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Schach dem KönigSchach dem König

Schach dem König

House of Cards 2

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Schach dem König — Inhalt

Die Romanvorlage für »House of Cards«

Der zweite Band der literarischen Vorlage für die Netflix-Erfolgserie »House of Cards«. Francis Urquhart ist wieder da - und der frisch gebackene Premierminister festigt seine Macht. Diesmal greift er sogar den König an. Denn der idealistische neue König will Francis› zynische Machtspielchen nicht dulden, und so werden die beiden wichtigsten Männer im Staat schnell zu erbitterten Feinden. Urquhart droht damit, der Presse Geheimnisse der Royals zuzuspielen und damit die Zukunft der englischen Monarchie aufs Spiel zu setzen - aber ist das wirklich noch ein Spiel, das er gewinnen kann?

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 02.11.2016
Übersetzt von: Alexander Weber
384 Seiten, Broschur
EAN 978-3-8333-1063-8
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 02.11.2016
Übersetzt von: Alexander Weber
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7892-6

Leseprobe zu »Schach dem König«

Für Lucy und Andrei.
Für Medford 1971. Für Fiskardon 1981.
Für Villars 1991.
Für alles.

 

Vorwort

Einer der Gründe, weshalb ich Schach dem König im Jahr 1990 als Fortsetzung zu House of Cards schrieb, war, dass ich die königliche Jacht stürmischen Gewässern entgegenschippern sah. Und so kam es dann auch. Ich schrieb über zerrüttete Ehen, Finanzskandale, politische Zerwürfnisse und öffentliche Demütigungen, und das Königshaus schien sich mit erstaunlicher Zuverlässigkeit an mein Drehbuch zu halten. Zuweilen hätte man gar glauben können, manche der [...]

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Für Lucy und Andrei.
Für Medford 1971. Für Fiskardon 1981.
Für Villars 1991.
Für alles.

 

Vorwort

Einer der Gründe, weshalb ich Schach dem König im Jahr 1990 als Fortsetzung zu House of Cards schrieb, war, dass ich die königliche Jacht stürmischen Gewässern entgegenschippern sah. Und so kam es dann auch. Ich schrieb über zerrüttete Ehen, Finanzskandale, politische Zerwürfnisse und öffentliche Demütigungen, und das Königshaus schien sich mit erstaunlicher Zuverlässigkeit an mein Drehbuch zu halten. Zuweilen hätte man gar glauben können, manche der Royals würden unverhohlen für Rollen in meiner Geschichte vorsprechen. Das Haus Windsor hatte damals einige seiner schwersten Stunden durchzustehen. Um ein Haar wäre das Boot gesunken, und einige Crewmitglieder gingen über Bord.

Bei meinem fiktiven König handelt es sich nicht einfach um eine Version von Prinz Charles – es gab viele Thronfolger, die sich in Schwierigkeiten gebracht haben, und ich habe mich von mehr als einem inspirieren lassen –, aber gewisse Parallelen erwiesen sich als unvermeidbar. Als ich mit dem Schreiben begann, war das Scheitern seiner Ehe bereits abzusehen, allen offiziellen Dementis zum Trotz. Also entschied ich mich, meiner Königsfigur keine Ehefrau zu geben. Ich hoffe, dass nichts von dem, was ich schrieb, respektlos klingt, denn dies war keineswegs meine Absicht.

Wie auch immer, trotz dieser schlimmen Jahre haben sowohl er als auch die Institution als solche ihr Beharrungsvermögen und ihre Selbstheilungskräfte eindrucksvoll unter Beweis gestellt, und beider öffentliches Ansehen ist heute so groß wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die königliche Jacht ist nicht unterzukriegen.

Und FU ebenso. Fast dreißig Jahre nachdem ich ihn erschaffen habe, hat er ein illustres Eigenleben entwickelt, in Büchern, im weltweiten Fernsehen, als Figur, auf die im Parlament wie in der Presse Bezug genommen wird. Könnte es gar sein, dass man selbst in den verstohlenen Winkeln königlicher Paläste über ihn munkelt? Nun, Sie dürfen das gerne sagen, aber ich könnte es unmöglich kommentieren …

M. D., 2013

 

 

PROLOG

Nieder mit den Königen. Sie nehmen einfach zu viel Raum ein.

Es war der Tag, an dem sie ihn hinrichten würden.

Inmitten zweier Kompanien von Infanteristen führten sie ihn durch den Park. Die Menschen in der Menge standen dicht gedrängt, und er hatte sich die halbe Nacht gefragt, wie sie wohl reagieren würden. Mit Tränen? Mit Spott? Würden sie versuchen, ihn zu packen, ihn zu befreien, oder ihn verächtlich anspucken? Es hing wohl davon ab, wer ihnen am meisten bezahlt hatte. Doch jeglicher Tumult blieb aus; sie standen nur schweigend da, mutlos, eingeschüchtert, noch immer ungläubig dem gegenüber, was gleich in ihrem Namen geschehen würde. Als er vorüberging, schrie eine junge Frau auf und fiel ohnmächtig zu Boden, doch niemand versuchte, seinen Gang über den hartgefrorenen Boden aufzuhalten. Die Wachen drängten ihn weiter.

Binnen weniger Minuten erreichten sie Whitehall, wo man ihn in einen engen Raum sperrte. Es war kurz nach zehn an einem Januarmorgen, und er rechnete jeden Moment mit dem Klopfen an der Tür, mit dem man ihn abholen würde. Doch irgendetwas musste sie aufgehalten haben; sie ließen sich fast bis zwei Uhr Zeit. Vier Stunden des Wartens, vier Stunden, in denen die Dämonen an seinem Mut zehrten, in denen er glaubte, innerlich zu zerbrechen. In der Nacht hatte er zu einer Art Gelassenheit gefunden, einem inneren Frieden, fast schon einem Zustand der Gnade, doch mit dem Voranschreiten dieser unerwarteten Minuten, die sich zu Stunden dehnten, wich diese Gefasstheit allmählich einer unerträglichen Panik, die irgendwo in seinem Hirn ihren Anfang genommen, sich über seinen ganzen Körper ausgebreitet und sich nun auch seiner Blase und seiner Eingeweide bemächtigt hatte. Seine Gedanken gerieten durcheinander, und die sorgsam zurechtgelegten Worte, mit denen er die Rechtmäßigkeit seiner Sache zu erhellen und die verquere Logik seiner Henker anzuklagen gedachte, waren plötzlich wie fortgeblasen. Er grub seine Nägel tief in die Handflächen; irgendwie würde er die richtigen Worte finden, wenn die Zeit gekommen war.

Die Tür öffnete sich. Der Hauptmann stand im Dunkeln auf der Schwelle und nickte kurz und finster mit dem behelmten Kopf. Es brauchte keine Worte mehr. Sie packten ihn, und Sekunden später war er im Bankettsaal, einem Ort, den er wegen seiner Rubensdecke und den prächtigen Eichentüren liebte, doch in der unnatürlichen Düsternis fiel es ihm schwer, Einzelheiten auszumachen. Die hohen Fenster waren während des Krieges teilweise zugemauert und vernagelt worden, um bessere Verteidigungsstellungen zu bieten. Nur durch eines der hinteren Fenster, wo Mauerwerk und Bretter herausgerissen waren, drang Licht, und der grelle graue Schimmer rings um das Loch wirkte wie der Eingang zu einer anderen Welt. Das Spalier der Soldaten führte direkt darauf zu.

Gott, war ihm kalt. Seit gestern hatte er nichts mehr gegessen. Die ihm angebotene Mahlzeit hatte er verschmäht, und er war dankbar für das zweite Hemd, nach dem er verlangt hatte, damit er nicht zitterte. Man sollte ihn nicht zittern sehen. Sie könnten es für Furcht halten.

Er stieg zwei grobe Holzstufen empor und neigte den Kopf, als er durch die Schwelle des Fensters auf ein unmittelbar davor errichtetes Podest ins Freie schritt. Auf der neu erbauten Holzbühne befand sich nur ein halbes Dutzend Männer, wohingegen sich an jedem nur erdenklichen Fleck um ihn herum Tausende von Menschen zwängten, zu Fuß, auf Kutschen und Dächern, an Fenstern und anderen Aussichtspunkten. Sicher würden sie irgendwie reagieren, oder? Doch als er hinaus ins blendende Licht trat, wo sie ihn sehen konnten, erstarrte ihre Unrast im eisigen Wind, und die zusammengekauerten Gestalten standen stumm und verdrossen da, noch immer ungläubig. Noch immer konnte, ja, durfte es nicht sein.

In die Bretter, auf denen er stand, hatten sie vier eiserne Krampen getrieben. Falls er sich wehrte, würden sie ihn mit ausgestreckten Gliedern an diesen Haken zu Boden schnüren, doch bewies das nur einmal mehr, wie wenig sie ihn kannten. Er würde sich nicht wehren. Seine Herkunft gebot ein ehrenvolleres Ende. Er würde seine letzten Worte an die Menge richten, und das sollte genügen. Inständig hoffte er, dass ihn seine wackligen Knie nicht preisgaben; er war gewiss schon zur Genüge verraten worden. Sie reichten ihm eine kleine Haube, in der er mit äußerster Sorgfalt sein langes Haar unterbrachte, als wolle er nur mit seiner Frau und seinen Kindern im Park spazieren gehen. Er musste eine gute Figur abgeben. Dann ließ er seinen Mantel zu Boden fallen, damit man ihn besser sehen konnte.

Himmel! Die Kälte durchfuhr ihn, als würde der Frost sein rasendes Herz packen und es auf der Stelle zu Stein werden lassen. Er nahm einen tiefen, schneidenden Atemzug, um sich von dem Schock zu erholen. Nur nicht zittern! Und jetzt stand der Hauptmann seiner Wache vor ihm, dem trotz der Kälte Schweißperlen über die Stirn rannen.

»Nur ein paar Worte, Hauptmann. Ich möchte nur ein paar Worte sprechen.« Verzweifelt durchkämmte er seinen Geist nach dem, was er sagen wollte.

Der Hauptmann schüttelte den Kopf.

»Um Gottes willen, selbst der gewöhnlichste Mensch der Welt hat das Recht auf ein paar Worte.«

»Ihre paar Worte würden mich das Leben kosten, Sir.«

»Und ich schätze meine Worte und Gedanken höher als mein Leben. Meine Überzeugungen waren es, die mich hierhergeführt haben, Hauptmann. Ein letztes Mal möchte ich sie meinen Untertanen kundtun.«

»Das kann ich nicht erlauben. Wahrlich, es tut mir leid. Aber ich darf nicht.«

»Selbst jetzt wollen Sie es mir verwehren?« Die Gefasstheit in seiner Stimme war hitziger Empörung und einer abermals aufbrandenden Panik gewichen. Alles lief falsch.

»Sir, es liegt nicht in meinen Händen. Verzeihen Sie mir.«

Der Hauptmann streckte die Hand aus, um seinen Arm zu berühren, doch der Gefangene entwand sich seinem Griff, ein vorwurfsvolles Glimmen in den Augen. »Sie können mich zum Schweigen bringen, doch Sie werden mich nie zu etwas machen, das ich nicht bin. Ich bin kein Feigling, Hauptmann. Ich brauche Ihren Arm nicht.«

Der Soldat wich zurück wie ein gescholtener Schuljunge.

Die Zeit war gekommen. Keine Worte, keine Verzögerungen mehr. Kein Verstecken. Dies war der Augenblick, in dem sowohl sie als auch er selbst tief in sein Innerstes blicken und herausfinden würden, was für eine Art Mann er tatsächlich war. Er nahm noch einen tiefen, scharfen Atemzug, hielt ihn, solange es ging, in den Lungen und blickte gen Himmel. Der Geistliche hatte weihevoll über den Tod psalmodiert, den endgültigen Triumph über alle weltlichen Übel und Leiden, doch vermochte er darin keinerlei Trost zu erkennen, keinen Strahl göttlichen Lichts, um ihm den Weg zu weisen, keine himmlische Erlösung, nur den stahlgrauen kalten Himmel eines englischen Winters. Jäh wurde ihm gewahr, dass seine Fäuste noch immer geballt waren, die Nägel noch immer tief ins Fleisch seiner Handflächen gebohrt; mit aller Kraft öffnete er seine Finger und legte sie seitlich an die Hosen. Ein stilles Gebet. Ein weiterer Atemzug. Dann beugte er sich hinab, dankte Gott, dass seine Knie noch immer kräftig genug waren, ihm den Weg zu weisen, bewegte sich langsam und würdevoll nach unten, wie er es nachts in seinem Zimmer geübt hatte, und legte sich flach auf das grobe Holzpodest.

Noch immer drang kein Laut aus der Menge. Womöglich hätte er sie mit seinen Worten weder gerührt noch beflügelt, doch zumindest hätte er sich rechtfertigen können. Blinde Wut überkam ihn, als ihm das schreiende Unrecht des Ganzen schlagartig bewusst wurde. Nicht einmal erklären durfte er sich. Verzweifelt sah er erneut in die Gesichter der Leute, der Männer und Frauen, in deren Namen beide Seiten in den Krieg gezogen waren und die ihn nun mit leerem Blick angafften. Schachfiguren, die nie begriffen, was mit ihnen geschah. Allesamt Dummköpfe, und gleichwohl sein Volk, zu dessen Wohl er gezwungen gewesen war, gegen jene zu Felde zu ziehen, die das Gesetz zu ihrem eigenen Vorteil beugen wollten. Er hatte verloren, doch letztendlich würde man sicher erkennen, dass er im Recht war. Letztendlich. Er würde es wieder tun, wenn er noch eine Chance hätte, noch ein Leben. Es war seine Pflicht, er hatte keine Wahl. Ebenso wenig, wie er hier und jetzt eine Wahl hatte, auf dieser schmucklosen Holzbühne, die noch immer nach Harz und frischem Sägemehl roch. Und sie würden es verstehen, oder etwa nicht? Letztendlich …?

Neben seinem linken Ohr knirschte eine Bohle. Die Gesichter in der Menge wirkten wie eingefroren, die Zeit schien stillzustehen wie in einem riesigen Wandgemälde, in dem sich niemand bewegte. Seine Blase entleerte sich – war es die Kälte oder die schiere Angst? Wie lange noch …? Konzentrier dich! Vielleicht noch ein Gebet? Konzentrier dich! Er fixierte einen verlumpten kleinen Jungen, nicht älter als acht Jahre, mit einer Spur aus Krümeln am schmutzverschmierten Kinn, der gerade aufgehört hatte, seinen Brotkanten zu kauen, und mit erwartungsvoll geweiteten Augen auf einen Punkt etwa einen Fuß über seinem Kopf starrte. Mein Gott, war ihm kalt, so kalt, wie ihm noch nie zuvor gewesen war! Und plötzlich fielen ihm alle Worte, die er hatte sagen wollen, die er so sehnlich herbeigewünscht hatte, wieder ein, als habe jemand seine Seele aufgesperrt und sie entfliehen lassen.

Und dann, im Jahre 1649, schlugen sie ihrem Lehnsherrn König Charles Stuart, Verteidiger des Glaubens und kraft seines Erbes König von Großbritannien und Irland, einfach den Kopf ab.

In den frühen Morgenstunden eines Wintertages, in einem Schlafzimmer mit Blick auf den vierzig Morgen großen Garten eines Palastes, der längst noch nicht erbaut war, als Charles Stuart seinen Gang ins nächste Leben antrat, schreckte dessen Nachfahr jäh aus dem Schlaf. Der Kragen seines Pyjamaoberteils klebte ihm klamm am Hals, mit dem Gesicht nach unten lag er auf einem steinharten, schweißgetränkten Kissen, und dennoch war ihm eisig kalt … kalt wie der Tod. Er glaubte an die Macht der Träume und deren Fähigkeit, die Geheimnisse der Seele zu entschlüsseln, und kaum war er wach, pflegte er nach dem Notizbuch zu greifen, das just zu diesem Zweck auf seinem Nachttisch bereitlag, und alles niederzuschreiben, an das er sich zu erinnern vermochte. Doch nicht dieses Mal. Das brauchte er nicht. Weder den mit Harz und Sägemehl versetzten Geruch der Menschenmenge noch die metallisch graue Färbung des Himmels an diesem frostkalten Nachmittag würde er je vergessen. Noch den unschuldigen, gespannten Blick des Jungen mit seinem dreckigen, von Krümeln übersäten Kinn. Oder die tiefe Verzweiflung darüber, dass sie ihn nicht hatten zu Wort kommen lassen, was sein Opfer sinnlos und seinen Tod vollkommen vergebens machte. Er würde es niemals vergessen. Sosehr er sich auch bemühte.

 

 

TEIL 1

 

Kapitel 1

Überquere niemals eine unbekannte Brücke auf einem Elefanten.

Chinesisches Sprichwort

Dezember: Die erste Woche

Es war keine zwanglose Einladung gewesen. Er tat überhaupt nichts zwanglos. Eher die beharrliche, fast schon gebieterische Vorladung eines Mannes, dem Kommandieren näherlag als Schmeichelei. Er erwartete sie zum Frühstück, und es wäre ihm nicht einmal in den Sinn gekommen, dass sie auch hätte absagen können. Gerade heute, beim Amtswechsel des Premierministers – ein alter raus, ein neuer rein, und lang lebe der Wille des Volkes. Es würde ein Tag der Abrechnung werden.

Benjamin Landless öffnete eigenhändig die Tür, was ihr seltsam vorkam. Das Apartment sollte vor allem Eindruck schinden, so überdimensioniert und unpersönlich, wie es war; eine Wohnung, bei der man, wenn schon nicht einen Portier, dann doch zumindest eine Sekretärin oder einen persönlichen Assistenten erwartet hätte, um Kaffee auszuschenken, die Gäste zu bezirzen und gleichzeitig dezent sicherzustellen, dass sie sich nicht mit einem der impressionistischen Gemälde, die die Wände schmückten, aus dem Staub machten. Landless selbst war weniger ansehnlich. Er hatte ein ausladendes, fleischiges pflaumenrotes Gesicht, das langsam erschlaffte wie eine Kerze, die man zu nah an eine Flamme gehalten hatte. Sein Körper war gewaltig und seine Hände so grobschlächtig wie die eines Arbeiters, was auch seinem Ruf entsprach. Sein Chronicle-Zeitungsimperium fußte auf dem unrühmlichen Ende von Streiks und Karrieren; und auch am Ende der politischen Karriere des Mannes, der just in diesem Moment zum Buckingham Palace aufbrach, um die Macht und die Privilegien eines Premierministers niederzulegen, hatte er einen nicht unbeträchtlichen Anteil.

»Miss Quine. Sally. Wie schön, dass Sie kommen konnten. Ich wollte Sie schon lange kennenlernen.«

Sie wusste, dass er log. Hätte er sie vorher treffen wollen, hätte er es ohne Probleme einrichten können. Er führte sie in den Hauptraum, der das Herz der Penthouse-Wohnung darstellte. Die Außenwände waren aus bodentiefem schlagfestem Sicherheitsglas, sodass er ein überwältigendes Panorama der Parlamentsgebäude am gegenüberliegenden Themseufer bot; dem kunstvoll gemusterten Parkettboden musste ein halber Regenwald zum Opfer gefallen sein. Nicht schlecht für einen Jungen aus den übelsten Gassen von Bethnal Green.

Landless geleitete sie zu einem übergroßen Ledersofa und einem Kaffeetisch, auf dem sich Tabletts mit kochend heißen Frühstückstellern stapelten. Von dem diskreten Gehilfen, der kurz zuvor das Essen zubereitet und die frisch gestärkten Stoffservietten gedeckt haben musste, war keine Spur. Dankend lehnte sie das Essen ab, was ihn jedoch nicht weiter zu stören schien, denn er entledigte sich flugs seines Sakkos und machte sich gierig über seinen Teller her. Sie nahm sich derweil eine Tasse schwarzen Kaffee und wartete.

Landless schlang unbeirrt sein Frühstück hinunter; Höflichkeit und Tischmanieren waren nicht gerade seine Stärke. Auf Smalltalk ließ er sich kaum ein, widmete seinen Spiegeleiern mehr Aufmerksamkeit als ihr, und kurz dachte sie, er bereue womöglich schon, sie überhaupt eingeladen zu haben. Sie fühlte sich verwundbar, was er damit wohl auch bezweckte.

»Sally Quine. Geboren in Dorchester, Massachusetts. Zweiunddreißig Jahre alt, hat sich schon einen beachtlichen Ruf als Meinungsforscherin erworben. Und das in Boston, wo man es als Frau unter all diesen starrköpfigen Iren sicher nicht leicht hat.« Das wusste sie selbst nur zu gut; sie war mit einem von ihnen verheiratet gewesen. Landless hatte seine Hausaufgaben gemacht, sich durch ihre Vergangenheit gewühlt; das wollte er ihr damit klarmachen. Seine Augen, über denen buschige Brauen wucherten wie ein Geflecht aus Tauen, beobachteten scharf, wie sie darauf reagierte. »Eine hübsche Stadt, Boston, kenn ich gut. Sagen Sie, warum haben Sie eigentlich alles zurückgelassen, was Sie sich dort aufgebaut hatten, und sind nach England gekommen, um neu anzufangen? Von null?«

Er hielt kurz inne, erhielt aber keine Antwort. »Es war die Scheidung, nicht? Und der Tod des Babys?«

Landless sah, wie sich ihr Kiefer anspannte, und fragte sich, ob nun ein Sturm der Entrüstung losbrechen oder sein Gast türenschlagend aus dem Raum stiefeln würde. Nein, keine Tränen, das wusste er. Dazu war sie nicht der Typ, das sah man in ihren Augen. Sie war nicht so unnatürlich schlank und ausgemergelt, wie es die heutige Mode verlangte, eher eine klassische Schönheit, die Hüften womöglich eine Spur zu breit, doch sämtliche Rundungen ausnehmend wohlgeformt. Ihr Äußeres makellos. Die Haut ihres Gesichts war geschmeidig; dunkler und glänzender, als es dem blässlichen Ideal einer »englischen Rose« entsprechen würde, ihre Züge so fein wie mit einem Schnitzmesser modelliert. Volle, ausdrucksstarke Lippen, hohe Wangenknochen, das lange Haar so dick und von so dunklem Schwarz, dass man sie fast für eine Italienerin oder Jüdin halten könnte. Am außergewöhnlichsten fand er jedoch ihre Nase, kerzengerade und ein klein wenig zu lang, mit einer flach zulaufenden Spitze, die beim Reden zuckte, und Nasenlöchern, die sich leicht weiteten, wenn sie nachdrücklich oder emotional wurde. Es war die erregendste und sinnlichste Nase, die er je gesehen hatte; er konnte nicht anders, als sie sich auf dem Kissen neben sich vorzustellen. Doch die Augen verstörten ihn, passten irgendwie nicht in das Gesicht. Sie waren mandelförmig, gespickt mit herbstlichem Rostbraun und Grüntönen, durchscheinend wie die einer Katze und hinter einer überdimensionierten Brille verborgen. Sie strahlten nicht wie die anderer Frauen oder, so vermutete er jedenfalls, wie sie wohl früher einmal gestrahlt hatten. Eine gehörige Portion Misstrauen lag darin, so, als hielten sie etwas zurück.

Ohne ihn zu beachten, blickte sie aus dem Fenster. Es waren nur noch wenige Wochen bis Heiligabend, doch wollte sich keine Weihnachtsstimmung einstellen. Jedwede Feierlichkeit lag aufgeweicht in der vom Regen überquellenden Gosse, und irgendwie schien es kein glückverheißender Tag für den Amtsantritt eines neuen Premiers zu sein. Eine Möwe, die die Nordseeböen landeinwärts geweht hatten, überschlug sich vor dem Fenster unter Schreien und Beschimpfungen, die selbst durch die Doppelverglasung drangen, neidete ihm sein Frühstück und trudelte schließlich durch den stürmischen Himmel davon. Sally sah ihr nach, bis sie im trüben Grau entschwand.

»Erwarten Sie ja keine Wut oder Entrüstung, Mr Landless. Dass Sie über das Geld und den Einfluss verfügen, um ihre Hausaufgaben zu machen, beeindruckt mich kein bisschen. Und schmeicheln tut es mir ebenso wenig. Ich bin es durchaus gewohnt, von Geschäftsleuten mittleren Alters angemacht zu werden.« Sie hatte ihn mit voller Absicht gekränkt, wollte ihm unmissverständlich klarmachen, dass dieses Gespräch keine Einbahnstraße war. »Sie wollen etwas von mir. Ich habe keine Ahnung, was, aber ich höre zu. Solange es rein geschäftlich ist.«

Langsam und geflissentlich schlug sie die Beine übereinander, sodass er es ja mitbekam. Seit ihrer Jugend wusste sie, dass Männer ihren Körper verlockend fanden, und diese gesteigerte Aufmerksamkeit machte es ihr unmöglich, ihre Sexualität als etwas Wertvolles und Schützenswertes zu betrachten; vielmehr begriff sie sie als Werkzeug, als Buschmesser, mit dessen Hilfe sich ein Pfad durch eine unwegsame und erbarmungslose Welt bahnen ließ. Wenn Sex schon die Währung des Lebens war, das wusste sie längst, dann würde sie ihn in einen wirtschaftlichen Aktivposten verwandeln, der ihr Türen öffnete, die ihr andernfalls verschlossen blieben. Es gab immer genügend Männer, die mit dem Schwanz dachten. Darauf war Verlass.

»Sie sind sehr direkt, Miss Quine.«

»Ich ziehe es vor, die Dinge beim Namen zu nennen, statt lange um den heißen Brei herumzureden. Und ich kann das gleiche Spiel spielen wie Sie.« Sie lehnte sich zurück aufs Sofa und begann, an den tadellos manikürten Fingern ihrer linken Hand abzuzählen, was sie über ihn wusste. »Ben Landless. Alter … nun, ihrer stadtbekannten Eitelkeit zuliebe sagen wir mal: noch nicht ganz in den Wechseljahren. Ein knallharter Schweinehund, dem nichts in die Wiege gelegt war und der heute über eines der größten Zeitungsunternehmen dieses Landes herrscht.«

»Bald schon das größte«, warf er leise ein.

»Und der kurz davor steht, United Newspapers zu übernehmen«, fuhr sie mit einem Nicken fort, »sobald der Premierminister, dessen Nominierung, Kandidatur und Wahl Sie nahezu im Alleingang sichergestellt haben, die Macht übernimmt und die kleinen Unwägbarkeiten der Kartell- und Monopolpolitik seines Vorgängers beseitigt hat. Sie müssen die ganze Nacht gefeiert haben, ein Wunder, dass Sie auch nur einen Bissen Ihres Frühstücks runterbekommen haben. Aber Sie gelten ja als Mann mit einem schier unstillbaren Appetit. In jedweder Hinsicht.« Die letzten Worte sprach sie beinahe lasziv, mit einem amerikanischen Akzent, der zwar sorgfältig geglättet und zurückgenommen, aber längst nicht verschwunden war. Folglich klangen ihre Vokale noch immer nach Neuengland, eine Nuance zu lang und träge für London, und ihre Ausdrucksweise konnte so derb sein, als stamme sie direkt aus den Schlangen vor dem Wohlfahrtsamt von Dorchester. »Also, was haben Sie auf dem Herzen, Ben?«

Ein Lächeln umspielte die wulstigen Lippen des Verlegers, doch seine Augen blieben reglos, beobachteten sie aufmerksam. »Es gibt keine Absprachen. Ich habe ihn unterstützt, weil ich ihn für den besten Mann für den Job hielt. Er wird mich nicht bevorteilen. Ich muss es drauf ankommen lassen, wie alle anderen auch.«

Sie vermutete, dass dies bereits die zweite Lüge dieses Morgens war, ließ sie ihm aber durchgehen.

»Was auch immer geschehen mag, es wird eine neue Ära anbrechen. Ein neuer Premierminister bedeutet neue Herausforderungen. Und neue Möglichkeiten. Ich habe den Eindruck, er wird den Leuten mehr Freiheit geben, Geld zu verdienen, als Henry Collingridge. Das sind gute Neuigkeiten für mich. Und möglicherweise auch für Sie.«

»Und das, obwohl sich alle Wirtschaftsindikatoren im freien Fall befinden?«

»Darum geht es nicht. Ihre Firma ist jetzt wie lange im Geschäft? Vielleicht zwanzig Monate? Sie haben einen guten Start hingelegt, sind gut angesehen. Aber Sie sind klein, und kleine Boote wie Ihres gehen gern mal unter, wenn die See in den kommenden Jahren rauer werden sollte. Egal, Sie haben doch ebenso wenig Geduld wie ich, Ihre Zeit mit einer Anfängerklitsche zu verplempern. Sie wollen groß rauskommen, es zur Nummer eins bringen. Und dafür benötigen Sie Geld.«

»Aber nicht Ihres. Wenn ich mit meiner Firma Zeitungsgeld annähme, würde das jeden Funken Glaubwürdigkeit zunichtemachen, den ich mir in den letzten zwei Jahren erworben habe. Mein Geschäftsmodell basiert auf objektiven Analysen, nicht auf Verleumdung und Panikmache mit ein paar nackten Fernsehsternchen zwischendrin, um Auflage zu machen.«

Er ließ seine fette Zunge im Mund umherfahren, als versuchte er, gedankenverloren Reste seines Frühstücks aus den Zähnen zu befördern. »Sie unterschätzen sich«, grummelte er und brachte einen Zahnstocher zum Vorschein, mit dem er nun wie ein Schwertschlucker in den entlegensten Winkeln seines Kiefers herumfuhrwerkte. »Meinungsumfragen sind keine objektiven Analysen. Sie sind Nachrichten. Wenn ein Redakteur eine Ausgabe richtig in Schwung bringen will, beauftragt er Leute wie Sie, ein paar Erhebungen durchzuführen. Er weiß längst, welche Ergebnisse er will und welche Schlagzeile er bringen wird, er braucht nur ein paar Statistiken, um dem Ganzen den Anstrich von Glaubwürdigkeit zu geben. Umfragen sind wie Waffen in einem Bürgerkrieg. Sie können eine Regierung erledigen, zeigen, dass die öffentliche Moral im Arsch ist, allen klarmachen, dass wir Palästinenser lieben oder Apfelkuchen hassen.«

Er wurde immer lebhafter, je mehr er sich für sein Thema erwärmte. Statt zu essen, fuchtelten seine Hände nun wild vor dem Körper herum, als sei er gerade im Begriff, einen unfähigen Redakteur zu erdrosseln. Vom Zahnstocher fehlte jede Spur; womöglich hatte er ihn einfach verschlungen – wie alles andere, das ihm in den Weg kam.

»Wissen ist Macht«, fuhr er fort. »Und Geld. Sie, zum Beispiel, arbeiten vorwiegend in der City, im Finanzdistrikt, mit Unternehmen, die mit Übernahmeangeboten zu tun haben. Ihre kleinen Erhebungen sagen Ihnen, wie die Aktionäre und Finanzinstitute wahrscheinlich reagieren, ob sie die Firma unterstützen oder sie für schnelles Geld fallen lassen. Firmenübernahmen sind Schlachten, ein Kampf auf Leben und Tod für die beteiligten Unternehmen. Ihr Wissen ist sehr wertvoll.«

»Und wir lassen uns diese Arbeit auch gut bezahlen.«

»Ich rede hier nicht über ein paar Tausend oder Zehntausend«, blaffte er abschätzig. »Das bezahlen die in der City aus der Portokasse. Die Art von Informationen, über die wir reden, gestattet es Ihnen, die Summe selbst zu diktieren.« Er schwieg für einen Moment, wollte sehen, ob sie sich in ihrer Berufsehre gekränkt fühlen, lauthals protestieren würde. Stattdessen langte sie hinter sich und zupfte ihr Jackett zurecht, das sich an der Sofalehne nach oben geschoben hatte, wobei sie die Rundungen ihrer Brüste unterstrich und sie ein Stück weit entblößte. Er nahm dies als Zeichen der Ermutigung.

»Sie benötigen Geld – um zu expandieren, um die Meinungsforschungsindustrie an den Eiern zu packen und ihre unangefochtene Königin zu werden. Sonst gehen Sie in der Rezession vor die Hunde. Wär ’ne Schande.«

»Ich fühle mich geschmeichelt von Ihrem onkelhaften Mitgefühl.«

»Sie sind nicht hier, um sich schmeicheln zu lassen. Sie sind hier, um sich einen Vorschlag anzuhören.«

»Das wusste ich, seit ich Ihre Einladung bekommen habe. Obwohl ich mir einen Moment lang vorkam, als wäre ich in einer Vorlesung gelandet.«

Statt zu antworten, stemmte er sich aus seinem Stuhl und ging quer durch den Raum zum Fenster. Die stahlgrauen Wolken hingen jetzt noch tiefer, und es hatte wieder zu regnen begonnen. Ein Lastkahn kämpfte sich mühsam durch das verebbende Wasser unter der Westminster Bridge, wo die Dezemberstürme den sonst so ruhigen Strom in eine schlammige, hässliche Suppe aus städtischem Müll und ölverseuchter Kieljauche verwandelt hatten. Er blickte in Richtung des Parlamentsgebäudes, die Hände tief in den Taschen seiner zeltartigen Hosen vergraben, und kratzte sich im Schritt.

»Unsere politischen Führer da drüben, die furchtlosen Hüter des Wohlergehens unseres Landes. Ihre Arbeit beruht auf Vertrauen und Vertrauensbruch, auf Informationen, die nur darauf warten, skandalisiert und missbraucht zu werden. Und jeder einzelne von diesen Dreckskerlen plaudert sie, ohne mit der Wimper zu zucken, aus, wenn es seinen Interessen dient. Es gibt keinen Politikredakteur in dieser Stadt, der eine Stunde nach Ende der Kabinettssitzung nicht jedes Wort kennt, das dort gesprochen wurde, und keinen General, der nicht erst einen vertraulichen Bericht durchsickern ließe, bevor er versucht, seinen Verteidigungshaushalt durchzuboxen. Und finden Sie mir bitte einen Politiker, der nicht schon mal Gerüchte über das Liebesleben eines Rivalen gestreut hat, um ihn zu diskreditieren.« Seine Hände flatterten in den Hosentaschen wie die vom Wind umspielten Segel eines Fünfmasters. »Premierminister sind die schlimmsten«, schnaubte er verächtlich. »Wenn sie einen unliebsamen Minister loswerden wollen, machen sie ihn erst einmal in der Presse mit Geschichten über Suff oder Untreue fertig. Insiderinformationen. So funktioniert die Welt nun mal.«

»Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich nie in die Politik gegangen bin«, sinnierte sie.

Er wandte sich zu ihr um und sah, wie sie scheinbar gedankenverloren ein verirrtes Haar von ihrem Pullover zupfte. Als sie sich seiner vollen Aufmerksamkeit sicher war, hörte sie schließlich auf, mit ihm zu spielen, und verbarg ihren Körper wieder im Stoff des Seiden-Baumwoll-Jacketts. »Und was soll ich Ihrer Meinung nach also tun?«

Er setzte sich zu ihr aufs Sofa. Ohne Sakko, nur in seinem riesigen maßgeschneiderten Hemd saß er jetzt hautnah neben ihr. Seine physische Präsenz war, für ihr modebewusstes Auge durchaus überraschend, wirklich beachtlich.

»Ich schlage vor, Sie hören auf, eine gute Verliererin zu sein, eine Frau, die sich womöglich jahrelang abrackert, um an die Spitze zu kommen, es aber niemals schafft. Ich schlage Ihnen eine Partnerschaft vor. Mit mir. Ihr Sachverstand« – beide wussten, dass er damit Insiderwissen meinte – »und meine geballte Finanzkraft. Wäre das nicht eine unschlagbare Kombination?«

»Und was springt für mich dabei heraus?«

»Eine Überlebensgarantie. Die Chance, eine Menge Geld zu verdienen, dahin zu kommen, wo Sie hinmöchten: nach ganz oben. Und die Möglichkeit, Ihrem Exmann zu zeigen, dass Sie nicht nur allein zurechtkommen, sondern sogar erfolgreich sein können. Das ist es doch, was Sie wollen, oder etwa nicht?«

»Und wie soll all das vor sich gehen?«

»Wir tun uns zusammen. Ihr Wissen und mein Geld. Sobald irgendetwas in der City passiert, will ich davon erfahren. Wenn Sie die Nase vorn haben, sind die potenziellen Erträge enorm. Alle Gewinne teilen wir fifty-fifty.«

Sie führte Zeigefinger und Daumen vor ihrem Gesicht zusammen. Ihre Nasenspitze zuckte dazu nachdrücklich. »Verzeihen Sie, aber wenn ich Sie recht verstehe, ist das ja wohl ein klein wenig illegal, oder?«

Er schwieg und blickte sie zu Tode gelangweilt an.

»Und es hört sich an, als würden Sie das ganze Risiko auf sich nehmen«, setzte sie nach.

»Das ganze Leben ist voller Risiken. Es macht mir nichts aus, etwas zu riskieren, wenn ich einen Partner habe, den ich kenne und dem ich vertraue. Ich bin mir sicher, wir könnten uns zutiefst vertrauen, oder etwa nicht?«

Er langte vor und strich ihr dabei über den Handrücken; ein misstrauischer Blick trat in ihre Augen.

»Bevor Sie fragen: Sie ins Bett zu bekommen ist kein grundlegender Teil der Abmachung – wirklich nicht, und schauen Sie mich nicht so verdammt unschuldig und beleidigt an. Sie wedeln mir hier Ihre Titten entgegen, seit Sie sich hingesetzt haben, also lassen Sie uns, wie Sie es sagen, die Dinge beim Namen nennen und zum Kern der Sache kommen. Sie flachzulegen wäre sicher ein Vergnügen, aber hier geht es ums Geschäft, und bei mir kommt das Geschäft immer zuerst. Ich habe keine Lust, mir einen womöglich erstklassigen Deal zu versauen, weil ich zulasse, dass mir mein Hirn zwischen die Beine rutscht. Wir sind hier, um die Konkurrenz zu ficken, nicht uns gegenseitig. Also … was meinen Sie? Interessiert?«

Fast wie bestellt, klingelte in einem entfernten Winkel des Raumes ein Telefon. Mit einem missmutigen Seufzer stemmte er sich erneut hoch, doch als er das Zimmer durchquerte, um abzunehmen, mischte sich freudige Erwartung in seine Mimik; sein Büro hatte strikte Anweisung, ihn nicht zu behelligen, es sei denn … Er bellte barsch etwas in den Hörer und wandte sich dann mit weit gespreizten Fingern wieder seinem Gast zu.

»Außerordentlich. Ich kann es kaum glauben. Die Downing Street hat sich gerade gemeldet. Anscheinend bittet mich unser neuer Premierminister, ihn anzurufen, sobald er aus dem Palast zurück ist. Ich fürchte also, ich muss los. Ich würde ihn sehr ungern warten lassen.« Sein wächsernes Gesicht verzog sich zu etwas, das im Entferntesten einem Lächeln glich. Nur noch wenige Augenblicke würde sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit haben: Ein neuer Ort, ein neuer Gesprächspartner rief. Er schlüpfte bereits in seinen Mantel. »Machen Sie diesen Tag für mich noch besonderer, als er schon ist. Nehmen Sie an.«

Sie reckte sich nach ihrer Handtasche auf dem Sofa, doch er war bereits da, umschloss mit seiner riesigen Arbeiterpranke komplett die ihre. Sie war ihm jetzt so nah wie noch nie, konnte seine Wärme spüren, ihn riechen, die Kraft erahnen, die sich in diesem massigen Körper verbarg und ihm erlauben würde, sie binnen Sekunden zu zermalmen, wenn er dies nur wollte. Doch in seinen Bewegungen lag keinerlei Bedrohung, seine Berührung war überraschend sanft. Einen Moment ertappte sie sich dabei, wie sie schwach wurde, fast schon erregt. Ihre Nase zuckte.

»Sie kümmern sich um die Zahlungsbilanz des Landes. Ich mach mir Gedanken über meine eigene.«

»Denken Sie gut drüber nach, Sally, aber nicht zu lange.«

»Ich werde sehen, was mein Horoskop sagt. Ich melde mich.«

In diesem Augenblick flog die Möwe einen erneuten Angriff auf die Scheibe, kreischte, stieß wütende Beschimpfungen aus, warf sich krachend gegen das Glas und hinterließ eine tropfende Spur Vogelmist. Er fluchte.

»Das soll angeblich Glück bringen«, lachte sie augenzwinkernd.

»Glück?«, knurrte er, als er sie zur Tür brachte. »Sagen Sie das mal dem verdammten Fensterputzer!«

Michael Dobbs

Über Michael Dobbs

Biografie

Michael Dobbs wurde 1948 in Cheshunt, einem Londoner Vorort in Hertfordshire, als das einzige Kind des Krankenpflegers Eric Dobbs und dessen Frau Eileen geboren. Er besuchte die Hertford Grammar School und später die Christ Church in Oxford. Nach seinem Abschluss im Jahre 1971 ging er in die...

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