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Schildkrötensommer

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Schildkrötensommer — Inhalt

Die Fortsetzung des New York Times-Bestsellers »Sommermädchen« - ein zauberhafter Roman über die Kraft der Familienbande

Es ist ein Bilderbuchsommer auf Sullivan’s Island. Doch trotz Sonne, Meer und Wind ist Dora verzweifelt. Nach all den Jahren, in denen sie bemüht war, die perfekte Ehefrau und Mutter zu sein, hat ihr Mann die Scheidung eingereicht. Nun ruht die Sorge um ihren autistischen Sohn allein auf ihren Schultern. Natürlich stehen die Großmutter, die Schwestern und die wunderbare Haushälterin Lucille Dora zur Seite, aber letztendlich kann nur sie selbst sich helfen. Zumal die Schwestern so ihre eigenen Probleme haben: Carson kommt aus Florida zurück und muss eine lebensverändernde Entscheidung treffen und ein unerwarteter Besucher lässt Harper ihr bisheriges Leben überdenken.

Erschienen am 01.07.2016
Übersetzer: Christine Heinzius
512 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1065-2
Erschienen am 01.07.2016
Übersetzer: Christine Heinzius
464 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7716-5

Leseprobe zu »Schildkrötensommer«

1
Sea Breeze, Sullivan’s Island, South Carolina
Man sagt, der Juli sei in Charleston der heißeste Monat des Jahres, und nachdem sie achtzig Sommer in den Südstaaten ertragen hatte, konnte Marietta Muir, oder Mamaw, wie ihre Familie sie liebevoll nannte, nur zustimmen. Sie tupfte elegant Oberlippe und Stirn mit ihrem Taschentuch ab, dann wedelte sie einen aufdringlichen Moskito weg. Sommer in den Südstaaten bedeutet Hitze, Feuchtigkeit und Krabbeltiere. Aber draußen auf Sullivan’s Island im Schatten einer Lebenseiche zu sitzen, Eistee zu trinken und auf [...]

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1
Sea Breeze, Sullivan’s Island, South Carolina
Man sagt, der Juli sei in Charleston der heißeste Monat des Jahres, und nachdem sie achtzig Sommer in den Südstaaten ertragen hatte, konnte Marietta Muir, oder Mamaw, wie ihre Familie sie liebevoll nannte, nur zustimmen. Sie tupfte elegant Oberlippe und Stirn mit ihrem Taschentuch ab, dann wedelte sie einen aufdringlichen Moskito weg. Sommer in den Südstaaten bedeutet Hitze, Feuchtigkeit und Krabbeltiere. Aber draußen auf Sullivan’s Island im Schatten einer Lebenseiche zu sitzen, Eistee zu trinken und auf die gelegentliche Brise vom Meer zu warten, war für sie der Inbegriff von Sommer. Sie seufzte tief. Die alte Eiche breitete ihre mächtigen Zweige so weit aus, dass Marietta sich in ihrer schützenden Umarmung geborgen fühlte. Doch heute Morgen war die Luft besonders träge, so dick und schwer von Jasminduft, dass sie darum kämpfen musste, die Augenlider offen zu halten. Eine Windbö vom Ozean brachte süßen Grasduft und kühlte die feuchten Haare in ihrem Nacken.
Sie legte ihre Stickarbeit auf den Schoß, um die Brille abzunehmen und sich die Augen zu reiben. Sie verfluchte das Alter. Es wurde immer schwerer, die Stiche zu erkennen, dachte sie seufzend. Sie schaute zu Lucille, die neben ihr hinter dem Fliegengitter auf der Veranda des Gästehauses saß, das Lucilles Zuhause war. Sie sah ihre Freundin über das Gestell eines Mariengraskorbs gebeugt, ihre kräftigen Hände webten die zerbrechlichen Stränge zu einem Muster und beendeten jede Reihe mit robusten Palmwedeln. Ein kleiner Stapel Mariengras lag auf ihrem Schoß und ein großer Haufen in einer Plastiktüte zu ihren Füßen, neben einer Tüte mit langen Piniennadeln.
Als sie zuschaute, wie die Hände ihrer langjährigen Gefährtin liebevoll die so unterschiedlichen Gräser zu einem Objekt der Schönheit verwoben, erinnerte sich Marietta an die dringende Aufgabe ihres Sommers: ihre drei sehr unterschiedlichen Enkeltöchter wieder an Sea Breeze zu binden. Ihre Sommermädchen.
Mamaw seufzte leise. Sie waren ja nun keine Mädchen mehr. Dora war sechsunddreißig, Carson dreiunddreißig und Harper achtundzwanzig – Frauen allesamt. Damals, als sie junge Mädchen waren und die Sommer gemeinsam verbracht hatten, hatten sie einander so nahegestanden wie Schwestern. Über die Jahre waren sie sich jedoch zunehmend fremd geworden. Halbschwestern, korrigierte Marietta sich, der Unterton ließ sie schaudern. Als wären die Frauen einander weniger verbunden, weil sie sich nur den Vater teilten. Schwestern waren Schwestern und Blut dicker als Wasser. Sie hatte es geschafft, alle drei Frauen im Juni für den Sommer zusammenzutrommeln, aber jetzt war es erst Anfang Juli und Carson war bereits weg, in Florida, während Dora ihre Rückkehr nach Summerville vorbereitete. Und Harper … die New Yorkerin konzentrierte sich auf den Norden.
»Ich frage mich, ob Carson schon in Florida angekommen ist«, sagte Lucille, ohne aufzusehen. Ihre Finger bewegten sich unablässig, flochten Reihe um Reihe.
Mamaw lächelte leicht, als sie merkte, dass Lucilles Gedankengänge und ihre parallel liefen … wieder mal. Lucille war vor gut fünfzig Jahren als Haushälterin angestellt worden, damals als Marietta eine junge Ehefrau in Charleston gewesen war. Sie hatten ein Leben voller Aufs und Abs, voller Geburten, Todesfälle, Skandale und Freuden geteilt. Jetzt, als alte Frauen, war Lucille von einer Angestellten mehr und mehr zu einer Vertrauten geworden. Tatsächlich war Lucille ihre engste Freundin.
»Ich habe mich gerade dasselbe gefragt«, erwiderte Mamaw. »Ich denke, sie ist angekommen und checkt gerade im Hotel ein. Ich hoffe, dass sie nicht allzu lange wegbleibt.«
»Das wird sie nicht. Carson weiß, wie wichtig dir dieser Sommer ist, und sie wird zurückkommen, sobald sie erfahren hat, was mit diesem Delfin geschehen wird«, sagte Lucille. Sie ließ ihren Korb auf den Schoß sinken und schaute Mamaw direkt in die Augen. »Carson wird dich nicht enttäuschen. Du musst nur daran glauben.«
»Das tue ich«, sagte Mamaw unbeirrt. »Aber ich bin alt genug, um zu wissen, dass das Leben einem gern die schönsten Pläne durchkreuzt. Ich meine, mal ehrlich«, sagte Mamaw und hob frustriert die Hände. »Wer hätte schon vorhersehen können, dass ein Delfin all meine Sommerpläne auf den Kopf stellen würde?«
Lucille kicherte, ein dunkles, kehliges Geräusch. »Ja, das hat sie auf jeden Fall. Diese Delphine …« Lucilles Lächeln verschwand beim Klang des Namens. »Aber es war ja nicht ihre Schuld, stimmt’s? Ich hoffe wirklich, dass sie der Armen in Florida helfen können.«
»Das hoffe ich auch. Für Delphine und für Carson.« Sie hielt inne. »Und für Nate.« Sie machte sich Sorgen, weil Doras Sohn sich den Unfall des Delfins so sehr zu Herzen nahm. Er war noch ein kleiner Junge und gab sich die ganze Schuld daran, den Delfin an ihren Bootssteg gelockt zu haben, wo sich das Tier in einer Angelleine verheddert hatte. In Wahrheit hatten sie alle Schuld. Niemand mehr als sie selbst.
»Für uns alle«, ergänzte sie.
»Amen«, stimmte Lucille trocken zu. Sie machte eine Pause, um Grasstückchen in den Wind zu fegen. »Mach dir keine Sorgen, Miz Marietta. Alles wird gut. Das spüre ich. Du wirst schon bald wieder all deine Sommermädchen in Sea Breeze haben.«
»Hi, Mamaw! Lucille!« Eine Stimme von der Auffahrt unterbrach das Gespräch der beiden alten Frauen.
»Da kommt schon eine«, murmelte Lucille und wandte sich wieder ihrem Korb zu.
Marietta drehte sich um und lächelte ihrer jüngsten Enkelin Harper zu, die auf sie zugelaufen kam, in einem dieser dünnen, hautengen Lauftrikots, die für Marietta wie eine zweite Haut aussahen. Ihre roten Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und Schweiß lief über ihr rotes Gesicht.
»Harper!«, rief Mamaw mit einem raschen Winken aus. »Meine Güte, Kind, du läufst um diese Uhrzeit? Nur Touristen sind dumm genug, in der prallen Sommersonne zu laufen. Du bekommst noch einen Hitzschlag! Dein Gesicht ist knallrot!«
Harper blieb unten an der Verandatreppe stehen und beugte sich mit den Händen in den Hüften vor, um Luft zu schnappen. »Ach, Mamaw, mir geht’s gut«, sagte sie keuchend und wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. »Ich mache das jeden Tag.«
»Nun, du siehst aus, als würdest du gleich umkippen.«
»Es ist heute wirklich heiß«, gab Harper lächelnd zu. »Aber mein Gesicht wird immer rot. Das liegt an meiner hellen Haut. Ich habe Unmengen von Sonnencreme aufgetragen.«
Lucille schnalzte mit der Zunge. »Denk dran, Wasser zu trinken, hörst du?«
»Warum springst du nicht in den Pool und kühlst dich ein bisschen ab? Du siehst aus, als hättest du einen Badeanzug an …« Mamaw verstummte, sie fächelte sich Luft zu, während sie sprach. Ihr wurde heiß vom bloßen Anblick von Harpers rotem Gesicht und dem Schweiß, der von ihrer Kleidung tropfte.
»Gute Idee«, erwiderte Harper, winkte kurz und ging zur Haustür. Sie drehte sich um und rief: »Hübscher Korb, Lucille!«, bevor sie im Haus verschwand.
Lucille kicherte und konzentrierte sich wieder aufs Flechten. »Nur Junge können so rennen.«
»Ich bin nie so gerannt, als ich jung war!«, sagte Mamaw.
»Ich auch nicht. Wer hatte dafür schon Zeit?«
»Keine Zeit und ganz sicher nicht so gekleidet. Wie die Mädchen heute herumlaufen. Dieser Aufzug lässt der Fantasie nicht mehr viel Spielraum.«
»Oh, ich wette, er regt die Fantasie der jungen Männer durchaus an«, sagte Lucille und kicherte wieder.
Mamaw schnaubte. »Welcher jungen Männer denn? Ich verstehe einfach nicht, warum niemand sie anruft. Ich habe mich darum gekümmert, dass man sie auf ein paar Partys in der Stadt eingeladen hat. Da war diese nette Schiffsfahrt in Sissys Yachtclub … Mehrere geeignete junge Männer waren da.« Mamaw schüttelte den Kopf. »Harper ist so ein hübsches Mädchen, mit guten Manieren.« Sie hielt inne. »Auch wenn ihre Mutter Engländerin ist.« Mamaw nahm ihre Stickerei zur Hand und fügte neckisch hinzu: »Ihr Vater stammte schließlich aus Charleston.«
»Oh, ich würde nicht sagen, dass es an Interessenten gemangelt hat …«, sagte Lucille und webte weiteres Gras in ihren Korb.
Mamaw kniff die Augen skeptisch zusammen. »Nicht?«
Lucilles Augen blitzten wissend. »Ich weiß zufällig, dass mehrere junge Männer nach unserer Miss Harper gefragt haben, seit sie hier ist.«
»Tatsächlich?« Mamaw kochte innerlich, sie fragte sich, warum ihr das niemand gesagt hatte. Sie mochte es nicht, als Letzte Bescheid zu wissen, ganz besonders, wenn es um ihre Enkelinnen ging. Sie griff nach der Zeitung Island Eye und fächelte sich damit Luft zu. »Man sollte meinen, dass mir das jemand erzählt hätte.«
Lucille zuckte mit den Schultern.
Mamaw ließ die Zeitung sinken. »Nun … warum hat sie dann keine Rendezvous? Ist sie schüchtern?«
»Unsere Harper ist vielleicht ein ruhiges, kleines Ding, aber sicher nicht schüchtern. Dieses Mädchen hat ein Rückgrat aus Stahl. Schau dir doch nur an, wie sie konsequent Fleisch, weißes Brot oder alles, was ich mit Bacon koche, vermeidet.«
Mamaws Mundwinkel bogen sich nach oben, sie erinnerte sich an den Streit beim ersten Abendessen mit Harper in Sea Breeze. Harpers strenge Diät hatte Dora fast in den Wahnsinn getrieben.
»Sie ist erst seit einem Monat hier«, fuhr Lucille fort. »Und sie bleibt nur noch zwei. Sie hat einfach kein Interesse, das ist alles. Ist das so verwunderlich? Bei all dem, was ihr durch den Kopf geht, nehme ich an, dass ein Rendezvous mit einem jungen Mann ganz unten auf ihrer Prioritätenliste steht.«
Mamaw schaukelte schweigend. Alles, was Lucille gesagt hatte, stimmte. Es schien, dass in diesem Sommer jeder in Sea Breeze etwas auf dem Herzen hatte – sie selbst auf jeden Fall. Der Sommer verging wie im Flug, und wenn sie keine Möglichkeit fand, wieder eine Beziehung zwischen ihren Enkeltöchtern herzustellen, dann würde Sea Breeze im September verkauft, die Mädchen wären wieder in alle Winde verstreut, und sie würde auf dem Steg sitzen und den Herbstmond anheulen.
Vorigen Mai hatte Mamaw ihre drei Enkelinnen, Dora, Carson und Harper, eingeladen, um ihren achtzigsten Geburtstag in Sea Breeze zu feiern. Sie hatte dabei jedoch einen Hintergedanken. Im Herbst würde Marietta Sea Breeze zum Verkauf anbieten und in ein Altenheim ziehen. Das Inselhaus war zu arbeitsintensiv, selbst mit Lucilles Hilfe konnte sie nicht mehr allein dort leben. Ihre Hoffnung war, dass alle drei Frauen, wenn sie erst einmal hier waren, zustimmen würden, den gesamten Sommer über zu bleiben. Sie wollte, dass sie in diesem letzten Sommer wieder ihre Sommermädchen würden – so wie damals als Kinder –, bevor Sea Breeze verkauft würde.
Zahllose frühere Einladungen waren über die Jahre von allen Mädchen mit x verschiedenen Entschuldigungen abgelehnt worden – Ich würde so gerne kommen, aber ich habe viel zu tun, ich muss arbeiten, ich bin nicht da –, jedes Mal komplett mit Bekundungen der Enttäuschung und vielen Ausrufezeichen.
Dieses Mal hatte Mamaw darauf vertraut, dass ihre Enkelinnen etwas Piratenblut von ihrem Urahn geerbt hatten und hatte sie mit dem Versprechen von Beute aus dem Hausrat zu sich gelockt. Und die kleinen Schätze waren gekommen, wenn auch nur für ein Partywochenende. Da Mamaw sie unbedingt auf der Insel behalten wollte, hatte sie ihnen mit Enterbung gedroht, sollten sie nicht für den gesamten Sommer bleiben. Sie gluckste vor Lachen, als sie an ihre geschockten Gesichter dachte.
Carson hatte gerade ihren Job verloren und war total begeistert, den Sommer mietfrei auf der Insel zu verbringen. Dora steckte mitten in ihrer Scheidung und war leicht zu überreden, mit Nate in Sea Breeze zu bleiben, während ihr Haus in Summerville repariert wurde. Harper jedoch hatte einen Wutanfall bekommen. Hatte von Erpressung gesprochen.
Mamaw rutschte entrüstet auf dem Stuhl hin und her. Erpressung, also wirklich. Harper konnte so theatralisch sein, dachte sie und verdrehte die Augen. Sicher gab es einen eleganteren, sanfteren Ausdruck für die Maßnahmen einer besorgten und liebenden Großmutter, die ihre Enkeltöchter zusammenbringen wollte? Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie hatten schließlich alle zugestimmt, den Sommer hier zu verbringen, nicht wahr?
Aber jetzt war erst Mittsommer und Carson war schon abgereist – auch wenn sie versprochen hatte, schnell zurückzukommen –, während Dora bereits einen Fuß aus der Tür setzte.
Mamaw schloss die Augen und genoss eine weitere, beruhigende Meeresbrise. Ihre Mission konnte nicht schiefgehen. Achtzig Jahre waren ein langes Leben. Sie hatte den Verlust ihres Ehemannes und ihres einzigen Kindes überlebt. Alles Wichtige, das ihr noch geblieben war, waren diese drei kostbaren Juwelen, ihre Enkelkinder. Mamaw ballte ihre Hände zu Fäusten zusammen. Und komme, was wolle – selbst Wutanfälle –, sie würde ihnen diesen einen, perfekten Sommer bieten. Ihre heimliche Angst war, dass die zerbrechliche Verbindung zwischen den Schwestern zerreißen würde, wenn Sea Breeze verkauft und sie selbst im Altenheim wäre und dass sie wie diese Mariengrasstückchen, die lose aus Lucilles Korb fielen, in alle Himmelsrichtungen verstreut würden.
»Da kommt die Nächste«, sagte Lucille leise und deutete mit dem Kinn auf Dora, die um die Hausecke bog.
Mamaw musterte ihre älteste Enkelin kritisch. Dora trug ein kakifarbenes Kostüm und eine Bluse im hellgelben Farbton ihrer Haare. Als Dora näher kam, bemerkte Mamaw, dass sie Nylonstrümpfe und Pumps trug. Bei dieser Hitze! Sie sah bereits Schweißperlen von Doras Gesicht tropfen, während sie einen Koffer hinter sich her über den Kies der Auffahrt zum silberfarbenen Lexus zog.
»Dora! Fährst du weg?«, rief Mamaw.
Als sie ihren Namen hörte, blieb Dora abrupt stehen und drehte sich zum Gästehaus um.
»Hallo, Ladies«, rief sie und winkte, als sie die zwei Frauen nebeneinander auf der Veranda sitzen sah. »Ja«, antwortete sie und legte ein Lächeln auf, das ihre Augen nicht erreichte. »Ich muss mich beeilen, um pünktlich bei meinem Anwalt zu sein. Es wird ein langer Morgen werden.«
Dora ließ ihren Koffer stehen und kam zu ihnen. »Seht euch nur an, ihr sitzt da wie zwei Vögel auf einer Stromleitung und zwitschert den ganzen Morgen.« Dora trat in den Schatten der Veranda.
Mamaw legte ihre Stickarbeit zur Seite und konzentrierte sich ganz auf Dora, sie betrachtete das Gesicht ihrer ältesten Enkeltochter. Dora war diejenige der drei, die ihre Gefühle am besten hinter falscher Fröhlichkeit verbergen konnte. Das hatte sie schon immer so gemacht, selbst als Kind. An ihrem Hochzeitstag war ihr Vater, Mamaws einziges Kind, Parker, völlig unverzeihlich betrunken in der Kirche aufgetaucht. Dora hatte gelächelt, als ihr Stiefvater anstelle ihres leiblichen Vaters sie zum Altar führte. Sie hatte gelächelt, während hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde, während Parker seine ausufernde Rede gehalten hatte, an deren Anschluss er von Freunden ins Hotel gebracht worden war, damit er seinen Rausch ausschlief.
Mamaw betrachtete jetzt das starre Lächeln. Sie wusste nur zu gut, welche Opfer Dora hatte bringen müssen, um die Fassade einer glücklichen Familie zu präsentieren. Diese Scheidung traf sie ins Mark, erschütterte ihr Innerstes. Doch selbst jetzt schien Dora den Eindruck erwecken zu wollen, dass sie alles unter Kontrolle hatte.
»Du siehst sehr … seriös aus«, sagte Mamaw, sie wählte ihre Worte mit Bedacht. »Aber ist es nicht ein bisschen zu schwül für dieses Kostüm und Nylonstrümpfe?«
Dora hob ihre blonden Haare aus dem Nacken, damit die Meeresbrise die Feuchtigkeit dort kühlte. »Gott, ja. Es ist so heiß, dass es zischt, wenn man auf den Boden spuckt. Aber ich muss vor Cals Anwälten einen guten Eindruck machen.«
Heilige Einfalt, dachte Mamaw. Dieses Kostüm war zu eng. Die arme Dora sah darin aus wie eine Wurst in der Pelle.
Dora ließ ihr Haar fallen und runzelte die Stirn. »Calhoun ist total unvernünftig.«
»Schon bei der Hochzeit wussten wir alle, dass er nicht der hellste Stern am Himmel ist.«
»Er muss nicht clever sein, Mamaw. Nur sein Anwalt. Und ich habe gehört, dass er sich einen echten Hai genommen hat.«
»Hast du die Kanzlei Rosen angerufen, die ich dir empfohlen habe?« Dora nickte. »Gut«, sagte Mamaw. »Robert wird diesen Hai an den Haken nehmen, keine Sorge.«
»Ich werde mich bemühen, ruhig zu bleiben«, erwiderte Dora und strich ihren Rock glatt. »Ich will aber trotzdem einen korrekten ersten Eindruck hinterlassen.«
Mamaw griff an den Kragen ihres Kleids und löste ihre Brosche. Es war eines ihrer Lieblingsschmuckstücke. Kleine Korallenstücke in Gold, die einen funkelnden Stern bildeten. Ihre Enkelin brauchte im Moment ein bisschen Sternenfunkeln in ihrem Leben.
»Komm mal her, mein Schatz«, sagte sie zu Dora.
Als Dora näher kam, machte Mamaw eine Handbewegung, damit sie sich zu ihr hinunterbeugte, dann steckte sie die große Brosche an Doras Kostümkragen.
»Bitte schön«, sagte sie, lehnte sich zurück und sah sich das Ergebnis an. »Ein bisschen Farbe wirkt Wunder, meine Liebe. Die Brosche gehörte meiner Mutter. Jetzt gehört sie dir.«
Dora machte große Augen, ihre stoische Fassade bröckelte kurzfristig. Sie umarmte ihre Großmutter schnell, drückte sie heftig. »Oh, Mamaw, danke. Damit habe ich nicht gerechnet … Das bedeutet mir sehr viel. Vor allem heute. Ich muss zugeben, ich bin nervös, Cal nach so langer Zeit wiederzusehen. Und seine Anwälte.«
»Sieh es als eine symbolische Rüstung«, erwiderte Mamaw lächelnd.
»Das werde ich«, antwortete Dora, richtete sich auf und zog ihre Jacke glatt. »Weißt du, ich bin ganz begeistert, weil ich wieder in dieses Kostüm passe. Dank Carson haben wir keinen Alkohol im Haus und Harper bringt uns dazu, all dieses Gesundheitszeug zu essen, da habe ich tatsächlich ein paar Pfund abgenommen! Wer hätte das gedacht?«
Ein ehrliches Lächeln ließ Doras Gesicht strahlen, und Mamaw sah plötzlich wieder die schöne, junge Frau, die einmal alle mit der Wärme ihres Lächelns verzaubert hatte. Über die letzten zehn Jahre in einer unglücklichen Ehe mit zusätzlicher Belastung durch ein autistisches Kind, hatte Dora die Todsünde einer Südstaatenfrau begangen: Sie hatte sich gehenlassen. Aber am schlimmsten war, dass ihre Traurigkeit alles Sonnenlicht aus ihrem Inneren vertrieben hatte. Mamaw war froh, an diesem Morgen wieder ein bisschen davon in ihren Augen glitzern zu sehen.
»Begleitet Nate dich?«, fragte Lucille.
Dora schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht. »Leider nicht. Ich komme gerade aus seinem Zimmer. Ich habe ihn gebeten, mitzukommen, aber ihr wisst, wie Nate ist, wenn er eine Entscheidung getroffen hat. Er hat kaum mehr als dieses eine Wort gesagt – nein. Ich glaube, er mag mich im Moment nicht besonders«, fügte Dora leiser hinzu. »Es war, als«, ihre Stimme klang ganz belegt, »als könne er es gar nicht erwarten, dass ich gehe.«
»Nein, Liebes, achte nicht darauf«, sagte Mamaw besänftigend. »Du weißt, dass das Kind immer noch darunter leidet, was mit dem Delfin passiert ist. Das war traumatisch für ihn. Für uns alle«, ergänzte sie.
»Carson wird sich bald mit neuen Informationen zu dem Tier melden«, sagte Lucille tröstend.
»Und ich bin mir ganz sicher, dass es gute Nachrichten sein werden«, stimmte Mamaw, die ewige Optimistin, zu. »Ich bin mir sicher, dass Nate dann wieder zu sich kommen wird.«
»Das hoffe ich sehr …«, antwortete Dora und wischte sich rasch die Augen, sie schien sich für ihre Tränen zu schämen.
Mamaw warf Lucille einen Blick zu. Es war untypisch für Dora, so emotional zu sein. Dora sah auf ihre Uhr und schnappte nach Luft. »Gott, ich muss jetzt wirklich los, sonst komme ich zu spät«, sagte sie, nun ganz geschäftsmäßig. »Seid ihr sicher, dass ihr es mit Nate schafft, während ich weg bin? Ihr wisst, dass er durchdrehen kann, wenn ich weg bin.«
»Ich glaube fest, dass drei erwachsene Frauen mit einem kleinen Jungen fertig werden. Egal, wie eigensinnig er ist«, sagte Mamaw und zog eine Augenbraue hoch.
Lucille lachte leise, während ihre Hände weiter den Korb flochten.
»Ja, natürlich«, murmelte Dora und suchte die Autoschlüssel in ihrer Tasche. »Es ist ja nur, weil er im Moment besonders schwierig ist, er ist wegen des Delfins so aufgeregt und weil ich seinen Vater treffe.«
Mamaw winkte Dora fort. »Fahr du nur und mach dir keine Sorgen wegen uns. Wir kommen schon klar. Du hast genug damit zu tun, dein Haus für den Verkauf in Ordnung zu bringen.«
Bei der Erwähnung des Hauses wurden Doras Augen schmaler. »Die Handwerker sollten lieber da sein, sonst mache ich ihnen die Hölle heiß.«
Mamaw und Lucille wechselten einen Blick. Das war die Dora, die sie kannten. Dora nahm die Schlüssel heraus und wandte sich zum Gehen.
»Dora?«, rief Mamaw. Dora blieb stehen, drehte sich um und sah Mamaw an. »Denk immer daran, wer du bist. Du bist eine Muir. Kapitän auf deinem eigenen Schiff.« Sie schnaubte und fügte hinzu: »Und lass dir von einem wie Calhoun Tupper nichts gefallen, hörst du?«
Das strahlende Muir-Blau blitzte in Doras Augen. »Ja, Ma’am«, entgegnete sie voller Überzeugung und straffte die Schultern.
Die zwei alten Frauen beobachteten, wie Dora rasch zu ihrem Auto ging, den Koffer in den Kofferraum packte und aus der Auffahrt brauste, dass die Räder den Kies aufspritzen ließen.
»Mmm – mmm – mmm«, murmelte Lucille, als sie sich wieder auf das Korbflechten konzentrierte. »Diese Frau ist wild entschlossen, ihren Zorn heute an allen Männern der Stadt auszulassen.«
Auf Mamaws Gesicht breitete sich jetzt das Grinsen aus, das bereits den ganzen Morgen um ihre Lippen spielte. »Ich weiß nicht, wer mir mehr leidtut«, sagte sie. »Die Handwerker im Haus oder Calhoun Tupper.«

2
Charleston, South Carolina
Dora saß im Büro ihres Anwalts, die Hände fest verschränkt auf dem Schoß. Die Klimaanlage arbeitete wacker gegen die rekordverdächtige Hitze des Tages an, aber die beiden Anwälte und Cal hatten ihre Jacketts ausgezogen und die Hemdsärmel hochgerollt. Dora war die einzige Frau im Raum und trug immer noch ihre Kostümjacke. Sie war entschlossen, kein Stückchen ihrer Rüstung abzulegen. Und vor ihrem inneren Auge sah sie die Sicherheitsnadel, die ihren Rock zusammenhielt, weil sie den Knopf nicht ganz zubekommen hatte. Also saß sie mit ihrer Jacke da, schwitzte am Kragen und kochte vor Wut, während Cals Anwalt, Mr Harbison, erläuterte, warum die angebotene Abfindung außergewöhnlich fair war.
Sie konnte sich gerade noch zurückhalten, um vor Zorn und Frustration nicht vom Stuhl aufzuspringen. Fair? Von der angebotenen Summe könnte sie nicht leben, geschweige denn Nate und all seine Therapien finanzieren.
Sie warf ihrem Anwalt, Mr Rosen, einen Blick zu, wollte seine Aufmerksamkeit wecken. Er hatte ihr sehr deutlich gesagt, dass sie sich nicht einmischen, sondern nur auf direkte Fragen antworten sollte. Sein Blick war auf den Papierstapel neben seinem geöffneten Laptop geheftet, und er machte sich geschäftig Notizen, während weitere Einzelheiten besprochen wurden.
Frustriert schaute Dora über den langen Konferenztisch zu Cal und zog die Augenbrauen hoch. Ihr bald Exmann hatte ihr nicht in die Augen gesehen, als sie das Büro betreten hatte. Während des gesamten morgendlichen Treffens verlor er kein Wort oder auch nur einen Blick des Trostes oder der Sorge. Cal war nie ein emotionaler Mann gewesen, aber heute, im Anwaltsbüro, war er vollkommen gefühllos. Sie hatte Cal in den letzten Monaten nicht gesehen, auch wenn sie über die unvermeidlichen Dinge miteinander gesprochen hatten. Als er vorhin das Büro betreten hatte, war sie überrascht, dass er den Rettungsring um seinen Bauch verloren hatte und sich sorgfältiger kleidete. Er trug den klassischen Seersuckeranzug der Südstaaten, und sie hatte bei seiner eleganten Fliege zweimal hinschauen müssen.
Sie behielt ihre aufrechte Haltung und ihren gleichgültigen Gesichtsausdruck bei, aber unter dem Tisch wackelte ihr Fuß. Sie sah zur Wanduhr. Es war fast zwölf Uhr. Sie hatte einen furchtbaren Morgen verbracht und den kalten Aufzählungen der beiden Anwälte zugehört. Jetzt waren sie dabei, ihr und Cals Eigentum aufzulisten. Sie verfolgte die lange Liste, die der Anwalt monoton vorlas. Aber als Cals Anwalt begann, die Erbstücke der Muir-Familie aufzuteilen, richtete Dora sich in ihrem Stuhl auf und platzte heraus: »Nein!« Es wurde sofort still im Raum, und die drei Gentlemen drehten sich zu ihr um.
»Das muss ein Irrtum sein«, sagte sie. »Wir teilen die Familienerbstücke nicht auf. Cal und ich hatten uns schon darauf geeinigt, dass er die Möbel seiner Familie erhält und ich meine.«
Mr Harbison lächelte sie gütig an. »Ich befürchte, Mrs Tupper, das entspricht nicht der aktuellen Gesetzeslage.«
»Ich werde nicht …« Sie hielt inne, als Mr Rosen ihr eine Hand auf den Arm legte.
»Sehen Sie, all Ihr Eigentum gehört zur Zugewinngemeinschaft«, fuhr Mr Harbison fort.
»Nein, ganz sicher nicht«, blaffte sie ihn an und spürte, wie sie rot wurde. »Billigkeitsrecht, Zugewinngemeinschaft oder wie immer Sie es nennen, ist mir egal.« Sie wurde lauter. »Die Möbel meiner Familie gehören mir, und er bekommt sie nicht. Wir hatten das bereits besprochen und waren uns einig.«
Cals Gesicht bekam rote Flecken. »Dora, wir hatten das vielleicht besprochen, aber das war voreilig. Es ist klar, dass es nicht mehr gerecht ist.«
Doras Augen wurden schmäler. »Weil du jetzt weißt, wie viel einige meiner Stücke wert sind. Du hast die Möbel schätzen lassen. Ich habe das Gutachten gelesen.«
»Wenn es nur um ein paar hundert Dollar ginge …«, sagte er. Cal tippte auf die Papiere vor ihm, seine Wangen erröteten. »Aber die Chippendale-Stühle und das Sofa und die Empire-Kommoden … Die sind allein über einhunderttausend Dollar wert! Das Silber noch mal dreißigtausend.«
Dora hob zustimmend die Augenbrauen. Ihr Wert war eine angenehme Überraschung gewesen, aber sie ertrug den Gedanken nicht, ihre Erbstücke an den Meistbietenden zu verkaufen.
»Es geht hierbei nicht um das Geld. Ich will meine Möbel nicht verkaufen. Sie sind seit Generationen in der Familie. Und nach mir werden sie Nate gehören. Wir sind nur die Verwalter für die nächste Generation. Wir verkaufen nicht.«
»Das werden wir, wenn wir müssen«, sagte Cal lapidar. »Und angesichts der Kosten von Nates Therapie und weil sich das Haus, das du unbedingt wolltest, zu einem Fass ohne Boden entwickelt hat, müssen wir das jetzt.«
»Diese Ausgaben sind nichts Neues«, schoss Dora zurück. »Und lass mich dich daran erinnern, dass du dieses Haus genauso sehr wolltest wie ich. Du hast den potenziellen Profit darin gesehen. Aber du hast nie daran gedacht, dass wir das Haus vorher reparieren lassen müssten. Du hast mich ja nie etwas machen lassen. Es war gut genug zum Wohnen für uns. Jetzt plötzlich brauchen wir das Geld, um all die Reparaturen und Erneuerungen machen zu lassen?«
Mr Harbison räusperte sich und stürzte sich ins Gefecht. »Mrs Tupper, mir ist klar, dass das ein emotionales Thema ist. Die Reparaturen sind minimal, gerade genug, um das Haus verkaufen zu können. Das Ziel ist doch, es zu einem besseren Preis zu verkaufen, zu Ihrer beider Wohl.«
Tränen drohten und Dora biss sich auf die Lippe, damit sie nicht fielen. Die Männer im Raum rutschten auf ihren Stühlen herum und tauschten Blicke aus, die zu sagen schienen, was konnte man schon erwarten? Sie ist schließlich eine Frau. Sie kann das alles nicht ohne Gefühlsausbruch abhandeln.
Natürlich war sie emotional! Diese Männer verteilten ihre persönlichen Besitztümer, als würden sie Kartoffeln aufteilen. Und noch dazu wurde sie über den Tisch gezogen. Dora fielen Mamaws Worte ein – Du bist eine Muir. Kapitän auf deinem eigenen Schiff –, sie riss sich zusammen und wandte sich entschlossen an Cals Anwalt. Sie akzeptierte Cals Ultimatum nicht.
Dora sah Mr Harbison fest an. »Lassen Sie mich meinen Standpunkt klarstellen. Es ist mir egal, wie viel das Haus einbringt. Der Wert meines Besitzes ist mir ebenfalls gleich«, sagte sie und bemühte sich, ruhig zu sprechen. »Ich werde mich nicht von meinen Familienerbstücken trennen. Sie gehören meiner Familie. Meine Großmutter wird das in einem Brief bezeugen. Sie alle kennen Marietta Muir gut genug, um zu wissen, dass sie darauf achten wird, dass nichts aus der Familie verschwinden wird.« Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und faltete die Hände im Schoß. »Mehr habe ich nicht zu sagen.«
Mr Harbisons Lippen wurden schmaler, er wusste, wie wahr diese Aussage war. Er warf Cal, der Dora mit kaum verhohlener Frustration ansah, einen Blick zu.
»Also gut, Mrs Tupper«, sagte Mr Rosen in einem versöhnlichen Tonfall. Er richtete seine Brille und wandte sich an Cals Anwalt. »Ich schlage vor, dass wir dieses Thema getrennt mit unseren Klienten besprechen und uns dann wieder treffen. Wir können in unseren Kalendern einen uns allen passenden Termin heraussuchen.«
Während der unangenehmen Zeit, in der die Anwälte letzte Details klärten, sah Dora stur auf ihre Hände. Sie fühlte sich wie erschlagen von dieser Tortur und weigerte sich, aufzusehen, aus Angst, Cals zornerfülltem Blick zu begegnen. Als die Männer schließlich aufstanden, schloss Dora sich ihnen an. Sie griff nach ihrer Tasche, murmelte etwas von Frischmachen und verließ den Raum schnell, bevor sie Cal noch einmal gegenübertreten musste.
Summerville, South Carolina
Die Nachmittagssonne senkte sich, als Dora durch die schattigen Straßen von Summerville, South Carolina, fuhr. Sonnenlicht fiel durch das dichte Blätterdach und Sommerblumen strahlten überall in satten Farben. Dora fühlte sich immer zu Hause in dem historischen Viertel, wo sich geliebte Südstaatentraditionen im Straßenbild, in Parks und Gärten spiegelten. Sie bekam nie genug davon, träumerisch auf die charmanten weißen Cottages zu schauen, auf die klassischen Villen im griechischen Stil und die weitläufigen viktorianischen Häuser. Cals Familie lebte seit Generationen in Summerville, aber es war die zeitlose Qualität der historischen Häuser in diesem Viertel, deretwegen sie schließlich hier hatte wohnen wollen.
Dora hatte sich für so clever gehalten, vor zehn Jahren ihr großes viktorianisches Haus bei einer Versteigerung zu »erbeuten«. Die Lage im historischen Viertel war sehr begehrt und rundherum waren alle Häuser renoviert worden. Ein Haus einen Block von ihrem entfernt war für eine enorme Summe verkauft worden. Es hatte in der Gemeinde für Aufregung gesorgt und den Stolz auf ihr Eigentum vergrößert. Sie und Cal waren so jung gewesen, als sie in das Haus gezogen waren, so voller Hoffnung, so sicher, dass sie kurz vor einer Veränderung standen und sicher reich würden. Sie waren so naiv gewesen, dachte Dora traurig, während sie am Marktplatz vorbeifuhr, voller gemütlicher Läden, vor denen im Frühling die Azaleen blühten, was der Stadt ihren Spitznamen »Flowertown« eingebracht hatte. Sie passierte die St.-Paul’s-Kirche, wo sie ehrenamtlich für die Women’s Mission gearbeitet hatte, an der altmodischen Timrod Library, die sie durch Spendenaktionen unterstützte und in der sie Nate stundenlang unterrichtet hatte. Das hier war ihre Gemeinde, ihr Zuhause … und doch fühlte sie sich wie eine Fremde, als sie durch die kurvigen Straßen fuhr, die sie so gut kannte. Sie hatte ihr Netzwerk aus Freunden in der Kirche und der Nachbarschaft über Jahre hinweg aufgebaut. Menschen, von denen sie gedacht hatte, dass sie auf sie zählen könnte, wenn es hart auf hart kam. Doch als sie und Cal die Diagnose von Nates Autismus erhalten hatten, veränderte das die Art ihrer Freundschaften. Einer nach dem anderen bekamen ihre sogenannten Freunde Probleme mit Nates Verhalten. Die Kinder ignorierten ihn und die Mütter luden sie und Nate nicht mehr zum Spielen ein. Sie selbst versuchte es auch nicht mehr. Schließlich war sie einfach aus allem herausgerutscht – aus den Ehrenämtern, Schul- und Freizeitaktivitäten. Stattdessen stürzte sich Dora voll und ganz in die Therapie und den Unterricht ihres Sohnes. Nur Eltern eines Kindes mit einem Handicap konnten dieses Engagement verstehen.
Dora holte lang und tief Luft, konzentrierte sich auf die Gegenwart. Nichts davon ist wichtig, sagte sie sich. Niemand von ihnen ist wichtig. Sie hatte sich allein doch gut genug geschlagen, oder etwa nicht? Dora sah auf die Korallenbrosche an ihrem Kragen. Der Anblick tröstete sie wie eine Umarmung, erinnerte sie daran, dass es andere Menschen gab, die sich sorgten und die wichtig waren – Mamaw, Lucille, Carson und Harper. Sie spürte, wie sich ihre Schultern entspannten, als sie die Verletzung und Ablehnung, die sie immer noch tief in sich drin empfand, fahren ließ. Sie hatte sich eine unabhängige Existenz aufgebaut. Ihre Mutter, Cal, die Frauen, mit denen sie sich umgeben hatte, nahmen, gaben aber nicht. Als sie Hilfe gebraucht hatte, waren sie verschwunden. Aber vielleicht, dachte sie jetzt mit einem Hoffnungsschimmer, könnte sie – mit ihnen – eine Beziehung des Gebens und Nehmens aufbauen.
Sie bog in eine Straße ein, die vom Park weg und zur langen Auffahrt zu ihrem Haus führte. Vom Straßeneingang aus sah sie das Haus so, wie Fremde es wahrnahmen, wenn sie vorbeifuhren. Das weiße viktorianische Haus blitzte wie eine schüchterne Braut unter seinem Umhang aus grünen Blättern hervor, zauberhaft mit seinem charmanten roten Pyramidendach, verziert mit aufwendiger Schnitzerei. Leider stellte sich heraus, dass es dahinter eher der Dickens’schen Miss Havisham glich. Hinter dem Schleier der Entfernung und dem Vorhang der Blätter zeigte das Haus seine Schwäche und sein Alter. Farbe aus Jahrzehnten blätterte herunter, die Ziegelsteinmauern bröckelten, die Verandensäulen bogen sich unter dem Gewicht des kletternden Weines, all das konnte man sich nicht mit Tagträumen schönfärben. Sie fuhr vor das alte Haus und schaltete den Motor aus. Sie saß in der stickigen Hitze und starrte auf das große viktorianische Gebäude. Sie empfand nicht mal mehr den Hauch der früheren Begeisterung. Stattdessen breitete sich Verzweiflung in ihr aus. Dora sah nicht mehr, was sein könnte. Wo auch immer sie hinschaute, sah sie Verfall, der sich vom Fundament bis zum Dach ausbreitete, und ihr kam die Einsicht, dass sie ihn nicht aufhalten konnte, egal, wie sehr sie sich anstrengte. Die Parallele zu ihrer Ehe war zu offensichtlich und zu schmerzhaft, um weiter darüber nachzudenken.
Erschöpft griff sie nach der Tüte mit Lebensmitteln, der kalten Flasche Weißwein und der Schachtel mit frittiertem Huhn, die sie auf dem Weg vom Anwaltsbüro gekauft hatte. Dora fühlte sich erledigt und völlig ausgelaugt, kaum in der Lage, die Ziegelstufen bis zur Haustür hinaufzusteigen. Nach einem kurzen Kampf mit dem Schloss öffnete sie die Tür und stickige Hitze empfing sie wie eine Mauer. Ihr Herz wurde schwer und ihre Schultern sanken.
»Wie viele Katastrophen muss ich heute denn noch erleben?«, stöhnte sie und fügte ihrer explodierenden To-do-Liste noch Klimaanlagenfirma anrufen hinzu.
Das Haus war still wie ein Grab. Die Handwerker waren für heute gegangen, aber der schwere Geruch von Farbe und Lack lag in der Luft. Staubflocken schwebten in den Lichtstrahlen, während sie sich in den Zimmern umsah und die Arbeit der Handwerker kontrollierte. Die antiken Möbelstücke, die sie und Cal geerbt hatten, waren in der Zimmermitte zusammengeschoben. Tapete war abgekratzt worden und Reparaturen an den Gipskartonwänden hatten begonnen. Kaputte Fensterbänke waren entfernt worden. Es war noch viel zu tun, aber es war ein Anfang. Es hatte etwas Bittersüßes, die Renovierungsarbeiten zu sehen. Sie hatte immer davon geträumt, das Haus zu sanieren – ein neuer Anstrich, eine fröhliche Tapete, neu bezogene Polstermöbel, sogar schicke neue Armaturen. Sie hatte Ordner voller Ausschnitte aus Zeitschriften. Aber Cal hatte ihr immer gesagt, dass sie kein Geld für die Erneuerung von Rohren oder Armaturen hatten. Jetzt wurden die Arbeiten endlich erledigt, um die sie Cal jahrelang gebeten hatte, und sie würde das Ergebnis nicht mehr genießen können.
Die Anwälte hatten deutlich gesagt, dass das Haus so schnell wie möglich verkauft werden sollte. Sie musste packen und ausziehen. Dora hatte plötzlich das Gefühl, als würde das heiße und feuchte Haus um sie herum enger werden. Sie bekam keine Luft mehr. Sie zog die einengende Kostümjacke aus, ging dann rasch von der Küche zum Ess- und zum Wohnzimmer und öffnete die Fenster, da nur ein paar Küchenfenster einen Spaltbreit aufstanden. Das Holz war durch die Feuchtigkeit aufgedunsen, aber eine innere Wut, die sich in ihr aufgestaut hatte, seit sie hilflos im Anwaltsbüro gesessen hatte, verlieh ihr Kraft. Dora stöhnte, schwitzte und fluchte, schlug mit der offenen Hand auf die Fensterrahmen, bis die sturen Fenster endlich nachgaben. Sie öffnete jedes einzelne weit.
Eine Weile stand sie da, atmete die frische Luft ein und ließ ihren Herzschlag langsamer werden. Sie drehte sich um und betrachtete das Chaos in ihrem Haus. Der Nachmittag beim Anwalt hatte sie getroffen. Sie fühlte sich fast wie dieses alte Haus, dachte sie und lehnte sich gegen die Wand.
Hinter ihrem stets präsenten Lächeln brach sie innerlich zusammen. Dora war in dem Glauben großgezogen worden, wenn sie sich nur an die Verhaltensregeln einer Südstaatenschönheit hielt – einer wohlerzogenen Südstaatenfrau, besonders einer aus guter Familie –, dann würde auch das Märchen für sie wahr werden. Ihr Leben wäre eine glatte Fortsetzung des Lebens, das ihre Mutter geführt hatte und deren Mutter vor ihr. Diese Regeln waren nirgendwo aufgeschrieben, sondern wurden durch Vorbild und Abschreckung von der Mutter an die Tochter und die Enkelin weitergegeben, von Generation zu Generation.
Also hatte Dora nach den Regeln gelebt. Sie war ein braves Mädchen gewesen. Sie war zur Tanzschule gegangen, hatte pflichtschuldig Dankeskarten geschrieben, hatte ganz in Weiß auf dem St. Cecilia Ball debütiert und einen aufrechten Mann aus einer guten Südstaatenfamilie geheiratet. Als Ehefrau hatte sie die Karriere ihres Mannes unterstützt und ehrenamtlich für ihre Nachbarschaft und ihre Kirche gearbeitet. Und nach Jahren vergeblicher Versuche hatte sie endlich einen Sohn geboren. Dora hatte geglaubt, dass ein perfektes Leben vor ihr lag. Was für eine Närrin sie gewesen war, verfluchte sie sich und legte die Hände vors Gesicht. All ihre Erwartungen waren nicht mehr als Illusionen gewesen. Und die angeblichen Regeln … Sie verzog das Gesicht und ließ die Hände sinken. Was für eine Farce! Sollte sie Cal eine Dankeskarte schreiben für das Almosen, das er ihr anbot?
Sie betrachtete die Sammlung von Antiquitäten, die im Wohnzimmer unter einer Plastikplane standen. Ja, dieses Haus verfiel vielleicht um sie herum. Und ja, die Möbel müssten neu gepolstert werden. Aber diese Möbel, ihr Porzellan und Silber – das waren alles geschätzte Gegenstände, die eine große Bedeutung hatten. Sie stellten eine Familienkontinuität von einer Generation zur nächsten dar. Warum sollte sie sie jetzt aufgeben, wo sie sie am meisten brauchte? Außerdem war sie ja gar nicht diejenige, die die Ehe beendet hatte!
Emotional, dass ich nicht lache, dachte sie, während sie in die Küche ging. Sie nahm die Tüte mit dem Huhn, das sie gekauft hatte und riss sie auf. Fettiger, leckerer Duft stieg auf und ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sie bekam ein schlechtes Gewissen, als sie ein frittiertes Beinchen heraus nahm. Harper und Carson bekämen einen Anfall, wenn sie sehen würden, wie sie das aß. Dora schüttelte die Vorstellung ihrer schimpfenden Schwestern ab. Lass sie böse sein. Und vergiss die Diät und deine Figur. Heute Abend durfte sie sich etwas gönnen. Sie schloss die Augen, biss in das kalorienreiche Essen und schluckte. Sie nahm noch einen Bissen, doch sie genoss den Geschmack nicht. Dora wusste, dass das Essen sie für den Moment sättigen würde, aber es brachte nichts gegen den wahren Hunger, der tief innen an ihr nagte.
Sie hatte erst ein paar Bissen gegessen, als es an der Tür klingelte. Dora wandte den Kopf zur Haustür und überlegte, ob sie öffnen wollte. Mit einem sehnsüchtigen Blick auf die Maccaroni- und Käsebeilage legte sie das Hühnerbein mit einem resignierten Seufzer auf den Teller. Dora gehörte zu den Menschen, die immer an die Türklingel oder das Telefon gingen. Sie wischte sich den Mund mit einer Papierserviette ab und ging schnell zur Tür.
Der allerletzte Mensch, den sie zu sehen erwartet hatte, war Cal. Doras Herz begann sofort zu pochen und ihre Hand berührte unwillkürlich ihre Haare. Cal hatte die Fliege und das Seersuckerjackett, das er im Anwaltsbüro getragen hatte, ausgezogen. Er stand in einer entspannten Haltung da, die weißen Hemdsärmel hochgerollt, eine Weinflasche in der Hand und ein verlegenes Lächeln im Gesicht.
»Cal! Was um alles in der Welt machst du denn hier?«
»Ich dachte, ich komme einfach mal vorbei. Mal sehen, wie’s dir so geht. Nach heute Morgen, na ja … ich dachte, wir könnten uns ein bisschen unterhalten«, sagte er und hielt die Weinflasche als Friedensgabe vor sich.
Dora betrachtete ihn kühl, trotz ihres immer noch hämmernden Herzens. »Glaubst du nicht, wir haben heute Morgen genug geredet?«
Cal schüttelte den Kopf. »Heute haben nur die Anwälte geredet. Ich dachte, wir verdienen vielleicht auch eine Chance.«
Dora traute ihren Ohren nicht. Könnte sie ihn falsch verstanden haben? Sie zögerte noch, ihre Hand umklammerte die Türklinke.
»Ich weiß nicht, ob wir uns ohne unsere Anwälte unterhalten sollten«, gab sie zu bedenken.
»Das sagen sie uns nur, weil sie uns die Stunden, die sie für uns reden, in Rechnung stellen. Dora, wir wissen beide, dass es heute einfach nur hässlich war.«
Dora nickte bloß.
»Bei allem Auf und Ab«, fuhr Cal fort, »haben wir uns doch immer bemüht, fair und vernünftig zu sein. Warum nicht auch jetzt? Lass uns beide, du und ich, versuchen, das ganze Gerede beiseitezulassen und von Mensch zu Mensch zu sprechen.« Er lachte selbstironisch. »Und dabei gleich auch noch Tausende Dollar sparen. Außerdem«, fügte er hinzu und lächelte breiter, »ist es schon lange her, seit wir das letzte Mal miteinander geredet haben.« Als sie immer noch nicht antwortete, schob er hinterher: »Wir können es wenigstens probieren. Was meinst du?«
Dora sah ihren Ehemann lang und fest an. Calhoun Tupper war kein gutaussehender Mann gewesen, als sie ihn geheiratet hatte, aber seine früher einmal schlaksige Erscheinung alterte gut. Manche Männer hatten dieses Glück. Sein unleugbarer Südstaatencharme hatte ihr als Erstes gefallen. Und diesen Charme versuchte er auch jetzt einzusetzen.
»Ich frage mich unwillkürlich, wo wir jetzt wären, wenn du dieses Angebot vor einem Jahr gemacht hättest«, sagte sie sanfter. »Selbst vor sechs Monaten, anstatt einfach aus dieser Tür zu gehen.«
Cal besaß den Anstand, Scham zu zeigen. »Vielleicht hast du recht.«
Dora musterte den Mann, der vor ihr stand. Er schien ihr einen Olivenzweig zu reichen, und sie wünschte, sie könnte ihm glauben. Er war immer noch ihr Ehemann, der Vater ihres Kindes. Er sagte genau die richtigen Dinge. Aber im Anwaltsbüro hatte sie eine übergroße Kröte schlucken müssen, und die lag ihr schwer im Magen. Jetzt meldete sich ihre pragmatische Natur wieder und sie blieb wachsam. Sie öffnete die Tür weit und ließ ihn kühl in ihr Haus. Ihr gemeinsames Haus, dachte sie sich – jedenfalls so lange, bis der Richter etwas anderes entschied.
Als sie seiner so vertrauten Silhouette durch den Flur zur Küche folgte, dachte Dora an die unzähligen Male, die er diesen Weg in die Küche gegangen war, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Er hatte dann seinen Schlips gelockert, seine Aktentasche abgestellt, ihr einen Kuss auf die Wange gegeben und sich ein Bier aus dem Kühlschrank geholt. Heute Abend hatte er Wein mitgebracht, fiel ihr auf. Ein Getränk, das sie mochte. Während Cal sich ganz wie zu Hause verhielt und einen Korkenzieher aus einer Küchenschublade nahm, ging Dora zum Kühlschrank, um die Tüte kernloser grüner Trauben zu holen, die sie mitgebracht hatte. Während sie das Obst im Spülbecken wusch, beobachtete sie, wie Cal den Korken geschickt mit einem sanften Plopp herauszog.
Sie trugen den Wein und die Trauben ins Esszimmer, wo sie die Plastikfolie zur Seite schoben und sich an den Tisch setzten. Es wurde dunkel und Schatten huschten über die Wände. Dora schaltete ein paar Tischlampen an. Sanftes gelbes Licht ergoss sich auf den Fußboden, aber die Stimmung war so gar nicht romantisch, nicht einmal versöhnlich. Sie war merkwürdig verlegen. Sie setzte sich und dachte, wie seltsam es war, dass sie hier wie zwei Fremde saßen, obwohl sie mit diesem Mann so viele Jahre zusammengelebt hatte.
»Die Klimaanlage ist aus.« Cal sprach das Offensichtliche aus.
»Ja. Ich rufe den Techniker morgen an.«
»Na, hoffen wir nur, dass nicht die ganze Anlage ausgetauscht werden muss. Sie muss jetzt wohl über zwanzig Jahre alt sein.« Cal musste nicht sagen, Schreib es auf die Liste, weil sie beide wussten, dass ihr jeweiliges Gegenüber dasselbe dachte. Er lehnte sich im Stuhl zurück und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. »Na, sieht so aus, als hätten die Maler angefangen.«
»Keine Überraschungen. Noch nicht.«
»Gut zu sehen, dass die Dachdecker auch losgelegt haben.« Als sie nickte, fügte er hinzu: »Du musst hinter ihnen her sein, hörst du? Wenn du es zulässt, ziehen sie alles in die Länge und wir wollen das Haus doch so schnell wie möglich auf den Markt bringen.«
»Hhm – hhm.«
»Dann ist da der Garten«, fuhr er fort. »Der Immobilienmakler hat deutlich gesagt, dass er gepflegt werden muss. Ich weiß nicht, warum du diesen Schmetterlingsgarten angelegt hast. Das ist jetzt nur Unkraut.«
»Das war für Nate«, erwiderte sie, genervt, dass er sich nicht daran erinnerte. »Für seinen Biologieunterricht, erinnerst du dich?« Nate war ganz fasziniert von Raupen. Monarchfalter, Schwalbenschwänze, Dickkopffalter – sie hatten sie ins Haus gebracht und gezüchtet, hatten beobachtet, wie sie sich verpuppten und dann zu Schmetterlingen wurden. Cal schnaubte abschätzig. »Das war eine teure Lektion. Da draußen ist jetzt ein Dschungel. Du hast alles einfach sich selbst überlassen.«
»Ich habe hier keine Hilfe, Cal«, sagte Dora ruhig.
»Der Makler meinte, du musst etwas tun, damit es besser aussieht. Irgendwas Billiges. Bezahl jemanden, um es zu mähen.«
Dora umfasste ihr Glas, nippte an ihrem Wein und sagte nichts.
»Wie kommt Nate mit dem ganzen Krach der Handwerker klar?«
Sie war froh, dass er endlich daran dachte, nach ihrem Sohn zu fragen.
»Er ist nicht hier.«
Das überraschte Cal. »Wo ist er?«
»Draußen, in Sea Breeze, bei Mamaw. Wir bleiben den restlichen Sommer dort.«
»Den ganzen Sommer?«, fragte er ungläubig. »Wann hast du das denn beschlossen?«
»Letzten Monat. Ich habe dir erzählt, dass wir hinfahren.«
»Zum Geburtstag deiner Großmutter. Nicht für den ganzen Sommer.«
»Mamaw hat uns eingeladen«, sie hob ihre Finger, um das Wort in Anführungszeichen zu setzen, »den ganzen Sommer über zu bleiben. Tatsächlich«, fügte sie mit einem kurzen Lachen hinzu, »hat Mamaw uns gesagt, dass wir den ganzen Sommer bleiben müssen, sonst streicht sie uns aus ihrem Testament.«
Dora unterdrückte ein Lächeln, als sie seinen erstaunten Gesichtsausdruck sah, er erinnerte sie an denselben Ausdruck auf den Gesichtern ihrer Schwestern, als Mamaw die Bombe hatte platzen lassen.
»Die alte Xanthippe«, sagte Cal. »Das ist ziemlich egozentrisch. Selbst für sie. Wieso dachte sie, dass ihr alle einfach alles zusammenpacken und für den Sommer abhauen könntet, wie als kleine Mädchen? Deine Schwestern haben Jobs und du … du hast Verpflichtungen hier, wegen des Hauses. Was ist mit allem, was hier geschieht?« Er wedelte mit dem Arm, deutete auf die Reparaturen im Haus. »Du kannst jetzt nicht weg.«
Dora spürte, wie sich bei diesem unverschämten Befehl ihr Rücken anspannte. Zuerst beleidigte er ihre Arbeit mit Nate, und jetzt kommandierte er sie herum? Sie erinnerte sich an Mamaws Ermahnung, den Muir-Geist zu nutzen und hob ihr Kinn an.
»Du vergisst etwas, Cal. Ich kann einfach gehen, wenn ich das möchte. Ich muss mich nicht mehr mit dir absprechen oder um deine Erlaubnis fragen. Du hast die Dinge zwischen uns geändert.«
Sie machte eine Pause, nahm Rücksicht auf seine schmaler werdenden Lippen und sein rotes Gesicht. Seine Augen sahen aus, als würden sie gleich bersten, aber er riss sich zusammen.
Cal räusperte sich. »Dora, sei vernünftig …«
»Ich bin vernünftig«, sagte sie mit einem gezwungenen Lächeln, die Andeutung, dass sie mal wieder zu emotional sei, machte sie wütend. Sie richtete sich in ihrem Stuhl auf und begann, ihre Entscheidung zu erklären, bemühte sich, ruhig zu sprechen.
»Ich habe mir das genau überlegt. Es ist gut, wenn ich mit Nate in Sea Breeze bin, während die Reparaturen hier gemacht werden. Die Männer können rund um die Uhr arbeiten. Nate könnte das Hämmern, die komischen Gerüche, die Hitze nicht ertragen. Es würde ihm auch Angst einjagen, wenn den ganzen Tag Fremde um ihn herum sind. Wir haben Glück, dass wir nach Sea Breeze können! Natürlich kannst du während der Renovierung im Haus wohnen. Um alles im Auge zu behalten«, fügte sie mit einem süßen Lächeln hinzu. Da, bitte, kein bisschen emotional, dachte sie, zufrieden mit sich.
Cals Gesicht spannte sich an, aber er antwortete nicht.
»Außerdem möchte ich wieder Zeit mit Mamaw und meinen Schwestern verbringen. Mamaw will Sea Breeze verkaufen. Es ist unsere letzte Gelegenheit, zusammen zu sein.«
Cals Blick wurde schärfer. »Sie verkauft Sea Breeze?«
Dora war nicht überrascht, dass diese Information sein Interesse geweckt hatte. Sea Breeze war auf dem aktuellen Markt Millionen wert. »Ja.«
»Das sollte so einiges einbringen.«
Dora zuckte bloß mit den Schultern. Sie konnte fast sehen, wie die Zahlen in seinem Gehirn ratterten.
»Ich denke, ich begreife, wieso du dortgeblieben bist«, sagte er nachdenklich. »Du hast keine Arbeit. Jetzt reg dich nicht auf«, ergänzte er und hob beschwichtigend die Hände. »Ich meine einen Job, einen Beruf. Was ich nicht verstehe, ist, wie deine Schwestern das schaffen. Ich meine, wer kann denn einfach für drei Monate abhauen? Selbst für sie …«
Cal hatte noch nie eine hohe Meinung von ihren Halbschwestern gehabt, obwohl er sie kaum kannte.
»Ich vermute mal, Timing ist alles. Carsons Fernsehserie wurde abgesetzt, sie ist also gerade zwischen zwei Jobs. Sie war ganz begeistert von der Idee, den Sommer mietfrei in Sea Breeze zu verbringen.«
»Was hat sie denn für Sorgen? Die Leute in Hollywood werden doch fürstlich bezahlt, oder nicht?«
»Das war der große Schocker. Carson hat kein Geld. Sie ist sogar komplett pleite.«
Er lachte kurz auf, überrascht und zufrieden. Cal hatte immer darunter gelitten, dass er bei Weitem nicht so viel verdiente wie viele seiner Kindheitsfreunde. Beförderungen und Gehaltserhöhungen erreichten ihn nur selten.
»Was ist mit Hadley? Zugegeben, sie muss nicht arbeiten.«
»Ihr Name ist Harper«, verbesserte Dora ihn, genervt von seinem Fehler. Sicher, sie hatten Harper all die Jahre über nicht nahegestanden, aber ihren Namen zu verwechseln war absolut lächerlich. »Erinnerst du dich denn nicht daran, dass Daddy jede von uns nach einer Lieblingsautorin aus dem Süden benannt hat?«
»Stimmt«, sagte er langgezogen, als erinnere er sich an einen Witz. »Mal sehen, da ist Harper Lee, Carson McCullers und«, er zeigte mit gespielter Galanterie auf Dora, »Eudora Welty.« Cal zupfte eine einzelne Traube ab und hielt sie einen Augenblick zwischen zwei Fingern. »Parker Muir, der große Schriftsteller. Angesichts der Tatsache, dass dein Vater nie ein Buch veröffentlicht hat, ist das schon ein bisschen hochgegriffen, oder?« Er steckte sich die Traube in den Mund.
Dora wurde rot, die Worte hatten sie getroffen. »Gar nicht«, sagte sie, um ihren Vater zu verteidigen. »Ich finde, es zeigt seinen Sinn für Kultur und einen gewissen Südstaatencharme.« Sie griff nach ihrem Weinglas, sie musste ihrem Selbstbewusstsein etwas auf die Sprünge helfen.
Cal zuckte bloß mit den Schultern.
Sie spürte, wie sich das Gefühl zwischen ihnen ein wenig veränderte. Eine neue Spannung brodelte unter der Oberfläche.
»Wie geht’s Nate denn da draußen in Sea Breeze?«, fragte er schließlich. »Ich wundere mich, dass du ihn dortgelassen hast. Kein Theater?«
Sie wollte antworten, Hättest du dir in den letzten Wochen die Mühe gemacht, anzurufen, würdest du es wissen. Aber da sie weiter auf dem rechten Weg bleiben wollte, antwortete sie: »Ziemlich gut, angesichts der Umstände.«
»Welche Umstände? Verstehe ich nicht.«
»Das ist eine lange Geschichte.«
Cal seufzte ungeduldig.
Dora beschloss, ihm die Kurzversion zu erzählen. Sie wusste, dass seine Aufmerksamkeitsspanne begrenzt war, wenn es um ihre Familie ging, selbst wenn es seinen Sohn betraf. »Nate hat sich Hals über Kopf in einen Delfin am Steg verliebt. Du weißt ja, wie er ist, wenn er sich für etwas interessiert. Er hat alles über Delfine gelesen, ständig über sie geredet und ist viel mit Carson in der Bucht geschwommen.« Ein Lächeln breitete sich auf Doras Gesicht aus, als sie sich an Nates Gesicht erinnerte, so lebendig und strahlend im Wasser mit dem Delfin. »Ach Cal, ich wünschte, du hättest ihn schwimmen gesehen. Er ist so kräftig und braun geworden. So hübsch … Er hat es einfach geliebt.«
»Das ist eine ganz schöne Veränderung. Es war immer ein Kampf, ihn ins Wasser zu bekommen.«
»Ich weiß.« Sie machte eine Pause vor dem schwierigen Teil. »Es hat ihm auch Spaß gemacht, Fische zu fangen, um Delphine zu füttern. Dadurch ist es dann zu dem Unfall gekommen. Der Delfin wurde an den Steg gelockt. Sie hat sich schrecklich in all den Angelschnüren verheddert. Oh Cal, es war furchtbar …« Dora schloss die Augen, als sie daran dachte, wie tief diese Schnüre ins Fleisch des Delfins geschnitten hatten, jedes Mal, wenn er zum Atmen aufgetaucht war.
»Ist er tot?«, fragte er.
»Es ist noch zu früh, das zu sagen. Carson ist mit dem Delfin nach Florida in eine Delfinauffangstation.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich mache mir Sorgen um Nate, sollte der Delfin sterben. Seit dem Unfall hält er sich nur noch in seinem Zimmer auf, mit diesen verdammten Videospielen. Er geht nicht mehr nach draußen und schwimmt nicht mehr in der Bucht. Ich befürchte, er steckt in einer seiner schlechten Phasen.«
»In diesen Momenten war ich nie eine große Hilfe«, gab Cal zu.
»Du hättest es ja mal versuchen können«, sagte Dora spitz.
Zu ihrem Erstaunen nickte Cal. »Ich gebe zu, dass ich manchmal mehr Geduld mit ihm hätte haben können«, sagte Cal.
Dora war überrascht. Cal hatte seine schlechte Behandlung von Nate bisher noch nie zugegeben. »Er ist erst neun. Du hast noch viel Zeit, um Brücken zu bauen.«
»Das stimmt.«
Einen Augenblick lang fühlte sich Dora fast hoffnungsvoll. Vielleicht gab es einen Weg, das alles zu lösen, wieder eine Familie zu sein. Sie waren es Nate schuldig, es zu versuchen. Sie wollte es gerade aussprechen, als Cal weiterredete, sein Tonfall war plötzlich geschäftsmäßig und angespannt, jeder Hinweis auf den reuigen Vater verschwunden.
»Na, jedenfalls, Dora«, sagte er, sein Blick auf eine Stelle knapp über ihrer Schulter fixiert, »ich bin nicht gekommen, um mit dir darüber zu sprechen.«
Dora spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog und ihre Wangen glühten. Obwohl sie es eigentlich besser wusste, hatte sie einen Augenblick nicht aufgepasst, hatte gedacht, er hätte sich womöglich geändert. Und sie wusste, dass er ihre Gefühle jetzt wieder mit Füßen treten würde.
»Aha«, sagte sie in einem ruhigen, wohlüberlegten Tonfall. »Worüber wolltest du denn reden?«
Jetzt betrachtete Cal das Weinglas, als lägen darin die Geheimnisse des Universums. Nach einer Weile faltete er seine Hände auf dem Tisch und sah ihr in die Augen.
»Ich bin gekommen, um über eine freundschaftliche Scheidung zu sprechen.«
»Eine ›freundschaftliche Scheidung‹?«, wiederholte sie. Sie begriff nicht, was das bedeuten sollte.
»Ja.« Cal lehnte sich leicht vor und begann in einem kontrollierten und bedächtigen Tonfall zu reden, als hätte er jedes Wort auswendig gelernt. Es machte ihr mehr Angst, als wenn er gebrüllt hätte.
»Weißt du, eine Scheidung muss kein Kampf sein. Du hast selbst gesehen, wie viel Anspannung und Wut sich heute Morgen beim Anwalt aufgestaut hatte. Eine Scheidung kann freundschaftlich ablaufen, wenn die Ehegatten frei über ihre Bedürfnisse und Wünsche sprechen und die auftauchenden Probleme lösen.«
»Die Ehegatten«, wiederholte sie, ungläubig und wütend über sein Gehabe, seine Distanziertheit. »Herr im Himmel, Cal, du klingst, als wärst du in einem Werbespot. Die Ehegatten? Das sind nur du und ich.«
Cal lehnte sich, leicht beleidigt, zurück. »Stimmt«, sagte er.
»Fahr fort. Ich höre zu.«
Er sprach weiter. »Im Grunde geht es darum, dass du und ich die Einzelheiten selbst regeln«, sagte er und ließ den übertriebenen Tonfall wieder sein. »Nicht die Anwälte. Wenn wir die Anwälte darum bitten, unsere Probleme zu lösen, kann es hässlich werden und sich ewig in die Länge ziehen und ein Vermögen kosten. Sieh doch nur, was heute passiert ist. Dein Anwalt hat meinen Anwalt angegriffen. Es hat sich hochgeschaukelt. Ich sehe es so, dass wir selbst einen Abfindungsplan ausarbeiten können, dann schauen unsere Anwälte sich ihn an und wir bleiben Freunde. Das würde mir gefallen, dir nicht? Es wäre auch besser für Nate, denkst du nicht?«
Jetzt, da Cal ihre Illusion zerstört hatte, konnte Dora seinen Worten lauschen und erkannte den Lack, den er dick darauf gestrichen hatte. Ihr Anwalt hatte angegriffen? Es war genau umgekehrt gewesen.
»Ich glaube nicht, Cal«, erwiderte sie gefasst. »Ich habe gehört, was du heute angeboten hast. Wenn das deine Vorstellung einer Lösung unserer Probleme ist, dann kannst du dir deine Abfindung dorthin stecken, wo die Sonne nicht scheint.« Sie lächelte süß.
Cals Gesicht wurde rot. »Du willst es also bis zum Ende durchziehen?«
»Ich gehe nur auf dem Weg weiter, den du eingeschlagen hast.«
»Ich dachte, na ja …« Cal lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schlug ungeduldig mit den Händen auf die Oberschenkel. »Ich weiß nicht, warum ich geglaubt hatte, du wärst vernünftig.«
»Du hast gedacht, ich würde mich brav hinsetzen und tun, was du mir sagst, wie ich das immer gemacht habe. Nicht wahr? Die gute alte Dora. Sie wird sicher spuren.« Dora zeigte mit dem Finger auf ihn. »Du bist gegangen, Cal. Du bist aus dieser Tür gegangen, hast nicht nur mich, sondern auch deinen Sohn verlassen. Ich erwarte von einem Mann, der so etwas getan hat, dass er sich ein bisschen schuldig fühlt. Ich erwarte von dir, großzügig zu sein. Vernünftig.« Sie lachte abschätzig. »Ich habe gesehen, wie vernünftig du warst. Nate und ich können von dem, was du angeboten hast, nicht leben.«
»Wenn ich mehr hätte, würde ich mehr anbieten!«
»Ich weiß genau, wie viel du verdienst, und ich weiß, wann ich über den Tisch gezogen werde. Du warst immer geizig, Cal. Aber ich spreche nicht nur von Geld. Wir haben immer gesagt, wenn einem von uns irgendetwas passieren sollte, dann würden die Antiquitäten, die du geerbt hast, an deine Familie zurückgehen und meine an meine. Aber jetzt willst du auch noch meine Familienerbstücke.«
»Alles, was uns gehört, inklusive die Möbel, wird als gemeinschaftliches Eigentum angesehen. Das haben die Anwälte erklärt. Wir müssen es gerecht aufteilen.«
»Müssen wir das? Wenn wir diese freundschaftliche Scheidung machen, können wir tun und lassen, was wir möchten. Das hast du selbst gerade gesagt.«
Cal stellte sein Glas ab und stand abrupt auf. Sein Stuhl kratzte über den Holzfußboden. »Ich sehe schon, dass man mit dir über nichts reden kann, wenn du in dieser Stimmung bist. Daher hat Nate es.«
Dora schnappte nach Luft und spürte einen tiefen Schmerz in der Brust. Sie hatte immer gewusst, dass er im tiefsten Inneren ihr die Schuld an Nates Autismus gab. Doras Herz begann schwer in ihrer Brust zu pochen und ihr Mund war so trocken, dass sie nicht antworten konnte.
»Ich gehe wohl lieber«, sagte er.
»Ja, geh. Das kannst du gut!«
Er verzog das Gesicht und drehte sich zum Gehen um.
»Du hast nicht nur mich verlassen, weißt du«, rief sie ihm hinterher. »Du hast Nate verlassen.«
Er drehte sich zu ihr um. Sein Gesicht entschlossen.
»Ja.«
Ihr Sohn tat ihr von Herzen leid, ihr trauriger, einsamer Junge. »Du hast ihn nicht angerufen oder besucht. Du bist ein miserabler Vater, weißt du das?« Sie spürte, wie die Gefühle in ihr hochkamen und war unfähig, sie aufzuhalten, wollte sie nicht aufhalten. »Du bist nicht mal mit Nate angeln gegangen!«
»Angeln? Was soll … Wo kommt das denn plötzlich her?«
»Er wollte angeln lernen. Welcher Junge will das nicht? Mamaw hat es ihm beigebracht. Du nicht. Du hast ihm nie irgendetwas beigebracht. Er war für dich immer nur eine Enttäuschung.«
»Dora, wir kommen vom Thema ab. Warum gräbst du all diese Wut aus, wenn ich heute Abend nur aus dem einzigen Grund gekommen bin, eine friedliche Einigung zu finden? Das tust du immer. Du wirst so emotional.«
»Willst du Emotionen sehen? Ich zeige dir Emotionen!« Ihre Stimme schlug in ein Schreien um. »Warum hast du mich verlassen? Du hast es mir nie gesagt. Warum?«
Je lauter sie brüllte, umso mehr zog Cal sich zurück. Er pustete laut. »Ich habe mein Leben gehasst«, antwortete er schlicht.
Dora schwieg ganz erschlagen, ihr klappte die Kinnlade runter.
»Jeden Abend, wenn ich nach Hause kam, stand ich an der Tür und bereute, dass ich dieses Haus betreten musste.« Sein Blick schweifte durch den Raum. »Ich hasse dieses verdammte Haus«, sagte er kühl und tonlos. »Es war der Albatros um meinen Hals. Und in der Minute, in der ich es betrat, hast du angefangen, über Nates Probleme zu plappern oder die Probleme im Haus oder die Probleme im Garten. Immer gab es Probleme! Ich hatte nicht mal fünf Minuten, um mich hinzusetzen und mich zu entspannen, bevor du loslegtest, um mit mir irgendein welterschütterndes Problem, wie eine kaputte Mülltonne, zu besprechen.«
»Das hättest du mir sagen können! Ich hätte dir Luft gelassen!«
»Es war nicht nur das.«
»Was noch?«
»Wir.«
»Was ist mit uns?«
»Es gibt kein wir!«, explodierte Cal. »Schon seit Langem nicht mehr. Es gibt nur noch dich und Nate. Ich bin das fünfte Rad am Wagen. Sicher, ich verstehe, dass Nate viel deiner Zeit braucht. Das begreife ich. Aber nachdem du seine Diagnose bekommen hattest, warst du besessen. Du konntest nie genug tun. Du warst überengagiert. Unser gesamtes Leben drehte sich nur um ihn. Dora, du bist eine Helikoptermutter. Du verplanst jeden Augenblick seines Lebens.«
»Das ist meine Aufgabe«, schrie sie, fast in Tränen. »Ich bin seine Mutter!«
»Du warst auch meine Frau! Den Teil hast du vergessen. Ich wurde in diesem Haus zu einer Nebensache.«
»Eine Nebensache? Ich habe dein Essen gekocht, dein Haus geputzt, deine Wäsche gewaschen.«
»Ich will eine Frau, kein verdammtes Dienstmädchen!«
Dora atmete scharf ein. Mehr als all die Worte, die im Anwaltsbüro gesprochen worden waren, mehr als all die Listen in Bestandsbüchern, sagte ihr dieser Augenblick mit völliger Sicherheit, dass ihre Ehe vorbei war. Er liebte sie nicht, hatte sie schon lange nicht mehr geliebt. Würde sie nie wieder lieben.
»Ich … ich wusste nicht, dass du dich so gefühlt hast.« Sie schluckte Tränen hinunter.
Cal schüttelte erschöpft den Kopf. Er war das Abbild eines Mannes, der das Handtuch warf. Er sprach sanfter. »Nicht weinen, Dora. Bitte …«
Seine Worte brachten sie nur noch stärker zum Weinen. Sie schnappte nach Luft, bekam aber keine. Es fühlte sich an, als hätte er ihr Herz in die Hände genommen und quetschte es aus, fester und fester. Sie spürte Schmerzen unter den Rippen, griff sich an die Brust, krümmte sich.
»Dora, was ist los?«, fragte er und machte einen Schritt auf sie zu.
Ihr Herz pochte so stark, dass sie ihn durch das Donnern in ihren Ohren kaum hörte. Sie stolperte vor, ihre Knie gaben nach.
»Es ist mein Herz. Ich bekomme keine Luft.«

3
Sarasota, Florida
Eine schwüle, salzige Brise hob Carsons langes, dunkles Haar wie eine Seidenmatte von ihrer Schulter. Es war die einzige sichtbare Bewegung, während sie auf einem Metallstuhl saß, still wie eine Statue, vorgelehnt, das Kinn in der Hand. Sie hatte den Körper einer Sportlerin, stark und durchtrainiert. Sie konnte diese Haltung lange beibehalten, ihr Blick fokussiert wie ein Laser auf ein bestimmtes blaues Becken im Mote Marine Cetacean Hospital.
Dieser hintere Teil des Hospitals war praktischer ausgelegt als das größere, schöne Mote Aquarium. Eine große Wand wurde von einer hübschen meergrün und weißen Wandmalerei beherrscht, auf der Delfine abgebildet waren. Die Wandmalerei lenkte ihren Blick ab von den industriehaften grauen Betonwänden und den riesigen Wasserbecken im Außengelände hinter den Kulissen. Ein paar blaue Becken standen in einer Ecke. Alle bis auf eines waren leer, in diesem befand sich ein Delfin.
»Oh, Delphine«, murmelte Carson.
Carson hatte den wunderschönen, bezaubernden Delfin von Sullivan’s Island kaum wiedererkannt. Der Delfin dort war ein kräftiges, schlankes Weibchen in ihren besten Jahren gewesen. Die Haut dieses Delfins hier war mattgrau, das Tier war teilnahmslos und schwach und sein langer Körper war über und über mit Narben bedeckt.
Carson betrachtete den apathischen Delfin und konnte sich weder bewegen noch sprechen. Ihr Herz wurde von ihren Schuldgefühlen erdrückt. Carson saß in der prallen Sonne, spürte sie brennen und musste zugeben, dass es ihre Schuld war, dass dieser Delfin so schlimm verletzt worden war. Wie Blake behauptet hatte, war es ihr Egoismus gewesen, der dazu geführt hatte.
Blake Legare arbeitete für die National Oceanic and Atmospheric Administration in Charleston. Er war ihr Freund gewesen, ihr Liebhaber, aber die Tatsache, dass sie ihm verschwiegen hatte, dass sie am Steg von Sea Breeze Freundschaft mit einem Delfin geschlossen hatte, hatte einen Keil zwischen sie getrieben. Sie hatte gegen alles verstoßen, was er so mühsam der Öffentlichkeit beibringen wollte, und am Ende hatte sie all seinen Warnungen zuwidergehandelt. Sie hatte einen wilden Delfin gefüttert und jetzt war der Delfin verletzt. Und doch hatte Blake es für sie arrangiert, dass sie das Mote Marine Cetacean Hospital, wohin er Delphine zur Behandlung gebracht hatte, besuchen konnte. Carson war am Tag vorher von Sullivan’s Island nach Sarasota gefahren. Müde und hungrig war sie spät in der Stadt angekommen und hatte in einem bescheidenen Motel eingecheckt, so nah dem Mote Marine Hospital, wie sie es sich leisten konnte. Sie hatte kaum geschlafen, sondern auf den Sonnenaufgang gewartet und vor den Türen des Hospitals gestanden, als es geöffnet hatte. Die Angestellten waren über ihre Ankunft benachrichtigt worden und recht freundlich, aber solange sie noch keine offizielle Zugangsberechtigung hatte, war es Carson nur erlaubt, das Hospitalgelände zu betreten, geduldig zu warten und zu beobachten. Sie saß schon seit über einer Stunde da, und das war mehr als genug Zeit, um zu bemerken, wie krank Delphine tatsächlich war. Selbst Blakes Warnung hatte sie nicht auf das Ausmaß der Verletzungen vorbereitet. Kurz darauf hörte Carson, wie ihr Name gerufen wurde. Sie drehte sich um und sah eine große, attraktive Frau in einem Badeanzug und knallblauem UV-Shirt, auf dem MOTE quer über die Brust stand. Ihre blonden Haare waren zu einem langen Pferdeschwanz zusammengefasst, und sie trug ein Klemmbrett bei sich. Carson sprang auf, wollte unbedingt mit jemandem über Delphine sprechen.
»Sie sind Carson Muir?«, fragte die Frau.
»Die bin ich«, antwortete Carson und streckte die Hand aus.
»Lynne Byrd«, entgegnete die Frau und schüttelte rasch Carsons Hand.
Lynne schaute auf ihr Klemmbrett, sie war ganz geschäftsmäßig. »Hier steht, dass Sie darum bitten, als Freiwillige beim Delfinrehabilitationsprogramm zu arbeiten.«
»Ja.«
»Okay. Dann schauen wir mal.« Sie sah auf ihre Notizen. »Dr. Blake Legare hat uns kontaktiert.« Sie blickte auf. »Kennen Sie Blake?«
Carson betrachtete die außergewöhnlich gutaussehende Frau und spürte einen Stich Eifersucht. »Er ist ein Freund.«
Sie lächelte. »Ja, Blake ist ein guter Kerl. Wir haben zusammengearbeitet«, sagte sie beiläufig, es klang nur nach einer beruflichen Beziehung. »Er bittet darum, dass Sie besonders mit dem Delfin Delphine arbeiten sollen.« Sie sah fragend auf. »Warum dieser Delfin?«
»Ich kenne ihn.«
»Sie kennen den Delfin?«
Carson hörte in Lynnes Stimme denselben kritischen Tonfall, der ihr bei Blake aufgefallen war, als er das erste Mal gehört hatte, dass Carson sich mit einem wilden Delfin angefreundet hatte.
Carson nickte. »Es ist eine lange Geschichte.«
»Ich würde sie gern hören.«
Carson verlagerte ihr Gewicht, sie hatte sich damit abgefunden, den schmerzhaften Zwischenfall noch einmal zu erzählen. Sie wusste, dass Lynne sehr genau zuhören würde, nicht nur bei dem, was sie sagte, sondern auch bei dem, was sie ungesagt ließ. Carson erinnerte sich an das erste Mal, als sie Delphine an diesem schicksalhaften Morgen im Atlantik gesehen hatte.
»Ich habe vor der Isle of Palms gesurft und ein Delfin hat mich vor einem Bullenhai gerettet, der sich für mich interessierte. Ich hatte schon darüber gelesen, dass so etwas geschieht, dass Delfine Menschen das Leben retten, aber ich habe es eigentlich nie wirklich geglaubt, wissen Sie. Aber dann ist es mir passiert«, sagte sie düster. »Ich glaube – ich weiß –, dass dieser Delfin mir das Leben gerettet hat.«
Lynne legte ihren Kopf schräg, was Carson zeigte, dass sie ihr Interesse geweckt hatte. »Ich kenne diese Geschichten auch. Und ich glaube sie«, räumte sie ein, »es gibt zu viele dokumentierte Fälle, um daran zu zweifeln.«
Carson mochte die Frau sofort. »Aber Delphine hat einen Preis für ihre Heldentat bezahlt. Als sie wegschwimmen wollte, stürzte sich der Hai auf sie und biss ihr in die Flosse.«
»Wir haben uns schon gedacht, dass ein Angriff der Grund für das fehlende Stück in ihrer Flosse sein muss«, sagte Lynne.
Carson nickte. »Ein paar Tage später paddelte ich auf einem Board in der Bucht, das ist ein Gewässer hinter Sullivan’s Island in South Carolina, da fing dieser Delfin an, mir zu folgen und mich zu mustern. Als ich den Biss in der Flosse sah, wusste ich, dass es derselbe Delfin war, der mich gerettet hatte. Ich konnte es nicht glauben.« Sie lachte kurz auf. »Der Delfin hatte mich wiedererkannt, bevor ich ihn erkannte.«
Lynne schüttelte den Kopf.
»Es amüsiert mich immer wieder, wenn Menschen überrascht sind, wie clever Delfine sind. Wir wissen, dass sie außergewöhnlich intelligente Wesen sind, aber wenn wir an ihnen Fähigkeiten entdecken, die wir als menschliche Merkmale und Fähigkeiten ansehen, können wir das nur schwer akzeptieren. In Wahrheit sind Delfine tatsächlich so klug.« Sie machte eine Pause, um sich etwas auf ihrem Klemmbrett zu notieren. »Und wie ist es dann dazu gekommen, dass sie sich in all diesen Angelleinen verheddert hat?«
»Ich schäme mich, diesen Teil zu erzählen«, sagte Carson. Sie konnte ihren Anteil daran nicht schönreden. »Ich glaube, es schmeichelte mir, dass der Delfin mich wiedererkannte. Sie schien sich mit mir anfreunden zu wollen, und ich wollte unbedingt eine Beziehung zu ihr aufbauen. Ich weiß jetzt, dass ich an dem Punkt hätte aufhören müssen. Aber das habe ich nicht. Ich dachte irgendwie, ich sei etwas Besonderes. Also habe ich sie ermuntert. Ich habe ihr einen Namen gegeben. Wir sind zusammen geschwommen und ich habe sie an den Steg gerufen.« Sie hielt inne, wand sich. »Wir haben sie mit Fisch gefüttert. Ich weiß, ich weiß …«, sagte sie schnell, als sie bemerkte, wie Lynnes Augen aufblitzten. »Das hätte ich nicht tun dürfen. Wir haben alles falsch gemacht.«
»Ja, das haben Sie«, sagte Lynne, aber in ihrer Stimme lag keine Verachtung.
Carson fuhr fort. »Eines Abends stellte mein Neffe Angelleinen auf, um Fische für Delphine zu fangen. Er ist erst neun und meinte es nur gut. Am nächsten Morgen habe ich Delphine in die Leinen verheddert entdeckt.«
Sie schloss die Augen. Carson würde das Geräusch von Delphines Schreien, die die morgendliche Stille durchschnitten, nie vergessen oder ihren Anblick, wie sie darum kämpfte, in dem bewegten Wasser Luft zu bekommen. Jedes Mal, wenn der Delfin auftauchte, um zu atmen, schnitten die rasiermesserscharfen Leinen tiefer in sein Fleisch.
»Ich habe Blake angerufen und das NOOA-Team hat sie gerettet. Meine Großmutter hat ein Flugzeug für den Transport hierher organisiert.« Sie sah auf ihre Füße. »Den Rest kennen Sie.«
Es entstand ein Augenblick der Stille, während Lynne über die Geschichte nachzudenken schien.
Carson räusperte sich. »Wie geht es Delphine jetzt?«
Lynne machte ein ernstes Gesicht. »Nun«, begann sie sachlich, konzentrierte sich wieder auf die Notizen auf ihrem Klemmbrett. »Dieser Delfin ist in einem kritischen Zustand. Sie hat mehrere Läsionen an ihren Seiten- und Rückenflossen erlitten und schwere Schnitte am Körper. Die Angelleine hat sich tief eingeschnitten und musste in einer Operation entfernt werden.«
Lynne blätterte um, las weiter und runzelte die Stirn. »Was wirklich schlimm war, waren die beiden Angelhaken, die in ihrem Gaumen steckten.« Lynne schüttelte den Kopf. »Das war ein grauenhafter Haken. Ich habe selten ein Säugetier gesehen, das dem Tod so nah war und es geschafft hat. Sie hatte das Maul offen und ihre Augen waren glasig. Ich dachte, sie wäre tot. Aber dieser Delfin hat einen starken Überlebenswillen. Sie bekommt Antibiotika und Flüssigkeit. Wir dachten, wir machen Fortschritte.«
»Dachten?«
Lynne schaute von ihrem Klemmbrett auf. »Sie hat aufgehört zu fressen. Delphine zeigt keinerlei Interesse an Futter. Das macht uns große Sorgen.«
Carsons Magen krampfte sich zusammen. »Was können Sie tun?«
Lynne legte plötzlich ihre geschäftsmäßige Haltung ab, lehnte sich zu Carson vor und berührte mitfühlend ihr Handgelenk. »Alles, was wir können. Im Moment steht es auf Messers Schneide. Delphine wird weiterhin rund um die Uhr von ausgebildeten Freiwilligen betreut, die sie genau im Auge behalten. Sie sind sehr engagiert. Ein paar von ihnen legen Nachtschichten ein. Wir sind ihnen sehr dankbar.«
»Das könnte ich doch machen«, sagte Carson automatisch.
Lynne machte eine Pause. »Ich will ganz ehrlich sein. Als ich gehört habe, dass Sie kommen, hat mich das geärgert. Ich dachte, das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist jemand Unerfahrenes, der in meinem Becken Flipper spielen will. Aber ich kenne Blake Legare. Ich vertraue ihm. Er hat gesagt, dass ich Ihnen eine Chance bei diesem Delfin geben solle.«
Carson schwieg.
Lynne fuhr fort. »Delphine ist schwach, aber sie schwimmt ab und zu kurz allein, und das aufrechter als zu dem Zeitpunkt ihrer Ankunft. Die Helfer arbeiten daran, sie dazu zu ermuntern, längere Zeit allein zu schwimmen.« Sie sah ins Becken zu Delphine und seufzte besorgt. »Sie ist einfach so teilnahmslos.«
Carson folgte Lynnes Blick. »Sie sieht deprimiert aus.«
»Ich mag es nicht, menschliche Ausdrücke zu benutzen, wenn es um Delfine geht, aber …« Lynne hob leicht die Schultern. »Ja, ich würde auch sagen, dass sie deprimiert aussieht.«
»Sie ist dort ganz allein.«
»Wir wollen sie nicht ermuntern, sich noch stärker auf Menschen einzulassen. Wir möchten nicht, dass sie Menschen mit Essen verbindet, je weiter wir uns von ihr fernhalten, umso besser ist das für sie auf lange Sicht.« Lynne ließ das Klemmbrett an die Seite sinken. »Aber … ich mache das hier jetzt schon seit über zwanzig Jahren. Alle Jubeljahre einmal treffe ich auf einen extrem sozialen Delfin. Ich glaube, Delphine ist einer dieser Delfine.« Ein kleines Lächeln erhellte bei einer Erinnerung ihr Gesicht. »Normalerweise berühren wir sie nicht. Einmal war ich bei ihr im Becken und berührte versehentlich ihre Haut mit meiner Hand. Sie pfiff und sah mich an. Ich meine, sie sah mich richtig an, genau so, wie Sie es erzählt haben. Ich schwöre, wäre sie eine Katze, hätte sie geschnurrt.«
Die Erinnerung an Delphine in der Bucht, den Kopf schräg gelegt, die dunklen Augen strahlend, blitzte in Carson auf. »Ich kenne diesen Blick.«
Lynne dachte darüber nach und betrachtete Carsons Gesicht. »Falls dieser Delfin eine Verbindung zu Ihnen hat, falls sie Sie erkennt, dann könnte das die Wende bringen.«
»Ich habe eine Verbindung zu ihr aufgebaut. Ich weiß, dass sie mich wiedererkennen wird«, sagte Carson entschlossen.
Lynne nickte fest, dann schaute sie auf ihre Uhr. »Es ist Zeit, Delphine ihre Medikamente zu geben. Sie können mit in das Becken kommen. Mal sehen, wie Delphine auf Sie reagiert. Wir lassen sie entscheiden.«
»Danke schön«, sagte Carson.
»Danken Sie mir nicht«, erwiderte Lynne, wieder ruppiger. »Wir wollen beide nur das Beste für diesen Delfin.«
Carson wurde zu einer Umkleidekabine geführt, wo sie einen Badeanzug anzog. Ein Freiwilliger reichte ihr ein blaues Mote-UV-Shirt, dann führte er sie zu Lynne und einem weiteren Mote-Angestellten neben einem großen, blauen Becken. Die Sonne schien grell über ihnen und der Beton brannte unter ihren Füßen, während sie über den Platz gingen. Carsons Herz schlug schnell, sie wollte möglichst rasch zu Delphine und hatte gleichzeitig Angst, ihr wieder so nah zu kommen. Würde sie sie willkommen heißen? fragte sie sich. Oder ging es ihr bereits so schlecht, dass sie Carson nicht mal mehr wiedererkennen würde?
Lynne und die Veterinärtechnikerin kletterten die Leiter hoch, um in das Becken zu steigen und Carson folgte. Sie spähte über den Rand und sah Delphine auf der anderen Seite des großen Wasserbeckens, ihr stockte der Atem. Von Nahem sah Carson deutlich die grellweißen Narben, die Delphines grauen Körper bedeckten und noch so frisch waren. Sie folgte den anderen beiden Frauen die Leiter nach unten, um in das kalte Wasser des Beckens zu tauchen. Das Wasser reichte ihr bis an die Taille. Lynne und die Technikerin standen bereits neben Delphine und stabilisierten sie. Carson hielt sich zurück, ihr Blick klebte an Delphine. Sie trieb senkrechter, als es für einen Delfin normal war. Ihre wunderschönen Augen waren geöffnet, aber bloß Schlitze in ihrem großen grauen Kopf. Sie sah leblos aus.
»Sie müssen ihren Kopf halten, damit wir ihr die Medikamente verabreichen können«, sagte Lynne und winkte Carson zu sich.
Carson ging mit langsamen Schritten auf Delphine zu.
Delphine, der jeder neue Mensch im Becken auffiel, drehte den Kopf in Richtung der neuen Person, die auf sie zukam. Carson schaute Delphine in die Augen. Plötzlich pfiff der Delfin laut und wand sich mit einer festen Flossenbewegung aus dem Griff der Technikerin.
»Delphine!«, rief Carson und breitete die Arme aus, als der Delfin direkt auf sie zuschwamm.
Delphine berührte Carson, als sie an ihr vorbeischwamm. Sie kreiste im Becken und pfiff vor Aufregung. Dann kehrte sie zu Carson zurück, ihre großen Augen weit geöffnet und neugierig. Carson streckte die Hand aus, aber bevor sie Delphine berührte, sah sie zu Lynne.
»Darf ich sie berühren?«
Lynne lächelte breit und nickte. »Machen Sie nur. Es ist offensichtlich, dass sie es möchte.«
Carson genoss das Gefühl von Delphines gummiartiger Haut unter ihren Händen, während sie ihren großen Kopf streichelte und dann sanfter ihre Seiten, wobei sie auf die Wunden achtete. Carson überkam ein Gefühl der Liebe für den Delfin und sie freute sich, dass es erwidert wurde. Als Delphine vor ihr stehen blieb, den Mund weit geöffnet wie zum Grinsen, schauderte Carson, als sie sah, wie schlimm die Haken ihr Maul verletzt hatten.
»Was haben wir dir nur angetan?«, murmelte sie.
In einer überraschenden Bewegung rollte sich Delphine zur Seite und bot ihren Bauch zum Streicheln dar. Carson hörte, wie Lynne nach Luft schnappte, angesichts dieses Beweises von Zuneigung und Vertrauen. Carson streichelte den schlanken, glatten Bauch, das Wasser strömte zwischen ihren Fingern. Die weißliche Haut des Delfins wurde vor Vergnügen rosig. Delphine drehte sich wieder um und blieb still im Wasser, Carson zugewandt.
Lynne kam näher und rieb Delphines großen Kopf. »Na, das nenne ich doch eine positive Reaktion«, sagte sie und lachte etwas. Die Veterinärtechnikerin lächelte zustimmend. »Das ist mehr Bewegung, als wir bisher bei ihr gesehen haben. Mal sehen, ob sie etwas Fisch annimmt.«
Lynne reichte Carson einen Eimer mit lebenden Fischen. »Werfen Sie ihr einen zu. Den Kopf voraus. Dann ist er leichter für sie zu fressen.«
Carson tat wie geheißen. Sie hatte Delphine viele Fische vom Steg zu Hause aus zugeworfen, sie wusste also, dass Delphine sie fangen konnte, wenn sie wollte.
»Delphine«, rief sie. Die dunklen Augen des Delfins beobachteten sie neugierig, sogar erwartungsvoll. Carson griff in den Eimer und nahm einen einzelnen, schmalen Fisch in die Hand.
»Delphine, hast du Hunger? Möchtest du einen schönen Hering?«, rief sie.
Delphine sah zu.
»Bitte schön«, rief Carson und warf einen Fisch. Im Nullkommanichts hatte Delphine ihn gefangen und verschluckt.
Die drei Frauen jubelten vor Erleichterung, während Delphine sich umsah und mehr wollte.
Carson verfütterte die restlichen Fische an Delphine und lobte sie für jeden Bissen, den sie fraß, bis der Eimer leer war.
»Das ist fantastisch«, sagte Lynne zu Carson. »Besser als ich gehofft hatte. Sie muss täglich ungefähr vier Kilo Hering und Kapelan fressen. Also«, sagte sie und lächelte breit, »wie lange können Sie als Freiwillige bleiben?«
»Eine Woche vielleicht. Ich habe keinen Job und keine Wohnung. Ich kann es mir nicht leisten, viel länger zu bleiben. Ist eine Woche lang genug für Delphine, um über den Berg zu kommen?«
»Ich glaube, es geht ihr schon besser. Allein, dass sie wieder frisst, ist ein Riesenfortschritt.« Sie schaute zu Delphine, die in langsamen, kleinen Kreisen durch das Becken schwamm. »Manchmal braucht es nur ein bisschen Liebe.«
Carson dachte an ihre Großmutter, ihre Schwestern, an Blake. Daran, wie die Liebe dieses Sommers sie bereits verändert hatte.
»Ich übertrage Ihnen die Fütterung von Delphine«, sagte Lynne. »Angela wird Ihnen zeigen, wie das Futter vorbereitet wird. Sie können sie noch eine Weile von Hand füttern, bis sie kräftiger geworden ist. Dann werden wir sie allein fressen lassen. Ich würde Delphine gern bald in das große Becken umsiedeln. Da hätte sie mehr Platz zum Schwimmen und wir können ihr die Fische einfach so hineinwerfen, anstatt sie von Hand zu füttern. Das ist ein wichtiger Schritt, sollten wir Delphine wieder auswildern. Je weiter wir uns von ihr entfernt halten, umso besser wird es für sie sein.«
»Auswildern?«, fragte Carson, überrascht von dieser Möglichkeit. »Ich dachte, Delphine käme in eine Einrichtung.«
»Das ist noch nicht sicher. Bis heute war ich mir nicht mal sicher, dass sie überlebt. Unser vorrangiges Ziel ist es immer, die Delfine wieder auszuwildern, sobald sie gesund sind. Aber sie hat noch einen langen Weg vor sich. Wir müssen einfach abwarten und sehen.«
»Wenn Sie sie auswildern, wo wäre das dann?«, fragte Carson besorgt.
»In ihrer Gemeinschaft. Delfine hängen sehr an ihren Schulen. Die Kommunikation innerhalb der Gemeinschaftsstruktur ist entscheidend für ihr Überleben.«
»Und falls sie nicht mehr in der Bucht ausgesetzt werden kann?«
Lynne machte eine Pause. »Nun, das ist natürlich unser Hauptziel.«
»Ich bin etwas verwirrt. Hat Blake Ihnen nicht erzählt, dass es Zweifel daran gab, dass sie Teil der Buchtgemeinschaft ist? Er hat Delphine noch nicht in seiner Datenbank gefunden. Er sucht noch.«
Lynne schüttelte den Kopf. »Das hat er nicht erwähnt. Das ist ein ernstes Problem. Wir treffen die endgültige Entscheidung noch nicht. Falls sie nicht wieder ausgewildert werden kann, werden wir eine passende Einrichtung für sie finden.«
»Blake hat das Dolphin Research Center erwähnt.«
»Eine hervorragende Einrichtung. Waren Sie schon mal dort?«
Carson schüttelte den Kopf.
»Sie sollten hingehen. Sehen Sie sich es an. Ihre Rückmeldung würde mich interessieren.«
»Ich habe noch die Hoffnung, dass Delphine es schaffen wird, wieder in die Bucht zu kommen.«
»Sie wissen aber, was das für Sie bedeutet, nicht wahr?«, fragte Lynne. »Sie könnten sie beobachten, aber sie dürften keinen Kontakt zu ihr aufnehmen. Es kann gut sein, dass Delphine gern zu Ihrem Steg zurückkommt, um ein gratis Essen zu schnorren. Das ist einfacher, als zu jagen.«
»Blake hat mir deswegen schon ordentlich die Leviten gelesen, das können Sie mir glauben.«
»Ja, das kann ich mir vorstellen. Er hat schon zu viel gesehen, um so etwas locker zu nehmen. Das geht uns allen so.« Lynne machte der anderen Mote-Angestellten ein Zeichen. »Sie können noch eine Weile hier drinbleiben. Ich werde ihre Spielzeuge herbringen und Sie können versuchen, sie zu beschäftigen. Falls sie müde wirkt, dann bleiben Sie einfach in ihrer Nähe und beobachten sie. Sagen Sie uns Bescheid, wenn Ihnen etwas Seltsames auffällt. Und hey, ich bin froh, dass Sie hier sind. Sie haben Gutes bewirkt.«
Carson wurde allein mit Delphine im Becken gelassen. Sie konnte die Hoffnung in ihrem Herzen, dass Delphine in die Bucht zurückkehren könnte, noch nicht aufgeben. Aber bis heute hatte sie nicht wirklich gesehen, wie schwer ihre Verletzungen waren, wie geschwächt sie tatsächlich war.
Delphine hielt wieder vor Carson an. Sie sahen einander einige Minuten lang in die Augen. Das Wasser schwankte sanft durch Delphines Bewegungen. Irgendwo in der Ferne kreischten Möwen.
Carson schloss die Augen und spürte zum ersten Mal seit langer Zeit Frieden. Es würde noch etwas dauern, all die heftigen Wahrheiten zu verarbeiten, die im letzten Monat ans Tageslicht gekommen waren: wie ihre Mutter zu Hause im Feuer umgekommen war, der Alkoholismus ihrer Eltern und die Wahrscheinlichkeit, dass auch sie an dieser Krankheit litt. Aber durch den Blick in Delphines Augen und die bedingungslose Vergebung und Liebe, die sie dort sah, fühlte Carson, wie ihr hartes Herz weicher wurde und wie der Prozess, sich von ihren Fehlern der Vergangenheit zu lösen, begann.
Sullivan’s Island, South Carolina
Harper stand vor der Bibliothek und spähte in den schwach erleuchteten Raum. Drinnen saß Nate im Schneidersitz vor dem Fernseher auf dem Boden. Er war ein schmaler, blasser Junge, seine hellen Haare mussten dringend geschnitten werden. Er saß reglos, abgesehen von seinen geschickten Fingern, die schnell die Fernbedienung des Spiels bearbeiteten, das er gerade spielte. Er war extrem konzentriert und merkte überhaupt nicht, dass sie ihn beobachtete.
Nate in diesem Raum zu sehen, klein und allein, versunken in seiner eigenen Welt, erinnerte Harper an sich selbst in diesem Alter. Harper hatte sich oft in diesem Raum aufgehalten, nur dass sie sich damals nicht für Spiele interessiert hatte. Sie war in ihre Bücher geflüchtet. Sie schätzte die Bücher ihrer Kindheit immer noch, sie waren Freunde für sie: Die Zeitfalte, Der König von Narnia und alles von Judy Blume. So viele Bücher, so viele Stunden … Sie erinnerte sich daran, wie sie in Geschichten versunken war, völlig in den verzauberten Welten aufging. In diesen Momenten hatte sie sich nicht einsam gefühlt.
Wie Nate hatte sie in ihrer Kindheit viel Zeit allein verbracht. Harper war so aufgezogen worden wie Generationen von James-Kindern vor ihr. Die britische Familie der Upperclass gehörte der Kinder-soll-man-sehen-aber-nicht-hören-Erziehungsschule an. Eltern der James-Familie küssten und drückten ihre Kinder nicht. Emotionen wurden nicht gern gesehen. Man konnte nicht behaupten, dass Georgiana Harpers körperliche Bedürfnisse vernachlässigt hätte. Ganz im Gegenteil. Harper war immer gut gekleidet, hatte gut zu essen und wurde von einer ganzen Flotte von Nannys gut betreut. Vernachlässigung hat jedoch viele Gesichter.
Ihre Mutter schleppte sie zwischen ihren Häusern in Manhattan, den Hamptons und England hin und her, überließ sie einer Nanny, eine Frau, die gewöhnlich dasaß und Harper zusah, wie sie allein spielte, während ihre Mutter endlose Geschäftsmeetings leitete oder mit ihrem turbulenten Sozialleben zu tun hatte.
Als Harper sechs Jahre alt war, galt sie als alt genug, um ihre Sommerferien in Sea Breeze zu verbringen. Ihrer Mutter gefiel die Vorstellung, ihre Tochter für einen längeren Aufenthalt in den Süden, zur Muir-Familie zu schicken, nie, aber es war praktisch, wenn sie den Sommer über weg war, daher nahm sie Mamaws Einladung an.
Nur hier, in Sea Breeze, brach Harpers Isolation endlich auf. Als sie das erste Mal herkam, schien alles auf Sullivan’s Island so merkwürdig, so fremd. Die riesigen Eichen, an denen das Moos herabhing, die rauschende Brandung, die fehlende Alltagsroutine. Mamaw erlaubte keine Nannys in Sea Breeze und ließ die Mädchen frei über die Insel laufen, sie mussten nur gewaschen und ordentlich zu den Mahlzeiten erscheinen.
Zuerst hatte Harper sich ohne strengen Stundenplan oder eine Nanny, die ihr sagte, was sie tun sollte, wie ein steuerloses Boot gefühlt. Die Freiheit machte einer einsamen Sechsjährigen Angst. Sie war auch schüchtern und verlegen gegenüber ihren zwei älteren Schwestern. Carson und Dora waren sich altersmäßig näher und fünf beziehungsweise acht Jahre älter als Harper. Sie kannten das Haus, die Landschaft, die Kultur. Sea Breeze war ihr Ort, und Harper fühlte sich wie ein Eindringling. Die ersten Wochen dieses ersten Sommers verbrachte sie viel Zeit versteckt in ihrem Zimmer und las.
Bis Mamaw einschritt. »Kind, du musst draußen spielen!«, sagte Mamaw. Ihre Großmutter teilte Harpers Liebe zu Büchern, aber Mamaw teilte auch ihre anderen Leidenschaften und weihte sie ins Angeln ein, ins Bootsfahren, Schwimmen und den gesamten Zauber des Lowcountrys. Mamaw lockte die Mädchen heraus. Sie packte Mittagessen ein und nahm sie mit, um die Insel und die Gewässer zu erforschen, dabei erzählte sie ihnen Geschichten von ihrem berüchtigten Vorfahren, dem schneidigen Captain Muir, einem furchterregenden Piraten. Sie weckte die Abenteuerlust, die in ihren Genen schlief und pflanzte in ihre jungen Herzen den Traum, den vergrabenen Schatz zu finden, der, wie sie behauptete, rechtmäßig ihnen gehörte.
Dora wurde in diesem Sommer zu einem Teenager und hatte ein Auge auf die örtlichen Jungs geworfen. Carson, die eine Freundin für den Sommer brauchte, wandte sich Harper zu. Sie entdeckten schon bald, dass sie geistesverwandt waren, beide Wesen aus Fantasie und Träumen. Die fünf Jahre Altersunterschied verschwanden durch Harpers Intelligenz und Carsons Abenteuerlust. Harpers Leseleidenschaft bot oft kreatives Futter für aufregende, neue Ideen, die sie in ihren Spielen ausleben konnten.
Ihre Sommer in Sea Breeze hatten sie als junges Mädchen gerettet. Sie war nicht allein mit ihren Büchern. Mit Carson hatte sie ihre Fantasie zum Leben erweckt. Sie hatte eine Freundin, mit der sie spielen konnte.
Harper lugte noch einmal zu dem kleinen Jungen hinein, der allein vor seiner Spielkonsole saß. Sie entfernte sich leise von der Tür, ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie wusste, was sie als Nächstes tun musste.

4
Charleston, South Carolina
Dora wachte in einem fremden Raum auf. Sie blinzelte träge, als ihr langsam klar wurde, wo sie sich befand und wie sie dorthin gekommen war. Sie erinnerte sich an die Schmerzen in ihrer Brust, die Kurzatmigkeit, dass Cal ihr in sein Auto geholfen und sie ins Krankenhaus gefahren hatte. Die Matratze war dünn und die Laken gestärkt, ebenso wie der grün-weiße Krankenhauskittel, der um ihre Hüften gelegt war. Sie fühlte sich ganz durcheinander, während sie weiter ins Licht blinzelte.
»Hi«, sagte Cal neben ihr. »Schön, dass du wach bist.«
Sie schaffte ein schwaches Lächeln. »Hi.« Sie sah sich schlapp im Zimmer um, gab ihren Augen Zeit, sich anzupassen. In einer Ecke sah sie Mamaw aufrecht in einem Metallstuhl sitzen. Sie sah in ihrer üblichen Tunika – heute in Aquamarinblau – und einer beigen Leinenhose sehr gut aus. Mamaw lächelte sie aufmunternd an, als ihre Blicke sich trafen. Eine Stimme erklang vom anderen Ende des Zimmers. »Herrgott, hast du uns einen Schrecken eingejagt! Ich habe fast selbst einen Herzinfarkt bekommen!«
Dora sah, wie Mamaw die Augen verdrehte, dann wandte sie den Kopf in die andere Richtung und entdeckte ihre Mutter, die an ihr Bett kam. Winifred Smythe trug ein glitzerndes weißes Top, das sich über einer schwarzen Stretchhose an ihre üppigen Kurven schmiegte, wie Schnee auf einem Berggipfel.
»Mama?«
Winifred lief an Doras Seite. Ihre früher einmal blonden Haare waren jetzt vor allem grau und zu einem praktischen Pagenschnitt mit Pony geschnitten, eine Frisur, die Cal »den Helm« nannte. Unter ihren blauen Augen schmückte eine Perlenkette ihren Hals und zarte Perlen hingen auch an ihren Ohrläppchen.
»Ja, ich bin’s, Darling, ich bin hier!«, sagte sie und nahm Doras Hand.
»Wann bist du hergekommen?«
»Ich habe alles stehen und liegen lassen und bin sofort hergefahren, als Cal angerufen hat. Der Gute, er war so aufgeregt wegen dir, dass er vergessen hat, mir zu sagen, in welches Krankenhaus er dich gebracht hat.«
Dora versuchte sich vorzustellen, dass Cal sich wegen ihr solche Sorgen machte.
»Honey, du hast uns so einen Schrecken eingejagt«, fuhr Winifred fort und drückte ihre Hand. »Wenn ich nur daran denke, dass mein Baby einen Herzinfarkt hatte. Ich habe den ganzen Weg von Charlotte hierher geweint. Ich bin völlig fertig!«
Mamaw meldete sich. »Jetzt reg dich nicht künstlich auf, Winnie. Wir wissen nicht, ob es ein Herzinfarkt war.«
»Natürlich war es das«, entgegnete Winifred herablassend. Sie ließ Doras Hand mit einem kleinen Tätscheln los. »Ein schwacher, da bin ich mir sicher …«, fügte sie tröstend an Dora gewandt hinzu.
Cal trat an der anderen Seite näher ans Bett. Dora drehte ihren Kopf auf dem Kissen, um ihm ins Gesicht zu sehen. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen und sein normalerweise ordentlich gekämmtes Haar war durcheinander. Sein Gesichtsausdruck war besorgt, gar reumütig.
»Dora«, sagte er in einem leisen, gebrochenen Tonfall. »Ich wollte nicht, dass so etwas passiert. Als ich gesehen habe, wie du auf den Boden gefallen bist …«
Er schüttelte den Kopf.
Winifred schnalzte mitfühlend mit der Zunge.
»Ich … ich habe gedacht …« Er zögerte. »Vielleicht sollten wir noch mal genauer über diese ganze Scheidungssache sprechen. Vielleicht überstürzen wir gerade alles.«
Dora hörte, wie ihre Mutter nach Luft schnappte.
Dann tauchte Mamaw rechts neben Cal auf. »Cal, du siehst erschöpft aus. Du hast dich furchtbar erschrocken und bist seitdem nicht mehr von Doras Seite gewichen. Es wird noch dauern, bis der Arzt kommt. Warum machst du nicht mal eine kleine Pause und trinkst einen Kaffee in der Cafeteria. Winnie und ich sind beide hier. Wir werden dich rufen, sobald der Arzt kommt.«
Cal sah Dora an, und sie nickte zustimmend.
»Okay«, sagte er. »Ich könnte schon eine Pause vertragen. Ich bin gleich wieder da.«
Kaum, dass die Tür hinter ihm zu war, griff Winifred wieder Doras Hand und drückte sie begeistert.
»Hast du das gehört, Honey?«, sprudelte es aus ihr hervor. Ihre Augen strahlten. »Cal will sich nicht mehr scheiden lassen!«
Dora sah sie teilnahmslos an. Sie fühlte keine Begeisterung wie ihre Mutter. Sie fühlte eigentlich gar nicht viel. Es war, als wären all die aufgestauten Gefühle, die in ihr getobt hatten, durch das, was auch immer ihr im Haus zugestoßen war, vertrieben worden.
»Das hat er nicht gesagt, Mama«, sagte sie gleichgültig. »Jedenfalls nicht exakt.«
Winifred wischte den Einwand beiseite. »Er hat dir eine Tür geöffnet und du solltest durchgehen. Es ist an der Zeit, die Unebenheiten glattzubügeln.«
Doras Kopf dröhnte bei all den widersprüchlichen Bildern, die ihre Mutter benutzte. Winifred hatte ihre Lieblingsausdrücke und setzte sie übertrieben oft ein.
Als Dora nicht antwortete, sagte Winifred geschockt: »Du willst dich doch nicht scheiden lassen, oder doch?«
»Und warum sollte sie nicht?«, fragte Mamaw scharf.
Winifred drehte sich mit einem verkniffenen Gesicht zu ihr um. Die beiden Frauen konnten sich nicht ausstehen, und das Letzte, was Dora jetzt gebrauchen konnte, war ein Machtkampf. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, dass ihre Mutter ungerechterweise Mamaw für alle Fehler Parkers verantwortlich machte. Mamaw hatte alles getan, was sie konnte, um Winifred während ihrer Ehe mit Parker und während der Scheidung zu unterstützen. Schließlich hatte Mamaw die beiden einander vorgestellt, und sie waren bei der Heirat noch so jung gewesen. Parker hatte gerade erst das College abgeschlossen und Winifred hatte das College im zweiten Jahr abgebrochen und nie einen Abschluss gemacht. Mamaw hatte dem jungen Paar ein hübsches Haus in der schicken Colonial Lake Gegend von Charleston gekauft. Edward hatte Parker einen Job in seiner Bank besorgt. Dora hatte immer gefunden, dass Eltern nicht großzügiger hätten sein können. Zwei Jahre später, als herauskam, dass Parker eine Affäre mit Doras Nanny hatte, hatte Mamaw Winifred unterstützt und Parker gedroht, ihn nicht mehr mit Geld zu unterstützen, wenn er die Affäre mit der achtzehnjährigen Sophie nicht beendete. Das ganze Chaos war eine große Schande, über die Winifred jahrelang nicht hinweggekommen war. Charleston hatte ein gutes Gedächtnis. Aber das war auf keinen Fall Mamaws Schuld.
»Eine Scheidung ist sehr schmerzhaft«, sagte Winifred bestimmt. »Ich muss es wissen. Ganz zu schweigen von dem Skandal. Falls Cal seine Meinung ändern will, dann sollte Dora alles tun, um ihre Ehe zu retten.«
Das traf Dora ins Herz.
»Winnie«, sagte Mamaw und trat näher. Ihr Tonfall war jetzt versöhnlich. »Ich weiß, dass deine Scheidung von Parker schwierig war. Sie hat mir das Herz gebrochen. Ihr wart beide so jung und du hattest das Baby.« Sie schüttelte zerknirscht den Kopf. »Es war alles so traurig. Aber Parker hat sich nie geändert, nicht wahr? Er hätte dir immer und immer wieder das Herz gebrochen, wenn ihr zusammengeblieben wärt. Die Scheidung hat dich befreit. Wärst du in dieser Ehe geblieben, hättest du Henry nie kennengelernt. Und du bist doch glücklich mit ihm, oder nicht?«
»Stimmt«, sagte Winifred, besänftigt. »Aber Cal ist nicht Parker. Er ist viel stabiler, vertrauenswürdiger. Er ist kein Alkoholiker«, endete sie, in einem leicht selbstgefälligen Tonfall, wohl wissend, dass diese Worte Mamaw tief treffen würden.
Mamaw überging die Stichelei. »Aber liebt er unsere Dora? Das ist das einzige Kriterium, das sie anlegen sollte. Dora verdient mehr als ein Leben voller Reue und Bedauern. Wir wissen beide, dass zu viele Frauen schrecklich unglücklich sind, weil sie in einer Ehe ohne Liebe verharren.«
»Bei der Ehe geht es nicht nur um Liebe«, erwiderte Winifred scharf. »Liebe ist doch nur Leidenschaft und Verliebtheit. Ehe ist Pflicht. Verantwortung. Verpflichtung. Sie ist harte Arbeit.«
Mamaw spottete. »Bei dir klingt es wie eine Gefängnisstrafe. Und ich wage zu behaupten, wenn das die einzigen Gründe sind, weswegen man mit einem Mann zusammenlebt, dann fühlt es sich auch wie eine an.«
Dora spürte, wie ihr Herz unter diesem Wortgefecht zusammenzuckte. Ihr Körper reagierte auf das, was sie hörte, wie auf Nägel, die über eine Tafel kratzen. Die Position ihrer Mutter war klar. Dora sollte sich nicht scheiden lassen. Dora sah zu ihrer Mutter, die aufrecht wie ein Soldat dastand und Mamaw düster anstarrte, bereit, es mit einem starken Gegner aufzunehmen. Ihr wurde klar, dass ihre Mutter das Wort »soll« sehr oft benutzte. Es war ihr egal, ob eine Ehe glücklich oder auch nur zufrieden war. Es ging immer nur darum, den sozialen Konventionen zu entsprechen, zu tun, was man tun soll.
Dora wollte sie gerade daran erinnern, dass sie noch im Zimmer war, als die Tür geöffnet wurde und das Thema ihres Streits mit einer Tasse Kaffee in der Hand eintrat. Sofort hörten die beiden Frauen auf zu reden und lächelten angespannt, während sie ihn grüßten. Dora sagte nichts, aber ihr fiel auf, dass Cal nicht auf die Idee gekommen war, die älteren Frauen zu fragen, ob sie Kaffee, Tee oder auch ein Donut wollten. Sie hatten genauso viele Stunden im Krankenhaus verbracht. Aber Aufmerksamkeit war noch nie seine Stärke. Dora versuchte den Gedanken abzuschütteln. Schließlich war Cal hier und bemühte sich. Das musste genügen.
Dora erstarrte. Das musste genügen.
War das nicht jedes Mal ihre Antwort, wenn Cal sie enttäuschte? Wenn er sich weigerte, auf Nate aufzupassen oder Abendessen zu holen, wenn sie müde war. Wenn er behauptete, sie könnten sich keine Spülmaschine leisten oder wenn er ihren Jahrestag vergaß. Oder wenn er vor ihrer Berührung zurückzuckte. Aber er liebte sie, sagte sie sich immer wieder. Er war ein guter Mann. Ein guter Versorger. Er trank nicht und hatte keine Affären wie ihr Vater. Er war ihr Ehemann. Das musste genügen.
Das Problem war nur, dass es sich nie nach genug angefühlt hatte. Sie hatte mit ihrer Mutter darüber gesprochen, hatte auf einen mitfühlenden Ratschlag von Mutter zu Tochter gehofft. Winifred hatte Doras Beschwerden mit einem leichten Lachen weggewischt und erklärt, dass es das Schicksal aller Ehefrauen sei, ignoriert zu werden und dass das umso normaler sei, je mehr Jahre vergingen. Der Lack ist irgendwann ab, hatte sie eingeworfen.
Ein forsches Türklopfen riss Dora aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und sah einen Arzt eintreten, gefolgt von einer großen, hübschen blonden Schwester.
»Hallo, Dr. Newell«, sagte Mamaw.
Dora beobachtete, wie Dr. Newell ihre Krankenakte überflog. Der Kardiologe erinnerte sie an Ron Howard als Kinderstar – Sommersprossen und frisch geschrubbt, als käme er gerade aus der Schule. Sie fragte sich, wie jemand so Junges schon so viele Abschlüsse haben konnte.
»Wie geht’s uns denn?«, fragte er mit einem schnellen Lächeln.
Dora hasste es, wenn Ärzte den Pluralis Majestatis benutzten. »Ich weiß nicht, wie’s Ihnen geht, Doktor, aber ich fühle mich wie durch den Fleischwolf gedreht.«
Er kicherte amüsiert. Dora beschloss, ihn zu mögen.
»Das war auch zu erwarten«, antwortete er freundlich.
Mamaw schaltete sich ein. »War es ein Herzinfarkt?«
Dr. Newell schaute von den Unterlagen in seiner Hand auf und konzentrierte sich auf seine Patientin, er lächelte Dora geschäftsmäßig an und schüttelte kurz den Kopf. »Nein. Ihre Symptome ähneln denen eines Herzinfarkts, aber wir haben uns die Untersuchungsergebnisse genau angesehen und die gute Nachricht ist, dass Sie tatsächlich ein anderes Herzproblem haben, das sich Stress-Kardiomyopathie nennt.«
»Ich hatte keinen Herzinfarkt?«, fragte Dora, Erleichterung breitete sich in ihr aus.
»Nein. Hatten Sie in letzter Zeit besonders viel Stress?«
Dora schaute zu Cal und sah, wie er besorgt die Stirn runzelte.
»Ja.«
»Aha. Diese Störung wird normalerweise von extremem Stress oder Trauer ausgelöst. Wir nennen es das Gebrochene-Herz-Syndrom.«
Dora sah den Doktor schweigend an. Sie konnte es nicht glauben. Genauso fühlte sie sich – als wäre ihr Herz gebrochen.
Mamaws Erleichterung war ihr anzusehen. »Das sind gute Neuigkeiten. Aber ich habe noch nie von dem Gebrochenen-Herz-Syndrom gehört. Ist das etwas Ernstes?«
»Nicht unbedingt. Sehen Sie, ein stressiges Ereignis reizt den Sympathikus, dadurch wird die Flucht-oder-Kampf-Reaktion ausgelöst.«
»Davon habe ich schon gehört«, warf Winifred ein.
Dr. Newell lächelte, wie ein Lehrer einen Schüler anlächelt, der ohne aufzuzeigen eine Antwort in die Klasse ruft. »Ja. Das ist eine normale Reaktion. Ihr Körper produziert verschiedene Stoffe, darunter auch Adrenalin. Diese plötzliche Freisetzung der Stoffe kann zu einer Bewegungsstörung der Herzkammer führen, so dass sie nicht mehr ordentlich pumpen kann. Wir erleben alle Stress. Stress-Kardiomyopathie ist eine Störung, die plötzlich und unerwartet auftaucht, meistens bei Frauen jenseits der Wechseljahre. Und«, er hielt lächelnd inne, »sie vergeht schnell. Besonders in Doras Fall, weil ihr Herz in guter Verfassung zu sein scheint. Auch wenn das Gebrochene-Herz-Syndrom sich wie ein Herzinfarkt anfühlt, ist es ein viel kleineres Problem, das eine andere Art der Behandlung erfordert.«
»Wie wird es denn genau behandelt, Herr Doktor?«, fragte Mamaw. »Muss sie Medikamente nehmen? Noch mehr Untersuchungen machen lassen?«
»Wann kann sie nach Hause?«, fragte Winifred.
Der Doktor hörte der Fragenflut zu, dann wandte er sich an Dora. »Ich möchte Sie noch eine Nacht hierbehalten, vielleicht auch zwei. Sie sind ein bisschen dehydriert, und ich warte noch auf weitere Untersuchungsergebnisse. Sie brauchen keine Medikamente. Jedenfalls noch nicht.«
Er sah die anderen an. »Dora hatte tatsächlich großes Glück.«
»Glück?«, fragte Dora.
»Glück, weil wir uns Ihre Herzgesundheit jetzt anschauen können, bevor es zu ernsteren Problemen kommt. Ich bin froh, dass Sie hier sind«, sagte er und sprach Mamaw an. »Ich würde gern die Familiengeschichte besprechen. Stimmt es, dass Ihr Ehemann an einer Herzkrankheit gestorben ist? Und Ihr Vater?«
»Ja. In der Familie wimmelt es von Herzkranken«, erklärte Mamaw. »Edward, mein Ehemann, ist mit zweiundsiebzig an einem Herzinfarkt gestorben. Sein Vater und seine zwei Brüder auch. Mein Sohn ist schon mit fünfundfünfzig gestorben. Wir haben ihn so jung verloren. Muirs sterben an Herzkrankheiten – oder im Krieg«, fügte sie düster hinzu.
»Und Sie?«, fragte Dr. Newell Mamaw.
»Ich Gott sei Dank nicht. Colsons bekommen Krebs. Obwohl ich auch dieses Herzklopfen bekomme, wenn ich mich aufrege.«
Dora dachte über das nach, was Mamaw gerade über Parker gesagt hatte. »Mamaw, ich dachte, du hättest immer gesagt, dass der Alkohol Daddy umgebracht hat.«
»Das stimmt schon, aber die unmittelbare Todesursache war ein Herzinfarkt. Der Arme war dünn und mangelernährt. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Leber ihn erledigt hätte. Aber«, fügte sie mit Nachdruck hinzu, ihr war gerade etwas Wichtiges eingefallen, »Parker hatte genau solches Herzklopfen, als er nur ein paar Jahre älter war, als du jetzt, Dora. Edward und ich haben ihn zum Arzt gebracht, aber der konnte nichts finden.«
In der folgenden Stille hörte Dora das Kratzen von Dr. Newells Stift, als der rasch etwas in der Krankenakte vermerkte. Sie hatte nicht gewusst, dass es in ihrer Familie so viele Herzkranke gegeben hatte … und es machte ihr Angst.
»Die gute Nachricht für heute ist, dass Ihr Herz keinerlei Krankheitsanzeichen zeigt«, sagte Dr. Newell Dora. »Aber bei Ihrer Familiengeschichte und nach diesem Zwischenfall ist es Zeit für Veränderungen. Trinken Sie viel?«
»Nein«, antwortete sie rasch. »Ich trinke Wein, vor allem roten«, fügte sie hinzu, da sie irgendwo einmal gelesen hatte, dass Rotwein gut fürs Herz sei. »Und ab und zu mal einen Cocktail. Aber letzten Monat haben meine Schwestern und ich eine Woche gar nichts getrunken, nur um sicherzugehen, dass wir das können. Wir hatten uns Sorgen gemacht, wegen des Alkoholismus unseres Vaters. Ich hatte kein Problem damit, mit dem Alkohol aufzuhören.«
»Gut. Was ist mit Ihrer Arbeit? Eine sitzende Tätigkeit?«
»Ich bin Hausfrau und Mutter. Ich unterrichte zu Hause.«
»Sport?«
Dora schüttelte beschämt den Kopf.
»Wie viele Kinder?«
»Eins. Mein Sohn, Nate. Er ist neun Jahre alt.«
»Was ist mit Ihrer Ernährung?« Dr. Newell sah auf die Krankenakte. »Sie haben Übergewicht, und ich mache mir Sorgen, weil Sie so viel Gewicht am Bauch haben, was ein deutlicher Marker für eine mögliche Herzerkrankung ist. Schwester Langelan ist Ernährungsberaterin und kann Sie beraten, wie Sie Ihre Ernährung und Ihren Lebensstil ändern sollten.«
Er deutete auf die Schwester neben ihm. Sie war groß und schlank, ein perfektes Beispiel für gute Ernährung und Sport. »Sie wissen, wie’s geht. Aber schieben Sie es nicht mehr auf, Mrs Tupper«, sagte er ernst. »Sie müssen es tun. Sofort. Das hier war Ihr Schuss vor den Bug.«
Dora sah Mamaw und Winifred an. Mamaws Augen hatten einen neuen Glanz bekommen, während Winifred gequält aussah, als hätte sie selbst gerade eine Diagnose erhalten.
»Abgesehen davon, können Sie nach Hause, sobald die Untersuchungen beendet sind.«
Dora schaffte es, erleichtert zu lächeln.
»Danke schön, Herr Doktor«, sagte Winifred großmütig. »Wir sind so dankbar für die guten Neuigkeiten. Dora, du kannst mit mir nach Charlotte kommen. Henry fände es toll, dich bei uns zu haben. Und Nate natürlich«, ergänzte sie. »Herr Doktor, wie lange sollte sie Bettruhe halten?«
»Bettruhe? Genau das braucht Dora nicht. Ich will, dass sie sich bewegt und mit nicht zu anstrengendem Training beginnt.« Er wandte sich wieder Dora zu. »Machen Sie lange Spaziergänge auf ebenem Grund. Mindestens eine halbe Stunde und steigern Sie das Tempo in Zehn-Minuten-Schritten. Wenn Sie daran gewöhnt sind, können und sollten Sie es zu einem regelmäßigen Training ausbauen. Schwester Langelan wird Ihnen Vorschläge dazu machen. Falls Sie noch weitere Fragen haben, dann melden Sie sich nur.«
Er lächelte Dora aufmunternd an. »Nehmen Sie das hier ernst, Dora. Sie sind jung und haben noch Zeit für Veränderungen. Viel Glück.«
Dora lächelte schwach und dachte an all die Veränderungen, die auf sie zukamen.
Nachdem Dr. Newell gegangen war, versprach Schwester Langelan gleich zurückzukehren und folgte ihm nach draußen. Einen Augenblick lang waren alle im Zimmer ruhig.
Mamaw war die Erste, die etwas sagte. »Es ist für Dora unpraktisch, nach Charlotte zu ziehen. Sie hat sich in Sea Breeze eingerichtet. Da gibt’s endlos viel frische Luft und Strände für Spaziergänge, und Lucille wird gesund kochen. Und am allerbesten ist, dass Nate sich dort gut eingelebt hat. Er mag keine Veränderungen«, erinnerte sie die anderen.
»Aber sie braucht jetzt ihre Mutter«, sagte Winifred.
»Ach Winnie, sei doch vernünftig«, zischte Mamaw, die langsam die Geduld verlor.
Einen Augenblick starrten die beiden Frauen einander an.
»Mamaw …«, begann Cal.
»Entschuldige bitte«, unterbrach Mamaw ihn und sah ihn verächtlich an. »Ich erlaube es nur meiner Familie, diesen Kosenamen zu benutzen. Du kannst mich Mrs Muir nennen.«
Cals angespanntes Gesicht wurde blass. »Mrs Muir«, lenkte er ein. »Ich würde gern einen Augenblick allein mit Dora sprechen.«
»Reg sie bloß nicht auf!«, warnte Mamaw.
»Das werde ich nicht.«
»Ich wünschte, ich könnte dir glauben.«
Cal richtete sich auf. »Ich gebe zu, dass ich Fehler gemacht habe.« Seine Augen blitzten. »Aber darüber muss ich Ihnen keine Rechenschaft ablegen. Nur Dora.«
Es entstand eine kleine Pause. Dann sagte Mamaw zu Dora: »Es ist ziemlich spät. Zeit, dass ich nach Sea Breeze aufbreche. Und du brauchst Ruhe. Ruf mich morgen früh an, ja, Liebes? Ich hoffe sehr, dass du nach Sullivan’s Island zurückkommst. Wir alle hoffen es.«
»Gute Nacht, Mamaw«, sagte Dora lächelnd. Sie wäre am liebsten sofort mit Mamaw nach Hause gefahren. Sie wollte dieses sterile Krankenhaus mit seinem unbequemen Bett und noch mehr Untersuchungen verlassen. Wollte fort von Cal und ihrer Mutter. Wollte Nate sehen. Sie sehnte sich nach ihrem Sohn. »Gib Nate einen Kuss von mir, in Ordnung?«
Mamaw beugte sich vor und küsste Dora auf die Wange. »Das tue ich auf jeden Fall.« Als sie sich aufrichtete, wandte sie sich Winifred zu. »Winnie, hast du eine Übernachtungsmöglichkeit? Du kannst gern in Sea Breeze schlafen.«
Die Einladung überraschte Winifred ganz offensichtlich. Ihr Gesicht wurde für einen winzigen Moment weicher, aber schnell setzte sie wieder ihre gleichgültige Maske gegenüber Mamaw auf. »Vielen Dank, aber nein. Ich werde in meinem üblichen Hotel übernachten. Ich möchte meiner Tochter nah sein«, fügte sie wichtigtuerisch hinzu.
»Natürlich«, sagte Mamaw. »Also, dann mach ich mich mal auf den Weg.«
Winifred verabschiedete sich ebenfalls, dazu gehörten überschwängliche Liebesbekundungen und das Versprechen, sich in Charlotte gut um Dora zu kümmern, denn da gehöre sie hin. Bevor sie ging, küsste sie Cal auf die Wange und sagte dann: »Ihr Kinder solltet euch aussprechen. Euch versöhnen.«
Als die Tür geschlossen wurde, schloss Dora auch ihre Augen, sammelte Kraft, um auf das reagieren zu können, was Cal im Sinn hatte. Sie war todmüde und fast zu erschöpft, um ihre Augen wieder zu öffnen. Nach einer Weile schaffte sie es trotzdem. Cal stand neben dem Bett, die Hände in den Hosentaschen, sah zu ihr herab und wartete.
Dora sagte: »Ich glaube, wir haben für heute alles gesagt.«
»Dora«, sagte Cal mit bittendem Blick. »Was ich vorher gesagt habe, meine ich ernst. Dass wir uns das mit der Scheidung noch mal überlegen sollten.«
»Cal …«
»All das«, er deutete mit der Hand auf das Krankenhaus, »hat mir noch einmal bewusst gemacht, was für ein ernster Schritt das ist. Wie kurz unser Leben ist. Wir sollten nicht so schnell alles wegwerfen, was wir zusammen aufgebaut haben.«
Er hatte ihre Aufmerksamkeit. Dora hörte zu.
»Vielleicht …«, begann er und nahm ihre Hand.
Sie blickte auf ihre beiden Hände.
»… solltest du bei mir, in meiner Wohnung bleiben.«
Dora schaute ihn kurz an, antwortete aber nicht.
»Es ist ein hübsches Haus in unserem Viertel, mit einem Aufzug, nahe bei den Geschäften. Du könntest durch den Park zum Haus spazieren.« Er lächelte aufmunternd. »Es wäre Training für dich und du könntest die Handwerker im Auge behalten. Zwei Fliegen mit einer Klappe.«
»Es fällt mir schwer, dir zu glauben.«
Cal öffnete den Mund, um zu antworten, dann schloss er ihn wieder. Er machte eine Pause, steckte seine Hände wieder in die Hosentaschen. »Ich weiß«, sagte er. »Ich kann es dir nicht verübeln, Dora. Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe. Glaub mir jetzt.«
Dora sah ihren Ehemann lang und fest an. Sein Gesicht war schmal und blass. Ihr fiel auf, dass Cal nicht glücklich aussah. Sie überlegte angestrengt, wann er das letzte Mal glücklich ausgesehen hatte. Sie wusste es nicht. Sie versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal glücklich gewesen war. Die Antwort fiel ihr schnell ein. Es war in Sea Breeze, auf dem Steg mit Nate, Mamaw und ihren Schwestern. Dieser verrückte Delfin im Wasser brachte sie alle zum Lachen. Sie konnte immer noch das atemberaubende, breite Grinsen auf Nates Gesicht sehen, seinen normalerweiser verschlossenen Gesichtsausdruck ganz von Freude erfüllt.
»Was ist mit Nate? Deine Wohnung ist klein. Wird das nicht zu eng?«
Cals Gesicht verdüsterte sich und er rieb sich verdattert das Kinn. »Stimmt. Nate … das ist schwierig.«
Die offensichtliche Tatsache, dass Cal Nate mal wieder vergessen hatte, ließ sie schaudern. Dora beobachtete ihn, wie er zum Fenster ging, kurz hinaussah und dann wieder an ihre Seite zurückkehrte.
»Du hast recht«, sagte er in einem normalen Tonfall. »Sie ist klein. Eigentlich zu klein. Aber wie wäre es damit«, fügte er schnell hinzu. »Es geht ja nicht um eine lange Zeit. Gerade lang genug, damit du dich erholen kannst. Und währenddessen können wir eine größere Wohnung suchen. Kann Nate nicht solange in Sea Breeze bleiben?«
Dora spürte, wie die Empörung in ihrer Brust aufstieg, wie konnte Cal Nate nur so problemlos in Sea Breeze zurücklassen?
»Nein!«
»Es ist nur logisch. Du hast gesagt, er fühlt sich dort wohl. Er hat sich eingelebt. Es geht ihm gut. Ein Umzug würde ihn nur durcheinanderbringen. Du weißt, dass er keine Veränderungen mag. Und«, ergänzte er nachdrücklich, »es würde uns Zeit zum Reden geben. Nur wir beide. Das brauchen wir.«
»Aber …«
»Nur für eine kurze Weile.«
»Wie lange?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ein paar Wochen. Vielleicht einen Monat.«
Sie war völlig fassungslos, weil er glaubte, sie wäre bereit, Nate auch nur für ein paar Wochen zu verlassen, geschweige denn für einen Monat. Doch sein Versöhnungsangebot so kurz nach dem Debakel in der Anwaltskanzlei brachte sie durcheinander. Ihr fielen die Worte ihrer Mutter wieder ein: Falls Cal seine Meinung ändern will, dann sollte Dora alles tun, um ihre Ehe zu retten.
»Du hast recht, Cal. Wir wollen unsere Ehe nicht einfach so wegwerfen. Aber ich bin jetzt müde. Mein Kopf ist ganz benommen, und ich muss schlafen.«
»Klar. Natürlich. Ich gehe dann mal lieber.«
Dora schaffte es, schwach zu lächeln.
»Ich bin morgen früh wieder da.«
»Wirst du Nate morgen besuchen? Ich möchte nicht, dass er sich Sorgen macht.«
Er machte ein ganz reumütiges Gesicht. »Ich wünschte, ich könnte. Aber ich habe morgen so viele Termine. Ich bin mir sicher, dass man sich in Sea Breeze gut um ihn kümmert.«
Dora zog die dünne Zudecke höher an den Hals, sie fror plötzlich. Sie schaute auf ihre Fingernägel. Sie waren kurz und unlackiert. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wann sie das letzte Mal eine Maniküre bekommen hatte. An ihrem linken Ringfinger trug sie immer noch den dünnen Ehering mit Diamanten in Pavé-Fassung. Cal hatte in seiner ganzen Argumentation kein einziges Mal gesagt, dass er sie liebte. Er hatte ihr nicht gesagt, dass sie ihm gefehlt hatte oder ihr Sohn.
Dora atmete tief aus, blies all die Angst, Wut und Sorge, die sie zu lange in ihrer Brust getragen hatte, heraus. Ein Wohnortwechsel würde Cal nicht ändern. Er wollte sie nicht zurück, weil er sie liebte. Das wollte sie hören. Was Cal von ihr wollte, war, dass sie die Renovierung des Hauses überwachte. Er wollte sie weich machen, um bei der Scheidung besser davonzukommen.
Sie hatte Besseres verdient. Nate hatte Besseres verdient. Es war nicht genug.
»Wenn du so viel zu tun hast, musst du auch nicht ins Krankenhaus kommen«, sagte Dora tonlos. »Mir geht’s gut. Danke für das Angebot, in deine Wohnung zu ziehen. Aber das ist zu früh. Ich brauche Zeit allein, um nachzudenken, über unsere Ehe, über mich … über so viele Dinge, bevor ich bereit bin, weiterzureden.«
Cal räusperte sich, um zu antworten, aber sie sprach weiter, gab ihm nicht die Möglichkeit, sie zu unterbrechen.
»Sobald ich entlassen werde, fahre ich zurück nach Sullivan’s Island. Du hast recht. Nate ist dort glücklich. Und weißt du was? Ich bin dort auch glücklich. Ich glaube, wir alle haben es verdient, glücklich zu sein. Wir können in ein paar Wochen sprechen. Vielleicht in einem Monat.« Sie lächelte ein wenig, als sie seine Worte wiederholte. »Und was die Aufsicht der Hausreparaturen angeht …« Sie zuckte mit den Schultern. »Viel Glück damit.«

5
Mamaw liebte Feiertage. Weihnachten war natürlich ihr Lieblingsfest. Dann Valentinstag mit den Herzen und der Schokolade und Ostern mit den bunten Eiern und den pastellfarbenen Blumen. Und jetzt war es Zeit, den Nationalfeiertag zu begehen. Auf der Insel verstopften Touristen die flaggengeschmückten Straßen. Sie und Lucille kämpften sich durch den Verkehr, um Dora im Krankenhaus abzuholen und nach Hause nach Sea Breeze zu bringen. Lucille fuhr ihren alten Camry über die Ben-Sawyer-Brücke nach Mt. Pleasant. Es war ein zuverlässiger Wagen, zehn Jahre alt, mit nur wenigen gefahrenen Kilometern und ganz ohne Schrammen oder Kratzer.
Da Mamaw Carson ihren Cadillac Oldtimer überlassen hatte, hatte sie kein eigenes Auto. Auch egal, dachte sie, als sie vom Beifahrersitz aus dem Fenster sah. Ihre Augen waren nicht mehr so gut wie früher und ihre Reaktionen auch nicht mehr. Sie seufzte. Das galt allerdings auch für Lucille.
Mamaw sah aus dem Fenster, als sie an den ausgedehnten Feuchtgebieten des Lowcountrys vorbeifuhren. Es war Flut und die Austernbänke lagen unter Wasser. Nur die Grasspitzen waren jetzt noch zu sehen, leuchtend grün nach dem starken Regen neulich. In dieser Woche war auf der Insel am meisten los und selbst zur Mittagszeit gab es viel Verkehr, der nur langsam floss auf der schmalen Straße, die das Marschland von der Insel zum Festland durchzog. Mamaw fiel jedoch auf, dass der Abstand zwischen ihrem Wagen und dem vor ihnen sehr groß war.
»Du fährst langsam wie eine Schnecke«, sagte sie zu Lucille.
»Ich fahre nicht langsam«, entgegnete Lucille verächtlich. »Ich fahre vorsichtig.«
Mamaw sah in den Rückspiegel. Eine lange Autoschlange befand sich hinter ihnen. Auf dieser zweispurigen Straße herrschte Überholverbot. Sie konnte sich vorstellen, wie die Fahrer hinter ihnen die zwei alten Frauen verfluchten, die so lahm vorneweg fuhren. Sie kicherte. Jedes Mal, wenn sie gefahren war, hatte sie mindestens ein Hupen kassiert. Wahrscheinlich von einem Touristen, dachte sie. Niemand aus Charleston wäre so unhöflich und würde eine alte Dame anhupen. Als sie dann auf dem Festland waren, wurde die Straße vierspurig und Autos sausten an ihnen vorbei, ein paar der jungen Leute warfen ihnen böse Blicke zu, während sie vorbeidonnerten.
»Lass sie nur fahren«, murmelte Lucille, das Kinn vorgereckt und die Hände fest ums Lenkrad gelegt. »Ich werde wegen ihnen nicht anfangen zu rasen. Ich habe noch nie einen Strafzettel bekommen und damit werde ich jetzt, nach all den Jahren auch nicht anfangen. Wenn diese Leute weiter so fahren, werden sie nicht so alt werden wie ich. Das ist mal sicher.«
»Junge Leute sind unsterblich, Lucille. Wusstest du das nicht?«
»Hmpf«, sagte sie stirnrunzelnd.
»Wo wir gerade von jungen Leuten sprechen, ich frage mich, um wie viel Uhr Carson heute ankommen wird. Ich bin so stolz, dass sie sich sofort auf den Weg nach Hause gemacht hat, als sie von Doras Gebrochenem-Herz-Syndrom gehört hat.«
»Das habe ich dir doch gesagt.«
»Wenn Dora nach Hause kommt, müssen wir in Sea Breeze einiges ändern. Wir müssen uns haargenau an die Anweisungen des Arztes halten.«
»Noch mehr ändern, meinst du wohl«, ergänzte Lucille. »Ich darf ja jetzt schon kein Schwein oder Maisbrei mehr kochen.«
»Wenn ich auf meinen kleinen Rum abends verzichte …«
Lucille lachte laut auf. »Allerdings nicht jeden Abend, nicht wahr?«
Mamaw schaute abrupt zu Lucille. Dann wusste sie also von der versteckten Flasche!
»Ich wüsste nicht, was ein kleiner Schluck abends beim Lesen schadet. Ich bin schließlich ganz allein in meinem Zimmer.«
»Wenn ich für Dora den Schweinebauch aufgeben muss, dann musst du für Carson den Rum aufgeben. Und Harper …«, Lucille verzog das Gesicht, »isst nur Weißes! Wer hat je so etwas gehört? Ich wäre als Kind verhungert!«
»Es ist eine andere Welt. Wir müssen sie unterstützen.« Sie sprach leiser. »Aber das heißt nicht, dass wir nicht ab und zu mal schummeln dürfen und uns etwas gönnen, oder?«
»Nein, Ma’am«, stimmte Lucille begeistert zu. »Vielleicht werde ich öfter mal in meinem Cottage kochen.«
Mamaws Augen strahlten. »Ja! Und ich komme zu einem Tête-à-Tête vorbei. Und zwar oft.«
Lucille kicherte, den Blick auf die Straße gerichtet. »Jaha.«
»Aber im Haupthaus müssen wir weiter wachsam bleiben«, sagte Mamaw. »Nur gesundes Essen fürs Herz!«
»Der Arzt sagt, es war kein Herzinfarkt. Wie hat er es noch mal genannt?«
»Stress-Kardiomyopathie.«
»Mm-mmm.« Lucille schüttelte wehmütig den Kopf. »Stell dir das mal vor. Jetzt haben die Ärzte diesen tollen Namen für etwas, von dem wir alle schon immer wussten, dass es das gibt. Gebrochenes-Herz-Syndrom«, sagte sie und nickte resolut. »Das ist der richtige Name dafür. Meine Großeltern haben sich vom ersten Augenblick an geliebt. Sie waren über sechzig Jahre verheiratet gewesen, als meine Großmutter Etta starb. Mein Großvater ist nur ein paar Monate später gestorben. Egal, was die Ärzte gesagt haben, wir wussten alle, dass Daddy Earl an gebrochenem Herzen gestorben ist.«
»Einer Tante von mir ist dasselbe passiert. Sie ist nach dem Tod ihres Mann einfach so gestorben.« Mamaw seufzte. »Wir sollten niemals unterschätzen, wie wichtig die geliebten Menschen für uns sind. Oder wie stark Trauer sein kann.«
Sie drehte sich zu der Frau neben sich um. Lucilles Lippen waren vor Konzentration zu einer schmalen Linie zusammengepresst, sie konnte kaum über das Lenkrad sehen. Heute trug sie ein einfaches hellblaues Baumwollhemdkleid, das war ihr Lieblingskleiderstil, seit sie für die Muir-Familie arbeitete. Mamaw hatte zugesehen, wie die Taille über die letzten fünfzig Jahre weiter geworden war, genau wie ihre. Jetzt waren Lucilles Haare mehr Salz und Pfeffer und sie trug am Lenkrad eine Brille mit Drahtgestell. Aber ihre Haut war immer noch so glatt wie ein Babypopo. Es ärgerte Mamaw schrecklich, dass Lucille sich stur weigerte, ihr das Rezept der Gesichtscreme zu geben, die sie zusammenrührte. Es war eine seit langem zwischen ihnen schwelende Fehde.
»Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde«, sagte Mamaw plötzlich, von Zuneigung überwältigt.
Lucille drehte sich überrascht um. »Ach, du bist doch albern. Du kämst gut ohne mich klar.«
»Ach Lucille«, sagte Mamaw, ein bisschen verletzt, weil ihr Gefühl so abgetan wurde. »Du weißt, wie viel du mir bedeutest. Du bist meine beste Freundin. Natürlich wäre ich nicht gut dran, wenn du fortgingst.«
Lucille runzelte die Stirn, aber blickte weiter vor sich auf die Straße.
»Ja, wir sind gute Freundinnen, das ist wahr. Aber du würdest doch nicht vergehen, wenn ich sterben würde, oder?«
»Was sagst du da. Nein, wahrscheinlich nicht. Schließlich bin ich auch nicht vergangen, als mein Mann gestorben ist. Obwohl ich glaube, dass ich mehr auf dich angewiesen bin, als ich es jemals auf Edward war.«
»Jetzt redest du Unfug.«
»Nein. Wir sind wie Salz und Pfeffer, wir beide.«
Lucille schaute weiter auf die Straße.
»Ist dir bewusst, dass das der letzte Feiertag in Sea Breeze sein wird?«, fragte Mamaw wehmütig, während sie den Coleman Boulevard entlangfuhren.
»Das stimmt wohl.« Dann fügte sie grummelnd hinzu: »Falls das Haus verkauft wird.«
»Das wird es«, sagte Mamaw überzeugt. »Es gibt bereits eine Liste von Leuten, die sich mein Eigentum gern unter den Nagel reißen würden.« Sie seufzte noch einmal. »Ich wünschte wirklich, ich könnte es den Mädchen hinterlassen, damit sie weiter die Sommer hier verbringen können, sich und ihre Kinder treffen. Aber vielleicht soll es einfach nicht sein.«
»Du könntest mehr dafür bekommen, als du denkst«, sagte Lucille.
»Das hoffe ich natürlich. Aber auf dem Haus lastet eine große Hypothek und die Kosten für das Altersheim sind so hoch, dass nicht mehr viel übrig bleiben wird, wenn alles abgezogen ist. Diese Familie hat sehr lange Zeit kein Geld mehr verdient.« Sie seufzte. »Man hat mich gewarnt, mich auf stetig steigende Gesundheits- und Lebenshaltungskosten einzustellen …«
Mamaw machte eine Pause und sah Lucille an. »Du weißt natürlich, dass für dich gesorgt ist. Mr Edward hat vor seinem Tod alles geregelt. Du bekommst das Geld vom Verkauf des Cottages, bis auf Heller und Pfennig.«
»Ja, ich weiß.«
Mamaw keuchte. »Ich habe mich damit abgefunden. Das Haus muss verkauft werden und je früher, desto besser.«
Lucille antwortete nicht, aber ein schwerer Schatten legte sich über sie.
»Lass uns nicht melancholisch werden«, sagte Mamaw fröhlich. »Lass uns diesen Nationalfeiertag zu einem echten Feuerwerk machen! Die beste Party überhaupt. Alle Mädchen werden wieder in Sea Breeze sein, und wir pflücken ein paar Rosenknospen, solange es geht.«
Lucille sah sie kurz an. »Was für Rosenknospen?«
Mamaw lachte über ihren Übermut. »Das stammt aus einem alten Gedicht, das ich als Schulmädchen auswendig gelernt habe. ›Pflückt Rosenknospen, solange es geht. / Die Zeit sehr schnell Euch enteilt. / Dieselbe Blume, die heute noch steht, / ist morgen dem Tode geweiht.‹ Es geht noch weiter, aber daran erinnere ich mich nicht mehr. Ich bin ziemlich stolz, dass ich mich überhaupt noch an so viel erinnere.«
»Klingt nicht sehr fröhlich«, sagte Lucille, »all das über den Tod.«
»Es geht darum, die Gegenwart zu genießen. Und genau das will ich tun. Unsere Pläne für den Sommer sind ein bisschen durcheinandergeraten, wegen der Delfinkatastrophe und Doras Gesundheit. Aber wir haben immer noch den Rest des Sommers, stimmt’s? Lass uns unsere süßen Rosenknopsen – Dora, Harper und Carson – in Sea Breeze versammeln und glücklich sein. Keine schlechten Nachrichten mehr!«
»Keine schlechten Nachrichten mehr«, stimmte Lucille zu und lachte leise. »Nur noch Rosenknospen.«
Später, am Nachmittag, als sie in Lucilles Auto auf der Rückbank saß und vom Krankenhaus nach Hause fuhr, fand Dora, Sullivan’s Island habe noch nie schöner ausgesehen. Amerikanische Flaggen hingen an jeder Straßenlaterne, an Häusern, und sogar Golfmobile waren rot, weiß, blau geschmückt. Wo auch immer sie hinsah, waren Leute unterwegs, die meisten trugen eine Strandtasche und einen Klappstuhl unterm Arm und gingen an den Strand oder kamen gerade da her.
Sie hatte das Krankenhaus unbedingt verlassen wollen. Diese zwei Tage hatten sich wie zwei Jahre angefühlt, mit den Krankenschwestern, die sie zu allen möglichen Zeiten aufweckten, zur Blutentnahme oder um irgendeine Untersuchung durchzuführen. Und das Essen … Dora konnte es kaum erwarten, Lucilles Hausmannskost wieder zu genießen. Aber diese Zipperlein waren gar nichts im Vergleich zu dem ständigen Überreden und Drängen seitens ihrer Mutter und Cals, sie solle ihre Absicht, nach Sea Breeze zurückzukehren, ändern. Es war eigentlich wirklich dumm. Abgesehen von der Tatsache, dass Dora in Sea Breeze und bei ihren Schwestern sein wollte, ging es Nate so gut wie noch nie, und das nach nur einem Monat auf der Insel. Wie sehr würde er sich nach einem ganzen Sommer in der Sonne verbessern.
Dora war ganz erschöpft von den nicht gerade subtilen Argumenten ihrer Mutter, sie solle Cals Angebot, in seiner Wohnung in Summerville zu wohnen, annehmen. Aber sie und Nate waren nur zusammen zu haben und sie hatte eine Entscheidung gefällt. Am Ende des Krankenhausaufenthalts fühlte sie sich sowohl körperlich als auch emotional erschöpft, und der letzte Abschied von den beiden war kühl ausgefallen.
Der Wagen bog von der Middle Street auf die kurvige Inselstraße ab, und alles wurde ruhig. Lucille bremste ab, als sie vom Asphalt auf den holprigen Feldweg steuerte. Große Eichen und Palmen bildeten einen schattigen Tunnel und verbargen das Haus. Dora lehnte sich vor, sie wurde ganz aufgeregt, als sie sich der bekannten, großen grünen Hecke näherten.
»Sea Breeze«, murmelte Dora.
Sie öffnete die Wagentür und trat hinaus in die schwüle Luft. Der Schatten der uralten Eiche bot einen willkommenen Schutz vor der prallen Mittagssonne. Sie hatte ein bisschen erwartet, dass sich die Haustür öffnen würde, sobald sie die Autotüren zuschlug, aber niemand tauchte auf.
»Bringen wir dich mal hinein«, sagte Lucille und kam um das Auto herum. »Ich sage Harper später, sie soll deinen Koffer holen. Du solltest nichts Schweres die Treppe hinaufschleppen, jedenfalls noch nicht. Komm schon, Miss Dora«, sagte sie und stupste sie vor.
Dora folgte Mamaws langsamen Schritten die Treppe hinauf. Sie fühlte sich müde, aber nicht krank. Unter normalen Umständen wäre Dora die Treppe ohne zu zögern hinaufgelaufen. Aber der Herzanfall hatte sie nervös gemacht, trotz all der Versicherungen der Ärzte.
Im Haus war es still.
Mamaw legte ihren Geldbeutel auf den Flurtisch und rief fröhlich: »Harper!«
Es kam keine Antwort.
Dora spürte, wie ihr Herz sofort besorgt schneller schlug. »Nate?«, rief sie und ging ins Wohnzimmer.
Keine Antwort.
Dora verspürte einen Adrenalinschub und lief durch das Wohnzimmer und den Flur in den Westflügel des Hauses. Die Tür zur Bibliothek, in der Nate schlief, war geschlossen. Ohne anzuklopfen, öffnete Dora die Tür.
Harper und Nate saßen nebeneinander im Schneidersitz auf dem Fußboden vor einem Bildschirm mit Videospielen. Harper war nicht viel größer als der Junge, sie sah selbst wie ein Kind aus, wie sie beide da leicht vorgebeugt saßen, den Bildschirm im Blick und die Finger hektisch auf der Fernbedienung. Von Zeit zu Zeit knurrte einer oder rief »Oh, nein!«. Es dauerte einen Augenblick, bis Dora begriffen hatte, dass Harper tatsächlich ein Videospiel mit Nate spielte – und dass sie Spaß dabei hatte.
Mamaw und Lucille waren Dora gefolgt und standen jetzt neben ihr an der Tür zur Bibliothek. Die Geräusche, die sie machten, ließen Harper aufmerken und sie drehte den Kopf. Als sie Dora sah, strahlten ihre großen blauen Augen und ihr Gesicht zeigte freudige Überraschung. Sie ließ die Fernbedienung sinken und rief aus: »Dora, du bist wieder da!«
»Ja, gerade angekommen«, erwiderte Dora, immer noch etwas verdutzt, die beiden zusammen spielen zu sehen.
»Sieh dich nur an!«, sagte Harper. »Du siehst gar nicht schlecht aus. Und da dachte ich, du würdest wie eine alte Oma herumhinken.«
»Nein, mir geht’s eigentlich gut. Es war mehr Schrecken als sonst was.« Doras Blick suchte nach ihrem Sohn, sie wollte ihn endlich sehen. Nate hatte sie nicht im Krankenhaus besucht. Sie wusste, dass er Krankenhäuser nicht mochte, aber sie hatte ihn wahnsinnig vermisst und gehofft, er würde ihr irgendwie zeigen, dass er sich freute, dass sie wieder da war. Doch Nates Blick blieb stur auf den Bildschirm gerichtet.
Harper drehte sich zu Nate um und sagte bestimmt: »Nate, deine Mom ist wieder da!«
Nate spielte weiter.
»Hi, Nate«, sagte Dora.
Er sah kurz in Doras Richtung, dann wandte er sich genauso schnell wieder seinem Videospiel zu und spielte weiter.
Harper runzelte die Stirn und lehnte sich zu ihm. »Nate, geh und sag deiner Mutter hallo. Sie kommt gerade aus dem Krankenhaus.«
Er ignorierte Harpers Ermahnung.
Dora sah, dass Harper aufgebracht war, weil Nate sein Videospiel nicht wegen seiner Mutter unterbrechen wollte, aber Dora kannte das Verhalten ihres Sohnes. Er ignorierte Menschen oft und reagierte nicht auf normale, soziale Gepflogenheiten, besonders, wenn er gerade in eines seiner Spiele versunken war.
»Er ist nicht unhöflich«, sagte sie zu Harper. »Ich wünschte, du würdest ihn nicht noch ermuntern, Videospiele zu spielen«, sagte sie angespannt. »Du weißt, dass ich mich bemühe, ihn davon etwas wegzubringen, ihn nach draußen zu locken. Warum tust du das?« Dann, sie bemühte sich um einen anderen Tonfall, wandte Dora sich wieder Nate zu.
»Aber Nate, dein Verhalten ist unhöflich. Wenn deine Mutter aus dem Krankenhaus oder egal woher kommt, ist es höflich, das, was man gerade tut, zu unterbrechen und sie zu begrüßen. Also, komm jetzt und sag deiner Mutter Hallo.«
Nate hörte auf zu spielen und legte seine Fernbedienung auf den Fußboden. Harper machte Platz, so dass er langsam aufstehen und auf seine Mutter zugehen konnte. Als er vor ihr stand, schaute Nate auf und musterte teilnahmslos ihr Gesicht.
»Du siehst krank aus. Wirst du sterben?«
Dora hörte, wie Mamaw hinter ihr nach Luft schnappte, aber sie lächelte und antwortete: »Ich bin nicht krank, Nate, und ich werde nicht sterben. Noch sehr lange nicht, hoffe ich. Ich bin nur blass, weil ich müde bin. Dachtest du, ich würde sterben?«
»Ja. Du bist ins Krankenhaus, wie Delphine. Und sie stirbt vielleicht.«
Dora wollte ihn fest an sich drücken und ihn küssen, um ihn zu trösten, aber sie wusste, dass er zurückzucken würde, stattdessen umfasste sie nur sein Gesicht mit den Händen und lächelte ihn an.
»Du hast mir gefehlt«, sagte sie, ihr Herz ganz voller Liebe.
Nates einzige Antwort war, den Kopf aus ihren Händen zu ziehen.
»Habe ich dir gefehlt?«
Er nickte und sah auf seine Hände.
Dora beugte sich nah an sein Ohr. »Hast du dir Sorgen gemacht?«
Nate nickte noch einmal.
Dora ging das Herz auf. »Du musst dir keine Sorgen mehr machen. Ich bin jetzt zu Hause.«
»Bist du das?«, fragte er und schaute zu ihr auf. »Ist das hier jetzt unser Zuhause?«, fragte er, anscheinend verwirrt.
Mamaw, die es zufällig hörte, sagte: »Natürlich ist es das, Nate! Den ganzen Sommer lang.«
Dora wusste, dass Mamaw es nur lieb meinte, aber Nate nahm ihren Kommentar wörtlich. Außerdem erinnerte seine gerunzelte Stirn Dora daran, dass er es nicht mochte, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Das konnte frustrierend für ihn sein.
»Ja, es ist unser Zuhause«, antwortete sie direkt. »Für diesen Sommer. Wir haben doch darüber gesprochen, erinnerst du dich? Ist das in Ordnung für dich?«
Er sah zur Seite. »Kann ich jetzt weiterspielen?«, fragte er.
Dora wollte nicht, dass er noch länger mit Harper im dunklen Zimmer vor den Spielen klebte.
»Ich denke, wir haben erst mal genug gespielt.«
»Harper ist am Gewinnen und ich will nicht verlieren.« Seine Stimme wurde quengelig.
»Aber ich habe dich seit Tagen nicht mehr gesehen«, sagte sie. »Lass uns nach draußen gehen. Es ist ein wunderschöner Tag. Ich mache dir was zu essen. Hast du Hunger?«
»Ich will weiterspielen.«
»Du hast schon stundenlang gespielt«, entgegnete Dora bestimmt. »Es ist Zeit, das Spiel abzuschalten.«
Sein Gesichtsausdruck wurde sofort rebellisch, und er fing an, seine Hände hochzurecken und wild hin und her zu schütteln. »Nein!«, schrie er aus vollem Hals.
»Das reicht jetzt«, sagte Dora scharf.
Nate begann, auf den Fußballen auf und ab zu springen. »Ich hasse dich!«, sagte er immer und immer wieder. Dann, in einem Augenblick der Revolte, rannte er los und griff die Fernbedienung vom Fußboden. »Ich schalte es nicht ab.«
Dora spürte den Zorn aufsteigen und stürmte zu Nate, um ihm die Fernbedienung abzunehmen. »Es ist Zeit, das Spiel abzuschalten.«
Obwohl er klein war, war seine Wut schnell und kraftvoll. Nates Gesicht wurde rot, und er ballte eine Faust. Wie der Blitz holte er aus und boxte Dora direkt unter die Brust. Er hatte fest zugeschlagen, aber mehr als dass es schmerzte, erschütterte der Treffer sie, weil er ihr Herz traf und weil sie Angst hatte. Dora stolperte zurück, die Hand über der Brust, und schnappte nach Luft.
Nate warf sich in einem ausgewachsenen Wutanfall auf den Boden. Dora sah mit einem Gefühl der Hilflosigkeit zu, wie er brüllte und tobte. Sie konnte sich nicht bewegen, brachte nicht die Energie auf, zu ihm zu gehen, ihn zu beruhigen. Sie hatte das Gefühl, von Panik und Verzweiflung verschluckt zu werden.
»Ich kann das nicht mehr!« Der Schrei kam aus ihrem Mund. Sie trat von ihrem Sohn zurück und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. »Ich brauche Hilfe!«
In einem Wimpernschlag spürte sie Mamaws Arme um sich, hörte ihre Stimme neben ihrem Ohr. »Wir helfen dir, Dora. Du bist nicht allein.«

Mary Alice Monroe

Über Mary Alice Monroe

Biografie

Mary Alice Monroe ist Autorin mehrerer New-York-Times-Bestseller. Sie ist studierte Japanologin und engagiert sich in verschiedenen Ehrenämtern für Tierschutz, die Erhaltung der Meere und unterstützt Kinder beim Lesen lernen. Sie lebt in Charleston in South Carolina.

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