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Schule der LügenSchule der Lügen

Schule der Lügen

Roman

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Schule der Lügen — Inhalt

Eine kühle Februarnacht des Jahres 1926: In der Berliner »Eldorado«-Bar hält Edgar von Rabov plötzlich einen Zettel in der Hand, den ihm eine exotische Schönheit zugesteckt hat.Sie will ihn treffen. Er geht darauf ein und verfällt ihr schon bald. Doch was will sie von ihm? Als die junge Halbinderin plötzlich spurlos verschwindet, zögert er nicht, ihr bis nach Madras zu folgen … Der Bestsellerautor Wolfram Fleischhauer schrieb eine hochaktuelle Geschichte über die erste Esoterikwelle in Europa und zeigt, wie der Versuch, die aufgeklärte Welt wieder zu verzaubern, seinen Beitrag zu ihrer politischen Verhexung leistete.

 

€ 10,99 [D], € 11,30 [A]
Erschienen am 19.01.2015
528 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-0997-7
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 19.01.2015
528 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7816-2

Leseprobe zu »Schule der Lügen«

Prolog
Der Weg kam ihm erheblich kürzer vor, als er ihn in Erinnerung hatte.
Soeben hatte er noch einen Blick auf den still daliegenden See zu seiner Linken geworfen und sich vorzustellen versucht, wie diese Ansicht damals auf ihn gewirkt hatte. Und jetzt, nur wenige Wegminuten später, konnte er bereits die ersten Gebäude dort oben am Hang erkennen.
Vielleicht lag darin das Mißverhältnis? Die Zeit, die vergangen war, seit er diesen Hügel das letzte Mal gesehen hatte – und die fast brüskierende Selbstverständlichkeit, mit der er jetzt plötzlich vor [...]

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Prolog
Der Weg kam ihm erheblich kürzer vor, als er ihn in Erinnerung hatte.
Soeben hatte er noch einen Blick auf den still daliegenden See zu seiner Linken geworfen und sich vorzustellen versucht, wie diese Ansicht damals auf ihn gewirkt hatte. Und jetzt, nur wenige Wegminuten später, konnte er bereits die ersten Gebäude dort oben am Hang erkennen.
Vielleicht lag darin das Mißverhältnis? Die Zeit, die vergangen war, seit er diesen Hügel das letzte Mal gesehen hatte – und die fast brüskierende Selbstverständlichkeit, mit der er jetzt plötzlich vor seinen Augen lag. Natürlich konnte es gar nicht anders sein. Aber es kam ihm dennoch unwirklich vor, dass die.ser Ort hinter einer Wegbiegung einfach so aus dem Nichts auf.tauchte.
Phil Manings blieb stehen, rückte seinen Strohhut ein wenig ins Genick und betrachtete das Panorama. Der Lago Maggiore schimmerte in der Nachmittagssonne. Er war vom gleichen un.wirklichen Blau wie der Himmel darüber, in dem ein Raubvogel seine Kreise zog. Für die Jahreszeit, immerhin Oktober, war es viel zu warm. Phil trocknete sich die Stirn mit einem feinen Stoff.taschentuch und betrachtete danach für einen Augenblick die Bügelfalten darin: Bügelfalten, die noch aus London stammten, wo das Hausmädchen vor zwei Tagen den Koffer gepackt hatte, der dann direkt ins Hotel nach Locarno geschickt worden war.
Er blieb stehen und versuchte, sich daran zu erinnern, wie es im Sommer 1902 hier ausgesehen hatte, als er das letzte Mal hier gewesen war. Der Hügel war damals karg und unbewachsen ge.wesen, kaum mehr als eine Geröllhalde. Jetzt, fast ein Viertel.jahrhundert später, war die Vegetation sehr dicht. Die Bäume standen nah am Wegesrand, und ihre Kronen berührten sich.
Ein schmaler, steiniger Pfad führte durch Reben hindurch auf den Berg hinauf. Wie hängende Gärten waren hier die Reb terras.sen übereinandergebaut worden, und wo der Rebberg endete, betrat man Kastanienwald. Etwas weiter oben begann Heide.grund, gesäumt von gelbem Ginster und hellgrünen Wacholder.büschen. Kleine, schlanke, silberweiße Birkenstämmchen wuch.sen hier. Und dann sah er das Hotel.
In Locarno hatte man ihm bereits erzählt, dass ein paar Ber.liner Abenteurer das Anwesen vor ein paar Jahren gekauft hatten und nun ernsthaft versuchten, es mit Profit zu betreiben. Zwei der drei Partner waren bereits wieder ausgeschieden, was wohl darauf hindeutete, dass das Vorhaben gescheitert war. Es gab Ge.rüchte, dass der Berg demnächst wieder auf den Markt kommen würde. Aber für diese Saison waren das Hotel und die verschie.denen Chalets, die sich darum gruppierten, wohl noch gut aus.gelastet. Die Konferenz zog zusätzlich Publikum in die Gegend. Die Regierungschefs und Außenminister waren eine Sensation. Sogar Mussolini war gekommen.
»Filippo?« sagte plötzlich eine Stimme.
Phil schaute auf. Er hatte den Mann, der ein Stück entfernt auf einer Aussichtsbank saß, überhaupt nicht bemerkt. Der Unbekannte erhob sich und kam auf ihn zu.
»Dio mio, non é possibile! Filippo!«
»Bernardo?«
Aber da stand der Mann schon vor ihm und umarmte ihn.
»Filippo!« rief er erfreut aus, nachdem er ihn wieder losge.lassen hatte. »Mein Gott … mein Gott …«
Phil schaute überrascht und zugleich ein wenig verlegen auf den Italiener herab. Er war gut einen Kopf kleiner als er selbst. War auch er so alt geworden wie jener? Nein, es lag an der ärm.lichen Kleidung und dem Vollbart, dass Bernardo beinahe groß.väterlich aussah. Wenn Phil sich recht erinnerte, dann waren sie gleich alt gewesen, als sich ihre Wege hier gekreuzt hatten.
»Die Zeitungen haben recht. Diese Konferenz ist wirklich ein Wunder«, rief Bernardo erfreut. »Sie bringt das verlorene Europa wieder zurück. Dio mio, Filippo, was für eine Über.raschung. Wo bist du gewesen? Wie kommst du hierher? Wie lange bleibst du?«
Phil hatte sich allmählich von seiner Überraschung erholt, faßte Bernardo am Arm und wies auf die Sitzbank vor ihnen in der Nachmittagssonne. »Ich bin nur für ein paar Tage hier«, ant.wortete er auf italienisch. »Und du? Du bist immer noch hier. Ich dachte, hier leben nur noch Gespenster.«
Bernardos Augen strahlten. Bei näherem Hinsehen sah er nun doch nicht so alt aus. Seine Haut war gebräunt. Er wirkte ungeheuer gesund.
»Gespenster, ja«, rief er lachend. Er knuffte ihn freundschaftlich in die Seite. »Filippo, du glaubst gar nicht, wie ich mich freue. Und wie gut du aussiehst. Ein richtiger feiner Herr. Sag bloß, du bist Politiker geworden?«
»Nein. Wie kommst du denn darauf. Ich arbeite für die Engländer, das schon. Aber ich gehöre nicht dazu.«
»Ich hätte dich fast nicht erkannt«, erwiderte Bernardo. »Aber die Augen. Diese Augen. Die hatten es ja auch der unvergleichlichen Contessa angetan, nicht wahr? Madonna, che bellezza! Wie geht es ihr? Ist sie auch hier?«
Phil wusste gar nicht, wie ihm geschah. Jedes Wort aus Bernardos Mund jagte ihm jetzt Schauer über den Rücken. Er wollte, dass er aufhörte, doch zugleich war es ein köstliches Gefühl, diesem Rufer in einem Schattenreich zu lauschen. Die Contessa? Er schüttelte den Kopf.
»Non lo so«, erwiderte er. »Ich habe keine Ahnung.«
»Aber ihr seid doch damals zusammen weggegangen?«
»Ja, schon, aber du weißt, wie es manchmal ist. Die Wege trennen sich, und man verliert sich aus den Augen.«
»Peccato. Veramente peccato.«
Sie schwiegen einen Augenblick lang und schauten auf den See hinab. Die Brissagoinseln lagen vor dem Hafen von Ronco wie zwei grüne Tupfen im Wasser. Was für ein unvergleichliches Panorama! Wenigstens daran hatte sich nichts geändert.
»Und du?« fragte Phil nach einer Weile. »Hast du Lotte geheiratet?«
Mein Gott, dachte er, kaum dass er die Frage gestellt hatte. Lotte Hattmer! Er hätte niemals geglaubt, dass er diesen Namen jemals wieder in den Mund nehmen würde.
Bernardos Lächeln verschwand augenblicklich. Dann sagte er bekümmert: »Nein, Filippo. Weißt du denn nicht? Lotte ist schon lange tot.«
Phil schwieg betreten. Bernardo fügte hinzu: »Sie hat sich umgebracht.«
Was für ein Jammer, dachte Phil stumm. Die bildhübsche Bürgermeistertochter.
»Sie lebte am Ende nur noch vom Geld ihrer Eltern. Ich bin manchmal zu ihr gegangen, um nach ihr zu sehen, aber es war ihr nicht mehr zu helfen.«
»Inwiefern?«
»Sie war verrückt geworden.«
»Verrückt? Hier waren doch alle verrückt, meinst du nicht? Wir auch, oder?«
»Wie man es nimmt. Vielleicht schon. Aber Lotte war zu schwach für diese Art von Verrücktheit. Außerdem litt sie sehr darunter, als die ursprüngliche Gemeinschaft zerfiel. Sie lebte mutterseelenallein in ihrer Hütte und siebte Asche. In meiner Erinnerung höre ich sie manchmal noch rufen: Mein Gott, es ist noch nicht fein genug. Irgendwann hat sie Gift genommen. Ich war nicht hier, als es geschah. Man erzählt, sie habe etwas genommen, das normalerweise in einigen Augenblicken wirkt, aber bei ihr dauerte es zweieinhalb Tage, bis sie starb.«
»Entsetzlich«, murmelte Phil.
Bernardo war über seinem Bericht ein wenig in sich zusammengesunken. Jetzt richtete er sich wieder auf und sagte: »Filippo, wie lange bleibst du? Du musst uns auf jeden Fall besuchen, du musst zu uns nach Cannobio kommen …«
»Ich fürchte, das wird nicht so ganz einfach sein«, erwiderte Phil skeptisch.
»No! Keine Widerrede. Diesen Gefallen musst du mir tun. Außerdem habe ich etwas für dich.«
»Siehst du das Schiff dort hinten?« entgegnete er.
Bernardo folgte seinem Blick. Die Orangenblüte war am Horizont aufgetaucht. In wenigen Stunden würden die Staatschefs in Ascona wieder an Land gehen. Er musste zurück. »Ich habe nur heute nachmittag frei. Heute abend gibt es eine Besprechung, und dann wird wieder getagt. Ich fürchte, ich werde keine Zeit haben.«
»Aber du musst zu uns kommen«, insistierte der Italiener. »Du wirst gar nicht anders können, wenn ich dir sage, was ich für dich habe.«
Phil nahm einen Schluck Wasser aus seiner Flasche und leckte sich die Lippen. Bernardos Augen blitzten, als er weitersprach.
»Ich habe Briefe von ihr«, sagte er. »Briefe für dich. Ich sollte sie dir schicken, aber ich hatte ja keine Adresse.«
»Briefe? Für mich? Von Lotte?«
»Nein. Nicht von Lotte. Von der Contessa. Sie hat sie zurück.gelassen, als sie das letzte Mal hier durchgekommen ist. Ida hat sie jahrelang aufbewahrt. Dann, als Ida und Henri weggingen, gab sie sie mir. Sie meinte, fast jeder käme früher oder später noch einmal zurück, und vielleicht auch du. Jedenfalls wollte sie die Briefe nicht mit nach Spanien nehmen, und so habe ich sie verwahrt.«
»Nach Spanien?« wiederholte Phil tonlos.
»Ja. Henri und Ida sind nach dem Krieg nach Spanien gegangen, und von dort nach Brasilien. Sie haben eine neue Kolonie gegründet.«
Briefe von ihr? Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Wann, sagst du, ist die Contessa hier gewesen?«
Die Contessa! Wie fremd das klang. Er hatte sie nie so genannt.
»Im Februar 1903«, antwortete Bernardo. »Aber sie blieb nicht lange. Ida hat mit ihr gesprochen, und ein paar Tage später war sie auch schon wieder verschwunden. Aber die Briefe sind noch hier. Du musst sie bekommen. Schließlich sind sie für dich.«
Phil griff in die Innentasche seiner Jacke, holte ein Päckchen Zigaretten heraus und hielt es Bernardo hin. Aber der lehnte ab. Phil nahm eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an und inhalierte den Rauch mit großer Konzentration. Briefe von ihr. Von 1903? Seit zweiundzwanzig Jahren lagen sie hier. Was für eine verrückte Idee, überhaupt hierher zurückgekommen zu sein. Was sich hier abgespielt hatte, war naiv und töricht gewesen. Heute argwöhnte er, dass es vielleicht sogar gefährlich gewesen war, auf beklemmende Weise närrisch. Auf dieser Wiese dort hatten sie getanzt, nackt und berauscht von abstrusen Ideen. Aber ein Blick in Bernardos sympathisches Gesicht stimmte ihn um. Warum nicht? dachte er.
»Wie finde ich euer Haus in Cannobio?«
Der kleine Passagierdampfer, den er drei Tage später bestieg, um über Porto Ronco nach Cannobio zu fahren, war gut besetzt. Tessiner Landvolk tummelte sich darauf und etwa ebenso viele Touristen. Ein langgezogener Sirenenton erklang, und das Schiff legte ab. Phil machte es sich auf dem Vorderdeck bequem. Der Geruch des Wassers, das leichte Schaukeln des Bootes und die italienischen Gesprächsfetzen, dazu die malerische Kulisse der Berge, all dies tat bald seine magische Wirkung. Der See schien gen Süden hin überhaupt kein Ufer zu haben, als sei die Welt dort zu Ende.
Bernardo erwartete ihn an der Anlegestelle von Cannobio. Sie spazierten die Uferpromenade entlang und bogen dann in die verwinkelten Gassen des Ortes ab. Wie überall in dieser Gegend ging es steil aufwärts, sobald man sich vom See entfernte. Doch mit jedem Schritt wurde die Aussicht prächtiger. Bernardo erzählte die ganze Zeit von früher. Recht besehen war das Ganze ja bereits Legende, und einige Monate dieser Legende hatte Phil miterlebt. Allerdings war er damals nicht barfuß von München ins Tessin gewandert, wie die Gründer der Vegetariersiedlung. Kein Wunder, dass es eine kleine Sensation gewesen war, als sie hier auftauchten: ohne Schuhe, die Männer mit kniefreien Hosen und die Frauen sogar ohne Korsett.
Mittlerweile hatten die beiden Männer einen Höhenweg er.reicht und spazierten nun in südlicher Richtung parallel zur Böschung. Hier und da duckte sich ein Haus an den steilen Abhang. Auch Bernardos Haus kauerte in solch einer abschüssigen Lage. Vom Weg aus sah man nur das Dach. Eine schmale Treppe aus krumm liegenden Schieferplatten führte steil abwärts zu einem aus dem Hang herausgegrabenen kleinen Grundstück. Das Haus selbst war winzig, nicht viel größer als eine Gartenlaube. Vor der Haustür gab es noch zwei mal zwei Meter ebenen Grund, der zum See hin umzäunt war. Ansonsten umgab nur abschüssiges Gelände die Behausung.
Bernardos Frau öffnete. Ihr Aufzug ähnelte dem ihres Mannes. Sie trug weite dunkelrote Pluderhosen und ein buntes gewebtes Hemd. Ihre langen, grauen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Um ihren Kopf trug sie ein ledernes Stirnband. Sie hatte angenehme, gleichmäßige Züge, und man konnte erkennen, dass sie einmal eine hübsche Frau gewesen sein musste.
Sie bat ihn einzutreten, und schon bald saßen sie in der kleinen Wohnstube auf dem Boden um einen niedrigen Tisch herum, tranken Tee und plauderten. Henri Oedenkovens Vegetarierkolonie und das Schicksal der Nackten vom Monte Verità waren das Gesprächsthema. Phil erfuhr, dass Bernardo und Antonella die Kolonie noch vor Kriegsausbruch verlassen hatten. Sie hatten sich neuerdings der Philosophie eines österreichischen Theosophen angeschlossen, der allerdings mittlerweile der Theosophie den Rücken gekehrt und eine neue pädagogische Bewegung ins Leben gerufen hatte. Die Grundsätze waren in vielen Dingen noch immer die gleichen wie damals. Phil lauschte, teils amüsiert, teils wehmütig, doch zunehmend distanziert. Wie lange war das alles her? Und wie sinnlos erschien es ihm heute. Als gäbe es am Menschsein irgend etwas Natürliches. Antonellas handgewebte Kleidung deprimierte ihn. Die wenigen Möbel, fast ausschließlich aus Wurzeln und Astgabeln gefertigt, irritierten ihn nicht minder. Alles war krumm und schief.
Wie die Natur.
Bernardo erkundigte sich, was Phil die ganzen Jahre über gemacht hatte. Antonella fragte immer wieder nach der Contessa. Bernardo musste viel von ihr erzählt haben. Doch Phil wollte darüber nicht sprechen. Wie hätte er das alles erklären sollen? Die Flucht. Die weite Reise. Und dann die Trennung, die nicht geplant gewesen war. Das alles konnte und wollte er jetzt unmöglich ausbreiten. Es gelang ihm, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
»Ich bin nach England zurückgegangen«, kürzte er die Geschichte ab. »Als der Krieg begann, brauchte man Leute, die Deutsch konnten. So kam ich erst ins Foreign Office und später zur militärischen Aufklärung. Das klingt wichtig, ist aber nur ein anderes Wort für langweilige Büroarbeit. Für Felddienst war ich glücklicherweise schon zu alt.«
»Und die Contessa ist nicht mit dir gegangen?« insistierte Antonella, offenbar auf der Suche nach einem befriedigenden Abschluss der Liebesgeschichte, die Bernardo ihr erzählt hatte.
Phil sagte nichts und schüttelte nur leicht den Kopf. Bernardo warf Antonella einen vorwurfsvollen Blick zu. »Sei doch nicht so indiskret. Du merkst doch, dass Filippo nicht darüber reden will.«
Antonella errötete leicht. Ein peinliches Schweigen entstand, das Bernardo durch eine erneute Frage unterbrach.
»Und heute lebst du in London?«
»Ja.«
Sie aßen zu Abend, und kurz darauf war es auch schon Zeit aufzubrechen, da Phil darauf bestand, den letzten Dampfer zurück noch zu erreichen. Auf keinen Fall wollte er über Nacht bleiben und auf diese Weise noch länger den neugierigen Fragen Antonellas ausgesetzt sein. Ein unangenehmes Gefühl hatte ihn beschlichen. Die Vergangenheit drohte ihn einzuholen. Auf dem Rückweg zum Hafen von Cannobio ließ er Bernardo keine Gelegenheit mehr, auf alte Tage zu sprechen zu kommen. Statt dessen malte er ihm ein lebendiges Bild der neuen Situation, in der Europa sich nun befand. Locarno sei in diesen Tagen ein Name geworden, der in den Geschichtsbüchern eine helle Spur hinterlassen würde. Noch vor einem Jahr wäre undenkbar gewesen, was gestern abend im Bürgersaal des Rathauses zwischen den Kernstaaten Europas vereinbart worden war. Die Garantie für die Rheingrenze, der Abzug der französischen Truppen aus dem Rheinland, die schwierige Frage bezüglich des Artikels 16 des Völkerbundabkommens. Phil spürte, dass der Italiener nicht alles verstand, aber er hörte aufmerksam zu, und das genügte ihm. Erst als sie die Promenade von Cannobio erreicht hatten, unterbrach ihn Bernardo.
»Dies ist eben ein besonderer Ort, nicht wahr, Filippo?« Dabei schaute er ihn auf eine Art und Weise von der Seite an, die ihm signalisierte, dass Bernardo genau gespürt hatte, warum er die ganze Zeit geredet hatte. Phil blieb stehen und steckte die Hände in die Taschen.
»Ja, Bernardo«, sagte er dann und schaute auf den See hin.aus. »Es ist so wunderschön hier. Fast unwirklich schön, findest du nicht?«
»Antonella war schrecklich indiskret«, entschuldigte sich der Italiener bekümmert. »Es ist meine Schuld. Ich habe ihr so viel von dir … von euch erzählt. Das muss ihre Phantasie beflügelt haben. Bitte verzeih mir. Ich fürchte, ich habe eine kleine Legende aus euch gemacht.«
Eine Legende? Phil lächelte. Doch bevor er etwas erwidern konnte, hatte Bernardo ein Päckchen aus der Tasche gezogen und hielt es ihm hin.
»Hier«, sagte er. »Das gehört dir. Bitte, nimm es an dich.«
Phil nahm das Päckchen in die Hand: Ein verschnürtes Bündel, kaum größer als eine mehrfach gefaltete Zeitung.
»Wann fährst du nach Hause?« fragte Bernardo, offenbar bemüht, das Thema zu wechseln.
Phil zögerte einen Augenblick, dann steckte er das Bündel ein. »Morgen«, antwortete er. »Morgen nacht.«
Sie umarmten sich kurz. Phil schaute Bernardo hinterher, bis er den Marktplatz überquert hatte und in einer der Seitengassen verschwunden war. Der Dampfer lag bereits am Ufer. Aber Phil war nicht imstande, sich zu bewegen. Er befühlte das Päckchen in seiner Hand. Er atmete tief durch, ging ein paar Schritte die Promenade hinauf und setzte sich dann auf eine der Steinbänke, welche in die Hafenmauer eingelassen waren. Nein, er konnte jetzt nicht zurückfahren. Er würde hier übernachten. Er wusste, dass er diese Briefe lesen würde. Aber keinesfalls an jenem verwünschten Ort, an dem sich das alles abgespielt hatte.
Er erhob sich wieder, ließ seinen Blick die Promenade hin.abwandern und entdeckte, was er suchte: ein kleines Hotel, das durch einen üppigen Garten vom See getrennt war. Er über.querte rasch den Marktplatz und betrat die Lobby. Er nahm ein Zimmer im obersten Stock mit Blick auf den See. Er trat auf den Balkon hinaus, nahm auf einem der beiden Korbstühle Platz und öffnete das Päckchen. Hatte Bernardo nicht gesagt, es seien Briefe? Offenbar hatte er den Inhalt des Päckchens noch nie gesehen. Phil betrachtete das Moleskine-Notizbuch, aus dem einige gefaltete Bögen Crown-Mill-Papier herausragten. Er zog die Bögen hervor und faltete den ersten auseinander. P&O Liners, London, stand in bordeaux rotem Tiefdruck auf dem Briefkopf der engbeschriebenen Blätter.
Sie hatte das alles während der Rückreise geschrieben, im Februar 1903, auf dem Weg nach Triest? Er faltete jetzt Bogen für Bogen auf und musterte die Handschrift, ohne sich zunächst um den Sinn der Worte zu kümmern. Das würde er nachher tun. Er würde ohnehin alles lesen, was sie geschrieben hatte. Eine unbestimmte Scheu hielt ihn noch zurück. Wie eng sie die Buchstaben setzte! Die gedrängt stehenden, schrägen Zeichen zeugten von Eile und Entschlossenheit. Er schichtete die Bögen übereinander. Sie waren numeriert, aber nicht datiert. Doch der Name des Schiffes, der im Briefkopf mitabgedruckt war, kam für ihn einem Datum gleich. Die Route hatte ja festgestanden. Jetzt wusste er zwar, dass sie noch bis Ascona gekommen war. Aber danach? Was war wohl danach aus ihr geworden?
Der letzte Bogen des P&O-Briefpapiers war nur halb beschrieben, der untere Teil der Seite abgerissen. Der abgerissene Teil fand sich im Notizbuch, zwischen dem Deckel und dem Deckblatt. Ein Name stand darauf. Mahendra! Sein Mund wurde trocken. Der Name starrte ihn an. Mahendra! Nur diese halbe Seite war also für ihn bestimmt, die Nachricht darauf direkt an ihn gerichtet.
Er las nur den ersten Absatz. Weiter kam er nicht. In der Ferne hörte er das Signal des auslaufenden Dampfers. Die Sonne war untergegangen, und ein kühler Wind kam auf. Er fröstelte, aber er konnte den Blick nicht von dem Stück Papier nehmen, das vor ihm auf dem ovalen Steintisch lag. Er öffnete das Notizbuch und blätterte darin. Alle Seiten waren vollständig beschrieben. Die P&O-Bögen enthielten vermutlich den Schluss der Aufzeichnungen, da das Notizbuch nicht ausgereicht hatte.
Auf dem letzten Blatt sprang ihm ein Vers in die Augen. Und als er ihn las, hörte er ihre Stimme:
Es ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben
wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt, lastet grabesschwer.
Komm, wir wollen uns näher verbergen …
Das Leben liegt in allen Herzen wie in Särgen.
Du, wir wollen uns tief küssen …
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt
an der wir sterben müssen …
Phil legte die Bögen und das Notizbuch wieder hin und nahm erneut den kurzen Brief zur Hand. Immer wieder überflog er den ersten Absatz. Dann blieb sein Blick an einem Wort hängen. Er las es, wiederholte es leise und spürte dem Schauer hinterher, den es in ihm auslöste. Die uralte Kraft war ungebrochen. Er wollte sich dagegen wehren, doch er sah sogleich ein, dass es sinnlos war. Vipàssana, flüsterte er und versuchte, die Gefühle und Gedanken zu verstehen, die das Wort in ihm auslösten.
Innerhalb von wenigen Tagen war dies jetzt schon das zweite Gespenst, dem er begegnete. Erst Bernardo und jetzt das. Aber warum auch nicht? Was, außer Gespenster, sollte man in Europa erwarten? Nach solch einem Krieg. Er tastete seine Jacke nach Zigaretten ab, fand die Schachtel jedoch leer. Ohne Hast sammelte er die Papiere vor sich zusammen, erhob sich, ging ins Zimmer und legte sie auf dem Bett ab. Es würde eine lange Nacht werden. Oder begann hier das Ende einer langen Nacht? Er griff nach seinem Mantel und verließ das Zimmer, das rätselhafte Wort wie ein Gebet in seinem Kopf.
Vipàssana. Vipàssana.

Wolfram Fleischhauer

Über Wolfram Fleischhauer

Biografie

Wolfram Fleischhauer, geboren 1961 in Karlsruhe, studierte Literatur in Deutschland, Frankreich, Spanien und an der University of California Irvine. Für seine Tätigkeit als Konferenzdolmetscher pendelt er zwischen Brüssel und Berlin. Wolfram Fleischhauer gehört zu den wenigen deutschen Autoren, die...

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