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Schlampen im Schlafsack

Schlampen im Schlafsack

Auf der Moomlatz-Route durch Südamerika

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Schlampen im Schlafsack — Inhalt

Kaum ist Iris Bahr von ihrer Entjungferungsreise durch Asien ins Gelobte Land zurückgekehrt, wartet auch schon das nächste Abenteuer auf die neurosengeplagte Zwanzigjährige: das Studium an einer Eliteuniversität in Neuengland. Doch alle Träume von heißen Affären mit gebildeten Jünglingen à la Club der toten Dichter sind schnell ausgeträumt. Egal, ob Alpha Phi Alpha, Hippiezirkel oder Unitherapeut, keine Spur von akademischer Nestwärme, ganz zu schweigen von hemmungslosem Sex. Und so bleibt nur ein Ausweg: Rucksack packen, treue Schulfreundin Talia anheuern und gemeinsam aufbrechen zur dreimonatigen MOOMLATZ Tour durch Peru, Ecuador und Kolumbien – auf der Suche nach Mr. Right in Südamerika.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.09.2015
Übersetzer: Andrea O'Brien
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98253-5

Leseprobe zu »Schlampen im Schlafsack«

Prolog
O Käpt’n, mein Käpt’n

 

Liebe Aufnahmekommission,

 

ich möchte Ihnen zunächst dazu gratulieren, dass Sie im renommierten, dicken, großen, blauen Guide to American Colleges mit fünf Sternen in den Kategorien »Akademische Qualität« und »Studentisches Leben« aufwarten können. Ich bin sicher, diese Bewertungen sind wohlverdient.
Ich bin immer sehr gerne zur Schule gegangen, und wie Sie an meinen Noten erkennen können, habe ich stets fleißig mitgearbeitet. Ihr akademisches Angebot ist der Hauptgrund für meine Entscheidung, mich bei Ihrer [...]

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Prolog
O Käpt’n, mein Käpt’n

 

Liebe Aufnahmekommission,

 

ich möchte Ihnen zunächst dazu gratulieren, dass Sie im renommierten, dicken, großen, blauen Guide to American Colleges mit fünf Sternen in den Kategorien »Akademische Qualität« und »Studentisches Leben« aufwarten können. Ich bin sicher, diese Bewertungen sind wohlverdient.
Ich bin immer sehr gerne zur Schule gegangen, und wie Sie an meinen Noten erkennen können, habe ich stets fleißig mitgearbeitet. Ihr akademisches Angebot ist der Hauptgrund für meine Entscheidung, mich bei Ihrer bewunderungswürdigen Institution zu bewerben. Außerdem habe ich mich in meinem Leben bisher etwas frustriert und unbehaust gefühlt, was ich zurückführe auf den schmutzigen und verletzenden Scheidungskrieg meiner Eltern, zwei stumpfsinnige Jahre Wehrdienst bei der israelischen Armee, meine Angst vor Männern und die hieraus resultierende jahrelange Unfähigkeit, Verkehr mit dem anderen Geschlecht zu haben. Damit will ich nicht etwa sagen, dass ich erfolgreich Verkehr mit meinen Geschlechtsgenossinnen gehabt hätte. Null Interesse. Nicht, dass ich das verurteilen würde. Laut dem dicken, großen, blauen Studienführer verfügen Sie über mehrere Lesbenclubs und -organisationen, und ich möchte Ihnen auch diesbezüglich mein Lob aussprechen.
Eine besondere Freude ist es mir, berichten zu können, dass ich meine Ängste in Sachen Geschlechtsverkehr dank meiner Abenteuer als Rucksacktouristin in Asien und mithilfe einer länglichen, dicken Gemüsepflanze überwinden konnte und dieser Tage eifrig und regelmäßig mit den verschiedensten willigen Partnern in Tel Aviv und Umgebung kopuliere.
Daher bin ich nun bereit für die nächste Phase der Entwicklung meiner ganz und gar UNKONVENTIONELLEN Weiblichkeit. Ich bin voll und ganz davon überzeugt, dass die Brown University der beste Ort für meine geistige, seelische und vor allem intellektuelle Ausbildung ist.
Danke im Voraus für Ihre positive Antwort. Glauben Sie mir, so eine wie mich kriegen Sie nicht alle Tage.
Mit freundlichen Grüßen
Iris (Iriehs) Bahr

 

Meine Aufnahmebestätigung trudelt einige Monate später ein. Ich weiß nicht genau, ob Ima* sich darüber tierisch freut oder zu Tode betrübt ist, denn sie behauptet, glücklich zu sein, rennt dabei aber heulend und schluchzend durch die Wohnung. Irgendwie verstehe ich sie ja. Sie hat die letzten sechs Monate damit zugebracht, meine Rückkehr aus Asien herbeizusehnen, und dann will ich, kaum zurück, erneut das Säcklein schnüren. Ganz richtig, ich plane, sie endgültig zu verlassen. Genauer, ich werde alles hinter mir lassen, und das für eine lange Zeit. Im Gegensatz zu meinen israelischen Kameraden, die ihr Studentenleben an der guten alten Uni von Tel Aviv (garstige Architektur aus den Fünfzigern, kombiniert mit stumpfsinnigen, verbitterten Studenten und ständigen Dozentenstreiks) fristen werden, damit auch die letzten Gehirnzellen zuverlässig absterben, mache ich mich vom Acker, um eine glänzende akademische Karriere an einer renommierten Ivy-League-Universität im idyllischen New England zu machen, wo mir attraktive intellektuelle Pulloverträger zu Füßen liegen und geistreiche Heidegger-Zitate zum Besten geben werden.

____________

* Ima: Mutter, Aba: Vater, Hypersexualisierte Neurotikerin: ich.

 

 

Der intelligenteste und zufällig auch noch athletischste Typ unter ihnen wird sich in mich verlieben, mit Paradise Lost in der Hand und mir im Arm auf nächtlichen Spaziergängen über den Campus schlendern, ich werde seinen Kaschmirpullover liebkosen, er mich küssen und mir ins Ohr hauchen, wie exotisch und weltgewandt, ja wie viel interessanter als diese langweiligen amerikanischen Mädchen er mich doch fände. Er wird über meine mühsam erworbenen sexuellen Talente staunen, wir werden in Begeisterung über die Wonnen unserer Zweisamkeit schwelgend Stunde um Stunde damit verbringen, zärtliche Blicke auszutauschen, und wenn ich seinen Heiratsantrag angenommen habe, kommt er mit nach Tel Aviv, wo meine Freunde seinen üppigen Haarschopf (die meisten israelischen Männer haben schon mit 25 eine Glatze, daher wimmelt es in unserem Land von Kahlköpfen mit Rückenpelz), seine phantastischen Zähne und sein tugendhaftes Nichtrauchertum bestaunen werden. Wir werden am Strand heiraten, eine Horde blitzgescheiter Kinder in die Welt setzen, und ich werde bis ans Ende meiner Tage zufrieden und von meinen Ängsten befreit mit ihm leben.
Meine Mutter kann mir nicht die Schuld an meiner Nestflucht geben, denn diese ganze Ivy-League-Idee entstammt dem Wunschdenken meines Vaters, der fest davon überzeugt ist, seine Tochter schulde es der Welt im Allgemeinen und ihm im Besonderen, das zu tun, »was er nie tun konnte«. Er hatte während seines Studiums sechzehn Nebenjobs und spielte eine tragende Rolle bei der Gründung des Staates Israel. Daher animierte er mich dazu, eine Auszeit von dem enttäuschend lahmen Wehrdienst zu nehmen und mich bei amerikanischen Universitäten zu bewerben. Ich fand die Idee großartig. Warum nicht? Ein Studium in Amerika, das klang doch super. Wo ich doch als Sergeant und frustrierte Pseudojungfrau so viel an Lebensfreude aufzuholen hatte.
Meine Nahentjungferungserfahrung hatte darin bestanden, einem marokkanischen Fallschirmspringer namens Patrick zu gestatten, sein Glied vom Umfang einer Suppendose einzuführen, was ich genau eine Sekunde aushielt und die Verwendung der Bezeichnung »Pseudo« erklären dürfte. Ich steckte deshalb inmitten einer hysterischen Krise epischen Ausmaßes, in der ich mich zwanghaft in potenzielle Begattungssituationen begab, nur um mir immer wieder zu bestätigen, dass ich den dazugehörigen Geschlechtsakt weder körperlich noch emotional vollziehen konnte. Wieso sollte ich etwas dagegen haben, dieses Muster hinter mir zu lassen und in etwas ganz Neues abzutauchen.
Mein Plan war es gewesen, zunächst auf einer Reise nach Asien meinen biologischen Tunnel in exotischer Umgebung freisprengen zu lassen. Direkt danach würde ich in Amerika die Früchte meiner asiatischen Bemühungen ernten und als abgeklärtes Luder mit meinem geistreichen Heideggerianer glücklich werden.
Ich hatte allerdings keine Ahnung, wie ich den zweiten Teil, also das mit meinem Auslandsstudium, bewerkstelligen sollte. Daher eilte ich nach einer besonders sexuell frustrierenden/hysterischen Nachtwache – na gut, eigentlich war sie wie alle anderen –, während der ich über zehn Stunden langweilige Geheimdienstmitteilungen abhörte und mich eine Warnmeldung darüber unterrichtete, dass der Iran wieder einmal Faxen machte, im Schweinsgalopp zum englischen Buchgeschäft in der Innenstadt Tel Avivs, das sich genau neben einer urinparfümierten Gasse befand,* und erwarb einen dicken kobaltblauen Studienführer mit dem vielversprechenden Titel Guide to American Colleges.
Aus dem dicken blauen Studienführer erfuhr ich, dass es »Partyschulen« und »Sicherheitsschulen« gab. Einige waren eher konservativ, andere wurden von Jesuiten geleitet, manche verfügten über frats, andere über crew teams (beides war mir unbekannt, klang aber herrlich proletarisch). Von allen Colleges, mit denen ich mich genauer befasste, hatte allerdings nur eines fünf Sterne für akademische Qualität und fünf Sterne für studentisches Leben erhalten. Laut Studienführer hätten »unkonventionelle« Bewerber an der Brown University größere Chancen als prüde und spießige Internatsschüler, die von den anderen, stockkonservativen Universitäten der Ivy League bevorzugt wurden. Sie hatte den Ruf, von allen Elite-Universitäten die Abgefahrenste und Innovativste, Lockerste, Gewagteste, kurzum, ein Paradies auf Erden zu sein. Die Brown University lag im beschaulichen Providence, Rhode Island. Ihr Campus sah echt klasse aus. Die umwerfende Architektur des Hauptgebäudes auf dem Hochglanzfoto erinnerte mich schwer an eine Szene aus Der Club der toten Dichter, wo Robert Sean Leonard nach dem Fiasko bei der Aufführung von Ein Mittsommernachtstraum aus dem Fenster springt.

____________

* Ich kann mit einigem Stolz berichten, dass eine Nase voll des umwerfenden Eau de Pissoir, das einem aus ausgewählten Gassen Tel Avivs entgegenschlägt, ein wahrhaft unvergessliches olfaktorisches Erlebnis ist. Im Gegensatz zu New York, wo die Pissbrise aus den Gassen mit Auszügen von Müll, Abgasen, Rattenkot und den menschlichen Ausdünstungen von Millionen durchsetzt ist, erwischt man in Tel Aviv, einer relativ kleinen, fast schon dorfähnlichen Stadt mit den Vorzügen einer Metropole, den Duft unverfälschter, reiner Harnessenz. Auf Gehwegen, denen die liebevolle Zuwendung eines Gartenschlauchs versagt blieb, entsteht in der feuchtwarmen Luft und sengenden Sonne des Mittleren Ostens ein besonders scharfer, beißender Gestank. Ich hoffe, die Stadt wird wegen dieser Errungenschaft dereinst in die Geschichte eingehen.

 

 

Flugs blätterte ich vor zu der Seite mit den Auswahlkriterien, die mich schlagartig ernüchterten. Zusätzlich zu Bestnoten mussten Bewerber mindestens drei völlig unterschiedliche, ungewöhnliche außerschulische Aktivitäten nachweisen. Was zum Teufel waren bitte außerschulische Aktivitäten? Meine Schule verfügte über keinerlei Zusatzangebote. Das Schulhaus bestand im Wesentlichen aus neun Asbestschuppen und einem Luftschutzbunker, der zugleich als Sporthalle diente. Die aufgelisteten Beispiele klangen allesamt sehr amerikanisch, wie Cheerleading (eine für Israelis völlig abwegige Vorstellung), Debattierclubs (Debattieren? Das machen wir auch, aber ohne Regeln und Teams, wir folgen einfach unserem Überlebensinstinkt). Sex war während meiner Schulzeit noch viel zu angstbesetzt, gehörte also damals noch nicht zu meinen außerschulischen Aktivitäten. Ich verbrachte meine Freizeit in einem Punkclub namens The Penguin und pflegte eine innige Beziehung zu meiner Freundin Ronit. Ronit und ich hatten als einzige Clubbesucher unsere natürliche Haarfarbe behalten, nahmen keine Drogen und wurden von unseren Müttern gebracht und abgeholt.
Wie sollte ich es nur mit engagiert debattierenden Cheerleadern aufnehmen? Moment mal, ich hatte da doch noch den Wehrdienst im Ärmel! Das war doch eine außerschulische Aktivität, oder? Ich könnte »Soldatin der israelischen Armee« auf dem Bewerbungsbogen angeben. Aber dann halten die mich vielleicht für eine fanatische hypermilitaristische Israeli, die nur davon träumt, einige Busse anzumieten und alle Palästinenser nach Fès oder, schlimmer noch, nach Detroit umzusiedeln. Na gut, manchmal träume ich schon davon.
War ’n Witz!
Na ja …
Nein, wirklich. So was träume ich nie. Ich bin für friedliche Koexistenz. Die Zweistaatenlösung. Für alles, was richtig und gut ist. Außerdem lenkt das nur vom eigentlichen Thema ab, hier geht es nämlich um mich. Und mein Leben. Und den Anfang eines ganz neuen Kapitels darin.
Warum finde ich die Vorstellung, alles hinter mir zu lassen, so aufregend? Und dabei so beruhigend? Die meisten wären doch traurig, ihre Familie, Freunde und Heimat zu verlassen. Ich habe mein Zuhause aber nie als solides Fundament betrachtet, sondern immer nur als Stressfaktor. Wenn das Bekannte einen nur anödet, ist das Unbekannte immer eine Verbesserung.

 

 

Providence

 

1
Eine Stange Kents, bitte

 

Aba schlägt vor, dass ich mit Ima nach New York fliege und wir von dort alle zusammen mit dem Auto nach Providence fahren. Die Vorstellung, gemeinsam mit meiner Mutter und meinem Vater in einem Auto zu sitzen, bereitet mir großes Unbehagen. Ich erinnere mich noch gut, aber ungern daran, wie ich als Kind auf der Rückbank des riesigen schwarzen Crown Vic meines Vaters saß.* Die mit grauem Stoff bezogenen und mit Brandlöchern übersäten Sitze rochen aus irgendeinem Grund nach Kirschen, meine Eltern rauchten Kents und stritten wie zwei Verrückte. An mehr kann ich mich tatsächlich nicht erinnern. Sie stritten und rauchten. Manchmal rauchten sie auch nur. Doch niemals stritten sie sich, ohne dabei zu rauchen.
Besonders angespannt war die Situation, wenn wir am Wochenende zu meinem geistig schwerbehinderten Bruder fuhren, der in einem Heim auf dem Land untergebracht war. Dann hatte ich nicht nur Angst vor den Streitereien meiner Eltern, sondern auch vor dem Treffen mit meinem Bruder. Er war in einem der vielen kleinen Steinhäuschen des Heimes untergebracht. Die Räume waren mit gelbem Linoleum ausgelegt, es roch nach Orangensaft, schmutzigen Windeln und menschlichem Leid. Die Begegnung mit den anderen Kindern seiner Wohneinheit verstörten mich zutiefst. Einige versetzten sich selber brutale Schläge, andere starrten mich mit befremdlichen Blicken an, wieder andere schrien und stöhnten. Mein Bruder ließ nichts davon aus. Genau deshalb musste ich immer weinen. Eigentlich sollte man meinen, mit zunehmendem Alter würde man sich daran gewöhnen und weniger heulen, aber je älter ich wurde, desto mehr Tränen vergoss ich. Vielleicht lag es daran, dass ich reifer wurde und das tragische Ausmaß seiner Situation besser verstehen konnte.

____________

* Seinerzeit übrigens die größte Limousine am Markt. Den europäischen Lesern, die sich nicht näher mit amerikanischen Automobilen beschäftigt haben, weil sie sich lieber in ihre winzigen Peugeots, Seats, Fiats und wie sie alle heißen, quetschen, diese Spielzeugautos, die man in seiner Küche parken kann, ebendiesen möchte ich erklären, dass der Crown Victoria ein Meisterwerk des amerikanischen Autowahns ist und zur Basisausstattung eines jeden Cops in New York und Umgebung gehört.

 

 

Wenn wir nach richtig nervenzehrenden Besuchen, bei denen mein Bruder mantraartige Schreie ausstieß und weder Ima noch Aba ihn beruhigen konnten, wieder in den Crown Vic stiegen, gingen meine Eltern mit der geballten Ladung Trauer, Wut, Frust, Hilflosigkeit und Schuldgefühle aufeinander los und ließen während der gesamten Fahrt nicht voneinander ab.
Aber wäre es nicht an der Zeit, diese Erinnerungen ein für alle Mal hinter sich zu lassen? Momentan verstehen sich meine Eltern blendend, so blendend, dass es mich total ankotzt. Vielleicht kann mir mal jemand erklären, warum Eltern, die sich während der prägenden Jahre eines Kindes gegenseitig bis aufs Äußerste verletzen, nichts Besseres zu tun haben, als sich zu verzeihen und zu vertragen, sobald dieses Kind der empfindsamen Phase entwachsen und gegen die seelische Grausamkeit derlei elterlicher Zwistigkeiten gefeit ist? Warum werden sie erst dann die dicksten Freunde, ja verbringen sogar ihre Freizeit miteinander und mit ihren jeweiligen neuen Partnern, wenn das Kind bereits völlig gestört ist? Und warum lassen sie es dann zu allem Überfluss mit den seelischen Wunden allein, die sie ihm während der kritischen Jahre zufügten? Wozu mache ich mir also jetzt noch darüber Gedanken? Ich bin doch kein kleines Kind auf der Rückbank mehr.
Ich bin das große Kind auf der Rückbank.
Und leider fährt mein Vater immer noch einen Crown Vic, was unter Umständen einen pawlowschen Reflex auslösen könnte.

 

Ima und ich sind gerade in Tel Aviv ins Flugzeug gestiegen und kämpfen uns durch den unverhältnismäßig engen Gang zu unseren Sitzen vor, da bricht in meinem Kopf das nächste Erinnerungsgewitter los. Vor zehn Jahren hatten wir beide uns schon einmal in einem ähnlichen Flieger befunden, als wir Amerika verließen und nach Israel auswanderten. Seitdem hat sich vieles verändert. Erstens muss ich nicht mehr in der Raucherabteilung sitzen. Und ich sehe nicht mehr aus wie ein Junge. Damals, vor unserem Neuanfang im Heiligen Land, hatte mich meine Mutter zum Friseur geschickt. Ich bekam höchst selten einen neuen Haarschnitt verpasst, denn meine Haare hatten schon früh beschlossen, nur auf Schulterlänge zu wachsen. Meine Frisur hatte sich seit meinem sechsten Lebensjahr nicht verändert, und deshalb gebot ich Carlo, dem Coiffeur, dessen männliche Geschlechtsteile sich in seiner engen Hose als eindeutig weiblicher Kamelfuß abzeichneten, er solle meine Haare einfach ratzekurz schneiden. Er gehorchte.
Der Tag unserer Abreise war schließlich gekommen, unser Hab und Gut hatte man nach Israel verschifft, eine Wohnung war auch schon hergerichtet. Wir mussten nur noch in den Flieger steigen und heil in der neuen Heimat ankommen. So nahmen ich, Ima und mein Kater Porsche ein Taxi zum Flughafen. Porsche war mindestens genauso begeistert, aus der Bronx herauszukommen, wie ich, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, denn während der letzten Jahre hatte er nicht einmal die rar gesäten Freuden des Katerdaseins, nämlich rumzuliegen und nicht nachzudenken, genießen können. Stattdessen hatte er täglich dieselbe Tortur aushalten müssen, die aus Heulen, Keifen, Aussöhnung mit Umarmung, erneutem Keifen, Tobsuchtsanfällen und ähnlichen Dramen bestand. Er musste außerdem als mein engster Vertrauter, Trostkissen und bester Freund herhalten. Unser Aufbruch kam also keinen Augenblick zu früh – einen Tag länger in der Hölle unseres Familienlebens, und wir hätten ihn, alle viere von sich gestreckt, mit einem Abschiedsbrief im Katzenklo gefunden.
Porsche besaß ein extrem spitz zulaufendes Kinn, einen schlanken Körper und eine erschreckend menschliche Art, sich mitzuteilen. Mit seinem lang gezogenen Miauen klang er wie ein armer Nebbich oder wie Woody Allen nach einem Schlag in die Magengrube.
So entzückt er auch über unseren Aufbruch in ein besseres Leben war, so unglücklich machte ihn sein kleiner Reisekäfig, in dem er den ganzen Weg zum Flughafen vor sich hin jammerte. Endlich angekommen, präsentierte ich ahnungslose Zwölfjährige der Frau am Schalter den Käfig mitsamt Inhalt. Sie erkundigte sich, ob der Kater ein Beruhigungsmittel erhalten habe. Ich verneinte und informierte sie, unser Tierarzt habe uns versichert, darum werde sich das Flughafenpersonal kümmern. Sie beäugte mich, als wäre ich eine Erwachsene. Eine unterbelichtete Erwachsene. Meine Mutter stand rauchend und wild gestikulierend hinter mir. Ich versuchte zwar, sie zu beruhigen, doch im tiefsten Inneren stand ich selber kurz vorm Ausflippen und war daher kaum in der Lage dazu. Die herzlosen Kreaturen von der Fluggesellschaft drohten, Porsche wie ein Gepäckstück zu verstauen, weil sie keine Beruhigungsmittel hatten. Unterdessen schwoll sein klagendes Miauen an und fand schließlich in einem herzzerreißenden Stöhnen seinen Höhepunkt, das jeweils zwanzig Sekunden lang andauerte. Der einzige Ausweg bestand darin, auch für Porsche ein Flugticket zu kaufen. Meine Mutter, die gute Seele, eilte zum Schalter und bezahlte.
Als wir endlich in den Flieger stiegen, war die Maschine bereits so gut wie voll. Schwitzend und begleitet von Porsches mittlerweile noch gequälteren Stöhngeräuschen, kämpften meine Mutter und ich uns den Gang entlang. Ich betete inständig, er möge sich entspannen, wenn wir erst einmal unsere Plätze erreicht hätten, damit ich mich ungestört meiner Lieblingsbeschäftigung beim Fliegen widmen könnte: mich hinter der Kotztüte zu fragen, wieso die anderen Passagiere sich eigentlich nicht übergeben mussten. Ich stellte Porsche neben dem Fenster ab und öffnete die winzige Tür, um ihn ein wenig zu streicheln. Er fauchte ein eindeutiges »Lass mich in Ruhe, du dumme Nuss«, und ich zog meine Hand schnell wieder zurück. In der Hoffnung, die Dunkelheit würde ihn beruhigen, bedeckte ich den Käfig mit meinem Pullover, doch sein Jammern ließ nicht nach.
Das Flugzeug rollte auf die Startbahn und beschleunigte, ich hielt mir die Tüte vors Gesicht und warf meiner Mutter einen Blick zu. Sie war kreidebleich. Die Anstrengungen der letzten drei Stunden und Jahre hatten sie emotional derart ausgelaugt, dass ich befürchtete, sie würde vom Sitz rutschen wie eine glitschige Nudel. Ich wünschte nichts sehnlicher, als dass dieser schreckliche Flug endlich vorbei sein möge, doch uns standen noch elf Stunden bevor.
Das entsetzliche Stöhnen hörte nicht auf. Die Frau hinter uns erkundigte sich nach dem Wohlergehen unseres Babys. Ja, die Leute dachten wirklich, wir hätten ein Baby dabei. Was das für ein Baby sein sollte, war mir nicht klar, doch die Laute, die da unter dem Sweatshirt erklangen, stammten definitiv nicht von einer Katze.
Das Jammern, Miauen und Greinen ging stundenlang weiter und wurde zunehmend schriller. Irgendwann war meine Mutter auf wundersame Weise eingeschlafen. Ihr Körper hatte wohl vor lauter Anspannung einen totalen Erschöpfungszustand erreicht und sich einfach abgemeldet, wohingegen ich in der Wachphase der Anspannung stecken geblieben war. Ich hielt das nicht mehr aus. Kurzerhand beschloss ich, Porsche aus seinem Käfig zu befreien und ihn zu einer Verschnaufpause mit auf die Toilette zu nehmen. Ich hob seinen völlig überhitzten Körper behutsam aus dem Käfig und kuschelte ihn eng an meine Brust. Er hechelte wie ein Hund, und in seinen Augen las ich: »Ich hasse fliegen.« Schnell torkelte ich in Richtung Bordtoilette und hatte die Hand schon zur Tür ausgestreckt, da ertönte hinter mir eine laute Stimme.
»JUNGER MANN!«
Ich lief unbeirrt weiter. Wahrscheinlich so ein chassidischer Jude, der sich über einen von Selbsthass zerfressenen Israeli auf dem Gangplatz hermacht.
»JUNGE! BLEIB STEHEN!«
Ich öffnete die Tür zur Toilette, Porsches Erlösung stand kurz bevor, bald würde er einige Schritte gehen und sich ein wenig von seinem schrecklichen Gefängnis erholen können.
»JUNGE! BLEIB SOFORT STEHEN! WEG VON DER TOILETTE!«
Ich drehte mich um. Vor mir stand der Chefsteward, ein schlaksiger, aber gestrenger Typ mit militärischen Anwandlungen. Er starrte mich an, als hielte ich eine Bombe in den Armen.
Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich trug kurzes Haar. Sehr kurzes Haar. Von hinten sah ich aus wie ein Junge. Wie ein fieser Bombenleger.

Iris Bahr

Über Iris Bahr

Biografie

Iris Bahr, geboren in der New Yorker Bronx, zog mit 12 Jahren mit ihrer Mutter nach Israel. Zum Studium kehrte sie in die USA zurück und absolvierte eine Schauspielausbildung in New York. Seit 2000 ist sie regelmäßig in TV-Rollen zu sehen (»King of Queens«, »Friends«). Mit ihrem preisgekrönten...

Pressestimmen

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Südamerikanische Feuchtgebiete – Selbstironisch, bisweilen selbstentblößend, schreibt Iris Bahr, die in den Vereinigten Staaten lebt und dort als Komikerin und Schauspielerin arbeitet, über ihre Abenteuer in Peru, Ecuador und Kolumbien. Trocken und frech kommentiert sie ihre Romanzen, garniert mit leichten Drogen und einer lebensbedrohlichen Magen-Darm-Verstimmung.«

Leipziger Volkszeitung

»So geht es auch diesmal vor allem um erotische Abenteuer. Bahrs Verführungstalent ist der souveräne Umgang mit Klischees. (…) Nebenbei geht es um Freundschaft, Ängste und die Suche nach einer Art Glück. Dies ist leichtfüßige Unterhaltung, Reise-Comedy für den kleinen Hunger zwischendurch.«

Hamburger Abendblatt

»Ein bisschen ›Feuchtgebiete‹, ein bisschen Mario Barth.«

Grazia

»Eine köstliche Grenzerfahrung.«

(SZ) Iris Bahr ist wieder unterwegs

Witzmaschinengewehrfeuer

Joy

»Ihre neue, irrsinnig komische Story über ihr US-Studium und die Reise nach Südamerika (inklusive tabulosem Sex) ist fast noch besser!«

FRIZZ

Kurzweilig, frech, voller Komik.

hallo-buch.de

Mehr als nur ein vergnüglicher Reiseroman.

Jüdische Zeitung

»Außerdem besitzt Iris Bahr die überaus seltene Gabe, absolut hinreißende Standup-Comedy zu inszenieren und scheinbar mühelos eine Pointe an die andere zu reihen, und damit gesellschaftliche oder politische Missstände ebenso elegant und sensibel bloßzustellen wie eigene psychische Defizite.«

Inhaltsangabe

Prolog

O Käpt’n, mein Käpt’n

Providence

1 Eine Stange Kents, bitte

2 Am Boden

3 Gouda to go

4 Klappe halten, Schlüssel her!

5 Wo ist Jane Fonda, wenn man sie braucht?

6 Imaginäre Gesellschaften

7 TOUCH ME, TOUCH ME NOW

8 Seife

9 Matte Birne

10 Raus hier wie Vladimir

11 Pastrami auf Roggenbrot

Peru

12 Im Schneckentempo ins Abenteuer

13 Onkel Shmulike

14 Wären wir doch zu Hause geblieben

15 Lecktuch 16 Gib’s mir!

7 Es begann in Afrikaaaaa

18 Au weh, Gustavo!

19 Mit Schmackes

20 Echt jetzt?

21 Käsemaukenexpress

22 Machu Schutthaufen

23 Stampfkartoffeln und Magerquark

24 Maria voll der Gnade

Ecuador

25 LORDY LORDY LORDY

26 Warum fragst du?

27 Tiere zum Anbeißen

28 Abres Los Ojos

29 NO.

Kolumbien

30 Am Abgrund

31 Poetry in Motion

32 Schuh-In

33 Frischluftklasse

34 Gebratene Möpse

35 Kolumbianische Grippe

36 Wie ein Fels in der Brandung

37 Bei Mama Petrelli

38 Löffelstellung

39 Das hatten wir doch schon mal

40 Eine Seele aus Teflon

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