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Schattenschläfer

Thriller

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Schattenschläfer — Inhalt

Zehn Jahre hielten ihn alle für tot – dann kehrt der Killer zurück

Ein eisiger Winter bricht über den Norden Englands herein, als in der Nähe des Lake District zwei junge Mädchen verschwinden. Alles spricht dafür, dass »Der Fremde« zurückgekehrt ist, ein Killer, an den sich Detective Mark Heckenburg und seine Kollegen nur zu gut erinnern. Zehn Jahre ist es her, dass er das letzte Mal zugeschlagen hat. Aus dem Dunkel, brutal, tödlich. Nun sucht er sich erneut seine Opfer, eines nach dem anderen. Heck macht sich auf die Jagd nach dem Unbekannten, doch schon bald steht er selbst mit dem Rücken zur Wand.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 05.01.2016
Übersetzer: Bärbel Arnold, Velten Arnold
480 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30687-4
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 05.01.2016
Übersetzer: Bärbel Arnold, Velten Arnold
480 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97115-7

Leseprobe zu »Schattenschläfer«

Prolog
August 2004


Die junge Frau fühlte sich in ihrem halb entblößten Zustand sichtlich wohl, und den Mann störte ihr aufreizendes Outfit auch nicht weiter. Im Gegenteil, er schien das Interesse zu genießen, das sie auf sich zog, während sie an jenem schwülen Augustabend von Pub zu Pub zogen.
Sie begannen ihre freitagabendliche Kneipentour in Buckfastleigh, statteten anschließend den quirligen Dörfern Holne und Poundsgate einen Besuch ab, fuhren dann immer tiefer in die weite, grasige Wildnis von Dartmoor hinein und hielten in immer einsameren Weilern : [...]

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Prolog
August 2004


Die junge Frau fühlte sich in ihrem halb entblößten Zustand sichtlich wohl, und den Mann störte ihr aufreizendes Outfit auch nicht weiter. Im Gegenteil, er schien das Interesse zu genießen, das sie auf sich zog, während sie an jenem schwülen Augustabend von Pub zu Pub zogen.
Sie begannen ihre freitagabendliche Kneipentour in Buckfastleigh, statteten anschließend den quirligen Dörfern Holne und Poundsgate einen Besuch ab, fuhren dann immer tiefer in die weite, grasige Wildnis von Dartmoor hinein und hielten in immer einsameren Weilern : Babeny, Dunstone und schließlich in Widecombe-in-the-Moor, wo der Legende nach einst eine Bande Bier saufender Halunken Uncle Tom Cobleys graue Stute zu Tode ge­­ritten und ihr ein frühes Grab beschert hatte.
Die junge Frau betrat die Pubs immer vor ihrem Begleiter, schlängelte sich mit schwingenden Hüften durch die laut lachende und grölende Gästemeute und steuerte den exponiertesten Barhocker an, den sie finden konnte, während der Mann in aller Ruhe einen Parkplatz für seinen schnittigen, schwarz-silbernen Porsche suchte. Sie sorgte jedes Mal für Aufsehen. Der Lärm unter den niedrigen knorrigen Dachbalken klang zwar nie wirklich ab, aber das musste er auch nicht. Gucken kostete nichts.
Zwar flirtete sie mit niemandem direkt, aber sie genoss unverkennbar die Aufmerksamkeit, die sie auf sich zog. Und warum auch nicht ? Sie war »  bestens ausgestattet «, wie es so schön hieß. Sie war eine große, gertenschlanke Blondine, und ihr wohlgeformter Körper wurde in dem extrem knappen, grünen Minikleid und den grünen Riemchensandalen mit den Killerabsätzen perfekt zur Geltung gebracht. Ihre glänzende goldene Haarpracht fiel ihr wallend bis über die Schultern hinab. Sie hatte volle Lippen, eine wohlgeformte Nase und feine, katzenartige Wangenknochen. Wenn sie ihre Sonnenbrille mit den verspiegelten Gläsern ab­­nahm, kamen funkelnde blaue Augen zum Vorschein, die durch einen dezent aufgetragenen grauen Lidschatten noch be­­sonders betont wurden. In jedem Pub achtete sie darauf, sich selbst in Szene zu setzen : mit straffem Rücken, rausgestreckten Brüsten, die sonnengebräunten, glatten Beine anmutig übereinandergeschlagen. Es stand außer Frage, dass sie sich zur Schau stellte – sehr zur Freude der sich im Schankraum drängenden Gäste. Das Publikum setzte sich überwiegend aus bulligen Einheimischen zusammen, die durch und durch Männer vom Land waren, aber es gab auch Gäste von auswärts : ganze Autoladungen lüsterner Kerle auf Zechtour und auf der Suche nach willigen Mädels ; oder ruppige, schroffe, ältere Herren in Jeans und karierten Hemden, die zum Segeln, Angeln oder Moorwandern nach Devon runtergekommen waren. Sie mochten zwar nur ein paar Tage ohne ihre Ehefrauen unterwegs sein, aber auch sie warfen ein Auge auf die Mädels – insbesondere auf dieses. Das lag nicht nur an dem süßen Lächeln, das es ihnen schenkte, wenn sie ihm an der Theke Platz machten, oder an der humorvollen Reaktion auf ihre anzüglichen Sprüche, sondern auch daran, dass es aus der Nähe besehen gar kein Mädel war – sondern eine Frau von Ende zwanzig, und das machte sie zu einer noch verlockenderen Erscheinung.
Doch der Typ an ihrer Seite schien die Aufregung, die seine Freundin ( oder vielleicht auch Ehefrau, wer wusste das schon ) verursachte, gar nicht zu bemerken. Oder erregte ihn der Wirbel vielleicht sogar ? Er war gut gekleidet – beige Armani-Hose, kurzärmeliges Yves-Saint-Laurent-Hemd, Wildlederhalbschuhe – und natürlich beeindruckte er mit seinem Auto. Aber er war pummelig, hatte blasse, schwammige Gesichtszüge und einen karotten­roten Haarschopf – » ein verdammter Lahmarsch «, wie einer der argwöhnischen Kneipenhocker seinem Kumpan gegenüber feststellte. Und er trank nur Radler, was ihn ein bisschen schwachbrüstig erscheinen ließ, um so einen Feger am Haken zu haben – zumindest nach Ansicht der Einheimischen. Doch trotz alledem war der Mann der Körpersprache nach zu urteilen der Dominantere von beiden. Er stand, während sie saß. Er bestellte die Drinks, während sie mit dem Rücken an der Theke lehnte, ihr tiefer Ausschnitt die schamlosesten Blicke auf sich zog und sie sich an der Zurschaustellung ihrer Reize erfreute.
» Na, das sind mir ja die Richtigen «, raunte Harold Hopkinson, der korpulente Gastwirt des The Grouse Beater, aus dem Mundwinkel. » Der weiß seine bessere Hälfte in Szene zu setzen. «
» Sie kostet jedenfalls jeden Moment voll aus «, entgegnete Doreen, seine ebenfalls robust gebaute Frau.
» Bisschen alt dafür, um so rumzuposen, meinst du nicht ? «
» Bisschen alt ? Sie sind genau im richtigen Alter. Was glaubst du wohl, wohin sie als Nächstes weiterziehen ? «
Harold sah sie überrascht an. » Meinst du zum Halfpenny Reservoir ? «
» Wohin sonst ? «
» Aber sie wissen doch sicher … ? Ich meine … « Harold legte die Stirn in Falten. » Ach was, das kann nicht sein. Sie ist einfach ein hübsches Mädel, und er zeigt der Welt, was er hat. «
Doreen zapfte ein weiteres Pint Dartmoor IPA. » Glaubst du das wirklich ? «
Harold fehlten erst mal die Worte. Irgendwie ergab alles in unbehaglicher Weise Sinn. Das Halfpenny Reservoir war in Devon keinesfalls die erste Adresse für Dogging-Praktiken – es war sogar weit davon entfernt, auf diesem Feld auch nur annähernd eine wichtige Rolle zu spielen –, aber in der näheren Umgebung war der Stausee wohlbekannt, und gelegentlich herrschte dort reger Betrieb ; zumindest hatte dort reger Betrieb geherrscht, bevor die Panik ausgebrochen war. Harold betrachtete das überschwängliche Paar erneut. Die Frau thronte immer noch auf ihrem Barhocker und nippte an einem Rum mit Limonade. Jetzt, da er sie näher in Augenschein nahm, sah er ihre golden lackierten Finger- und Fußnägel und ihr mit Monden und Sternchen verziertes Kettchen an ihrem linken Knöchel. Das war doch in gewisser Weise ein eindeutiges Signal, oder etwa nicht ? Zumindest seinen Lieblings-Webseiten zufolge. Zu einer anderen Zeit wäre das natürlich absolut nichts Ungewöhnliches gewesen. Hin und wieder sammelte die Schar der Swinger auf ihrem Weg zum Halfpenny Reservoir noch ein paar ortsansässige Schluckspechte ein, wenn auch zugegebenermaßen ein bisschen verdeckter als dieses Paar, doch sie stellten das, was sie zu bieten hatten, ebenfalls zur Schau, in der Hoffnung, noch ein bisschen » Kundschaft « aufgabeln zu können, wie Doreen es immer ausdrückte. Doch in­­zwischen hatten sich die Dinge natürlich grundlegend geändert. Oder zumindest sollten sie das getan haben.
» Sie müssen von auswärts kommen «, stellte Harold fest. » Sie wissen es offenbar nicht. «
» Sie müssten von einem anderen Planeten stammen, um es nicht zu wissen «, stellte Doreen kurz und bündig klar.
» Tja … Sollten wir es ihnen nicht sagen ? «
» Ihnen was sagen ? «
» Keine Ahnung. Sie einfach warnen, dass es zurzeit eine schlech­­te Idee ist. «
Sie bedachte ihn mit einem sehr finsteren Blick. » Es sollte zu jeder Zeit eine schlechte Idee sein. «
Harolds Frau hatte eine etwas schräge Moral, was irdische Vergnügungen anging. Sie lebte vom Verkauf von Alkohol, doch sie hatte ein Problem mit Betrunkenen und weigerte sich, jemanden zu bedienen, den sie in Verdacht hatte, schon einen zu viel intus zu haben. Auch war sie sehr schnell damit, Hausverbote zu erteilen, wenn in ihrem Pub je über die Stränge geschlagen wurde. Desgleichen hatte sie, auch wenn sie bewusst hübsche, ortsan­sässige junge Frauen hinter der Theke arbeiten ließ, eine tiefe ­Ab­­neigung gegenüber solchen, die in ihren Augen » Schlampen und Flittchen « waren, und sie war insbesondere all jenen Frauen feindlich gesonnen, die sie als Angehörige der Swinger-Truppe identifizierte und die sich zu ihren mitternächtlichen Orgien an dem Stausee zusammenrotteten. Sie verachtete sie sogar so sehr, dass » der Fremde «, als er die ersten Male zugeschlagen und ihm Paare in einsam geparkten Autos zum Opfer gefallen waren, beinahe ihre Zustimmung gefunden hätte.
Natürlich nur, bis die Details bekannt geworden waren.
Denn selbst im Vergleich mit den abscheulichsten Morden, die in Großbritannien verübt worden waren, waren diese Taten absolut schockierend. Harold schauderte unwillkürlich, als er sich die Details in Erinnerung rief, die er in den Zeitungen gelesen hatte. Auch wenn der Tatort, der dem The Grouse Beater am nächsten lag, ein Picknickplatz auf der anderen Seite des Moors in der Nähe von Sourton war und sich somit über dreißig Kilometer entfernt befand, war die ganze Grafschaft in Aufruhr. Harold sah sich im Schankraum um und fragte sich, ob der Menschenjäger wohl ge­rade anwesend war. Der Pub war gerammelt voll, vor allem mit Männern, und nicht gerade nur welchen von der zurückhaltend schüchternen Sorte. Devon war ein beliebtes Urlaubsziel, vor allem im Sommer, und es zog nicht nur die New-Age-Gemeinde und Hippies mit Rucksäcken an, sondern auch Familien, Hochzeitspaare in den Flitterwochen und dergleichen. Aber es war auch eine Grafschaft, in der gearbeitet wurde. Selbst hier oben im Hochmoor bestand der männliche Anteil der einheimischen Be­­­völkerung aus weitaus mehr Typen als Gutsherren und Klischeekonservativen à la Colonel Blimp in Tweedkleidung und Gamaschen : Es gab Landarbeiter, Rinderzüchter, Hufschmiede, Heckenpfleger, Hausmeister, allesamt Berufe, für deren Ausübung man schon etwas robuster sein musste. Und hatte die Polizei nicht mitgeteilt, dass sie davon ausging, dass es sich bei dem Täter vermutlich um einen Mann aus der Gegend handelte, wahrscheinlich von starker und kräftiger Statur ? Immerhin hatte er genug Kraft, zwei gesunde junge Menschen überwältigen zu können, und er musste die Schleichwege kennen, damit er sich unbemerkt an seine Opfer heranpirschen und sich nach der Tat wieder aus dem Staub machen konnte.
In diesem Moment gab es in dem Pub ziemlich viele Kerle, die diese Kriterien erfüllten.
Je mehr Harold darüber nachdachte, desto bedrohter erschien ihm das junge Paar inmitten dieser ungezügelten Meute. Selbst wenn der Fremde nicht anwesend war, sollte die Frau nicht so mit ihren Reizen spielen. Und der Mann sollte sich dessen bewusst werden, dass etliche dieser Kerle schon schwer geladen hatten, insbesondere die, die unverhohlen Stielaugen machten. Und dass sie der Versuchung erliegen könnten und es in diesem Fall so unheimlich leicht wäre, den Arm auszustrecken und eine um­­herwandernde Hand auf diesen glatten, sonnengebräunten Oberschenkel zu legen. Wenn das passierte, könnte es Probleme ge­­ben – egal ob die beiden nun Swinger waren oder nicht –, und das war so ziemlich das Letzte, worauf Harold aus war.
» Wir müssen ihnen was sagen «, murmelte er Doreen zu, als sie sich für einen Moment in den Lagerraum zurückzogen.
» Was denn ? «, entgegnete sie höhnisch. » Sollen wir ihnen beiläufig mitteilen, dass alle Dogging-Locations in der Gegend ge­­schlossen sind ? Was glaubst du wohl, wie das ankommt ? Vielleicht ziehen sie nur eine Show ab ? Vielleicht sind sie einfach nur auf einen Drink ausgegangen. «
» Aber du hast doch gesagt … «
» Vergiss es, Harold. Wir können wirklich darauf verzichten, dass du dich zum Affen machst. Wieder einmal. «
» Aber wenn sie Swinger sind und da hochfahren … «
» Dann müssen sie es eben drauf ankommen lassen. Sie wollen es doch nicht anders. Mein Gott, wer, der bei klarem Verstand ist, ist schon darauf aus, mitten im Nirwana Sex mit Fremden zu haben ? «
» Aber Schatz, wenn sie nicht wissen … «
» Sie sind erwachsen, oder ? Sie sollten verdammt noch mal selbst auf sich aufpassen können. «
In den darauffolgenden Minuten brachen die » Erwachsenen « zu Harolds großer Erleichterung auf. Die Frau stolzierte mit aufreizend wiegendem Schritt und von schmachtenden Blicken begleitet zur Pubtür, der Mann zog eine Schachtel Zigaretten aus seiner Hosentasche und folgte ihr lässig. Irgendwie wirkten sie so, als wären sie nicht wirklich zusammen ; als wäre der Mann nicht ihr Partner, sondern nur ein flüchtiger Bekannter, was ein bisschen verwirrend war. Aber wie auch immer, sie waren weg.
Harold steuerte das rautenförmige Fenster an, das zum Parkplatz des Pubs hinausging.
Das Duo stand neben dem Porsche. Der Mann rauchte, die Frau lehnte mit verschränkten Armen am Wagen, die Handtasche baumelte am Riemen von ihrer Schulter herab. Sie unterhielten sich und schienen keine Eile zu haben, irgendwohin zu kommen – vielleicht war es doch nur ein Paar, das sich herausgeputzt hatte, um auf ein paar Drinks auszugehen ? Harold spürte, wie sich allmählich ein Gefühl der Erleichterung in ihm breitmachte. Vielleicht war es sogar ein nettes Paar, wenn man es näher kennenlernte, die Frau konnte schließlich nichts dafür, dass sie so ein scharfer Zahn war.
Es ging auf neun Uhr zu. Die Sonne ging gerade unter und zog feuerrote Streifen über das sie umgebende Moor- und Heideland. Fast machte es den Anschein, als würden sie nach Hause fahren, doch als der Mann seine Zigarette erst zur Hälfte geraucht hatte, drückte er sie plötzlich auf dem Asphalt aus und warf sie in den nächsten Mülleimer. Und als sie in den Porsche stiegen und losfuhren, nahmen sie nicht die B3387 nach Bovey Tracey und fuhren auch nicht zurück durch das Dorf in Richtung Dunstone und weiter nach Buckfastleigh, sondern sie nahmen die namenlose Straße, die vom Pub aus nach Nordwesten führte. Der nächste bewohnte Ort an dieser Straße war Beardon, das etwa fünfundzwanzig Kilometer entfernt war.
Doch lange bevor sie Beardon erreichte, führte die Straße am Halfpenny Reservoir vorbei.

Ein herrlicher Augusttag in Südwestengland ging zu Ende, die Hitze zog sich schließlich zurück, und die Milde des sommer­lichen Abends verblasste allmählich. Eine indigoblaue Dämmerung legte sich über die Hügel und Täler von Dartmoor.
Wenn sie den Stausee erreichten, würde es nahezu stockfinster sein.
Die Frau warf einen Blick in den Rückspiegel, während sie fuhren. Einen Moment lang hatte sie geglaubt, einen Blick auf hinter ihnen aufleuchtende Scheinwerfer erhascht zu haben, doch da war nichts außer der Düsternis der anbrechenden Nacht. Vor ihnen spulte sich die Straße mit hypnotisierender Wirkung ab, die Leere der endlosen Moorlandschaft, die sie umgab, hatte etwas Beklemmendes. Es vergingen zehn, zwanzig, dreißig Minuten, ohne dass sie auch nur eine einzige Behausung sahen – weder ein Cottage noch einen weiteren Pub –, doch in Wahrheit konzentrierten sie sich viel zu sehr darauf, die Abzweigung zu dem Stausee nicht zu verpassen, als dass sie sonst etwas hätten wahrnehmen können. Und als die Abzweigung dann auftauchte, hätten sie sie trotzdem um ein Haar übersehen – eine schmale, unbefestigte Piste, im Licht ihrer Scheinwerfer nichts weiter als zerfurchte nackte Erde, die zwischen zwei granitenen Torpfosten von der Straße abging und leicht abfallend zwischen dichtem Gestrüpp aus gelb blühendem Stechginster in der Dunkelheit verschwand.
Sie hielten mitten auf der Straße an.
» Das muss es sein, oder ? «, murmelte der Mann. Es war eher eine Frage als eine Feststellung.
Die Frau nickte.
Sie bogen links ab auf die holprige Piste, der Wagen hüpfte und wurde durchgeschüttelt, stachelige Zweige flutschten unten an den Seiten des Porsches entlang. Sie folgten einige hundert Meter einem flachen V-förmigen Tal, dann öffnete sich vor ihnen der sternklare Himmel : Über ihnen stand der leuchtende Mond, sein Licht reflektierte hell auf der ausgedehnten Wasseroberfläche, die sich zu ihrer Rechten erstreckte. Wie die meisten Wasserreservoirs in Dartmoor war der Halfpenny Lake künstlich angelegt worden, um das umliegende Tiefland mit Trinkwasser zu versorgen. Ein schmiedeeisernes Geländer zog aufglänzend im Schein ihres rechten Scheinwerfers an ihnen vorbei, als sie langsam die am Ufer entlangführende Piste weiterrollten. Am äußersten Ende des Sees erhob sich die horizontale massive Silhouette von etwas, das aussah wie eine Staumauer, und kündete von dem profanen Zweck, dem dieser Ort diente.
An der Piste lagen mehrere nicht einzusehende Parkbuchten, die mit benutzten Kondomen, Pornomagazinen mit Eselsohren und mit Sperma befleckten Slips übersät waren, wobei all diese entsorgten Utensilien inzwischen alt und verrottet waren ; es war niemand da, der frische Andenken hinterließ.
Abgesehen von dem Mann und der Frau.
Sie hielten in der Nähe der Einfahrt der zweiten Parkbucht, stellten, quasi lehrbuchmäßig, das Radio leiser – es war ein Sender mit seichter Musik eingestellt, die ohnehin kaum als lästig hätte empfunden werden können –, öffneten sämtliche Fenster und stiegen beide auf die Rückbank. Dort saßen sie, allerdings nicht beieinander, sondern jeder an einer Seite, und gaben merkwürdige Seufzer der Vorfreude von sich, während sie auf ihr Publikum warteten.
So verstrichen die Minuten.
Es herrschte beinahe absolute Stille. Eine seichte Brise strich über die mit Heide bewachsenen Hügelkämme und ächzte zwischen den Felsen. Die Blicke des Paars wanderten zwischen den unbeschienenen Hügelkämmen hin und her. Die einzige Bewegung stammte von Farnwedeln, deren Blätter unter den Sternen hin und her schwenkten. Es war irgendwie unheimlich, wie friedlich es war, wie ruhig. Ein herrlicher Sommerabend in England.
Umso mehr schreckte sie das durchdringende elektrische Knistern auf.
Insbesondere den Mann, der sich augenblicklich versteifte und dann schlapp gegen die hintere Tür auf der Beifahrerseite fiel.
Es geschah blitzschnell. Er erstarrte einfach, seine Augen wurden glasig, Schaum quoll aus seinem Mund, dessen Lippen sich gespitzt hatten und in dieser Position verharrten. Dann langte die gesichtslose Gestalt, die sich vor dem Wagen aus einer knienden Position aufgerichtet und den Elektroschocker durch das geöffnete Fenster geschoben hatte, erneut nach innen und öffnete die Tür.
All dies geschah schnell, aber in dem Moment, als die reglose Gestalt ihres Begleiters erneut zur Seite kippte, diesmal auf den mit Splitt übersäten Asphalt, auf den sein Kopf mit voller Wucht aufschlug, hantierte sie an ihrer Handtasche herum, ließ sie aufschnappen und durchstöberte sie in einer schnellen, fließenden Bewegung – sie vergeudete keine Zeit damit, entsetzt aufzukreischen –, doch der Angreifer war noch schneller als sie. Er stürzte durch die offene Tür ins Innere des Wagens. Im schwachen grünlichen Licht, das vom Armaturenbrett ausging, erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf eine Montur aus hoch strapazierfähigem Leder : eine Lederjacke, eine Gesichtsmaske aus Leder und Lederhandschuhe. Und – PAFF ! – im gleichen Moment traf seine ge­­ballte Faust sie mitten auf den Mund.
Sie kippte ebenfalls zur Seite, in ihrem Kopf drehte sich alles, die Handtasche fiel in den Fußraum, ihr Inhalt ergoss sich zu allen Seiten.
Kaum noch einen klaren Gedanken fassen könnend, prüfte die Frau mit der Zunge ihre beiden vorderen Schneidezähne. Sie schienen zu wackeln. Ihre Oberlippe tat höllisch weh, ihr Mund füllte sich schnell mit einer warmen, nach Eisen schmeckenden Flüssigkeit. Sie verschluckte sich daran und musste würgen.
Und dann wurde sie sich schlagartig ihrer Situation bewusst – als ob sie mit einem Schwall Eiswasser übergossen worden wäre.
Sie lag auf dem Rücken, doch der Eindringling war jetzt bei ihr im Wagen auf der Rückbank und bereits zwischen ihren weit ge­­spreizten Beinen in Position gegangen. Mit einer behandschuhten Hand umfasste er fest ihren entblößten linken Oberschenkel, so weit oben, dass sein Daumen beinahe ihren Schritt berührte. Mit der anderen Hand öffnete er langsam, aber entschlossen seine Jacke.
Irgendwo aus der Ferne vernahm die Frau den Song, der gerade im Radio lief. Eine volle US-amerikanische Stimme drang durch den beheizten Wagen.
Wondering in the night what were the chances …
Dem mit Leder verhüllten Gesicht entwich ein bestialisches gegrunztes Kichern. Immer noch benommen und vom Schmerz benebelt, versuchte die Frau, in der grünlichen Düsternis etwas zu erkennen. Frank Sinatra, fiel ihr ein. Einer der Lieblingssänger ihres Vaters. Old Blue Eyes, The Voice, the Sultan of Swoon …
» Wie’s aussieht, spielen sie im Radio meine Musik «, sagte der Eindringling, als der letzte Knopf aufschnappte und seine Jacke aufklappte. Nun hatte sie nicht mehr den leisesten Zweifel.
Strangers in the Night …
Er hatte bisher nie gesprochen. Kein einziges Wort – jedenfalls nicht, soweit sie wusste. Aber was bedeutete das schon ? Der irre Sexmörder, der seine Verbrechensserie damit begonnen hatte, über jeden herzufallen, der ihm nach Einbruch der Dunkelheit begegnete, dann jedoch dazu übergegangen war, in ganz Devon und Somerset bekannte Schäferstündchenplätze und Dogging-Locations heimzusuchen, hatte keinen einzigen lebenden Zeugen hinterlassen. Alle, die ihm zum Opfer gefallen waren, hatte er rücksichtslos mit Präzision und äußerstem Vergnügen getötet. Den Männern hatte er den Schädel eingeschlagen oder die Kehle aufgeschlitzt oder beides, die Frauen sexuell verstümmelt, und das mit einem Ritual, das weit über jede bisher bekannte Form des Sadismus hinausging. Alle seine Opfer, egal ob Mann oder Frau, waren einer abschließenden Schändung unterzogen worden, in­­dem ihre Augen durchstochen und zerstoßen worden waren, bis von ihnen nichts mehr übrig gewesen war als eine geleeartige Masse.
We were strangers in the night …
» Definitiv meine Musik. « Er kicherte erneut und streichelte mit der linken Hand über sein Sortiment an glänzenden Gerätschaften, die in der speziell nach seinen Wünschen angefertigten In­­nenseite seiner Lederjacke aufgereiht waren : den Dosenöffner, den Schraubenzieher, den Holzhammer, die Eisensäge und das Filetiermesser mit der rasiermesserscharfen Klinge.
Die Frau konnte sich kaum bewegen, doch ihre Augen bohrten sich jetzt in seine : feuchte Murmeln in von Leder umrahmten Höhlen, und der aufgezogene Reißverschluss der Maske entblößte eine mit Speichel überzogene Zunge und trümmerartige, fleckige Zähne. Aber diese Stimme – eigentlich konnte es nur ein Flüstern gewesen sein, ein hämisches, gutturales Flüstern. Aber sie würde sich daran erinnern, solange sie lebte.
Es war Schottisch.
Der Fremde war Schotte.
Das Entscheidende war jetzt natürlich, dafür zu sorgen, dass sie am Leben blieb.
Vielleicht war er zu beschäftigt damit, sein erstes Folterinstrument herauszuziehen – den Dosenöffner, ein altmodisches Gerät mit einer schaurig gebogenen Klinge –, um mitzubekommen, dass ihre rechte Hand wie wild im Fußraum zwischen den verstreuten Utensilien aus ihrer Handtasche herumtastete.
Als er den Dosenöffner zu seiner rechten Schulter hochhob – nicht um damit zuzuschlagen, sondern vielmehr, um sie mit dem schaurigen Anblick des Instruments zu erschrecken –, ertasteten ihre Fingerspitzen ein ihr bekanntes Utensil.
Mit der anderen Hand drückte er sie weiter nieder und packte an dieser weichen, empfindlichen Stelle so fest zu, dass es inzwischen höllisch wehtat. Gleichzeitig summte er die Melodie mit.
Die Medien in Südwestengland hatten ihm ursprünglich den Namen » der Fremde « verpasst, weil er so brutal über die Szenegänger hergefallen war, die Sex mit Fremden favorisierten. Inzwischen schien dieser Name sogar noch passender zu sein. » Du bist ein ruchloses, gottloses Flittchen «, stellte er nüchtern fest, immer noch in diesem deutlichen Akzent. » Eine Hure, eine exhibitionistische Schlampe, eine Schwanzträger aufgeilende Nutte … «
» … und eine Polizistin «, sagte sie und richtete den kurzen Lauf ihrer Smith & Wesson .38 direkt auf sein Gesicht. » Wenn du auch nur einen Muskel bewegst … oder dein dreckiges Maul auch nur noch ein einziges Mal aufreißt, jage ich dir eine Kugel in deinen verdammten Schädel ! «
Sein Gesichtsausdruck war unbezahlbar. Sie vermutete es je­­denfalls, denn sie konnte ihn ja nicht sehen. Doch wie die Dinge lagen, musste sie sich mit seiner beinahe komisch wirkenden Paralyse begnügen : Das Weiße seiner Augen weitete sich cartoonmäßig um seine seelenlosen Pupillen, sein fauliger Mund klappte zwischen den Reißverschlusslippen auf.
» Ja … so ist es gut «, sagte sie und spannte mit dem Daumen den Hahn ihres Revolvers. » Das Spiel ist aus. Und jetzt runter mit diesem verdammten Dosenöffner ! «
Natürlich würde er das nicht akzeptieren, und ihr Herz hämmerte immer heftiger in ihrer Brust, als ihr das langsam bewusst wurde. Er konnte es nicht einfach so enden lassen – so abrupt, so unerwartet und auch nicht auf diese Weise : in die Enge getrieben wie ein Kaninchen, und das von einer jener Kreaturen des schwachen Geschlechts, die er so brutal verachtete. Vorsichtig ließ sie die .38er von ihrer rechten in die linke Hand wandern und hielt sie auf ihn gerichtet, während sie dalag. Dann langte sie mit ihrer jetzt freien rechten Hand erneut in den Fußraum. Irgendwo da unten musste ihr Funkgerät liegen, aber sie konnte es, verdammt noch mal, nicht finden. Er saß die ganze Zeit reglos da und fixierte sie mit diesem irgendwie unmenschlichen Blick, Speichelfäden hingen über seinem lederverhüllten Kinn. Und jetzt sah sie, wie sich sein Mund langsam schloss, wie er diese verfärbten Zähne zusammenbiss und eine hasserfüllte Grimasse schnitt. Er war nicht mehr vor Schreck erstarrt, wurde ihr bewusst ; stattdessen war er innerlich voll angespannt – wie eine zusammengedrückte Feder, die im Begriff ist auseinanderzuspringen.
» Tu es nicht «, warnte sie ihn, aber es war schon zu spät. Er senkte den Dosenöffner auf sie herab, um sie mit der gefährlich gebogenen Klinge aufzuschlitzen.
PENG !
Die Kugel traf ihn links in die Brust, direkt unter dem Schlüsselbein, und schleuderte ihn rückwärts aus dem Wagen und nach unten auf den Asphalt, wo er still liegen blieb und sich neben der langgestreckten Gestalt von Detective Constable Maxwell wand.
Sie fand das Funkgerät, riss es sich vor den Mund und warf sich durch die Rauchwolke zu der offenen Autotür. » An alle Einheiten, hier spricht Detective Constable Piper ! Alle zum Halfpenny Reservoir kommen ! Ich wiederhole : Alle zum Halfpenny Reservoir kommen ! «
Ihr blieben die Worte im Hals stecken, als sich neben dem Wagen eine stämmige Gestalt vom Boden erhob. Für einen Augenblick versuchte sie sich einzureden, dass es Maxwell war, obwohl sie wusste, dass das nicht sein konnte. Der Kopf des Detective Constables war mit voller Wucht auf den Asphalt geschlagen.
Die Gestalt drehte sich wortlos um und strauchelte über den Parkplatz.
» Ich wiederhole, hier spricht Detective Constable Piper ! Lockvogel-Einheit Alpha. Ein Schuss abgegeben. Der Verdächtige hat eine Brustwunde, ist aber auf den Beinen und mobil. «
Es folgte ein Durcheinander von Antworten, die von statischem Rauschen gestört wurden, doch genau in dem Moment sah Piper die strauchelnde Gestalt des Fremden über die niedrige Begrenzungsmauer des Parkplatzes klettern. Seine dunklen Um­­risse schoben sich rasch hinauf durch den Stechginster, der hinter der Mauer wucherte. Der Mann war unverkennbar schwer verletzt, er taumelte hin und her, aber dennoch ging er geradeaus und stieg bergauf, weg von ihr.
» Der Verdächtige verschwindet in Richtung Westen … weg vom Stausee, durch offenes Gelände «, fuhr sie fort und stieg in ihren hochhackigen Riemchensandalen aus dem Wagen auf den Asphalt. » Wir brauchen auch einen Krankenwagen. « Sie ließ sich auf ein Knie sinken und prüfte Maxwells Halsschlagader. » Detective Constable Maxwell ist schwer verletzt … Er hat einen massiven Stromschlag von einem Elektroschocker abbekommen und wie es aussieht, hat er auch ein Schädel-Hirntrauma. Momentan ist er bewusstlos, aber er atmet, und sein Puls fühlt sich normal an. Schickt mir den Krankenwagen her, schnell ! Ich nehme jetzt die Verfolgung des Verdächtigen auf. Ende. «
Sie stürmte über den Parkplatz, doch als sie über die Mauer gestiegen war und ins Stechginsterdickicht vordrang, sanken ihre Absätze wie Messerklingen in die weiche Erde. Sie trat sich im Rennen die Schuhe von den Füßen und zuckte zusammen, als ihr Zweige und spitze Steine in die Fußsohlen stachen und Dornen und Disteln an ihren nackten Beinen entlangschabten. Für einen kurzen Augenblick erschien der Fremde über ihr als eine schiefe Silhouette, die sich vor dem Nachthimmel abzeichnete. Doch im nächsten Moment war er auch schon hinter dem Hügelkamm verschwunden.
» Schickt mir sofort die Verstärkung ! «, rief sie in ihr Funkgerät.
» Gemma, du sollst die Verfolgung einstellen «, lautete die halbwegs zusammenhängende Antwort. » Anweisung von Detective Superintendent Anderson ! Warte auf Verstärkung. Ende. «
» Nein ! «, entgegnete sie entschieden. » Nicht, wenn wir so dicht an ihm dran sind. «
Sie erklomm ebenfalls den Hügelkamm. Vor ihr erstreckte sich unter dem sternklaren Himmel das Moor : eine dramatische, aus weiten Grasflächen und Felsbrocken bestehende Landschaft, die teilweise von niedrig hängenden Nebelschwaden verdunkelt wurde. In der Ferne erhoben sich von verwitterten Felsforma­tionen gekrönte Hügel. Weiter unten, jedoch mindestens hundert Meter von ihr entfernt, kämpfte sich ein dunkler Fleck vorwärts.
Sie setzte die Verfolgung über das jetzt steil abfallende Gelände fort, rief dem Flüchtenden, während sie über weichen, unter ihren Füßen nachgebenden Bewuchs stürmte, zu, er sei verhaftet und solle aufgeben.
Die Sicht war stark beeinträchtigt, deshalb wusste sie nicht genau, wann sie ihn aus den Augen verlor. Er war zwar nicht sehr weit vor ihr, doch auf einmal schienen ihn von allen Seiten Nebelschwaden zu umhüllen. Als sie die Stelle erreichte – inzwischen humpelnd, mit wunden, blutenden Füßen –, stellte sie fest, dass sie sich auf sehr viel weicherem Untergrund befand und durch knöcheltiefen Matsch stapfte. Er musste eine erkennbare Spur hinterlassen haben, doch es war zu dunkel, um etwas sehen zu können, und sie hatte keine Taschenlampe dabei.
Weitere knappe Anweisungen erreichten sie knisternd über den Äther.
Sie ignorierte sie. Ihr kam in den Sinn, dass der Verdächtige vielleicht eine schusssichere Weste trug und infolgedessen wo­­möglich gar nicht so schwer verwundet war, wie sie dachte. Aber falls dies der Fall war … warum hatte er den Vorteil dann nicht genutzt und war direkt zum Angriff übergegangen ? Warum hatte er sie dann nicht im Wagen aufgeschlitzt und malträtiert ? Nein – sie hatte ihn verletzt, das war unübersehbar gewesen. Es musste also zumindest Blutspuren geben.
Sofern es nicht anfing zu regnen, bevor die Spurenermittler eintrafen.
» Wir brauchen die Leute vom Labor hier, so schnell wie möglich ! «, rief sie mitten in den wilden Funkverkehr zwischen ihren Kollegen hinein. » Zumindest dürften wir seine DNA haben … «
Irgendwo vor ihr ertönte ein erstickter Schrei.
Sie verlangsamte ihren Schritt, bis sie beinahe stehen blieb. Einen Moment lang konnte sie gar nichts mehr sehen, Nebelschwaden trieben von allen Seiten auf sie zu. Aber war der Schrei echt gewesen ? Erlag er schließlich seiner Verletzung ? Oder versuchte er, sie in eine Falle zu locken ?
Es folgte ein weiterer Schrei, diesmal begleitet von einem erstickten Gurgeln.
Jetzt blieb sie endgültig stehen.
Das hier war Dartmoor. Ein Nationalpark. Ein grünes, oft von Nebelschwaden durchzogenes Paradies. Pittoresk und berühmt für seine unberührte Flora und Fauna. Und berüchtigt für seine tiefen Sümpfe. Der dritte Schrei verblasste zu einem mehrfachen erstickten Röcheln, und jetzt hörte sie zudem ein lautes saugartiges Geräusch, als ob ein schwerer Körper im Matsch versank.
» Aktualisierung «, sagte sie in ihr Funkgerät und ging vorsichtig weiter. » Ich befinde mich etwa dreihundert Meter westlich des Stausee-Parkplatzes, hinter dem Hügel. Der Verdächtige scheint in Schwierigkeiten zu sein. Ich kann ihn nicht sehen, aber mög­licherweise ist er im Moor gelandet. «
Es folgten weitere eindringliche Aufforderungen, die Verfolgung sofort abzubrechen und auf Verstärkung zu warten. Sie ignorierte sie erneut, ging jedoch nur fünf oder sechs Meter weiter und fand sich schwankend am Rand eines trüben, schwarz-grünen Sumpfes wieder, dessen spiegelglatte Oberfläche sich in alle Richtungen auszudehnen schien. So sah es zumindest aus, als der Nebel sich stellenweise lichtete. Sie strengte ihre Augen an, konnte da draußen jedoch keine Regung erkennen, nicht mal ein Kräuseln, geschweige denn die sich deutlich abzeichnenden Um­­risse eines Mannes, der verzweifelt versuchte, den Kopf über der Oberfläche zu behalten.
Es war auch kein Laut mehr zu hören, was beunruhigend war. Die Sümpfe in Dartmoor konnten einen mit beängstigender Ge­­schwindigkeit verschlucken. Ihre Eingeweide waren voller Schaf- und Ponykadaver, ganz zu schweigen von dem einen oder anderen auf unerklärliche Weise verschwundenen Wanderer. Doch das Einzige, was sie ausmachen konnte, waren die schiefen Reste versunkener Bäume, deren Äste hier und da aus dem Sumpf ragten wie verrottete Dinosaurierknochen.
Selbst Detective Constable Gemma Piper von der Metropolitan Police – eigensinnig, furchtlos und mit einem eisernen Willen ausgestattet – sah jetzt ein, dass Vorsicht geboten war. Erst recht, da der Nebel sich mit dem aufkommenden Wind immer weiter auflöste und trotz der nächtlichen Finsternis immer deutlicher zu sehen war, wie ausgedehnt dieser Sumpf tatsächlich war. Er erstreckte sich zu allen Seiten – nicht nur vor ihr, sondern auch nach rechts und nach links, als ob sie zufällig auf eine schmale Landspitze mit festem Untergrund geirrt wäre. Es war schwer vorstellbar, dass jemand mit einer lebensgefährlichen Verletzung, der zudem im dichten Nebel absolut nichts sah, diesen Weg entlanggestrauchelt sein und es irgendwie geschafft haben sollte, der tödlichen Falle zu entgehen – auch wenn er aus der Gegend stammte. Und eines wusste sie nun definitiv : dass der Verdächtige nicht aus der Gegend kam, sondern, zumindest was seine ursprüngliche Heimat anging, vom anderen Ende des Landes stammte.
Als hinter ihr Stimmen ertönten und die Strahlen von Taschenlampen wie Speere die Finsternis über der geschwungenen Landschaft durchbohrten, sank sie langsam und erschöpft in die Hocke. Der verspätet einsetzende Schock und die Erkenntnis, was um ein Haar in dem Porsche passiert wäre, erfassten jede Pore ihres Körpers und betäubten sie. Dennoch fühlte sie sich irgendwie be­­schwingt. Sie hätte den Mistkerl beinahe geschnappt … aber eben nur beinahe. Es war wie ein torloses Unentschieden nach einem Fußballspiel. Es war ein Ergebnis, aber es war nicht ganz klar, wie es zu bewerten war.
Innerhalb einer Stunde hatte die Polizei von Devon und Cornwall mit Unterstützung von Scotland Yard das Moorgebiet weiträumig abgesperrt und durchsuchte es mit Hunden. Sie hatten sogar schweres Gerät mitgebracht und begannen, den Sumpf und die mit ihm verbundenen Wasserläufe auszubaggern. Auf dem Parkplatz am Stausee wurde Detective Constable Maxwell, der inzwischen wieder bei Bewusstsein, jedoch stark geschwächt war, hinten in einen Krankenwagen verfrachtet. Unterdessen saß Gemma Piper seitlich auf dem Vordersitz eines Streifenwagens, nippte an einem Kaffee und zuckte hin und wieder zusammen, während der Sanitäter, der vor ihr kniete, ihre blutenden Füße und ihr geschwollenes Gesicht versorgte. Gleichzeitig briefte sie Detective Super­intendent George Anderson.
Die eigensinnige junge Polizistin hatte sich längst den Respekt ihrer ranghöheren Kollegen verdient, und soeben hatte sie sich eine glänzende Zukunft in diesem extrem herausfordernden und von Männern dominierten Berufszweig gesichert. Und dennoch : Von dem sogenannten Fremden, auf dessen Konto dreizehn grauenvolle Foltermorde gingen, gab es keine Spur.
Und das sollte für lange Zeit auch so bleiben.


1
Heute


Von Hexerei war in diesem Teil des Lake Districts nicht wirklich etwas zu spüren. Und nach Hecks Kenntnis war er auch in der Vergangenheit nie mit Hexerei in Verbindung gebracht worden. Der kleine Bergsee war in längst vergangenen Zeiten nur deshalb » Witch Cradle Tarn « – » Hexenwiegensee « – getauft worden, weil sich in diesem Namen dessen geheimnisvolles Aussehen widerspiegelte : Er war ein langgezogenes, schmales, sehr tiefes Ge­­wässer oben in den Langdale Pikes – vierhundert Meter über dem Meeresspiegel gelegen –, dessen östliches Ufer von nackten, mit Geröll übersäten Steilhängen begrenzt wurde, während sich im Norden, im Westen und im Süden mächtige, vom Wind zerklüftete Berge wie der Pavey Ark, der Harrison Stickle oder der Great Castle Howe erhoben. In der heutigen Zeit war es kein besonders unheimlicher Ort. In einem Hängetal an einer recht abgelegenen Stelle gelegen – offizieller Name » Cragwood Vale «, inoffiziell einfach nur » das Cradle « –, hatte der Ort auf einer Landkarte durchaus etwas Furchterregendes, doch wenn man tatsächlich da war, erinnerte die Atmosphäre eher an Urlaub als an Angst und Grauen. Am südlichen und nördlichen Ende des Tals befanden sich jeweils die beiden freundlichen Weiler Cragwood Keld und Cragwood Ho. Den größten Teil des Jahres über wimmelte es in dem Tal von Kletterern, Wanderern, Bergläufern und Anglern, die es auf die berühmten Witch-Cradle-Forellen abgesehen hatten, während Kajakfahrer und Wildwasserrafter vom Cragwood Boat Club ausgestattet wurden, der gut eineinhalb Kilometer südlich von Cragwood Keld lag, am oberen Lauf des Cragwood Race, eines sich wild schlängelnden Flusses, der durch natürliche Schluchten und steile Stromschnellen bergab rauschte und schließlich in den etwas gemächlicher dahinfließenden Langdale Beck mündete.
Der einzige Pub im Herzen von Cragwood Keld trug zu der heimeligen Atmosphäre des Ortes bei. Auf den ersten Blick wirkte er ziemlich schmucklos – die Außenfassade bestand komplett aus grauem Westmorland-Schiefer –, aber er war für seine ver­räucherten Balken, die schönen Eichenholzbänke und die große ­Auswahl an Fassbieren berühmt. Im Winter lockten knisternde Ka­­minfeuer, im Sommer der herrlich am Seeufer gelegene Biergarten. Seinen Namen » The Witch’s Kettle « – » Der Hexenkessel « – verdankte er dem geschäftstüchtigen Wirt, der den Pub vor etlichen Jahrzehnten betrieben und die Sache mit der Hexerei für angesagt befunden hatte, zumal die meisten Besucher, die ins Cradle kamen, von den dichten Kiefernwäldern, die die beiden Dörfer am Seeufer säumten, sowie von den mit Geröll übersäten Ab­­hängen und den gewaltigen über allem aufragenden Felsmassiven von Ehrfurcht ergriffen waren. Allein das Pubschild war ein Markenzeichen. Es zeigte einen alten, rostigen Kessel, unter dessen Deckel grüne Kräuter herausragten und der auf einem Stein mit einer heidnischen Runeninschrift stand. Es war durchaus möglich, dass Besucher des Pubs die derzeitige Betreiberin Hazel Carter für eine Hexe hielten, doch falls dies der Fall sein sollte, war sie jedenfalls alles andere als eine jener Hexen mit gebogener warziger Nase.
Zumindest sah Heck das so.
Er war erst seit zweieinhalb Monaten dort oben im Lake District, doch eines war klar : Er würde der wie auch immer gearteten Magie, die Hazel ausstrahlte, nicht so einfach widerstehen können. Nicht, dass seine Gedanken an diesem Morgen im späten November in diese Richtung gingen, als er » The Witch’s Kettle « betrat, auf direktem Weg zur Theke marschierte und sich ein Pint Buttermere Gold bestellte. Es war noch früh am Tag, weshalb erst wenige Gäste da waren. Im Moment schmiss Hazel den Laden allein. Sie war wie Heck Ende dreißig, hatte kastanienbraunes, langes Haar und ein schönes Gesicht mit Rehaugen und geschmeidigen Lippen. Sie verfügte über reichlich Oberweite, wobei ihre Figur durch ihr aus einem T-Shirt, einer Strickjacke und Jeans bestehenden Alltagsoutfit noch besonders betont wurde.
Sie sahen einander in die Augen, sagten aber ansonsten nichts weiter zueinander. Doch als die Pubwirtin ihm sein Pint und sein Wechselgeld reichte, nickte sie andeutungsweise nach rechts. Heck steckte das Wechselgeld weg, nippte an seinem Bier und sah erst dann in diese Richtung. Hinter einem niedrigen Bogen be­­fand sich das Gewölbe des Pubs, in dem es eine Dartscheibe und einen Billardtisch gab. Momentan befand sich nur ein Gast in dem Raum : ein junger Bursche, höchstens sechzehn Jahre alt, mit strubbeligem blondem Haar, der ein graues Sweatshirt, eine graue Canvashose und weiße Turnschuhe trug. Er blickte einmal kurz in Hecks Richtung, während er um den Billardtisch herumging, schenkte ihm dann jedoch keine weitere Beachtung mehr. Na­­türlich hatte der Junge auch nicht mehr gesehen als einen etwa eins zweiundachtzig großen, durchschnittlich gebauten Mann mit unbändigem schwarzem Haar und verblassten Narben im Gesicht, der eine Jeans, einen Pullover und einen zerknitterten Anorak trug. Er hätte ihm wahrscheinlich mehr Beachtung geschenkt, wenn er gewusst hätte, dass Heck in Wahrheit Detective Sergeant Mark Heckenburg von der Polizei von Cumbria war. Und dass er ganz in der Nähe in der Wache von Cragwood Keld stationiert und genau in diesem Moment im Dienst war.
Um die Fassade eines normalen Urlaubsgastes zu wahren, setzte Heck sich an einen freien Tisch, nahm eine zusammengerollte Westmorland Gazette aus seiner Gesäßtasche und begann zu lesen. Er warf einen Blick auf die Uhr, während er die Seiten umblätterte, allerdings mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit. Er hatte das Gefühl, an diesem Morgen einem guten Hinweis nachzugehen, aber auf ihm lastete kein großer Druck. Seitdem er im Rahmen der von der Association of Chief Police Officers ini­tiierten neu angelaufenen Kampagne zur Bekämpfung der Kriminalität auf dem Land von Scotland Yard nach Cumbria versetzt worden war, genoss er den Luxus, selbst bestimmen zu ­können, wann er arbeitete und in welchem Tempo. Natürlich war er dem South Cumbria Crime Command unterstellt, und davor der Kripo von Windermere, denn letzten Endes war er nur ein Sergeant. Aber als einziger Kripobeamter in den Langdales – als einziger Kripobeamter im Umkreis von fünfzig Quadratkilometern überhaupt – war er, wie es die meisten seiner Kollegen sahen, hier draußen auf sich allein gestellt. » He, Kollege, du bist unser Mann vor Ort «, sagten sie. Das bot ohne Zweifel Vorteile. Andererseits war es nie ein gutes Gefühl zu wissen, dass etwaige Verstärkung immer erst nach gut vierzig Minuten eintreffen würde.
Heck wurde aus seinen Gedanken gerissen, als zwei weitere Gäste die Treppe hinunterkamen, die von der oberen Etage in den Schankraum führte. Es waren ein Mann und eine Frau, Ersterer Mitte dreißig, Letztere Mitte zwanzig, und beide hatten schwer beladene Rucksäcke bei sich. Die Frau hatte kurzes mausbraunes Haar und trug eine rote Regenjacke, eine blaue Cordhose und Wanderschuhe. Der Mann war groß, schlank und hatte kurzes blondes Haar. Er trug ebenfalls eine Cordhose, T-Shirt sowie Wanderschuhe und hatte sich seine blaue Regenjacke über seine Schultern gelegt. Keiner von beiden sah bedrohlich oder irgendwie zwielichtig aus. Im Gegenteil : Sie lächelten und unterhielten sich lebhaft miteinander. Am Fuß der Treppe trennten sie sich. Der Mann ging zur Theke, wo er Hazel mitteilte, dass er gerne be­­zahlen würde. Die Frau ging in das Gewölbe und redete mit dem Jungen, der seine letzte Kugel einlochte und sich ebenfalls einen Rucksack schnappte.
Das Trio verließ den Pub gemeinsam, immer noch lebhaft miteinander plaudernd – wie ein paar Freunde, die ihren Urlaub ge­­nossen. Als die Tür hinter ihnen zuschwang, sah Heck über den Rand seiner Zeitung zu Hazel, die nickte. Er sprang auf, ging durch den Schankraum zu dem Fenster, durch das man auf den Parkplatz hinausblickte, und sah das Trio auf den metallic-grünen Hyundai Accent zuschlendern. Hazel hatte ihn bereits vorab in­­formiert, dass dies der Wagen war, mit dem sie zwei Wochen zuvor angereist waren, und er hatte das Kennzeichen – V513 HNV – bereits in der landesweiten zentralen Datenbank der Polizei überprüfen lassen und herausgefunden, dass es in Wahrheit zu einem schwarzen Volvo Estate gehörte, der angeblich vor neun Monaten in Grimsby an einen Schrotthändler verkauft worden war. Ohne sich noch einmal umzudrehen, stiegen sie in den Hyundai, rollten vom Parkplatz und verließen in Richtung Süden das Dorf.
Heck eilte nach draußen. Es war erst Mittag, aber es war ein grauer Tag und sehr kühl. Aufgrund der Jahreszeit ging es im Dorf ruhiger zu als üblich. Die jenseits der Kiefern ansteigenden Moorhänge waren nackt, braun und mit herbstlichem Farn gesprenkelt.
Heck stieg in seinen weißen Citroën DS4, startete den Motor und schaltete die Heizung ein, widerstand jedoch der Versuchung, sich sofort an die Verdächtigen dranzuhängen. Zu dieser Zeit des Jahres, in der weniger Autos unterwegs waren als üblich, fiel man leichter auf. Außerdem gab es nur eine Möglichkeit, das Cradle zu verlassen, nämlich über die Cragwood Road, eine enge, einspurige Straße, die sich einige hundert Meter die steilen, mit Geröll übersäten Abhänge hinunterwand, an einigen Stellen mit einem Gefälle von bis zu 33 Prozent, sodass die Verdächtigen ihm weder einfach so irgendwohin entwischen noch mit hoher Ge­­schwindigkeit davonbrausen konnten. Wenn die drei allerdings erst mal ins Great Langdale hinabgefahren waren, jenes langgezogene Trogtal im Herzen des Lake Districts, sah die Sache schon anders aus. Also konnte Heck es sich auch nicht leisten, allzu weit hinter ihnen zu bleiben.
Er gab ihnen einen dreißigsekündigen Vorsprung.
Bis zum Beginn der Abfahrt waren es vom Dorf fünf Kilometer, auf denen Heck keinen einzigen Menschen sah und auf denen ihm auch kein anderes Auto entgegenkam, was gut war, denn auch wenn es von Vorteil war, sich zwischen anderen Autos verbergen zu können, war es für den Fall, dass man zu einer Verfolgungsjagd gezwungen war, beruhigend, eine freie Straße vor sich zu haben. Als er mit der Abfahrt begann, konnte er den Hyundai im ersten Moment nicht sehen, doch er unterdrückte jeden Anfall von Panik. Die steil bergab führende Straße wand sich rasant, bog um gefährliche Kurven und führte immer wieder durch schattige Abschnitte mit dichtem Kiefernbewuchs. Doch als er den Hyundai endlich sah, war er schon weiter vorangekommen, als Heck erwartet hatte. Er erschien winzig, nicht größer als ein glitzerndes grünes Spielzeugauto.
Heck beschleunigte, scherte gefährlich aus, als die Straße steiler abfiel, und raste immer leichtsinniger um die Kurven. Er sagte etwas in sein Funkgerät, erhielt als Antwort jedoch nur ein Rauschen. Der Funkempfang im Cradle war extrem schlecht, da die aufragenden Steilhänge, die das Tal umgaben, die Funksignale derart stark beeinträchtigten, dass jegliche Kommunikation von der Wache in Cragwood Keld in der Regel über die Festnetzleitung laufen musste. Aber weiter unten im Great Langdale würde der Empfang besser werden. In Erwartung dessen hatte er bereits einen freien Sprechkanal eingestellt.
» Heckenburg an 1416, kommen «, sagte er erneut.
Er musste bis auf hundertachtzig Meter hinabfahren, bis er eine Antwort erhielt.
» 1416 hört. Was gibt’s, Sergeant ? « Die Stimme klang schrill mit einem irischen Akzent.
» Die Verdächtigen sind unterwegs, Mary-Ellen … Fahren die Cragwood Road runter zur B5343. Wo bist du ? Kommen. «
Mary-Ellen oder Police Constable 1416 Mary-Ellen O’Rourke – außer ihr gab es keinen weiteren uniformierten Polizeibeamten in der Wache von Cragwood Keld, und sie wohnte sogar in der Wohnung direkt über der Wache – brauchte ein oder zwei Sekunden, bevor sie antwortete. » Ich fahre von Skelwith Bridge aus das Little Langdale hoch, Sergeant. Sind sie immer noch in dem grünen Hyundai unterwegs ? Kommen. «
» Positiv. Haben immer noch das verdächtige Nummernschild dran. Ich melde mich, sobald ich weiß, in welche Richtung sie fahren. Kommen. «
» Verstanden. «
Als Heck jetzt zu der Kreuzung hinabfuhr, die in die B5343 mündete, hatte er nach Westen und Osten klare Sicht in das Great Langdale. Dieses Tal war sehr viel ausgedehnter als das Cragwood Vale und im oberen Verlauf von einigen der imposantesten Berge Cumbrias umgeben : nicht nur von den schroffen, zerklüfteten Gipfeln der Langdale Pikes, sondern auch vom Great Knott, dem Crinkle Crags, dem Bowfell und dem Long Top, deren karge Gipfel bis in schwindelerregende Höhen hinaufragten. Die Talsohle hingegen war eben und fruchtbar. Das Tal war schätzungsweise achthundert Meter breit und von zahlreichen Trockensteinmauern in einzelne Weiden unterteilt, auf denen Rinder grasten. In der Mitte floss der Langdale Beck von Westen nach Osten, ein breiter Fluss mit steinigem Flussbett, der normalerweise flach war, jedoch nach einem außerordentlich regenreichen Oktober und einem ebenso ergiebigen November viel Wasser führte. Der Hyundai bog hundert Meter vor Heck am Ende der Cragwood Road in rasantem Tempo auf die B5343 ein. Der Wa­­gen wurde scharf in Richtung Süden herumgerissen, überquerte den Fluss über eine schmale Brücke und folgte der Hauptroute. Darauf be­­dacht, auch weiterhin nicht aufzufallen, trödelte Heck an der Kreuzung herum und sah den Hyundai kleiner werden, der auf der anderen Seite der Brücke in die etwas höher gele­genen Gefilde hinauffuhr.
» Heckenburg an 1416. «
» Ich höre, Sergeant …  «
» Das verdächtige Fahrzeug ist jetzt auf dem oberen Abschnitt der B5343 in Richtung Süden unterwegs. « Er warf einen Blick auf sein Navi. » Das heißt, sie kommen in deine Richtung, Mary-Ellen. «
» Positiv, Sergeant. Ich fahre direkt auf sie zu. Soll ich sie an­­halten ? «
» Negativ … Wir haben noch nicht genug gegen sie in der Hand. «
Es gab nur einen Streifenwagen, der permanent an der Wache von Cragwood Keld stationiert war, und das war der Land Rover, mit dem Mary-Ellen gerade unterwegs war. Er war in leuchtendem Gelb-Blau als Polizeiauto markiert, um in dieser kargen Hochlandregion deutlich erkennbar zu sein, und sogar auf dem Dach gekennzeichnet, damit er gegebenenfalls auch von Verstärkungseinheiten aus der Luft identifiziert werden konnte – doch bei Gelegenheiten wie diesen, wenn es hieß, in Deckung zu bleiben, war das nicht gerade hilfreich.
» Mary-Ellen … Fahr bis Little Langdale Village und parke den Wagen dort «, sagte Heck in sein Funkgerät. » Dann kannst du dich unsichtbar machen, falls sie deine Position erreichen und wir noch nicht zuschlagen wollen. «
» Mach ich «, entgegnete sie.
Heck bog ebenfalls auf die B5343 und gab Gas. Er folgte der Straße durch die Talsohle und überquerte die Brücke über den Langdale Beck. Der Hyundai war noch in Sicht, doch er war in­­zwischen hoch über und weit vor ihm ; ein grünes Matchboxauto. In Kürze würde er ganz aus seinem Sichtfeld verschwinden. Heck trat das Gaspedal durch, die Trockensteinmauern, die die Weiden umgaben, fielen hinter ihm zurück und wichen breiten, holprigen, büscheligen Grasstreifen, die sich vor ihm steil die Hänge hinaufzogen. An den Osthängen waren überall verstreut die flauschigen weiß-grauen Herdwick-Schafe zu sehen, einige überquerten die Straße und stoben blökend auseinander, als er auf sie zuraste. Die Straße war jetzt eindeutig keine richtige Landstraße mehr, stieg jedoch an keiner Stelle so steil an wie die Cragwood Road. Tatsächlich verlief sie ab einer Höhe von gut zweihundert Metern weitgehend eben weiter. Es kam eine weitere scharfe Kurve, doch Heck behielt den Fuß weiter unten auf dem Gaspedal und schaffte es, die Entfernung zwischen seinem Wagen und dem Hyundai auf etwa vierhundert Meter zu verringern.
Zu seiner Rechten war das Gelände inzwischen zu einer tiefen, dicht mit Bäumen bewachsenen Schlucht abgefallen, in deren Mitte ein laut rauschender Wildbach hinabstürzte, der das überschüssige Wasser des Blea Tarn mit sich führte, des nächsten Sees an Hecks Route, bis zu dem es noch gut acht Kilometer waren. Bevor er den See erreichte, näherte sich auf der rechten Seite ein weiterer Pub namens » The Three Ravens «. Das Gebäude war aus weiß getünchten Steinen gebaut und niedrig und flach, weshalb es eher wie ein typisches Lakeland-Cottage aussah. Trotz seiner spektakulären Lage unmittelbar am Rand der Schlucht gab es an einer Seite des Pubs auch noch einen kleinen Parkplatz, auf dem zurzeit aber nur ein einziges Auto stand : ein kastanienbrauner BMW Coupé.
Heck warf einen Blick auf seine Uhr – es war Mittagszeit. Das war genau die Zeit, zu der diese Bande normalerweise zuschlug. Er ließ seinen Blick wieder zu dem Hyundai schweifen, dessen Bremslichter rot aufleuchteten. Dann wurde der Blinker gesetzt, der Wagen bog nach rechts auf den Parkplatz des » The Three Ravens « und fuhr ganz dicht an die Außenwand des Pubs heran.
Heck lächelte in sich hinein. Sie hatten diesen Ort offenbar vorher ausgekundschaftet und wussten, wo sie sich vermutlich im toten Winkel der außen angebrachten Überwachungskamera befanden.
» Heckenburg an 1416. Kommen. «
Die Antwort wurde aufgrund der Höhe von statischem Rauschen gestört und war nur schlecht zu hören. » Ich höre, Sergeant. «
» Es geht los, Mary-Ellen. Die Verdächtigen haben am › The Three Ravens ‹ gehalten, oberhalb der Blea-Tarn-Schlucht. Wenn ich recht habe, nehmen sie sich ihr nächstes Opfer zwischen dem Pub und dem See vor. Der Ort ist wie für sie geschaffen. Ein acht Kilometer langer Abschnitt der entlegensten Straße in den Langdales. Ich bin sogar absolut sicher, dass sie dort zuschlagen. Danach werden sie es nicht mehr riskieren … zu viele Cot­tages. «
» Verstanden, Sergeant. Wie willst du die Sache angehen ? Kommen. «
» Fahr die B5343 hoch. Warte auf dem Parkplatz am Blea Tarn. Aber lass dich nicht blicken, für den Fall, dass sie doch weiterfahren. Kommen. «
» Alles klar. Verstanden. «
Heck fuhr am Parkplatz des Pubs vorbei und erhaschte einen Blick auf den Jungen aus dem Hyundai, der dort herumlungerte und sich die Kapuze seines Sweatshirts übergezogen hatte. Derweil waren die beiden Erwachsenen auf dem Weg in den Pub, zweifellos, um zu erkunden, mit welcher Art von Widerstand sie zu rechnen hatten. Mit Bedacht auf die innen angebrachte Überwachungskamera hatte die Frau sich eine blonde, schulterlange Perücke aufgesetzt, während der Mann eine Wollmütze trug, unter deren Rand etwas hervorlugte, das aussah wie rote Haarverlängerungssträhnen. Heck hätte laut auflachen können, nur dass primitive Vorkehrungen wie diese Kriminellen oft gewaltig zum Vorteil gereichten. Diesmal allerdings nicht, wenn sein Timing stimmte. Er verspürte dieses vertraute aufgeregte Kribbeln, das sich in den zurückliegenden zweieinhalb Monaten eindeutig rar gemacht hatte, und suchte die beiden Straßenränder nach einer möglichen Stelle ab, an der er sich auf die Lauer legen konnte. Zweihundert Meter vor sich sah er linker Hand eine Öffnung in der Trockensteinmauer, an der ein Feldweg abging, der bergab in eine Senke führte, sodass er dort von der Straße aus nicht zu sehen sein würde. Heck bog in den Weg ein, rumpelte eine steinige Piste hinab und hielt zwischen einer dichten Baumgruppe an. Er legte den Rückwärtsgang ein, wendete in drei Zügen, fuhr wieder bergauf und hielt etwa vierzig Meter vor der Öffnung in der Mauer an. Dann sprang er aus dem Wagen, stapfte den Rest des Weges zu Fuß hoch, ging hinter dem rechten Pfosten in die Hocke und beobachtete die Straße.
Er hatte keine Ahnung, wie lange das Ganze dauern würde. Wenn er mit seinen Annahmen richtiglag, würde die Bande als Erstes auskundschaften, ob ihr potenzielles Opfer ein leichtes Ziel abgäbe. Ein älteres Paar oder jemand, der alleine unterwegs war, würde ihnen die Sache erleichtern. Normalerweise würden sie dann auf dem Parkplatz herauszufinden versuchen, welches Auto zu wem gehörte. Das war leichter zu bestimmen, als man sich das vermutlich vorstellte, erst recht zu einer Jahreszeit, in der weniger Autos infrage kamen als sonst. Straßenkarten und Gepäck deuteten zum Beispiel darauf hin, dass ein Auto eher Touristen ge­­hörte als Einheimischen ; das Nichtvorhandensein von Spielsachen ließ darauf schließen, dass in dem Wagen eher ältere Menschen unterwegs waren, was noch durch die Anwesenheit von Medikamenten oder eine bestimmte Musik- oder Lektüreauswahl bestätigt werden konnte – es war überraschend, was für Rückschlüsse man allein aus den CDs und den Büchern ziehen konnte, die normalerweise in den Fußräumen herumlagen. In diesem Fall war es natürlich noch einfacher als sonst – es gab ja nur ein Auto. Wenn die Wahl getroffen war, hieß es nur noch, das fragliche Auto manövrierunfähig zu machen – in den bisherigen Fällen waren mit einer Luftpistole kleine Löcher in die Reifen geschossen worden – und dem Wagen zu folgen, bis er an den Rand gefahren wurde.
Ein leises Dröhnen kündete davon, dass sich ein Auto näherte. Heck duckte sich noch tiefer. Ein VW Sport Coupé brauste vorbei und wirbelte hinter sich Blätter auf. Der Wagen fuhr reibungslos, und es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass er in irgendeiner Weise defekt war.
Heck entspannte sich wieder, brütete weitere fünfzehn Minuten vor sich hin und rief sich in Erinnerung, dass Geduld und Vorsicht nicht nur Tugenden waren, sondern in diesem Fall un­­verzichtbar. Berufsverbrecher verdankten einen Großteil ihres Erfolges der Furcht, die sie aufgrund ihrer Effektivität verbreiteten – dass sie auftauchten und wieder verschwanden wie Gespenster, genau wussten, auf wen sie es am besten absahen, wo sie ihre leichte Beute fanden und wann genau der Moment war, in dem sie am verletzlichsten war, sodass sie zuschlagen konnten. Genau dies verblüffte die durchschnittlichen Bürgerinnen und Bürger und machte ihnen Angst, als ob die Verbrecher über übernatürliche Kräfte verfügten. Doch in Wahrheit bedurfte es kaum mehr als einer gründlichen Vorbereitung und einer gewissen grundlegenden Raffinesse und im Falle von Dieben, die mit Ablenkungsmanövern arbeiteten, wie es bei dieser speziellen Bande der Fall war, lediglich eines schnellen Blicks durch die Fenster einiger geparkter Autos. In gewisser Weise war es beeindruckend, auch wenn ihr Handeln kriminell war.
Das Funkgerät knisterte in seiner Jackentasche. » 1416 an Detective Sergeant Heckenburg. «
» Ich höre, Mary-Ellen «, erwiderte er.
» Ich bin jetzt in Position, Sergeant. «
» Halt dich in Bereitschaft. Kommen. «
» Verstanden. «
Ein weiteres Auto näherte sich, diesmal nicht mit dem leisen, gleichförmigen Brummen eines reibungslos schnurrenden Mo­­tors. Stattdessen hörte Heck ein wiederholtes metallisches Klappern – als ob etwas defekt wäre. Er duckte sich erneut, und seine Spannung stieg. Zwei Sekunden später zuckelte der BMW Coupé an ihm vorbei, der auf dem Parkplatz des » The Three Ravens « gestanden hatte und dessen Fahrer noch nicht gemerkt hatte, dass aus den beiden Reifen auf der Beifahrerseite langsam Luft entwich. Momentan war er vielleicht noch ahnungslos, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis er etwas bemerkte.
Hecks Spannung stieg erneut, und er wartete. Die Diebe würden bestimmt nicht sofort hinter den zu dem BMW gehörenden Leuten aus dem Pub gestürmt sein – das hätte deren Aufmerksamkeit erregen können –, aber sie würden ihnen auch keinen allzu großen Vorsprung gewähren. Und wie aufs Stichwort kam der Hyundai nur eine halbe Minute später langsam herangerollt und fuhr hinter dem BMW her.
Heck stürmte zurück zu seinem Citroën, jagte ihn die Piste hoch und bog nach links auf die Straße. Mit einem platt werdenden Reifen war es denkbar, dass ein ahnungsloser Fahrer noch eine Weile weiterfuhr und nichts davon merkte, doch mit zwei kaputten Reifen war das höchst unwahrscheinlich. Hinter der nächsten Kurve verlief die Straße gut zweihundert Meter in ge­­rader Linie, und am Ende dieses Abschnitts sah er, wie der BMW neben einer gekrümmten Esche schlingernd zum Stehen kam. Der Hyundai hatte die Stelle zwar noch nicht erreicht, wurde aber bereits langsamer.
Heck trat ebenfalls auf die Bremse und riss seinen Citroën scharf auf den Randstreifen an der Beifahrerseite, sodass er außer Sicht war. Er sprang aus dem Wagen, stieg über die Begrenzungsmauer und arbeitete sich parallel der Straße auf der hügeligen Weide vor, achtete jedoch darauf, sich so tief gebückt zu halten wie nur eben möglich.
Es war ein idealer Ort für einen Hinterhalt. Auf der linken Seite erhob sich der Brown Howe, auf der rechten der Pike of Blisco, in dem dicht mit Farn bewachsenen Tal dazwischen herrschte absolute Stille. Der düstere graue Himmel tauchte alles in eine Atmosphäre wilder Abgeschiedenheit. Nirgendwo stand ein Zelt, weit und breit war kein Wanderer zu sehen. Nicht einmal ein Schäfer oder ein Landarbeiter war in Sicht.
Heck marschierte etwa sechzig Meter weiter und ging dann zurück zu der Mauer, wo ein Streifen Tannen ihn abschirmte. Die beiden Autos waren immer noch zu sehen, der Hyundai parkte jetzt direkt hinter dem BMW. Neben der Beifahrerseite des BMWs standen vier Personen. Ein pummeliger, kahl werdender Mann und eine dünne weißhaarige Frau, beide im Partnerlook, waren eindeutig die Insassen des BMWs. Aber Heck sah auch das Mädel mit der blonden Perücke und den hochgewachsenen Mann mit der Wollmütze, der gerade seine Regenjacke auszog und sicherlich anbot, einen der beiden platten Reifen des BMWs zu wechseln. Heck konnte sich vorstellen, welche Konversation hier ablaufen würde – sie hatten das gleiche Spielchen mit den anderen Opfern in den Yorkshire Dales und im Peak District gespielt.
» Ein doppelter Platten ist nicht ohne «, würde der freundliche Helfer sagen, » aber wenn Sie den Ersatzreifen vorne einsetzen, könnten Sie es bis in die nächste Ortschaft schaffen, und dort könnten Sie in einer Werkstatt den hinteren austauschen lassen. «
Ein kluger Ratschlag, der beiläufig erteilt werden würde – und währenddessen würde das dritte Mitglied des Trios, der Junge, von dem die Opfer nicht einmal wussten, dass er anwesend war, heimlich hinten aus dem Hyundai gleiten, zur Fahrerseite des Autos krabbeln, auf das es die Bande abgesehen hatte, die Fahrertür öffnen und sich über Jacken, Mäntel, Handtaschen und Brieftaschen hermachen, die auf dem Rücksitz abgelegt waren. Ein klassischer Diebstahl mit Ablenkungsmanöver, der genau in diesem Moment – während Heck das Geschehen beobachtete – vonstattenging. Der Junge, der immer noch seine unscheinbare graue Kleidung trug, robbte sich über den Asphalt und schlich auf allen vieren an dem Hyundai vorbei.
Heck blieb auf der Weide, rannte jedoch zügig weiter, stieg über einen niedrigen Stacheldrahtzaun und zischte in sein Funkgerät : » Diebe schlagen zu, Mary-Ellen ! Diebe schlagen zu ! Setz dich in Bewegung … schnell ! «
Mary-Ellen bestätigte, dass sie losfahre, doch Heck erreichte den Schauplatz des Verbrechens als Erster. Er sprang über die Begrenzungsmauer, zog sich den Reißverschluss seines Anoraks zu, erschien am Straßenrand und kam hinter der gekrümmten Esche hervor, bevor auch nur irgendjemand von ihm Notiz ge­­nommen hatte.
» Schönen guten Tag allerseits «, sagte er und schlenderte zum Heck des BMWs, wo der Junge immer noch auf Händen und Knien hockte, doch neben ihm lagen jetzt ein Portemonnaie, eine Brieftasche und ein iPad auf dem Asphalt. Der Junge konnte nichts anderes tun, als Heck mit bleichem Gesicht anzustarren. » Das verstößt gegen das Gesetz, meinst du nicht auch ? «
Das ältere Paar sah Heck verwirrt an, und ihr Gesichtsausdruck änderte sich erst, als Heck nach unten langte, den Jungen unter der Armbeuge packte und ihn hochzog, sodass er für jedermann sichtbar war. In diesem Moment reagierte auch das jüngere Paar. Das Mädel wich mit weit aufgerissenen Augen zurück, während der Mann sich umdrehte und über die Straße davonsprintete.
Doch das brachte nicht viel, denn in diesem Moment kam auf der nächsten Anhöhe Mary-Ellens Land Rover mit zuckendem Blaulicht in Sicht, wurde herumgerissen, stellte sich quer über die Fahrbahn und blockierte ihm den Weg. Der Typ sah noch recht kampfeslustig aus, als er sah, wer dem Wagen entstieg : eine Ge­­stalt in einer Uniform der Polizei von Cumbria, voll ausgestattet mit Neonweste und Polizeigürtel mit den üblichen Utensilien – Handschellen, Schlagstock, Pfefferspray und so weiter –, doch es handelte sich um eine junge Frau, wahrscheinlich war sie sogar ­deutlich jünger als er, höchstens dreiundzwanzig und allenfalls eins fünfundsechzig groß. Natürlich wusste er nicht, dass Police Constable Mary-Ellen O’Rourke in dem Ruf stand, eine Fitnessfanatikerin und ein wahrer Panzerkreuzer zu sein. Als sie die Straße überquerte, um sich ihm in den Weg zu stellen, versuchte er, sich an ihr vorbeizudrängen, doch sie stürzte sich auf ihn, umfasste seine Beine und brachte ihn zu Fall. Er ging zu Boden, sein Gesicht schlug mit voller Wucht auf dem Asphalt auf. Er lag stöhnend da, seine Mütze mit den vorgetäuschten roten Haarfransen war ihm heruntergerutscht und offenbarte sein blondes Haar. Mary-Ellen kniete vergnügt auf seinem Rücken und legte ihm Handschellen an.
» Tut mir leid «, wandte Heck sich an das perplexe ältere Paar, während er an ihm vorbeimarschierte und die anderen beiden Verhafteten jeweils am Genick vor sich her führte. » Detective Sergeant Heckenburg von der Polizei Cumbria. Wir sind schon eine ganze Weile hinter dieser Bande her. «
» Wir haben nichts gemacht «, protestierte die junge Frau. » Wir wollten nur helfen. «
» Klar, indem Sie diese braven Bürger während ihres Urlaubs um ihre Wertsachen erleichtern «, entgegnete Heck. » Aber ma­­chen Sie sich keine Sorgen, jetzt gehen Sie erst mal in Urlaub. Und zwar für unbestimmte Zeit hinter schwedischen Gardinen. Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern, doch es kann Ihre Verteidigung beeinträchtigen, wenn Sie trotz Befragung eine Aussage unterlassen, auf die Sie später vor Gericht angewiesen sein könnten. Jede Ihrer Aussagen hat Beweiskraft … Ach, und falls Sie sich fragen sollten, was hier gerade abgeht : Sie werden eingelocht, weil Sie eine Bande von diebischen kleinen Arschlöchern sind. «

Es war schon mitten am Abend, als die Beamten, die die Ver­­haftung vorgenommen hatten, endlich von der Polizeiwache in Windermere zurückkamen, wohin sie ihre Gefangenen für das Verhör und die offizielle Anklageerhebung gebracht hatten. Während Mary-Ellen die Wache von Cragwood Keld ansteuerte, um Feierabend zu machen und alles abzuschließen, war Hecks erster Anlaufhafen » The Witch’s Kettle «, nicht zuletzt deshalb, weil das warme, rötliche Licht, das aus den Pubfenstern schien, an einem kalten, nebligen Herbstabend wie diesem – die Luft war eisig geworden – sehr verlockend war. Drinnen knisterte ein großes Kaminfeuer, dessen Schein orangefarbene Trugbilder auf die urige Einrichtung warf.
Lucy Cutterby, Hazels einzige Kellnerin, war alleine hinter der Theke und las ein Taschenbuch. » Hallo, Heck «, sagte sie, als Heck auf die Theke zuging.
Lucy war neunzehn und arbeitete nur deshalb für Unterkunft und Verpflegung in dem Pub, weil sie Hazels Nichte war und sich ein Jahr Auszeit genommen hatte, um zu wandern, zu klettern und zu segeln und sich noch ein wenig vorzubereiten, bevor sie zur Universität ginge, um dort Sportwissenschaften zu studieren. In ihrer grauen Jogginghose und ihren weißen Turnschuhen sah sie adrett und sportlich aus. Ihr volles lohfarbenes Haar hatte sie hochgesteckt. Mit ihren blauen Augen, ihrer elfenhaften Nase und ihren vollen Lippen stellte Lucy eine willkommene Ergänzung des Pubpersonals dar. Eigentlich müsste sie, schön wie sie war, scharenweise Männer in den Pub locken, doch an einem Abend wie diesem konnte Hazel froh sein, wenn überhaupt jemand kam. Im Moment war nur eine Handvoll Gäste da : Ted Haveloc, ein ehemaliger Mitarbeiter der Forstbehörde, der sich, seitdem er im Ruhestand war, in aller Leute Gärten nützlich machte ; und Burt und Mandy Fillingham, die Betreiber der örtlichen Post, welche zugleich den Tante-Emma-Laden des Dorfes beherbergte.
Lucy huschte kurz nach oben, um Hazel zu holen.
Einige Minuten später kam sie die Treppe hinuntergeschlendert. » Und ? «, fragte sie und sah leicht beunruhigt aus.
Heck entledigte sich seines Anoraks und zog sich einen Bar­hocker heran. » Ohne dich hätte ich es nicht geschafft. «
» Hast du sie festgenommen ? « Sie sah überrascht aus, aber ihr war vielleicht immer noch ein wenig unbehaglich zumute. Hazel war durch und durch ein Mädel aus der Gegend. Sie war viel ge­­reist, hatte jedoch nie außerhalb des Lake Districts gelebt, was ihr weicher Cumbria-Akzent bestätigte, und die Vorstellung, dass diese friedvolle Gegend von ernsthafter Kriminalität heim­gesucht wurde, war ihr sichtlich unbehaglich.
» Alle drei «, bestätigte Heck. » Auf frischer Tat ertappt. «
Sie servierte ihm das Gleiche wie immer : ein Pint Buttermere Gold. » Und worum ging es bei dem Ganzen ? Oder darfst du mir das nicht sagen ? «
» Ich denke, angesichts deiner Hilfe hast du ein Recht darauf, es zu erfahren. Im Laufe der vergangenen zwei Wochen wurden immer wieder Touristen von Dieben ausgenommen, deren Ma­­sche ein Ablenkungsmanöver war. Sie haben in Borrowdale zu­­geschlagen, in der Nähe von Ullswater und unten in Grizedale Forest. Meistens lief das Ganze so ab : Die Touristen haben ir­­gendwo angehalten, um Mittag zu essen, und wenn sie anschließend weitergefahren sind, mussten sie ziemlich bald mit zwei platten Reifen an den Straßenrand fahren. Kurz darauf kam zufällig ein junger Mann mit seiner Freundin vorbei und bot freimütig Hilfe an. Sobald die beiden Helfer weitergefahren waren, stellten die Touristen fest, dass in ihrem Auto die Wertsachen fehlten. «
Hazel sah fasziniert aus, aber vielleicht auch ein bisschen er­­leichtert darüber, dass die Verbrechen, um die es ging, nicht gewalttätigerer Natur gewesen waren. » Von solchen Trickbetrügern habe ich schon mal auf dem europäischen Festland gehört. «
» Tja … und wenn es in Frankreich und Spanien funktioniert, gibt es keinen Grund, warum es hier nicht auch funktionieren sollte. Erst recht in ländlichen Gegenden. Wir wussten nur, dass die Verdächtigen in einem grünen oder blauen Auto unterwegs waren, bei dem es sich möglicherweise um einen Hyundai handeln sollte. Die Opfer waren sich in keinem einzigen der Fälle absolut sicher, und wir hatten nur ein paar undeutliche Auf­nahmen von einigen Parkplatz-Überwachungskameras … Und zu alledem hatten wir immer nur einzelne Bruchstücke des Kenn­zeichens, die nie zusammenzupassen schienen. Bestimmt überrascht es dich nicht, dass wir nach der Verhaftung dieser Bande im Kofferraum ihres Wagens Dutzende verschiedener Nummernschilder gefunden haben, die sie regelmäßig ausgetauscht haben. «
» Dann war das sozusagen ihr Fulltime-Job ? «
» Ja, es war ihr Beruf. So haben sie ihren Lebensunterhalt be­­stritten. « Er nippte an seinem Bier. » Da die kriminelle Tour in dieser Gegend erst vor zwei Wochen angefangen zu haben schien, habe ich ein paar Erkundigungen bei anderen Polizeidienststellen in touristischen Gegenden eingeholt und einige ähnliche Be­­richte erhalten. Über einen jungen Mann und eine junge Frau, die mithilfe der Ablenkungsmasche irgendwo in der Pampa moto­risierte Touristen ausgenommen haben. Es lief immer gleich ab. Der Mann hat angeboten, beim Reifenwechsel zu helfen, während die Frau dabeistand und die Leute in ein Gespräch verwickelt hat. Nach spätestens zwei Wochen war der Spuk in einer bestimmten Gegend wieder vorbei. «
» Hier haben sie sich auch nur für zwei Wochen eingemietet «, sagte Hazel.
» Sie haben es in keinem der von ihnen auserkorenen Jagdreviere je übertrieben. Letzten Endes lief es darauf hinaus, dass ich sämtliche Hotels und Frühstückspensionen aufgesucht und mich nach Verdächtigen erkundigt habe. «
» Erstaunlich, dass das wirklich funktioniert hat. « Sie sah skeptisch aus. » Ich meine, selbst in der Nebensaison kommen Tausende junge Paare hier hoch in den Lake District. «
» Mag ja sein, aber nicht so viele, die ein fünftes Rad am Wagen dabeihaben. «
» Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst. «
» Wie du dich vielleicht erinnerst, habe ich dich nicht gefragt, ob bei dir irgendwelche jungen Paare abgestiegen sind. Ich habe dich nach jungen Trios gefragt. «
» Wow. « Jetzt sah Hazel beeindruckt aus. » Was für ein cleveres Bürschchen du bist. «
» Mir kam in den Sinn, dass es einen Dritten im Bunde geben musste, jemanden, der sich in dem Hyundai verborgen hielt und den eigentlichen Diebstahl durchführte, während die beiden an­­deren ihre Show abzogen. «
» Und genau so ein Trio war hier abgestiegen «, entgegnete sie. » Und es war sogar mit einem Hyundai unterwegs. «
» Der Rest ist Geschichte. « Er lächelte. » Allerdings würde ich sagen, dass wir durchaus Glück hatten, dass sie ausgerechnet hier abgestiegen sind. «
Hazel putzte weiter die Theke. » Solange sie definitiv ein für alle Mal weg sind, von mir aus. Ich meine, sie haben ja hoffentlich nichts vergessen … Ich möchte nicht, dass sie noch mal wiederkommen. «
» Darüber würde ich mir an deiner Stelle keine Sorgen machen. Es gibt auf diversen Polizeidienststellen Leute, die ein Wörtchen mit ihnen zu reden haben. Sie werden ein ziemliches Weilchen hinter Schloss und Riegel sein. «
Ihm fiel ein, dass er sein Pint noch nicht bezahlt hatte, und er schob ein paar Münzen über den Tresen, doch sie lehnte ab. » Das geht auf mich. Für einen erfolgreich erledigten Job. Weißt du, ich hätte sie nie für Kriminelle gehalten. Na schön, ein etwas seltsames Gespann haben sie schon abgegeben, denke ich … er Mitte dreißig, sie Mitte zwanzig und dann noch einen Teenager dabei, aber sie sahen nicht gefährlich aus. «
» Erfolgreiche Gauner sind selten dumm. Wenn man sich in ruhigen Gegenden unter normale Leute mischen will, macht es wenig Sinn, sich wie eine Bande Cowboys zu gebärden. Jedenfalls nicht in der heutigen Zeit. «
» Aber es führt einem vor Augen, wie verletzlich wir hier oben sind. «
» Ach was «, meldete sich eine schnodderige Stimme mit irischem Akzent. Mary-Ellen war neben ihnen aufgetaucht. Sie trug jetzt einen schwarzen Trainingsanzug, auf dessen Rückenteil in großen weißen Lettern der Schriftzug » Metropolitan Police « prangte, und schwang sich sportlich auf den Barhocker, der neben Heck stand. Trotz ihrer vorstehenden Zähne war sie hübsch : Sie hatte durchdringende grüne Augen und schwarzes, kurz geschnittenes Haar. Sie war eine hervorragende Schwimmerin, eine durchtrainierte Bergsteigerin und Kletterin und versprühte Energie und Leidenschaft – selbst jetzt noch, nach einer langen, anstrengenden Schicht. » Das Dorf hat doch uns beide «, stellte sie vergnügt fest. » Wir können es mit jedem aufnehmen. «
» Und hier haben wir die andere Frau der Stunde «, sagte Heck. » Ohne die ich es auch nicht geschafft hätte. «
» Was möchten Sie trinken, Mary-Ellen ? «, fragte Hazel.
Mary-Ellen bedachte Heck mit einem vorgespielt verwunderten Blick. » Geht das auf dich, Sergeant ? «
» Das geht auf mich «, stellte Hazel klar. » Sie und Heck haben heute ein paar üble Schurken von der Straße geholt. Von unseren Straßen. Und bei dem schlechten Wetter, das angesagt ist, hätten sie hier vielleicht noch weiß Gott wie lange herumgelungert. Wer weiß, womöglich wären wir noch alle in unseren Betten abgemurkst worden. «
» Ganz so schlimm waren sie nun auch nicht «, entgegnete Mary-Ellen mit dem für sie typischen krächzenden Kichern. » Aber ich nehme ein Lager, danke. Und eins muss ich sagen … es war ein gutes Gefühl, zur Abwechslung mal ein paar richtige Verbrecher zu schnappen. «
» Wie recht du hast «, sagte Heck und machte Anstalten, in Richtung Herrentoilette zu verschwinden. » Entschuldigt mich einen Moment, Ladys … Wie verdammt recht du hast ! «
Keine der beiden Frauen erwiderte etwas auf diese letzte Be­­merkung.
Mary-Ellen war selber noch ein Neuling im Lake District. Sie war erst vor zwei Monaten von der Metropolitan Police dorthin versetzt worden, also sogar noch einen halben Monat nach Heck eingetroffen. Doch auch wenn sie während der vergangenen vier Jahre in der größten Polizeieinheit Großbritanniens gearbeitet hatte, war sie nicht so gut mit der Polizeiarbeit in innerstädtischen Ballungszentren vertraut wie Heck und verfügte auch nicht über dessen Erfahrungen mit Ermittlungen im Bereich der schweren Kriminalität, da sie ausschließlich in Richmond-upon-Thames Dienst geschoben hatte, einer gut betuchten Gegend mit einer relativ niedrigen Kriminalitätsrate. Doch angesichts der Tatsache, dass die schwersten Gesetzesverstöße, mit denen sie es hier oben aller Voraussicht nach zu tun haben würden, Fälle von Kleindealerei, Gartendiebstähle und gelegentliche Auseinandersetzungen zwischen Betrunkenen in Pubs sein dürften, konnte sie verstehen, dass er sich nicht ganz ausgelastet fühlte. Er hatte sich re­­gelrecht überschwänglich auf den aktuellen Fall mit der Ablen­kungs­masche gestürzt – wie ein Kind, das ein Spielzeuggeschäft erkundet – und hatte beinahe enttäuscht darüber gewirkt, dass sie die Verdächtigen so schnell gefasst hatten. Aus Hazels Sicht war das Ganze natürlich faszinierend gewesen, aber auch ein bisschen verstörend – nicht nur, weil die Geschichte offenbart hatte, dass es in der Gegend richtige Kriminelle gab, sondern auch, weil sie ihr einen ersten flüchtigen Blick auf die eher von innerer Unruhe und Widersprüchen geprägten Seiten von Hecks Charakter gestattet hatte. Normalerweise hätte die gut aussehende, bescheidene und frisch geschiedene Hazel für jeden Kerl, der Single war, ein ge­­fundenes Fressen sein müssen, seit ihr vom Bier aufgedunsenes Arschloch von einem Ehemann vor zwei Jahren mit einem seiner Barmädels durchgebrannt war. Das Problem war nur, dass es im Cradle kaum alleinstehende Männer gab. Und deshalb war es vielleicht nicht überraschend, dass Hazel und Heck sich zueinander hingezogen fühlten. Doch Mary-Ellen konnte nicht anders, als sich zu fragen, wie lange dies wohl andauern mochte.
Nicht, dass irgendjemandem klar gewesen wäre, Heck eingeschlossen, was genau für eine Beziehung er und Hazel eigentlich hatten.
Genau darüber dachte Heck nach, als er in der Toilette am Waschbecken stand und sich die Hände wusch. Sie hatten sich ganz allmählich einander angenähert. Zunächst beinahe widerstrebend, als fürchteten sie beide, verletzt zu werden oder einander zu verletzen. Doch die gegenseitigen Gefühle wurden immer stärker. Zunächst hatten sie einander verstohlene Blicke zugeworfen, dann hatten sich ihre Hände gelegentlich berührt, und dann hatte Heck sich immer öfter am Ende der Theke bequem auf einem Barhocker sitzend wiedergefunden, da, wo sich die Kasse und das Telefon befanden, und somit an einem Platz, der Vertrautheit signalisierte und normalerweise nicht für jeden x-beliebigen Gast reserviert war. Trotz alledem gab es ein paar Dinge, die er Hazel bisher lieber noch nicht anvertraut hatte – vor allem seine Sorge, dass er hier draußen in der Wildnis seine Zeit verschwendete. Er wollte sie nicht vor den Kopf stoßen. Hazel war so stolz auf dieses kleine, erfolgreiche Unternehmen, das sie betrieb. Sie liebte ihr beschauliches Leben in Cragwood Keld, diese » Oase in den Bergen «, wie sie den Ort nannte. Die Vorstellung, von hier wegzugehen, war kaum etwas, woran sie Gefallen finden dürfte. Deshalb hatte Heck die zunehmende Langeweile, die er an seinem gegenwärtigen Dienstort verspürte, ihr gegenüber nie zur Sprache gebracht.
» Muss ich als Zeugin aussagen ? «, fragte Hazel, als er zur Theke zurückkam.
Heck dachte darüber nach. » Ich glaube nicht. Es gibt ja nichts, weswegen sie dich ins Kreuzverhör nehmen könnten. Ich habe dich gefragt, ob du jemanden kennst, auf den eine bestimmte Be­­schreibung zutrifft. Dies war der Fall, und du hast mir gegenüber eine Aussage gemacht. Danach hattest du nichts mehr mit dem Ganzen zu tun. Außerdem hat das Trio die Diebstähle, die es mit der Ablenkungsmasche hier oben im Lake District begangen hat, bereits zugegeben, weshalb es durchaus möglich ist, das dieser Teil des Falls gar nicht zur Verhandlung kommt. «
» Wenn ich mir darüber keine Sorgen machen soll, brauche ich das schriftlich von dir «, stellte sie klar und ging weg, um Burt Fillingham zu bedienen.
» Und ? Was halten wir von alldem ? «, fragte Mary-Ellen Heck. » War es ein guter Tag ? «
» Ein sehr guter Tag. «
» Hazel hat recht, was das Wetter angeht. Die Vorhersage ist furchtbar. Für heute Nacht und für morgen ist hier oben eisiger Nebel angesagt. Vielleicht hält er sich sogar noch länger. Mit einer Sichtweite unter zwei Metern. «
» Na super. Dann geht es hier noch beschaulicher zu. «
» He … « Sie stupste ihn mit dem Ellbogen an. » Ich kenne ein paar Detectives, die sich darüber freuen würden. Um ein bisschen Schreibkram aufarbeiten zu können. «
» Um Schreibkram aufarbeiten zu können, muss man erst mal welchen generieren, Mary-Ellen. «
Sie musterte ihn abschätzend. Normalerweise zeigte Heck sich nie von der mürrischen Seite. Doch im Moment wirkte er ein wenig niedergeschlagen. » Heck, hast du dich nicht freiwillig für diesen Gig im Lake District gemeldet ? «
» Ja … in gewisser Weise. « Er machte eine wegwerfende Handbewegung. » Entschuldige … ruhig ist gut. Natürlich ist es das. Es bedeutet eine niedrigere Kriminalitätsrate und dass die Leute gut schlafen können. Wie könnte ich mich darüber beschweren ? «
Sie nippte an ihrem Bier. » Es wird auch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen werden. Es wird Unfälle geben. Leute werden sich verirren, sich Verletzungen zuziehen … Es gibt immer irgendwelche Vollidioten, die alleine hier oben herumwandern, ganz egal, was die Wetterfritzen sagen. «
Heck dachte darüber nach. Sie hatte recht – die Berge im Lake District waren kein Ort für unerfahrene Wanderer, schon gar nicht bei schlechtem Wetter. Dennoch versuchten sich während des Winters irgendwelche Amateure an den Bergen und nötigten die Rettungsdienste immer wieder zu riskanten Expeditionen. Da der Ort nur über die Cragwood Road mit der Außenwelt verbunden war, hatten Schnee, Eisgraupel oder sogar heftiger Regen jederzeit das Potenzial, sie von allem abzuschneiden. Der angekündigte Nebel würde sogar für eine noch stärkere Beeinträchtigung sorgen, da er es den Bergrettungsdiensten unmöglich ma­­chen würde, ihre Hubschrauber einzusetzen.
» Ich denke, ich kann mit Bestimmtheit sagen «, stellte Heck schließlich klar, » dass selbst ich lieber warm eingemummelt im Bett liegen würde, als mich mit diesen Leuten herumzuschlagen. «
» Das ist sicher eine Option «, entgegnete Mary-Ellen, als Hazel hinter der Theke zu ihnen zurückkam.
» Wie es aussieht, dürfte ich in den nächsten Tagen nicht allzu viel Kundschaft haben «, stellte Hazel fest.
» Genau darüber haben wir gerade gesprochen «, sagte Mary-Ellen und trank aus. » Wie auch immer, ich bin weg. Danke für das Bier. «
» Ist es nicht noch ein bisschen früh ? «, fragte Heck.
» Heute Abend läuft True Detective. Ich habe die erste Ausstrahlung verpasst. « Mit diesen Worten schlenderte sie aus dem Pub. » Man sieht sich. «
» True Detective ? «, überlegte Hazel laut. » Ist das nicht diese Serie, in der sie hinter irgend so einem satanischen Serienmörder her sind ? «
» Ich glaube, so war es, wenn ich mich richtig erinnere «, entgegnete Heck.
Sie wischte über den Tresen. » Nicht die Art von Verbrechen, mit denen wir es hier oben am Witch Cradle Tarn zu tun ha­­ben … trotz des Namens. «
» Ist mir auch schon aufgefallen. «
» Diese raffinierten Trickbetrüger, die den Leuten Handtaschen und Portemonnaies klauen, sind so ziemlich die übelsten Schurken, die hier oben ihr Unwesen treiben. «
» Wollen wir hoffen, dass es so bleibt. «
Sie bedachte ihn mit einem angedeuteten Lächeln. » Haha … als ob du das wirklich hoffen würdest. «
» He, vielleicht berge ich noch Überraschungen für dich ? «
» Ach ja ? «
» Ich bin anpassungsfähig. Das ruhige Leben hat durchaus seine Vorzüge. «
» Zum Beispiel ? «
Er zuckte mit den Schultern. » Wir sind alle erwachsen. Es ist ja nicht so, als ob uns nichts einfiele, womit wir uns während dieser langen, ereignislosen Stunden beschäftigen könnten. «
Hazel lächelte erneut, diesmal verschmitzt, während sie Ted Haveloc ein frisches Bier zapfte.
Draußen wälzte sich derweil eine Front halbgefrorener Luft über die Berge und in die Täler Nordwestenglands. Sie schob sich unter die milderen oberen Luftschichten und bildete eine dichte, graue Nebeldecke, die die Sichtweite in einer Gegend, die dafür bekannt war, dass es in ihr nur sehr wenige Straßenlaternen gab, im wahrsten Sinne des Wortes auf null reduzierte. Die verstreuten Städte und Dörfer wurden eingehüllt. Cragwood Keld – ein Weiler, der nur aus fünfzehn Gebäuden bestand – wurde regelrecht verschluckt, von keinem Haus aus konnte man mehr das nächste sehen. Und natürlich war es kalt, entsetzlich kalt, Milliarden eisige Wasserkristalle waberten in der Düsternis. Auf jedem Zweig und an jedem Büschelchen der verblühten Pflanzenwelt bildeten sich Frostfedern. Gegen elf Uhr, als die letzten wenigen Lichter in den Häusern ausgingen und sich die tiefe Schwärze der Nacht über alles legte, hatte die arktische Stille etwas Ätherisches. Die absolute Ruhe war regelrecht unheimlich.
Nichts regte sich da draußen.
Es war eine durch und durch schaurige Nacht.

Paul Finch

Über Paul Finch

Biografie

Paul Finch hat als Polizist und Journalist gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er hat zahlreiche Drehbücher, Kurzgeschichten und Horrorromane veröffentlicht und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem British Fantasy Award und dem International Horror Guild Award. Er...

Medien zu »Schattenschläfer«

Pressestimmen

Cellesche Zeitung

»Ein Pageturner der besten Sorte. Sehr spannend.«

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

»es gibt keine Zeile Leerlauf im ›Schattenschläfer‹, Roman Nr. 4 um den impulsiven Polizisten Mark Heckenburg.«

krimi-tick.de

»Es geht von einem Thrill zum nächsten. Atemlos. Erbarmungslos. Schnell. Thrill total.«

Ruhr Nachrichten

»Autor Paul Finch versteht es, für Gänsehaut-Momente zu sorgen.«

Hamburger Morgenpost

»Finch schildert nicht nur die Geschehnisse und seine Protagonisten in eindringlicher Weise, sondern auch die wilden Naturgewalten: rasant, spannungsgeladen, blutig.«

Morgenpost am Sonntag

»Nervenzerrend.«

Hellweger Anzeiger

»Ein Thriller, nicht gemacht für Zartbesaitete.«

hr1

»Finch schürt die Angst meisterhaft. Nichts für schwache Nerven!«

WDR 5

»Dichte Atmosphäre, lebendige Charaktere, ein ausgefeilter Plot und eine traumwandlerische Sicherheit beim Erzählen – es gibt keine Zeile Leerlauf in ›Schattenschläfer‹ von Paul Finch, dem vierten Roman um den impulsiven Vollblut-Polizisten Mark Heckenburg. Bester britischer Krimistoff!«

krimi-couch.de

»Paul Finch ist ein exzellenter Thriller-Autor, der seine Leser perfekt unterhält und bis zur letzten Seite fesselt.«

Kommentare zum Buch

Schaurige Location, interessanter Täter und Gänsehaut-Momente!
Jasmin am 06.01.2016

Es ist zehn Jahre her, seit "der Fremde" das letzt Mal zugeschlagen hat. Als in der Nähe des Lake Districts zwei Mädchen verschwinden, spricht alles dafür das der Serienkiller wieder zurückgekommen ist. Superintendent Gemma Piper, die vor zehn Jahren bei dem Fall ermittelt hat, kümmert sich mit ihrem alten Partner Heck sofort darum und die beiden müssen feststellen, dass der Killer so wütend ist, wie noch nicht zuvor.   Ich schreibe diese Rezension direkt nachdem ich das Buch beendet habe und ich muss sagen, mein Herz klopft immer noch unglaublich schnell. Das Buch ist einfach in so einer rasenden Spannung geschrieben, das ich mich zwischendurch wirklich gar nicht losreisen konnte und atemlos das Geschehen verfolgt habe. Der Autor legte das Augenmerk des Buches nicht auf die Ermittlungen, sondern brachte sehr viel Action und Bewegung in das Buch und die Protagonisten entrannen dem tödlichen Schicksal oft nur mit Haaresbreite. Andere hatte leider nicht so viel Glück, denn in dem Thriller geht es sehr blutig zu und die Morde an mehreren Personen werden sehr ausführlich geschildert. Der dunkle, düstere Schreibstil von Paul Finch passt das natürlich ausgezeichnet und mir es sehr gut gefallen das er in manchen Stellen Gänsehaut verursachte und bei anderen einen Adrenalinausstoß.   Ein großes Plus bekommt auch die Location, da sich das Ganze in den Bergen abspielt und sich die beiden Ermittler nicht gerade gut auskennen, der Täter dafür umso besser. Außerdem sind die Wetterbedingungen sehr ungünstig und durch den starken Nebel, der für dieses Gebiet durchaus nicht ungewöhnlich ist, verstärkt sich der Grusel-Effekt nur noch mehr. Die Protagonisten in dem Buch fand ich eigentlich alles sehr interessant, besonders Superintendant Gemma Piper, die in der Abteilung für Serienverbrechen zuständig ist. Anfangs stand ich ihr etwas kritisch gegenüber, doch im Laufe des Buches hat sie mich doch sehr überrascht.   Von der spannenden Handlung habe ich ja bereits geschwärmt, besonders die actiongeladenen Szenen in dem ein Schock nach dem nächsten folgt, konnte mich begeistern. Der Autor schafft es so wirklich durchwegs die Spannung aufrecht zu halten. Was den Serienkiller angeht, hatte ich schon ziemlich früh einen Verdacht, der sich auch bestätigte. Das fand ich etwas schade, da ich gerne noch einen Überraschungseffekt gehabt hätte, aber vielleicht bin ich auch nur eine zu gute Ermittlerin. ;) Was mir beim Lesen auch noch aufgefallen ist, ist das der Auto ein Faible für Automarken zu haben. Selten sind mir in einem Buch so viele verschiedene Automarken unter die Augen kommen, wie hier.   ~ FAZIT ~ Ein unglaublich spannender Thriller, der durch die schaurige Location nur noch gruseliger ist. Ich habe die Geschichte wirklich atemlos verfolgt, auch wenn ich leider schon vor dem Ende eine ziemliche Ahnung hatte wer der Täter ist und welche Motive hinter seinen blutigen Taten stecken.

Schattenschläfer Paul Finch THRILLER
Nordschnack.com am 21.12.2015

Mein Fazit :   Ein sehr spannender und absolut gelungenes Buch mit Gänsehaut-Garantie . Die Gestaltung und Inhalt des Buches sind Top - Daumen hoch - Dieser Mann versteht es einen spannende Triller zu schreiben ! - es ist Meisterhaft und baut eine Spannung auf ! Dieses Cover in Neon Grün ist ein absoluter Blickfang - (jedes seiner Bücher trägt andere Farbe - dies ist schon ein "Markenzeichen" ) Seine Bücher kann man deshalb ohne Bedenken weiterempfehlen ! Grünen-Daumen»Sehr spannender Thriller !!!

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