Schattenkind (Yngvar-Stubø-Reihe 5)
Kriminalroman
„Der erste norwegische Thriller, der explizit auf die Terroranschläge von 2011 eingeht. Das wirkt reißerisch, aber ›Schattenkind‹ ist mit der gleichen kühlen Routine geschrieben, mit der skandinavische Autoren und Autorinnen seit Sjöwall und Wahlöö beharrlich zu zeigen versuchen, dass hinter den Kiefernholzkulissen des Sozialstaats Abgründe lauern.“ - Der Tagesspiegel
Schattenkind (Yngvar-Stubø-Reihe 5) — Inhalt
Am Nachmittag des 22. Juli 2011 stirbt in Oslo ein 8-jähriger Junge. Was zunächst wie ein Unfall wirkt, entpuppt sich unerwartet als Mord – und die Ermittlungen der Kriminalpsychologin Inger Johanne Vik werden zu einem emotionalen Drahtseilakt. Denn sie ist mit der Mutter des Kindes befreundet. Und der 22. Juli ist nicht irgendein Tag in Norwegen, es ist der Tag des Massakers von Utøya.
Leseprobe zu „Schattenkind (Yngvar-Stubø-Reihe 5)“
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Der Junge lag auf dem Schoß der Mutter und schien zu schlafen. Er war zu groß für sie, ein Brocken von einem Achtjährigen, quer über den mageren Oberschenkeln der Mutter, die ihre Arme um seinen Leib und unter den blonden Kopf gelegt hatte, um ihn zu stützen.
„Nicht“, sagte die Mutter fast unhörbar. „Nicht. Nicht. Nicht.“
Das linke Auge des Jungen war geschwollen und von geronnenem Blut bedeckt.
„Nicht“, sagte die Mutter noch einmal.
Langsam hob sie das Gesicht zur Decke und holte Atem.
„Nicht!“
Der Schrei füllte den Raum so plötzlich, dass der Vater einen [...]
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Der Junge lag auf dem Schoß der Mutter und schien zu schlafen. Er war zu groß für sie, ein Brocken von einem Achtjährigen, quer über den mageren Oberschenkeln der Mutter, die ihre Arme um seinen Leib und unter den blonden Kopf gelegt hatte, um ihn zu stützen.
„Nicht“, sagte die Mutter fast unhörbar. „Nicht. Nicht. Nicht.“
Das linke Auge des Jungen war geschwollen und von geronnenem Blut bedeckt.
„Nicht“, sagte die Mutter noch einmal.
Langsam hob sie das Gesicht zur Decke und holte Atem.
„Nicht!“
Der Schrei füllte den Raum so plötzlich, dass der Vater einen Schritt zurücktrat. Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf, eine dramatische Geste, noch gesteigert dadurch, dass er sich zur Wand umdrehte und rhythmisch mit dem Kopf gegen die helle Tapete schlug.
„Ich hätte besser aufpassen müssen“, stöhnte er.
Tock. Tock.
„Es ist meine Schuld. Alles ist meine Schuld. Aufpassen. Immer aufpassen.“
Tock. Tock. Tock.
„Nicht“, schrie die Mutter noch einmal.
Der Mann drehte sich zu ihr um.
Speichel tropfte von seinen Lippen. Blut strömte aus dem einen Nasenloch, aber das schien er nicht zu bemerken. Er ließ die Arme sinken. Er schien in dem hellgrauen Sommeranzug zu schrumpfen, er schien zu welken, wie er da stand und das Blut auf seinen roten Schlips laufen und von ihm aufsaugen ließ.
Die Mutter senkte den Kopf über das zerschundene Gesicht ihres Sohnes und versuchte, seinen linken Arm an seinen Körper zu ziehen. Das ging nicht. Der Arm war gebrochen, am Ellbogen.
Ein Turnschuh lag auf dem Boden.
Der andere hing noch immer am Fuß des Jungen, wippte über den Zehen. Der Schuh war blau und schmutzig und konnte jeden Moment herunterfallen.
Größe 37 oder so, dachte Inger Johanne Vik.
Acht Jahre alt und große Füße. Ferse und Spitze der Socke waren verschlissen.
„Nicht“, murmelte die Mutter wieder und wieder.
„Was ist passiert?“, hätte Inger Johanne gern gefragt, als sie in der Türöffnung stand und zu begreifen versuchte, was sie vor sich sah.
Ihre Stimme versagte.
Sie spürte ein schwaches Vibrieren unter ihren Füßen. Einen Stoß, wie durch ein fernes Erdbeben. Nur für einen Augenblick, dann war es wieder ruhig.
Nicht einmal die Mutter war mehr zu hören.
„Was ist passiert?“, konnte Inger Johanne endlich hervorbringen.
„Ich habe nicht aufgepasst“, sagte der Vater und hob eine schlaffe Hand zur Trittleiter, die mitten in dem großen Wohnzimmer stand.
„Du hast nicht aufgepasst“, wiederholte die Mutter mechanisch in die blutdurchtränkten Haare des Jungen.
„Seid ihr sicher, dass er ...“
Inger Johanne versuchte, einen Schritt auf das Sofa zu zu machen.
„Nicht anfassen“, schrie die Mutter verzweifelt. „Fass mein Kind nicht an!“
„Dann glaube ich ...“, begann Inger Johanne.
Sie hatte hier nichts zu glauben. Nichts zu glauben. Nur zu sehen: die Trittleiter unter der leeren Decke. Keine Lampe dort oben. Kein Haken. Nichts, was zurechtgerückt oder repariert werden müsste, eine hohe Trittleiter, die völlig fehl am Platze war in einem großen und aufgeräumten, eleganten Wohnzimmer, wo auf der anderen Seite der Esstisch festlich gedeckt war. Überall Blumen. Wiesenblumen und Gartenrosen in identischen Glasvasen und kleine feste Gestecke zwischen den Gedecken auf dem Tisch. Hinter der Fensterwand hing die Wolkendecke tief und einförmig. Von unten, mitten aus der Innenstadt, konnte Inger Johanne dennoch eine Rauchsäule aufsteigen sehen, dunkleres Grau vor dem dahinter liegenden Fjord.
Ein festlich geschmücktes Wohnzimmer.
Eine blaue Taschenlampe, wie sie jetzt sah, neben dem einen Bein der Trittleiter, eine dunkelblaue große Taschenlampe mit einem Bild von Lightning McQueen. Ein Bund alter Farbstifte, verschlissene und verschmutzte Wachsmalkreide auf einem Stapel.
Ein toter Junge.
Die Taschenlampe brannte.
Ohne so ganz zu wissen, warum, warf Inger Johanne einen verstohlenen Blick auf die Uhr. Die zeigte 15.28 Uhr, es war Freitag, der 22. Juli 2011.
„Ich muss die Polizei anrufen“, sagte sie leise.
„Die Polizei“, flüsterte die Frau heiser. „Was kann die Polizei denn für meinen Jungen tun?“
„Nur der Ordnung halber“, murmelte Inger Johanne hilflos. „Ich halte es für das Beste.“
Durch die offene Balkontür hörten sie in der Ferne Sirenen.
Viele Sirenen. Sie waren überall, wie es schien.
Es war ihr vierter Versuch. Inger Johanne konnte nicht begreifen, warum der Notruf an einem friedlichen Freitagnachmittag mitten in der Ferienzeit so unterbesetzt war.
„Notruf der Polizei. Worum geht es?“
Endlich.
„Hallo. Inger Johanne Vik ist mein Name.“
Ein kurzes Zögern.
„Worum geht es?“, fragte die Frau am anderen Ende der Leitung leicht gereizt.
„Ein Todesfall. Ein achtjähriger Junge, der ...“
„Im Regierungsviertel? Wo?“ Die Frau am anderen Ende der Leitung wirkte gehetzt. „Sehen Sie Rettungsmannschaften in Ihrer Nähe?“, rief sie.
„Nein. Im Regierungsviertel? Ich bin in Grefsen. Bei jemandem ... ich bin bei Freunden, die ...“
„In Grefsen?“
„Ja.“
„Wo?“
„Sie wohnen im Glads vei.“
„Professor Dahls vei?“
„Nein, der liegt doch gar nicht in Grefsen.“
Inger Johanne war zum Telefonieren in die große Diele gegangen. Jetzt bereute sie das. Die Eltern dürften mit dem Kind nicht allein sein. Dürften überhaupt nicht allein sein. Langsam, als ob sie etwas Verbotenes täte, schlich sie die Treppe zum Wohnzimmer hoch und senkte die Stimme.
„Ich bin im Glads vei. G-L-A-D. Ein Kind ist ... hier ist ein totes Kind. Ein Unfall, wie es aussieht, aber ...“
Die Verbindung riss ab.
„Hallo?“, fragte Inger Johanne.
Keine Antwort.
An den folgenden Tagen fragte Inger Johanne sich immer wieder, wie sie es dort überhaupt ausgehalten hatte. Mehrere Male hatte sie das Ehepaar mit dem Kind im Wohnzimmer allein lassen müssen. Die Übelkeit, die sie plötzlich überkommen hatte, hatte sie immer wieder ins Gästebad getrieben, das von der Diele abging. Beim ersten Mal hatte sie zwei Finger dahin stecken müssen, wo die Zunge rau und hart ist. Danach kamen bittere Galle und die Reste eines eiligen Mittagessens hoch, wenn sie sich über die Kloschüssel beugte. Den bitteren Nachgeschmack konnte sie unmöglich hinunterspülen, und im Bad duftete es nicht mehr nach Jasmin.
Der Mann und die Frau, die soeben ihr einziges Kind verloren hatten, saßen nebeneinander auf dem Sofa. Der Junge lag noch immer auf dem Schoß der Frau. Der Vater durfte seiner Frau den Arm um die Schulter legen, aber jedes Mal, wenn er die freie Hand hob, um den Jungen zu berühren, schrie die Mutter wieder: „Nicht!“
Auf Inger Johanne achteten sie überhaupt nicht. Sie sprachen nicht mit ihr und beantworteten ihre Fragen nicht mehr. Als sie vom ersten Besuch auf der Toilette zurückkam, hatte der Mann aufgeräumt. Die Trittleiter war verschwunden. Das Blut auf dem Boden war weggewischt. Die Taschenlampe mit dem Bild von Lightning McQueen war nirgendwo zu sehen. Die Farbstifte auch nicht. Inger Johanne hätte weinen mögen, als sie die beiden noch einmal und diesmal eindringlicher daran erinnerte, dass alles unberührt bleiben müsse, bis die Polizei eintraf. Der Mann gab keine Antwort. Sah sie nicht an. Saß nur steif neben seiner Frau und starrte auf den Jungen.
Es war ohnehin zu spät.
Das Wohnzimmer war ordentlich und sauber, als ob es in wenigen Stunden fröhliche Gäste empfangen würde.
Wenn da nur nicht das tote Kind gewesen wäre.
„Nicht“, murmelte die Mutter fast unhörbar.
Es war zehn nach vier, und Inger Johanne hatte bei der Polizei noch immer niemanden erreicht.
„Yngvar“, murmelte sie und wählte seine Nummer.
Nach sechs Klingeltönen wurde sie auf die Mailbox umgeleitet.
„Ruf an“, flüsterte sie. „Du musst mich anrufen. Sofort. Sofort!“
Sie gab sich alle Mühe, sich an ihre Festnetznummer zu erinnern. Der Festanschluss wurde kaum noch benutzt. Endlich fanden ihre Finger die richtigen Ziffern.
Nach zehn vergeblichen Klingeltönen legte sie auf.
Plötzlich schrillte das iPhone im Regal über dem Kamin. Die beiden auf dem Sofa zeigten keinerlei Reaktion.
„Ist das deins?“, fragte Inger Johanne und versuchte, den Blick der Frau einzufangen.
„Nicht“, murmelte die Mutter in die Haare des Jungen.
„Ellen“, sagte Inger Johanne, „kann ich da rangehen?“
Ohne die Antwort, die ja doch nie kommen würde, abzuwarten, griff sie nach dem iPhone und berührte das Display mit dem Daumen.
„Hallo?“
„Hallo, Ellen.“
Eine Frauenstimme redete atemlos drauflos.
„Hier ist Marianne. Ich wollte nur fragen, ob es nicht besser wäre, das Fest abzusagen, jetzt, wo ...“
„Hier ist nicht Ellen. Hier ist Inger Johanne.“
„Inger Johanne? Hab ich die falsche ... ich dachte, wir sollten um sieben kommen.“
„Ja, schon. Ich bin hier, um ... ich wollte ein bisschen helfen, und dann ...“
„Aber jetzt, wo diese schreckliche Sache passiert ist, dachte ich ...“
Inger Johanne drückte sich Daumen und Zeigefinger auf die Nasenwurzel.
„Ja“, sagte sie leise und kehrte den beiden auf dem Sofa den Rücken zu. „Es ist entsetzlich. Aber woher in aller Welt weißt du schon ...“
„Meine Schwester ist mit einem Muslim verheiratet“, sagte Marianne am anderen Ende der Leitung. „Zwei Kinder. Zwei dunkle Kinder! Wie soll es in diesem Land jetzt weitergehen?“
Ihre Stimme versagte.
„Muslim“, wiederholte Inger Johanne verwirrt. „Ich verstehe nicht so ganz, was ...“
Marianne schluckte hörbar, dann räusperte sie sich und sagte laut: „Ich kann jetzt jedenfalls nicht kommen. Das Beste wäre, die ganze Sache abzusagen. Kannst du das Ellen einfach ausrichten? Die anderen sind sicher auch nicht in der Stimmung, um in Erinnerungen an die Schulzeit zu schwelgen, jetzt, wo so etwas in Norwegen passiert. In Oslo.“
„Natürlich wird das Essen ausfallen, aber was ...“
„In unserer Stadt, Inger Johanne, in unserer Stadt!“
„Marianne ...“
„Hast du die Bilder gesehen? Im Fernsehen? Das müssen doch viele Hundert Tote sein. Und meine Schwester ist ja ...“
„Marianne“, sagte Inger Johanne, jetzt mit schärferer Stimme. „Worüber redest du eigentlich? Was zeigen sie im Fernsehen? Was ist passiert?“
„Weißt du das nicht?“
„Nein.“
„Weißt du nicht, dass jemand die halbe Innenstadt in die Luft gesprengt hat? Eine Riesenbombe, Inger Johanne! Terroristen, heißt es, muslimische Terroristen, und was jetzt ...“
Inger Johanne hörte nicht mehr zu. Sie hörte nichts mehr.
Sie stand mit dem Rücken zum Kamin und schaute zum Sofa hinüber. Dann ließ sie den Blick zum Fenster wandern. Hinter den regennassen Rosensträuchern im Garten und den heruntergekommenen Stadtvierteln, die Grefsen vom Zentrum trennten, vor dem grauschweren Fjord, ganz weit unten, ein wenig östlich vom gedrungenen Rathausturm, war die Rauchsäule etwas größer geworden.
„Du weißt doch, wer heute Abend kommen wollte“, sagte Inger Johanne langsam.
„Ja, ich habe die Gästeliste zusammengestellt. Alle Mädchen aus der 3b, außer ...“
„Ruf sie an. Sag ab.“
„Kann Ellen nicht ...“
„Bitte.“
„Aber meine Schwester ...“
„Ruf an, Marianne. Sag ab. Bitte. Kann ich mich darauf verlassen?“
Es knackte in der Leitung, und Inger Johanne sagte noch einmal: „Bitte, Marianne.“
„Na gut. Von mir aus.“
„Du hast nicht aufgepasst“, weinte Ellen auf der anderen Seite des Wohnzimmers.
Die Verbindung wurde unterbrochen.
„Ellen“, sagte Inger Johanne, so ruhig sie konnte, und ging einige Schritte auf das makabre Bild auf dem Sofa zu. „Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, wenn ...“
Sie wurde vom Knall einer zuschlagenden Tür unterbrochen und fuhr zusammen. Dem Klirren, mit dem ihr eigenes Telefon auf den Boden aufschlug, folgten schnelle Schritte aus der Diele und eine summende Stimme, die sich dem Wohnzimmer näherte.
„Hallo“, sagte ein Mann fröhlich und breitete die Arme aus. „Bist du so weit, Jon? Eure Klingel funktioniert nicht, nur damit ihr das wisst.“
Der Mann konnte höchstens dreißig sein. Er fuhr sich mit der Hand durch die dichten halblangen Haare, die stärker sommerlich gebleicht waren, als nach den letzten Wochen zu erwarten gewesen wäre. Das eng sitzende eisblaue T-Shirt betonte die sonnenbraune Farbe der Haut. Noch immer lächelte er strahlend und musterte Inger Johanne mit rasch abnehmendem Interesse, dann machte er zwei Schritte auf das Sofa zu.
„Hallo, Tarzan“, sagte er grinsend zu dem Jungen. „Sollen wir ...“
Er unterbrach sich. „Was zum Teufel ...“
„Nicht“, murmelte Ellen.
„Was zum Teufel“, sagte der Mann atemlos. „Jon! Jon, verdammt, was ist denn mit Sander los?“
„Sander ist tot“, sagte Inger Johanne. „Ich versuche schon die ganze Zeit, die Polizei anzurufen, aber die ...“
„Tot? Was soll das heißen ... reden Sie keinen Scheiß! Jon! Jetzt sag doch was! Was ist los mit euch? Was ist los mit ...“
„Nicht“, flüsterte Ellen.
„Ich habe nicht aufgepasst“, wiederholte Jon mit monotoner Stimme.
„Die Polizei“, sagte Inger Johanne und hob ihr zerbrochenes Telefon auf. „Wir müssen die Polizei informieren, aber die sind offenbar beschäftigt mit dieser ... Explosion in der Innenstadt.“
„Explosion?“, wiederholte der Mann. „Welche Explosion? Was ist mit Sander passiert und was ...“
Er machte einen Schritt zum Sofa hin, überlegte sich die Sache aber anders und blieb stehen.
Inger Johanne holte tief Luft.
„Wir müssen die Polizei informieren“, sagte sie noch einmal. »Aber es gab in der Innenstadt offenbar ein ... einen größeren Zwischenfall, und damit sind sie beschäftigt. Ich schlage vor, Sie ...«
Sie starrte den jungen Mann an.
„Joachim“, sagte der heiser. „Ich heiße Joachim. Jon, Sander und ich wollten doch ... Ich meine, Ellen hatte doch Gäste eingeladen, und wir ...“
Er kam nicht weiter. Inger Johanne konnte sehen, dass sich seine blauen Augen mit Tränen füllten und dass er seinen Blick nicht von dem toten Jungen abwenden konnte.
„Du bleibst hier“, sagte sie. »Nichts anfassen. Vor allem ... Sander nicht anrühren. Ich gehe nach unten in die Küche und rufe alle bei der Polizei an, die mir einfallen. Ich nehm dein Telefon, Ellen.«
Die Mutter des Jungen gab keine Antwort.
„Hierbleiben!“, sagte Inger Johanne mit scharfer Stimme zu allen zusammen, als hätte sie es mit einer Schar ungehorsamer Hunde zu tun. „Hierbleiben und nichts anfassen.“
Mit ihrem zerbrochenen Telefon in der einen Hand und Ellens iPhone in der anderen ging sie zur Tür. Ein schwacher Duft nach Rasierwasser streifte ihre Nase, als sie an Joachim vorbeikam. Es roch teuer, und über seine Schultern hatte er einen Pullover aus feinem Kaschmir gelegt.
Sie war seit fünfundfünfzig Minuten hier.
Und in der Ferne heulten die Sirenen ununterbrochen.
„Clever konstruiert, extrem fesselnd und mit undurchsichtigen, aber auch sympathischen Figuren.“
„Wer die Leidenschaft der Norweger für Krimis nachempfinden möchte, kommt an Anne Holt nicht vorbei.“
„Anne Holt beschreibt präzise und einfühlsam das Problem alltäglicher Gewalt in der Familie.“
„Der Krimi von Anne Holt ist ausgesprochen spannend und er endet in einem überraschenden und dramatischen Ende. Was ihn über viele Krimis stellt, ist die Fähigkeitt der Autorin, Vorurteile nicht zu zementieren.“
„Ein feinfühliger, psychologisch tief ausgeloteter, spannender Krimi aus Norwegen. Er berührt und schockiert und geht tief unter die Gänsehaut!“
„Dieser Krimi ist wieder ein hoch spannender Fall, der den Leser von der ersten Zeile an fesselt. Sprachlich brillant geschrieben und packend bis zum letzten, in doppeltem Sinne überraschenden Ende, kann man das Buch nicht aus der Hand legen.“
„›Schattenkind‹ wirkt stark. Indem es zeigt, dass Terror in der Familie und der Gesellschaft zwei Seiten einer Medaille sind. Indem es Licht auf den immer sinnlosen Tod von Kindern wirft.“
„In bester Krimi-Manier spannend erzählt, ist dieser Roman vor allem bestürzend, denn es steckt allerhand Wahres zwischen den Zeilen.“
„Starke Wortmeldung über die Dramen, bei denen man gerne wegschaut.“
„Sehr lesenswert.“
„Spannende Einblicke in das norwegische Leben, das in seiner Unaufgeregtheit tief durch das Attentat auf der Insel Utoya erschüttert wird.“
„Der Text bewegt sich nicht nur im Krimigenre, sondern stellt ein gesellschaftliches Problem in den Mittelpunkt.“
„Für mich ist ›Schattenkind‹ ein erstklassiger nordischer Krimi, der das Kunststück schafft, eine nationale Tragödie zum Hintergrund zu machen, ohne ihr die Tragweite und Relevanz zu nehmen.“
„Eine packende, eine berührende Lektüre.“
„Diesen Krimi sollte man nicht versäumen.“
„Voller Sensibilität nähert sich Anne Holt einem heiklen Thema und wartet mit einem Ende auf, das einem noch lange den Atem raubt.“
„Anne Holt erzählt in kühlen, kurzen, klaren Sätzen unaufgeregt, fast sachlich ohne Schnörkel oder weitschweifige Beschreibungen und überlässt es dem Leser, sich die emotionale Bedeutung ihrer Aussagen im Nachhinein selbst zu vergegenwärtigen.“
„Anne Holt beschreibt sehr präzise, wie sich im Schatten eines großen Verbrechens, einer nationalen Katastrophe der Tod eines einzelnen Kindes zum ungeahnten Verhängnis entwickelt.“
„Ein kluger, umsichtiger und nachdenklich stimmender Krimi.“
„Der Roman zeigt, dass Terror in der Familie und der Gesellschaft zwei Schichten einer Medaille sind; indem er Licht auf den immer sinnlosen Tod von Kindern wirft.“
„Beklemmend und packend zugleich. Brillant. (...) Für mich derzeit die Beste aus Skandinavien.“
„Anne Holt verbindet sensibel nationales Trauma und private Tragödie.“
„Mit ›Schattenkind‹ wagt es die norwegische Autorin Anne Holt, einen Krimi während der Terroranschläge in Oslo und Utoya spielen zu lassen. Sensibel stellt sie ein grausames Verbrechen in den Schatten eines anderen.“
„Holt erzählt mit viel Empathie und kriminalistischer Meisterschaft von psychologischen Problemen, familiären Konflikten und präziser, hartnäckiger Ermittlungsarbeit, die das Verborgene enttarnt und das Undenkbare offensichtlich werden lässt.“
„Holt schreibt ihr bisher schwierigstes Buch über Kindesmisshandlung. (...) Einfühlsam und beeindruckend gewaltlos beschreibt Holt die Psychologie dieser Familie, die Masken und eingespielten Schutzmechanismen, kleine Zeichen für Missbrauch, die erst auffallen, als alles zu spät ist.“
„Der erste norwegische Thriller, der explizit auf die Terroranschläge von 2011 eingeht. Das wirkt reißerisch, aber ›Schattenkind‹ ist mit der gleichen kühlen Routine geschrieben, mit der skandinavische Autoren und Autorinnen seit Sjöwall und Wahlöö beharrlich zu zeigen versuchen, dass hinter den Kiefernholzkulissen des Sozialstaats Abgründe lauern.“
„›Schattenkind‹ ist ein beklemmendes, ungeheuer spannendes Buch, das dorthin zielt, wo wir uns eigentlich so sicher fühlen: mitten hinein in den Kreis der Familie.“
„Komplex und voller Überraschungen.“
„›Schattenkind‹ ist nicht nur ein beklemmendes Psychogramm, sondern auch Anne Holts bisher bewegendster Roman.“
„Ein spannendes Leseerlebnis.“
„Anne Holt beschreibt packend den emotionalen Ausnahmezustand einer ganzen Stadt.“
„Im Zentrum aller Geschehnisse stehen die Ursachen und Folgen von Gewalt. Welche Schatten wirft Gewalt auf die Menschen und insbesondere auf die Kinder, die ihr auf familiärer oder gesamtgesellschaftlicher Ebene ausgesetzt sind?“
„Sensibel verknüpft Anne Holt das private Schicksal und den öffentlichen Massenmord, der Norwegen für immer verändert“
„Im Schatten eines nationalen Traumas geschieht ein scheinbar alltäglicher Mord, von Anne Holt mit großem Einfühlungsvermögen und kriminalistischer Meisterschaft erzählt.“
„Im Schatten eines nationalen Traumas geschieht ein scheinbar alltäglicher Mord, von dem Anne Holt mit großem Einfühlungsvermögen und kriminalistischer Meisterschaft erzählt.“
Inhalt: „Du hast nicht aufgepasst“ – „Ich habe nicht aufgepasst“ Ellen und Jon Mohr sitzen am 21. Juli 2011 in ihrem Wohnzimmer und sind fassungslos. Ellen hält ihren acht jährigen Sohn in den Armen. Er ist tot. Inger Johanne Vik ist Kriminalpsychologin und eine alte Bekannte von Ellen. Sie wollte Ellen bei den Vorbereitungen der Feier, welche an dem Tag stattfinden sollte, behilflich sein und platze in diese Situation hinein. An diesem Tag gab es auch zwei Terroranschläge in Oslo, sodass die Polizei hoffnungslos überfordert war. Ein Neuling wurde für die Bearbeitung des Kindstodes abgestellt. Henrik Holme und Inger Johanne Vik sind beide skeptisch. War der kleine Sander wirklich von der Leiter gestürzt? Und so machen sie sich beide getrennt auf um Erklärungen zu finden. Aber ihre Wege führten schließlich zusammen. Und was sie herausgefunden haben lässt beide glauben, dass es kein Unfall war. Wertung: Anne Holt ist einer der erfolgreichsten skandinavischen Autorinnen. Ihre Bücher werden in alle großen Sprachen übersetzt. Auch mit diesem Buch hat sie wieder einen weltweiten Erfolg erlangt. Anne Holt schreibt spannend, sodass die Luft knistert. Der Spannungsbogen ist perfekt ausbalanciert und verspricht dem Leser unterhaltsame Lesestunden. Ihr Schreibstil ist einfach und verständlich. Sie verblümt nichts und benutzt keine schwierigen Wörter. Der Leser fliegt regelrecht durch die Seiten. Allerdings ist ab und an ihre sprachliche Veranschaulichung ein wenig verwirrend. „...glühend heißer Kaffee...“ - brühend heiß ? „...kreideweiße Wände (bzw. Hemden)“ - blendend weiß, schneeweiß? In „Schattenkind“ nimmt sie sich dem schwierigen Thema, der Kindesmisshandlung, an und verdeutlicht sehr gut die Blindheit der Familie und Umstehende. Auch Ärzte und Lehrer verschließen oft die Augen. Aufmerksame Menschen werden meist als ein wenig überdreht und unruhestiftend dargestellt. So kommt es, dass die Dunkelziffer für häusliche Gewalt und Kindesmisshandlung sehr weit höher liegt als die veröffentlichten Zahlen. Der Name der Protagonistin, Inger Johanne Vik, hat meinen Lesefluss etwas gehemmt. Ich hätte mir einen kürzeren Namen oder einen Spitznamen (oder ähnliches) gewünscht. Auch finde ich das Ende doch ein wenig zu überdreht. Dramatik ist gut, aber nicht in Überhauf. Fazit: Das war mein erstes Buch von Anne Holt und ich freue mich darauf, weitere Werke dieser Autorin lesen zu dürfen. Dieses Buch ist mit Sicherheit etwas für jeden, der Skandinavien und Krimis und/ oder beides liebt. Obwohl die Landschaft selbst nur wenig aufgezeigt wird. Es geht ja auch hauptsächlich um das dramatische Schicksal des kleinen Jungen.
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