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Schräge Typen

Stories

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Schräge Typen — Inhalt

Ob ein Junge wie Forrest Gump oder ein einsamer Schiffbrüchiger – der Schauspieler Tom Hanks interessiert sich für besondere Menschen und verkörpert sie auf mitreißende Weise. Eigensinnige, fantasievolle Typen begegnen uns auch in ersten literarischen Storys von Tom Hanks: Einer von ihnen ist Steve Wong, den die Natur mit dem feinsten Ballgefühl der Welt ausgestattet hat, der keinesfalls aber über eine Bowlingkarriere nachdenken will. Oder die vier Freunde, die sich eine gebrauchte Raumkapsel besorgen, um mit ihr einmal den Mond zu umrunden. Hobbyastronauten, Heimwerker, Schauspielanfänger und andere Figuren bevölkern Tom Hanks' erstes Buch. Sein genauer Blick und seine große Gabe zu erzählen machen die Lektüre zu einem ebensolchen Vergnügen wie seine Filme.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 01.02.2018
Übersetzt von: Werner Löcher-Lawrence
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05717-2
€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erscheint am 01.02.2019
Übersetzt von: Werner Löcher-Lawrence
352 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31414-5
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 01.02.2018
Übersetzt von: Werner Löcher-Lawrence
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97771-5

Leseprobe zu »Schräge Typen«

Drei erschöpfende Wochen

1. Tag

Anna sagte, es gebe nur eine Möglichkeit, ein bedeutungsvolles Geschenk für MDash zu finden: das Antikkaufhaus im alten Lux Theater, das weniger ein Ort für alte Kostbarkeiten als eine Tauschbörse für Ausrangiertes ist. Wie viele Stunden habe ich in dem ehemals großartigen Kino gesessen und Filme angesehen, bevor Netflix, HBO und 107 andere Auswüchse der Unterhaltungsindustrie das Lux bankrottgehen ließen. Jetzt reiht sich hier Verkaufsstand an Verkaufsstand mit sogenannten Antiquitäten. Anna und ich klapperten sie alle [...]

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Drei erschöpfende Wochen

1. Tag

Anna sagte, es gebe nur eine Möglichkeit, ein bedeutungsvolles Geschenk für MDash zu finden: das Antikkaufhaus im alten Lux Theater, das weniger ein Ort für alte Kostbarkeiten als eine Tauschbörse für Ausrangiertes ist. Wie viele Stunden habe ich in dem ehemals großartigen Kino gesessen und Filme angesehen, bevor Netflix, HBO und 107 andere Auswüchse der Unterhaltungsindustrie das Lux bankrottgehen ließen. Jetzt reiht sich hier Verkaufsstand an Verkaufsstand mit sogenannten Antiquitäten. Anna und ich klapperten sie alle ab.

MDash sollte eingebürgert, ein regulärer Staatsbürger der Vereinigten Staaten werden, was für uns eine ebenso große Sache war wie für ihn. Steve Wongs Großeltern waren in den 1940ern zu Amerikanern geworden, mein Dad in den 1970ern den kommunistischen Schmalspurgangstern Osteuropas entkommen, während Annas Vorfahren bereits ewig früher über den Nordatlantik gepaddelt waren, um zu erbeuten, was es in der Neuen Welt zu erbeuten gab. In Annas Familie wird erzählt, dass sie Martha’s Vineyard entdeckten.

Mohammed Dayax-Abdo sollte so amerikanisch werden wie durchwachsener Speck, und deshalb wollten wir ihm etwas Altes schenken, ein patriotisches Objet, das für die Tradition und den Humor seines neuen Landes stand. Ich hielt den Radio-Flyer-Bollerwagen gleich am zweiten Stand für perfekt. »Wenn er mal amerikanische Kinder hat, kann er denen das Ding schenken«, sagte ich.

Aber Anna wollte nicht gleich das erste alte Stück kaufen, das wir sahen. Also suchten wir weiter. Ich erstand eine amerikanische Flagge aus den 1940ern mit achtundvierzig Sternen. Die Flagge würde MDash daran erinnern, dass sein neues Land nie aufhört, sich weiterzuentwickeln, und gute Bürger einen Platz auf seiner fruchtbaren Erde finden, genau wie sich weitere Sterne in das blaue Feld über den rot-weißen Streifen einfügen. Anna stimmte zu, suchte aber weiter. Sie wollte ein noch viel besondereres Geschenk, etwas Einzigartiges, nicht weniger als ein absolutes Unikat. Nach drei Stunden entschied sie, dass der Bollerwagen tatsächlich eine gute Idee war.

Als wir in meinem alten VW-Bus vom Parkplatz auf die Straße bogen, fielen die ersten Regentropfen. Wir mussten langsam fahren, da meine Wischblätter so alt waren, dass sie das Wasser in breiten Streifen über die Windschutzscheibe schmierten. Es goss bis in den Abend hinein, und so blieb Anna bei mir, statt nach Hause zu fahren, hörte die alten Mixtapes meiner Mutter (die ich von Kassetten auf CDs überspielt hatte) und wusste sich kaum einzukriegen über ihren wilden Geschmack, über die Pretenders, die O’Jays und Taj Mahal.

Als Iggy Pops Real Wild Child kam, fragte sie: »Hast du nichts aus den letzten zwanzig Jahren?«

Ich machte Burritos mit Pulled Pork. Sie trank Wein, ich Bier. Sie feuerte meinen Franklin-Ofen an und sagte, sie fühle sich wie eine Siedlerin in der Prärie. Wir saßen auf meinem Sofa, die Nacht brach herein, und das einzige Licht kam vom Feuer und von den Tonpegelanzeigen der Musikanlage, die vom grünen in den orangefarbenen und gelegentlich in den roten Bereich hochzuckten. Fernes Wetterleuchten flammte am Himmel auf.

»Weißt du was?«, sagte sie. »Es ist Sonntag.«

»Ich weiß«, sagte ich. »Ich lebe ganz im Hier und Jetzt.«

»Das bewundere ich an dir. Klug. Einfühlsam. Locker wie ein Faultier.«

»So werden aus Komplimenten Beleidigungen.«

»Mach aus dem faul ein wohlig«, sagte sie und nippte an ihrem Wein. »Was ich sagen will, ist: Ich mag dich.«

»Ich dich auch.« Ich fragte mich, wohin diese Unterhaltung führen sollte. »Flirtest du mit mir?«

»Nein«, sagte Anna. »Ich baggere dich an. Das ist was völlig anderes. Flirten ist wie Fischen. Vielleicht schleppst du jemanden ab, vielleicht auch nicht. Anbaggern ist der erste Schritt zum Deal.«

Zu sagen ist, dass Anna und ich uns seit der Highschool kennen. (Der St. Anthony Country Day! Los doch, Kreuzfahrer!) Wir hatten nie was miteinander, gehörten aber zur selben Clique und mochten uns. Nach ein paar Jahren College und noch einigen, während deren ich mich um meine Mom kümmerte, machte ich meine Maklerlizenz und tat so, als verdiente ich mein Geld mit Immobilien. Eines Tages dann kam Anna in mein Büro marschiert, weil sie Räume für ihr Grafikdesignbüro suchte. Ich war der einzige Makler, dem sie vertraute, war ich doch mal mit einer ihrer Freundinnen zusammen gewesen und hatte mich bei der Trennung nicht als Arschloch erwiesen.

Anna war immer noch sehr hübsch. Sie hatte nie den schlanken, straffen Körper der Triathletin verloren, die sie tatsächlich einmal gewesen war. Einen ganzen Tag lang zeigte ich ihr verfügbare Räumlichkeiten, die sie alle nicht wollte, ohne dass ich wirklich kapiert hätte, warum. Es war offensichtlich, dass sie immer noch so getrieben, so fokussiert und angespannt war wie an der St. Anthony Country Day. Sie beschäftigte sich zu intensiv auch noch mit dem kleinsten Detail, drehte jeden einzelnen Stein um, inspizierte, notierte und wollte alles ausgetauscht sehen, was ihrer Ansicht nach ausgetauscht werden sollte. Anna, die Erwachsene, war anstrengend, war nicht mehr mein Typ, als es Anna, der Teenager, gewesen war.

Komisch, dass wir dennoch so gute Freunde wurden, weit bessere, als wir es je gewesen waren. Ich gehöre zu diesen lahmärschigen Einzelgängern, die einen Tag komplett verbummeln können, ohne das Gefühl zu haben, auch nur eine Sekunde zu verschwenden. Tatsächlich ließ ich, nachdem ich das Haus meiner Mutter verkauft und den Ertrag investiert hatte, mein vorgebliches Büro hinter mir und richtete mich im Besten Vorstellbaren Leben ein. Gib mir ein paar Wäscheladungen zu waschen und ein Hockeyspiel im NHL-Channel, und mein Nachmittag ist gesichert. In der Zeit, die ich mit Weiß- und Buntwäsche verplempere, vertäfelt Anna ihren Speicher mit Gipsplatten, bereitet ihre Steuererklärung vor, macht frische Pasta und gründet eine Kleidertauschbörse im Internet. Von Mitternacht bis zum Morgengrauen schläft sie, schreckt hoch, schläft und schreckt hoch und hat doch die Energie, den ganzen Tag Vollgas zu geben. Ich schlafe wie ein Toter, so lange es geht, und lege nachmittags um halb drei zusätzlich noch ein Nickerchen ein.

»Ich küsse dich jetzt.« Anna tat, was sie gesagt hatte.

Wir hatten uns noch nie geküsst, sieht man von den flüchtig hingehauchten Küsschen ab, die mit kurzen Umarmungen einhergehen. Plötzlich ließ Anna eine völlig neue Version ihrer selbst erkennen, und ich verkrampfte mich verblüfft.

»He, entspann dich«, flüsterte sie. Ihre Arme lagen um meinen Hals. Sie roch verdammt gut und schmeckte nach Wein. »Es ist Sabbat. Der Tag des Ausruhens. Das hier artet nicht in Arbeit aus.«

Wir küssten uns wieder, und ich wurde zum gefassten, engagierten Teilnehmer. Meine Arme legten sich um sie und zogen sie fest an mich. Wir drückten uns aneinander und wurden lockerer, fanden unsere Hälse und den Weg zurück zu unseren Lippen. So hatte ich fast ein Jahr lang keine Frau mehr geküsst, nicht seit Die Üble Freundin Mona mich nicht nur abserviert, sondern auch noch das Geld aus meiner Brieftasche hatte mitgehen lassen. (Mona hatte ihre Probleme, aber küssen? Da war sie fabelhaft gewesen.)

»Bestens, Baby«, seufzte Anna.

»Was für ein friedvoller Sabbat«, seufzte ich zurück. »Das hätten wir vor Jahren schon tun sollen.«

»Ich denke, ein bisschen Zeit mit Haut auf Haut täte uns gut«, flüsterte Anna. »Zieh dich aus.«

Das tat ich. Als sie es mir nachmachte, war ich erledigt.

 

2. Tag

Mein Frühstück am Montagmorgen bestand aus Buchweizenpfannkuchen, Chorizos, einer großen Schüssel Beeren und Filterkaffee. Anna fand eine Schachtel Kräutertee hinten in meiner Vorratskammer und aß ein winziges Schüsselchen Nüsse, die sie mit meinem Wiegemesser zerkleinerte. Um ihr nahrhaftes Frühstück abzurunden, zählte sie zusätzlich acht Blaubeeren ab. Ich sollte nicht erzählen, dass wir beim Frühstücken nichts anhatten, weil es uns wie Nudisten erscheinen lässt, Tatsache ist jedoch, dass wir ohne alle Hemmungen aus dem Bett gefallen waren.

Während sie sich anzog, um zur Arbeit zu gehen, erklärte sie mir, dass wir einen Tauchkurs belegen würden.

»Tun wir das?«, fragte ich.

»Jepp. Wir erwerben eine Lizenz«, sagte sie. »Und du musst dir ein paar Sportsachen kaufen. Laufschuhe und so weiter. Geh zum Footlocker in der Arden Mall, und komm gleich danach zum Mittagessen zu mir ins Büro. Bring den Bollerwagen und die Fahne für MDash mit. Dann packen wir beides ein.«

»Okay«, sagte ich.

»Ich koche heute Abend für uns. Bei mir. Anschließend sehen wir uns eine Dokumentation an, und dann tun wir in meinem Bett, womit wir die letzte Nacht in deinem verbracht haben.«

»Okay«, wiederholte ich.

 

3. Tag

Am Ende ging Anna mit mir in den Footlocker, sorgte dafür, dass ich fünf verschiedene Paar Schuhe anprobierte (am Ende einigten wir uns auf Cross Trainer) sowie vier Laufhosen und Laufhemden (Nike). Anschließend kauften wir Essen und Getränke für die Party, die Anna für MDash geben wollte. Sie sagte, mein Haus sei der einzig geeignete Ort für so eine Sause.

Gegen Mittag war MDash einer der tausendsechshundert zukünftigen Amerikaner auf dem Feld der Sports Arena, die Amerika mit gehobener Rechter die Treue schworen und wahren, schützen und verteidigen würden, was jetzt genauso sehr ihre Verfassung wie die des Präsidenten der Vereinigten Staaten war. Steve Wong, Anna und ich saßen auf der Tribüne und beobachteten MDashs Einbürgerung inmitten dieses Meers aus Menschen aller erdenklicher Hautfarben. Es war ein herrlicher Anblick, der uns alle schrecklich sentimental machte, besonders Anna. Sie weinte und drückte ihr Gesicht an meine Brust.

»Es ist … so … wunderschön«, schluchzte sie immer wieder. »Gott, wie ich … dieses Land … liebe.«

MDashs Kollegen aus dem Home Depot, die freibekommen hatten, brachten eine Menge billige, mit Mitarbeiterrabatt gekaufte amerikanische Flaggen zum Fest bei mir mit. Steve Wong baute eine Karaoke-Anlage auf, und MDash musste Songs mit »America« im Text singen. American Woman. American Girl. In Spirit of America von den Beach Boys geht es eigentlich um ein Auto, aber wir ließen ihn das Lied dennoch singen. Den Radioflyer benutzten wir als riesigen Eiskübel, und sechs von uns stellten die 48-Sterne-Flagge auf, wie die Marines auf Iwojima, mit MDash in vorderster Front.

Die Party ging ewig, bis nur noch wir vier da waren, den Mond aufgehen sahen und die amerikanische Fahne flattern und gegen ihre Stange schlagen hörten. Ich holte noch ein Bier aus dem Eiswasser des Bollerwagens und öffnete es, aber Anna nahm es mir aus der Hand.

»Easy, Baby«, sagte sie. »Du solltest im Vollbesitz deiner Kräfte sein, sobald die beiden Herren da nach Hause gegangen sind.«

Eine Stunde später machten sich Steve Wong und MDash davon, der frischgebackene amerikanische Staatsbürger sang A Horse With No Name (von der Band America). Kaum dass Steves Wagen aus der Auffahrt war, nahm Anna mich bei der Hand und führte mich hinten in den Garten. Sie breitete ein paar Kissen auf dem weichen Gras aus, wir legten uns darauf, küssten uns und, nun, Sie wissen schon, stellten meine Kräfte auf den Prüfstand.

 

4. Tag

Anna geht laufen, wann immer sie ein paar Kilometer in vierzig Minuten quetschen kann, was sie auch mir zur Gewohnheit machen wollte. Sie nahm mich auf eine ihrer Strecken mit, einen Pfad hinauf um den Vista Point und zurück. Sie wollte vorauslaufen und auf dem Rückweg wieder mit mir zusammentreffen, da sie wusste, dass ich nie mit ihr mithalten könnte.

Mein eigenes Trainingsprogramm ist eine rein optionale Angelegenheit. Gelegentlich fahre ich mit meinem alten Dreigangrad zu Starbucks oder spiele ein paar Runden Frisbee-Golf (früher mal in der Liga). An diesem Morgen nun schnaufte ich den unbefestigten Weg hinauf, Anna war schon so weit voraus, dass ich sie aus den Augen verloren hatte. Die neuen Cross Trainer drückten (Notiz an mich selbst: bitte eine halbe Nummer größer), das Blut wallte mit ungewohnter Wucht durch meinen Körper, Schultern und Nacken verspannten sich, und in meinem Kopf pochte es. Als Anna vom Vista Point zurückkam, klatschte sie in die Hände.

»Bestens, Baby!«, rief sie im Vorbeilaufen. »Ein guter erster Versuch!«

Ich drehte um und folgte ihr. »Meine Waden brennen!«

»Die rebellieren noch«, rief sie über die Schulter zu mir hin. »Aber die geben bald schon nach.«

Während ich duschte, reorganisierte Anna meine Küche. Ihrer Meinung nach standen meine Töpfe samt Deckeln in den falschen Schränken, und warum war meine Besteckschublade so weit von der Spülmaschine entfernt? Ich hatte keine Antwort darauf. »Beeilen wir uns. Wir dürfen nicht zu spät zu unserer ersten Tauchstunde kommen.«

Die Tauchschule roch nach nassen Neoprenanzügen und Chlorwasser. Wir füllten Formulare aus, bekamen Lehrbücher zum Durcharbeiten, einen Zeitplan für den Theorieunterricht und mögliche Termine für unsere Prüfung im offenen Wasser. Anna deutete auf einen Sonntag in vier Wochen und reservierte uns Plätze auf einem Boot.

Zu Mittag gingen wir ins Viva Verde Salad Café und bestellten einen Salat mit Beilagensalat, danach wollte ich nach Hause, um ein Schläfchen zu halten. Aber Anna sagte, sie brauche Hilfe dabei, ein paar Dinge in ihrem Haus umzuräumen, sie habe es schon viel zu lange hinausgeschoben. Das konnte man so nicht sagen, es stimmte schlicht nicht. In Wahrheit wollte sie, dass ich ihr beim Tapezieren ihrer Diele und ihres Arbeitszimmers half, was bedeutete, dass ich Computer, Drucker, Scanner und Grafikausrüstung wegräumen und den ganzen Nachmittag ihren Anweisungen folgen durfte.

An diesem Abend schaffte ich es nicht mehr nach Hause. Wir aßen bei ihr, Gemüselasagne mit Gemüsebeilage, und sahen uns auf Netflix einen Film über kluge Frauen mit idiotischen Freunden an.

»Sieh doch, Baby«, sagte Anna. »Das sind wir.« Dann gackerte sie und fasste mir in die Hose, ohne mich vorher zu küssen. Entweder war ich der glücklichste Mann der Welt, oder ich gab hier den Trottel. Als sie mich in ihre Hose fassen ließ, war ich immer noch nicht sicher, was denn nun zutraf.

 

5. Tag

Anna musste ins Büro. Sie beschäftigt vier Frauen, alle sachlich und kühl, dazu eine Praktikantin, eine als gefährdet geltende Highschoolschülerin. Im letzten Jahr hatte sie einen Auftrag mit einem Fachbuchverlag an Land gezogen, sichere Arbeit, aber langweilig, als müsste man vom Tapezieren leben. Ich sagte, ich wolle nach Hause.

»Warum?«, fragte sie. »Du hast heute nichts zu tun.«

»Ich will laufen gehen«, sagte ich aus einem Impuls heraus.

»Bestens, Baby«, sagte sie.

Ich fuhr nach Hause, zog meine Cross Trainer an und joggte durch unser Viertel. Mr Moore, ein pensionierter Polizist, dessen Garten hinten an meinen angrenzt, sah mich und rief: »Was zum Teufel ist denn in Sie gefahren?«

»Eine Frau«, rief ich zurück, und das stimmte nicht nur, sondern es fühlte sich auch gut an, es auszusprechen. Wenn ein Mann an eine Frau denkt und sich darauf freut, ihr zu sagen, dass er vierzig Minuten gerannt ist, also, Junge, dann hat er eine Freundin.

Ja. Ich hatte eine Freundin, und eine Freundin verändert einen Mann von den Schuhen, in denen er Sport treibt, bis hin zur Art, wie er die Haare trägt (das kam am nächsten Tag, mit Anna bei meinem Friseur). Da waren aber auch ein paar Änderungen fällig. Vom Adrenalin der Romantik irregeleitet, joggte ich länger, als mein Körper es vertrug.

Anna rief in dem Moment an, als ich es aufgab, mein Schläfchen halten zu wollen. Meine Waden schmerzten, sie waren hart wie Bierdosen. Anna sagte, ich solle zu ihrem Akupunkteur gehen. Sie werde ihn anrufen und eine Sofortbehandlung vereinbaren.

Die East Valley Wellness Oasis ist ein Mini-Mall-, Praxen- und Bürogebäude mit Tiefgarage. Da mit meinem VW-Bus ohne Servolenkung von Ebene zu Ebene zu kreisen war durchaus anstrengend, den richtigen der vielen Aufzüge aufzuspüren ebenfalls nicht leicht, und als ich schließlich den Eingang zu 606-W gefunden hatte, musste ich erst einmal einen fünfseitigen Wellnessfragebogen ausfüllen. Dabei saß ich neben einem Zimmerbrunnen, dessen Pumpe lauter war als das Platschen des Wassers.

Sind Sie mit der Praxis der Visualisierung einverstanden? Klar, warum nicht? Sind Sie offen für eine geführte Meditation? Ich sehe nicht, wie das schaden könnte. Erklären Sie die Gründe, aus denen Sie Hilfe suchen. Bitte seien Sie genau. Meine Freundin hat gesagt, ich soll meine armen müden, verkrampften Beinmuskeln hertragen, die sich nach Lockerung sehnen.

Ich gab meine Antworten ab und wartete. Am Ende rief ein Mann in einem weißen Laborkittel meinen Namen und brachte mich in einen Behandlungsraum. Während ich mich bis auf die Unterhose auszog, überflog er meinen Fragebogen.

»Anna meint, Ihre Beine machen Ihnen Schwierigkeiten?«, sagte er. Anna kam seit drei Jahren hierher.

»Ja«, sagte ich. »Meine Waden und noch ein paar andere Muskeln, die rebellieren.«

»Demnach zu urteilen«, sagte er und klopfte auf seine Unterlagen, »ist Anna ihre Freundin.«

»Eine neue Entwicklung«, erklärte ich ihm.

»Na, dann viel Glück. Legen Sie sich auf den Bauch.« Als er die Nadeln in mich steckte, kribbelte mein ganzer Körper, und die Waden zuckten unkontrollierbar. Bevor er den Raum verließ, drückte er die Play-Taste eines alten Gettoblasters für meine geführte Meditation. Ich hörte eine Frauenstimme, die mir sagte, ich solle an nichts mehr denken, nur noch an einen Fluss. Das machte ich etwa eine halbe Stunde lang und hoffte darauf einzuschlafen, konnte es aber nicht, weil die Nadeln in mir steckten.

Anna wartete bei mir zu Hause. Sie hatte uns etwas gekocht, aus Blattgemüse, mit Körnern und schmutzfarbenem Reis. Hinterher massierte sie mir die Beine so fest, dass ich aufheulte, und erklärte mir, seit dem College nicht mehr mit jemandem fünf Nächte hintereinander im Bett gewesen zu sein, aber sie wolle den Versuch wagen.

 

6. Tag

Sie hatte den Wecker ihres Telefons auf 5:45 Uhr gestellt, weil sie eine Menge zu tun hatte. Mich weckte sie ebenfalls, erlaubte mir eine Tasse Kaffee und sagte, ich solle meine Laufsachen anziehen.

»Meine Waden tun immer noch weh«, sagte ich.

»Nur weil du dir sagst, dass sie noch wehtun.«

»Ich will heute Morgen nicht laufen«, beschwerte ich mich.

»Da hast du Pech, Baby.« Sie warf die Laufhose in meine Richtung.

Der Morgen war kalt und neblig. »Perfekt für einen Straßenlauf«, meinte sie und zwang mich, in meiner Einfahrt ihre zwölfminütigen Dehnübungen mitzumachen. Den Timer ihres Telefons stellte sie so ein, dass es alle dreißig Sekunden klingelte. Es gab vierundzwanzig Positionen, die ich zu halten hatte, mit jeder wurde eine Sehne oder ein Muskel in mir gedehnt, jedes Mal schmerzte es aufs Neue, ich fluchte, und mir wurde schwindelig.

»Bestens, Baby«, sagte sie und erklärte mir die Strecke, die wir durch mein Viertel laufen würden, sie dreimal, ich zweimal. Mr Moore holte gerade seine Morgenzeitung herein, als ich vorbeikam.

»War das die Frau? Die vor einer Minute hier vorbeigerauscht ist?«, rief er. Ich keuchte und konnte nur nicken. »Was zum Teufel sieht die in Ihnen?«

Ein paar Minuten später überrundete mich Anna und gab mir einen Schlag auf den Hintern. »Bestens, Baby!«

Ich war wieder zu Hause unter der Dusche, und sie kam dazu. Wir küssten uns ausgiebig und berührten uns an unseren wunderbaren Stellen. Sie zeigte mir, wie ich ihren Rücken schrubben sollte, und sagte, ich solle mittags zu ihr ins Büro kommen, um für den Tauchkurs zu lernen. Ich war noch nicht über die ersten Seiten des Buches hinausgekommen, sie hatte ihres schon halb durchgearbeitet. Wann sie die Zeit dafür gefunden hatte, übersteigt mein Vorstellungsvermögen.

Den Nachmittag verbrachte ich in ihrem Büro, beantwortete Multiple-Choice-Fragen zur Tauchausrüstung und ihrer Verwendung, sah durch verschiedene Immobilienlisten (ich stümpere immer noch ein bisschen herum) und versuchte, die ernst über ihre Grafikarbeiten gebeugten Frauen zum Lachen zu bringen. Keine Chance. Währenddessen hielt Anna eine ewig lange Telefonkonferenz mit einem Kunden in Fort Worth, Texas, entwarf neue Titelseiten für eine Sachbuchreihe, las drei Projekte Korrektur, half ihrer gefährdeten Praktikantin bei ihren Geometrieaufgaben, räumte einen Materialschrank auf und beendete auch die zweite Hälfte unserer Tauchkursaufgaben. Unser erster Theorieunterricht stand noch aus.

Aber das machte nichts. Wir waren die einzigen Kursteilnehmer. Wir sahen uns ein paar Videos über die herrliche Unterwasserwelt an und gingen in den Pool. Im flachen Wasser stehend, erklärte uns Vin, unser Lehrer, jedes einzelne Teil unseres Drucklufttauchgeräts. Das nahm einige Zeit in Anspruch, nicht zuletzt, weil Anna mindestens je fünf Fragen zu den verschiedenen Teilen hatte. Am Ende ließ Vin uns unsere Mundstücke (mit den Atemreglern) in den Mund nehmen, auf die Knie und mit den Köpfen unter Wasser gehen, die metallisch schmeckende Druckluft einatmen und Blasen ausstoßen. Der Unterricht endete mit einem Wasserfitnesstest, für den wir zehn Längen zu schwimmen hatten. Ich schwamm gemächlich Brust und kam als Zweiter ins Ziel, lange nach der Ersten.

Hinterher fuhren wir zur East Village Market Mall und trafen Steve Wong und MDash auf einen Milkshake im Ye Olde Sweet Shoppe. Anna nahm eine kleine Schüssel zucker- und milchfreien, mit echtem Zimt bestäubten Joghurt. Während wir dort beieinandersaßen und unsere Leckereien genossen, legte Anna ihre Hand in meine, eine Geste der Zuneigung, die nicht unbemerkt blieb.

Abends in ihrem Bett scrollte sich Anna ein letztes Mal durch ihr iPad, als ich eine Textnachricht von Steve Wong bekam.

 

SWong: bumst du A???

 

Ich tippte meine Antwort.

 

Moonwalker7: was geht dich das an?

SWong: ja/nein?

Moonwalker7: Seite_16_01.eps

SWong: bist du irre???

Moonwalker7: Seite_16_02.eps

 

MDash gesellte sich zu uns.

 

FACEOFAMERICA: Seite_16_03.eps

Moonwalker7: wurde verführt

FACEOFAMERICA: »wenn köche vögeln brennt gulasch an«

Moonwalker7: wer sagt das? der dorfschamane?

FACEOFAMERICA: »wenn trainer vögelt verliert mannschaft« vince lombardi

 

Und so ging es weiter. Steve Wong und MDash sahen nichts Gutes in der Verbindung von Anna und mir. Da hatten sie Pech! An diesem Abend trieben Anna und ich es wie die Brezelbäcker in Green Bay, Wisconsin, süchtig nach Lust.

 

7. Tag

»Sollten wir mal über unsere Beziehung sprechen?«

Die Frage kam von mir. Ich stand in Annas kleiner Küchenecke, nach dem Duschen nur in ein Badetuch gehüllt, und drückte den Filter ihrer Schweizer Cafetiere herunter, um mir mein gewohntes Morgenelixier zu bereiten. Sie war schon seit einer Stunde auf und in ihren Laufsachen. Zum Glück lagen meine Cross Trainer bei mir zu Hause. Heute also kein Marathontraining für mich.

»Willst du über unsere Beziehung sprechen?«, fragte sie und fegte ein paar Kaffeemehlkrümel zusammen, die auf ihrer klinisch reinen Arbeitsfläche gelandet waren.

»Sind Wir ein Thema?«, fragte ich.

»Was denkst du?«, fragte sie zurück.

»Siehst du mich als deinen Freund?«

»Siehst du mich als deine Freundin?«

»Wird hier einer von uns was Definitives sagen?«

»Woher soll ich das wissen?«

Ich setzte mich und nahm einen Schluck Kaffee, der zu stark geraten war. »Kann ich etwas Milch haben?«, fragte ich.

»Glaubst du, dieses Zeugs ist gut für dich?« Sie gab mir eine kleine Flasche mit nicht pasteurisierter Mandelmilch, die in ein paar Tagen aufgebraucht werden muss und als Milch verkauft wird, tatsächlich aber aus verflüssigten Nüssen besteht.

»Könntest du vielleicht richtige Milch kaufen? Für meinen Kaffee?«

»Warum bist du so anspruchsvoll?«

»Ist der Wunsch nach Milch anspruchsvoll?«

Sie lächelte und nahm mein Gesicht in die Hände. »Bist du der richtige Mann für mich?«

Anna küsste mich. Ich wollte etwas Definitives sagen, aber sie setzte sich auf meinen Schoß und öffnete das Badetuch. Sie ging nicht laufen.

 

8. bis 14. Tag

Mit Anna zusammen zu sein war, als trainierte ich für meine Aufnahme bei den Navy Seals und arbeitete gleichzeitig während der Tornadosaison im Amazon-Logistikzentrum von Oklahoma. Jede einzelne Minute des Tages war verplant. Meine 14:30-Uhr-Schläfchen gehörten der Vergangenheit an.

Ich trainierte regelmäßig, joggte morgens, schwamm im Tauchkurs, dehnte mich yogamäßig (am Ende fast eine halbe Stunde lang) und ging mit Anna zum Hot-Room-Spinning, was so anstrengend war, dass ich mich übergeben musste. Was wir alles erledigten, war der Irrsinn und folgte keiner Aufgabenliste oder App, die wir abarbeiteten, sondern wurde aus dem Moment geboren, ad hoc. Unablässig. Wenn sie nicht gerade arbeitete, trainierte oder mich im Bett auspumpte, ruhte Anna nicht, sondern suchte nach etwas anderem, fragte, was es hinten im Laden noch gebe, fuhr zu einer Haushaltsauflösung am anderen Ende der Stadt oder ging zu Home Depot, um Steve Wong nach einem Bandschleifgerät für mich zu fragen, da die Platte des Redwood-Picknicktisches hinten in meinem Garten abgeschliffen werden musste. Jeden Tag (den ganzen Tag!) folgte ich ihren Anweisungen – auch ihren genauen Fahrinstruktionen.

»An der nächsten links. Fahr da vorne nicht runter. Nimm die Webster Avenue. Warum fährst du hier rechts? Nicht an der Schule vorbei! Es ist fast drei, da kommen die Kinder alle raus!«

Sie organisierte ein Probeklettern für Steve Wong, MDash und mich in einem neu eröffneten Abenteuer-Superstore, wo es nicht nur eine Kletterwand, sondern auch einen Indoor-Wildbach zum Kanufahren und eine Fallschirmkammer gab, in der der behelmte Kunde auf einem von einem riesigen Propeller erzeugten Luftkissen lag und das Gefühl des freien Falls erlebte. Muss ich sagen, dass wir an dem Abend alles ausprobierten? Wir waren da, bis sie zumachten. Steve Wong und MDash fühlten sich wie echte Kerle, nachdem sie den ganzen Tag in ihren Home-Depot-Schürzen herumgelaufen waren, ich mich vor allem ausgelaugt, folgte ich doch schon zu lange Annas überladenem Terminplan. Ich brauchte unbedingt ein Schläfchen.

Zwischendurch hatten wir Zeit für einen Proteinsnack am Energy-Stand, und Anna verschwand kurz auf der Toilette.

»Wie ist es?«, wollte MDash wissen.

»Wie ist was?«, sagte ich.

»Mit dir und Anna. Im Baum sitzen, K-N-U-T-S-C-H-E-N.«

»Hältst du’s aus?«, fragte Steve Wong. »Du wirkst erschöpft.«

»Na ja, ich war gerade Fallschirmspringen.«

MDash warf seinen nur halb gegessenen Proteinriegel in den Müll. »Früher hab ich immer gedacht, der Kerl hat’s raus. Hat ein süßes kleines Haus mit einem hübschen Garten hinten und arbeitet nur für sich selbst. Er könnte sogar seine Uhr wegwerfen, weil er nie irgendwann irgendwo sein muss. Für mich warst du immer das Amerika, in dem ich mal leben wollte. Und jetzt katzbuckelst du vor einer Chefin.«

»Wie ging noch das Sprichwort, das du mir erklärt hast«, wollte Steve wissen.

»Noch was vom Dorfschamanen?«, fragte ich.

»Nein, diesmal vom Englischlehrer des Dorfes«, sagte MDash. »Um die Welt zu umrunden, braucht ein Schiff nur ein Segel, ein Ruder, einen Kompass und eine Uhr.«

»Weise Worte in einer von Land umgebenen Nation«, sagte ich. MDash ist südlich der Sahara aufgewachsen.

»Anna ist der Kompass«, erklärte mir MDash. »Du bist die Uhr, und indem du dich nach ihr ausrichtest, kommst du von der Bahn ab. Du zeigst nur noch zweimal am Tag die richtige Zeit an, und wir erfahren nie, wo wir wirklich sind.«

»Bist du sicher, dass Anna nicht das Segel ist?«, sagte ich. »Warum kann ich nicht das Ruder sein und Steve der Kompass? Ich kapier die Analogie nicht.«

»Dann lass es mich in Worte fassen, die du verstehst«, sagte Steve. »Wir sind eine ethnisch bunt besetzte Fernsehserie. Er ist der Afrikaner, ich bin der Asiate, du der hellhäutige Bastard, Anna die entschlossene Frau, die sich von keinem Mann einen Stempel aufdrücken lässt. Dich und sie zusammenzubringen ist, als wollte der Sender die Serie in Staffel sieben mit Gewalt weiter am Leben erhalten.«

Ich sah MDash an. »Verstehst du diese popkulturelle Metapher?«

»Das Wesentliche. Ich hab einen Kabelanschluss.«

»Wir vier«, erklärte Steve, »sind das perfekte Quadrat. Dass du mit Anna ins Bett steigst, bringt die Geometrie durcheinander.«

»Wie?«

»Sie sorgt dafür, dass in unseren Leben was passiert. Sieh uns an. Es ist fast Mitternacht, und wir haben an Felsen gehangen, gerudert und sind Fallschirm gesprungen. Was ich sonst nie unter der Woche tun würde. Sie ist unser Katalysator.«

»Ihr habt’s mit Segelbooten, Fernsehsendungen, Geometrie und Chemie versucht, trotzdem kapier ich nicht, warum ich nicht mit Anna zusammen sein sollte.«

»Ich sage Tränen voraus«, verkündete MDash. »Für dich, für Anna, für uns alle. Tränen, die uns nur so aus den Augen schießen.«

»Hört zu«, sagte ich und schob meinen Protein-Brownie weg, der tatsächlich wie ein Brownie schmeckte. »Zu einer der folgenden Möglichkeiten wird es zwischen mir und meiner Freundin kommen. Ja, meiner Freundin.« Ich warf einen Blick zu ihr hinüber. Anna stand weit entfernt an einer Theke mit einem großen Schild, auf dem zu lesen war: »IN ABENTEUER INVESTIEREN!«, und redete mit einem Angestellten. »Erstens: Wir heiraten, bekommen Kinder, und ihr werdet ihre Paten. Zweitens: Wir trennen uns öffentlich, tief verletzt und mit schweren gegenseitigen Vorwürfen. Dann müsst ihr Stellung beziehen, schlagt euch auf meine Seite oder bleibt gegen die bestehenden Geschlechterregeln mit ihr befreundet. Drittens: Sie lernt jemand anderen kennen, serviert mich ab, und ich werde zu einem melancholischen Loser, und sagt jetzt nicht, dass ich das schon bin. Viertens: Sie und ich, wir trennen uns gütlich und beschließen, Freunde zu bleiben, wie wir’s aus dem Fernsehen kennen. Was in jedem Fall bleibt, sind die Erinnerungen ans Klettern und Wildwasser und für mich an den tollsten Sex, den ich je hatte. Damit können wir alle leben, weil wir große, erwachsene Jungs sind. Und gebt’s zu: Wenn Anna mit euch tun wollte, was sie mit mir tut, wärt ihr beide Feuer und Flamme.«

»Und du wärst der, der Tränen voraussagt«, ergänzte Steve Wong.

In dem Moment kam Anna mit einem Grinsen auf dem Gesicht zurück und wedelte mit einem dicken, farbig glänzenden Katalog. »Hallo, Leute!«, sagte sie. »Wer kommt mit in die Antarktis?«

 

15. Tag

»Wir brauchen die richtige Ausrüstung.« Anna tauchte einen Beutel der Rainbow Tea Company in ihre Tasse heißes Wasser. Sie trug ihre Laufsachen, und ich zog gerade meine Cross Trainer an. »Lange Unterhosen. Anoraks und Jacken. Fleecepullover. Wasserdichte Stiefel. Wanderstöcke.«

»Handschuhe«, fügte ich hinzu. »Mützen.« Die Fahrt in die Antarktis war noch drei Monate, etliche Zeitzonen und Tausende Kilometer entfernt, und Anna befand sich bereits voll im Planungsmodus. »Wird da am Südpol nicht Sommer sein?«, fragte ich.

»Bis zum Pol schaffen wir es nicht. Bis zum Polarkreis vielleicht, aber nur, wenn Wetter und Meer mitspielen. Und selbst dann gibt’s immer noch jede Menge Eis und Wind.«

Wir gingen hinaus, um uns vorn auf dem Rasen fünfundvierzig Minuten lang zu dehnen, befeuchteten unsere nach unten sehenden Hunde und Kobras mit Tau, und bing!, der Timer meldete sich, und ich versuchte, meine Stirn auf die Kniescheiben zu legen. Na dann.

Anna war in der Lage, sich wie ein Kartentisch zusammenzufalten. »Du weißt doch«, sagte sie, »dass die Apollo-Astronauten in der Antarktis waren, um die Vulkane dort zu erforschen.« Anna wusste um meine Sucht nach allem, was mit bemannter Raumfahrt zu tun hatte. Was sie nicht wusste, war, wie gut ich mich tatsächlich auskannte.

»Sie haben auf Island trainiert, junge Dame. Wenn irgendwelche Astronauten in der Antarktis waren, dann lange nachdem sie sich zur Ruhe gesetzt, dem Tod in den Raumschiffen der NASA eins ausgewischt und den Gang des menschlichen Schicksals verändert hatten.« Bing. Ich versuchte meine Fersen zu umfassen und steckte meine armen Waden wieder mal in Brand.

»Wir werden Pinguine, Wale und Forschungsstationen sehen«, sagte Anna. »Und den B15k.«

»Was ist das?«

»Ein Eisberg von der Größe Manhattans, so groß, dass man seinen Weg via Satellit verfolgt. Er ist 2003 vom Ross-Schelf abgebrochen und bewegt sich gegen den Uhrzeigersinn um die Antarktis. Wenn das Wetter es zulässt, können wir einen Hubschrauber mieten und darauf landen!«

Bing. Auch die letzte Übung war geschafft. Anna lief los. Ich versuchte mitzuhalten, doch das war nicht möglich, nicht bei der Energie, die ihre Begeisterung über den B15k entfachte.

Als ich an Mr Moores Haus vorbeitrabte, setzte er sich gerade mit einer Thermostasse ins Auto. »Ihre Freundin ist hier vor ’ner Minute vorbei. Die hat übel Gas gegeben.«

Nach der Dusche und einem Frühstück mit Avocado auf getoastetem Dinkelbrot nahm Anna den bei Steve Wong gekauften Bandschleifer und machte sich daran, meinen Picknicktisch von Farbe zu befreien. Ich kam ihr mit Schmirgelpapier zu Hilfe.

»Wenn das Holz sauber ist, musst du es neu streichen. Hast du den richtigen Lack?« Hatte ich. »Bis heute Abend solltest du damit fertig sein. Dann kommst du zu mir, wir essen und rocken das Bett.« Nichts dagegen, dachte ich. »Ich muss jetzt zur Arbeit.« Bevor sie ging, deutete sie noch auf ein paar andere hölzerne Dinge, die geschliffen und neu gestrichen werden mussten: eine Bank, die Küchentür zum Garten und den alten Schuppen, in dem ich meine Rasenspielzeuge und meine Sportausrüstung aufbewahre. Damit war ich für den Rest des Tages beschäftigt.

Ich war völlig verschwitzt, verstaubt und voller Farbe, als Anna eine Nachricht schickte.

 

AnnaGraphicControl: essen in 15

 

 Ich brauchte eine halbe Stunde, musste aber vor dem Essen noch duschen. Wir aßen in ihrem Wohnzimmer – große Schüsseln mit vietnamesischer Pho – und sahen uns zwei Folgen von Unsere gefrorene Erde auf Blue Ray an. Über drei Stunden lang erfuhren wir alles über Zügelpinguine und Krabbenfresser-Robben, die es nur, ratet mal, auf was für einem Teil unseres Planeten gibt.

Ich schlief ein, bevor es zu irgendwelchem Sex kam.

 

16. Tag

Anna hatte eine frühmorgendliche Tauchstunde vereinbart, ohne es mir vorher zu sagen.

Vin ließ uns in voller Ausrüstung, mit Flaschen, Gewichten und allem, auf dem Grund im tiefen Wasser des Beckens knien, und wir mussten jedes Teil unseres Tauchgeräts abnehmen, einschließlich unserer Masken, den Atem anhalten und alles wieder anlegen. Danach sagte Vin, ich sei mit den Aufgaben aus dem Lehrbuch stark im Rückstand und müsse sehen, wie ich das aufholen wolle.

»Warum bist du damit noch nicht durch?«, wollte Anna wissen.

»Ich hatte eine Verabredung mit einem Bandschleifer.«

Auf der Fahrt nach Hause fühlte ich ein kreidiges Kratzen hinten im Hals, als bekäme ich eine Erkältung.

»Sag nicht, dass du krank wirst«, sagte Anna. »Wenn du sagst, dass du krank wirst, erlaubst du dir, krank zu werden.«

Ihr Telefon klingelte, und sie antwortete über die Freisprechanlage. Es war einer ihrer Kunden aus Fort Worth. Ein Bursche namens Ricardo machte Witze über Farbmuster und brachte Anna zum Lachen. Sie bog in meine Einfahrt und blieb im Auto sitzen, um das Gespräch zu beenden. Ich ging ins Haus.

»Wir müssen nach Fort Worth«, verkündete sie, als sie endlich in die Küche kam. Ich machte gerade eine Nudelsuppe mit Huhn aus der Tüte heiß.

»Warum?«, fragte ich.

»Ich muss Ricardo bei einer Präsentation die Hand halten. Das ist übrigens keine Suppe, das ist reines Natrium.«

»Ich erlaube mir, krank zu sein. Da hilft Suppe.«

»Der Dreck bringt dich um.«

»Muss ich mit nach Fort Worth?«

»Warum nicht? Du hast nichts vor. Wir bleiben über Nacht und besuchen die Sehenswürdigkeiten.«

»Von Fort Worth?«

»Es wird ein Abenteuer.«

»Meine Nase läuft, und ich habe das Gefühl, in meinem Kopf summt ein ganzer Bienenschwarm.«

»Das hört auf, wenn du aufhörst, darüber zu reden«, sagte sie.

Zur Antwort nieste ich, hustete und putzte mir die Nase. Anna schüttelte nur den Kopf.

 

17. Tag

Und das gab es in Fort Worth zu sehen:

Den riesigen Flughafen. Voll mit so vielen Leuten, dass man den Eindruck haben könnte, die texanische Wirtschaft sei zusammengebrochen und die Bevölkerung fliehe.

Die Gepäckausgabe. Wurde gerade umgebaut. Die Folge: Chaos und die Gefahr von Handgreiflichkeiten. Anna hatte drei Koffer aufgegeben, die ganz zuletzt die Rampe herunterkamen.

Einen Bus. Rundum voll mit riesigen Buchstaben: PONYCAR PONYCAR PONYCAR. PonyCar war eine neue Beförderungsmöglichkeit, neben Uber und den Mietwagenfirmen. Anna hatte einen Gutschein für ein Wochenende – woher, kann ich nicht sagen. Der Bus brachte uns zu einem Parkplatz voller winziger Autos, auf denen ebenfalls PonyCar stand. Ich habe keine Ahnung, wo die Dinger hergestellt werden, aber sie sind eindeutig für kleine Leute gemacht. Wir zwei und unser Gepäck mussten in einem Innenraum untergebracht werden, der eigentlich allenfalls für uns und ein Drittel unseres Gepäcks gereicht hätte.

Das DFW Sun Garden Hotel. Weniger ein Hotel als eine Ansammlung von Sparsuiten und Verkaufsautomaten, um Reisende mit limitierten Spesenkonten zu beherbergen. Als wir in unser kleines Zimmer kamen, legte ich mich gleich hin, während sich Anna geschäftsmäßig kleidete und mit Ricardo telefonierte. Sie winkte mir zum Abschied zu und war auch schon aus der Tür, ihren Firmenrollkoffer im Schlepp.

Die Erkältungswatte in meinem Kopf sorgte dafür, dass ich den Fernseher nicht in Gang bekam. Ich kannte das Menü des Kabelprogramms nicht. Der einzige Kanal, den ich herbekam, war der des Sun-Garden-Hotels, der die Herrlichkeiten und Wunder der Sun-Garden-Hotels rund um die Welt präsentierte. Neue Hotels sollten bald eröffnet werden, in Evansville, Indiana; Urbana, Illinois, und Frankfurt. Auch das Telefonsystem erschloss sich mir nicht. Ich blieb immer wieder im selben Stimmauswahlmenü hängen. Hungrig, wie ich war, schleppte ich mich in die »Lobby«, um mich an den Verkaufsautomaten mit Essbarem zu versorgen.

Die Automaten standen in einem eigenen kleinen Raum, zusammen mit einem schmalen Büfetttisch mit Äpfeln und Müslispendern. Ich bediente mich an allem. In einem der Automaten gab es Pizzastücke, in einem anderen Toilettenartikel und Erkältungsmittel. Nach vier vergeblichen Versuchen, meinen zerknitterten Zwanzig-Dollarschein hineinzufüttern, erstand ich ein paar Kapseln, ein paar Tabletten, ein paar Einzeldosen Tropfen und ein Fläschchen mit der Aufschrift Boost-Blaster!, das sich mit superhoch dosierten Antioxidantien und Enzymen rühmte und was sonst noch so Gutes in Mangold und Fisch steckt.

Zurück in meinem Zimmer, riss ich Verpackungsfolien herunter, drehte kindergesicherte Verschlüsse auf, machte mir einen Cocktail aus je zwei Einheiten von allem und spülte das Ganze mit Boost-Blaster! herunter.

 

18. Tag

Ich wachte auf und hatte keine Ahnung, wo ich war. Ich hörte jemanden duschen, sah einen Lichtspalt unter der Tür und einen Stapel Bücher auf dem Nachttisch. Die Badezimmertür flog auf, und hell leuchtender Dampf blendete meine Augen.

»Er lebt!« Eine nackte Anna trocknete sich ab. Sie war bereits laufen gewesen.

»Ach ja?« Ich fühlte mich keinen Deut besser. Wirklich gar keinen. Nur noch benommener.

»Hast du all dieses Zeugs genommen?« Sie zeigte auf den kleinen Schreibtisch, der mit den Überbleibseln meiner Selbstmedikation übersät war.

»Ich bin immer noch krank«, sagte ich schwach.

»Das zu sagen sorgt dafür, dass du immer noch krank bist.«

»Ich fühle mich so mies, dass deine Logik sogar vernünftig klingt.«

»Du hast was verpasst, Baby. Wir waren gestern Abend noch bei einem Biomexikaner. Ricardo hatte Geburtstag. Etwa vierzig Leute waren da, und es gab eine Piñata. Hinterher sind wir noch auf einen Rennkurs und mit kleinen Hot-Rods gefahren. Ich hab versucht, dich anzurufen, und Nachrichten geschickt, vergeblich.«

Ich nahm mein Telefon. Zwischen 18:00 und 1: 30 Uhr gab es dreiunddreißig verpasste Anrufe und Textnachrichten von AnnaGraphicControl.

Anna zog sich an. »Du musst packen. Wir checken aus, fahren in Ricardos Büro zu einer Besprechung und dann gleich zum Flughafen.«

Anna steuerte das PonyCar in einen Industriepark irgendwo in Fort Worth, Texas. Ich setzte mich in den Empfangsbereich, fühlte mich schrecklich, putzte mir wieder und wieder die Nase und versuchte, mich auf ein Buch auf meinem Kobo-Reader zu konzentrieren, war aber zu benebelt. Ich spielte ein Handy-Game, das 101 hieß und bei dem ich Multiple-Choice-Fragen zu beantworten hatte. Richtig oder falsch: Präsident Woodrow Wilson hatte im Weißen Haus eine eigene Schreibmaschine. Richtig! Im Zwei-Finger-Adler-Suchsystem tippte er auf seiner Hammond-Type-o-Matic eine Rede, in der er um Unterstützung für den Ersten Weltkrieg warb. Nachdem ich ewig lange so dagesessen hatte, brauchte ich frische Luft und unternahm einen vorsichtigen Spaziergang durch den Industriepark. Alle Gebäude sahen gleich aus, und ich verlief mich. Glücklicherweise entdeckte ich dann aber ein PonyCar, der sich als unseres entpuppte.

Anna war da, stand sich mit ihren Kunden die Beine in den Bauch und wartete. »Wo warst du?«

»Sightseeing«, sagte ich. Sie stellte mich Ricardo und dreizehn weiteren Fachbuchmanagern vor. Ich gab keinem von ihnen die Hand, nicht mit meiner Erkältung.

Das PonyCar zurückzugeben war so einfach wie versprochen, nur ließ der Bus zum Abflugterminal auf sich warten. Um unseren Flug noch zu erwischen, mussten Anna und ich durch den DFW-Flughafen rennen wie zwei Figuren aus einem Film, die wahlweise ein irres Liebespaar auf dem Weg in den Urlaub oder FBI-Agenten waren, die einen Terrorangriff verhindern wollten. Wir schafften es gerade noch, aber nicht mehr rechtzeitig, um zwei Plätze nebeneinander zu bekommen. Anna saß vorne, ich ganz hinten. Beim Start schmerzten meine verstopften Ohren ganz fürchterlich, bei der Landung noch mehr.

Auf dem Weg nach Hause hielt Anna an einem Schnapsladen und kaufte eine kleine Flasche Brandy. Ich musste einen ziemlichen Schluck daraus nehmen, dann packte sie mich ins Bett, zog das Kissen zurecht und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

 

19. und 20. Tag

Ich war schlicht und einfach krank, und Bettruhe und viel Trinken waren das Einzige, was half, wie es bei Erkältungen eben ist, seit der erste Neandertaler niesen musste.

Anna hatte ihre eigenen Vorstellungen. Zwei Tage lang war sie im Einsatz, um mich schneller gesund zu bekommen. Nackt musste ich mich auf einen Stuhl setzen und die Füße in eine Schüssel mit kaltem Wasser stellen. Dann verkabelte sie mich mit so etwas wie einem EKG-Gerät, ich musste alles Metall ablegen, trug sowieso keins, und sie drückte einen Schalter. Ich spürte nichts.

Aber nach einiger Zeit wurde das Wasser um meine Füße trüb, dann braun und schließlich sogar fest, bis es wie der unappetitlichste Wackelpudding aussah, den man sich vorstellen konnte. Es wurde so dick, dass ich, als ich die Füße herauszog, das Gefühl hatte, sie steckten in schwerem Schlick. Und es stank!

»Das ist das schlechte Juju aus dir«, sagte Anna, als sie das Zeugs die Toilette hinunterspülte.

»Aus meinen Füßen?«, fragte ich.

»Ja, das ist erwiesen. Das ist das ganze schlechte Essen, die Körpergifte und Fette. Sie kommen aus deinen Füßen.«

»Darf ich jetzt zurück ins Bett?«

»Bis zu deiner Dampfdusche.«

»Ich habe keine Dampfdusche.«

»Doch. Wart’s nur ab.«

Anna installierte eine Reihe Plastikvorhänge in meiner Dusche und einen tragbaren Dampfautomaten, den sie auf volle Kraft einstellte. Ich saß auf einem Hocker und schwitzte, bis ich drei große Flaschen mit irgendeinem schwachen Tee getrunken hatte. Das dauerte, da der Tee wie Abwasser schmeckte und die Blase eines Mannes nun mal nur eine gewisse Menge Abwasser aufzunehmen vermag.

Ein Heimtrainer wurde angeliefert. Anna setzte mich alle anderthalb Stunden darauf, und ich musste exakt zwölf Minuten in die Pedale treten und meine Körpertemperatur so weit hochtreiben, dass ich zu schwitzen begann.

»So kochst du den Schleim aus dir heraus«, sagte sie.

Drei Mahlzeiten hintereinander fütterte sie mich schüsselweise mit einem wässrigen Eintopf voller Rüben- und Selleriebröckchen und ließ mich einstündige, langsame Dehnübungen machen, wobei ich die Instruktionen des Lehrers auf ihrem iPad genau zu befolgen hatte.

Zuletzt stöpselte sie einen Apparat ein, der wie ein elektrisches Stück Seife aussah, einen Summton von sich gab und vibrierte. Die Schachtel war ausschließlich russisch beschriftet. Ich musste mich nackt auf den Boden legen, und sie rieb mit dem Ding, was immer es sein mochte, über meinen ganzen Körper, die Vorder- und Rückseite. Die Kommunistenmaschine machte verschiedene Geräusche, je nachdem, über welche Teile meines Körpers sie fuhr.

»Bestens, Baby!«, sagte Anna. »Bald haben wir es!«

Ich gönnte mir heimlich ein paar Nyquils und Sudafeds, bevor ich zurück ins Bett krabbelte und ins Reich der Träume entschwand.

 

21. Tag

Am nächsten Morgen fühlte ich mich besser. Das Bettzeug war so durchgeschwitzt, dass ich es wie ein Fensterleder hätte auswringen können.

Anna hatte eine Nachricht auf meine Kaffeemaschine geklebt.

Als ich ging, hast du tief und fest geschlafen. So mag ich dich. Wenn du die Suppe aus dem Kühlschrank isst, hast du es hinter dir. Trink sie kalt am Morgen, heiß am Mittag. Und setz dich am Vormittag zweimal auf den Heimtrainer und dehne dich eine Stunde nach dem Link, den ich dir gemailt habe. Hinterher noch eine DAMPFDUSCHE, bis du drei Flaschen destilliertes Wasser getrunken hast! Schwitz das Kochsalz aus dir raus! A.

Ich war allein in meinem Haus und konnte meinen eigenen Regeln folgen, ignorierte Annas Instruktionen und trank Kaffee mit heißer Milch. Ich las die Times, die richtige, gedruckte Ausgabe, nicht die Onlineversion, die Anna bevorzugte, weil die Papierverschwendung eine Versündigung an unserer Erde war, Recycling hin oder her. Ich gönnte mir ein nahrhaftes Frühstück mit Eiern und gebratenen Linguiça-Scheiben (das ist eine portugiesische Wurst), einer Banane, einer Erdbeer-Pop-Tart, Papayasaft aus dem TetraPak und einer großen Schüssel Cocoa Puffs.

Kein Dehnen. Kein Heimtrainer und auch keine Plastikkabinen-Dampfdusche. Annas E-Mail-Link klickte ich weg. Stattdessen verbrachte ich den Vormittag mit Waschen, vier Ladungen, einschließlich der Bettwäsche. Währenddessen hörte ich meine Mixtape-CDs und sang mit. Ich genoss es, nicht einer von Annas Anweisungen zu folgen. Es war das Beste Denkbare Leben.

Was die Antwort auf die Frage war, die mir Anna zwei Wochen zuvor gestellt hatte: Nein, ich war nicht der richtige Mann für sie.

Als sie anrief, um zu fragen, wie es mir ging, gestand ich, ihre Anweisungen nicht befolgt zu haben. Ich sagte auch, dass ich mich gesund fühlte, ausgeruht und wieder ganz wie ich selbst. Und für wie wundervoll ich sie auch hielte und für was für eine Pflaume mich selbst, bli bla bla, bli bla blubb …

Bevor ich die richtigen Worte fand, sprach Anna es aus.

»Du bist nicht der richtige Mann für mich, Baby.«

Da lag kein Fitzelchen Groll in ihrer Stimme, keine Verurteilung oder Enttäuschung. Sie sprach es so einfach und offen aus, wie ich es nie gekonnt hätte. »Es ist mir schon eine Weile klar«, sagte Anna und kicherte. »Ich hab dich mürbe gemacht und hätte dich auf Dauer verschlissen.«

»Wann wolltest du es mir sagen?«

»Wenn du bis Freitagmorgen nicht selbst damit herausgekommen wärst, hätten wir Das Gespräch geführt.«

»Warum gerade Freitagmorgen?«

»Weil ich Freitagabend zurück nach Fort Worth fliege. Ricardo geht mit mir Ballon fahren.«

Ein Teil meines männlichen Stolzes hoffte gleich, dass auch Ricardo nicht der Richtige für Anna war.

 

Er war es nicht. Anna hat mir nie gesagt, warum.

Nur der Vollständigkeit halber: Meinen Tauchschein habe ich gemacht. Anna und ich sind mit Vin und einem Dutzend anderer Leute ins Seetanggebiet vor der Küste gefahren. Wir haben unter Wasser geatmet und sind durch Tang geschwommen wie durch einen riesigen Meereswald. Es gibt ein tolles Foto von ihr und mir hinterher an Bord, wie wir unsere Tauchanzugarme umeinandergelegt haben und mit unseren kalten, nassen Gesichtern breit in die Kamera lächeln.

Nächste Woche geht es in die Antarktis. Anna hat einen Großeinkauf organisiert und dafür gesorgt, dass wir alle die notwendige Ausrüstung haben. Mit MDash ist sie noch mal extra los, damit er auch wirklich genug dabeihat, um nicht auszukühlen. Er war noch nie an einem Ort, der kalt genug für Zügelpinguine und Krabbenfresser-Robben war.

»Südlicher Polarkreis, wir kommen!«, rief ich und führte meinen grünen Parka samt zusätzlicher Außenhaut vor. Anna lachte.

Wir werden nach Lima in Peru fliegen, die Flugzeuge wechseln, und weiter geht es nach Punta Arenas in Chile, wo wir auf ein Schiff steigen, um von Südamerika zur alten Forschungsstation in Port Lockeroy überzusetzen, unserem ersten Halt. Das Meer in der Drakestraße kann ganz schön rau und ungestüm werden, heißt es. Aber mit einem Segel und einem Ruder, einem Kompass und einer guten Uhr wird sich unser Schiff schon hindurchschneiden, zur Antarktis und zu tollen Abenteuern.

Oh, ja, und zum B15K.

Tom Hanks

Über Tom Hanks

Biografie

Tom Hanks, geboren 1956 in Concord/ Kalifornien, ist Regisseur, Filmproduzent und Schauspieler. Er gehört zu den profiliertesten Charakterdarstellern Hollywoods und wurde zweimal in Folge für seine Rollen in den Filmen »Philadelphia« und »Forrest Gump« mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller...

Medien zu »Schräge Typen«


Das Hörbuch ist bei Hörbuch Hamburg erschienen

Pressestimmen

srf.ch

»Seine Erzählungen sind lesenswerte Lektüre. Sie unterhalten, entspannen, regen an und stimmen nachdenklich.«

Stuttgarter Zeitung

»›Schräge Typen‹ macht beim Lesen großen Spaß.«

Rheinische Post

»Man mag sie, die schrägen Typen des Tom Hanks, auch weil sie so schön von gestern sind.«

hr2 Kultur

»Das Erstlingswerk des Hollywoodstars ist leicht zu lesen, sehr unterhaltsam und persönlich.«

Süddeutsche Zeitung

»Tom Hanks ist nostalgischer Sammler von Americana, von Erinnerungen an die gute alte Zeit. Man könnte ihn einen Träumer nennen, aber in seinen Erzählungen träumt Amerika unruhige Träume von sich selbst.«

Ruhr Nachrichten

»Hanks gelingt es, die Kunst, die er als Schauspieler beherrscht, Geschichten von Menschen wahrhaftig und glaubhaft auf die Leinwand zu bringen, auch als Autor umzusetzen. Seine ›schrägen Typen‹ sind liebenswerte Menschen, die mit ihrem Schicksal klarkommen müssen. Hervorragend geschrieben, mit einem Augenzwinkern und sehr viel Sympathie. Lesenswert.«

Berliner Zeitung

»Es kommt nicht so oft vor, dass man als Leser von Erzählungen den Erzähler mitgeliefert bekommt. (...) Wenn einem Tom Hanks seine Geschichten erzählt, kann man gar nicht anders, als sich Tom Hanks vorzustellen, wie er mit stoischer Gelassenheit und einem schiefen Lächeln hier und da seine Worte mit Leben ausfüllt. Die Präsenz dieses Schauspielers ist so stark, dass sich fast jede der 16 Kurzgeschichten, die in ›Schräge Typen‹ versammelt sind, wie ein Tom-Hanks-Film liest.«

Freundin

»Der zweifache Oscar-Preisträger hat ein Gespür für skurrile Momente und berührende Begegnungen. Ein gelungenes Debüt!«

HR1

»Er erzählt mit viel Phantasie, mit Humor, mit Einzelheiten, die aber viel Bedeutung transportieren. Mein Fazit: Da macht er allerbeste Werbung für die kürzere Form der Literatur. So dürfen Stars schreiben!«

NDR Kultur "Neue Bücher"

»Tom Hanks macht Lesern Freude mit seinen von Einfällen und verrückten Ideen sprühenden Geschichten.«

maz-online.de

»Der Schauspieler als Schriftsteller hat ein Talent zum Erzählen, zum genauen Beobachten und anschaulichen, lebendigen Beschreiben, zum Selektieren und Komprimieren. Handlung und Sprache seiner Kurzprosa sind ausgefeilt und entfalten eine beachtliche Suggestivkraft.«

Berliner Morgenpost

»Er besucht in seinen Storys die Jahre 1939, 1953 und 1978, er durchwandert das Heute und eine imaginäre Zukunft. Es interessiert ihn, wie Menschen ihre Welt erleben. Er betrachtet sie dabei, er verurteilt sie nicht.«

Münchner Merkur

»Er beherrscht nicht nur die Klaviatur der Schreibmaschinen-Tasten, er beherrscht auch die der Gefühle, der Stimmungen, der Wörter.«

Iserlohner Kreisanzeiger

»Hollywoodstar Tom Hanks hat sein Debüt als Schriftsteller gegeben. ›Schräge Typen‹ ist eine Hommage an eigensinnige und fantasievolle Menschen.«

Hamburger Abendblatt

»Bei öffentlichen Auftritten beweist er längst, dass er Geschichten erzählen kann. Mit Selbstironie und einem Ton voller Verständnis für die Schwächen der Menschen. Und voller Begeisterung für ihre Stärken.«

Nürnberger Zeitung

»Wie bitte, schreiben kann er auch noch? Ja – und sogar richtig gut, wie Hollywoodstar Tom Hanks mit seinem ersten Buch ›Schräge Typen‹ beweist.«

Luzerner Zeitung (CH)

»Tom Hanks Storys sind geprägt von der Selbstverständlichkeit multikultureller Freundeskreise, von nachbarschaftlichem Wohlwollen, von einer Gelassenheit der Liebe. Er zeigt uns auf sympathische Art ein entspanntes Land.«

Sächsische Zeitung

»Das Zauberhafte aber ist, dass sich der Zwang zum Abgleich zwischen Schauspieler und Autor beim Lesen des Buches verliert. Hanks gelingt es, hinter seinen Charakteren zurückzutreten. Er gibt ihnen genug Raum, Herz und Spleenigkeit, damit sie das Rampenlicht selbst ausfüllen.«

Westfälische Nachrichten

»Warmherzig geschrieben, abwechslungsreich erzählt, ein Lesetipp.«

MDR Kultur

»Überhaupt hat man bei den meisten Erzählungen das Gefühl, dass die Figuren eine Mischung aus den Helden seiner Filme und den fiktiven Versionen seiner selbst sind. Man könnte das Buch als verspielte, lückenhafte Biografie seiner Filmkarriere lesen.«

Augsburger Allgemeine

»Extrem bildhaft erzählt, direkt am Gefühlszentrum des Lesers andockend – und mit einem biografischen Bruch oder emotionalen Konflikt im Zentrum, der aber nie so groß ist, dass man den Glauben daran verliert, ein Happy End sei immer noch möglich.«

RBB Fritz

»Tom Hanks erzählt melancholisch, manchmal überraschend witzig, aus dem amerikanischen Alltag, immer mit viel Liebe zu seinen Helden. Ja, er kann schreiben.«

BR Radio Texte

»17 Stories, inspiriert vom Leben und von Filmen, oft nostalgisch, filmisch, mit hintergründigem Witz und tiefem Verständnis für die Schwächen und Nöte der Menschen. «

WDR 5 "Ohrclip"

»Seine Erzählungen über ganz normale, manchmal sonderliche Zeitgenossen sind warmherzig, klug und humorvoll.«

Frankfurter Allgemeine Woche

»Phantastische Abenteuergeschichte, subvertierte romantische Komödie, Historienstück – Hanks springt von einem Genre zum nächsten und leistet sich typographische Spielereien.«

trend (A)

»(…) Hanks ist dort besonders stark, wo es um die Details geht, die atmosphärische Dichte erzeugen du das Gefühl einer bestimmten Zeit heraufbeschwören. Sehr lesenswert.«

Jolie

»Altmodisch, amerikanisch (auf gute Weise) und herzenswarm sind seine Kurzgeschichten.«

Frau und Mutter

»Sein Stil ist lebendig, bild- und abwechslungsreich.«

Kommentare zum Buch

Forti am 09.04.2018

Tom Hanks' literarisches Debüt sind Kurzgeschichten. Die Stories sind unterschiedlich in Thematik, Handlungsort und Handlungszeit: thematisiert werden Migration in die USA, Freundschaft, Liebe, Kriegstraumata und einiges mehr. Dabei wird es auch manchmal witzig, seltener tragisch. Trotz aller Unterschiede sind die Geschichten durch einzelne, kleine Motive miteinander verknüpft, was ich amüsant fand (mögliche Challenge für den Leser: alle Verbindungen finden) - das offensichtlichste Motiv ist hierbei die Schreibmaschine. Mittlerweile ein historisches Werkzeug, das aber in fast allen Geschichten Erwähnung findet. Ansich sind es aber unabhängige Stories, die alle für sich gelesen werden können.   Die Sprache ist im besten Sinne einfach: gut lesbar, aber keinesfalls primitiv.   Ich fühlte mich gut und intelligent unterhalten.

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