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Santo Fiore (Die Belmonte-Reihe 3)

Antonia Riepp
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Eine deutsch-italienische Familiensaga

„Eine Geschichte mit italienischem Flair, einem angenehmen Schreibstil und sympathischen Protagonisten.“ - die.buecherdiebin

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Santo Fiore (Die Belmonte-Reihe 3) — Inhalt

Ein verwilderter Garten, ein alter Gutshof und die Suche nach der eigenen Geschichte ...

Da ihre Gärtnerei im Allgäu kaum Gewinn abwirft, wagt Simona den Neuanfang bei ihrer Familie in den italienischen Marken. In Belmonte will die junge Landschaftsgärtnerin einen verwilderten Klostergarten wiederaufleben lassen und ihr Herzklopfen für Gutshofbesitzer Adriano ergründen. Doch dann erfährt sie von der Mailänderin Carla, die ein Zimmer bei ihm bezogen hat ...  
Für Carla gleicht der Besuch des Gutshofs ihrer Kindheit einer Reise in die Vergangenheit: Jeder Winkel des herrschaftlichen Gebäudes ist ihr vertraut, und Erinnerungen an ihre Mutter werden lebendig. Aber in der Vergangenheit lauert Dunkles. Und die Gerüchteküche im Dorf brodelt: Was führt die Tochter eines Mörders zurück nach Belmonte?

„Santo Fiore“ ist wie eine Reise ans Mittelmeer und zu sich selbst. In ihrem neuen Roman erzählt SPIEGEL-Bestsellerautorin Antonia Riepp („Belmonte“, „Villa Fortuna“) eine ebenso dramatische wie bewegende Familiengeschichte zwischen Deutschland und Italien.

Von Liebe und Verlust, Geheimnis und Verrat, Familie und Versöhnung. Der malerische Ort „Belmonte“ wird in „Santio Fiore“ erneut zum Schauplatz einer emotionalen Saga.

„Die Autorin ist eine wunderbare Erzählerin.“ Sempacher Woche

„Die Autorin trifft souverän den Ton ihrer vielschichtigen Figuren.“ Allgäuer Zeitung

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 28.04.2022
496 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06203-9
Download Cover
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 28.04.2022
496 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60105-4
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Leseprobe zu „Santo Fiore (Die Belmonte-Reihe 3)“

Kapitel 1

Verwandtschaften

Belmonte, Gegenwart



Raschelnd fuhr die Sense ins Gestrüpp. Es war das einzige Geräusch, das die Sonntagnachmittagsstarre durchbrach, deshalb kam es Adriano übermäßig laut vor. Die sonst allgegenwärtigen Laute der campagna waren zum Erliegen gekommen. Es jaulte keine Motorsäge, kein Trecker fuhr, kein Huhn gackerte, sogar die Zikaden schwiegen, und noch nicht einmal ein Moped knatterte durch das Tal. Einzig auf den Uhrturm von Belmonte war Verlass. Gerade schlug die Glocke vier Uhr, um danach erneut eine lähmende Stille zu [...]

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Kapitel 1

Verwandtschaften

Belmonte, Gegenwart



Raschelnd fuhr die Sense ins Gestrüpp. Es war das einzige Geräusch, das die Sonntagnachmittagsstarre durchbrach, deshalb kam es Adriano übermäßig laut vor. Die sonst allgegenwärtigen Laute der campagna waren zum Erliegen gekommen. Es jaulte keine Motorsäge, kein Trecker fuhr, kein Huhn gackerte, sogar die Zikaden schwiegen, und noch nicht einmal ein Moped knatterte durch das Tal. Einzig auf den Uhrturm von Belmonte war Verlass. Gerade schlug die Glocke vier Uhr, um danach erneut eine lähmende Stille zu hinterlassen. Es war heiß, viel zu heiß, und das schon jetzt, Ende Juni.

Adriano war dabei, dem Wildwuchs rund um das Gemüsebeet zu Leibe zu rücken. Man brauche bald ein Buschmesser, um an den Salat zu kommen, hatte Maria Santino neulich geklagt. Seit die Haushälterin die Hoheit über den Gemüsegarten, den orto, an sich gerissen hatte, breiteten sich dort immer mehr unbekannte Arten aus, sodass es Adriano schwerfiel, Nutzpflanze von Unkraut zu unterscheiden. Vorsichtshalber zog er deshalb seine Schneise in respektvollem Abstand zum Beet, um nur ja nichts Falsches abzumähen. Er war geübt mit der Sense, und die gleichmäßige Bewegung hatte etwas Meditatives, fast Einschläferndes. Der Duft reifer Tomaten stieg ihm in die Nase. Er könnte zum Abendessen Mozzarella mit Tomaten und Basilikum zubereiten, sein Standardessen, wenn seine helfende Hand nicht da war.

Sein Hund Asso hatte unter einem Lorbeerbusch eine flache Kuhle gegraben und lag darin erschöpft auf der Seite, nur die Flanken hoben und senkten sich im Takt seiner trägen Atemzüge. Jetzt zuckten plötzlich seine Ohren, und schon schnellte der schwarze Zerberus trotz seiner beachtlichen Größe im Bruchteil einer Sekunde in die Höhe. Erdbrocken flogen, als er mit lautem, tiefem Gebell in Richtung Tor raste. Adriano hielt mitten im Sensenschwung inne. Auch ihm war, als hätte er auf der strada bianca, der gewundenen Schotterstraße, die zu seinem Anwesen hinaufführte, einen Motor gehört. Er lehnte die Sense gegen die Wand des Holzschuppens, wischte sich den Schweiß von der Stirn und bewegte sich ohne Hast um das Haus herum, dem Radau seines Hundes hinterher. So wie dieser sich aufführte, musste es ein Fremder sein. Und Adriano erwartete auch niemanden. Erst nächste Woche sollte ein Autor aus Dublin eintreffen, der in der ländlichen Abgeschiedenheit der mittelitalienischen Provinz seinen zweiten Roman verfassen wollte. Sein Erstling war ein Überraschungserfolg gewesen, entsprechend groß war nun die Erwartungshaltung, und der Junge machte sich gerade in die Hose. Adriano kannte das Gefühl, er hatte vor Jahren Ähnliches durchgemacht. Damals, in einem anderen Land, in einem anderen Leben.

Er überlegte, ob er vielleicht das Datum durcheinandergebracht hatte und es der Schriftsteller sein könnte. Möglich wäre es. Die heißen Sommertage reihten sich gleichförmig aneinander wie Perlen auf einer Schnur, was er durchaus schätzte, denn er brauchte weder Aufregung noch Zerstreuung. Dabei konnte man schon einmal einen Termin aus den Augen verlieren.

Vor dem hohen, zweiflügeligen Eisentor wartete mit rasselndem Diesel ein Taxi. Der Fahrer des alten Mercedes streckte seinen behaarten Arm weit zum offenen Fenster hinaus, zwischen seinen Fingern qualmte eine Zigarette. Nein, das war nicht das irische Nachwuchstalent. Neben dem Taxi stand eine Frau. Sie war bestimmt an die eins achtzig groß, trug eine kakifarbene Pluderhose und darüber ein rot kariertes Hemd, das weit geschnitten war und doch nicht verbergen konnte, dass sie erschreckend dünn war. Noch erschreckender fand Adriano allerdings die zwei Rollkoffer, die neben ihr standen, grell pinkfarben der eine, der andere hatte ein rosa Leopardenmuster, beide groß wie Kähne.

Nun, da die Unbekannte Adriano aus dem Schatten der Kastanien treten sah, die das Tor flankierten wie zwei alte, ehrwürdige Wächter, winkte sie ihm kurz zu, eine Geste, als würde man sich kennen. Was bestimmt nicht der Fall war, da war Adriano ganz sicher, obwohl er wegen der ausladenden Krempe ihres Strohhuts und einer überdimensionalen Sonnenbrille nicht viel von ihrem Gesicht sehen konnte. Sie wandte sich um und gab dem Fahrer ein Zeichen. Der schnippte die Zigarette weg, legte den Gang ein und preschte los, dass der Schotter nur so spritzte und eine weiße Staubwolke die Frau samt ihren Koffern einnebelte. „Stronzo“, hörte er sie murmeln, während sich der Staub langsam wieder legte und Adriano seinem Hund befahl, sich zu beruhigen.

Er öffnete das Tor und ging auf die Fremde zu. „Salve“, begrüßte er sie mit dem in der Gegend üblichen Gruß. „Ich fürchte, Sie sind hier falsch. Sie hätten das Taxi nicht wegschicken sollen.“

Sie nahm den Hut und die Brille ab, behielt beides in der rechten Hand. Ihr Haar, dunkel, dicht und lockig, war etwa kinnlang, allerdings sah es aus, als hätte sie es seit Tagen nicht mehr gekämmt. Asso näherte sich der Gestalt und beschnüffelte ihre weißen Turnschuhe.

„Lass das! Vai a casa! Ab mit dir!“, befahl Adriano.

Der Hund trollte sich, ging aber nicht a casa, sondern blieb in der Nähe, um notfalls zur Stelle zu sein.

„Adriano Prisco“, sagte die Fremde.

„Wer will das wissen?“, erwiderte er, obwohl sein Name aus ihrem Mund gar nicht wie eine Frage geklungen hatte, sondern wie etwas, das lediglich nach einer formellen Bestätigung verlangte.

„Carla Prisco.“ Sie nannte ihren Namen in der Art eines Sesam-öffne-dich, dazu angetan, um sämtliche Tore dieser Welt auf der Stelle sperrangelweit aufspringen zu lassen.

„Okay“, sagte Adriano gedehnt. Nichts weiter.

Es gab, verteilt über zwei Kontinente, eine ganze Menge Priscos auf diesem Planeten. Wo käme man hin, wenn jeder von denen unangemeldet hier aufkreuzte?

„Unsere Großväter waren Brüder“, erklärte sie. „Meiner war der ältere, er hieß Basilio. Der jüngere, Cesare, müsste deiner gewesen sein.“ Sie sprach Mailänder Dialekt. Den erkannte inzwischen sogar Adriano, dessen Italienisch auch nach fünf Jahren Daueraufenthalt noch immer zu wünschen übrig ließ. Weil er einfach zu wenig unter die Leute kam und sich stattdessen lieber in seinem Zuhause vergrub. Es stimmte, was sie sagte. Adrianos Großvater Cesare Prisco war auf diesem Gut aufgewachsen und 1945 als junger Mann nach New York ausgewandert, wo ein Teil der Verwandtschaft schon seit mehreren Generationen lebte, und sein ältester Sohn war Adrianos Vater. Doch was hatte das mit dem Hier und Heute zu tun, was wollte Carla Prisco von ihm? Ahnenforschung betreiben?

Als stünden ihm seine Gedanken auf die Stirn geschrieben, rückte sie auch schon mit ihrem Anliegen heraus: „Kann ich eine Weile hier wohnen?“

„Ich führe kein Hotel“, antwortete er, bewusst blasiert und schroff.

„Ich weiß“, sagte sie. „Du betreibst eine Art …“, sie blickte zum Himmel und wedelte mit der Hand herum, als wollte sie das richtige Wort herbeifächeln, „…  eine Künstlerkolonie auf Zeit, richtig?“

Demnach kannte sie seine Webseite. Was hatte sie dann daran gehindert, seine E-Mail-Adresse anzuklicken und ihr Anliegen schriftlich anzumelden, wie es unter zivilisierten Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts üblich war? Wenigstens anrufen hätte sie können, oder war auch das zu viel verlangt?

„Nur ein paar Tage, bitte, es wäre mir sehr wichtig“, insistierte sie.

Adriano warf einen skeptischen Blick auf die zwei monströsen bonbonfarbenen Trolleys und fragte sich, was sie unter ein paar Tagen verstand.

„Ginge das?“, hakte sie nach.

„Für gewöhnlich suche ich mir meine Gäste selbst aus.“

„Und nach welchen Kriterien?“

„Die Leute kommen für ein paar Wochen her, um an einem Werk zu arbeiten. Die meisten sind Autoren, aber ab und zu sind auch bildende Künstler dabei. Steht alles auf meiner Webseite“, fügte er hinzu.

„Wie viele sind es denn zurzeit?“ Sie spähte an ihm vorbei, durch das verschnörkelte Eisentor, als versuchte sie, einen Blick auf die Scharen von Kreativen zu erhaschen, die im Schatten der Bäume herumlungerten oder auf den gekiesten Wegen lustwandelten.

„Keiner.“ Er fand es unter seiner Würde, sie anzulügen.

Sie hob ihre Augenbrauen. Ihre Augen lagen leicht schräg über den hohen, hervorstechenden Wangenknochen, die Nase war schmal, und der Schwung der Oberlippe verlieh ihrem Gesicht etwas Aufmüpfiges. Irgendetwas störte ihn an ihr. Vielleicht, dass sie so mager war und dabei doch dem gängigen Schönheitsideal allzu sehr entsprach. Gesichter wie ihres sah man im italienischen Fernsehen, wann immer man es einschaltete.

Im Frühjahr hatte er etliche Anfragen abgewimmelt, weil er im vergangenen Jahr gemerkt hatte, dass Gäste, Autoren zumal, auch recht anstrengend sein konnten und er gerade wieder dabei war, in eine Phase hineinzugleiten, in der er gerne für sich war, seinen Trott lebte und seine Ruhe haben wollte. Er spielte mit dem Gedanken, ihr den Moretti-Hof zu empfehlen, ein gut ausgestattetes agriturismo am anderen Ende von Belmonte, doch irgendetwas sagte ihm, dass sie genau hier, auf seinem Gut, unterkommen wollte und nirgendwo anders.

„Ich schreibe Haikus“, verkündete sie.

Er musste lachen.

Sie konnte nicht wissen, wie selten er lachte. Eher instinktiv nutzte sie die gute Stimmung und sagte: „Es ist sehr heiß, könnten wir das alles nicht bei einem caffè und einem Glas Wasser besprechen?“

Ein durchschaubares Manöver, beide wussten das. Einmal über der Türschwelle, würde man sie nicht so leicht wieder loswerden. Andererseits sollte man Verwandte nicht vor der Haustür verdursten lassen, sondern sie wenigstens hereinbitten, ihnen Kaffee und Gebäck anbieten, ehe man zusah, dass man sie verabschiedete. Wenn er sie jetzt gleich ins Dorf schickte, würde sie sich bestimmt in der Bar von Belmonte über sein harsches Benehmen beschweren, und es würde sich binnen Minuten herumsprechen, was für ein Rüpel und Unmensch er doch war. Nicht, dass ihn das groß kümmerte, doch er musste seinen Ruf als Eigenbrötler und komischer Kauz auch nicht unnötig zementieren. Also nickte er schicksalsergeben, entriegelte einen der beiden Torflügel und trat zur Seite.

Wortlos schritt sie an ihm vorbei. Man konnte es beim besten Willen nicht anders nennen: Rücken gerade, Kinn oben, Blick ins Weite gerichtet, entschlossene, ausgreifende Schritte. Die zwei Monsterkoffer blieben zurück und warteten auf einen Lakaien, der sie ihr hinterhertrug. Adriano hatte auch schon eine leise Ahnung, wer das sein würde.

Auf halber Strecke blieb sie stehen und ließ ihren Blick schweifen.

„Ich hatte das Haus größer in Erinnerung.“

„Es ist ein einfaches italienisches Landgut, nicht Downton Abbey.“

Das Gebäude war kompakt und rechteckig, mit einem Erker in der Mitte, wo sich unten der Eingang und oben die Bibliothek befand. Es bestand aus dem Erdgeschoss, dem ersten Stock und dem Dachgeschoss mit vier Gauben, zwei auf jeder Seite. Die Fenster im ersten Stock und im Erdgeschoss waren schmal und hoch, auch die Räume hatten eine stattliche Höhe, abgesehen vom Dachgeschoss, in dem früher die Bediensteten untergebracht waren und das nun leer stand.

Sie musste seine Verstimmung bemerkt haben und lenkte ein: „Vielleicht wirkt es kleiner auf mich, weil inzwischen die Bäume gewachsen sind. Als Kind kommt einem alles viel größer vor. Ich war gerade erst sechs, als wir weggezogen sind.“

Das Erdbeben von 1997 hatte seinen Kern in Umbrien, in der Nähe von Assisi, aber auch in der benachbarten Provinz, den Marken, waren Schäden entstanden. Das Gutshaus galt danach als einsturzgefährdet, deswegen zogen die Priscos, die damals dort gewohnt hatten, nach Mailand. Ein Paar mit zwei Töchtern. Das hatte der Makler ihm erzählt. Fast zwanzig Jahre stand das Gut nach dem Beben leer, und der Park verwilderte. Bis Adriano Prisco den alten Palazzo kaufte. Er rechnete im Stillen und kam zu dem Ergebnis, dass Carla Prisco jetzt neunundzwanzig oder dreißig sein musste.

„Du hast den Garten so gelassen, wie er war.“ Das schien sie zu freuen, sie lächelte. Der Garten besaß die Dimensionen eines Parks einer mittelgroßen Stadt und erstreckte sich zuerst flach vom Tor bis zu dem hellgelb schimmernden Gutshaus und dahinter weit den Hang hinauf bis zum Wald.

„Ich bin dem Ratschlag einer klugen Landschaftsgärtnerin gefolgt“, sagte er und konnte nicht verhindern, dass eine gewisse Person, an die er eigentlich gar nicht mehr denken wollte, vor seinem inneren Auge auftauchte. Simona.

Dann standen sie vor dem Eingang. Mit einer zärtlichen Geste strich sie über die hellen Steinblöcke, die das Portal einrahmten. „Der gute, alte palazzo verde.“

„Verde? Das Haus ist gelb, nicht grün, oder bin ich schon farbenblind?“

„Bist du nicht“, erwiderte sie. „Aber es hieß schon immer so. Vielleicht, weil drum herum so viel Grün ist. Kanntest du den Namen wirklich nicht?“

„Nein.“

„Siehst du. Du kannst von mir lernen.“

„Na großartig“, murmelte er. Er ließ ihr den Vortritt in die Eingangshalle und beobachtete, wie sie sich andächtig umschaute und dabei die Nasenflügel blähte, als hoffte sie, den Geruch wiederzufinden, den das Haus in ihrer Kindheit hatte.

„Wow“, sagte sie schließlich. „Es ist schöner, als es früher war. Das hätte ich nicht erwartet.“

„Ach nein?“ Wider Willen fühlte er sich etwas geschmeichelt.

„Ich war auf das Allerschlimmste gefasst.“

Natürlich. Welcher Italiener traute einem Amerikaner schon zu, ein Jahr lang bei einem Restaurateur und Stuckateur ein Praktikum zu absolvieren, nur um sich das nötige Wissen für die Instandsetzung seines noblen, aber maroden alten Palazzo anzueignen? Wer wusste schon, dass Adriano monatelang nach den passenden antiken Bodenfliesen suchte, um die beschädigten möglichst originalgetreu zu ersetzen, und dass die verschnörkelten Streben des Treppengeländers ursprünglich zu einem vierhundert Jahre alten Chorgestühl gehörten? Dabei hatte sie noch nicht einmal das Deckenfresko in der Bibliothek gesehen, mit dessen Restaurierung er extra einen Kirchenmaler betraut hatte.

„Du weißt ja, wo die Küche ist“, sagte er und ging zum Tor, ihre Koffer holen.

 

„Dann war es also dein Vater, der mir das Haus verkauft hat“, stellte er fest, als sie an dem langen Holztisch in der Küche saßen.

„Ja.“

Sie stürzte den caffè ohne Zucker hinab und das Wasser gleich hinterher. Die biscotti in der blau-goldenen Dose rührte sie nicht an, sondern nahm die Dose in beide Hände und strich mit den Daumen über das Relief, das ein orientalisches Muster nachbildete. „Die kenne ich. Darin waren immer die Bonbons für Paula und mich.“

„Es war noch einiges an Geschirr und Hausrat in den Schränken. Erstaunlich, nach so vielen Jahren Leerstand. Du kannst die Dose haben, wenn du sie magst.“

Sie schüttelte den Kopf, knabberte nun aber doch eine Ecke von einem Keks ab und legte den Rest auf die Untertasse. Asso hatte sich an die Besucherin herangepirscht. Sie kraulte ihn hinter dem Ohr, und er schob seine Schnauze frech über die Tischkante in Richtung des Gebäcks. Adriano jagte ihn weg.

„Du bist aber streng“, meinte sie.

„Ich versuche nur, den Schein zu wahren. Bei Maria darf er erst gar nicht in die Küche.“

„Maria?“

„Die Haushälterin. Die biscotti hat sie gebacken. Mandelkekse mit Limoncello-Glasur.“

Carla beeilte sich, noch eine Winzigkeit davon abzubeißen. Dann sagte sie: „Mein Großvater Basilio ist gestorben, als ich noch sehr klein war, ich erinnere mich überhaupt nicht an ihn. Hast du deinen Großvater gekannt?“

Adriano nickte. „Er ist recht alt geworden, er starb erst vor zehn Jahren. Ein prima Typ. Anwalt, zweimal verheiratet, zuletzt lebte er in der Nähe von Washington, D. C. Im Krieg kämpfte er auf der Seite des Widerstands. In der Bar im Dorf hängt ein Bild der Dorfpartisanen, da ist er auch drauf.“

„Sieh da, ein Held“, lächelte sie.

Er zuckte mit den Achseln. Sein Großvater Cesare Prisco hatte im Hier und Jetzt gelebt. Die Vergangenheit ist das, was vorbei ist, pflegte er zu sagen. Weshalb er seinen Kindern und Enkeln auch nicht allzu oft mit alten Geschichten vom Krieg in den Ohren lag. Seine Partisanenvergangenheit hatte er nur erwähnt, um ein für alle Mal klarzustellen, dass er politisch auf der richtigen Seite gestanden hatte. Viel hatte er über diese Zeit nicht berichtet. Sie hausten versteckt in den Bergen, verübten Sabotageakte auf die Infrastruktur der Besatzer, und einmal geriet er in ein Gefecht und wurde an der Schulter verletzt.

„Es ranken sich viele Legenden rund um die resistenza, man darf nicht alles glauben“, meinte Adriano nun zu Carla. „Aber ein Frauenheld war er auf jeden Fall. Es kursieren da ein paar Geschichten … Jedenfalls ist er 1945 in die Staaten ausgewandert, und sein älterer Bruder, dein Großvater Basilio, hat das Gut in Belmonte übernommen, wie es so üblich war.“

„Basilio hat für die Faschisten gekämpft.“

Adriano, um eine Antwort verlegen, knebelte sich mittels zweier biscotti, die er auf einmal in seinen Mund stopfte.

„Manchmal ist es nur ein Zufall, auf welcher Seite der Geschichte man landet“, meinte er schließlich, nachdem er sich die Krümel aus seinem Bartgestrüpp gewischt hatte.

„Was ist lächerlich an Haikus?“, wollte sie unvermittelt wissen.

„Nichts, gar nichts“, versicherte er. „Sie sind bestimmt eine chronisch unterschätzte Literaturform.“

„Ich könnte während meines Aufenthalts hier an einem Gedichtband mit Haikus arbeiten.“

Welcher Aufenthalt?

„Zum Glück sind Haikus kurz und die Sammlungen meist recht schmal“, bemerkte er.

„Mit solchen Bosheiten vergraulst du mich nicht.“

„Ich muss dich nicht vergraulen. Wenn es mir passt, setze ich dich einfach an die Luft“, stellte Adriano klar.

„Du bist grob und unhöflich, aber das weißt du“, stellte sie fest.

„Was hast du erwartet von einem americano? So sind wir eben, ungehobelt bis an die Schmerzgrenze.“

Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und betrachtete sie prüfend. Sie hatte ein Bein untergeschlagen, das spitze Knie ragte über die Tischkannte, mit der rechten Hand zwirbelte sie ihr Haar im Nacken. Jetzt, wo sie ihrem Ziel einen gewaltigen Schritt näher gekommen war, wirkte sie entspannt und lächelte sogar ein wenig maliziös, als sie seinen Blick bemerkte.

„Was machst du so, ich meine beruflich?“, fragte er.

„Dies und das.“ Es klang eine Spur zu lakonisch.

„Warum willst du hier wohnen?“

„Ich muss für eine Weile weg aus Mailand.“

Er breitete die Hände aus. „Die Welt ist groß.“

Achselzucken. „Ich weiß nicht. Nostalgie vielleicht? Back to the roots, so was in der Art.“

Zwei misstrauische Falten wurden über seiner Nasenwurzel sichtbar. Er beschloss, Tacheles zu reden. „Okay, mit wem muss ich rechnen? Mit einem rasenden Ehemann, einem eifersüchtigen Freund, einem verrückten Stalker, der uns Tierleichen ans Portal nagelt?“

„Nein, nichts in der Art, keine Sorge.“

„Was dann? Polizei, Mafia, guardia di finanza? Sag es einfach, dann kann ich mich darauf einstellen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Man merkt, dass du Thriller-Autor bist.“

„War. Ich schreibe nicht mehr.“

Bestimmt hatte sie ihn gegoogelt und kannte seinen Werdegang, wusste, dass er in Cambridge studiert hatte und später selbst Professor für Englische Literatur geworden war, am Bard College in Annandale-on-Hudson, einer putzigen Kleinstadt in Upstate New York. Hätte er nicht eines Tages sein kleines Vorstadtglück aufs Spiel gesetzt, indem er sich als Thriller-Autor versuchte und fatalerweise Erfolg damit hatte …

„Gut, du hast geschrieben“, durchbrach Carlas Stimme seine Gedanken. „Aber Shakespeare wäre immer noch Shakespeare, auch wenn er nach Hamlet aufgehört hätte zu schreiben.“

„Übertreib es nicht mit den Schmeicheleien, sonst geht der Schuss nach hinten los“, sagte er und musste insgeheim anerkennen, wie geschickt sie den Themenwechsel eingefädelt hatte. „Schon gut, es ist deine Privatsache. Ich will nur keinen Stress hier, capisci?“

„Den kriegst du nicht, versprochen.“

Mit dem Hinweis, er habe noch zu tun, stand er auf. Stimmte ja auch, das Unkraut mähte sich nicht von selbst. Er war an der Tür, als sie ihm nachrief: „Welches Zimmer soll ich nehmen?“

„Such dir eins aus.“

„Danke.“

In der Halle stand noch immer ihr Gepäck. Sollte er es ihr nach oben tragen? Da sie dürr wie ein Ast war, konnte er sich kaum vorstellen, dass sie es schaffen würde, die zwei Ungetüme selbst zu schleppen. Andererseits war er nicht ihr Butler, und wenn sie schon derart viel Krempel mit sich führen musste, sollte sie selbst sehen, wie sie damit klarkam. Was aber, wenn sie die Koffer nicht trug, sondern über die Holzstufen zerrte und schleifte, von denen er jede einzelne selbst repariert und in wochenlanger Arbeit mit einem sündhaft teuren Furnier aus Eichenholz überzogen hatte?

Einen Fluch auf den Lippen, ergriff er die Trolleys, von denen jeder einzelne sicherlich mehr wog als seine Besitzerin, trug sie in den ersten Stock und ließ sie neben der Treppe stehen.

Danach setzte er seine unterbrochene Mäharbeit fort und horchte in sich hinein. Spürte dem unguten Gefühl nach, das er wahrzunehmen glaubte und das mit der Ankunft von Carla zu tun hatte. Vom Dorf her ertönte das Läuten einer Glocke. Es war jedoch nicht der Uhrturm, der die Zeit maß, sondern der Ton kam aus dem etwas kleineren Kirchturm: ein helles, aufdringliches, monotones Bimmeln. Adriano war lange genug hier, um zu wissen, was dieses Geläut bedeutete. Im Dorf war jemand gestorben.

Antonia Riepp

Über Antonia Riepp

Biografie

Antonia Riepp ist das Pseudonym einer deutschen Bestsellerautorin, die seit über zwanzig Jahren Spannungsromane veröffentlicht. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, ihre Bücher wurden in fünf Sprachen übersetzt und zwei ihrer Bestseller verfilmt.

Weitere Titel der Serie „Die Belmonte-Reihe“

Der malerische Ort „Belmonte“ in den italienischen Marken ist Schauplatz der emotionalen Sagas von Autorin Antonia Riepp um Mütter und ihre Kinder, Zusammengehörigkeit und Trennung, Geheimnis und Versöhnung.

Pressestimmen
die.buecherdiebin

„Eine Geschichte mit italienischem Flair, einem angenehmen Schreibstil und sympathischen Protagonisten.“

stadtMagazin Köln online

„Es liest sich leicht und locker.“

Kommentare zum Buch
Schöne Familiengeschichte, die mich in den Bann zog...
Birgit am 06.05.2022

Ich habe schon die ersten beiden Bücher der "Belmonte-Reihe" mit Freude gelesen. Nach einer langen Krimi /Thrillerphase sprach mich schon das Cover des ersten Buches an, so wie nun auch das von "Santo Fiore". Es versprüht für mich italienischen Charme und etwas Leichtigkeit, aber im Inneren des Buches befinde ich mich in einer wunderbaren Familiengeschichte mit Höhen und Tiefen. Antonia Riepps Schreibstil spricht mich in hohem Maße immer wieder an und ich kann mich beim Lesen so richtig schön fallenlassen und entspannen. Bilder der Charaktere, der Landschaft und der Handlung entstehen in meinem Kopf. Das macht Hunger auf mehr und ich würde mich tatsächlich über einen nächsten Band freuen...

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