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Schluss mit dem Bullshit!

Schluss mit dem Bullshit!

Auf der Suche nach dem verlorenen Verstand

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Schluss mit dem Bullshit! — Inhalt

Die Menge an Bullshit, die täglich auf uns eindringt, nimmt zu. Die Autoindustrie preist ihre Geländewagen als umweltfreundlich, Politiker sprechen von alternativlosem Handeln, Bäckereien backen Brötchen mit energetisiertem Wasser. Wir hören und sehen inzwischen so viel Bullshit, dass wir ihn oft gar nicht mehr bemerken. Im Selbstversuch erkunden Tobias Hürter und Max Rauner den alltäglichen Blödsinn. Sie absolvieren ein Training zum Eliteverkäufer, machen die Grundausbildung in Chakren-Heilung, besuchen eine Familientherapie und testen ihre eigene Blödsinns-Quote. Sie beschreiben die aktuellen Bullshit-Strömungen und hinterfragen die Ursachen und dahintersteckenden Bedürfnisse. Eine unterhaltsame Lektüre mit Streifzügen durch die philosophische Geschichte des Bullshits. Mit konkreten Tipps, wie man Blödsinn erkennt und vermeidet – und wann es besser ist, selbst zu bullshitten.

 

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 06.10.2014
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96806-5

Leseprobe zu »Schluss mit dem Bullshit!«

Vorwort

 

Der Bullshit lauert überall, und meistens bemerkt man ihn zu spät. Diesmal näherte er sich in Gestalt eines stilvoll gekleideten Herrn um die fünfzig, der sich als Christian vorstellte. Der Mann setzte sich mit einem Cappuccino an den Nebentisch und plauderte mit uns über das volle Café, das Münchner Westend, den milden Winter und die globale Erwärmung. Dann wurde es seltsam.

Bis zum Jahr 2040 werde sich die Erde um sechs Grad Celsius erwärmen, sagte Christian, das habe er im Vortrag eines Experten gehört. – Hm, sechs Grad, das liegt jenseits [...]

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Vorwort

 

Der Bullshit lauert überall, und meistens bemerkt man ihn zu spät. Diesmal näherte er sich in Gestalt eines stilvoll gekleideten Herrn um die fünfzig, der sich als Christian vorstellte. Der Mann setzte sich mit einem Cappuccino an den Nebentisch und plauderte mit uns über das volle Café, das Münchner Westend, den milden Winter und die globale Erwärmung. Dann wurde es seltsam.

Bis zum Jahr 2040 werde sich die Erde um sechs Grad Celsius erwärmen, sagte Christian, das habe er im Vortrag eines Experten gehört. – Hm, sechs Grad, das liegt jenseits der schlimmsten Szenarien, die von Klimaforschern ernstgenommen werden, aber gut. – Und diese Erwärmung werde die Erde für Menschen so gut wie unbewohnbar machen. – So so. – Doch so weit werde es nicht kommen, fuhr Christian fort, denn das Militär werde, wenn es die Katastrophe kommen sehe, »gentechnisch manipulierte Biowaffen« zum Einsatz bringen. Die würden 90 Prozent der Menschheit töten, damit die restlichen zehn Prozent überleben können. – Wie bitte?

Man hätte jetzt zahlen und gehen können, aber Christian war kein Dummkopf. Er kannte sich aus mit Gentechnik, besser jedenfalls als wir beiden Wissenschaftsjournalisten. Er hatte eine genaue Vorstellung davon, wie man Viren in eine Zellhülle injiziert. Er wusste Bescheid über Mikrochips, Klimaerwärmung und Kampfstoffe. Die gefährlichen Viren bräuchten 20 Tage Inkubationszeit, erklärte er, und das Militär brauche für die eigenen Soldaten einen Impfstoff nur für den Notfall. Denn nach höchstens drei Infektionswellen werde sich das Virus selbst aus der Welt schaffen. Christian hatte auf alles eine Antwort. Ratlos hörten wir ihm weiter zu.

Man könnte es sich leicht machen und Christian als paranoiden Verschwörungstheoretiker abqualifizieren. Aber wäre das fair? Vielleicht liegen wir ja mit unserem hausbackenen Weltbild falsch, und er liegt mit seinem richtig. Hat nicht der NSA-Skandal eindrücklich bewiesen, dass Verschwörungstheoretiker manchmal doch recht haben? Man könnte sich also in Toleranz üben: Na gut, er sieht es halt so, und wir sehen es anders. Doch es bleibt die Ahnung, dass Christian sich in einen Wahn verrannt hat.

Nach ein paar Minuten fragten wir ihn: »Unter welchen Umständen wärst du bereit einzuräumen, dass du dich geirrt hast mit dem, was du uns gerade erzählt hast?« – »Unter gar keinen Umständen«, erwiderte er. »Diese Logik ist völlig zwingend.«

Das war die Schlüsselstelle in diesem merkwürdigen Gespräch. Christian hat es sich mit seiner Theorie bequem gemacht. Er hat sich festgelegt und lässt keinen Widerspruch zu. Er kann sich darauf beschränken, nach Hinweisen zu suchen, die seine Theorie stützen – und Hinweise ignorieren, die sie schwächen. Diese Bequemlichkeit hat ihren Preis: Christian redet Bullshit. So nennen Philosophen – und auch Laien – grammatisch wohlgeformte Sätze, die zwar an der Oberfläche in Ordnung sind, aber keinen fundierten Gedanken ausdrücken. Der »Bulle« darin komme vom französischen boul für Täuschung, vermuten Sprachforscher. Bullshit ist Gerede, bei dem der Redner sich nicht darum schert, ob es stimmt, was er redet. Im Unterschied zum Lügner versucht der Bullshitter nicht, anderen gezielt eine Unwahrheit einzureden. Wahr oder unwahr, das kümmert ihn nicht. Laut dem amerikanischen Philosophen Harry G. Frankfurt richtet Bullshit noch mehr Schaden an als Lügen. Schon weil es so viel davon gibt.

Christians Gerede beim Cappuccino ist nicht deshalb bemerkenswert, weil es so außergewöhnlich wäre. Im Gegenteil. Es ist Ausdruck der allgemeinen Bullshit-Epidemie. Wer einmal für das Phänomen Bullshit sensibilisiert ist, wird staunen, wie viel es davon gibt. Die Heilpraktikerin verzapft Blödsinn über Heilmagnetismus; der Autoverkäufer verzapft Blödsinn über den vermeintlich umweltfreundlichen Geländewagen; andere verzapfen Blödsinn über Familienaufstellung, Chiropraktik, probiotische Joghurts oder Hirnforschung. Das ist manchmal lustig, oft nervig und insgesamt schädlich. Denn Bullshitten untergräbt die Grundlagen unserer sprachlichen Verständigung, die nur dann funktioniert, wenn die Gesprächspartner im Großen und Ganzen wahrhaftig sind. Bullshit korrumpiert das Denken. Und die Gesellschaft.

Viele Menschen reden Blödsinn, weil sie andere manipulieren wollen. Manche reden Blödsinn, weil sie unkritisch wiederkäuen, was jemand ihnen vorgekaut hat. Man könnte sich angesichts der Flut von Bullshit genervt abwenden. Doch dafür ist das Phänomen zu wichtig. Besser ist es, sich ihm zu stellen. Woran erkennt man Bullshit? Was unterscheidet harmlosen Bullshit von schädlichem? Wie geht man damit um, und wie vermeidet man, selbst zu viel davon zu produzieren? Und wie produziert man Bullshit, wenn man doch mal welchen braucht? Um diese Fragen geht es in diesem Buch. Ausgangspunkt war eine Titelgeschichte von Tobias Hürter in der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft, die das philosophische Fundament des Themas legte und klärte, was Bullshit überhaupt ist. Aber beim Philosophieren sollte es nicht bleiben. Wir haben uns mit Forschungsfälschern und Esoterik-Gurus getroffen, ein Seminar für Eliteverkäufer besucht und den Grundkurs in Prana-Heilung absolviert. Wir haben uns anderthalb Jahre so intensiv mit Bullshit beschäftigt, dass wir glauben, uns jetzt Bullshit-Experten nennen zu dürfen. Zunächst unternehmen wir eine Rundreise in die Vielfalt des Bullshit und erläutern die philosophische Basis. Danach geht es hinaus in die Welt, wir begeben uns auf die Suche nach dem alltäglichen Bullshit: Wir untersuchen den Bullshit in Werbung und Politik, in Wissenschaft und Medizin, testen gefährliche Psychotherapien und ergründen die Anziehungskraft der Esoterik. Wir geben Tipps zur Früherkennung und Vermeidung von Bullshit. Zum Schluss erörtern wir, welche Haltung zum Phänomen Bullshit grundsätzlich sinnvoll und praktikabel ist. Und wir diskutieren, unter welchen Umständen es legitim sein kann, auch selbst einmal zu bullshitten.

Schluss mit dem Bullshit! Das ist ein frommer Wunsch. Aber mit diesem Buch erhalten Sie das Rüstzeug für den täglichen Kampf gegen sinnloses Gerede. Für die Christians dieser Welt.

 

Tobias Hürter und Max Rauner

 

 

Bullshit für Anfänger

 

Ronald Pofalla beendet Dinge

Im Sommer 2013, als die Deutschen wegen der NSA-Affäre allmählich richtig sauer auf Amerika wurden, hatte der Bullshit mal wieder einen großen Moment. Seit Wochen waren neue Details über die massenhafte Überwachung durch den US-Geheimdienst NSA bekannt geworden, enthüllt durch den Whistleblower Edward Snowden. Die NSA unterhalte in der Nähe von Darmstadt eine Spezialeinheit für Kryptografie, berichtete der Spiegel im August, und die Bild-Zeitung fragte: »Warum eiert die Regierung in der Späh-Affäre so rum?« Dann trat am Nachmittag des 12. August ein sichtlich genervter Kanzleramtsminister vor die Kameras: Ronald Pofalla hatte gerade die Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums hinter sich gebracht. Er sagte: »Die NSA und der britische Geheimdienst haben erklärt, dass sie sich in Deutschland an deutsches Recht halten.« Er sagte noch ein paar solcher Sätze, und machte dann das, wofür sein Auftritt berühmt wurde: Er erklärte die NSA-Affäre für beendet: »Der Vorwurf der vermeintlichen Totalausspähung in Deutschland ist nach den Angaben der NSA, des britischen Dienstes und unserer Nachrichtendienste vom Tisch. Es gibt in Deutschland keine millionenfache Grundrechtsverletzung.«

Kein Satz davon war falsch, alles keine Lügen. Aber auch nicht gerade eine clevere Darstellung der Tatsachen. Ronald Pofalla bewegte sich in der Grauzone zwischen Wahrheit und Lüge. Was er an jenem heißen Sommertag in die Mikrofone sprach, war Bullshit, zu Deutsch: Blödsinn, Bockmist, Humbug. Man könnte auch sagen, aus Pofallas Mund kam an jenem Sommertag nichts als »heiße Luft«.

Blödsinn gedeiht im Niemandsland zwischen Wahrheit, Unwahrheit und Meinung. Jeder hat ein Recht auf eine eigene Meinung. Aber nicht auf eigene Fakten. Wo die Grenze zwischen Meinung und Fakten verschwimmt oder gezielt verwischt wird, kommt Bullshit heraus. Es gibt Bullshit in der Partnerschaft, im Smalltalk, im Gespräch mit dem Chef, beim Einkaufen, beim Arzt, in der Psychotherapie, eigentlich überall dort, wo Menschen reden. Also auch und gerade in der Politik.

Pofalla beugte die Wahrheit allein durch geschicktes Bullshitten. Mag sein, dass die NSA sich auf deutschem Boden an deutsches Recht hält (was damals keineswegs klar war). Aber bei der ganzen Aufregung ging es um Internet-Spionage. Von welchem geografischen Ort aus man sie betreibt, wo genau die ausspionierten Server stehen, wo die angezapften Datenleitungen verlaufen – für den Ausspionierten ist das ziemlich egal. Das Internet ist global. Für die Lektüre deutscher Mails brauchen die Spione der NSA sich nicht aus ihren Sesseln in der Zentrale in Maryland zu erheben, geschweige denn deutschen Boden zu betreten. Und dass die Vorwürfe »nach den Angaben der NSA, des britischen Dienstes und unserer Nachrichtendienste vom Tisch« sind, wird kaum jemanden überraschen, aber auch kaum jemanden davon überzeugen, dass sie wirklich ausgeräumt sind.

Das ist natürlich auch dem Minister bekannt. Aber in jenem Moment ging es ihm nicht darum, die Lage nüchtern zu analysieren, sondern darum, ihr möglichst schnell zu entkommen. Und einige Journalisten halfen ihm dabei. So sagte der ARD-Kommentator Ulrich Deppendorf am selben Abend in der Tagesschau: »Die Bundesregierung sieht den Vorwurf der flächendeckenden Ausspähung Deutscher durch die Geheimdienste der USA und Großbritanniens also vom Tisch.« Das hatte Pofalla nicht gesagt, er hatte nur von der Ausspähung in Deutschland gesprochen, nicht von der Ausspähung Deutscher. Und plötzlich, unmerklich war aus dem Bullshit eine klare Falschaussage geworden. Bei Deppendorf zumindest ging Pofallas Bullshit-Taktik auf. Im Internet allerdings nicht: Der Hashtag #PofallabeendetDinge wurde einen Tag lang zum Twitter-Spaß, mit gefakten CDU-Wahlplakaten und einem verkleideten Pofalla, der mal »die Unendlichkeit«, mal »die Bauarbeiten am Berliner Flughafen« oder auch »Schuberts 8. Sinfonie«, die Unvollendete, für beendet erklärte.

 

Die Philosophie des Bullshit

»Red keinen Scheiß« – diese Aufforderung wird oft empört geäußert (gerne auch in der Variante »Red keinen Müll« oder »Red keinen Tinnef«). Der Sprecher hat eine starke, aber nicht immer klare Vorstellung davon, was gemeint ist. Was genau ist damit gemeint, wenn jemand Müll redet? Mit dieser Frage befassen sich neuerdings auch Philosophen.

In den vergangenen 2500 Jahren haben Philosophen über alles Mögliche nachgedacht, vom Ursprung aller Dinge bis zu den Bedingungen von Erkenntnis. Besonders gerne analysierten sie auch Begriffe, die weithin gebraucht, aber schlecht verstanden wurden. Vernunft und Moral zum Beispiel, freier Wille, Bewusstsein, Raum und Zeit. Den Blödsinn hingegen ließen sie lange unbeachtet. Das ist erstaunlich, denn Blödsinn ist alles andere als ein Randphänomen. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten unserer Gesellschaft, dass sie so viel Bullshit produziert. Die meisten Menschen nehmen das als selbstverständlich hin. Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt gehört nicht dazu. Den Grundstein zu einer systematischen Philosophie des Bullshit legte er im Jahr 1986 in seinem Essay On Bullshit (auf Deutsch unter dem Titel Bullshit 2006 erschienen). »Ich erkannte eines Tages, dass ich mich mein Leben lang sehr freizügig des Begriffs Bullshit bedient hatte«, erklärte er später in einem Interview, »aber nie zu klären versucht hatte, was ich darunter verstand.« Also machte Frankfurt sich daran, dem Bullshit auf den Grund zu gehen. Bullshit skizziert das Programm für eine Philosophie des Blödsinns. Deren systematische Ausarbeitung überließ sein Autor allerdings anderen.

Am Anfang der Recherchen für dieses Buch stand folgende Arbeitshypothese: Bullshit kann harmlos und sogar unterhaltsam sein, aber in großen Mengen ist er schädlich und sollte enttarnt werden. Das Ausmaß und die Vielfalt des Blödsinns scheinen unermesslich. Vermutlich hat die Menschheit noch nie so viel Bullshit produziert wie heute. Politiker, Medien, Verkäufer, Esoteriker, sie alle scheinen sich verbündet zu haben, um uns zuzutexten und verbal zu vermüllen. Da gibt es Geschichten über energetisiertes Wasser, Chemtrails, die Hohlerdentheorie und Engeltherapien, glutenfreies Brot, Familienaufstellungen, Druiden, Neurolinguistische Programmierung, Warzen-Besprechen und Neuromarketing – und schon hat man sich verzettelt. Bevor man Bullshit bekämpft, sollte man ihn besser verstehen. Im Deutschen ist auch von Firlefanz, Käse, Kokolores, Mist, Bockmist, Quatsch, Scheiße, Schmarrn, Stuss, Unfug, Unsinn die Rede – aber nichts davon trifft die Sache richtig. Am ehesten noch »Humbug«. Im Englischen ist das Wort seit 1751 belegt, um 1835 fand es Eingang ins Deutsche. »Humbug, wie der Engländer sagt«, schrieb Annette von Droste-Hülshoff in einem Brief. In diesem Buch verwenden wir »Humbug« synonym mit »Bullshit« oder »Blödsinn«.

Wenn es stimmt, dass die Menschheit dabei ist, in eine Ära des Bullshit einzutreten, dann wäre das eine Tragödie. Von den sokratischen Philosophen über die mittelalterlichen Scholastiker wie Thomas von Aquin, die Renaissance-Denker wie Galileo Galilei und Leonardo da Vinci, die wissenschaftlichen Pioniere der Royal Society in London bis zu den großen Philosophen und Naturforschern der Aufklärung, allen voran Immanuel Kant, erkennt man eine über die Jahrtausende anhaltende Bemühung, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Sollten all diese Bemühungen vergeblich gewesen sein? Gewinnt zum Schluss doch der Blödsinn? Wird die Epoche der Aufklärung eines fernen Tages nur noch eine Fußnote in der europäischen Kulturgeschichte sein? Eine kurze Erwärmung des Verstandes zwischen zwei Eiszeiten?

 

Klatsch ist kriminell, sagt der Papst

Es wäre naiv, ein Goldenes Zeitalter der Klarheit zu fordern, in dem jeder nur noch sagt, was er meint, und meint, was er sagt. Eine radikale Strictly-no-bullshit-Doktrin ist weder realistisch noch wünschenswert. Humbug erfüllt wichtige soziale Funktionen. Höflichkeit zum Beispiel ist im guten Fall eine raffinierte Form von Humbug für Situationen, in denen es für alle Beteiligten besser ist, nicht zu sagen, was sie meinen. Höflichkeit kaschiert die plumpe Wahrheit, ohne dass der Betreffende lügen muss.

Eine spezielle Form von Humbug ist Klatsch. »Haben Sie schon gehört, bei den Neumaiers von schräg gegenüber muss es einen üblen Ehekrach geben. Er hat sie wohl betrogen. Oder sie ihn. Jedenfalls reden die beiden seit Tagen kein Wort mehr miteinander.« Es ist mit ziemlicher Sicherheit nicht ganz richtig. Egal, geht es doch nur darum, eine spannende Geschichte zu erzählen, die das vielleicht nur in der Phantasie des Betrachters etwas seltsame Verhalten der Neumaiers erklärt. Egal? Harmlos? Nicht, wenn es nach Papst Franziskus geht. Es gebe keinen »unschuldigen Klatsch«, erklärte der Pontifex im Sommer 2013. Wer schlecht über seinen Nächsten rede, sei ein Heuchler, »der nicht den Mut hat, seine eigenen Defizite zu sehen«, so der Stellvertreter Gottes auf Erden (siehe dazu auch Kapitel »Beziehungen«).

Aber gibt es nicht doch auch unschuldigen Klatsch, etwa wenn sich zwei Menschen über einen Dritten unterhalten und dabei auch ins Spekulieren geraten. Und wer entscheidet, wo das wahrhaftige Reden aufhört und der Humbug anfängt? Eine der Grundfragen in der philosophischen Humbug-Analyse lautet: Ist die Zuschreibung von Blödsinnigkeit eine rein subjektive, wie »Köstlich!« oder »Beeindruckend!«, oder wohnt ihr ein objektiver Gehalt inne? Anders gefragt: Ist Blödsinn reine Ansichtssache? Harry G. Frankfurt hat die erkenntnistheoretischen Merkmale des Blödsinns herausgearbeitet: Ob eine Äußerung blödsinnig sei, hänge weder davon ab, ob sie wahr oder falsch sei, noch davon, ob der Sprecher sie gestammelt oder geschliffen formuliert habe, sondern vom Dreiecksverhältnis zwischen der Äußerung, dem Sprecher und der Welt. Wenn der Sprecher die Absicht hat, wahr über die Welt zu sprechen, dann redet er keinen Blödsinn im technischen Sinne. Auch dann nicht, wenn seine Äußerung nicht die klügste ist. Vielleicht ist er eben nicht der Klügste und hat sich in bester Absicht geirrt. Wenn er aber in anderer Absicht spricht und darüber den Wahrheitsgehalt seiner Äußerungen vernachlässigt, dann redet er Blödsinn.

Humbug wird nicht in der Absicht geäußert, etwas zu erklären. Er soll seine Adressaten nicht informieren, sondern Eindrücke in ihnen wecken, die wahr sein können oder nicht – darauf kommt es seinem Urheber nicht an. Humbug ist ein Affront gegen die Adressaten, die ja meistens zuhören, um etwas zu erfahren, und nicht nur, um bequatscht zu werden. Doch der angerichtete Schaden ist noch viel größer: Der Bullshitter untergräbt die Grundlagen der zivilisierten Kommunikation überhaupt. Verständigung zwischen Menschen funktioniert nämlich nur, wenn diese sich – zumindest meistens – um die Wahrheit über die Welt bemühen, in der wir leben. Würden wir dauernd Blödsinn reden, dann würde die Bedeutung der Wörter und Sätze, die wir sprechen, erodieren. Würden wir uns zum Beispiel nicht mehr darum kümmern, ob das, was wir als »grün« bezeichnen, wirklich grün ist, dann würde das Adjektiv »grün« nichts mehr aussagen. Es könnte grüne Dinge benennen und rote und farblose – alle Dinge. Ein einzelner Mensch, der noch Wert legte auf die richtige Verwendung des Attributs »grün«, wäre verloren in der allgemeinen Beliebigkeit. Humbug ist also ansteckend, er ist nicht nur selbst nichtssagend, sondern raubt auch Äußerungen, die eigentlich sinnvoll wären, ihre Aussagekraft.

Bullshitter, wie Frankfurt sie versteht, gerieren sich selbst als Überbringer der Wahrheit, obwohl gerade das nicht ihr Ansinnen ist. Vielmehr sind sie ihrem Wesen nach Fälscher und Schwindler, die mit ihrer Rede die Meinungen und Haltungen derer manipulieren wollen, zu denen sie sprechen. Ob das, was Ronald Pofalla damals sagte, wirklich Bullshit war, hängt nach Frankfurts Definition also von der Absicht ab, mit der er redete: ob er sein Publikum mit Wissen bereichern oder lediglich beschwichtigen wollte. Ob seine Intention also war, seinen Zuhörern die ihm genehme Sicht der Lage unterzuschieben – egal ob sie nun zutraf oder nicht. Im Großen und Ganzen stimmen wir Harry Frankfurt zu: Bullshit entsteht aus einem Mangel an Wahrhaftigkeit. Aber in einem Punkt möchten wir Frankfurts Definition aufgrund unserer eigenen Erfahrungen mit Bullshit erweitern. Planvolle Täuschung ist nach unserem Verständnis keine Bedingung für Bullshit. Fahrlässige Täuschung genügt. Schon eine laxe Haltung zur Übereinstimmung zwischen der Welt und dem Gesagten, wo Sorgfalt angebracht wäre, bringt Bullshit hervor.

Nach dieser erweiterten Definition hat Pofalla damals zweifelsfrei Bullshit geredet, denn es spielt keine Rolle, welche Absicht er damit verfolgt hat. Bemerkenswert an seiner Stellungnahme ist, dass er nur haarscharf an der Wahrheit vorbeiredete, ohne sie komplett zu verfehlen.

 

Bullshitten ist nicht gleich Lügen

Zu den bisher ungenügend untersuchten Aspekten des Humbugs gehört die Abgrenzung zum Lügen. Beides, Humbug und Lügen, sind unwahrhaftige Formen der schriftlichen oder mündlichen Rede. Sachlich falsche Aussagen ein und desselben Wortlauts, geäußert von ein und demselben Sprecher am selben Ort zur selben Zeit, können Irrtümer, Lügen oder Bullshit sein, je nach Wissensstand und Absichten des Sprechers.

Bullshit ist in der Regel sozial schwächer sanktioniert als Lügen. Man lässt sich eher belabern als belügen. Wer entdeckt, dass man ihn belügt, wird wütend. Er fühlt sich hintergangen. Unter Lügenverdacht zu geraten ist der Schrecken jedes Politikers. Humbug reden dürfen Politiker hingegen meist ungestraft. Es wird sogar weithin von ihnen erwartet, dass sie Phrasen dreschen und Fragen ausweichen. Man stelle sich vor, ein Politiker würde plötzlich hundert Prozent Klartext reden. Er geriete schnell ins Abseits.

Humbug ist also risikoarm, und er wirkt: Wenn zum Beispiel in der Fernsehwerbung für einen Brotaufstrich eine junge Französin in Tracht versonnen Kräuter in einen Bottich rührt, dann glauben auch unbedarfte Zuschauer nicht, dass der Aufstrich wirklich auf diese altertümliche Weise hergestellt wird. Dennoch verbindet er sich in unseren Köpfen mit der rustikalen Idylle. Ebenso erfüllen blödsinnige Wahlkampfreden auch dann ihren Zweck, wenn der Blödsinn offensichtlich ist.

Aus philosophischer Sicht allerdings ist die Milde gegen Humbug fragwürdig. Einem Lügner liegt an der Wahrheit. Er nimmt sie wichtig, deshalb will er sie verbergen. Zum Lügen gehört es, die Wahrheit genau zu kennen. Oft muss ein Lügner die Wahrheit sogar genauer kennen als jemand, der sie ausspricht. Denn ein Lügner muss seine Lüge in die Wahrheit einpassen und dafür sorgen, dass sie dem Weltbild seines Gegenübers so weit entspricht, dass der oder die Betreffende die Lüge als Wahrheit akzeptieren kann. Ein Bullshitter hingegen schert sich nicht um die Wahrheit. Die Welt und sein Bild von ihr sind ihm egal. Er will seine Agenda durchsetzen. »Der Lügner und der Wahrhaftige spielen dasselbe Spiel auf verschiedenen Seiten«, sagt Harry Frankfurt. »Der Bullshitter spielt ein völlig anderes Spiel. Er ist weder für die Wahrheit noch gegen sie, er schert sich nicht um sie.« Frankfurt hält Bullshit für eine noch größere Bedrohung unserer Zivilisation als das Lügen. »Es ist wichtig für uns, die Wahrheit zu respektieren«, sagt er. »Der Lügner untergräbt nicht unseren Respekt für die Wahrheit, sondern unsere Kenntnis von ihr. Das ist schlecht, aber es unterscheidet ihn vom Bullshitter, der unseren Respekt für die Wahrheit untergräbt.« Auf diese Weise zersetzt Bullshit den Wert der Wahrhaftigkeit noch tiefgreifender als Lügen.

Der Ausdruck »Bullshit« ist vor allem in Amerika in intensivem Gebrauch, und das ist kein Zufall. Die Amerikaner sind weltweit führend auf dem Gebiet des Bullshit. Schon beim ersten Wortwechsel mit Amerikanern kann man das feststellen: »How are you?« – »Very well! How are you?« – »Great!« Für deutsche Ohren kommt in diesen Floskeln geheucheltes Interesse zum Ausdruck. Technisch gesehen ist es Bullshit, als Höflichkeitsfloskel dennoch unverzichtbar, soll zwischenmenschliche Kommunikation nicht zum nackten Informationsaustausch verkommen.

Amerikanische Politiker bestreiten ganze Wahlkampfreden mit Bullshit. Deutsche Politiker bullshitten anders als amerikanische, aber nicht wesentlich weniger. Ein Beispiel unter vielen: Als der Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung nicht die Zahlen enthielt, die FDP-Wähler gerne hören, sprach der damalige FDP-Wirtschaftsminister Philip Rösler von einer »vorübergehenden Wachstumsdelle«. Es ist unwahrscheinlich, dass er im Bemühen um eine ungeschminkte Analyse der Situation auf diese ungewöhnliche Formulierung kam. Eher dürfte sie Ausdruck einer Hoffnung gewesen sein, die Situation möge sich von selbst bereinigen. Eine Delle ist ein unwesentlicher Makel in einer ansonsten intakten Oberfläche. Im Allgemeinen sind Dellen nicht vorübergehend. Da jedoch die Gesamtsituation so gut war (»Wachstum«), hätte diese Delle eine Ausnahme sein können, hoffte Rösler. Er hielt es daher auch nicht für nötig, tätig zu werden. Es steckt also ziemlich viel in dieser Formulierung. Nur nicht viel Wahrheit.

Menschen glauben alles Mögliche aus allen möglichen Gründen. Manche glauben, dass Elvis Presley noch lebt. Manche glauben, dass Kondensstreifen von Flugzeugen ein Zeichen dafür sind, dass eine geheime Weltregierung die Bürger mit Chemikalien manipuliert. Manche glauben, dass die Erde nicht älter als 10 000 Jahre ist und dass Gott die ganzen Fossilien vergraben hat, um unseren Glauben zu prüfen. Manche glauben, dass homöopathische Globuli Krankheiten heilen. Nicht immer wägen sie dabei sorgfältig das Beweismaterial ab. Sie glauben es aus Gründen, die mehr mit ihnen selbst zu tun haben als mit dem, was sie glauben. Manchmal ist das harmlos. Manchmal ist es eine Katastrophe. Ronald Reagan bat bei wichtigen politischen Entscheidungen einen Astrologen ins Weiße Haus. George W. Bush berief sich beim Einmarsch in den Irak auf »göttliche Intuition«. Humbug regiert die Welt.

Tobias Hürter

Über Tobias Hürter

Biografie

Tobias Hürter, Jahrgang 1972, studierte Philosophie und Mathematik in München und Berkeley. Er war Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und arbeitete als Redakteur beim MIT Technology Review und bei der ZEIT. Seit 2013 ist er stellvertretender Chefredakteur des Philosophiemagazins Hohe...

Max Rauner

Über Max Rauner

Biografie

Max Rauner, geboren 1970, promovierte in Quantenphysik und ist Redakteur bei ZEIT Wissen. Seit zwanzig Jahren schreibt er anschaulich, kritisch und unterhaltsam über Wissenschaftsthemen. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem »Georg von Holtzbrinck Preis für...

Medien zu »Schluss mit dem Bullshit!«

Pressestimmen

Bild der Wissenschaft

»Ein sehr empfehlenswertes Buch für kritische Denker und solche, die es werden wollen.«

Inhaltsangabe

Vorwort 

Bullshit für Anfänger 

Die Welt des Bullshit 

Beziehungen: Die Hölle des Smalltalk 

Werbung: »Du bist ein Eliteverkäufer!« 

Esoterik: Der spirituelle Supermarkt 

Psychotherapie: Schabernack mit der Seele 

Medizin: Die Heilkraft des Humbugs 

Religion: Von Spaghetti-Monstern und anderen höheren Wesen 

Politik: Heiße Luft für Frieden und Fortschritt 

Medien: Ein bisschen Todesangst im Schlepplift 

Wissenschaft: Scharlatane im Labor 

Wirtschaft: Top Performer mit Verständlichkeitsindex 0 

Bullshit für Profis – Strategien in einer Welt des Humbugs 

Danksagung 

Buchtipps und Quellen 

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