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Sanfter Tod

Sanfter Tod

Aeternus 2

Roman

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Sanfter Tod — Inhalt

Menschen und andere Kreaturen haben nach Jahrtausenden voller Konflikte einen Waffenstillstand geschlossen. Doch als jugendliche Gestaltwandler von einem Serienkiller getötet werden, gerät der Frieden ins Wanken. Die neu erschaffene Vampirin Antoinette Petrescu schließt sich einer Spezialeinheit an, die den Fall aufklären soll. Aber sie hat nicht mit den Fehden gerechnet, die unter den verschiedenen Völkern der Gestaltwandler herrschen – und in die sie mitten hineingerät …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.11.2014
Übersetzt von: Michael Siefener
448 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98171-2

Leseprobe zu »Sanfter Tod«

Für David, der die Tinte in meinem Füller ist

 

1 ENGELSHERZ

 

Das aufgeregte Gemurmel von Frauenstimmen floss durch den Korridor auf Gideon zu. Er drehte sich um, sah die Wand an, zog einen Schrubber aus dem Reinigungskarren und fuhr damit über den bereits glänzenden Boden.
Was machen sie hier?
Die Akademie öffnete erst heute Abend zum Unterricht. Offiziell waren noch Ferien.
Als sich ihm zwei Mädchen näherten, zog er den Schirm seiner Kappe tiefer in die Stirn und hielt den Kopf gesenkt, während er weiter so tat, als würde er den Boden schrubben. Sie [...]

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Für David, der die Tinte in meinem Füller ist

 

1 ENGELSHERZ

 

Das aufgeregte Gemurmel von Frauenstimmen floss durch den Korridor auf Gideon zu. Er drehte sich um, sah die Wand an, zog einen Schrubber aus dem Reinigungskarren und fuhr damit über den bereits glänzenden Boden.
Was machen sie hier?
Die Akademie öffnete erst heute Abend zum Unterricht. Offiziell waren noch Ferien.
Als sich ihm zwei Mädchen näherten, zog er den Schirm seiner Kappe tiefer in die Stirn und hielt den Kopf gesenkt, während er weiter so tat, als würde er den Boden schrubben. Sie gingen an ihm vorbei, ohne einen Blick in seine Richtung zu werfen, und waren ganz mit ihrem wichtigtuerischen Geplapper beschäftigt. Reinigungskräfte waren für sie unsichtbar, was ihm sehr gelegen kam.
Bald waren die Mädchen hinter einer Biegung verschwunden. Noch immer kicherten und schwatzten sie; seine Gegenwart hatten sie überhaupt nicht wahrgenommen.
»GUT GEMACHT, MEIN KIND.« Ealunds durchscheinende Gestalt schwebte über dem Boden; seine ätherische Schönheit spiegelte sich in den glänzenden schwarzen Fliesen.
Mit einem raschen Blick versicherte sich Gideon, dass die Mädchen nicht mehr in der Nähe waren. Dann steckte er den Schrubber in den Wagen und schob diesen auf sein ursprüngliches Ziel zu. Die unkörperliche Erscheinung glühte, ihre durchsichtige Gestalt war von einer silber-blauen Aura umgeben. Als er diese unirdische Schönheit ansah, tat Gideons Herz weh. Ealund zeigte sich nur ihm und sonst niemandem.
Er war ein Abbild engelhafter Pracht, hatte hüftlanges goldenes Haar, das ihm um den Kopf wehte, erschreckend schöne azurfarbene Augen und trug blasse, fließende Gewänder. Es fehlten nur noch die Schwingen. Aber Ealunds vollkommene und reine Bösartigkeit zwang Gideon immer wieder fast auf die Knie.
Abgesehen von den beiden Mädchen waren die Korridore verlassen. Er hielt den Kopf gesenkt und spähte hinüber zu einer Sicherheitskamera über einer der Türen zu den Klassenräumen. Nach dem ersten Mord vor einigen Wochen waren sie überall auf dem Campus angebracht worden, aber er wusste genau, wo sie sich befanden, und konnte sie daher meiden.
»BEEIL DICH, MEIN KIND«, psalmodierte Ealund. »DIE ZEIT WIRD KNAPP.«
Gideon hielt den Wagen an und beobachtete den Gang, bevor er den Hauptschlüssel herausnahm und damit die schwere Holztür entriegelte, vor der er nun stand. Nach einem letzten Blick betrat er das Zimmer und zog seinen Karren mit hinein. Leise schloss er die Tür wieder und sperrte sie zu. Aufregung brodelte in seiner Magengrube. Er wollte spüren, wie sich warmes Blut über seine Finger ergoss.
»LANGSAM«, hallte Ealunds Stimme aus der Luft um ihn herum. Sie war tief und dunkel und erschuf eine feuchte Kälte in Gideons Rückgrat. »KONZENTRIERE DICH, MEIN KIND. ÖFFNE DEINEN GEIST, DAMIT ICH DICH LEITEN KANN.«
Gideon nickte, zog die Schuhe aus und atmete tief durch, als er sie auf den Karren neben seinen Rucksack stellte. Er wackelte mit den Zehen in den dünnen Slippern, die er wie Strümpfe getragen hatte und die wegen ihrer Gummisohlen keinen Laut von sich gaben.
»ER IST HIER.« Ealund schnüffelte. »AH, DER SÜSSE DUFT DER KÖSTLICHEN JUGEND.«
Der moschusartige, beinahe wilde Geruch eines jungen Mannes überlagerte den staubigen Gestank von Büchern und Wissen. Gideon fuhr den Reinigungswagen hinter ein Bücherregal in der Nähe der Tür und bewegte sich leise durch das Labyrinth, geleitet von einem schrägen, unmelodischen Pfeifen.
Das rhythmische Quietschen eines Bücherkarrens verstummte in der Regalreihe vor ihm. Gideon drückte sich mit dem Rücken gegen das Ende eines Regals und spähte vorsichtig um die Ecke. Der Junge war groß, viel größer als die anderen. Sein Handkarren war beinahe leer. Es würde nicht mehr lange dauern.
Gideon wich zurück und lehnte sich gegen den massiven Eichenstollen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals – teils aus Angst davor, entdeckt zu werden, teils vor angespannter Erregung. Die Jagd war fast so gut wie der Fang. Fast.
Gideons Mund wurde trocken, und sein Schwanz versteifte sich, wie er es in diesem Stadium der Jagd immer tat. Nun hatte sie begonnen.
Er schloss kurz die Augen und konzentrierte sich darauf, seine Atmung zu verlangsamen. Die Dunkelheit besänftigte sein heftig schlagendes Herz.
Erneut unterbrach das regelmäßige metallische Quietschen des Bücherkarrens die Totenstille in der nur schwach erhellten Bibliothek. Gideon wagte einen weiteren raschen Blick.
»ER SPÜRT DICH NICHT EINMAL«, höhnte Ealund. Seine geisterhafte Gestalt schwebte in den Gang zwischen den Regalen. »DIE HEUTIGEN RASSEN SIND SO SCHWACH.« Es war nicht das erste Mal, dass Ealund das sagte.
Das Schaben der Räder entfernte sich. Gideon bückte sich und huschte in den nächsten Gang. Das Quietschen verstummte wieder, als der Junge anhielt und ein Buch vom Wagen nahm. Er schlug es auf, durchblätterte die wenigen Seiten und pfiff dabei das eingängige kleine Lied von vorhin weiter. Dann klappte er das Buch zu, schob es in das oberste Regal und setzte sich wieder in Bewegung.
»Mist, eins übersehen«, fluchte der Junge, und Gideon hörte, wie sich Schritte seinem Versteck näherten.
Er würde entdeckt werden. Gideon geriet in Panik, er wusste nicht, wohin er fliehen sollte.
Ein dumpfes Geräusch durchbrach die Stille. Gideon hatte das Gefühl, als würden seine Nerven in tausend Stücke zersplittern. Er straffte die Schultern, bereit zur Flucht, und sein Herz hämmerte so laut, dass der Junge es hören musste.
»Was zum …« Der Junge murmelte weiter und zog sich in den Gang zurück.
»LOS !«, schrie Ealund in seinem Kopf.
Wie immer tat Gideon das, was Ealund sagte. In gebückter Haltung rannte er fort, kehrte zur anderen Seite des Bücherregals zurück und drückte sich flach dagegen.
Was war das?, dachte Gideon.
»EIN BUCH«, antwortete Ealund. »ICH HABE ES VOM REGAL GESTOSSEN.«
Seine Antwort beruhigte Gideon nicht. Wenn Ealund Bücher zu Fall bringen konnte, was konnte er dann sonst noch alles tun? Ein Funke der Angst glühte in ihm auf, aber Gideon erstickte ihn schnell.
Der pfeifende Junge kehrte in die Reihe zurück, die Gideon soeben verlassen hatte, und stellte das heruntergefallene Buch zurück ins Regal, dann begab er sich in die nächste Reihe. Für den Augenblick befand sich Gideon in Sicherheit. Langsam stieß er den Atem aus, den er angehalten hatte. Das war knapp, und es war dumm. Er öffnete das kleine Lederetui, das er am Gürtel trug, und schloss die in Latexhandschuhen steckenden Finger um den T-förmigen Griff des für ihn angefertigten Wurfmessers. Er ruhte bequem zwischen Mittel- und Zeigefinger, und die kleine, abnehmbare Klinge stach im rechten Winkel hervor. Der quietschende Karren bewegte sich wieder auf Gideons Ende des Regals zu, und er duckte sich hinter die Bücher. Dann entfernte sich das Geräusch in Richtung der Studierplätze und verstummte. Das leise Knarren eines Stuhls folgte ihm.
Das war der Moment, auf den er gewartet hatte. Der Junge war mit dem Einräumen der Bücher fertig. Gideon hatte ihn während der letzten Wochen eingehend beobachtet und wusste, dass der Junge nach Hause gehen würde, sobald der Bibliothekar kam. Der Zeitrahmen war eng, aber er reichte für das aus, was Gideon tun wollte. Seine Erregung stieg.
Der Junge hob den Kopf, sog prüfend die Luft ein und schaute sich um. Gideon duckte sich noch tiefer hinter die Bücherreihen. Nach einer scheinbaren Ewigkeit zuckte der Junge die Achseln und beugte sich über sein Buch.
Gideon wartete noch ein wenig. Er achtete sorgsam darauf, die Klinge nicht zu berühren, und entspannte die Finger ein wenig um den Griff des Wurfmessers. Als der Junge ganz in seiner Lektüre versunken zu sein schien, schlug Gideon zu.
Er rannte auf den Fußballen hinter dem Bücherregal hervor; seine Schritte waren leicht und leise. Als würde er etwas spüren, hob der Junge wieder den Kopf und wollte aufstehen, aber Gideon stand hinter ihm, bevor er sich umdrehen konnte. Er legte dem Jungen die Hand über den Mund, dann rammte er ihm das Messer zwischen dem sechsten und dem siebten Wirbel in den Halsansatz. Die Klinge verschwand ganz im Fleisch und löste sich, wie es vorgesehen war. Den Griff steckte Gideon wieder in das Etui.
»PERFEKT !«, krähte Ealund.
Es war in der Tat perfekt.
Der Junge versuchte aufzustehen und versteifte sich. Die silberne Klinge, die noch in seinem Hals steckte, hatte die Wirbelsäule durchtrennt. Gideon ließ ihn los und griff nach dem Jagdmesser, das in seinem Arbeitsoverall steckte. Der Junge klappte zusammen, fiel vom Stuhl und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden. Nun, da er nicht mehr stehen konnte, stellte seine Größe keinen Vorteil mehr dar.
Gideon schnitt ein großes Stück aus dem Hemd seines Opfers und stopfte es ihm in den Mund. Entweder war der Junge zu entsetzt oder begriffsstutzig; zumindest hatte er keinen Laut von sich gegeben. Noch nicht. Er würde seine Stimme wiederfinden, sobald sich Gideon an die Arbeit machte.
»NICHT ZU SCHNELL«, gurrte Ealund, während er auf den Kopf des Jungen zuschwebte. »DU HAST VIEL ZEIT.«
Aber nicht bis in alle Ewigkeit. Bald würde der Bibliothekar erscheinen, und dann musste Gideon schon lange verschwunden sein – aber es blieb noch genug Zeit, um ein wenig Spaß zu haben.
Der Junge robbte auf dem Bauch ein paar Meter weit weg. Seine Arme besaßen gerade noch genug Kraft, um den gelähmten Körper etwas zu bewegen. Gideon schritt hinter ihm her und warf ihn auf den Rücken. Dann stellte er den Fuß auf den rechten Oberarm des Jungen, riss am Unterarm und spürte das befriedigende Knacken der Knochen. Der Knebel dämpfte die Schreie des Jungen, als Gideon mit dem linken Arm dasselbe tat.
Nun zeichnete sich die Erkenntnis, dass er sterben musste, auf dem Gesicht es Jungen ab – es verzerrte sich vor Entsetzen. Gideon genoss es.
Ealunds erregend schönes Antlitz glühte noch etwas heller, während er sich am Grauen des Jungen nährte. Gideon hockte sich über sein Opfer, entfernte den Rest des Hemds und schnitt die Zeichen in die sich hebende und senkende Brust des Jungen. Dann hielt er den Kopf schräg und betrachtete sein Werk. Die Silberklinge im Nacken des Opfers hinderte es nicht nur am Bewegen und Verwandeln, sondern verlangsamte auch den Heilungsprozess. Der Duft von frischem Blut reizte Gideons Nase und schürte die feurige Lust in seinen Lenden. Die Arme des Jungen waren schon fast verheilt, also brach er sie erneut und lauschte den erstickten Schreien.
Die geisterhafte Gestalt floss näher; die kristallblauen Augen leuchteten. »MEHR«, flüsterte er Gideon ins Ohr.
Ein Beben der Lust tanzte an seinem Rückgrat hinauf. Es war nichts Sexuelles, sondern der Durst nach Blut und Schmerz. Seine Haut glühte vor Hitze, als er die Spitze seines Jagdmessers an das Brustbein des Opfers setzte.
»JETZT.«
Gideon gehorchte. Mühelos teilte sich die Haut unter der Klinge – er hatte sie so scharf gemacht wie ein Rasiermesser. Sie schnitt ins Fleisch und kratzte über den Knochen darunter. Bevor die Wunde verheilen konnte, senkte er das Messer, packte den Brustkorb mit beiden Händen und riss ihn auseinander. Als die Rippen brachen, spritzte heißes Blut auf Gideons Gesicht und färbte die Buchrücken auf den Regalen in der Nähe rot. Das Blut war fast so gut wie die Beute, die in der Brust des Opfers verborgen lag und nun doppelt so schnell wie gewöhnlich schlug.
»NIMM ES«, drängte Ealund. »ES GEHÖRT DIR.«
Gideon schloss die Finger um das Organ und spürte die pulsierende Lebenskraft. Dann hob er es aus der Sicherheit des Brustkorbs heraus und riss es von allen Blutgefäßen ab. Er sah zu, wie das Leben aus den Augen des entsetzten Jungen wich, während er das Herz in Gideons Händen anstarrte.
»VERZEHRE DIE QUELLE SEINES VERLANGENS. SPÜRE DIE MACHT.« Ealunds wahnsinnige Stimme war rasend vor Ungeduld. »JETZT ! SOFORT !«
Das Herz tat seine letzten Schläge, während Gideon es an die Lippen hob. Das Fleisch war seidig und metallisch und mariniert in dem süßen Verlangen der Jugend. Die köstlichen, heißen Säfte rannen an Gideons Kinn hinunter, als er das junge, frische Herz verschlang.
»JA, JA«, krähte Ealund, streckte triumphierend die Arme aus, stieg höher in die Luft und schien fester und körperlicher zu werden.
Gideon war fertig. Er schaute hinunter auf den Klumpen blutigen Fleischs am Boden, der kein Junge und kein Opfer mehr war. Nun war er gar nichts mehr. Alles, was er gewesen war, hatte Gideon verzehrt. Er hatte nichts für Männer übrig, wenn sie lebten, und noch weniger, wenn sie tot waren.
»DAS HAST DU GUT GEMACHT, MEIN KIND«, verkündete Ealund. »ABER ICH BRAUCHE MEHR, UND ZWAR BALD.« Mit diesen letzten Worten zerstob Ealunds Vision und ließ Gideon allein zurück.
Aber er war niemals wirklich allein.
Er nahm den Rucksack von seinem Reinigungswagen und zog einen großen Plastikbeutel mit Reißverschluss heraus. Mit raschen, geübten Bewegungen zog er den blutdurchtränkten Overall aus, wickelte das Jagdmesser hinein und legte sie zusammen mit seinen Slippern und der Kappe in den Plastikbeutel.
Aus seinem Gepäck entnahm er einen weiteren Beutel mit einem feuchten Handtuch darin und wischte sich das Blut aus dem Gesicht und von den Händen; dann warf er das Handtuch zu der fleckigen Kleidung und verschloss den Beutel.
Er holte einen letzten dieser Plastikbeutel hervor, der einen sauberen Overall, Socken und eine Kappe enthielt, und zog alles an. Dann ging er in der Bibliothek herum, wischte hier und da und entfernte alle Spuren seiner Gegenwart, bis keine mehr übrig war. Nach einem letzten Blick in die Runde hob er seinen Rucksack auf, stellte ihn wieder in den Reinigungskarren und rollte ihn durch die Tür der Bibliothek; dann schloss er hinter sich ab. In fünf Minuten würde der Bibliothekar seinen Dienst beginnen. Heute wartete eine Überraschung auf ihn.
Gideon schob sich die Kappe tief in die Stirn und begab sich langsam und sorglos den Gang hinunter. Dabei pfiff er dieselbe Melodie, die auch der Junge gepfiffen hatte.

 

2 EIN SCHLECHTER TAG

 

Kitts Stiefelabsätze klapperten leise über den künstlichen Marmorboden der Haupthalle des NYAPS-Campus. Die Studenten der Akademie standen in Gruppen zusammen, winkten einander zu, unterhielten sich und lachten. Es war eine Weile her, seit sie selbst Studentin gewesen war, aber sie erinnerte sich noch gut an diese Zeit – und diesmal würde sie vor einer Klasse stehen. Kitt hatte ein flaues Gefühl im Magen, ihre Haut juckte, und ihr war übel. All diese Unannehmlichkeiten gingen rasch wieder vorbei, wurden aber ersetzt durch ein starkes Hungergefühl.
Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Vielleicht konnte sie sich in der Cafeteria noch etwas zu essen holen, bevor sie in ihr neues Büro ging und sich auf den Unterricht vorbereitete. In den einzelnen Gruppen befanden sich mehrere Animalier, aber keiner hatte das auffallende schwarze und silberweiße Haar einer Schneeleopard-Felierin.
Kitt hörte, wie sich die Studenten im Flüsterton unterhielten, als sie an ihnen vorbeiging. Vermutlich war es nur die Aufregung des ersten Tages, genau wie bei ihr.
Auch bei einem letzten, raschen Blick sah sie nirgendwo die beiden Zwillinge, obwohl Oberon ihr gesagt hatte, dass sie die Ferien im Reservat der Schar in den Adirondacks verbracht hatten. Vielleicht war es gut so; Kitt wusste nicht, ob sie ihnen schon begegnen wollte.
Die Zwillinge.
Ihre Töchter. Die Kinder, die sie nicht sehen durfte, weil sie sich mit ihrer eigenen Schar überworfen hatte.
Aber es waren keine Kinder mehr. Es waren junge Frauen.
Was sollte sie überhaupt zu ihnen sagen? Und was würden sie zu ihr sagen?
Als Kitt an der Trophäenvitrine vorbeiging, standen etliche Studenten davor und zeigten auf einen leuchtenden neuen Pokal, der ganz vorn auf dem Mittelbrett stand. Kitt blieb stehen und sah ihn sich genauer an. Er gehörte dem jüngsten Schattenkampf-Champion Mark Ambrosia. Selbst Kitt, die für gewöhnlich zu beschäftigt war, um über alle laufenden Ereignisse informiert zu sein, hatte von dem jungen Menschen gehört, der den Schattenkampf-Parcours wie im Sturm durchlaufen hatte.
Die Vitrine war beeindruckend; in ihr waren viele Fotos, Medaillen und Pokale ausgestellt. Die New Yorker Akademie besaß einen wohlverdienten guten Ruf als eine der besten Institutionen ihrer Art. Sowohl die sportlichen als auch die akademischen Leistungen zeugten von dem guten Unterricht, der hier gegeben wurde. Und genau das machte es für Kitt so aufregend, zur neuen Dozentin für paramenschliche forensische Medizin ernannt worden zu sein. Als Kitt die Aufzüge erreicht hatte, blickte sie an sich hinunter.
O nein !
Sie legte sich den schweren Wintermantel über den anderen Arm, drehte sich und betrachtete die dicken Matschflecken, die die Beine ihrer neuen Hose sprenkelten.
Na großartig.
Als sie den Aufzugknopf drückte, schob sie die Tasche an ihrer Schulter zur Seite. Der Riemen riss, und der Inhalt ihrer Tasche ergoss sich über den Boden. Einige Studenten in der Nähe kicherten, und Kitts Gesicht wurde ganz heiß. Wie peinlich. Hoffentlich saß von denen später keiner in ihrer Vorlesung.
»Ein schlechter Tag?«, dröhnte eine männliche Stimme über ihr, ein Schatten fiel auf sie.
Es war schön, Oberon DuPries freundliche Miene auf sich herablächeln zu sehen. Sie erwiderte sein Lächeln, während er ihr half, ihre verstreuten Habseligkeiten aufzuheben.
»Alles in Ordnung?«, fragte er und hielt ihr eine Bürste entgegen.
»Ich bin ein bisschen nervös«, gab sie zu. »Das ist mein erstes Mal vor einer Klasse.«
Er warf ihre Sachen in die Handtasche, die geöffnet auf dem Boden stand, und schloss Kitt in seine großen Arme. »Verdammt, es tut gut, dich hier zu sehen, Kitt.«
»Oberon, setz mich ab«, quiekte sie verlegen und schlug gegen seine Arme, die wie Eisenstäbe waren.
Er stellte sie wieder auf die Beine, wobei sein knielanger Ledermantel knirschte. »Ist das deine Art, dich bei dem Freund zu bedanken, der dir geholfen hat, diesen Job zu bekommen?«
Sie seufzte und schaute an seiner großen Gestalt hoch. »Es tut mir leid, dass ich meine schlechte Laune an dir ausgelassen habe. Du weißt, dass ich dich wie einen Bruder liebe, insbesondere seit …« Sie verstummte, denn sie wollte Dylans Ermordung nicht zur Sprache bringen. Sie war es leid, an den Tod zu denken. »Aber das hält dich nicht davon ab, eine Nervensäge zu sein.«
Er beugte sich zu ihr herunter, küsste sie auf die Wange und strahlte sie an, doch sie entdeckte eine Spur Traurigkeit in seinen Augen. Dylans Tod war für ihn genauso schwer zu ertragen wie für sie. Seit ihrer Kindheit waren sie die besten Freunde gewesen.
»Danke für deine Hilfe.«
»Gern geschehen«, sagte er und machte ein ernstes Gesicht. »Ich weiß, dass dein Unterricht erst in ein paar Stunden anfängt. Vorher könnte ich deine Hilfe bei einer bestimmten Sache gebrauchen.« Er fuhr sich mit der massigen Hand über das Ziegenbärtchen, das von seinem Kinn hing.
Ein schlechtes Zeichen.
Eine böse Vorahnung beschlich sie, und sie straffte die Schultern. »Was ist passiert?«
»Komm in mein Büro, und ich werde es dir zeigen.« In diesem Augenblick öffneten sich die Aufzugtüren, und der große Mann mit den Dreadlocks trat hinein. Plötzlich schien die Kabine sehr klein zu sein.
Nachdem sie sich ihren Abendkaffee über das Kleid gekippt, ihre neue, hübsche Hose mit Matsch beschmiert und den Inhalt ihrer Handtasche peinlicherweise über den Boden ausgebreitet hatte, konnte der Abend doch wohl nicht noch schlechter werden, oder?
Sie war hin- und hergerissen. Sie fühlte sich auf ihren ersten Unterricht nicht gut vorbereitet, und deshalb war sie sehr früh hergekommen. Aber jetzt bat Oberon sie um etwas, und sie schuldete ihm einen Gefallen.
Kitt seufzte. »In Ordnung, aber nur für ein paar Stunden.«
»Sicher«, sagte er und schwenkte einen Ausweis über einen Scanner im Aufzug. Dann drückte er einen der roten Knöpfe in der untersten Reihe unter dem »Nur für Mitarbeiter«-Zeichen.
Der Aufzug bewegte sich abwärts, denn der größte Teil der New Yorker Akademie für Paramenschliche Studien befand sich unter der Erde. Das war ein Entgegenkommen an die Nachtaktiven unter den Studenten. Die Gebäude waren vor dem RaMPA-Abkommen eine geheime Aeternus-Bastion gewesen, doch nun wurden sie sowohl von Menschen als auch von Paramenschen als Wissenszentrum genutzt.
»Sagst du mir jetzt endlich, was los ist?«, fragte sie, als die Kabine in die Tiefe fuhr.
»Ich bin erstaunt, dass du es nicht in den Nachrichten gehört hast«, sagte er, ohne sie anzusehen. »Oder zumindest auf deinem Weg hierher.«
»Vor dem Haupteingang war eine große Menschenmenge, deshalb habe ich den Seiteneingang genommen.«
Er schaute auf sie herunter. »Hier auf dem Campus ist ein Mord verübt worden.«
»Oberon, ich bin keine Gerichtsmedizinerin mehr«, sagte Kitt und schüttelte den Kopf.
»Ich brauche wirklich deine Hilfe. Es wird nur wenige Stunden dauern. Ich würde dich nicht darum bitten, wenn es nicht sehr wichtig wäre.« Er legte ihr die Hände auf die Schultern und senkte den großen Kopf. »Bitte.«
Verdammt. Wie konnte sie ihm jetzt noch widerstehen? Er hatte das B-Wort benutzt. Das tat er nicht sehr oft.
Der Aufzug kam zum Stillstand und öffnete sich in einen Aufenthaltsraum mit abgeschabten Polstersesseln und niedrigen Couchtischen. Auf einer alten Anrichte wurde eine Kanne mit einer Flüssigkeit warm gehalten, die hier als Kaffee bezeichnet wurde. Der Raum war völlig funktionell und nicht besonders einladend. Einige Wachmänner saßen herum, tranken Kaffee oder lasen Zeitung.
»He, Captain«, sagte der Wachmann hinter dem Tresen.
»Tom«, begrüßte Oberon ihn und legte die rechte Hand gegen eine kleine Tafel an der Wand. Es ertönte ein Klicken und ein Piepen, und dann wurde die Tafel, die vorhin noch rot gewesen war, plötzlich grün.
»Ein facimorphischer Test«, sagte er und bedeutete ihr, ebenfalls die Hand gegen die Platte zu drücken. »Jeder, der in dieses Büro tritt, muss ihn durchlaufen.«
Kitt hatte ihn schon mehrfach über sich ergehen lassen; ein Standardverfahren in den meisten Regierungsinstitutionen. Wie immer zuckte sie zusammen, als die Nadel durch ihre Haut stach.
Der Wachmann nickte ihnen zu, als Oberon die Tür öffnete, auf der »Leiter Sicherheitsabteilung« stand. Der Raum dahinter war spärlich und unspektakulär eingerichtet und passte nicht unbedingt zu Oberons Stil. Er trat hinter seinen Schreibtisch und grinste, als er die Hände um die Ecken der Platte schloss und auf einen verborgenen Knopf drückte. Summend glitt ein Teil der Wand beiseite und enthüllte eine Wendeltreppe.
»Komm«, sagte er. »Hier entlang.«
Sie stiegen in ein modernes Großraumbüro hinunter, das von verglasten Zimmern und Besprechungsräumen umgeben war. Hier gab es nur Leder, Chrom und Glas – ein starker Kontrast zu dem Aufenthaltsraum oben.
»Willkommen im Bunker«, sagte Oberon und trat ein. Er schüttelte sich den Mantel von den Schultern und hängte ihn an eine Garderobe.
Der Teppich dämpfte das Geräusch seiner schweren Springerstiefel. Mit seinem Iron-Maiden-T-Shirt, den schwarzen Jeans und dem breiten schwarzen Gürtel mit Stahlnieten und der massigen Harley-Davidson-Schnalle sah er aus wie ein Türsteher in einem Strip-Club für Motorradfahrer. Die gewundenen Linien und Punkte seiner Tätowierungen waren deutlich auf den nackten Armen sichtbar.
»Captain, Ihre heiße Schokolade.« Das freundliche Gesicht von Antonio Geraldi strahlte Kitt an, als er Oberon einen großen Becher in die Hand drückte. »Mit Extra-Marshmallows, so wie Sie es mögen.«
In Oberons fleischiger Faust sah der Becher winzig aus. »Danke.«

Über Tracey O'Hara

Biografie

Tracey O'Hara wuchs mit den Werken von Stephen King, Raymond E. Feist und J.R.R. Tolkien auf und entdeckte dabei ihre Liebe zu Abenteuerromanen und Paranormal Mysterys. Wenn sie nicht schreibt, liest oder Heavy Metal hört, verbringt sie Zeit mit ihrem Mann, zwei Söhnen und drei Katzen. Sie lebt in...

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