Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Rumo & Die Wunder im Dunkeln

Rumo & Die Wunder im Dunkeln

Ein Roman in zwei Büchern

Taschenbuch
€ 14,00
€ 14,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Rumo & Die Wunder im Dunkeln — Inhalt

Rumo – der Wolpertinger aus Walter Moers’ Bestseller »Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär« – macht sich selbstständig und geht seinen Weg: Wie er kämpfen und lieben lernt, Feinde besiegt, Freunde gewinnt und das Böse kennenlernt und wie er schließlich auszieht, um das größte Abenteuer seines Lebens zu bestehen, davon erzählt das bislang spannendste, ergreifendste und komischste Werk von Walter Moers. – »Es gibt Wunder, die müssen im Dunkeln geschehen« (Professor Doktor Abdul Nachtigaller).

€ 14,00 [D], € 14,40 [A]
Erschienen am 01.08.2004
704 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-24177-9

Leseprobe zu »Rumo & Die Wunder im Dunkeln«

Rumo konnte gut kämpfen.


Aber zu dem Zeitpunkt, an dem seine Geschichte beginnt, hatte er
davon noch keine Ahnung, und er wußte auch nicht, daß er ein Wolpertinger
war und einmal der größte Held von Zamonien werden sollte.
Er hatte weder einen Namen noch die kleinste Erinnerung an seine
Eltern. Er wußte nicht, woher er kam und wohin er gehen würde, sondern
nur, daß der Bauernhof, auf dem er aufwuchs, sein Königreich war.
Jeder Morgen begann für Rumo damit, daß sich die ganze Bauernfamilie,
eine siebenköpfige Schar von Fhernhachenzwergen, um sein
Körbchen [...]

weiterlesen

Rumo konnte gut kämpfen.


Aber zu dem Zeitpunkt, an dem seine Geschichte beginnt, hatte er
davon noch keine Ahnung, und er wußte auch nicht, daß er ein Wolpertinger
war und einmal der größte Held von Zamonien werden sollte.
Er hatte weder einen Namen noch die kleinste Erinnerung an seine
Eltern. Er wußte nicht, woher er kam und wohin er gehen würde, sondern
nur, daß der Bauernhof, auf dem er aufwuchs, sein Königreich war.
Jeder Morgen begann für Rumo damit, daß sich die ganze Bauernfamilie,
eine siebenköpfige Schar von Fhernhachenzwergen, um sein
Körbchen versammelte, sich an dem schlafenden Welpen entzückte und
ihn mit einem süßen Fhernhachenlied weckte. Anschließend überschütteten
sie ihn mit Zärtlichkeiten. Sie kraulten ihn hinter den Ohren,
wiegten ihn im Arm, streichelten sein Fell und knuddelten die Wülste in
seinem Nacken, was er mit wohligem Grunzen quittierte. Wohin Rumo
auf seinen vier unbeholfenen Beinchen auch torkelte, sofort war er das
Zentrum der Aufmerksamkeit. Man bejubelte jede seiner Aktivitäten,
und man tätschelte und kraulte ihn sogar dafür, daß er über seine
eigenen Pfoten stolperte. Für Rumo wurde die frischeste Milch zur Seite
gestellt, die knusprigsten Würstchen in der Holzkohle gegrillt, der kühlste
Platz im Schatten und der wärmste am Ofen reserviert. Wenn er sein
Mittagsschläfchen hielt, ging alles auf Zehenspitzen, und wenn er
gähnend daraus erwachte, stärkte man ihn mit warmem Apfelkuchen,
Kakao und süßer Sahne. Immer fand sich jemand, der bereit war, mit
Rumo zu spielen, zu balgen oder sich von ihm mit seiner zahnlosen
Schnauze beißen zu lassen. Abends dann, wenn Rumo sich müde getobt
hatte, striegelten sie sein Fell mit weichen Bürsten und sangen ihn in
den Schlaf. Ja, Rumo war der heimliche Herrscher des Bauernhofes.
Es gab viele andere Tiere auf dem Hof, Milchkühe, Ackergäule und
Sumpfschweine, die alle größer, stärker oder nützlicher waren als
Rumo, von denen aber keines eine vergleichbare Beliebtheit genoß. Die

einzige Kreatur, die Rumos Alleinherrschaft nicht respektierte, war eine
schwarze Gans, die ihn mit ihrem langen Hals um die doppelte Körperlänge
überragte und immer gemein zischte, wenn er in ihre Nähe kam.
Also ging er ihr so weit wie möglich aus dem Weg.
Eines Morgens wurde Rumo in seinem Körbchen nicht vom süßen
Gesang der Fhernhachen geweckt, sondern von einem stechenden
Schmerz. Er spürte etwas Fremdartiges in seinem Maul. Das Innere
seiner Schnauze war für ihn bisher ein schleimiges Feuchtgebiet, in dem
die Zunge nur über runde, weiche und glatte Formen glitt – aber jetzt
war da etwas Neues, etwas Beunruhigendes. Im oberen Gaumenbereich,
nicht weit hinter der Oberlippe, spannte sich das Zahnfleisch: Ein spitzes,
höckerförmiges Ding schien darunter zu wachsen und diesen pulsierenden
Schmerz zu verursachen, der Rumo überhaupt nicht behagte.
Er entschied, seine Unpäßlichkeit einer breiteren Öffentlichkeit mitzuteilen,
um entsprechend bedauert und mit Zärtlichkeiten überschüttet
zu werden.


Aber es war niemand in der Nähe. Er mußte sich schon zur Scheune
bemühen, wo die Fhernhachen zu dieser Zeit meist damit beschäftigt
waren, aus für Rumo unerfindlichen Gründen, mit Stroh um sich zu
werfen. Der Weg zur Scheune war, das wußte er aus Erfahrung, mit
Dornen gepflastert: Quer durch die Küche, über die Veranda mit den
gefährlichen Holzsplittern, die Treppe hinab, über den matschigen Hof
an der blöden Gans vorbei, um die Tränke herum, wo immer Sumpfschweinkot
lag – das war eine anstrengende Strecke, die sich Rumo
gewöhnlich von einem der Fhernhachenkinder tragen ließ. Wenn er
sich doch bloß nicht auf allen vieren bewegen müßte und dabei immer
über seine Beine stolpern würde! Wie schön wäre es, wenn er, wie die
Fhernhachen, auf zwei Beinen laufen könnte.
Rumo kletterte aus dem Körbchen, stellte sich auf die Hinterbeine
und richtete ächzend seinen Oberkörper auf. Er schwankte einmal nach
rechts, einmal nach links und stand dann aufrecht wie ein Zaunpfahl.
He! Das war leicht!
Er marschierte vorwärts wie ein ausgewachsener Fhernhache. Stolz
erfüllte ihn, eine brandneue und beflügelnde Empfindung. Ohne auch
nur ein einziges Mal zu straucheln, stapfte er durch die ganze Küche,
stieß die angelehnte Tür auf und schaffte es sogar, die vier Stufen der
Verandatreppe hinabzusteigen. Breitbeinig stakste er über den Hof. Die
Morgensonne wärmte sein Fell, die Luft war kühl und erfrischend.

Rumo atmete tief durch, stemmte die Vorderpfoten in die Hüfte und
passierte die schwarze Gans, der er plötzlich an Körpergröße ebenbürtig
war. Sie wich zurück, sah ihn verdutzt an und wollte ihm etwas Gemeines
hinterherzischeln, aber vor Schreck fehlte ihr die Spucke. Rumo
würdigte sie keines Blickes, er schritt einfach unbeirrt voran. Er war so
groß und zufrieden wie noch nie in seinem Leben.
Rumo blieb stehen, um das Sonnenlicht auf seinem Fell zu genießen.
Er blinzelte ins blendende Licht und machte die Augen zu, und da war
sie wieder, die Welt, die sich ihm immer offenbarte, wenn er die Augen
schloß. Es war die Welt der Gerüche, die vor seinem inneren Auge in
Hunderten von Farben waberte und wehte: dünne Bahnen aus rotem,
gelbem, grünem und blauem Licht, die wirr durcheinanderflatterten.
Die grüne Bahn gehörte dem üppigen Rosmarinstrauch, der gleich neben
ihm wucherte, die gelbe dem köstlichen Zitronenkuchen, der in der
Küche gebacken wurde, die rote dem Rauch des schwelenden Komposthaufens.
Blau war die frische Morgenbrise, die den Geruch des nahen
Meeres herantrug, und da waren noch viele, viele andere Farben, auch
häßliche, schmutzige, wie die braune Fahne des Kotes, in dem sich das
Sumpfschwein wälzte. Aber was Rumo wirklich erstaunte, war eine
Farbe, die er vorher noch nie gerochen hatte: Hoch oben über all diesen
ländlichen Gerüchen wehte ein silbernes Band. Es war dünn und zart,
ein Faden eigentlich nur, aber er sah es deutlich mit seinem inneren
Auge.
Eine seltsame Unruhe ergriff Rumo, eine unbestimmte Sehnsucht und
der bislang nie verspürte Wunsch, alles hinter sich zu lassen und alleine
in die Ferne zu ziehen. Er mußte tief Luft holen, und ein Schauer überlief
ihn, so mächtig und schön war das Gefühl, das sich in ihm erhob.
Auf dem Grunde seines kleinen kindlichen Herzens spürte Rumo:
Wenn er diesen Faden zur Richtschnur seines Weges machen und der
Witterung bis zu ihrem Ursprung folgen würde, dann erwartete ihn dort
das Glück.


Aber zunächst mußte er in die Scheune, um sich zu beschweren.
Er öffnete die Augen wieder und marschierte weiter. Als er vor dem
großen roten Vorhang stand, der das Sonnenlicht davon abhielt, das
Stroh in der Scheune auszutrocknen oder gar in Brand zu setzen, hielt
er inne. Ein neues, merkwürdiges Gefühl hatte ihn veranlaßt, seinen
Triumphmarsch zu unterbrechen: Seine Knie waren weich geworden,
und er mußte gegen den Impuls ankämpfen, sich wieder auf alle viere
zu begeben. Das Blut schoß ihm in den Kopf, seine Vorderpfoten zitterten,
und der Schweiß trat ihm auf die Stirn.
Rumo wußte nicht, daß der Vorhang einen neuen Abschnitt in seinem
Leben markierte, daß er dabei war, sich von seinem tierischen Erbe
zu lösen. Er wußte auch nicht, daß man ihn in Zukunft mit ganz anderen
Augen betrachten würde, wenn er jetzt auf zwei Beinen durch den
Vorhang trat, weil ein aufrecht gehender Wolpertinger mit wesentlich
mehr Respekt behandelt wird als ein wilder. Aber Rumo spürte, daß sein
Auftritt in der Scheune von Bedeutung war. Sein kleines Herz klopfte
wild. Er war verwirrt und eingeschüchtert von der eigenen Courage:
Rumo hatte Lampenfieber.
Er machte das, was auch jeder Schauspieler tut, wenn ihn diese
Form von Nervosität heimsucht: Er spionierte durch den Vorhang, um
zu sehen, was das Publikum treibt. Rumo steckte vorsichtig seinen Kopf
durch den Spalt und sah ins Innere der Scheune.
Es war dunkel darin, und seine vom Sonnenschein geblendeten
Augen benötigten einen Moment, um sich auf die neuen Verhältnisse
einzustellen. Zuerst erkannte er nur klobige Schatten von Holzgebälk
und Strohballen, dazwischen breite Lichtstrahlen, die schräg durch die
Scheunenfenster einfielen. Er blinzelte noch einmal und erkannte
dann, daß die Vorgänge in der Scheune in keiner Weise seinen Erwartungen
entsprachen: Die Fhernhachen waren nicht damit beschäftigt,
Stroh in Säcke zu stopfen. Vielmehr waren große, gehörnte, schwarzfellige
und einäugige Gestalten damit beschäftigt, die Fhernhachen in
Säcke zu stopfen.


Das bekümmerte Rumo aber zunächst wenig. Er war es gewohnt, daß
sich in der Welt der Großen täglich Unerklärliches ereignete. Erst vor
ein paar Tagen hatte man ein Kamedar auf den Hof gebracht – was für
ein Aufstand! Alle waren durcheinandergelaufen wie die Hennen beim
Gewitter, und das Kamedar blökte stundenlang, als hätte es den Verstand
verloren. Mittlerweile stand es Heu mampfend und angepflockt an einen
Freßkoben und war zur langweiligen Alltäglichkeit geworden. Auch
die Riesen jagten Rumo keine Angst ein. Auf einem fhernhachischen

Bauernhof gab es Lebewesen, die sich, was Häßlichkeit anging, durchaus
mit ihnen messen konnten: Der Anblick eines Ornischen Sumpfschweins
zum Beispiel war nur zu ertragen, wenn man wußte, wie vorzüglich
es schmeckte, wenn man es von seiner Warzenhaut befreit und
am Spieß gebraten hatte. Es gab etwas in den Gesichtern der Gehörnten,
was sie von der Häßlichkeit von Sumpfschweinen unterschied: die
Bosheit, die in ihren Augen funkelte. Dieses Funkeln konnte Rumo nicht
deuten, denn dazu fehlte ihm die Erfahrung. Er wußte nicht einmal, was
Bosheit überhaupt war. Also trat er in die Scheune. Das Lampenfieber
fiel von ihm ab und wich einer eiskalten Ruhe. Rumo wurde zum ersten
Mal Zeuge seiner Fähigkeit, in einer angespannten Situation eine beinahe
unnatürliche Gelassenheit zu bewahren. Er ging einen Schritt nach
vorn und räusperte sich in der Art der Wolpertinger: Er schnaufte zweimal
wichtigtuerisch durch die feuchte Nase.
Rumo mußte feststellen, daß sich dennoch niemand um ihn kümmerte.
Die Riesen in der Scheune gingen unbeeindruckt ihrer Beschäftigung
nach, Fhernhachen in Säcke zu stopfen, und die Fhernhachen
stöhnten und wimmerten dazu. Rumo war beleidigt. Man ignorierte ihn
– ihn, der auf zwei Beinen gehen konnte. Ihn, der den Schmerz in der
Schnauze trug.
Und plötzlich wußte er, was zu tun war: Rumo würde sprechen. Er
hatte auf Anhieb laufen gelernt, also würde ihm auch das gelingen.
Zwei Sätze wollte er sagen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken:
Erstens: »Ich kann gehen!«
Zweitens: »Meine Schnauze tut weh!«
Dann würden sie ihm schon Beachtung schenken und ihn mit
Zuwendung überschütten. Rumo machte den Mund auf, holte tief Luft
und sprach zwei Sätze:
»Graa gra raha!«
»Raaha ragra ha gra!«
Das war nicht genau das, was ihm vorgeschwebt hatte, aber es kam
aus seinem Mund, klang gut und zeigte Wirkung. Die Schwarzfelligen
hörten auf, Fhernhachen in Säcke zu stopfen. Die Fhernhachen hörten
auf zu jammern. Alle Augen richteten sich auf Rumo.
Seine Beine wurden plötzlich zittrig und sein Hintern bleischwer.
Einen Augenblick rang er noch um das Gleichgewicht, dann kippte er
nach hinten und setzte sich in den Staub. Rumo hatte eine neue Erfahrung
gesammelt: den ersten großen Fehler seines Lebens gemacht zu
haben. Einer der Zyklopen stapfte auf ihn zu, packte ihn bei den Ohren
und steckte ihn in einen Sack.


Teufelsfelszyklopen sind eine bösartige Zyklopengattung, die ausschließlich
auf den Wandernden Teufelsfelsen beheimatet ist. Es gilt als
wissenschaftlich ungenau, sie den Vertretern der zamonischen Piraterie
zuzuordnen, da Piraten sich nach exakter Definition ausschließlich
auf Schiffen fortbewegen und sich zumindest den Gesetzen der Navigation
unterwerfen. Die Teufelsfelszyklopen aber bewegen sich auf einem
Erzeugnis der Natur fort, nämlich den legendären Teufelsfelsen, einem
schwimmfähigen Gemisch aus Sauerstoff und Mineralien von der
Größe eines Häuserblocks, und sie unterwerfen sich überhaupt keinem
Gesetz – außer dem der Natur. Sie lassen sich auf ihrem hohlen Felsen
von den Gezeiten umhertreiben und verbreiten überall dort Angst und
Schrecken, wo der Zufall sie hinspült.
Wenn man einen durchschnittlichen Zamonier fragte, welchem
Schicksal er auf keinen Fall anheimfallen möchte, dann war die häufigste
Antwort: Gefangener der Teufelsfelszyklopen zu werden. Es gab Kapitäne,
die ihr eigenes Schiff versenkten, nur weil sie die Wandernden
Teufelsfelsen am Horizont gesichtet hatten. Sie zogen es vor, mitsamt
ihrer Mannschaft zu ertrinken, um nicht zur Beute dieser Ungeheuer zu
werden. Keine Küstenregion war vor ihnen sicher. Fast jede Stadt, die
sich in der Nähe des Meeres befand, wurde im Laufe der Jahrhunderte
von ihnen heimgesucht.


Die Wandernden Teufelsfelsen waren ursprünglich ein Riesenbrocken
Lava, den ein unterirdischer Vulkan vor vielen tausend Jahren
in die Tiefsee erbrochen hatte. Dort erkaltete er und stieg dank des eingeschlossenen
Sauerstoffs an die Meeresoberfläche auf. Von der Wasseroberfläche
betrachtet, machten sie den Eindruck von vereinzelten
steil aufragenden Felseninseln, waren aber, einem Eisberg vergleichbar,
ein zusammenhängendes Gebilde, das nur seine Spitzen sehen ließ und
dessen größter Teil sich unter Wasser befand. Es war nicht bekannt,
wie und wann die Zyklopen diese schwimmende Insel besiedelt hatten,
es mußte sich aber, nach den Berichten und Stadtchroniken über Heimsuchungen
durch Vandalen zyklopischer Herkunft zu urteilen, schon
vor einigen hundert Jahren zugetragen haben. Vermutlich hatte eine
Sippe von ihnen den gestrandeten Felsen an der Küste Zamoniens gesichtet,
ihn bestiegen und war dann von der Flut überrascht und mit
ihm aufs Meer gespült worden.
Anscheinend überließen sich die Zyklopen dem Schicksal und unternahmen
keinen Versuch, den Weg ihrer schwimmenden Insel zu beeinflussen.
Sie waren zu wenig erfinderisch, um ihr bizarres Gefährt
etwa mit Segeln, Rudern oder Ankern auszustatten, und so blieb es den
Gezeiten und Meeresströmungen überlassen, zu bestimmen, an welchen
unglücklichen Gestaden es landete. Ließ eine günstige Strömung
die Zyklopen irgendwo auflaufen, begaben sie sich unverzüglich an
Land, überfielen Städte und Dörfer und nahmen Gefangene, bis die
Fluten ihre schwimmende Insel mit sich rissen.
Das war – in groben Zügen – die nicht besonders herzerwärmende
Geschichte der Teufelsfelszyklopen. Und diesmal waren sie an der Küste
von Fhernhachingen gestrandet.
Selbst als Rumo im Sack steckte, ahnte er nichts Böses. Er war es gewohnt,
von Lebewesen, die ihm als Riesen erschienen, aus unergründlichen
Motiven gepackt und herumgetragen zu werden. Der Sack war
nur eine neue Variante.


Echte Sorgen bereiteten ihm seine Zahnschmerzen. Anhaltender
Schmerz war etwas, das nicht in sein behagliches Weltbild paßte. Er
hatte schon gelegentlich Schmerzen ertragen müssen, aber die waren
nie von Dauer gewesen: Ein Sturz auf die Nase, ein Verandasplitter in
der Pfote. Dieser neue Schmerz aber war nicht vorübergehend, er wuchs
und wurde immer stärker. Mehr noch: An einer anderen Stelle seines
Mauls begann eine ähnliche Tortur. Aber dennoch blieb Rumo still und
rührte sich kaum.


Die Zyklopen, die auf den Teufelsfelsen zurückgeblieben waren, hatten
schon seit einigen Tagen bemerkt, wie die Wellen an ihrer Behausung
zerrten. Es konnte sich nur noch um wenige Stunden handeln, bis sie
wieder auf hoher See trieben. Nervös beobachteten sie die Klippen der
Landzunge, vor der sie im Schlick steckten. Fast alle Zyklopen waren von
ihren Beutezügen zurückgekehrt, nur ein Dutzend fehlte noch.
Ein schauriger Ton, fast wie ein Schrei, drang durch den Nebel, der
zwischen Meer und Festland waberte. Es war das Posaunen eines
Muschelhorns, und in den Ohren der Zyklopen klang es wie Musik.
Endlich: Das versprengte Dutzend kehrte zurück.
Die einäugigen Vandalen erschienen auf den Klippen und hielten
triumphierend die prall gefüllten Säcke hoch, in denen, wie sie mit
Genugtuung feststellten, die Beute immer noch heftig zappelte.
Beim Versuch, sich das Schlimmste vorzustellen, was ein Lebewesen
einem anderen antun kann, kommt man – falls man tatsächlich die
Nerven hat, diesen Gedanken zu Ende zu denken – vielleicht zu folgendem
Ergebnis: jemanden bei lebendigem Leib aufzufressen. Ein Ornisches
Sumpfschwein möglichst schnell und schmerzfrei zu töten, ihm seine

häßliche Warzenhaut abzuziehen, es mit Rosmarin zu füllen und an
einem Drehspieß zu braten, das war in Ordnung, darauf hatten sich die
meisten Zamonier – Vegetarier ausgenommen – geeinigt. Dem Schwein
hingegen bei lebendigem Leib das pochende Herz aus dem Leib zu
schneiden und zu verschlingen: das war gar nicht in Ordnung, es gab
sogar entsprechende Gesetze zu diesem Thema. Natürlich hielten sich
nicht alle an diese Gesetze, Wer- und Laubwölfe zum Beispiel, und noch
ein paar andere Daseinsformen der unsensibleren Sorte. Wer sich aber
mit Abstand am weitesten von der allgemeinen Abmachung, keine
lebendigen Wesen zu essen, entfernte, das waren die Teufelsfelszyklopen.
Den Einäugigen schmeckte es nur, wenn das, was sie fraßen, sich dabei
noch bewegte.


Waren sie auf hoher See, fraßen sie lebenden Fisch. Kaperten sie
ein Schiff, dann fraßen sie lebendige Matrosen, Piraten, Passagiere, Kapitäne
und noch die letzte Ratte, Kakerlake und Made im Laderaum.
Strandeten sie an Land, verspeisten sie lebendige Zamonier. Es spielte
dabei kaum eine Rolle, welcher Daseinsform die Beute angehörte, die
Zyklopen waren in dieser Hinsicht nicht wählerisch – sie hätten eine
Waldspinnenhexe gefressen, wenn sie dabei nur ordentlich zappelte.
Die Einäugigen beurteilten die Qualität ihrer Nahrung in erster Linie
nach dem Grad ihrer Lebhaftigkeit.
Sie hatten raffinierte Techniken entwickelt, ihre Opfer so aufzufressen,
daß diese dabei möglichst lange am Leben blieben. Sie verschonten
die lebenswichtigen Organe wie Herz, Hirn, Olgen und Bräse bis zum
Schluß, aber die fraßen sie schließlich auch, einschließlich der Fußnägel,
Knochen, Schuppen, Augen, Wimpern und Fühler. Besonders wichtig
war es für die Zyklopen, die Organe und Innereien, die zur Hervorbringung
von Lauten wichtig sind, so lange wie möglich intakt zu halten:
Zunge, Kehlkopf, Lungenflügel und Stimmbänder galten als größte
Leckerbissen, die man sich für die Krönung des Mahls aufhob. Ein
Schrei, ein Stöhnen oder ein Wimmern war wie eine Prise Salz, wie ein
Hauch von Knoblauch oder das Aroma eines Lorbeerblatts: Bei den
Zyklopen aß nicht nur das Auge mit, sondern auch das Ohr.
Sie unterteilten ihre Nahrung in drei Kategorien: In die unterste, nur
in Notlagen akzeptierte, fielen Wesen, die zwar lebten, aber sich kaum
bewegten und keine Laute hervorbringen konnten: Miesmuscheln, Austern,
Schnecken und Quallen zum Beispiel. Zur mittleren Kategorie
zählten Tiere, die zwar nicht schreien, aber dafür ordentlich zappeln
konnten: Fische jeder Art, Oktopusse, Hummer, Krabben und Seespinnen.
In die obere Kategorie gehörten alle Wesen, die sprechen,

schreien, brüllen, quieken, krähen, zwitschern, meckern oder sonstwie
Geräusche hervorbringen konnten, deren Ursache Todesangst war. Ob
Nattifftoffe oder Biber, Fhernhache oder Wolpertinger, Küstenzwerg,
Möwe oder Schimpanse – das war den Zyklopen egal. Hauptsache, die
Speise krakeelte auf ihre Art möglichst laut, während man sie fraß.
Hätten die Fhernhachen in ihren Säcken geahnt, welch appetitanregende
Wirkung ihr Strampeln und Jammern auf die Zyklopen ausübte,
wären sie alle so still geblieben wie Rumo, der sich immer noch fragte,
wann das seltsame Spiel, das man mit ihm trieb, sein Ende finden sollte.
Als Rumo schließlich sein muffiges Gefängnis verlassen durfte, fand
er es am erstaunlichsten, daß er nicht mehr auf dem Bauernhof war. Er
bemerkte zu seiner großen Verwunderung, daß der Boden unter ihm
schwankte. Aber er war auch gleich wieder beruhigt, denn seine Familie
war komplett versammelt, und auch die riesigen Einäugigen erkannte er
wieder. Der Boden schwankte, war uneben und glitschig, und dennoch
ging Rumo aufrecht. Aber er begriff nicht, warum niemand davon
Kenntnis nahm und ihn dafür lobte. Nicht einmal seine eigenen Leute
beachteten ihn – sie benahmen sich überhaupt sehr seltsam. Ihre sonst
so freundlichen Gesichter hatten sich in Grimassen verwandelt, und einigen
lief ständig Wasser aus den Augen. Rumo fragte sich, wo eigentlich
sein Körbchen war. Man war doch nicht etwa ohne sein Körbchen
verreist? Nein, das war unmöglich. Er hatte jetzt endgültig genug von
dem Spiel, er wollte etwas Ordentliches zu essen, ein Schlaflied und ein
kleines Nickerchen.


Die Fhernhachen betrachteten die Ereignisse aus einer anderen
Perspektive: Sie kannten die Gerüchte von den Teufelsfelsen, manche
von ihnen hatten Großeltern oder andere Verwandte gehabt, die von
Zyklopen verschleppt worden waren. Sie wußten, was ihnen bevorstand,
wenn nicht ein Wunder geschah.
Für die Zyklopen hingegen war die ganze Angelegenheit weder rätselhaft
noch tragisch, sondern einfach erfreulich: Sie füllten gerade ihre
Speisekammer. Von einem erfolgreichen Beutezug heimgekehrt, ging es
wieder auf wilde See, einem herrlichen und freien Leben entgegen.
Rumo wurde zusammen mit den Fhernhachen in eine große
Grotte im Zentrum der Teufelsfelsen getrieben, der für die Zyklopen der

schönste Raum ihrer Insel war. Hier bewahrten sie ihre Lebensmittel
auf, hier ging man morgens als erstes hin, um sich sein Frühstück zu
holen, und abends als letztes, um das Nachtmahl zusammenzustellen.
Manche kamen auch mitten in der Nacht, schlaftrunken, aber ganz
wild auf einen kleinen ungesunden Mitternachtsimbiß.
An den Wänden der riesigen Höhle waren Ringe eingelassen, an denen
die Fhernhachen befestigt wurden, mit Ketten um Hals, Arme
oder Beine. In ausgehauenen Gruben im Boden stand hoch das Salzwasser,
in dem sich fette Fische und Oktopusse drängelten. In Käfigen
saßen wilde Tiere, Luchse, Bären und Löwen. Zahme Haustiere wie
Schweine, Hühner oder Kühe liefen frei umher, zurückgehalten durch
ein hohes engmaschiges Holzgatter, das die Zyklopen vor die Grotte
schoben. In Steinkübeln und Tonkrügen voller Salzwasser krabbelten
Hummer und Langusten über- und untereinander, oder es wurden
Austern darin gehortet. Wenn es auf den Teufelsfelsen an etwas nicht
mangelte, dann an lebendiger Verpflegung.
In dieser Nacht machte Rumo, wie die meisten anderen Gefangenen
in der Grotte, kein Auge zu. Der schwankende Boden, die hin- und
herschwappenden Wasserpfützen, das Gejammer, Heulen, Winseln,
Gackern und Schreien der anwesenden Kreaturen – nie zuvor hatte
Rumo solch unkomfortable Schlafbedingungen erdulden müssen.
Man ließ ihn frei herumlaufen, offenbar zählte man ihn zur Kategorie
der harmlosen Haustiere. Am erschütterndsten fand Rumo, daß die
Fhernhachen kaum Notiz von ihm nahmen, wenn er sich zwischen sie
kuscheln wollte. An die Wand gekettet, weinten sie in einem fort.
Rumo war beleidigt und lief auf der Suche nach anderweitiger Zuneigung
in der Höhle umher. Aber überall herrschte eine ähnlich deprimierende
Atmosphäre: Niemand wollte mit ihm spielen, jeder war mit
sich selbst beschäftigt, allerorten wurde gejammert und geschluchzt.
Schließlich verzog sich Rumo in eine Felsnische von ungefähr einem
Meter Durchmesser mit engem Eingang, eine dicke runde Luftblase im
Lavagestein, die Schutz vor dem umherspritzenden Wasser versprach. Er
rollte sich zusammen und schloß die Augen – aber dadurch empfand er
den Seegang nur noch intensiver, also öffnete er die Augen wieder und
blieb einfach im Dunkeln liegen, nun auch so traurig und ängstlich wie
alle anderen.


Es wurde die längste und schlimmste Nacht in Rumos bisherigem
Leben. Alle naselang kam ein Zyklop in die Grotte und holte sich etwas
zu essen: ein Huhn, einen Hummer, ein Schwein oder einen Fhern-

hachen. War es ein Schwein, gab es Gequieke, war es ein Huhn, gab es
Gegacker, war es ein Fhernhache, gab es Geschrei – unmöglich, unter
solchen Umständen ein Auge zuzutun.
Am lautesten wurde es, als ein Zyklop ausgerechnet Appetit auf einen
Löwen bekam. Rumo hatte noch nie zuvor einen Löwen gesehen, aber er
spürte, daß es sich bei diesem goldmähnigen Wesen im größten Käfig
um eine stolze und gefährliche Kreatur handelte. Als der hungrige
Zyklop am Käfig hantierte, gab der Löwe Laute von sich, die jeden in der
Grotte erschaudern ließen. Es war ein tiefes Grollen, das eher von einer
Naturkatastrophe als von einem Lebewesen zu stammen schien, ein
Geräusch, von dem man sich, falls man einigermaßen bei Verstand war,
so weit wie möglich entfernte. Der Zyklop aber gähnte nur und betrat
ohne Zögern den Käfig. Das Grollen ging nun in ein Gebrüll über, das
die Wände der Grotte erbeben ließ. Der Zyklop machte eine schnelle
Bewegung in Richtung des Löwen und faßte ihm ins Genick. Mit der anderen
Hand wickelte er den Schwanz der Riesenkatze um sein Handgelenk,
dann warf er sie sich wie einen Kohlensack über die Schulter und
stapfte hinaus.


Rumo rollte sich wieder zusammen. Neben dem ständigen Lärm hielt
ihn auch der Schmerz in seinem Maul vom Schlafen ab. Zwei neue
Stellen, an denen sich das Zahnfleisch spannte, waren hinzugekommen,
was ihm fast noch mehr angst machte als die Vorgänge in der
Grotte. Die ganze Welt war von einem Tag auf den anderen feindselig
geworden – sogar sein eigener Körper wandte sich gegen ihn. Er winselte
noch ein bißchen, und jetzt kullerten sogar ihm ein paar Tränen aus den
Augen. Erst am frühen Morgen fiel Rumo in einen kurzen unruhigen
Schlaf voller wilder Albträume.


Als Rumo erwachte, stellte er zunächst fest, daß der Boden nicht mehr
so sehr schwankte. Sein Fell war naß vom herabtropfenden Wasser. Er
mußte dringend seine Blase erleichtern, was er außerhalb der Felshöhle,
die er zu seinem neuen Heim erklärt hatte, erledigte. Dann nahm er
einen Kontrollgang vor, um zu überprüfen, ob sich die Dinge zum Besseren
gewendet hatten. Vielleicht wollte jetzt jemand mit ihm spielen.
Auf den ersten Blick sah es nicht danach aus. Es herrschte gerade
Frühstückszeit, schlechtgelaunte Zyklopen stapften grunzend durch die
Grotte und wählten die Zutaten für die erste Mahlzeit des Tages aus. Die
meisten bevorzugten Schweine zum Frühstück, das Quieken war ohrenbetäubend.
Ein Zyklop hatte sich für Oktopus entschieden. Er fischte
einen gewaltigen achtarmigen Tintenfisch aus einem Becken und geriet

sofort mit ihm in eine Auseinandersetzung, sehr zur Belustigung seiner
Kumpane. Der Oktopus schlang seine Arme um den Körper des Einäugigen,
um dessen Beine und Hals, überall sogen sich die Saugnäpfe
schmatzend fest. Der Zyklop geriet ins Wanken, stolperte und stürzte zu
Boden, während seine Kollegen den Kopf in den Nacken warfen und
gurgelnde Geräusche von sich gaben – nun wußte Rumo, wie Zyklopen
lachen. Schwerfällig erhob sich der gestürzte Riese, packte einen der
Tintenfischarme und riß ihn kurzerhand ab. Der Oktopus lockerte
seinen Griff, aber für Demutsgesten war es zu spät. Der Zyklop nahm
drei Arme des Tintenfischs auf einmal in beide Fäuste und schleuderte
ihn in der Art eines Hammerwerfers um sich herum. Dann klatschte er
ihn an die Grottenwand, wo er zerplatzte wie ein Tintenfaß und seine
schwarze Flüssigkeit über alle verteilte, die das Pech hatten, sich in der
Nähe zu befinden. Rumo mußte sich übergeben.
Nachdem die Zyklopen endlich ihre Speisekammer verlassen hatten,
begab sich Rumo auf zitternden Beinen zu einer Wasserpfütze, um seinen
Mund auszuspülen. Er war so eingeschüchtert, daß er wieder dazu
übergegangen war, auf allen vieren zu gehen – es erschien ihm sicherer.
Das Wasser war lauwarm, salzig und schmeckte nach Fisch. Beinahe
hätte sich Rumo zum zweiten Mal übergeben, da bemerkte er etwas
Erfreuliches: An einer Stelle seiner Schnauze hatte der Schmerz aufgehört.
Statt dessen war da jetzt ein spitzes glattes Gewächs, das sich
fremd und seltsam, aber irgendwie gut anfühlte, als er es mit seiner
Zunge erkundete. Die anderen Stellen schmerzten noch, aber nachdem
sich die eine in etwas so Schönes verwandelt hatte, beunruhigten sie
Rumo nicht mehr so sehr.
Jetzt war auch er hungrig. Er fand einen Trog mit klebrigem Brei
und fraß etwas davon, zunächst widerwillig, dann immer gieriger, als
er merkte, daß das hohle Gefühl in seinem Magen verschwand. Dann
kroch er wieder zurück in seine winzige Höhle, um seinen ersten
Zahn einer genauen Inspektion zu unterziehen. Immer wieder betastete
Rumo mit seiner Zunge den neuen Besitz in seinem Maul. Er fühlte sich
beschenkt.


Von überallher drangen Todesschreie in die Grotte. Die Zyklopen
ließen sich Zeit mit ihrem Frühstück, und ein paar von ihnen schmausten
offenbar in nächster Nähe der Speisekammer. Die Fhernhachen
klammerten sich aneinander, weinten und jammerten, diesmal noch
heftiger als zuvor. Rumo bemerkte, daß der Bauer, der seiner Familie
als Oberhaupt vorgestanden hatte, verschwunden war. Das befremdete
ihn aber nicht, denn schon auf dem Bauernhof war er manchmal für

mehrere Tage fortgeblieben und dann überraschend wieder zurückgekehrt.
Rumo schnüffelte überall herum. Es fiel ihm schwer, sich an die
Gerüche zu gewöhnen, die das Meer hervorbrachte und die so gänzlich
anders waren als die des Bauernhofes. Dort hatte alles nach Erde, Kräutern
und Leben gerochen, hier witterte er Fisch, Fäulnis und Tod. Um die
Käfige mit den wilden Tieren machte er einen weiten Bogen. Unglaublich,
wie groß und stark manche von ihnen werden konnten! Ein roter
Gorilla. Ein zweiköpfiger Wildhund. Ein weiterer Löwe, dem ein Auge
fehlte. Ein riesiger Eisbär mit blutbeflecktem Fell. Diese Tiere jagten
Rumo Furcht ein, aber er zollte ihnen auch Bewunderung.
Wirklich unheimlich aber waren Rumo die schwarzen Becken. Das
waren acht runde Tümpel in einer Nebenhöhle der Grotte, die fast alle
mit dunklem Wasser gefüllt waren. Die Färbung des Wassers kam von
den Tintenfischen, die sich neben anderen Meeresbewohnern darin
befanden und in ihrer Furcht immer wieder schwarze Tintenwolken
absonderten. Aus dem brackigen Wasser ragten abwechselnd glitschige
Fangarme, spitze Hörner, schwarze Rückenflossen und Tentakel mit
leuchtenden Augen, und aus einem stieg ein klagender Singsang empor.
In der Nacht hatte Rumo beobachtet, wie sich eine neugierige Ziege sehr
nahe an einen der Tümpel herangewagt hatte. Plötzlich war ein gelber
Arm mit dicken Saugnäpfen aus der schwarzen Brühe geschossen, hatte
sich blitzschnell um den Hals des Tieres gewickelt, und noch bevor
die Ziege einmal meckern konnte, war sie mit einem tiefen Gluckser
verschwunden. Seitdem bewahrte Rumo zu den Tümpeln respektvollen
Abstand.


Drei von den künstlichen Becken schienen Tiere zu enthalten, die
sich die Zyklopen als eiserne Ration für schlechte Zeiten aufbewahrten.
Selbst ihnen schien es vor diesen Geschöpfen zu grausen, sie machten
einen weiten Bogen um diese Tümpel. Das Wasser in ihnen war klarer,
denn sie enthielten keine Tintenfische, und Rumo sah staunend kleine,
aber beeindruckende Kreaturen aus einer dunklen Welt, in der es massive
Knorpelpanzer und furchteinflößende Gebisse gab. Sie hatten
grimmige Gesichter mit trotzig vorgeschobenen Unterkiefern, und ihre
Augen glühten und rollten wild in ihren Höhlen, als seien diese Wesen
nicht ganz bei Verstand. Manche davon trugen kleine leuchtende Kugeln
wie Laternen an langen Fühlern vor sich her. Rumo sah einen
durchsichtigen Kugelfisch, wie aus Glas geblasen, mit einem pulsierenden
roten Herz in seinem Inneren. Und ein langer dünner Seewurm
wechselte unaufhörlich die Farbe, wenn er unter der Wasseroberfläche
vorbeischlängelte. Rumo kam immer wieder zurück, um diese Wunder
der Tiefsee zu beobachten und ihre rätselhaften Verhaltensweisen zu
studieren, weil die faszinierenden Geschöpfe das einzige in der Grotte
waren, das ihn wenigstens für Momente seine bedrückende Umgebung
vergessen ließ.

Am geheimnisvollsten aber war das letzte Becken, das sich ein wenig
abseits von den anderen am Schluß der Höhle befand. Sein Wasser
hatte im Gegensatz zu den blauschwarzen Tümpeln eine dunkelgrüne
Färbung, war aber genauso undurchsichtig. Rumo fiel auf, daß sich keiner
der Zyklopen zu diesem Becken verirrte und auch die freilaufenden
Tiere sich davon fernhielten – was wohl hauptsächlich an dem üblen
Geruch lag, der davon ausging.
Rumo hätte zu gerne gewußt, welches Wesen sich unter dem öligen
Wasserspiegel verbarg. Meistens ragte nur eine große graue Rückenflosse
aus der dunklen Brühe, oder man sah unter der Wasseroberfläche
ein lauerndes Raubfischauge rollen. Manchmal erhob sich auch ein
Rücken aus der Tunke, der an einen großen Fisch oder eine fette Seekuh
erinnerte.
Was Rumo besonders zu diesem Becken hinzog, waren feine Schwingungen,
die er in der Nacht zuvor empfangen hatte, als er zu schlafen
versuchte. Vor seinem inneren Auge hatten sie die Form von kreisförmigen
roten Wellen, in deren Zentrum sich der Tümpel mit der Flosse
befand. Der kleine Wolpertinger konnte diese Bilder nicht deuten, aber
er empfand, daß sie ihm etwas mitteilen wollten, ja, es war fast so, als
könnte er riechen, daß die geheimnisvolle versunkene Kreatur Kontakt
mit ihm aufnehmen wollte. Vielleicht versuchte sie ihn anzulocken, um

ihn zu fangen. Rumo hütete sich, den Signalen zu folgen, und blieb die
ganze Nacht im Versteck.
Jetzt aber, wo alle wach waren und allgemeine Betriebsamkeit in der
Grotte herrschte, war Rumo mutiger. Er strich eine Weile in der Nähe
des Tümpels herum, aber auch nicht so nahe, um irgendeinem glitschigen
Saugnapfarm die Gelegenheit zu bieten, ihn in das finstere Wasser
zu zerren. Er trippelte auf allen vieren um das Becken. Das Auge unter
der Oberfläche rollte hin und her und beobachtete jede von Rumos
Bewegungen, und als er zweimal um den Tümpel herumgetänzelt war,
erhob sich langsam die Rückenflosse aus dem Wasser. Sie sah aus wie
der eiserne Zeiger einer Sonnenuhr und drehte sich Rumos drittem
Rundgang folgend einmal um die eigene Achse.
So ging es eine ganze Weile: Mal versank die Flosse, mal tauchte sie wieder
auf. Rumo entfernte sich vom Tümpel, kam zurück, lief wieder weg,
schnüffelte in der Grotte herum – aber er behielt die ganze Zeit das
Becken im Auge. Zwei, die nicht genau wußten, was sie voneinander
halten sollten, belauerten sich.
Eine kleine Gruppe von Zyklopen kam in die Speisekammer, um sich
einen Nachschlag zum Frühstück zu holen. Rumo versteckte sich immer
in seiner Höhle, wenn die Einäugigen die Grotte aufsuchten, also lief
er dorthin zurück – um festzustellen, daß sie von der schwarzen Gans
besetzt war, demselben Tier, das ihm schon auf dem Bauernhof nichts
als Ärger bereitet hatte.
Ein Zyklop scheuchte grölend ein paar Hühner durch die Gegend,
während sich die anderen suchend umsahen. Einer erblickte Rumo und
stapfte grinsend auf den kleinen Wolpertinger zu. Rumo knurrte die

Gans an, um sie zu vertreiben, aber sie fauchte mit herausgestreckter
Zunge gefährlich zurück. Der Zyklop blieb unentschlossen neben einer
Schar kleiner Ferkel stehen.
Rumo erinnerte sich an einen erprobten Trick. Er erhob sich und
stellte sich auf die Hinterbeine, bis er genauso groß war wie die Gans,
und dann knurrte er noch einmal, lauter und bedrohlicher als zuvor.
Er fletschte sein Zahnfleisch und zeigte der Gans seinen einzigen Zahn.
Sie zischte diesmal nicht zurück, sondern watschelte tonlos aus der
Höhle, damit Rumo hineinschlüpfen konnte. Verdattert stand sie da
und erregte die Aufmerksamkeit des Zyklopen. Er leckte sich die Lippen,
mit drei Schritten war er bei ihr und hatte sie schon beim Hals gepackt.
»Qua-!« machte sie noch, und das war das letzte, was Rumo von ihr sah
und hörte.


Als die Riesen mit der Gans und ein paar Ferkeln verschwunden waren
und ein wenig Ruhe eingekehrt war, wagte Rumo, sein Versteck zu
verlassen. Wie magnetisch angezogen, begab er sich zum übelriechenden
Tümpel mit dem geheimnisvollen Auge in der Tiefe. Er schlich eine
Weile in der Nähe herum, äugte immer wieder in das Becken und wartete
darauf, daß sich das Wesen darin einmal ganz zeigte. Aber nichts
geschah, bis auf die vertrauten Vorgänge: Die Flosse tauchte auf, die
Flosse tauchte ab. Das Auge erschien unter der Oberfläche, ein paar
Blasen stiegen träge hoch und zerplatzten geräuschvoll.
Schließlich traute Rumo sich noch etwas näher heran, diesmal flach
auf dem Bauch. Er robbte zentimeterweise näher, bis er schließlich nur
noch einen halben Meter vom Rand entfernt war. Das unbekannte
Wesen war vollständig abgetaucht, weder Flosse noch Auge waren zu
sehen – nur dicke grüne Blasen, die sich knallend öffneten und beleidigende
Gerüche verbreiteten.


Rumo blieb tapfer liegen, schloß die Augen und witterte. Oh ja! Die
roten Schwingungen waren enorm stark! Sie schienen im Takt eines
mächtigen Herzens zu pulsieren, langsam, gleichmäßig und beruhigend.
Ihm entging dabei, daß sich das Wasser geräuschlos teilte und aus der
dunkelgrünen Tunke ein mächtiger grauer Leib emporstieg. Er hatte
den Kopf und das Gebiß eines großen Haifisches und den Körper einer
abnorm aufgedunsenen Made.


»Hallo«, sprach das Wesen mit brunnentiefer Stimme.
Rumo riß die Augen auf und sprang entsetzt drei, vier Sätze zurück.
Dort blieb er stehen, auf allen vieren und so gefährlich blaffend, wie es
ein Wolpertingerwelpe vermochte. Das Wesen machte keinerlei An-
stalten, das Becken zu verlassen oder gar Rumo anzugreifen. Links und
rechts an seinem Madenleib befanden sich sieben kümmerliche Ärmchen,
mit denen es in der Luft herumwedelte.
»Komm her«, brummte das Wesen, ruhig und freundlich. »Ich tu’
dir nichts.«
Rumo verstand zwar keines der Worte, aber das sanfte, sonore Murmeln
flößte ihm Vertrauen ein. Er blieb dennoch auf Abstand, stellte das
Blaffen ein und knurrte nur noch leise.
»Komm her«, sagte die Haifischmade. »Komm einfach her! Ich bin
dein Freund.«
»Graa ra graaha«, antwortete Rumo. Er wußte zwar selbst nicht, was
das zu bedeuten hatte, verspürte aber das dringende Bedürfnis, etwas zu
erwidern.
»Du kannst sprechen? Das wird ja immer besser! Du bist ein Wolpertinger,
weißt du das?«
Es war gleichgültig, daß Rumo nicht verstand, was die Riesenmade
da sprach – entscheidend war, daß jemand versuchte, mit ihm Kontakt
aufzunehmen.
»Wolpertinger«, sagte das Wesen noch einmal und deutete mit
vielen Fingern auf Rumo. »Du bist ein Wolpertinger.«
»Wolpagraha«, sagte Rumo.
»Du lernst schnell«, gab die Made zurück und lachte, daß das Wasser
im Becken über die Ränder schwappte. »Sag mal ›Smeik‹!« forderte
sie Rumo auf.
Rumo stutzte.
»Smeik! Smeik!«
»Gra?«
»Smeik! Sag mal ›Smeik‹!«
»Smei«, sagte Rumo.
»Genau«, lachte die Haifischmade. »Smeik. Volzotan Smeik. Das ist
mein Name.«
Volzotan Smeik war eine Haifischmade und als solche durchaus
befähigt, das Wasser zu verlassen und an Land zu leben, aber während
seines Aufenthaltes auf den Teufelsfelsen zog er es vor, den Anschein
zu erwecken, er sei ein reines Geschöpf des Meeres. Smeik war nach
eigener grober Schätzung mindestens fünfhundert Jahre alt und hatte
im Laufe seines bisherigen Daseins schon so manche Geschichte über
Teufelsfelszyklopen gehört, unter anderem jene, die besagt, daß sie zum
Fressen die Landbevölkerung der Wasserfauna vorziehen.


Als die Zyklopen das Piratenschiff kaperten, auf dem sich Volzotan
Smeik gerade befand, hatte er unverzüglich einen Trinkwassertank aufgesucht,
sich hineingeworfen und mit viel schauspielerischer Hingabe
ein stummes und körperlich schwerfälliges Meerestier markiert. Die
Zyklopen waren darauf hereingefallen, hatten ihn aber nichtsdestotrotz
in die Grotte verschleppt und ihn in einem der Tümpel für Notzeiten
eingelagert. Während sie die Piraten innerhalb eines Monats gefressen
hatten, blieb Smeik auf wundersame Weise verschont.
Dabei fühlte er sich im feuchten Element eher unwohl. Sicher, er
konnte im Wasser atmen, wenn er wollte, aber das war nur das peinliche
Erbe seiner schwimmenden Vorfahren, die er verachtete. Am liebsten
hätte er diesen Teil seines Stammbaumes einfach verleugnet, in seiner
jetzigen Lage jedoch klammerte er sich verzweifelt daran, weil seine
Ahnen ihm sozusagen Tag für Tag das Leben retteten. Smeik lebte seit
zweieinhalb Jahren in diesem Tümpel auf den Teufelsfelsen, und das war
mit Abstand die längste Dienstzeit eines Lebewesens in der Speisekammer.
Er hatte genügend Muße gehabt, die Gewohnheiten der Zyklopen
zu studieren, zumindest diejenigen, die sie in der Grotte an den Tag legten.
Er hatte sich auch ihre grauenhaften Gesänge anhören müssen, ihr
dissonantes Getute auf den Muschelhörnern, ihr vollkommen unrhythmisches
Getrommel, das nach Smeiks Rechnung etwa alle sechs Monate
zu bestimmten Mondphasen begann und dann tagelang anhielt.
Dadurch wußte er, wann sie ihre Feste, beziehungsweise ihre Exzesse feierten.
Dieses Wissen war lebenswichtig, denn während dieser Anlässe
legten die Zyklopen ein Freßverhalten an den Tag, das für jeden in der
Grotte das vorzeitige Ende bedeuten konnte. Er hatte mit ansehen müssen,
wie mehrere Schiffsbesatzungen, die die Zyklopen gefangen hatten,
während dieser Freßräusche binnen kürzester Zeit verschwanden – der
ein oder andere Gefangene war vor seinen eigenen Augen verschlungen
worden. Denn auf dem Höhepunkt der Feiern war es keine Seltenheit,
daß ein berauschter Zyklop in die Höhle gestürmt kam und sein schreiendes
Opfer in Anwesenheit seiner entsetzten Leidensgenossen zerriß
und verspeiste. Blut schien in dieser Zeit eine Wirkung auf sie zu haben,
die nur mit der von hochprozentigem Alkohol zu vergleichen war.
Während dieser Exzesse versank Volzotan Smeik so tief wie möglich
in seinem Tümpel und sonderte über seine Talgdrüsen ein Sekret ab,
welches das Wasser tiefgrün verfärbte und in eine unappetitliche stinkende
Tunke verwandelte, die selbst Zyklopen abstieß. Er haßte es, das
zu tun, denn dies erinnerte ihn an eine andere unangenehme Wurzel
seines Stammbaums, an deren unterem Ende die urzeitliche Schwefel-

made stand, ein Geschöpf, das nur dank seines impertinenten Geruchs
in einer Welt voller freßgieriger Saurier überleben konnte. Smeik konnte
diesen Gestank selbst kaum ertragen, aber der Zweck heiligte in diesem
Fall wirklich die Mittel.


Um in diesen Verhältnissen nicht den Verstand zu verlieren, hatte
Smeik sich seine eigene Wahnwelt geschaffen. Er betrachtete seinen
Aufenthalt auf den Teufelsfelsen als eine vom Schicksal auferlegte
Prüfung, die ihn stählen sollte für seinen weiteren Lebensweg. Er war
ein Schwert, dem eine weitere, besonders harte Legierung verpaßt
wurde – dieses Bild hielt er sich gerne vor Augen, obwohl es kaum mit
seiner körperlichen Erscheinung in Einklang stand. Nichts auf der
ganzen Welt war grauenhafter als die anhaltende Furcht, jeden Augenblick
bei lebendigem Leibe gefressen zu werden, aber es gab auch nichts,
davon war er genauso überzeugt, was einen besser abhärten konnte
gegen alle denkbaren Schrecken. Wenn er die Teufelsfelsen überleben
würde, redete er sich immer wieder ein, dann hätte der Tod seinen
Stachel verloren.


Ein anderes mächtiges Hilfsmittel im Überlebenskampf auf den
Teufelsfelsen waren seine Erinnerungen. Smeik lernte erst in der Gefangenschaft
die Kostbarkeit vergangener Glücksmomente zu schätzen.
Er hatte sich in den Korridoren seines Gehirns eine Kammer eingerichtet,
die er immer dann aufsuchte, wenn seine Hoffnung wieder einmal
enttäuscht, seine Furcht am größten, seine Verzweiflung übermächtig
war. Dies war die Kammer der Erinnerungen.
Wie gerahmte Ölbilder hingen dort die großen und kleinen Momente
seines Lebens an den Wänden, eingefroren in der Zeit, und warteten
darauf, von ihm in Bewegung gesetzt zu werden. Für jemand anderen
als Smeik hätten diese Bilder keine Bedeutung gehabt: Sie zeigten einen
Blick über eine trübe Bucht oder die Ansicht eines kleinen Gasthauses
in der Abenddämmerung, das in einen Steilhang gebaut war. Ein
Schlachtengetümmel. Ein Schachbrett mit einer besonders verzwickten
Figurenkonstellation. Einen Schweinebraten, in den sich gerade ein
Messer senkt.


Aber wenn Smeik vor eines dieser Bilder trat und ihm seine Aufmerksamkeit
widmete, dann schien es sich zu beleben, zu öffnen und ihn
förmlich hineinzusaugen. Dann erlebte er diesen kostbaren Teil seiner
Erinnerungen wie zum ersten Mal – eine einsame Kunst, die er auf
dem Grunde des Tümpels erlernt hatte. Das war kein Denken mehr
und noch kein Träumen, es war eine Fähigkeit genau dazwischen, die er
ganz unbescheiden Smeiken nannte: nicht die Kunst, sich zu erinnern,


sondern die Kunst, die Erinnerung zu leben. Es waren große, dramatische
Momente, aber auch kleine, intime, schlichte Erinnerungen, die
Smeik je nach Bedarf aktivierte. Plagte ihn der Hunger und die Sehnsucht
nach abwechslungsreicherer Speise als den Seetang und das
Plankton, das die Zyklopen in sein Becken warfen, dann trat Smeik
vor das Bild des kleinen Gasthauses in der Dämmerung. Er hatte dort,
vor über hundert Jahren, einen der befriedigendsten kulinarischen
Momente seines Lebens gehabt. Man saß im Freien auf einer Terrasse,
und man hatte unverstellten Blick auf eine Bucht, die zu dieser Jahreszeit
wegen der Feuerquallensaison nachts orange leuchtete. Smeik hatte
als Vorspeise einen ganzen Trüffelpilz im Gänselebermantel gebacken,
anschließend Gelöschte Feuerqualle auf einem Algenbett, dazu ein Venusmuschelrisotto
und Ingwer-Salat in einer mit Zitronengras parfümierten
Sahnesauce, und zum Nachtisch gab es fünf Jahre alten Gralsunder Blauschimmel
und eine Flasche Blenheimer Rubikon. Der Wein hatte nach
Pfirsichblüten geduftet. Dies war eine ziemlich profane Erinnerung,
aber Smeik aktivierte dieses Bild öfter als alle anderen.
Nur ein Bild in der Kammer der Erinnerungen war ständig verhängt.
Es war besonders groß und von einem schwarzen Tuch bedeckt. Smeik
hastete an diesem Bild immer eilig vorbei, aber es war ihm unmöglich,
es aus der Kammer zu entfernen.


Andere Erinnerungen waren in Urnen konserviert. Entlang der
Wände standen zahlreiche kleine Säulen, und auf ihnen befanden sich
Urnen in verschiedenen Farben. Öffnete Smeik eins dieser Gefäße,
dann entfaltete sich ein Geruch: der Geruch von frischgefallenem Schnee.
Das Aroma des Bücherstaubs, der beim Öffnen eines antiquarischen Buches
aufsteigt. Frühlingsregen auf Großstadtpflaster. Lagerfeuer. Ein frischgezogener
Weinkorken. Warmes Brot. Milchkaffee.
Jeder dieser Gerüche entzündete in Smeik eine Kettenreaktion von
Erinnerungen, denen er sich stundenlang hingeben konnte, und über
die er wenigstens eine Zeitlang seine Angst und Verzweiflung vergaß –
bis ein Muschelhorntuten oder Gerüttel am Grottengatter ihn wieder in
die Wirklichkeit zurückriß.


In diese rauhe Wirklichkeit war nun ein kleiner Wolpertingerwelpe
gestolpert, der noch auf allen vieren lief, das Sprechen noch nicht gelernt
hatte und sich gelegentlich übergab. Aber Smeik wußte, daß dieser
Welpe den Grund verkörperte, für den er die Kammer der Erinnerungen
errichtet hatte. Er verkörperte die Hoffnung, die ihn in der Tiefe seines
stinkenden Tümpels nicht hatte verzweifeln lassen, er repräsentierte
den letzten Wunsch, den er in dieser grausigen Welt noch hatte: den

Wunsch, von den Teufelsfelsen gerettet zu werden. Dieser Wunsch, so
entschied Volzotan Smeik, brauchte einen Namen, denn worauf man
hoffte, das mußte man benennen können. Er überlegte nicht allzulange:
Es gab ein zamonisches Kartenspiel, das er besonders schätzte. Die
wichtigste Karte darin, die dem Spiel seinen Namen verlieh, wird Rumo
genannt. Einen Rumo zu spielen, bedeutete einerseits, das Schicksal
herauszufordern und alles – wirklich alles – zu riskieren. Andererseits
versprach es die Möglichkeit eines haushohen Sieges. So kam Rumo zu
seinem Namen.
»Rumo!« sagte Rumo.
»Genau!« rief Smeik. »Du Rumo – ich Smeik!«
»Du Rumo – ich Smeik!« wiederholte Rumo eifrig.
»Nein, nein«, lachte Smeik. »Du Rumo – ich Smeik!«
»Du Rumo – ich Smeik!« sagte Rumo trotzig und klopfte sich mit der
Pfote vor die Brust.


Smeik brachte Rumo das Sprechen bei. Oder besser: Sprechen konnte
Rumo ja schon, ihm fehlten nur die richtigen Worte, und die bekam er,
indem er einfach am Tümpel saß und der Haifischmade zuhörte. Smeik
hatte viel zu erzählen. Zuerst kam es Rumo so vor, als lausche er einem
Tier, das wilde rachitische Laute, Gezischel und Gekrächze von sich gab,
Töne, die keinen Sinn ergaben – bald aber merkte er, daß manche dieser
Geräusche Bilder in ihm weckten, andere erzeugten Gefühle, Angst,
Verwirrung oder Heiterkeit. Und dann waren da welche, die seinen Kopf
mit geometrischen Formen und abstrakten Mustern füllten.
Der kleine Wolpertinger saugte sich voll wie ein Schwamm mit den
merkwürdigen Tönen, die Smeik von sich gab. Bei gewissen Äußerungen
erklang plötzlich himmlische Musik in Rumos Ohren, und er empfand
ein unerklärliches Glück, das sich in seinem ganzen Körper ausbreitete.
Manchmal sah er Dinge, die er gar nicht kennen konnte: eine große
schwarze Stadt, in der viele Feuer brannten, Bergmassive voll glitzerndem
Schnee. Ein Wüstental, flimmernd in großer Hitze. Dann wieder
geriet er in eine Trance, als würde er mit weit geöffneten Augen und wild
pochendem Herzen träumen. Er konnte Smeik immer noch im Tümpel
schwimmen sehen, mit seinen vierzehn Armen gestikulierend, aber
durch Rumos Körper floß ein Strom von Ereignissen, Gefühlen, Ahnun-

gen. Ihm war, als würden die Wörter an tausend Stellen in seinen Kopf
dringen, darin explodieren und zu Bildern werden, die sich zu wirren
und zusammenhanglosen Szenen gruppierten, die rasch aufeinanderfolgten
und sich gegenseitig auslöschten. Es schien, als habe ein riesenhaftes
Vermögen, eine uralte Erfahrung in ihm geschlummert und sei
nun kraftvoll zum Leben erwacht. Nein, Smeik brachte ihm nicht das
Sprechen bei – er rüttelte in Rumo nur die Wörter aus ihrem Schlaf.
»Ja! Ja!« rief Rumo immer wieder. »Erzähl! Erzähl!«
Worte. Bilder. Gefühle. Rumo konnte nicht genug davon bekommen.
Am liebsten erzählte Smeik vom Kämpfen. Es war nicht zu übersehen,
daß er selbst kein Kämpfer war, aber über die theoretischen
Aspekte des Kampfes wußte er mehr als jeder andere. Er hatte alle
Formen aufs gründlichste studiert, den sportlichen Wettkampf und
die Schlacht auf dem Feld, das lebensgefährliche Duell mit dem Degen
und den Boxkampf mit gepolsterten Fäusten, das Schnellziehen mit
Kleinarmbrüsten, den archaischen Keulenkampf der Sumpfbewohner
und die schrecklich blutigen Morgensternprügeleien der Blutschinken.
Smeik hatte Duelle gesehen, bei denen sich pechbedeckte Kämpfer
gegenseitig mit Fackeln in Brand setzten, er hatte, ausgerüstet mit einer
Lupe und einem Ameisenzähler, tagelang die ungeheuer verlustreichen
Schlachten zwischen verfeindeten Ameisenvölkern beobachtet. Er
konnte vom Kämpfen erzählen, daß einem der Schweiß ausbrach und
man die Gegner aufeinander losgehen sah und ihre Knochen krachen
hörte. Manchmal saß Rumo vor dem Becken wie vor einem Boxring und
schlug mit seinen kleinen geballten Pfoten Löcher in die Luft, so sehr
nahmen ihn die Erzählungen Smeiks gefangen.
Smeik war Schiedsrichter bei den professionellen Fänggen-Boxkämpfen
gewesen und Kriegsberater bei den Nattifftoffischen Kleinkriegen,
amtlich lizenzierter Sekundant für Duelle zwischen florinthischen Adligen
und Zeitnehmer bei Wolpertinger-Schachturnieren in Buchting.
Sein berufliches Spektrum umfaßte unter anderem: Organisator von
Hahnenkämpfen, Zahlmeister der Zamonischen Wurmlotterie (wo Ornische
Würgewürmer miteinander rangen), Anfeuerer beim Midgarder
Zwergenkampf und Croupier in Fort Una, der Stadt des ewigen Glücksspiels.
Nein, Smeik war kein Kämpfer, er war ein Spieler. Deswegen
studierte er den Kampf, beobachtete die Kämpfer, analysierte Sieg und
Niederlage in jeglicher Form. Wer wußte, wie Kämpfe funktionierten,
konnte darauf wetten, wie sie ausgingen. Das war Smeiks Leidenschaft,
sein Lebensinhalt – diese eine Fähigkeit immer mehr zu vertiefen: zu
wissen, wer gewinnt.


»Ich habe einmal zwei Skorpionhydren beim Kampf beobachtet«,
begann er einmal unvermittelt, und Rumo horchte auf. Skorpionhydren,
dachte der Wolpertinger, und etwas Kleines, Vielbeiniges krabbelte
durch seinen Kopf.
»Skorpionhydren sind sehr kleine, aber auch sehr giftige Tiere mit
sieben sehr beweglichen Schwänzen, die jeweils einen Giftstachel tragen
«, fuhr Smeik fort.
Rumo schüttelte sich.
»Willst du hören, wie der Kampf verlief?«
»Erzähl!« krähte Rumo.
»Es war in einer Wüste, und ich hatte gerade nichts zu tun, also beobachtete
ich diese beiden Giftspritzen im Sand und wettete dabei mit
mir selbst. Ich setzte auf die kleinere, beweglichere Skorpionhydra.
Zuerst tanzten sie nur eine Weile im Sand umeinander, einen steifen,
höflichen, respektvollen Tanz, wie zwei Hofschranzen, die vorgeben,
sich zu amüsieren. Dann ging es plötzlich zur Sache: Die größere Hydra
machte ein Täuschungsmanöver, stieß zu und tötete die kleinere mit
einem Hieb. Zack! Aus. Vorbei. Danach verspeiste sie sie. Ich hatte also
gegen mich selbst verloren und gleichzeitig gewonnen.«
Rumo warf seine kleine Stirn angestrengt in Falten.
»Aber das Erstaunliche daran geschah danach: Nachdem die siegreiche
Hydra ihren Gegner gegessen hatte, stach sie sich den eigenen
Giftstachel in den Kopf. Und starb unter furchtbaren Zuckungen.«
»Hoh …«, machte Rumo.
»Jemand hat mir das später erklärt, einer, der mächtig Ahnung von
Wüstenskorpionen hatte. Er erklärte mir nämlich, daß die beiden
Männchen und Weibchen waren.«
»Männchen und Weibchen?«
»Sie waren ein Paar«, beendete Smeik seine Geschichte, als sei dies
eine befriedigende Moral. »Das Wunder der Liebe.«
»Das verstehe ich nicht«, sagte Rumo.
»Ich auch nicht«, seufzte Smeik und versank in seinem Tümpel.
In dieser Nacht lag Rumo lange wach und versuchte, die Worte
»Männchen« und »Weibchen« mit Bedeutung zu füllen. Es gelang ihm
nicht, und es machte ihm außerdem zu schaffen, daß in seinem Maul
an drei verschiedenen Stellen neue Zähne vor dem Durchbruch standen.
Vier andere hingegen hatten es schon geschafft, Rumo ließ gerne
seine Zunge darübergleiten und erfreute sich an ihrer Glätte, den scharfen
Spitzen und Kanten. Bald würde sein Maul voll sein von solchen
Zähnen, so wie das des großen weißen Bären im Käfig.
Und dann schlief er doch noch ein. Er träumte, er sei ein Bär, ein
Bär mit weißem Fell und silbernen Zähnen. Er befand sich auf der Jagd,
er war riesengroß, stark und gefährlich. Er ging auf zwei Beinen und
brüllte fürchterlich, während schwarze Schatten in Scharen vor ihm
flohen. Der kleine Wolpertinger lachte im Schlaf.

 

Rumo bewegte sich mittlerweile etwas sicherer in der Grotte. Es gab
fünf Regeln, die ihm Smeik eingeschärft hatte und an die er sich strikt
hielt:


Regel Nummer 1: Halte dich fern von den Käfigen mit den wilden Tieren!


Regel Nummer 2: Halte dich fern von den Tümpeln mit den Tentakeln!


Regel Nummer 3: Versuche nie, über das Gatter zu klettern!


Regel Nummer 4: Verkriech dich in deiner Höhle, wenn die Zyklopen kommen!


Regel Nummer 5: Falls du es nicht in deine Höhle schaffst, beweg dich in Anwesenheit
der Zyklopen so wenig wie möglich!


Rumo genoß die größten Freiheiten von allen Gefangenen in der Grotte:
Er war weder eingesperrt noch angeleint, weder trug er Ketten, noch
mußte er sich im Wasser verstecken. Er bediente sich an allen Futternäpfen
und Tränken – außer an denen der wilden Tiere –, er schnüffelte
in allen Ecken herum, und er hatte als einziger Freilaufender in der
Grotte eine Schlafstelle, die vor den Blicken der Zyklopen geschützt
war. Außerdem genoß Rumo das Privileg, zu Volzotan Smeik gehen zu
können, um sich etwas erzählen zu lassen, wenn ihn die Furcht zu überwältigen
drohte. Besonders dann, wenn sie auf ihren Muschelhörnern
und Trommeln randalierten – was in der letzten Zeit immer häufiger der
Fall war –, schlich Rumo zu Smeik, um sich von dem beunruhigenden
Lärm ablenken zu lassen.
»Erzähl!« kommandierte Rumo dann.
Smeik liebte es, Rumo etwas zu erzählen, denn es trug ihn genauso
weit von den Teufelsfelsen fort wie den kleinen Wolpertinger.
»Möchtest du die Geschichte vom Kampf um die Lindwurmfeste
hören?« fragte Smeik.
»Kampf!« rief Rumo. »Erzähl!«
Smeik holte so tief Luft, als habe er vor, die Geschichte in einem Atemzug
zu erzählen.
»Die Geschichte der Lindwurmfeste ist die älteste Geschichte von
Zamonien, vielleicht die älteste Geschichte der Welt«, begann Smeik.
»Bist du bereit, die größte und älteste Geschichte Zamoniens zu hören,
mein Sohn?«
Rumo nickte.
»Sie ist Milliarden von Jahren alt.« Smeik wedelte dramatisch mit
seinen vierzehn Armen.
»Milarden?« Rumo staunte nicht, er ahmte nur das Wort nach.

 

»Ja, Milliarden! Eine Milliarde sind tausend Millionen Jahre. Und
eine Million Jahre sind tausend mal tausend … aber das lernst du alles
noch früh genug. Wichtig ist, daß vor Milliarden Jahren ein sehr kleines
Tier im Meer entstand: das erste Lebewesen der Welt.«
»Da draußen im Wasser?«
»Ja, da draußen im Meer.«
»Was für ein Tier?«
Smeik dachte angestrengt nach. Der Kleine stellte mittlerweile
erstaunliche Zwischenfragen. Was für ein Tier? Irgendwas mit A. Der
Name lag ihm auf der Zunge. Amöre? Amöse? Ameise? Blödsinn! War
Tier überhaupt die richtige Bezeichnung für das, was er meinte? Smeik
war erschüttert. Schließlich hatte er einmal einen dreiwöchigen Kurs in
Zamonischer Paläontologie belegt, an der Feierabendakademie von
Sundheim. Das war … herrje, das war jetzt schon hundertfünfzig Jahre
her!
»Was für ein Tier?«
Smeik konnte sich nicht erinnern. Waren die ersten Lebewesen nicht
Zellen gewesen? Die sich dann spalteten und … oder galten Zellen noch
nicht als Lebewesen? War es nicht so, daß erst zwei Zellen zusammenkommen
mußten, um ein Lebewesen zu ergeben? Das sich dann spaltete
oder so ähnlich? Er mußte unbedingt seine Kenntnisse in Paläontologie
auffrischen. Und in Biologie. Und überhaupt.
»Das tut nichts zur Sache. Wichtig ist, daß das Tier sehr klein war
und, äh, sich spaltete.«
»Sich spaltete?«
»Ja, sich spaltete! Was bist du, ein Papagei?«
»Ein Papagei?«
Smeik wurde bewußt, daß es schon eine Weile her war, daß er eine
lange zusammenhängende Geschichte erzählt hatte. Er hatte eindeutig
zu weit ausgeholt.
»Also – das Tier spaltete sich, und es wurden andere Tiere aus ihm,
sie bekamen Kiefer, sie bekamen Schuppen, sie bekamen Zähne …«
»Chähne!« rief Rumo und entblößte stolz seine Zahnstummel, aber
Smeik ließ sich nicht mehr unterbrechen.
»… sie wurden immer größer und dann gingen sie an Land. Das
waren die Dinosaurier.« So geht’s doch auch, dachte Smeik. Kurz und
schmerzlos.
»Dinosaurier?«
Rumo ging Smeik heute zum ersten Mal etwas auf die Nerven. Bisher
hatten ihn seine Zwischenfragen immer belustigt und zu ausführ-

lichen Erklärungen herausgefordert, aber heute wurde seine Geduld auf
eine harte Probe gestellt. Das Trommeln hatte wieder angefangen,
schon vor Tagen. Ihm war als einzigem hier bewußt, daß in der nächsten
Zeit Schreckliches bevorstand. Ereignisse, die das Schicksal aller Lebewesen
in der Grotte besiegeln konnten – und dieses Wissen lastete
schwer auf ihm. Die Geschichte von der Lindwurmfeste sollte auch ihn
selbst ein wenig ablenken, und jetzt quatschte Rumo andauernd dazwischen.
»Ja, Dinosaurier. Oder Drachen. Lindwürmer, wenn du willst.
Große, mächtige Echsen. Manche waren nur groß, das waren die Pflanzenfresser.
Andere waren gefährlich, das waren die Fleischfresser. Sie
hatten riesige Krallen und Gebisse, ihre Haut bestand aus Schuppen
und Knorpeln, und manche von ihnen wurden hundert Meter groß.
Dinosaurier. Riesige Ungeheuer.«
»Oh«, machte Rumo.


Jetzt habe ich ihn, dachte Smeik. Ungeheuer. Das zieht immer.
»Gut. Die Dinosaurier, diese Ungeheuer, die gingen also an Land,
überall auf der Welt. Nur an einem Ort blieben sie im Wasser. Das
waren die Dinosaurier vom Loch Loch, dem großen Vulkansee von Dull,
am Rande des Dämonengebirges. Im Gegensatz zu den Meeren, die sich
weltweit abkühlten, blieb es im Loch Loch gleichbleibend warm, weil es
unterirdisch von einem Vulkan beheizt wurde. Außerdem gab es unterhalb
des Sees große Höhlen, in denen man geschützt leben konnte. Die
Dinosaurier vom Loch Loch dachten sich: Warum sollen wir da draußen
rumspazieren, wenn es hier drin so schön warm ist? Und sie blieben im
Wasser, während die anderen Dinosaurier das Land eroberten. Dann
kam die große Katastrophe!«
»Katastrophe?« Das schrecklich schwere Wort ließ Rumo Schlimmes
ahnen.
»Jawohl: Riesige Meteore stürzten aus dem Weltall herab, eine gigantische
Wolke aus Staub umhüllte für Millionen von Jahren ganz Zamonien,
und alle Dinosaurier starben – nur nicht die im Loch Loch. Sie
lebten einfach unter Wasser und in ihren Höhlen weiter, sie paarten
sich quer durch alle Dinosaurierrassen und entwickelten größere Gehirne
– und erst dann gingen sie an Land.«
Rumo wollte eine Zwischenfrage stellen, das Wort »paaren« betreffend,
aber Smeik fuhr schnell fort:
»Tja, da standen die Dinosaurier also an Land herum und hatten
keine Ahnung, was sie als nächstes machen sollten. Es war kalt und zugig,
der nächste Winter fror sich gerade ins Land, und da war dieser

Berg, der sich direkt neben dem Loch Loch erhob. Er war voller Löcher
und Höhlen und Tunnel, im Inneren war es windgeschützt und warm,
denn er war über die Jahrtausende vom Wasser nebenan aufgeheizt worden
wie ein riesiger Kachelofen. Also krochen die Dinosaurier da hinein,
jedenfalls die, die durch die Öffnungen paßten, also nicht größer
als vier bis fünf Meter waren. Die anderen, die ganz großen, mußten
draußen bleiben und erfroren. So war das nun mal.«
»Erfroren«, wisperte Rumo, und ihn fröstelte.
»Das Massiv wimmelte nur so von blinden Steinwürfchen, die sich
leicht fangen ließen und nicht übel schmeckten. So überlebten die Saurier
den ersten Winter. Zuerst fraßen sie die Steinwürfchen roh, dann
schlug eines Tages der Blitz ins Strohlager ein und sie entdeckten das
Feuer. Sie lernten grillen und kochen, ab jetzt gab es Steinwürfchen am
Spieß und Steinwürfchensuppe, sie verpackten die Würfchen in Lehm
und buken sie in Holzkohlenglut, bis sie ganz durch waren, innen saftig
und außen … oaahmm …!«
Das Geheul von Muschelhörnern drang von ferne in die Grotte, und
die Trommeln setzten wieder mit ihrem nervtötenden Gerumpel ein.
Smeik räusperte sich.
»Die Saurier höhlten den Berg weiter aus und machten ihn bewohnbar.
Weil es in den Wintern so kalt war und die Saurier das warme Wasser
gewohnt waren, fingen sie an, Kleider zu tragen. Zuerst Umhänge
aus zusammengenähten Steinwurffellen, dann klauten sie auf den Bauernhöfen
in der Umgebung ein paar Schafe und sammelten Wolle, sie
erfanden Spinnräder, und sie lernten, aus dem Erz des Berges Eisen zu
gewinnen. Naja, kurzum: Die Dinosaurier waren offensichtlich handwerklich
begabt und wurden zunehmend intelligenter und zivilisierter.
Die Bewohner der umliegenden Gegenden hatten keine Ahnung von
Dinosauriern, denn die waren ja längst ausgestorben, also dachten sie,
es wären Drachen oder Lindwürmer, sie glaubten, sie könnten Feuer
spucken und würden Jungfrauen fressen, haha! Naja, sie hatten jedenfalls
einen Mordsrespekt vor ihnen und gaben dem Berg den Namen
Die Lindwurmfeste.«
Rumo prägte sich den Namen ein.
»Die Lindwürmer, wie sie sich mittlerweile selbst nannten, pflegten
einen distanzierten, aber freundlichen Umgang mit der umliegenden
Bevölkerung. Sie räumten mit ein paar abergläubischen Vorurteilen
übers Jungfrauenfressen auf, man trieb bescheidenen Handel, tauschte
Waren und Lebensmittel, aber niemals ließen sie jemanden in ihren
Berg. Den bauten sie immer weiter aus: Sie befestigten die Eingänge,
bearbeiteten Felsen, schlugen Treppen ins Gestein und schufen Fenster

und Türen, Tunnel und Höhlen. Der ganze Felsen wurde zu einer großen
wehrhaften Burg. Dabei entwickelten sich die geistigen Fähigkeiten der
Lindwürmer immer weiter, während ihre wilden Saurierinstinkte verkümmerten.
Bisher hatten sie sich nur in einer Mischung aus Grunzlauten
und Zeichensprache verständigt, aber jetzt lernten sie von den
Bauern und Händlern, mit denen sie verkehrten, die zamonische Sprache.
Dann fingen sie an, ihre Worte und Gedanken aufzuschreiben. Sie
fanden großen Gefallen an der Sprache. Sie gewöhnten sich an, in Reimen
zu sprechen. Sie trugen lange Gewänder und auffälligen Schmuck,
und … naja – sie wurden zu Künstlern, verstehst du? Zu Dichtern!«
Rumo sah Smeik verständnislos an.
»Nein, das verstehst du nicht. Kein normales Lebewesen versteht
das. Egal. Sie legten Wert darauf, als etwas Besonderes zu gelten. Sie
glaubten, weil sie dichten konnten, würde ihr Schweiß wie Parfüm
riechen. Sie …«
Der kleine Wolpertinger gähnte.
»Also – die Saurier wurden weich – kapiert? Sie verloren ihre Instinkte
und kleideten sich in verwegene Klamotten. Sie ließen sich exzentrische
Helme maßschneidern, weil gelegentlich Gesteinsbrocken aus dem
Fels niederkamen. Sie trugen ihren Schmuck zur Schau, den sie aus den
Erz- und Kristallvorkommen ihres Berges gefertigt hatten – kein Wunder,
daß die Bewohner der Umgegend anfingen zu tratschen. Es ging
bald das Gerücht, daß die Lindwurmfeste bewohnt sei von verweichlichten
Echsen, die in Gold und Diamanten badeten. Leichte Beute für
jedermann, der den Mumm hatte, die Feste zu stürmen. Eins kam zum
anderen, und eines Tages stand plötzlich die erste Belagerungsarmee am
Fuß der Lindwurmfeste.«
Rumo schreckte hoch. Endlich Kampf!
»Es war eine Meute von schlechtorganisierten Yetis, ein paar hundert
vielleicht, sie randalierten, hämmerten gegen die verschlossenen Tore
und brüllten Beleidigungen zu den Lindwürmern hinauf – naja, und
die kippten ein paar Kübel Pech auf die Yetis, und damit war die Sache
erledigt. Die Yetis zogen besudelt ab und überfielen seitdem nur noch
unbefestigte Dörfer.«
Rumo sackte wieder zusammen.
»Dann kamen die Schwarzen Männer.«
Rumo ruckte erneut hoch. Mehr Kampf!
»Es waren doppelt so viele wie die Yetis, sie waren besser bewaffnet,
sie hatten Leitern und Rammböcke, und sie sahen furchterregend aus,
denn sie hatten sich von Kopf bis Fuß mit Pech eingerieben – daher hatten
sie ihren Namen. Es hätte wenig Sinn ergeben, noch mehr Pech auf
die Schwarzen Männer zu kübeln, also nahmen die Lindwürmer statt
dessen kochendes Blei, und damit war auch diese Belagerung beendet.
Die Schwarzen Männer gingen danach nirgendwo mehr hin.« Smeik
grinste.
»Aber danach fing es erst richtig an! Die Spekulationen über die
Schätze in der Lindwurmfeste wurden immer phantasievoller und maßloser.
Wenn die Saurier sich so hartnäckig verteidigten, dann mußten
sie doch irgend etwas zu verbergen haben! Man munkelte von Höhlen
voller Goldmünzen und Edelsteinen, von Minen, in denen man faustgroße
Rubine mit dem Hammer aus der Wand schlagen konnte. Es ging
die Sage vom Lindwurmdiamanten, der so groß wie ein Haus sein sollte.
Von einem geheimen Zugang zum Mittelpunkt der Erde, der nach dem
damaligen Stand der Wissenschaft aus flüssigem Gold bestand. Und das
waren nur die gängigsten Mutmaßungen über die Schätze – jeder Wanderer,
jeder Abenteurer, jeder Jahrmarktsquacksalber hatte seine eigene
Version, und bald phantasierte die halbe zamonische Bevölkerung
davon. Jeder Söldner, der auf die Schnelle zu Geld kommen wollte, hatte
die Eroberung der Lindwurmfeste ganz oben auf seiner Liste. Wie man
sich denken kann, folgte nun eine Belagerung nach der anderen. Es
kamen Armeen von Blutschinken, von Werwölfen, von Dämonenkriegern,
von allem Geschmeiß, das in Zamonien kreuchte und fleuchte.
Aber die Lindwürmer brauchten nur ihren Teer oder ihr Blei zu sieden
und hinabzukippen, und die Belagerer zogen den kürzeren. Bei manchen
reichte schon kochendes Wasser.«
Smeik zählte eine Armee nach der anderen auf: Der Verrückte Fürst
Eggnaröck und seine Heißhungrigen Kannibalen, Die Steinernen Riesen,
Die Wüste Horde, Die Bluttrinkerarmee, Die Gnadenlosen Pfähler, Die
Argen Schnitter, Der Clan der Skelette – die dann abwechselnd mit Teer
oder Blei oder Wasser oder allem zusammen übergossen wurden – es
war jedesmal das gleiche. Rumos Augen wurden schwer.
»Und dann kamen Die Kupfernen Kerle«, sagte Smeik plötzlich ganz leise.
Rumo wußte nicht, was es war, aber irgend etwas in der Art, wie
Smeik diese Worte betonte, ließ ihn aufhorchen.
Die Kupfernen Kerle.
Tief in seinem Innern schienen diese Worte geschlummert zu haben,
und nun erwachten sie zum Leben. Sie klangen nach Gefahr. Rumo war
plötzlich hellwach.
Jemand rappelte am Grottengitter, und Zyklopenstimmen grunzten
böse. Smeik und Rumo fuhren hoch, die ganze Grotte geriet in Unruhe.
Dann entfernten sich die Zyklopen lachend, und es wurde wieder ruhig.
»Zyklopenhumor«, sagte Smeik.
»Erzähl!« forderte Rumo.
»Nun – die Kupfernen Kerle! Das war wirklich eine Steigerung der
Belagerungsqualität, denn von den Kupfernen Kerlen sagte man, daß
sie halb Lebewesen und halb Maschinen waren, und daher wesentlich
belastbarer und schwerer zu verletzen, geschweige denn zu töten als einfache
Söldner. Sie waren aus der legendären Schlacht im Nurnenwald
hervorgegangen.«
»Schlacht!« flüsterte Rumo.
Smeik grinste wieder und beugte sich hinab.
»Du möchtest die Geschichte von der Schlacht im Nurnenwald
hören, bevor ich mit der Lindwurmfeste fortfahre? Bist du sicher, daß
du das willst?«
Rumo nickte.
»Das ist eine kluge Entscheidung, denn ohne die eine versteht man
die andere Geschichte nicht – aber ich muß dich warnen!«
Smeik erhob mehrere Arme.
»Denn es ist eine schreckliche, eine besonders blutrünstige Geschichte
– und wahrscheinlich die verrückteste der zamonischen Historie!
Willst du sie wirklich hören?«
Smeiks Gesicht hatte eine dezente Rötung angenommen, die signalisierte,
daß er in Wallung geraten war. Er hatte sich warmgeredet, seine
Sorgen schienen für diesen Augenblick vergessen, und sein Vortrag lief
ab wie ein gut geöltes Uhrwerk.
»Verrückt, ja!« rief Rumo. »Erzähl!«
»Tja – die Schlacht im Nurnenwald: das war eins der übelsten Gemetzel
der zamonischen Geschichte, mein Sohn, und zwar zwischen zwei
Söldnerarmeen, die aus allen möglichen gefährlichen Daseinsformen
des Kontinents bestanden: Dämonen, Blutschinken, Bärwölfen – das
ganze Gesocks. Worum es bei der Schlacht eigentlich ging, ist heute vergessen,
man weiß nur, daß keine der beiden Parteien am Schluß bereuen
konnte, die Keilerei angefangen zu haben – denn sie waren alle tot.«
»Alle tot?« sagte Rumo. Der Kampf war schon vorbei?
»Nun, nicht wirklich richtig tot. Viele waren tatsächlich dahingemetzelt,
aber eine Menge Krieger lebten noch, übel zugerichtet, in Stücke
gehackt, aber noch mehr oder weniger lebendig.«
Smeik holte rasselnd Luft, als sei er einer jener Krieger, der gerade im
Nurnenwald auf dem Schlachtfeld sein Leben aushauchte.
»Man muß sich das einmal bildlich vorstellen: Der düstere Nurnenwald,
von Nebelschwaden durchwabert. Überall im blutgetränkten Gras
lagen Schwerter, Harnische, Helme, Speere, eiserne Handschuhe, Beinschützer,
Keulen, verbeulte Schilde, Armbrüste, Morgensterne, Messer,
Äxte, Hellebarden, zersplitterte Glasdolche, Eisenpeitschen, Schlagringe –
die Krieger der Nurnenwaldschlacht waren die bestbewaffneten ihrer
Zeit, sagt man. Nun ja, und da lagen auch all die Toten und Verstümmelten,
die abgetrennten Beine und Arme und Köpfe und Ohren und
Nasen und Finger und Lippen und Augenbrauen und was man sonst
noch so alles abhacken kann. Die Äste der umstehenden Bäume bedeckten
sich mit Raben und Krähen, angelockt durch das Klagen der Sterbenden,
durch den Geruch von Blut. Gieriges Gekrächz erfüllte den Wald,
durchsetzt von Schmerzensschreien, Flüchen und Todesseufzern. Die
Vögel hüpften ungeduldig von einer Kralle auf die andere und bissen sich
gegenseitig von den besten Plätzen. Bald, sehr bald, wenn auch der letzte
der Krieger sein Leben ausgehaucht hatte, würde das nächste Gemetzel
vom Nurnenwald stattfinden: das Festmahl der aasfressenden Tiere.«
Rumo machte keinen Mucks. Smeik hob eine Hand und tat, als ob er
horche.
»Aber plötzlich: Stimmengewirr, lauter und lauter werdend! Schritte
im trockenen Laub, das Quietschen von Wagenrädern, metallisches
Geklimper, sich von, äh, Westen her dem Schlachtfeld nähernd. Noch
eine Armee?«
Rumo spitzte die Ohren, als versuche er, das entfernte Gemurmel zu
vernehmen.
»Ja, aufgepaßt, mein Kleiner, denn der irre Teil der Geschichte fängt
jetzt erst an: Von Westen betrat keine Armee, sondern eine Delegation

von Gralsunder Meisterchirurgen den Wald, die auf dem Weg zu einem
Blinddarmkongreß waren.«
»Chirurgen?«
»Jawohl. Das sind Ärzte, medizinische Spezialisten, die dazu ausgebildet
sind, allerkomplizierteste Operationen durchzuführen. Das Annähen
von abgetrennten Gliedmaßen. Das Schließen von Wunden.
Aderlaß und Bluttransfusionen. Amputationen, Trepanationen, Transplantationen.«
Tionen, Tionen, Tionen, kreiste es in Rumos Schädel.
»Aber das ist noch nicht der verrückteste Teil der Geschichte – oh
nein, mein Sohn! Denn von Osten kam eine Truppe von Vagabundierenden
Uhrmachern, die auf dem Weg zum Wellinger Taschenuhrenmarkt
waren. Diese Leute waren darauf spezialisiert, Uhrwerke und andere
Feinmechanik zu bauen und zu reparieren. Die Handwerker mit
den ruhigsten Händen, den schärfsten Augen und den gußeisernsten
Nerven.«


Rumo verstand nicht alles, aber er nickte wieder.
»Und das ist immer noch nicht der allerverrückteste Teil der Geschichte!
Denn: Von Süden kamen jetzt auch noch über hundert Waffenschmiede
und Metallschlosser gewandert, die auf dem Weg nach Florinth
waren, wo sie auf Einladung irgendeines machthungrigen Fürsten
eine monströse Kriegsmaschine bauen sollten. Handwerker also, die sich
auf das Verschrauben und Verschmelzen von Eisenteilen verstanden,
auf das Konstruieren von Steinschlössern und Splitterbomben, auf das
Schmieden von Eisen, das Schärfen von Klingen, auf das Legieren mit
Gold, Silber und Kupfer. Handwerker des Krieges.«
»Krieg«, sagte Rumo.
»Nun, für eine durchschnittlich verrückte Geschichte wären dies
mittlerweile genügend irre Zufälle, aber bei der Geschichte um die
Schlacht im Nurnenwald handelt es sich um die nachweislich unwahrscheinlichste
Ballung von Zufällen in der zamonischen Historie, also kam
– diesmal von Norden – auch noch eine Delegation von Alchimisten in
den Wald.«
»Al… Alschi…«
»Alchimisten! Das ist eine Berufsgattung, die, äh … sagen wir mal, es
waren Wissenschaftler mit künstlerischen Neigungen – oder Künstler
mit wissenschaftlichen Ambitionen – wie man will. Hochgelehrte Personen
jedenfalls, Doktoren, vielleicht auch Scharlatane und Quacksalber,
wer kann das heute beurteilen? In der damaligen Zeit war es jedenfalls
möglich, sich die Grundlagen sämtlicher Wissenschaften zu eigen

zu machen – naja, zumindest bildeten die Alchimisten sich das ein. Und
versuchten dann, diese Wissenschaften miteinander zu kombinieren,
zu verflechten und so zum Beispiel Mittel gegen Krankheiten, Formeln
zur Herstellung seltener Metalle oder Tinkturen gegen den Tod zu entwickeln.
Oder den Stein der Weisen zu finden. Das Perpetuum mobile
oder einen Jungbrunnen zu konstruieren. Salben zu kochen, die unverwundbar
oder unsichtbar machten. Oder Käse, auf dem man Schlittschuh
laufen konnte.«


In Rumos Ohren rauschte mittlerweile nicht nur die Brandung, die
gegen die Teufelsfelsen donnerte. Die unablässig von Smeik ausgespuckten
neuen Wörter formten sich in seinem Kopf zu einem Strudel,
der durch die Windungen seines kleinen Gehirns schäumte und alle
klaren Gedanken mit sich riß.
»Also«, fuhr Smeik gnadenlos fort, »wir hätten da jetzt: Alchimisten,
Chirurgen, Feinmechaniker und Waffenschmiede – vier höchst unterschiedliche
Berufsgruppen, die unter normalen Umständen nichts miteinander
zu schaffen haben – wozu auch? Und die trafen ausgerechnet
im Nurnenwald aufeinander, auf einem Schlachtfeld voller tödlich verletzter
Krieger, auf einer blutgetränkten Lichtung voller Gliedmaßen
und Waffen und Metallteile und lädierter Rüstungen.«
Rumo zappelte ungeduldig. »Und?« fragte er.
»Was nun folgte, war und bleibt beispiellos in der zamonischen
Geschichte: Diese so unterschiedlichen Spezialisten beschlossen, ihre
Fähigkeiten, ihre Werkzeuge, Kenntnisse und Apparate zusammenzuwerfen,
um rasche Hilfe zu leisten. Die Schmiede bauten ihre Schmelzöfen
und Blasebälge auf, die Chirurgen sterilisierten ihre Operationsbestecke,
die Feinmechaniker polierten ihre Lupen und richteten ihre
Mikroskope ein, die Alchimisten erhitzten geheimnisvolle Flüssigkeiten
in Glaskolben und rührten in mächtigen Kesseln Kräutersude an. Wo
einige Stunden zuvor noch Schwerter geklirrt hatten und Todesschreie
erklungen waren, blubberte jetzt das verflüssigte Metall, sangen die
Schleifsteine, fauchten die Öfen unter der eingepumpten Luft, schlugen
Schmiedehämmer den Takt. Abgehackte Gliedmaßen, Waffen und Rüstungsteile
wurden auf einen großen Haufen zusammengetragen und
dann säuberlich sortiert. Hier Arme, dort Beine, hier Köpfe, dort Helme,
hier Knie, dort Knieschützer – und so weiter. Wunden wurden sterilisiert,
Schmerzmittel verabreicht, Knochen geschient, und hier und da
leistete man gnädig Sterbehilfe. Höflich und sachlich wurden Wünsche,
Empfehlungen, Gliedmaßen, Organe untereinander ausgetauscht. Gelegentlich
gab es kurze, aber konstruktive Streitgespräche, und jedesmal

entschied man sich für die einfachste Lösung, für den naheliegendsten
Schritt. Hauchdünne Kupferröhren wurden mit Arterien verkuppelt,
Muskeln mit Drähten verbunden, Sehnen mit Lederriemen, Nerven mit
Seidenfäden. Eine eiserne Axt wurde zu einem Unterarm, eine Diamantenlupe
zu einem Auge, ein Hammer zu einem Fuß. Warum nicht ein
gebrochenes Rückgrat durch eine Standuhrfeder austauschen? Ein Ohr
durch einen Schalltrichter? Eine Zunge durch einen Glockenklöppel?«
Rumo faßte mechanisch nach seiner Zunge.
»Ein Alchimist brauchte dringend flüssiges Silber, ein Chirurg ein
mikroskopisch winziges Messer, ein Maschinenschlosser eine funktionierende
eiserne Herzklappe, ein Uhrmacher eine Feder aus Gold – und
schon machten sich die zuständigen Spezialisten daran, den Wunsch
Wirklichkeit werden zu lassen. Schlagringe wurden zu Zähnen, Uhrwerke
zu Gehirnhälften, Naturschwämme und Gazefilter zu Lebern und
Nieren, Blasebälge zu Lungenflügeln, elektrisierte Drähte zu Nervensträngen,
Quecksilber zu Blut. Kräutersude ersetzten Körpersäfte, Visierhelme
wurden zu Gehirnschalen, eiserne Handschuhe, gefüllt mit raffinierter
Feinmechanik, zu Händen. Hier fehlte eine Nase – schnell einen
Faßhahn angeschraubt! Ein Finger ab? – ersetzen wir ihn durch ein
Klappmesser! Hier war mal ein Herz – da kommt eine Dampfpumpe
rein! Kein Chirurg hätte jemals eine Arterie durch ein Kupferrohr ersetzt,
kein Alchimist einem Maschinenschlosser assistiert und kein
Maschinenschlosser je mit Pinzette und Wattebausch gearbeitet – nur
die irrsinnige Ballung von Zufällen hatte diese Explosion von kreativer
Energie ermöglicht, jenes einzigartige Zusammenspiel von Wissenschaft,
Kunst und Handwerk, aus Erfahrung, Phantasie und Präzision,
das schließlich die Armee der Kupfernen Kerle gebar.«

Smeik holte noch einmal tief Luft.
»Als die letzten Hammerschläge verstummt, die Öfen erloschen und
alle Elixiere erschöpft waren, stand ein blitzblankes, neues Söldnerheer
auf der Lichtung des Nurnenwaldes. Und da es damals in Mode war, die
Rüstungen und Waffen mit dekorativen Verzierungen aus Kupfer zu versehen,
und dieses rötliche Metall überall an ihnen blitzte und funkelte,
nannten ihre Schöpfer sie die Kupfernen Kerle.«
»Ho«, sagte Rumo.
»Aber die Armee stand einfach nur da. Stand da wie ein riesiges
Kriegerdenkmal und rührte sich nicht. Die Uhrmacher murmelten. Die
Chirurgen tuschelten. Die Schlosser fluchten. Bis ein Alchimist, den
man Zoltep Zaan nannte, nach vorne trat und sprach: ›Diese Armee
wird sich niemals bewegen, wenn sie keine Befehle erhält – so ist das
nun mal mit Soldaten. Sie brauchen einen Anführer.‹ Zaan deutete auf
den übriggebliebenen Haufen von Rüstungsteilen, Gliedmaßen, Waffen,
Abfall, der nirgendwo Verwendung gefunden hatte.
»Laßt uns daraus einen Anführer bauen, einen General für die Kupfernen
Kerle! Und diesem Anführer werde ich als Ersatz für Herz, Hirn
und Seele eine Probe Zamomin einsetzen.
»Samomim?« echote Rumo.
»Zamomin! Das seltenste Element von Zamonien! Man behauptet
von ihm nicht nur, daß es denken kann, sondern auch, daß es verrückt
ist! Ich hab’ dir ja gesagt, daß dies die wahnsinnigste Geschichte von
allen ist.«
Rumo versuchte, sich das Wort »Zamomin« einzuprägen, aber es
entzog sich ihm wie ein glitschiger Fisch.
»Den Rest der Nacht verbrachten die Ärzte, Alchimisten und Handwerker
damit, die letzten Einzelteile zusammenzufügen, und sie waren
dabei von dem Ehrgeiz getrieben, auch das allerletzte Schräubchen, die
kleinste Feder, das winzigste Zahnrad zu verarbeiten, wodurch ihre
Kreatur immer größer und komplexer wurde.
Zum krönenden Schluß setzte Zoltep Zaan dem letzten Kupfernen
Kerl eine Probe des Elementes Zamomin ein. Er tat dies mit mächtigem
Brimborium unter einer übergestülpten Decke, so daß niemand sehen
konnte, wo genau er es einfügte. Und als der letzte Krieger endlich fertig
war, traten die Spezialisten zurück und betrachteten ihr Werk. Es
überragte die anderen um das Doppelte und sah am furchterregendsten
aus. Die metallene Kreatur hob den Schädel, öffnete ihr Gebiß aus
rasiermesserscharfen Klingen und sprach mit blecherner Stimme, in die
sich das Ticken eines Uhrwerks mischte wie ein Schluckauf: ›Wir sind
[tick] erschaffen worden [tack], um zu töten! Wir sind [tick] die Kupfernen

[tack] Kerle!‹ Dann schlug sie sich mit der Faust gegen die Brust, und die
anderen Krieger taten es ihr nach, wieder und wieder, daß es durch den
ganzen Nurnenwald dröhnte und alle Vögel unter ängstlichem Gekrächz
aufflogen. Und sie skandierten: ›Wir sind die Kupfernen Kerle!
Wir sind die Kupfernen Kerle!‹
Der Anführer hob die Hand und machte eine beschwichtigende
Geste, worauf alle verstummten. Er rief: ›Ich bin [tick] der größte aller
[tack] Kupfernen Kerle. Nennt mich [tick] General Ticktack!‹
›General Ticktack! General Ticktack!‹ riefen die Kupfernen Kerle
und schlugen im Takt auf ihre Schilde.
Nun warteten alle auf den ersten Befehl von General Ticktack. Der
riesige Kupferne Kerl deutete auf die Chirurgen, Uhrmacher, Alchimisten
und Handwerker, denen er seine Existenz verdankte.
›Diese [tick] Männer dort‹, rief er, ›haben uns [tack] erschaffen. Sie [tick]
haben uns erschaffen [tack], damit wir töten. Wir wollen sie [tick] nicht
enttäuschen! Töten wir sie [tack]! Töten wir sie gut!‹ «
Rumo keuchte. Was für ein Teufel war dieser General Ticktack!
Smeik war nicht entgangen, daß Rumo die Geschichte ziemlich mitnahm.
Also beschloß er, ihn mit den Einzelheiten des folgenden Massakers
zu verschonen.
»Es wurde ein furchtbares Gemetzel, aber es dauerte nur wenige
Minuten. Sie wurden abgeschlachtet wie Vieh. Nur wenige der Mechaniker,
Uhrmacher, Ärzte und Alchimisten konnten fliehen und überlebten,
um später von den Ereignissen im Nurnenwald zu berichten –
Zoltep Zaan, der Erfinder von General Ticktack, war einer davon.«
Smeik atmete tief durch.
»Tja: das war die Geschichte von der Schlacht im Nurnenwald. Die
Geschichte von den Kupfernen Kerlen aber fängt hier erst an.«
»Weiter!« drängelte Rumo.
Smeik seufzte. »Ist dir klar, daß das schon die dritte Geschichte
hintereinander ist? Und die Geschichte, mit der wir angefangen haben,
ist immer noch nicht fertig.«
»Weiter! Erzähl!«
Smeik deutete eine unterwürfige Verbeugung an.

»Also – diese Armee von gefühllosen und unbesiegbaren Kampfmaschinen
zog jahrelang durch Zamonien und verbreitete überall Furcht
und Schrecken. Sie eroberte jede Stadt, die sie belagerte, sie tötete jedes
Lebewesen darin auf möglichst grausame Weise, und danach machte sie
alles dem Erdboden gleich. Die Kupfernen Kerle mordeten und brandschatzten
nicht, um zu überleben – denn sie lebten ja eigentlich gar
nicht mehr. Sie raubten nicht, um zu essen – denn sie benötigten keine
Nahrung, hatten keinen Durst. Sie töteten, um zu töten. Die Kupfernen
Kerle waren wie das Schicksal, wie eine Naturkatastrophe, die plötzlich
hereinbrach, ohne jede Warnung, ohne Sinn, blindwütig und gnadenlos
wie der Krieg. Man hörte ein fernes Klimpern, ein sich eilig näherndes
Ticken und Stampfen – und schon waren sie da. Tja, und es konnte
natürlich nicht ausbleiben: Diese Armee von kupfernen Teufeln, unter
der Führung von General Ticktack, stand eines Tages vor der Lindwurmfeste.«
»Ui«, machte Rumo.
»Genau! So etwas Ähnliches müssen die Lindwürmer auch gesagt
haben, als sie die Armee der Kupfernen Kerle vor ihren Toren aufziehen
sahen. Die Luft war voll von metallischen, mechanischen und elektrischen
Geräuschen: das Quietschen von Scharnieren, das Ächzen von
Blasebälgen, das Knistern von alchimistischen Batterien, das Ticken der
Mechanik, die in den Kupfernen Kerlen Organe, Sehnen oder Muskeln
ersetzte. Es hörte sich an, als sei eine Armee von Uhren vor der Lindwurmfeste
aufmarschiert. Glocken schlugen, und Wecker klingelten,
und dann kam die Armee endlich zum Stillstand. Nur noch das tausendfache
Ticken der Federwerke und das regelmäßige Stampfen der
Pumpen war zu hören.«
Smeik beugte sich herab und schneuzte in den Tümpel. Dann fuhr er fort:
»Die polierten Kupferteile der Soldaten glänzten in der Sonne, die
schwarzen Wimpel knatterten im Wind. Die Armee machte den Eindruck
absoluter Unbesiegbarkeit.«
»Pech!« rief Rumo. »Heißes Wasser, heißes Blei!«
Smeik grinste. »Naja, die Lindwürmer waren schon beeindruckt,
aber weit davon entfernt, tatsächlich verängstigt zu sein. Sie waren mittlerweile
daran gewöhnt, furchteinflößende, bis an die Zähne bewaffnete
Armeen vor ihrer Feste aufmarschieren zu sehen. Und sie waren ebenso
daran gewöhnt, diese wilden Krieger geschlagen und gebrochen wieder
abziehen zu sehen. Also beugten sie sich lässig über die Zinnen und riefen:
›Los, verduftet, ihr Blechheinis! Ihr verplempert hier nur eure Zeit.

Was ihr vorhabt, haben schon ganz andere versucht. Und die sind alle
schnell wieder gegangen, wenn sie noch gehen konnten, aber wir sind,
wie ihr seht, immer noch hier. Also nehmt euer Kriegsspielzeug, verkrümelt
euch und überfallt ein paar wehrlose Bauerndörfer, wie ihr das gewohnt
seid.‹ Dann warfen sie ein paar Blumentöpfe auf die Kupfernen
Kerle und lachten.
Eine Weile stand die Armee völlig still. Die Lindwürmer fragten
sich, ob bei diesen Typen ein Blumentopf genügte, um sie außer Gefecht
zu setzen – als sich ein vielstimmiges Klappern und Scheppern erhob, als
ob eine riesige Maschine angeworfen würde. Metall klimperte gegen
Metall, Scharniere ächzten, und die Menge der Kupfernen Kerle teilte
sich. Einer von ihnen kam bis zum Fuß der Lindwurmfeste heran, er war
doppelt so groß und furchterregend wie die anderen Krieger, und er
sprach mit scheppernder Stimme:
›Ich bin [tick] General Ticktack. Wir sind [tack] die Kupfernen Kerle. Ihr
seid [tick] besiegbar. Wir sind [tack] unbesiegbar. Ihr seid [tick] sterblich.
Wir sind [tack] unsterblich.‹ «
Smeik warf seine vierzehn Arme in die Höhe. »Da brach ein unglaubliches
Getöse los! Die Kupfernen Kerle hämmerten mit ihren
Schwertern, Keulen und Äxten auf ihre Schilde, und aus ihren eisernen
Kehlen ertönte fanatisches Geschrei.«
Rumo rutschte aufgeregt hin und her.
»Die Dinosaurier zeigten sich nur mäßig beeindruckt von der
Drohung General Ticktacks, sie hatten sich im Laufe der Belagerungen
schon so manchen kessen Spruch anhören müssen. Sie erzeugten mit
ihren Lippen respektlose Geräusche und warfen mit kleinen Steinen,
die von den Kupfernen Kerlen geräuschvoll abprallten. Alles in allem
amüsierten sie sich köstlich über die regungslos ausharrenden Metallwesen
und schickten sich an, Pech zu kochen. Die Belagerer blieben einfach
stehen – großartige Zielscheiben, wie die Pechsieder anerkennend
bemerkten. Sie konnten die Kübel genauestens positionieren, viel besser
als bei beweglichen Zielen, und dann ließen sie johlend das Pech auf die
Angreifer regnen.«
»Hoho!« feixte Rumo.
»Aber die Kupfernen Kerle bewegten sich nicht einmal. Sie blieben
einfach regungslos stehen, und das Pech kühlte auf ihren Rüstungen
zu schwarzen Schlacken ab. General Ticktack hob die Hand, und alle
fingen an, sich zu schütteln. Das getrocknete Pech fiel einfach von
ihnen ab. Dann begannen sie, sich gegenseitig mit Metallpolitur einzureiben.
«
»Heißes Blei!« rief Rumo.
»Nun, die Lindwürmer waren nicht lange verblüfft: Das Blei blubberte
bereits weißglühend in den Kübeln. Sie kippten es in großzügigen
Portionen über die Kupfernen Kerle und warteten auf die üblichen
furchtbaren Schreie. Aber die blieben einfach stehen, ließen das Blei
erkalten und brachen es von ihren Rüstungen. Keiner von ihnen hatte

auch nur einen Kratzer abbekommen. General Ticktack gab das Zeichen
zum Erstürmen des Haupttores.«
Rumo atmete schwer.
»Die Lindwürmer rotteten sich auf dem Marktplatz zusammen. Sie
hatten ihr Pech verschüttet, sie hatten das Blei ausgegossen, und das
kochende Wasser konnten sie sich diesmal sparen. Damit schienen ihre
Verteidigungsmethoden ausgeschöpft, denn Kämpfen gehörte nicht
dazu. Noch nie hatte ein Lindwurm eine Waffe angerührt. Sie waren
Schriftsteller, keine Krieger! Der Bürgermeister der Lindwurmfeste, eine
vielhörnige schwarze Echse aus der Familie der Styracosaurier, trat vor
seine Gemeinde und ergriff das Wort. Seine Stimme bebte vor Erregung.
›Dies‹, rief er feierlich, ›ist der Unerwünschte Augenblick!‹
›Der Unerwünschte Augenblick!‹ wiederholten die Bewohner der Lindwurmfeste,
denn es war ein vielfach geprobtes Ritual, das sie nun vollzogen.
›Wir alle haben gehofft, daß er niemals eintreten möge‹, sagte der
Bürgermeister. ›Aber wir haben umsonst gehofft.‹
›Wir haben umsonst gehofft‹, riefen die Lindwürmer.
›Bewohner der Lindwurmfeste!‹ Die Stimme des Bürgermeisters
dröhnte bis hinab zu den Kupfernen Kerlen. ›Wir stehen am Abgrund zur
Hölle – was sollen wir tun?‹
Und die Lindwürmer riefen wie aus einer Kehle: ›Wir tanzen zur
Musik der Sterne!‹ «
Rumo blickte zu der Haifischmade hinauf. Smeiks Blick schien in
eine andere Welt zu schweifen, weit, weit weg von den Teufelsfelsen.
»Nun, es war heller Mittag«, fuhr er fort, »kein Stern war am Himmel
zu sehen, und Musik war auch nicht zu hören – schon gar keine
Sphärenklänge! Aber darum ging es nicht. Das mit dem Abgrund der
Hölle und der Musik der Sterne – das waren Sprachbilder, die sich ein
paar Lindwurmdichter vor vielen Jahren ausgedacht hatten, um dem
Ritual einen festlichen, anspruchsvollen Charakter zu geben. Nun, so
anspruchsvoll waren diese Metaphern nicht, sie waren eher etwas
kitschig, aber sie erfüllten ihren Zweck: Die Lindwürmer gerieten
dadurch in eine kämpferische Erregung, die der Ernsthaftigkeit der
Situation angemessen war.«
Rumo wollte eigentlich eine Zwischenfrage stellen, die Worte Sphärenklänge
und Metaphern betreffend, aber Smeik fuhr in seiner Erzählung
unbeirrbar fort:
»Und dann begannen die Lindwürmer zu tanzen! Einige von ihnen
ergriffen Instrumente, Tambourine, Flöten, Lauten, und stimmten eine

flotte Musik an, die sofort in die Beine ging. Auch das war Bestandteil
des Rituals, Melodie und Takt waren genau vorgegeben, die Tanzschritte
wurden schon in der Schule jedem Bewohner der Lindwurmfeste
eingepaukt – es war sehr wichtig, daß dabei ordentlich mit den
Füßen gestampft wurde. Tief unten standen die Kupfernen Kerle und
staunten.
›Sie machen Musik‹, raunte einer der Adjutanten General Ticktack zu.
Es war nicht die Musik, die General Ticktack beunruhigte. Es war das
rhythmische Stampfen, das ihm zu denken gab.
Denn wenn ein Dinosaurier tanzt, dann wackeln die Wände. Wenn
mehrere Dinosaurier tanzen, dann bebt die Erde. Aber wenn alle Dinosaurier
der Lindwurmfeste im gleichen Augenblick tanzen, dann brökkelt
das Universum.«
Rumo keuchte.
»Und plötzlich schien der Himmel einzustürzen. Ein Steinbrocken,
so groß wie ein Haus, kam herabgeschossen und krachte, nicht weit von
General Ticktack und seinen Adjutanten entfernt, in die Erde – nicht
ohne fünfundzwanzig Kupferne Kerle unter sich zu begraben.
›Sie werfen mit Steinen!‹ rief ein Adjutant.
›Sie werfen mit Felsen!‹ rief ein zweiter.
›Sie werfen mit Bergen!‹ schrie ein dritter. In der Luft rauschte es, als
würde ein Schwarm Vögel über ihn herfallen, und dann wurde er von
einem Felsklotz drei Meter tief in die Erde gerammt.
›Verflucht [tick]!‹ rief General Ticktack. ›Sofortiger Rückzug [tack]!‹ Er
drehte sich um und stapfte klimpernd davon.
Das war ein Befehl, der die Kupfernen Kerle völlig irritierte. Sie
hatten sich noch nie zurückgezogen. Sie waren immer nur vorgerückt.
Hatten sie sich etwa verhört? Anstatt General Ticktacks Kommando
wie gewöhnlich umgehend zu folgen, traten sie ein paar Sekunden auf
der Stelle. Dieser Augenblick der Verwirrung war es, der das Schicksal
der meisten von ihnen besiegelte. Es rumpelte noch einmal, noch lauter,
noch bedrohlicher als zuvor – als würde die Erde mit Findlingen
gurgeln. Und dann sahen sie sie, die riesige Lawine, die von der Lindwurmfeste
auf sie niederging, eine graue Woge aus Gestein, die wie ein
Vorhang über die Kupfernen Kerle fiel und sie gnadenlos zu Schrott
zermalmte.«
Smeik seufzte erschöpft.
»Zwei Drittel der Armee der Kupfernen Kerle wurden innerhalb von
Sekunden vernichtet und unter meterhohem Geröll begraben. Der Rest,
darunter General Ticktack, konnte entkommen, man sagt, er sei geradewegs
in die Hölle geflohen.«
Rumo japste. Der Böse war entkommen. Das war nicht richtig.
»Tja,« sagte Smeik, »dies war die Geschichte der Kupfernen Kerle,
aber es war noch nicht das Ende der Geschichte der Belagerungen der
Lindwurmfeste. Oh, nein.«
Rumo war verdutzt. Würde jetzt eine noch fürchterlichere Armee als
die der Kupfernen Kerle aufmarschieren? Er war auf alles gefaßt.
»Nein, das war nur das Ende der kriegerischen Belagerungen der
Lindwurmfeste. Niemand, nicht einmal die verwegenste Söldnerarmee
Zamoniens wäre nach der Sache mit den Kupfernen Kerlen auf die Idee
gekommen, die Lindwürmer noch einmal zu belästigen. Im Gegenteil:
Es wurde für lange Zeit sehr, sehr still um den Berg, niemand wagte sich
auch nur in seine Nähe. Die Lindwurmfestebewohner fingen an, sich zu
langweilen. Ja, sie fingen sogar an, sich nach den alten kämpferischen
Zeiten zurückzusehnen.«
Draußen auf den Teufelsfelsen wurden wieder die Trommeln gerührt,
aber in weiter Entfernung und gedämpft vom Donner der Brandung.
»Dann kamen die Huldlinge – und mit ihnen begann die erste friedliche
Belagerung der Lindwurmfeste.« Rumo spitzte die Ohren. Eine
friedliche Belagerung? War das möglich? Aber in dieser Nacht der
außergewöhnlichen Geschichten schien alles möglich zu sein.
»Ja«, fuhr Smeik fort, »die Huldlinge kamen in Frieden. Es war
eine zusammengewürfelte Horde von Vagabunden aus ganz Zamonien,
in buntscheckige Gewänder gekleidet. Seit Jahrzehnten kursierten
die Gedichte und Schriften der Lindwürmer, und offensichtlich hatten
sie mittlerweile eine Menge Anhänger gefunden. Dazu kam, daß die
Geschichten der Belagerungen den Lindwürmern den Ruf von Helden
eingetragen hatten. Niemals war von ihnen ein kriegerischer Konflikt
ausgegangen, sie hatten sich immer nur verteidigt. Und ungeachtet der
permanenten Bedrohung erzeugten sie weiterhin tapfer ihre Literatur –
das war das Erz, aus dem man Idole schmiedete.
Die Huldlinge umringten die Lindwurmfeste mit einer Zeltstadt,
warfen Blumen und Liebesbriefe über die Zinnen, erklärten die Lindwürmer
zu Genies, lasen aus ihren Texten vor und feierten Feste der
Liebe und der Poesie. Die Lindwürmer lehnten sich über die Zinnen
und beobachteten das Schauspiel, zunächst eher skeptisch – man hatte
ja so seine Erfahrungen mit Belagerungen –, aber diese Huldlinge waren
offensichtlich aus noblen Motiven angerückt. Kleine Druckereien ent-

standen im Umkreis der Feste, die ausschließlich Schriften der Lindwürmer
und dazugehörige hymnische Kritiken veröffentlichten. Die
Lindwürmer warfen handschriftliche Gedichte von den Mauern herab,
die unten feierlich verlesen und wie Schätze gehütet wurden.
Nach ein paar Wochen der Beobachtung und des zurückhaltenden
Austauschs versammelten und berieten sich die Lindwürmer auf dem
Marktplatz und beschlossen, eine Delegation hinauszuschicken, um
die Lage zu prüfen. Fünf Lindwürmer verließen die Feste, zum ersten
Mal seit langer Zeit. Die Ovationen der Huldlinge waren bewegend, sie
streuten Blumen und Lorbeer. Dann wurden sie in das Zelt des Anführers
der Huldlinge geführt – er soll von stattlichem Körperumfang
gewesen sein.
Dieser sprach zu den Dinosauriern: ›Liebe Lindwürmer – vergessen
wir all den Quatsch mit den Schätzen der Lindwurmfeste. Das sind Ammenmärchen
für verblödete Yetis. Der Schatz, den ihr wirklich besitzt,
ist von weit größerem Wert.‹
Die Lindwürmer sahen sich erstaunt an. Der Ton, den der Anführer
anschlug, war weniger huldvoll, als sie es gewohnt waren.
›Das hier‹, er hob einen Stapel mit Lindwurmgedichten hoch, ›ist das
wahre Gold der Lindwurmfeste.‹
Die Saurier fühlten sich geschmeichelt, fragten sich aber, worauf er
eigentlich hinauswollte.
›Karten auf den Tisch, meine Herrschaften – ich bin Verleger! Ich
verlege Bücher, und ich mache Geld damit. Viel Geld.‹
Die Lindwürmer erschraken über den Klang, den seine Stimme plötzlich
bekommen hatte.
›Heldentum. Märtyrerschaft – damit lassen sich Literaturpreise
ergattern, es kommt gar nicht so sehr darauf an, was ihr schreibt:
Prominenz – das ist das Zauberwort.‹
Die Saurier waren immer noch sprachlos.
›Ja: Prominenz – genau darin liegt euer Schatz: in eurer Popularität.
Eine ganze Festung voller Helden, die Gedichte schreiben – kann sich
ein Verleger bessere Autoren wünschen? Meine lieben Lindwürmer, eure
Gedichte, kombiniert mit meinen Druckmaschinen und der Mundpropaganda
der Huldlinge – das ist besser als eine Nattifftoffenlizenz
zum Geldprägen. Ich möchte euch bitten, darüber sorgfältig nachzudenken.‹
Die Lindwürmer waren empört. Man hatte sie getäuscht, sie in
ihrer schriftstellerischen Ehre gekränkt und ihnen ein Angebot gemacht,
das obszön war. Sie verließen schimpfend das Zelt und kehrten

in die Feste zurück, um auf dem Marktplatz ihren Artgenossen davon
zu berichten.
Auch die anderen Lindwürmer waren empört. Ein paar besonders
radikale Künstlernaturen plädierten dafür, kochendes Blei über die
Huldlinge zu kippen. Eine Diskussion entbrannte, und einer der Saurier
wagte eine Prognose, was geschehen würde, wenn man die Huldlinge
verscheuchte: Sie würden abziehen. Die Lindwurmfeste würde veröden.
Niemand würde sie mehr belagern, nicht mal in friedlicher Absicht. Sie
würden sich gegenseitig ihre Gedichte vorlesen, bis sie tot umfielen, und
eines nicht fernen Tages würden die Lindwürmer genauso aussterben
wie ihre blöden Urahnen. Sie würden der Vergessenheit anheimfallen.
Das wäre die eine Möglichkeit.
Die andere: Man einigte sich mit den Huldlingen. Die Folge: Ruhm.
Geld. Literaturpreise. Unsterblichkeit. Waren das nicht die wahren
Ziele, die man sich als Dichter setzt?
Nein, rief ein anderer Lindwurm. Wahrheit. Arbeit. Das Orm zu
erlangen und das Orm zu behalten – das seien die Tugenden, die großen
Ziele, die man sich als Dichter zu setzen habe, sonst nichts. Er wurde
niedergebrüllt.
Der Vorredner ergriff wieder das Wort. Er sprach sehr laut und sehr
langsam: Sie, die Lindwurmfestebewohner, stünden nun am Rand der
Hölle – wäre es da nicht angebracht, zur Musik der Sterne zu tanzen?
Er hatte die Sache auf den Punkt gebracht. Die Hölle: das war die
künstlerische Anonymität. Die Musik der Sterne: das war der Applaus
des Publikums.
›Ich will Wirkung!‹ schrie ein Saurier.
›Ich will gute Kritiken!‹ rief ein anderer.
Stimmengewirr erfüllte den Marktplatz, alle redeten durcheinander.
›Kommerzieller Ausverkauf!‹ rief noch ein sehr alter Saurier dazwischen,
aber das blieb der letzte kritische Kommentar. Es wurde beschlossen,
daß man mit den Huldlingen eine große Feier auf dem
Marktplatz der Feste veranstalten würde. Die Lindwurmfeste öffnete
zum ersten Mal und exklusiv für die treusten Verehrer ihre Pforten. Der
Anfang einer goldenen Zukunft.«
Rumo wurde langsam ungeduldig. Er fragte sich, wann es endlich
wieder zur Sache ging.
»Der große Tag kam bald: Ein langer feierlicher Zug von Huldlingen
zog die Stadt hinauf, Blumen und Handzettel mit Lobreden um sich
werfend. Musik, Gesang, Rotwein für alle. Als der Zug auf dem Marktplatz
angekommen war, wälzte sich der dicke Anführer der Huldlinge

nach vorne und hielt eine Rede. Er winkte den Bürgermeister zu sich
heran und rief: ›Dies ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Es wird
eine Zeit, die frei von Lindwürmern sein wird.‹
Die Lindwürmer horchten auf.
›Es wird eine Zeit, in der die Verbreitung der Lindwurmliteratur unter
Todesstrafe verboten sein wird. Es wird eine Zeit, in der es unter Todesstrafe
verboten sein wird, ein Lindwurm zu sein.‹
Der Bürgermeister sah ihn entsetzt an. War das etwa eine Scherzrede?
Wie konnte der Kerl es wagen, diesen feierlichen Augenblick so taktlos
zu entweihen? Da griff der Anführer der Huldlinge in sein Gewand, zog
ein Kurzschwert heraus und hielt es dem Bürgermeister an die Kehle.
›Nun mal im Ernst, Leute!‹ rief er. ›Ihr könnt es auf die eine oder auf
die andere Weise haben. Wenn ihr das hier heil überstehen wollt, müßt
ihr nur ein paar einfache Fragen beantworten: Wo ist dieser hausgroße
Diamant? Wo ist der Smaragdsee? Wo ist der Zugang zum Mittelpunkt
der Erde?‹ «
Rumo hob überrascht den Kopf. Die Huldlinge hatten Waffen?
»Etliche Lindwürmer schrien auf. Die Huldlinge rissen sich die bunten
Gewänder herunter, und darunter kamen Rüstungen, Schwerter
und Messer zum Vorschein.
›Ja, so sieht es aus! Es hat sich ausgehuldigt‹, lachte der Anführer und
ließ den Bürgermeister los, um die schmutzige Arbeit seinen Soldaten zu
überlassen.«
Rumo keuchte. Diese Huldlinge waren ja schlimmer als die Kupfernen
Kerle! Selbst ihn hatten sie getäuscht.
»Tja, die Huldlinge waren in Wirklichkeit ehemalige Soldaten, die
sich alle an irgendwelchen Belagerungen der Lindwurmfeste beteiligt
hatten. Ihre Körper waren übersät von Brandwunden, ihre Gesichter
voller Haß. Irgendwann waren sich einige von ihnen in einer berüchtigten
Söldnerschenke in Gralsund begegnet und hatten sich in Rage
geredet – und der Wirt dieser Kneipe war der korpulente Anführer der
Huldlinge. Er hatte den raffinierten Plan, alle lindwurmfestegeschädigten
Söldner Zamoniens zu versammeln und die Feste durch einen Trick
zu erobern. Und es hatte tatsächlich funktioniert.«
Rumo knurrte. Was für eine Niedertracht!
»Hier die bis an die Zähne bewaffneten, kriegserfahrenen, rachsüchtigen,
blutdürstigen Söldner, da die verweichlichten, gedichteschreibenden,
unbewaffneten Lindwürmer – ohne ihr heißes Pech, ohne das
gekochte Blei. Die letzte Schlacht um die Lindwurmfeste schien ein sehr
ungleicher Kampf zu werden.«

Rumo nickte ernst. Das würde keine Schlacht, sondern ein noch
grausameres Massaker als das der Kupfernen Kerle an ihren Schöpfern.
»Aaaber …« Etwas in Smeiks Stimme ließ Rumo wieder aufhorchen –
»Nun geschah etwas Erstaunliches. Erstaunlich für die Söldner, aber am
erstaunlichsten für die Lindwürmer selbst. Einige Sekunden lang war es
vollkommen still auf dem Marktplatz. Selbst die Söldner hielten inne,
als ahnten sie das bevorstehende Unheil. Dann änderte sich etwas im
Aussehen der Lindwürmer, in ihrer Haltung, in ihren Augen, in ihren
Gesichtszügen. Aus ängstlichen Grimassen wurden einschüchternde
Raubtierfratzen, die Lindwürmer entblößten die so sorgsam verborgenen
Reißzähne, ihre Kiefer klappten auf wie Bärenfallen, Geifer lief
ihnen aus den Lefzen, aus ihren Kehlen kamen Geräusche, die eine
Armee roter Gorillas blitzartig zurück auf die Bäume gescheucht hätte.
Ein paar von ihnen rissen sich die samtenen Umhänge vom Leib und
zeigten ihre zentnerschweren Muskelstränge. Ja: In den Dinosauriern
erwachten die Instinkte ihrer mächtigen fleischfressenden Vorfahren,
geweckt von der unmittelbaren Bedrohung. Aus den verweichlichten Elfenbeinturmbewohnern
wurden innerhalb eines Augenblicks« – Smeik
schnippste mit den Fingern – »wütende Urechsen.«
Rumo ballte die kleinen Fäuste und boxte aufgeregt in die Luft.
Kampf! Also doch!
»Nun erst entbrannte die wahre Schlacht um die Lindwurmfeste –
ein Gemetzel, gegen das die Schlacht im Nurnenwald ein läppisches Geplänkel
gewesen sein muß. Die Lindwürmer besaßen keine Waffen – sie
waren selbst welche. Perfekt konstruierte Kampfmaschinen, tödlicher
als die Kupfernen Kerle, mit Drachenpanzern statt Eisenschilden, mit
messerscharfen Raubtierzähnen statt Messern, mit Riesenkrallen statt
Säbeln.
Es war nicht so, daß die Söldner vor Schreck ihre Waffen fallen gelassen
hätten. Sie waren verblüfft, weil sie nicht damit gerechnet hatten,
auf Widerstand zu stoßen – und jetzt blickten sie in aufgerissene Lindwurmrachen.
Sie waren die erfahrensten Söldner Zamoniens, in tausend
Kämpfen erprobt, durch alle Feuer gegangen – die schon mit ganz
anderen Bedrohungen fertig geworden waren als ein paar wilden Tieren.
Außerdem waren sie bis an die Zähne bewaffnet, und kein Dinosaurier
war unverwundbar.
Es ging fürchterlich zur Sache. In den Gassen der Lindwurmfeste
spielten sich noch nie dagewesene Szenen ab: Söldner gegen Urtier,
Säbel gegen Zahn, Messer gegen Kralle. Das Gebrüll der Echsen, das
Geschrei der Soldaten. Klingen, die in Saurierkörper fuhren. Gebisse,

die Söldnerköpfe abrissen. Blut spritzte, Fleisch flog in Fetzen. Lanzen,
die sich in Echsenpanzer bohrten. Drachenschwänze, die mit einem
Hieb Körper in der Mitte zerteilten. Der Kampf tobte den ganzen Tag,
und es gab keinen auf dem ganzen Felsen, der nicht von Blut besudelt
wurde, entweder vom eigenen oder dem seiner Feinde.
Die Hälfte aller Bewohner der Lindwurmfeste ließ an jenem Tag ihr
Leben, aber von den Huldlingen, sagt man, überlebte nur ihr Anführer.
Niemand kennt seinen Namen, und keiner weiß, wie er dem Gemetzel
entronnen ist. Am Ende des Tages mußte man über Berge von Leichen
steigen, wenn man durch die Gassen der Feste gehen wollte. Das Blut
stand knöchelhoch, lief in die Abwässerkanäle, den Fels hinab, und der
ganze Berg, die komplette Lindwurmfeste färbte sich blutrot.«
Rumo schnaufte. Das war mehr Kampf, als er erwartet hatte.


»Dies, mein Sohn«, schloß Smeik seinen Vortrag, »war die Geschichte
von den Belagerungen der Lindwurmfeste. Es gibt viele Lehren,
die man daraus ziehen kann. Such dir bei passender Gelegenheit eine
davon aus.«
Smeik rollte mit den Augen und versank langsam in seinem Tümpel.
In den acht Wochen, die Rumo nun schon auf den Teufelsfelsinseln
gefangengehalten wurde, hatte er fünfundzwanzig neue Zähne bekommen.
Manche waren breit, kurz und stumpf, andere waren lang, mit
nadeldünnen Spitzen, oder flach und dünn, mit messerscharfen
Schnittkanten. Der Schmerz der wachsenden Zähne war mittlerweile
ein unberechenbarer Besucher in Rumos Maul geworden, der immer
wieder das Zimmer wechselte. Mal hielt er sich im hinteren Bereich des
Oberkiefers, mal im vorderen Bereich des Unterkiefers auf, mal war er
in der linken Backe, mal in der rechten, mal an drei oder vier Stellen
gleichzeitig. Rumo versuchte, ihn einfach zu ignorieren, die Belohnung
für die Qualen machte ihm das möglich. Denn jedesmal, wenn der
Schmerz an einer Stelle verschwunden war, stand dort ein neues Kunstwerk
der Natur.
Er hatte auch schon gelernt, damit umzugehen. In einer Ecke der
Grotte lag ein Stück Treibholz, das er mit seinen neuen Werkzeugen
bearbeitete, sooft es ging. Schon nach wenigen Tagen sah es aus, als sei
es von Termiten befallen.
Rumo bemerkte auch andere Veränderungen an seinem Körper. Aus
den drolligen Vorderpfoten entwickelten sich schmale Hände mit drei
Fingern und einem Daumen, bewehrt mit scharfen, eleganten Krallen.
Das Faszinierendste daran war, daß Rumo damit Gegenstände greifen
konnte, das war ein großartiges, beglückendes Gefühl, als sei ihm eine
neue Macht über die Dinge gegeben worden. Auch in den Hinterläufen
spannten sich die Muskeln, sein Fell wurde glatter, alles an ihm schien
sich zu straffen, geschmeidiger, größer, härter und kräftiger zu werden.
Aus seinem rosigen Fell wich die Farbe, sämtliche Haare wurden schneeweiß.
Was er an Niedlichkeit einbüßte, machte die zunehmende Schönheit
wett. Aus seiner knubbeligen Nase wurde eine elegante schmale
Schnauze, die Babyspeckfalten verwandelten sich in symmetrisch angeordnete
Bauchmuskeln, seine Vorderläufe wurden zu athletischen,

muskulösen Armen. Die Schultern wuchsen in die Breite, während die
Taille schlank blieb, seine großen Kulleraugen verengten sich zu geheimnisvollen
Raubtierschlitzen. Rumo war in die Wachstumsphase eingetreten,
die bei Wolpertingern außergewöhnlich rasant verlief.
»Man kann dir beim Wachsen zusehen«, sagte Smeik. »Du gehst
durch die Höhle, und wenn du am anderen Ende angekommen bist, bist
du einen Kopf größer.«
Rumo lachte verlegen. Schon seit ein paar Tagen paßte er nicht mehr
in sein Höhlenversteck. Er mußte jetzt wie alle anderen in der Grotte
verharren, wenn die Zyklopen hereinkamen, und es blieb nicht aus, daß
sie mit der Zeit auf den interessanten Wildhund aufmerksam wurden.
Was sie da sahen, wässerte ihnen den Gaumen. Es war eine große Delikatesse,
einen Löwen oder einen roten Gorilla zu verspeisen, das Spiel
ihrer Muskeln und das Zucken der Sehnen zu bestaunen, während man
ihnen bei lebendigem Leib das Fell abzog. Aber dieses Lebewesen, dieser
gehörnte Hund mit den schwarzen Augen und dem weißen seidigen
Fell, so etwas hatten sie noch nicht auf den Felsen gehabt. Er versprach
einen noch höheren Genuß als alles Großwild, das sie bisher gerissen
hatten. Die Zyklopen behandelten ihn wie eine besonders rare Flasche
Wein, die in ihrer Grotte vor sich hin reifte.
Andauernd kamen irgendwelche Einäugigen, um ihn zu bestaunen,
und Rumo glaubte jedesmal, daß er nun an der Reihe sei. Smeik hatte
ihm eingeschärft, auf allen vieren zu laufen, und er hielt sich daran, solange
Zyklopen anwesend waren, aber dadurch konnte er seine Attraktivität
nicht verbergen. Manchmal kamen ein paar Zyklopen in die
Grotte, drängten ihn in eine Ecke und schienen sich grunzend und
schnalzend über Rumos körperliche Fortschritte zu unterhalten. Sie
kniffen ihn in die Arme und in die Bauchmuskeln, schnupperten an seinem
Fell und rissen ihm Haare aus, um sie zu begutachten. Sie erfreuten
sich an seinen blitzartigen Reflexen, während ihnen der Speichel aus
den stinkenden Mäulern lief, und es war ihnen anzusehen, daß sie sich
beherrschen mußten, nicht gleich ihre Hauer in Rumo hineinzuschlagen.
Jedesmal, wenn sie wieder abzogen, ohne ihn mitzuschleppen,
fühlte er sich wie neugeboren.
Ähnliche Fortschritte wie beim Wachstum machte Rumo auch mit
dem Sprechen. Er war mittlerweile in der Lage, sich fließend mit Smeik
zu unterhalten. Und auch wenn sich Rumos eigene Sätze noch auf dem
Niveau eines Reisenden befanden, der seit ein paar Wochen die Sprache
eines fremden Landes studierte – verstehen konnte er beinahe alles.

»Was geschieht mit mir?« fragte Rumo Smeik eines Abends, als die
schweren Wellen wieder einmal besonders heftig gegen die Teufelsfelsen
schlugen und ihr Inneres mit furchterregendem Brausen und Donnern
erfüllten. »Wieso wachse ich so schnell?«
»Weil du ein Wolpertinger bist«, antwortete Smeik.
Rumo legte den Kopf schief, wie immer, wenn er mit einer Antwort
nicht zufrieden war.
Smeik seufzte. »Na schön«, sagte er, »ich denke, es ist langsam der
Zeitpunkt gekommen, an dem du etwas über dich und deine Artgenossen
erfahren solltest. Es ist nicht allzu viel, was ich weiß, aber …«
»Erzähl!« befahl Rumo.
Smeik holte tief Luft. »Es gibt eine Redensart über Wolpertinger, die
vielleicht mehr über sie aussagt als alles andere. Sie lautet: Da kannst du
dich auch gleich mit einem Wolpertinger anlegen.« Smeik grinste. »Diese
Redensart benutzt man in Zamonien gerne, wenn man jemanden davon
abhalten will, etwas unsagbar Törichtes, von vorneherein zum Scheitern
Verurteiltes oder Lebensgefährliches zu unternehmen. Wolpertinger
tragen das Erbe von Wölfen und Rehen in sich, das macht sie stark, wild,
scheu, flink und gefährlich. Sie verfügen über Instinkte und Reflexe,
die kein anderes Lebewesen Zamoniens besitzt, und ihre verschiedenen
Sinnesorgane sind auf eine einzigartige Weise entwickelt. Sie können
mit der Nase und mit den Ohren sehen, wenn es nötig ist. Sie sind so
schnell und gelenkig, daß ihre Bewegungen manchmal den Eindruck
der Zauberei vermitteln.«
Rumo stellte die Ohren auf. Auch wenn Smeik sich etwas geschwollen
ausdrückte, verstand er doch, daß er ihm offensichtlich erklären
wollte, daß Wolpertinger etwas ganz Besonderes waren. Warum hatte er
ihm derart erfreuliche Informationen bislang vorenthalten?
»Die Wolpertinger unterteilen sich in zwei Arten: Die wilden, die nie
sprechen lernen und sich zeitlebens auf allen vieren bewegen, und die
zivilisierten, die sich irgendwann auf die Hinterbeine erheben und zu
reden anfangen. In dem Alter, in dem Wolpertingerwelpen die ersten
Reißzähne entwickeln, zeigt sich, ob sie zu den wilden oder intelligenten
gehören. Du gehörst eindeutig zur letzteren.«
Die Worte, die in Rumo geschlummert hatten. Dieses seltsame Gemisch
aus Gedanken und Gefühlen, das sich in ihm erhoben hatte. Jetzt
fing er an zu begreifen.
»Die wilden Wolpertinger befinden sich ungefähr auf dem geistigen
Niveau von Wölfen und leben vorwiegend in den Wäldern und
Steppengebieten Zamoniens. Manche von ihnen lassen sich sogar

zähmen und fristen ihr Dasein auf Bauernhöfen, als gutgehegte Wachtiere.«

Smeik sah Rumo lange an, bevor er fortfuhr. Ja, er würde es ihm
sagen, auch wenn er es jetzt noch nicht verstand.
»Du bist eine Waise, Rumo. Es ist das unbarmherzige Erbe deiner
Rasse, das den wilden wie den zivilisierten Wolpertingern diktiert, ihre
frischgeborenen Welpen kurz nach der Geburt in der freien Natur auszusetzen.
Wird daraus ein wilder Wolpertinger, dann hat er seine Heimat
schon gefunden. Wird er ein sprechender, dann muß er seinen Weg
in die Zivilisation aus eigener Kraft finden.«
Rumo fühlte sich überfordert. Worte wie Waise, unbarmherzig,
frischgeboren und Zivilisation hatten für ihn keine Bedeutung. »Und wohin
gehe ich?« fragte er.
»Du gehst nirgendwohin«, lachte Smeik. »Du bist auf den Teufelsinseln!«
Rumo legte wieder den Kopf schief.
»Hör zu«, sagte Smeik, und er senkte dabei die Stimme.
»Wenn ich dir einen Plan verraten würde, aus dieser Grotte herauszukommen
und alle anderen zu befreien – was würdest du davon
halten?«
»Das wäre gut«, sagte Rumo.
»Was wäre, wenn ich dir sage, daß du der wichtigste Teil dieses Planes
bist?«
»Das macht mich stolz«, sagte Rumo.
»Und was wäre, wenn ich sage, daß du für diesen Plan dein Leben
riskieren müßtest?«
»Das macht mich stolzer.«
»Gut. Ich denke über den Plan nach und teile ihn dir mit, sobald
die Zeit reif ist«, sagte Smeik, und er reichte ihm eines seiner kleinen
Ärmchen. Rumo schlug ein. Es fühlte sich feucht und klebrig an, aber
dennoch war ihm sehr feierlich zumute.
Jeden Tag brachte Smeik Rumo etwas Neues über das Kämpfen bei.
Dabei ging es selten um Technik oder artistische Tricks. Smeik sprach
gerne vom theoretischen Aspekt des Kampfes, und manchmal verstand
Rumo nicht das geringste davon. So sagte Smeik beispielsweise eines
Tages: »Es ist eine Binsenweisheit, aber es schadet tatsächlich, wenn
man im Kampf zu viel denkt. Versteh mich nicht falsch: Ein guter
Kämpfer muß kein Idiot sein. Er muß nur im entscheidenden Moment
die Kraft haben, das Handeln dem Denken vorzuziehen. Nein, was rede

ich da, mit Kraft hat das nichts zu tun. Das Gegenteil ist richtig. Es darf
nichts von einer Anstrengung in dieser Entscheidung sein. Es muß so
sein, als würdest du pinkeln.«
Rumo knurrte angestrengt und legte die Stirn in Falten.
»Wenn du dein Wasser abschlägst, löst sich etwas, das du lange in
dir aufgestaut hast, richtig? Es ist wie eine Befreiung, es ist leicht und
befriedigend, geradezu eine Lust, es kostet keine Kraft, du läßt es einfach
geschehen. Wenn du wolltest, könntest du den ganzen Tag Wasser lassen,
wo du gehst und stehst, aber du tust es nicht, was wäre das auch für
eine Sauerei? Du staust es auf, bis es weh tut, dann läßt du es fließen,
und es ist eine Erlösung – stimmt’s? Genau so solltest du kämpfen: wie
du pinkelst.«

Rumo war verwirrt. Die ganze Zeit hatte ihm Smeik von heroischen
Kämpfen und Siegen vorgeschwärmt, und jetzt redete er vom Wasserlassen.
Wolpertinger urinierten gern und viel, wie jede zamonische
Daseinsform, in der das Blut von Urhunden floß, aber er begriff nicht,
worauf sein dicker Freund hinauswollte.
»Denk mal drüber nach!« sagte Smeik.
Als Rumo später in einer dunklen Nische der Grotte sein Wasser abschlug,
fielen ihm die Bemerkungen von Smeik wieder ein. Er verstand
es immer noch nicht. Was hatte das mit kämpfen zu tun?
Fast die ganze Fhernhachenfamilie, bei der Rumo aufgewachsen war,
war mittlerweile verschwunden. Einer nach dem anderen war von den
Zyklopen aus der Grotte geschleppt worden, und keiner war je zurückgekehrt.
Er trauerte ihnen nach, denn er wußte nun, was mit ihnen
geschehen war. Neben seinen Zähnen und Muskeln wuchs noch etwas
anderes in Rumo, eine unangenehme Empfindung, die sich auf die
Zyklopen bezog. Es war ein hoffnungsloses, verzweifeltes, hilfloses
Gefühl, das mit dem Wunsch zu tun hatte, seinen toten Freunden
Genugtuung geschehen zu lassen und die Zyklopen für ihr Tun zu
bestrafen – es war der Wunsch nach Rache. Gleichzeitig wußte er, daß
er nichts gegen sie ausrichten konnte, so klein und schwach, wie er im
Verhältnis zu ihnen war. Ja, er wuchs, er wuchs rapide, aber selbst wenn
er zum größten, zum stärksten und zum gefährlichsten Wolpertinger
aller Zeiten heranwachsen würde – was sollte ein einziger Kämpfer
gegen Hunderte von Zyklopen ausrichten können? Auf die Hilfe der
kleinen schwachen Zwerge brauchte er nicht zu hoffen, und auch
nicht auf die von Smeik, diesem unbeweglichen Fettkloß. Selbst wenn
die stärksten Kreaturen in der Grotte, die wilden Tiere, sich mit ihm

verbünden würden: Auch gemeinsam hätten sie keine Chance gegen die
Einäugigen.
Was nur konnte Smeiks Plan sein?
Die Notgemeinschaft in der Grotte hatte sich mit der Zeit in ihr
Schicksal gefügt. Man hatte begriffen, daß es sinnlos war, ganze Tage
mit Weinen zu verbringen. Auch Angst hält nicht ewig an, bei ständiger
Bedrohung verwandelt sie sich irgendwann in Gleichgültigkeit. Immer
noch schlug den Gefangenen das Herz bis zum Hals, wenn ein Zyklop
die Höhle betrat, aber die meisten Fhernhachen hatten mit der Zeit
Strategien entwickelt, sich möglichst unauffällig, unattraktiv und unappetitlich
zu geben. Viele hatten sich mit dem Schleim aus Volzotans
Tümpel eingeschmiert, den Rumo als Freilaufender gerne verteilte. Es
hatte sich herumgesprochen, daß Bewegungen grundsätzlich eine appetitanregende
Wirkung auf die Zyklopen hatten, also hielt man möglichst
still oder stellte sich schlafend, wenn einer von ihnen die Grotte
inspizierte.
Einen wirklichen Einfluß auf das Freßverhalten der Einäugigen hatte
das nicht, denn diese verfügten über Mittel und Wege, ihre Nahrung
zum Zappeln zu bringen, wenn es ihnen nötig erschien. Nur um Smeiks
Tümpel, die Quelle jener übelriechenden Masse, machten sie einen
weiten Bogen.

Über Walter Moers

Biografie

Walter Moers, 1957 in Mönchengladbach geboren, ist der Erfinder des »Käpt'n Blaubär« und hatte auch große Erfolge mit den Büchern um »Das kleine Arschloch« und der Comic-Figur »Adolf«. 1999 stürmte der Roman »Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär« die Bestsellerlisten. Dem folgten inzwischen mehrere...

Medien zu »Rumo & Die Wunder im Dunkeln«

Weitere Titel der Serie »Zamonien«

Zamonien ist ein von dem Schriftsteller Walter Moers erfundener Kontinent, der bevölkert ist von einer Vielzahl aus der Weltliteratur entliehener Geschöpfe und selbst erfundener Fabelwesen aller Art.

Kommentare zum Buch

bettina am 25.01.2016

Bitte legt diesen Roman als Hardcover neu auf. Bitte. Ich kann mir den Sammlerwert von 100 € nicht leisten und möchte unbedingt eine gebunde Ausgabe.. 

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden