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SchattenkaiserSchattenkaiserSchattenkaiser

Schattenkaiser

Roman

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Schattenkaiser — Inhalt

Jahrhundertelang ist das Imperium der Menschen gewachsen, und seine mächtigen Kaiser haben mit ihren Truppen alle umliegenden Länder unter Kontrolle gebracht. Doch an den Grenzen brodelt es und immer häufiger kommt es zu Überfällen. Bei einem blutigen Angriff auf ihr Dorf kommt die junge Ariadne nur knapp mit dem Leben davon, als sie überraschend Hilfe von dem geheimnisvollen Wanderer Dariush erhält. Aber ihre Verfolger lassen sich nicht abschütteln, und Dariush beginnt zu ahnen, dass Ariadne das eigentliche Ziel des Überfalls war. Währenddessen wird Valeria, die Oberbefehlshaberin des imperialen Heeres, in die Hauptstadt beordert. Der neue, junge Imperator will Valeria in die weit von den Grenzen entfernte, abtrünnige Provinz Heliopolis entsenden. Allerdings ahnt niemand, dass dies ein fataler Fehler ist, der das Schicksal der Menschen zu besiegeln droht ...

Erschienen am 04.10.2016
416 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70371-0
Erschienen am 01.02.2018
416 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28087-7
Erschienen am 04.10.2016
416 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97553-7

Leseprobe zu »Schattenkaiser«

Prolog

 

Die mächtigen Säulen ragten weit hinauf und verschwanden in der Dunkelheit der gewaltigen Halle. Irgendwo dort oben zwischen den Schatten stützten sie die Decke, denn obwohl es unfassbar erschien, war dies keine Kaverne im Felsen, sondern ein Bauwerk von Menschenhand, eingezwängt zwischen die Wände einer Schlucht zwar, aber dennoch ein Wunder, geschaffen von Sterblichen. Die wenigen Feuerschalen reichten bei Weitem nicht aus, um die Finsternis zu vertreiben. Kein Fenster zierte die Wände, auf denen mystische Symbole jede Handbreit bedeckten. [...]

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Prolog

 

Die mächtigen Säulen ragten weit hinauf und verschwanden in der Dunkelheit der gewaltigen Halle. Irgendwo dort oben zwischen den Schatten stützten sie die Decke, denn obwohl es unfassbar erschien, war dies keine Kaverne im Felsen, sondern ein Bauwerk von Menschenhand, eingezwängt zwischen die Wände einer Schlucht zwar, aber dennoch ein Wunder, geschaffen von Sterblichen. Die wenigen Feuerschalen reichten bei Weitem nicht aus, um die Finsternis zu vertreiben. Kein Fenster zierte die Wände, auf denen mystische Symbole jede Handbreit bedeckten. Selbst die Säulen waren mit jenen Bildern übersät, die den Schutz der Geister gewähren sollten.

Die Augen des einzigen Bewohners der Halle hatten keine Mühe, die Dunkelheit zu durchdringen. Für ihn war sie wie dünner Nebel. Selbst nach all der Zeit konnte ihm die Ironie der Symbole noch ein Lächeln entlocken. Doch jetzt fesselte etwas anderes seine Aufmerksamkeit.

Für einen Moment ignorierte er den nagenden Hunger in seinen Eingeweiden und konzentrierte sich auf die Geräusche vom fernen Ende der Halle. Mit einem vertrauten Knirschen öffnete sich das einzige Portal, und einige Personen betraten vorsichtig sein Reich – wenn man es so nennen wollte.

Erst als sie ihn im Schein der Feuer vor dem Felsen kauern sahen, entspannten sie sich ein wenig und näherten sich ihm. Seine Augen wurden schmal, als er Kervan erkannte, ihren weisen Mann. Wenn der Alte persönlich zu einer Audienz kam, musste es wichtig sein.

Hinter dem Weißhaarigen schleiften ein Mann und eine Frau eine vierte, offenbar bewusstlose Gestalt zwischen sich mit. Angeekelt wandte er die Augen ab. Es würde niemals aufhören. Verzweiflung machte sich in ihm breit. Als sie die Markierungen erreichten, hielt die kleine Gruppe inne und fiel vor ihm auf die Knie. Für einen Augenblick war ihm der Witz der Situation bewusst, denn ihr König kniete vor ihnen und sie vor ihm.

Die Bilder, die in ihre Haut gestochen waren, spiegelten jene Muster in der großen Halle. Keiner wagte es, ihn direkt anzusehen, und er wusste, wie er aussah: nackt und bleich, mit verfilzten schwarzen Haaren, die ihm ins Gesicht fielen und zwischen denen seine unmenschlichen Augen im Feuerschein funkelten. Sie alle kannten die Legenden, sie alle fürchteten ihn mehr als den Tod. Dennoch kehrten sie immer wieder zu ihm zurück, flehten ihn ob seiner Weisheit an, brachten ihm ihre Opfer dar, die er so hasste.

Endlich hob Kervan an zu sprechen.

»Herr. Wir bringen Kunde aus dem Osten.«

Das überraschte den Kauernden, und er hob fragend den Kopf, auch wenn der Alte es nicht sehen konnte. Trotzdem fuhr er fort.

»Reiter kamen. Sie brachten Geschenke. Sie baten uns, für sie zu kämpfen, und unser Lohn sollten Waffen sein, Waffen und Beute. Sie erzählten uns von den reichen Landen jenseits der Berge, die nur darauf warten, dass wir uns ihren Wohlstand nehmen.«

»Reiter? Beschreibe sie!«, sagte der Mann mit einer Stimme, die vom langen Schweigen rau geworden war.

»Sie trugen Rüstungen aus Metall und hatten lange Schwerter.«

Interessiert lehnte sich der König weiter vor. Keine Barbaren aus den hohen Tälern also, keine Wilden aus den Lücken zwischen der Zivilisation.

»Führten sie ein Kriegszeichen? Ein Banner?«

»Auf ihren Gewändern war ein gehörnter Schädel, Herr«, erwiderte Kervan, ohne ihn anzusehen.

Für einen langen Moment herrschte Stille in der Halle. Der Alte konnte die Tragweite seiner Beobachtungen nicht verstehen, wusste nicht, was das Symbol bedeutete. Kein Schädel, eine Maske.

»Dann ist es so weit. Lasst mich allein«, befahl der Mann.

Den Blick immer noch fest auf den Boden gerichtet, erhob sich das Trio. Doch bevor sie sich wieder entfernten, gaben die zwei Begleiter des weisen Mannes dem Bewusstlosen einen Stoß, sodass dessen Arm über die für Fremde unsichtbare Grenze fiel. Sie selbst waren sorgsam darauf bedacht, Abstand zu halten.

Ein Zittern lief durch den Körper des Königs, doch er würde stark sein, er würde warten, wenigstens bis die anderen die Halle verlassen hatten. Er wusste nicht, wie lange das letzte Mal her gewesen sein mochte, eine Woche, vielleicht zwei. Einerlei, was er tat, sie kehrten immer wieder zurück, egal, ob er sie anschrie, beschimpfte, sie anflehte, sie bedrohte. Und immer wieder wurde er schwach, immer wieder unterlag er dem Fluch, und auch jetzt konnte er den Hunger spüren, der gegen seine Entschlossenheit anbrandete, furchtbarer als jedes menschliche Verlangen, stärker als jedes andere Gefühl.

Vor seinen Augen lag die bewegungslose Gestalt, er konnte jeden Muskel sehen, sah das sanfte Heben und Senken der Brust, hörte den leisen Atem, das Rauschen des Blutes in den Adern. Doch er sah noch mehr. Die Lebenskraft, den Geist, schwach und verborgen, ohne Bewusstsein. Sterbliche mochten daran glauben; der König konnte den Geist im Fleisch sehen.

Noch bevor das kleine Grüppchen beim Portal angelangt war, brach seine Standfestigkeit in sich zusammen, und er warf sich nach vorn, zu seiner Beute, seiner Nahrung. Die gewaltigen Ketten klirrten in den Metallfassungen im Felsen hinter ihm und hielten ihn unnachgiebig fest, als er sein Opfer beinahe erreicht hatte. Der Hunger in ihm brüllte auf, und die unmenschlichen Laute hallten zwischen den Säulen umher.

Aber trotz der Ketten an seinen Handgelenken gelang es ihm, den Menschen zu packen, nur diesen Arm, der nah genug war, ihn zu sich heranzuziehen. Er schlug die Zähne in das warme Fleisch. Aus der Wunde kam Blut, warmes, lebendiges, köstliches Blut, das er gierig trank. Später würde die Scham kommen, der Ekel, die Verzweiflung, doch jetzt gab es nur die süße Labsal, die als Einzige seinen endlosen Hunger stillen konnte.

Jetzt verzehrte er den Geist des Mannes, um den seinen zu stärken.

 

 

 

Dariush

 

Es war ein angenehmer Spätsommertag, mit seiner Wärme einem Tag in der Heimat des erschöpften Wanderers durchaus nicht unähnlich. Wäre er dortgeblieben, dann würde er sich jetzt um die Mittagszeit der stärksten Hitze entziehen. So aber schlich er durch den kleinen Wald, dem jede Ähnlichkeit mit der weiten, ihm vertrauten Savannenlandschaft fehlte. Er warf einen prüfenden Blick auf die Bergkette, die sich in einiger Entfernung vor ihm erhob, und schätzte die dunklen Wolken ein, die sich an den Flanken der Höhenzüge zusammenballten. Früher oder später würde es ein Gewitter geben, und er sehnte sich bereits jetzt nach dem Regen.

Im Schatten der Bäume des kleinen Laubwäldchens war es etwas kühler als in der Sonne, die auf die Ebene herabbrannte. Nur das Zwitschern der Vögel und das Summen der vielfältigen Insekten durchbrach die Stille des Waldes, und der Mann aus dem Norden hätte den Moment genießen können; ein Teil Erinnerung an seine Heimat, ein Teil Erwartung des Regens. Doch die furchtbaren Schreie zerstörten den Augenblick, sowohl die langen, klagenden Rufe, als auch das raue Gelächter und die Kommandos, die der Wind zu ihm herübertrug. Zeit zu verschwinden. Wie man es ihn vor langer Zeit gelehrt hatte, bewegte sich Dariush von Schatten zu Schatten, während er sich dem Rand des Waldes näherte.

Zwischen den letzten Bäumen hindurch konnte er genau das erkennen, was er befürchtet hatte. Das kleine Dorf, zu dem sowohl der Wald als auch die teilweise bereits abgeernteten Felder der Umgebung gehören mussten, war die Quelle des infernalischen Lärms. Zwischen den gedrungenen Fachwerkhäusern spielte sich ein Drama ab, das Dariush einen leisen Fluch entlockte. Aber es war nicht so sehr das Leid der Bauern, die dort von gerüsteten Reitern zusammengetrieben und mit brutaler Gewalt überwältigt wurden, das ihn die Situation verwünschen ließ. Eher die Sorge darum, in den Angriff verwickelt zu werden. Er wollte keine Entdeckung riskieren, und gerade jetzt hier zu sein, brachte ihn in Gefahr. Menschen starben überall, dessen war er sich mehr als bewusst, und jene, die sich nicht verteidigen konnten, wurden leicht Opfer anderer.

Seines Wissens musste dieses Dorf noch unter dem Schutz des Imperiums stehen, wenn es auch am äußersten, stets gefährdeten Rand lag, und vermutlich würden die imperialen Truppen blutige Wiedergutmachung für diesen Überfall von den Gebirgsbewohnern fordern. Doch den Dörflern, die sich für ihren Schutz auf den mächtigen Arm des Imperiums verlassen hatten, würde diese Vergeltung wenig nutzen.

Einen Herzschlag lang dachte Dariush an Flucht, aber zu viele der Felder waren nackt und leer und boten keinerlei Schutz vor den Blicken der Reiter. Zudem konnte jede Bewegung die Aufmerksamkeit der Angreifer auf sich ziehen, die auf flüchtende Dörfler oder Späher der imperialen Legionen achten würden. Er hatte bereits Glück gehabt, dass er das Dorf im Schutz des Waldes erreicht hatte. Wäre er von einer anderen Seite gekommen, hätte man ihn vermutlich längst entdeckt.

Es wäre vernünftig, ein Versteck zwischen den Bäumen zu suchen. Vielleicht würden die Angreifer den Wald später durchsuchen, vielleicht auch nicht, aber Dariush war sich recht sicher, dass er sich den Häschern im Schutz der Bäume entziehen konnte. Schnell begann er, einen Stamm zu erklimmen. Seine Bewegungen waren präzise und geschickt, und schließlich hatte er den höchsten Punkt erreicht, an dem die Zweige sein Gewicht noch tragen konnten. Dank seiner dunklen Reisekleidung war er ohnehin schwer zu entdecken, aber dennoch begann er sich zu konzentrieren.

Wie immer fiel ihm der erste Schritt leicht, und schon bald spürte er die vertraute Macht der Geister in sich eindringen, denen er mithilfe seiner Magie den Weg geebnet hatte. Er war keiner der großen Meister in dieser Kunst, aber seine bescheidenen Fähigkeiten würden ausreichen, um ihn vor neugierigen Blicken zu verbergen, denn die Geister würden ihn in Schatten hüllen, die ihn mit der Düsternis der Baumwipfel verschmelzen ließen. Sein Pakt mit den Geistern war vor langer Zeit von seinem Lehrmeister geschlossen worden, und er behielt auch außerhalb der Grenzen seiner Heimat Gültigkeit.

Von der Baumkrone aus bot sich ihm ein guter Einblick in die Mitte des Dorfs, die vorher durch die Häuser verborgen gewesen war. Nun konnte er erkennen, dass die Reiter die verängstigten Bauern am Brunnen zusammentrieben. Es schien ihm, als würden sie vornehmlich Frauen und junge Männer heraussuchen. Die zahlreichen, zwischen den Gebäuden verstreuten reglosen Körper deuteten darauf hin, dass einige Dörfler Widerstand geleistet hatten. Oder die Berittenen hatten kein Interesse an ihnen gehabt. Ein Beutezug also, um Gefangene zu machen, Sklaven, die sich in seiner nördlichen Heimat und vermutlich auch im Osten gut verkaufen ließen.

Obwohl das Imperium selbst auch Sklaverei betrieb, schützte das Bürgerrecht seine eigenen Bewohner vor diesem Los, denn jeder Offizielle hätte sie sofort an den magischen Zeichen erkannt. Jeder freie Bürger des Imperiums trug ein Abzeichen unter der Haut, das ihn als solchen auswies, und die Sklaven trugen das Zeichen ihrer Besitzer.

Seufzend richtete sich Dariush auf eine lange Wartezeit ein, denn es mochte gut sein, dass die Angreifer eine Nacht im Dorf verbringen würden, je nachdem, wie sicher sie sich vor der imperialen Armee fühlten. Doch schon wenige Atemzüge später bemerkte er eine Bewegung, die ihn ein weiteres Mal fluchen ließ. Eine kleine, gebückte Gestalt löste sich aus dem Schatten eines Stalls und lief über ein noch nicht abgeerntetes Feld zwischen Dorf und Wald.

Einen Augenblick lang schien es, als ob sie unbemerkt geblieben wäre, aber dann brach zwischen zwei Fachwerkhäusern ein Bewaffneter durch einen beschädigten Lattenzaun und setzte der Gestalt nach. Obwohl der Verfolger durch Rüstung und Schild behindert war, verringerte er die Distanz zu der flüchtenden Gestalt, die sich als junge Frau entpuppte. Ihr langes, weizenblondes Haar wehte hinter ihr her, während sie panisch versuchte, den kleinen Forst zu erreichen, von dem sie sich offenbar Schutz versprach. Doch schon zwischen den ersten Bäumen holte ihr Jäger sie ein und streckte sie mit einem harten Faustschlag zu Boden.

Gern hätte der in der Baumkrone verborgene Dariush auf dieses Schauspiel verzichtet, doch er hatte keine Wahl. Das Mädchen – vielleicht auch eine junge Frau, das war schwierig zu erkennen – versuchte, auf allen vieren davonzukriechen, aber der bärtige Krieger gab ihr einen beinahe beiläufigen Tritt, der sie herumwarf.

Entsetzt zog sie sich nach vorn, weiter von ihrem Angreifer fort, doch in dem weichen Waldboden hatten ihre Bemühungen wenig Erfolg. Mit einem bellenden Lachen steckte der Gerüstete sein kurzes Schwert weg und schob den Rundschild über die Schulter. Wie nicht anders zu erwarten, begann er, an den Bändern seiner Beinkleider zu nesteln, wobei er jedoch einen nervösen Blick in Richtung Dorf warf. Dariush in seinem Versteck war überrascht. Wollte er seine Beute nicht teilen, oder gab es einen anderen Grund, dass er bei seinem Vorhaben nicht gesehen werden wollte?

Doch der Krieger hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen, denn niemand sonst schien die kurze Verfolgung bemerkt zu haben. Im Dorf ging das blutige Geschehen unbeirrt weiter.

Wieder warf sich die blonde Frau herum, um zu fliehen, und wieder hob der jetzt nur noch halb Gerüstete die Faust, um sie daran zu hindern. Sein kantiges, wettergegerbtes Gesicht zeigte einen entschlossenen Ausdruck. Und mit einem Mal schob sich eine andere Szene vor die Augen des verborgenen Mannes, aus einer anderen Zeit, von einem weit entfernten Ort. Möglicherweise stammten die Bilder von den Geistern, denen er Zugang zu seinem Körper erlaubt hatte, um sich besser zu tarnen, oder vielleicht war es auch nur eine Regung seines Gewissens. Das schuldbewusste Nagen in seinem Hinterkopf hatte er bisher erfolgreich ignoriert.

Jedenfalls hatte er plötzlich eine vertraute Vision. Er sah eine weite Ebene vor sich, spärlich von Buschwerk bewachsen, die im vollen Mondlicht seiner Heimat leuchtete. Um sich herum hörte er das angsterfüllte Blöken der Kamele, die Schreie und das Geräusch von scharfem Metall, das auf Fleisch traf. Blutgeruch stieg ihm in die Nase, auch andere Gerüche des menschlichen Lebens und Sterbens. Er wollte die Augen schließen, wollte nicht hinsehen. Zu oft war er in seinen Albträumen schon gezwungen gewesen, die Szene zu betrachten, doch er konnte den Blick einfach nicht abwenden. Hinter einer Erhebung, etwas abseits von dem Blutbad, das die Vermummten an der Karawane anrichteten, saß eine junge Frau auf dem Boden.

Blut lief ihr aus dem dichten schwarzen Haar in die Augen, und sie blinzelte verzweifelt. Über ihr stand eine Gestalt in dunklen Roben, das Gesicht hinter einem Tuch verborgen, das nur einen schmalen Schlitz für die Augen frei ließ. Auch diese Gestalt war mit Blut befleckt, doch war es nicht ihr eigenes. Langsam hob sie ihr Schwert über den Kopf, während sich die Frau am Boden abwehrend die Hände vors Gesicht hielt. Doch keine Hand, kein Arm würde den Schlag dieser Waffe aufhalten, gnadenlos würde sie durch Fleisch, Sehnen und Knochen schneiden, bis sie sich tief in ihr Opfer grub und der kauernden Frau das Leben nahm. Wie immer verblasste die Vision genau in dem Augenblick, als die Klinge niedersauste, und gab Dariush’ Sicht wieder für das Hier und Jetzt frei.

Für einen kurzen Augenblick machte ihn die Intensität der Vision benommen, und er musste sich sammeln, um sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Dann handelte er, ohne noch länger zu überlegen. Ebenso geschickt, wie er sich den Baum hinaufgearbeitet hatte, kletterte er jetzt wieder hinunter, fast geräuschlos.

Auf einem unteren Ast angekommen, schätzte Dariush die Entfernung zu der Frau und ihrem Peiniger ab und rief erneut in einer stummen Geste die Geister um Hilfe an. Diesmal spürte er ihre Kraft in seine Glieder fließen und ließ sich einfach fallen. Es mochten gut zehn Schritt bis zum Boden sein, aber er wusste, dass er den Sturz unbeschadet überstehen würde. Noch im Sturz fuhren seine Hände an die Griffe seiner beiden kurzen Klingen. Doch bevor er den Krieger erreichte, sah das Mädchen ihn über die Schulter ihres Angreifers hinweg an. Prompt fuhr der herum. Anstatt seinem Gegner von schräg oben in den Hals zu schlagen, grub sich die linke Waffe in den mit Metall verstärkten Holzschild auf der Schulter, und die Rechte kratzte über die Rüstung am Rücken, statt den ungeschützten Nacken zu treffen. Dann schlug Dariush am Boden auf und musste sich über die Schulter abrollen.

Getragen von der Macht der Geister kam er sofort wieder in einen sicheren Stand, beide Schwerter erhoben, um die wahrscheinlichsten Angriffswege seines Widersachers abzublocken, doch der war durch die harten Schläge einige Schritte zurückgetaumelt und zog gerade erst seinen gespaltenen Schild von der Schulter. Die Dummheit des Mädchens hatte verhindert, dass er den bärtigen Krieger schnell aus dem Hinterhalt töten konnte, also würde es zum Kampf kommen. Ohne zu zögern, warf sich der Nordländer nach vorn, nicht bereit, auch nur einen Augenblick zu verschenken.

Der Gerüstete tänzelte mit den Instinkten eines geübten Kriegers nach hinten, während er seine eigene Waffe aus der Scheide zog. Dennoch war beiden bewusst, dass er einen erheblichen Nachteil hatte, denn seine Beinkleider waren bereits herabgerutscht und behinderten ihn. Dem ersten stürmischen Angriff war er noch entgangen, aber dann blitzten die beiden Klingen wieder und schlugen so schnell auf ihn ein, dass ihnen das Auge kaum zu folgen vermochte.

Erst traf eine Schneide den bereits zerschlagenen Schild und hieb ein großes Stück heraus, dann schlug die andere gegen sein Schwert und trieb ihm den Schwertarm an die Seite, nur um den Weg für die rechts geführte Waffe zu bereiten, die in einem gezielten Stoß in seinen Unterleib eindrang. Die Teile der Rüstung, die diese verwundbare Stelle hätten schützen sollen, baumelten ihm ebenfalls um die Knie.

Augenblicklich versagten die Muskeln des Gerüsteten, und er wäre zu Boden gesunken, wenn sein Gegner nicht an ihn herangetreten wäre und ihn beinahe freundschaftlich mit der Linken umarmt hätte. »Geh in Frieden«, flüsterte er, noch während die Augen des Verletzten glasig wurden.

Dann trieb er das Schwert mit einem heftigen Ruck bis zum Heft in den Körper und unter den Rippen hindurch bis zum Herzen. Dem gerüsteten Krieger entfuhr ein letzter Seufzer, dann ließ Dariush den nunmehr Toten langsam zu Boden gleiten.

Bisher hatte die tödliche Wunde wenig geblutet, aber als er seine Klinge aus den Eingeweiden des besiegten Gegners zog, schoss ein Schwall Blut hervor und lief ihm über die Hand. Für einen kurzen Augenblick genoss er das Gefühl des Siegs, das Gefühl, selbst noch am Leben zu sein. Dann jedoch lief er geduckt zum Waldrand und spähte zum Dorf hinüber.

Noch immer schien niemand das Geschehen im Wald bemerkt zu haben oder gar den fehlenden Krieger zu vermissen. Doch das würde nicht ewig so bleiben. Jetzt blieb nur noch die Flucht als einzige Alternative, so ungewiss auch die Aussicht auf Erfolg war. Schnell bewegte er sich zu dem Gefallenen zurück und fing an, seine Hand sowie seine Waffe an dessen Kleidung zu reinigen. Natürlich waren auch seine eigenen Kleider mit Blut bespritzt, und diese Flecken würden bleiben, bis er eine bessere Möglichkeit fand.

Zu seiner großen Überraschung entdeckte er, dass Rüstung und Waffen des Toten von guter Qualität waren. Sie wirkten anders als die im Imperium üblichen Waffen, und aus dem Norden stammten sie sicherlich auch nicht, also musste der gefallene Krieger sie an einem anderen Ort erhalten haben.

Die Bewohner der hohen Berge waren nicht gerade für ihre Handwerkskunst bekannt. Vielmehr stahlen oder raubten sie sich die Dinge, die sie selber nicht herstellen konnten. Vielleicht hatte dieser Mann seine Ausrüstung von den Völkern des Südens, denn von jenen wusste der Nordländer wenig, und es mochte sein, dass sie Waffen in dieser Art herstellten und führten.

Ein Geräusch lenkte seine Aufmerksamkeit von der Leiche weg, und er sah die junge Frau, die sich an einen jungen Schössling klammerte und angsterfüllt zu ihm herübersah. In ihrem blassen, schmalen Gesicht wirkten die weit aufgerissenen blauen Augen riesig.

Beinahe hätte er über der Betrachtung des Toten vergessen, warum er sich in dieser misslichen Lage befand. Natürlich war das Mädchen verängstigt, aber wenn sie die Freiheit, die sie eben gewonnen hatte, behalten wollte, dann musste sie sich beruhigen und ihm vertrauen. Denn er war sicher, dass sie den Berittenen allein niemals entkommen würde. Also steckte er seine Waffen zurück und ging einige Schritte auf sie zu, sorgsam darauf bedacht, so wenig bedrohlich wie möglich zu wirken.

Seine Bemühungen schienen nicht die gewünschte Wirkung zu haben, denn sie rollte sich zusammen und begann leise zu wimmern. Vermutlich hatte sie in ihrem Dorf furchtbare Dinge mit angesehen, und sie hatte keinen Grund, diesem blutbesudelten Fremden zu vertrauen.

Erst dann fiel ihm auf, dass immer noch Schatten um ihn spielten, sich in den Falten seines Mantels festsetzten und versuchten, mit den Schemen der Umgebung zu verschmelzen. Sobald er sich bewegte, verlor die Magie der Geister ihre Kraft, da sich die Umgebung zu schnell änderte. In dem lichten Wäldchen tanzten die Schatten nervös über seinen Körper und fanden zu wenig Dunkelheit um ihn herum, mit der sie sich vermischen konnten. Schnell entließ er seine körperlosen Begleiter, woraufhin die Schatten an ihm innerhalb weniger Herzschläge verblassten und vom Licht vertrieben wurden.

Er berührte das verängstige Mädchen an der Schulter und sagte in ihrer Sprache: »Es ist gut. Ich werde dir nichts tun. Sieh mich an, ja?«

Einen Augenblick lang musste er warten, dann wandte sie ihm ihr tränenüberströmtes Gesicht zu. Sie war tatsächlich noch sehr jung, eher Kind als Frau. Mit einem Lächeln fuhr er fort: »Er kann dir nicht mehr wehtun. Aber seine Begleiter schon. Wir müssen von hier verschwinden, und zwar schleunigst. Verstanden?«

Diesmal nickte sie, deutete dann aber in Richtung ihres Dorfs: »Meine Eltern, meine Schwester …«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Sie sind noch dort.«

Da er nicht wusste, was er antworten sollte, schüttelte der Nordländer nur den Kopf.

»Ich muss ihnen helfen!«

»Wir können ihnen nicht helfen.«

»Nein! Wir können … wir müssen …«

Ihre Stimme verlor sich in den Geräuschen des Waldes, die nach der kurzen Unterbrechung durch den Kampf wieder eingesetzt hatten. Es würde schwierig für sie werden, aber es gab keine andere Lösung. Selbst wenn er gewollt hätte, es gab nichts, was er gegen eine solche Übermacht ausrichten konnte. Zum Glück kam ihm eine Idee.

»Gibt es Legionen in der Nähe? Soldaten?«

Wieder nickte sie: »Es gibt eine Festung im Süden. Manchmal kommen Soldaten hierher.«

In den Süden wollte er ohnehin, und irgendwo musste er das Mädchen ja abliefern, wenn sie denn den Reitern entkamen.

»Dann gehen wir dorthin. Die Armee kann deinen Verwandten helfen, was wir nicht können. Je schneller wir sie erreichen, desto eher können sie die Verfolgung aufnehmen.«

Das Mädchen nickte zögerlich.

»Wie heißt du?«, wollte er wissen.

»Ariadne.«

»Das bedeutet in deiner Sprache Melodie, nicht wahr?«

Sie nickte.

»Ich bin Dariush.«

Offensichtlich hatte sie Schwierigkeiten mit den fremden Silben seines Namens. Nach einigen Versuchen fragte sie unsicher: »Dareios?«

»Ja, so nennt man mich bei deinen Leuten.«

Natürlich verschwieg er ihr, dass die Hoffnung, dass die Armee die Angreifer stellen würde, nicht groß war, sobald die sich in die unzugänglichen Regionen ihrer Bergheimat zurückgezogen hatten. Aber die Lüge erfüllte ihren Zweck und gab dem Mädchen ein Ziel, das sie von ihrer Situation ablenkte.

Eine schnelle Durchsuchung des Toten ergab wenig Nützliches, abgesehen von einem Dolch, den Dariush wortlos Ariadne reichte, so wenig er ihr wohl auch nützen würde, wenn man sie entdecken sollte. Dann stahlen sie sich im Schutz des Waldes fort, denn sich verstecken war nun nicht mehr möglich, denn früher oder später würde man den Toten suchen. Dariush führte sie möglichst verborgen vor den Blicken der Angreifer in einem großen Bogen Richtung Süden.

Christoph Hardebusch

Über Christoph Hardebusch

Biografie

Christoph Hardebusch, geboren 1974 in Lüdenscheid, zählt zu den erfolgreichsten deutschen Fantasyautoren. Er studierte Anglistik und arbeitete in einer Werbeagentur, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Seine Romane um »Die Trolle« und »Sturmwelten« eroberten die Bestsellerlisten. Zuletzt...

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