warm gewesen für die Jahreszeit. Aber seit ein paar Tagen war es kalt geworden, besonders auf den Höhenlagen des Teutoburger Waldes.
Als der dunkelblaue Mercedes-Transporter am 24. Januar um zehn Uhr abends den teuren Detmolder Vorort Hiddesen verließ, war die Straße bereits von einer dünnen Schneedecke überpudert. Reinhard Graeff, der für diesen [...]

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Prolog


Warum musste es ausgerechnet an diesem Abend schneien? Den ganzen Januar über hatte sich der Winter vornehm zurückgehalten. Sonnenschein hatte sich mit Nieselregen abgewechselt, es war durchgängig zu warm gewesen für die Jahreszeit. Aber seit ein paar Tagen war es kalt geworden, besonders auf den Höhenlagen des Teutoburger Waldes.
Als der dunkelblaue Mercedes-Transporter am 24. Januar um zehn Uhr abends den teuren Detmolder Vorort Hiddesen verließ, war die Straße bereits von einer dünnen Schneedecke überpudert. Reinhard Graeff, der für diesen Transport als Fahrer eingeteilt worden war, drehte den Heizungsregler höher. Auf der beidseitig von Wald flankierten Lopshorner Allee lag der Schnee noch etwas höher. Graeff zerbiss einen Fluch und versuchte, durch das dichte Schneetreiben hindurch die Straße im Auge zu behalten. Eigentlich hätte er diesen Transport schon im Laufe des Tages erledigen sollen, da aber viele seiner Kollegen mit Grippe im Bett lagen, hatte er einige von ihren Fahrten übernehmen müssen und kam erst jetzt zu dem Auftrag. Das kleine Unternehmen, bei dem er beschäftigt war, hatte sich auf Kurierfahrten für Wertgegenstände spezialisiert. Diesmal galt es, ein Gemälde von Hiddesen nach Rietberg zu transportieren.
Sein Beifahrer, der zu dieser Uhrzeit ebenfalls lieber ganz woanders gewesen wäre, schaltete mürrisch das Radio ein und ließ verschiedene Sender durchlaufen, bis etwas nach seinem Geschmack zu hören war.
»Hast du dir das Gemälde mal angeschaut?«, fragte er Graeff, ohne den Blick vom Radiodisplay zu nehmen. »So was soll wertvoll sein? So malt mein kleiner Sohn auch, und der ist gerade mal in der dritten Klasse.«
Graeff antwortete ihm nicht. Die beiden Männer fuhren oft zusammen und waren aufeinander eingespielt. Während Graeff ein schweigsamer Zeitgenosse war, der nicht mehr sprach als unbedingt erforderlich, plapperte sein Beifahrer unaufhörlich. Graeff hatte gelernt, dessen Besserwissereien einfach zu ignorieren.
Die schmale Straße zog sich in einigen Kurven immer höher bergauf. Der Schneeschauer hatte noch einmal an Stärke zugelegt. Die dicken, nassen Flocken wirbelten so dicht durch den Lichtkegel ihres Transporters, dass von der Straße kaum etwas zu sehen war. Obwohl die Scheibenwischer bereits auf der höchsten Stufe hin- und herjagten, musste Graeff seine ganze Konzentration mobilisieren, um den Weg zu finden, während sein Beifahrer ohne Pause weiter über seine Sicht der Welt dozierte.
»Jetzt halt mal kurz die Klappe und pass mit auf«, raunzte Graeff ihn an, »sonst kleben wir gleich an einem Baum.«
Sein Kollege kannte diese gelegentlichen Zurückweisungen und war bloß ein kleines bisschen beleidigt.
»Wieso fährst du auch diese unmögliche Strecke?«, brummte er nur. »Wir hätten den Weg über Pivitsheide nehmen sollen. Ist zwar ein bisschen länger, aber deutlich flacher und weniger verschneit. Bist ja selbst schuld.«
Reinhard Graeff blickte wütend zu ihm hinüber und sagte scharf:
»Weil auf der Stoddardstraße diese verdammte Baustelle ist. Hast du davon nichts gehört? Freiwillig fahre ich da nicht lang. Dauert ewig, bis du da durch bist. Da fahre ich lieber hier oben durch den Schnee.«
Dass hier deutlich mehr Schnee lag, als er erwartet hatte, erwähnte er lieber nicht. Nun galt es aufzupassen, denn jeden Augenblick musste eine scharfe Rechtskurve kommen. Geradeaus führte der Weg direkt in das Gelände des Truppenübungsplatzes. Da wollte er auf gar keinen Fall hinein.
Angestrengt schaute Graeff nach vorn, kniff die Augen zusammen, aber weiter als zwei oder drei Meter konnte er nicht sehen. Die Straße schien immer weiter ins Leere zu führen, alle Konturen lösten sich im Wirbel der Schneeflocken auf. Kein einziges Auto war ihnen auf den letzten zwei Kilometern entgegengekommen. Vermutlich würde auch niemand so verrückt sein, zu dieser Uhrzeit und bei diesem Wetter hier entlangzufahren. Straßenlampen gab es nicht, auch keine Sterne am Himmel. Das Abblendlicht des Transporters war das einzige Licht in dem dichten Bergwald.
»Fahr langsam!«, rief der Beifahrer plötzlich. »Da kommt die Kurve!«
Doch Graeff hatte alles im Griff. Langsam rollte der Transporter auf die 90-Grad-Kurve zu, und er schaffte es, die Kurve zu nehmen, ohne einen Zentimeter zu rutschen. Nun fuhren sie genau gegen den Wind, und die Sicht nahm noch weiter ab. Trotzdem beschleunigte Graeff wieder vorsichtig, denn er wusste, dass die Straße nun für etwa einen Kilometer geradeaus führen würde, bevor sie auf die Panzerringstraße traf. Der Transporter hatte gute Winterreifen und meisterte die rutschige Strecke souverän. Plötzlich schrie Graeffs Beifahrer aufgeregt:
»Pass auf! Da liegt was.«
Graeff trat auf die Bremse, der Mercedes brach hinten aus, schlitterte ein paar Meter schräg über die Fahrbahn und war auf dem besten Weg, in den Straßengraben zu rutschen. Aber als routinierter Fahrer brachte Graeff es fertig, direkt vor dem Hindernis zum Stehen zu kommen. Atemlos starrte er auf die Straße, um zu erkennen, was da lag. Es war ein äußerst kräftiger Baumstamm, der die Fahrbahn komplett versperrte.
»Und was jetzt?«, fragte der Beifahrer.
»Ja, was wohl?«, brummte Graeff genervt. »Du steigst jetzt aus und schiebst diesen Baumstamm zur Seite, damit wir weiterfahren können. Das kann doch nicht so schwer sein.«
Ein eisiger Wind pfiff herein, als der Beifahrer unter Pro-test die Tür öffnete und ächzend aus dem Transporter kletterte. Augenblicklich war der nun verwaiste Sitz mit Schnee-flocken übersät. Dann wurde die Tür wieder zugeschlagen.
Graeff beobachtete seinen Kollegen, der versuchte, den Stamm zu bewegen. Aber da der mit einer dicken Eiskruste überzogen war, rutschte er immer wieder ab. Graeff sah die Atemwolke seines Beifahrers, der verbissen weitere Ver-suche startete, dann aber entnervt aufgab. Kurz darauf flogen erneut Schneeflocken auf den Beifahrersitz, als der Mann die Beifahrertür wieder öffnete. Er schwang sich schimpfend auf seinen Sitz, schaute Graeff vorwurfsvoll an und polterte:
»Du hast es ja bequem hier. Ich friere mir da draußen den Arsch ab, und du hockst hier im Warmen und schaust zu. Los, komm mit raus. Allein habe ich keine Chance. Das Ding ist viel zu schwer. Außerdem hat es einer ziemlich gründlich bearbeitet. Da ist kein einziges Ästchen mehr dran, wo man mal anfassen könnte. Alles fein säuberlich abgetrennt. Die ganze Sache gefällt mir nicht, Graeff. Aber guck es dir selbst an, du bist ja der Klügere von uns.«
Graeff blieb nichts anderes übrig, als sich die dicken Lederhandschuhe überzuziehen, eine Taschenlampe mitzunehmen und nun ebenfalls die wohlige Wärme des Autos mit dem schneidend kalten Wind des Waldes zu tauschen. Was hätte er tun sollen? Eine Winde gab es an diesem Transporter nicht, es war ja schließlich kein Geländewagen. Gemeinsam versuchten sie nun, am Baumstamm zu zerren, zu schieben. Aber weder Hände noch Füße fanden einen Halt, immer wieder rutschten sie ab, stürzten mehrmals zu Boden.
Sie starrten, um Atem ringend, auf den mächtigen Stamm. Immerhin hatten sie ihn einen halben Meter zur Seite bewegt. Das war mehr als nichts, aber deutlich weniger als erhofft. So konnte es nicht weitergehen. Graeff erwog, den Baum mit dem Transporter per Abschleppseil wegzuziehen, hatte aber Angst, damit den Firmenwagen zu beschädigen. Wieder versuchten sie es mit bloßen Händen, wieder ernteten sie nur Erschöpfung und einige Zentimeter. Graeff spürte ein ungutes Gefühl im Rücken, irgendetwas klemmte dort im Bereich der unteren Wirbelsäule. Er wusste, wenn er noch einmal bei dieser Kälte an dem Baumstamm rucken würde, wäre ihm der gewaltigste Hexenschuss seines Lebens sicher.
Eben wollte er seinem Beifahrer signalisieren, dass er aufgeben würde. Dass er den Transporter wenden, zurück-fahren und kleinlaut einen anderen Weg nehmen würde. Da zuckte plötzlich der Doppellichtkegel eines Autos durchs Schneetreiben, kam näher und blieb dann hinter dem Mercedes stehen. Als die Lichter verloschen, konnte Graeff für kurze Zeit nichts mehr erkennen. Nur noch wirbelnden Schnee, der das Licht der Taschenlampe reflektierte. Als weiter nichts passierte, schaute Graeff verblüfft seinen Beifahrer an. Der zuckte ratlos mit den Achseln, schrie dann aber, um den Wind zu übertönen:
»Warum kommt der Kerl nicht näher? Wir können ihn verdammt gut gebrauchen. Hoffentlich ist es auch ein Kerl und kein kleines Mädchen. Ich gehe mal hin. Gib mir die Taschenlampe!«
Graeff schaute seinem Kollegen hinterher, dessen Gestalt von Meter zu Meter immer undeutlicher wurde und schließlich eins wurde mit den wild durcheinandertobenden Schneeflocken. Nichts war mehr von ihm zu sehen, nur noch der ganz schwache Schimmer seiner Taschenlampe. Dann war auch der verschwunden.
Graeff wartete, fror, schlug sich die Arme um die Schultern und wartete weiter. Nichts geschah. Von einer plötzlichen Unruhe erfasst, setzte auch er sich in Bewegung und tastete sich vorsichtig durch die Dunkelheit in Richtung des anderen Autos. Als er den Mercedes-Transporter hinter sich gelassen hatte, konnte er ganz schwach die Konturen des anderen Autos ahnen. Kein Licht war zu sehen, kein Mensch zu erkennen, kein Laut zu hören. Nur der Wind pfiff in seinen Ohren. Wo war sein Kollege? Wo der andere Autofahrer? Graeff wurde es unheimlich zumute.
Urplötzlich flammte direkt vor ihm ein starkes Licht auf, so stark, dass Graeff geblendet war und nichts mehr erkennen konnte. Er hörte nur noch Schritte, die im Schnee knirschten. Bevor er etwas fragen, bevor er auch nur einen Gedanken fassen konnte, donnerte etwas Hartes an seinen Schädel. Bereits wankend, wollte er protestieren, bekam aber die Lippen nicht mehr auseinander. Dann sackten ihm die Knie weg, er schlug im weichen Schnee lang hin und spürte nichts mehr.

 

1


Das ruhige, gleichmäßige Atmen neben ihm klang schöner als die lieblichste Musik. Horst Schwiete lag in seinem Bett. Er hatte in dieser Nacht den Boden unter den Füßen verloren. Und das war ein verdammt gutes Gefühl. Das erste Mal in seinem Leben war er neben einer Frau aufgewacht. Das war unfassbar für ihn. Er dachte an die vergangenen Stunden zurück. Wie hatte er in seinem bisherigen Leben nur auf so wunderbare Momente verzichten können?
Doch dann kamen die Zweifel. Erst ganz vage, kaum wahrnehmbar, dann immer heftiger, bis sie ihn letztendlich mit aller Macht ergriffen. Er war fünfzig Jahre alt und hatte heute Nacht das erste Mal mit einer Frau geschlafen. Wahrscheinlich hatte er sich angestellt wie ein dummer Junge. Welcher Teufel hatte ihn da nur geritten? Scham und Unsicherheit überfielen ihn. Plötzlich hatte Horst Schwiete das Bedürfnis, sich aus dem Bett zu stehlen, sich aus dem Zimmer zu schleichen und sich im nächsten Mauseloch zu verkriechen.
Mühevoll hatte sich Schwiete Bedingungen aufgebaut, die ihn befähigten, sein Leben zu leben. Und jetzt das! Was hatte er nur getan? All das, was ihm Sicherheit gegeben hatte, all das hatte er über Bord geworfen wie einen faulen Apfel.
Dabei hatte er in den vergangenen Stunden gelebt, geliebt, genossen. Er hatte die Zärtlichkeit, mit der ihn Karen Raabe überschüttet hatte, mit jeder Nervenzelle seines Körpers gespürt. Er hatte sie mit einer unfassbaren Intensität empfunden, er hatte sie in sich aufgenommen wie ein trockener Schwamm das Wasser. Schwiete hatte gar nicht genug davon bekommen können. Doch die Liebkosungen zu Beginn waren nur der Auftakt gewesen. All das, was sich angeschlossen hatte, war noch unglaublicher, noch erregender gewesen. Was gab es doch für atemberaubende Möglichkeiten, sich zu lieben.
Und jetzt lag Schwiete hier, in seinem Bett, neben dieser wunderbaren Frau und haderte mit sich. Seine Eingeweide brannten, entzündet durch diese verdammten Selbstzweifel, die in ihm tobten. Die ließen Schwiete jetzt glauben, er müsse sich aus dem Leben stehlen, zumindest aber aus der Welt, in der ihm die Ursache für seine Zweifel irgendwann wieder begegnen könnte.
Er betrachtete seinen zerknitterten Anzug, den er im Dämmerlicht vor seinem Bett erkennen konnte. Karen Raabe hatte ihm die Jacke vor einigen Stunden auf dem Weg zum Bett von den Schultern gezogen und zu Boden gleiten lassen. Und er hatte seine Hose wenig später achtlos danebengelegt.
Noch nie in seinem Leben war Schwiete eingeschlafen, ohne seine Kleidungsstücke ordentlich auf den Bügel gehängt zu haben. Du bist dabei, dich zu verlieren, dachte er. All das, was dir Sicherheit gibt, setzt du leichtfertig aufs Spiel.
Das musste ein Ende haben. Er spannte seine Muskeln an, wollte aus dem Bett steigen, seinen Bademantel überziehen und aufräumen. Erst seine Kleidung und dann sein Leben. Er wollte seine alten Werte und seine Orientierungen zurück. Wenn erst seine Kleider ordentlich auf dem Bügel hingen, war der erste Schritt zurück zu seiner Ordnung getan, und damit auch zu seiner ach so fragilen Sicherheit.
Karen Raabe seufzte im Schlaf. Sie drehte sich zu Schwiete um, schlang ihren Arm um seine Schulter und schmiegte sich an ihn. Er fühlte ihre warme weiche Haut und roch den betörenden Duft, den sie ausstrahlte. Der Wohlgeruch dieser Frau und die darauffolgenden Gefühle waren es, die augenblicklich dafür sorgten, dass all die Beklommenheit, die Schwiete gerade zu erdrücken versuchte, aus dem Hier und Jetzt verschwand. Und damit zerplatzten all seine Zweifel wie Seifenblasen.
Es folgten hunderttausend Nadelstiche der Glückseligkeit, die Schwiete sofort wieder in eine schützende Aura hüllten, die keine Zweifel mehr zuließen. Diese Gefühle, diese Nähe wollte Horst Schwiete nie wieder hergeben. Für das Wiedererleben und auch für das Erhalten dieser neuen glückseligen Momente und Empfindungen würde er alles tun – und wenn nötig, würde er dafür kämpfen wie ein Löwe.

 

2


Es war verdammt anstrengend, mit dem Fahrrad die Huse-ner Straße in Richtung Uni zu fahren. Else Klingenberg schwitzte und keuchte, aber absteigen kam für sie nicht infrage. In Paderborn erledigte sie alles mit dem Rad. Das war sicher einer der Gründe, warum sie trotz ihrer über fünfzig Jahre immer noch eine, wie sie fand, passable Figur hatte.
Else Klingenberg war sportlich und ehrgeizig. Das war sie schon immer gewesen, und so quälte sie sich auch jetzt auf ihrem Rad zur Arbeit, egal, wie steil es bergauf ging. Wenn sie es sich recht überlegte, war es mehr Lust als Qual, denn sobald sie oben an der Annette-von-Droste-Straße angekommen wäre, würde sie einen Kaffee trinken und nach der absolvierten körperlichen Strapaze eine kleine Pause einlegen.
Schon jetzt dachte sie an das wohltuende Gefühl, wenn sich ihre Muskeln wieder entkrampften. Wenn ihr gut trainierter Körper immer lockerer wurde. Und wenn sie sich dann zufrieden an ihre eigentliche Arbeit begab, war sie mit ihrer Welt wieder im Reinen.
Else Klingenberg putzte in verschiedenen Haushalten Paderborns. »Käsch auf de Täsch«, wie sie zu sagen pflegte. Sie hatte einen festen Kundenstamm und immer wieder Nachfragen von weiteren Interessenten, die sich darum rissen, dass ihr Haus ebenfalls von Else Klingenberg geputzt wurde. Sie wusste, warum. Unter den Teppich gekehrten Dreck gab es bei ihr nicht. Sie putzte schnell und gründlich. Das war ihr Markenzeichen. Es hatte sich noch niemand über ihre Arbeit beschwert. Nicht einmal dieser Lorenz Plückebaum, zu dessen Haus sie gerade unterwegs war. Der war ein Korinthenkacker vor dem Herrn, geizig und pedantisch, besonders wenn es um seine Bilder ging.
Von manchen Familien, bei denen sie putzte, hatte Else Klingenberg einen Wohnungs- oder Haustürschlüssel. Nicht so von Lorenz Plückebaum, der ließ niemanden während seiner Abwesenheit in sein Haus. Da hatte der Mann viel zu viel Angst um seine Bilder. Else Klingenberg war – mal abgesehen von ihren nicht eingehaltenen Verpflichtungen gegenüber dem Finanzamt – die Ehrlichkeit in Person. Plü-ckebaum hätte ihr ruhig einen Schlüssel anvertrauen kön-nen. Aber gut, wenn er nicht wollte, dann musste er halt anwesend sein, wenn sie ihrer Arbeit nachging.
Letzte Woche war sie jedoch vergeblich bei ihm aufge-laufen. Trotz des festen wöchentlichen Termins, den sie mit Plückebaum vereinbart hatte und den sie seit Jahren penibel genau einhielt, trotz dieses verbindlichen Termins hatte Else Klingenberg vor verschlossener Haustür gestanden. Alles Klopfen und Rufen hatte nichts genützt. Die Tür war verriegelt und verrammelt geblieben.
Das war seltsam. Die gewissenhafte Else Klingenberg hatte sich natürlich sehr geärgert. Heute würde sie den entgangenen Lohn einfordern, das hatte sie sich fest vorgenommen. Bevor der nicht ausbezahlt war, würde sie keinen Finger rühren. Und wenn sich Plückebaum weigern würde, die Stunden der letzten Woche zu zahlen, dann könnte er sich jemand anderen suchen. Jetzt stand Else Klingenberg erneut im Vorgarten des großen weißen Hau-ses in der Annette-von-Droste-Straße. Sie klingelte Sturm, doch wieder blieb die Tür verschlossen. Nichts regte sich, kein Laut war zu hören, kein Rascheln, keine Schritte.
Da stimmte etwas nicht, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Sollte sie die Polizei verständigen? Else Klin-genberg überlegte. Wahrscheinlich würden die gleich fragen, was sie denn bei Plückebaum zu suchen hatte. Da könnte ihr schwarzbezahlter Putzjob schnell auffliegen. Das würde nur Ärger geben. Aber sie wollte auch nicht einfach über die Tatsache hinweggehen, dass der sonst so zuver-lässige Plückebaum seine Termine nicht einhielt.
Hier stank etwas gewaltig zum Himmel. Dafür hatte sie ein sicheres Gespür. Nein, sie musste etwas tun. Sie griff zu ihrem Handy und wählte Plückebaums Nummer. Das Läuten des Telefons war bis in den Vorgarten zu hören. Also wählte sie doch die 110. Als der diensthabende Be-amte sich meldete, berichtete sie von ihrer Beobachtung und nannte Plückebaums Anschrift. Doch als der Polizist fragte, mit wem er denn spreche, da sagte sie, das tue nichts zur Sache, und legte auf.
Wenn Horst Schwiete nicht gerade mit seinen Gedanken ganz woanders gewesen wäre, hätte er sich über den Anblick, der sich ihm bot, sicherlich amüsiert. Er war vor einer Viertelstunde nach Hause gekommen und wollte sich nach dem anstrengenden Arbeitstag etwas ausruhen, als es an seiner Wohnungstür klopfte. Das konnte nur seine Vermieterin Hilde Auffenberg sein, überlegte er, stand auf und ging zur Tür. Doch vor ihm stand sein Nachbar Johnny Winter, zusammen mit zwei älteren Männern. Alle drei trugen die blau-schwarz-weißen Schals und Mützen des hiesigen Fußballklubs, des SC Paderborn.
Johnny Winter war Musiker. Eigentlich Rockmusiker, eigentlich für die große Bühne geboren, eigentlich im besten Alter für einen Rockstar. In der Praxis schlug er sich mehr recht als schlecht mit Tanzmusik durch. Viele Jahre hatte er als Gitarrist in der Tanzcombo Ramona mitgespielt und war bei fast jedem Schützenfest in der Umgebung dabei gewesen. Und immer wieder hatte er sich mit den Schützenfestmusikern gestritten. Johnny hasste diese Art von Musik, aber ihm blieb nichts anderes übrig, als auf solchen Festen seinen Musikgeschmack zu verraten. Gelegentlich fuhr er auch Taxi. Wenn ihm dann noch Zeit blieb, kümmerte er sich hingebungsvoll um die Frauen der alten Bischofsstadt. Gerade war wieder einmal eine seiner Beziehungen zu Bruch gegangen, und so hatte Winter Zeit, mit den beiden alten Herren zum Fußball zu gehen.
Der eine davon hieß Herbert Höveken und war nicht nur Hilde Auffenbergs Nachbar, sondern auch ihr hartnäckigster Verehrer. Höveken war Bestatter und wäre längst im Ren-tenalter gewesen, wenn er nicht als Selbstständiger einfach zu wenig für seine alten Tage auf die hohe Kante gelegt hätte. So musste er weiterarbeiten – wahrscheinlich, bis er sich eines Tages selbst beerdigen würde, wie Willi Künnemeier, der zweite der beiden betagten Fußballfans, gern lästerte.
Künnemeier war zwar älter als Höveken, aber deutlich rüstiger. Er war schon zum Fußball gegangen, als die Paderborner Mannschaft noch FC Paderborn geheißen und in der Verbandsliga gespielt hatte. Mittlerweile war es die zweite Bundesliga, und Paderborn spielte aktuell eine erstaunlich gute Rolle. Nach einem völlig verkorksten Saisonbeginn mit neuem Trainer hatte der Präsident einen kompletten Neuanfang ausgerufen, und tatsächlich hatten Mannschaft und Trainer von Spiel zu Spiel mehr zusammengefunden. Seit acht Heimspielen waren sie nun ungeschlagen, und mit den ersten Fans ging bereits die Phantasie durch.
»Wo wollt ihr denn hin?«, fragte Schwiete verblüfft.
»So ’ne Frage kann auch nur ein Bulle stellen«, antwortete Johnny. »Wir spielen heute gegen Düsseldorf, zu Hause. Du wolltest doch mitkommen, oder?«
Siedend heiß fiel Schwiete wieder ein, dass er bei einem Treffen in der großen, gemütlichen Küche ihrer gemeinsamen Vermieterin mal etwas in dieser Richtung hatte verlauten lassen. Aber wenn er in sich hineinhorchte, verspürte er nicht die geringste Lust. Fußball interessierte ihn fast gar nicht, große Menschenansammlungen verabscheute er zutiefst, und außerdem wollte er momentan für sich sein und seinen Gedanken nachhängen. Aber damit konnte er diesen Fußballfanatikern nicht kommen, wie er wusste.
»Ich muss gleich noch mal dienstlich los«, log er. »Tut mir leid!«
»Erzähl mir doch nichts!«, meinte Johnny Winter grinsend. »Dienst nennst du das? Wenn du dich mit deiner Karen treffen willst, heißt das Date und nicht Dienst. Du verwechselst da was, mein Lieber. Aber ich wünsche dir trotzdem viel Vergnügen. Auch wenn du vermutlich im Stadion was verpassen wirst.«
»Was denn?«, fragte Schwiete ungläubig.
»Wir werden heute die Düsseldorfer in den Sack stecken!«, posaunte Künnemeier. »Im Hinspiel haben wir sechs zu eins gewonnen, und das in Düsseldorf. Heute spielen wir zu Hause, da tun wir ihnen noch zwei Tore mehr rein. Kannste dich drauf verlassen!«
Schwiete war das alles ziemlich gleichgültig. Er war froh, als die drei ihren Bekehrungsversuch aufgaben und gingen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es halb sechs war. Er hatte Karen Raabe versprochen, sie anzurufen.

Jürgen Reitemeier

Über Jürgen Reitemeier

Biografie

Jürgen Reitemeier, geboren 1957 im westfälischen Warburg, studierte nach einer Ausbildung zum Elektromaschinenbauer Elektrotechnik, Wirtschaft und Sozialpädagogik in Paderborn und Bielefeld. Er arbeitet als Coach und Erwachsenenbildner in seinem Unternehmen modul b in Detmold. Zusammen mit Wolfram...

Wolfram Tewes

Über Wolfram Tewes

Biografie

Wolfram Tewes, geboren 1956 in Peckelsheim/Westfalen, arbeitete bei der Norderneyer Badezeitung und ist seit 1987 bei der Neuen Westfälischen Zeitung tätig. Heute lebt er in Horn-Bad Meinberg im wunderschönen Lipperland. Zusammen mit Jürgen Reitemeier verfasst er erfolgreiche Lippe-Krimis um ein...

Pressestimmen

seniorweb.ch

»spannend bis zum letzten Satz«

Neue Westfälische

»Bei so viel Lokalkolorit fühlt man sich als Leser direkt heimisch.«

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