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Ruhe sanft, mein Herz

Ruhe sanft, mein Herz

Ein Paris-Krimi

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Ruhe sanft, mein Herz — Inhalt

Eine Mordserie im Paris des Jahres 1890 erschüttert den Buchhändler Victor Legris, denn mit einem der Opfer verband ihn ein amouröses Verhältnis. So wird er zum unfreiwilligen Ermittler bei der Aufklärung mehrerer Verbrechen. Ein Kriminalroman,der mit Pariser Charme und viel Geist und Witz bezaubert.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.04.2015
Übersetzt von: Gaby Wurster
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96882-9

Leseprobe zu »Ruhe sanft, mein Herz«

Immer für dieselben!
Und für unsere lieben »Unsichtbaren«.

 

Seid Ihr denn noch immer da? Ihr seid sicherlich tot,
Aber wo ich bin, kann man zu den Toten sprechen.

 

Victor Hugo, Contemplations

 

Wir alle sind Geister …

 

Elisabeth von Österreich

 

Im Vorfeld

 

Kolumbien, Departamento Valle del Cauca,
November 1889

 

Nach einem anstrengenden Abstieg durch den schwülen Regenwald hatten sie endlich Las Juntas erreicht. Ein bärtiger Mann ging an der Spitze. Ihm folgten zwei Träger, Indios, mit einem vierten Mann, der bewusstlos in einer Hängematte lag – sie [...]

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Immer für dieselben!
Und für unsere lieben »Unsichtbaren«.

 

Seid Ihr denn noch immer da? Ihr seid sicherlich tot,
Aber wo ich bin, kann man zu den Toten sprechen.

 

Victor Hugo, Contemplations

 

Wir alle sind Geister …

 

Elisabeth von Österreich

 

Im Vorfeld

 

Kolumbien, Departamento Valle del Cauca,
November 1889

 

Nach einem anstrengenden Abstieg durch den schwülen Regenwald hatten sie endlich Las Juntas erreicht. Ein bärtiger Mann ging an der Spitze. Ihm folgten zwei Träger, Indios, mit einem vierten Mann, der bewusstlos in einer Hängematte lag – sie hing an einer Stange, die die Männer geschultert hatten.
Sie befanden sich etwa einen Kilometer außerhalb des Dorfes auf einem steinigen Pfad, gesäumt von blühendem Lippenkraut. Auf den sonnenverbrannten Ausläufern der Kordilleren zeichneten sich zwei Dutzend Hütten zwischen kärglichen Tabak- und Maisfeldern ab. Weiter unten wälzte der Rio Dagua seine aufgepeitschten Wasser in den Pazifischen Ozean.
Der Weg, dem sie folgten, endete in einer Sackgasse vor einem verfallenen Gebäude mit dem prunkvollen Namen Hacienda del Dagua, einem aufgelassenen Warenlager aus der Zeit, als Las Juntas noch ein geschäftiger Handelsplatz zwischen den Städten Buenaventura und Cali gewesen war. Nun standen hier nur noch überwucherte Ruinen; lediglich ein Zimmer war unter dem eingestürzten Dach intakt geblieben.
Die Indios legten die improvisierte Trage auf strohgefüllte Kisten und eilten sogleich wieder hinaus, während sie »duendes, duendes« murmelten: »Geister«. Der Bärtige verzog das Gesicht. Unter normalen Umständen hätte ein verhextes Haus seine Neugierde geweckt, aber seit drei Tagen war er vom Pech verfolgt, und er empfand eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem. Er blickte den Indios nach, die sich schnell entfernten, dann legte er seinen Tornister ab und inspizierte die Räumlichkeiten.
Unzählige Spinnweben bildeten einen dichten Schleier über einem unordentlichen Haufen aus zerbrochenen Karrenreifen, Antriebsrädern von Maschinen, den Resten eines Telegraphen und Dutzenden leeren Flaschen. Der Mann hob ein vergilbtes, zerfleddertes Buch auf, dessen Seiten fast zu Staub zerfielen: À la Malibran, Stanzen von Alfred de Musset. Er lachte in sich hinein. Musset – hier an diesem Ort! Wie absurd! Er ließ das Buch fallen und beugte sich über die Gestalt, die quer auf den Kisten lag. Der Sterbende war etwa so groß wie er selbst, jedoch korpulenter. Sein aufgeknöpftes Hemd enthüllte einen schweißnassen Oberkörper, jeder Atemzug, begleitet von einem Röcheln, konnte sein letzter sein. Rötlicher Schaum stand ihm vor dem Mund. Die Kugel hatte ihn in den Rücken getroffen und seine Lunge durchschlagen.
Der macht es nicht mehr lange, dachte der Bärtige und war erstaunt, wie kalt es ihn ließ.
Er öffnete den Tornister und breitete den Inhalt auf dem gestampften Lehmboden aus: eine Brieftasche, ein paar Patronen, Unterwäsche, ein Messer, Generalstabskarten. Aus der Brieftasche ragte ein Umschlag, adressiert an Monsieur Armand de Valois, Geologe bei der Interozeanischen Kanal-Compagnie, c/o Señora Caicedo, Hotel Rosalie, Cali, Kolumbien. Er faltete den Brief auseinander und las leise:

 

29. Juli 1889

 

Mein liebster Armand,
wie befindest Du Dich, mein Mäuserich? Dein Brief erreichte mich während meiner Abwesenheit, seit gestern bin ich wieder in Paris. Die Ferien in Houlgate waren herrlich; meine Freundin Adalberte de Brix (Du weißt schon – die Witwe des Präsidenten de Brix) hatte eine Villa neben der meinen gemietet. In Gesellschaft unternahmen wir schöne Spaziergänge, wir spielten Rasentennis, Federball und Krocket und lernten charmante Leute kennen, allen voran den englischen Spiritisten Numa Winner. Stell Dir vor, er hat schon vor zwei Jahren Ferdinand de Lesseps’ Bankrott und die Einstellung der Arbeiten am Kanal vorausgesagt! Zusammen mit Adalberte habe ich ihn mehrfach besucht. Seit sie ihren Sohn Albéric so früh verloren hat, hegt sie eine grenzenlose Begeisterung für Séancen, bei denen Geister angerufen werden, und hat schon des Öfteren ein Medium konsultiert, jedoch ohne wirklichen Erfolg – bis sie Monsieur Numa traf. Und stell Dir vor, mein Mäuserich: Durch ihn hat der kleine Albéric zu ihr gesprochen. Ich hätte es nie geglaubt, wäre ich nicht selbst zugegen gewesen. Es war verblüffend. Albéric beschwor seine Mutter, nicht mehr um ihn zu weinen, er sei glücklich dort, wo er ist: »Frei! Endlich frei ! «, schrie er. Ein wunderbarer Trost, nicht wahr ? Auch ich habe Monsieur Numa persönliche Fragen gestellt, und er hat mir versichert, dass Deine Sorgen bald ein Ende haben werden und Du Dich eines verdienten Ruhestandes erfreuen kannst. Du siehst, mein Mäuserich, Deine liebende kleine Frau denkt an Dich. Habe ich Dir schon erzählt, dass Dein Buchhändler, Monsieur Legris aus der Rue des Saints-Pères, in eine Reihe schmählicher Morde verstrickt war, die auf der Weltausstellung begangen wurden? Von Raphaëlle de Gouveline erfuhr ich, dass er mit einer russischen Emigrantin verkehrt, einem liederlichen Frauenzimmer, das nackt für Maler posiert. Aber bei einem solchen Mannsbild verwundert mich nichts – nie trägt er einen Zylinder, und er hält sich einen chinesischen Diener!
Ich komme nun zum Schluss, ich habe Anprobe bei Madame Maud in der Rue du Louvre – ein prachtvolles Kleid von einem Schnitt … o, là, là! Aber was rede ich – lass Dich überraschen! Deine Dich liebende kleine Frau will sich schließlich für Deine Rückkehr schön machen. Schreib mir bald. Ich sende Dir tausend nach Heliotrop duftende Küsse, Deine Odette

 

Der Himmel war bleigrau. Der Mann faltete den Brief zusammen und steckte ihn wieder in das Portefeuille, das er dem Sterbenden in die Tasche schob. Dabei nahm er ein kurzes Rascheln wahr, das gleich wieder verklang. Er zündete eine Kerze an und hob sie hoch über seinen Kopf – nichts. Dennoch: Er wusste, dass es eine Vampirfledermaus gewesen war, ein Tier, das Schlafenden nachts Blut aus den Zehen saugt … Vom Ekel gepackt, hob er eine Flasche auf und schleuderte sie in die Richtung, in der er den Vampir vermutete. Sie zerschlug an der Wand. Der verletzte Mann hustete erstickt. Sein Röcheln wurde immer schneller, er heftete den Blick auf die große Gestalt an seinem Lager und versuchte, sich aufzusetzen, doch mit dem Blut, das aus seinem Mund rann, verließen ihn die Kräfte. Er fiel zurück. Es war vorbei. Automatisch bekreuzigte sich der Bärtige. Er flüsterte: »Möge er in Frieden ruhen. Amen«, und drückte dem Toten die Lider zu.
Nun musste er seinen Plan fehlerlos ausführen. Er würde bis zum Morgengrauen warten, um den Toten zu waschen, vor allem musste er die Wunde gut kaschieren. Dann würde er die örtlichen Behörden informieren, ein Beamter würde kommen und den Tod feststellen. Zusammen mit dem Beamten würde er alle Verfügungen für ein schnelles Begräbnis treffen. Er hatte das Dorf Las Juntas ausgewählt, weil es hier weder einen Priester noch einen Zimmermann gab; die Leiche würde einfach in ein schlichtes Tuch eingeschlagen und beerdigt werden, und in ein paar Monaten wären nur noch die Gebeine übrig.
Der Mann legte sich hin, ohne die Stiefel auszuziehen. Trotz seiner Erschöpfung konnte er nicht schlafen. Seine Gedanken kreisten um das, was er erledigen musste. Wenn er damit fertig wäre, würde ihn ein gutes Maultier in fünf, sechs Tagen zum Hafen von Buenaventura bringen, er würde an Bord eines Steamers der englischen Dampfschifffahrtsgesellschaft mit Kurs auf Panama gehen. Dort würde er rechtzeitig ankommen, um die Eisenbahn nach Barranquilla zu nehmen. Vierundzwanzig Stunden später würde die La-Fayette aus kolumbianischen Gewässern auslaufen und Mitte Dezember in Saint-Nazaire vor Anker gehen.
Er wühlte in den Taschen des Toten, zog eine halb zerdrückte Zigarre heraus und zündete sie an. Die Fledermaus, die an einem Deckenbalken hing, blickte beunruhigt auf das kleine rote Auge, das vor dem Mund des Mannes glomm.

 

1. Kapitel

 

Vier Monate später

 

»Lieber Gott, er war so gut, er war so fürsorglich, wir haben ihn zärtlich geliebt! Lieber Gott, er war …«
In unermüdlicher Wiederholung drangen die Worte hinter dem Hutschleier hervor, der das Gesicht einer Frau verbarg; sie kauerte am Fenster einer Droschke. Eine andere Frau, die ihr gegenübersaß, unterstrich die Worte immer wieder mit einem vage angedeuteten Kreuzzeichen. Die Litanei konnte kaum das Quietschen der Achsen und das Holpern der Räder auf dem Asphalt übertönen, sie hatte schon lange jeglichen Sinn verloren, wie ein Abzählreim, den Kinder endlos wiedergeben.
Der Kutscher zog die Zügel, der Wagen hielt in der Rue Rondeaux vor einem Tor des großen Friedhofs Père-Lachaise. Der Mann stieg vom Kutschbock, verhandelte mit dem Wärter, steckte ihm eine Münze zu, dann hievte er sich wieder schwerfällig auf seinen Sitz und ließ die Peitsche knallen.
Kurz vor einem Leichenzug fuhr die Kutsche auf den Friedhof und bog in die Avenue Circulaire ein, die rund um die Anlage führt. Der Regen umhüllte die riesige Nekropole mit einer glänzenden Kuppel. Rechts und links des Weges standen Kapellen, Kenotaphe und Mausoleen, geschmückt mit Putten und trauernden Nymphen. Zwischen den Gräbern zog sich ein Gewirr aus Gassen und Wegen hindurch, gesäumt von Büschen und Bäumen, die nun, Mitte März, erst spärlich sprossen. Sykomoren, Thujen, Buchen und Linden verdunkelten den ohnehin schon verhangenen Himmel noch mehr.
Die Kutsche nahm eine Kurve und fuhr fast in einen großen weißhaarigen Mann, der den drallen Hintern einer Bronzenymphe an einem Grabmal bewunderte. Das Pferd bäumte sich auf, der Kutscher stieß einen Schwall Flüche aus, der alte Mann ballte die Faust, schrie: »Verflucht, Emmanuel de Grouchy, ich krieg dich noch!«, und wankte davon.
Der Kutscher brummte ein paar Drohungen, besänftigte seine Fahrgäste und beruhigte sein Pferd mit einem Zungenschnalzen. Es trabte zur Avenue Latérale du Sud im Süden des Parks und hielt vor der Grabstätte des Chirurgen Jacques René Tenon.
Eine sehr junge Frau in schlichter schwarzer Garderobe – Wollkleid, gegürtete Jacke, Umschlagtuch, Baumwollhaube, aus der ein paar blonde Strähnen lugten – öffnete den Schlag, sprang auf den Weg und half einer ebenfalls blonden, aber üppigeren Frau in tiefer Trauer aus der Kutsche. Sie war es, die unter ihrem Schleier Gott angerufen hatte. Eingemummt in einen Persianermantel und eine Chinchillamütze, schien sie eher für eine Polarexpedition gerüstet als für einen Friedhofsbesuch.
Die beiden Frauen blieben kurz nebeneinander stehen und blickten die Kutsche und das Pferd an, die sich im schwindenden Nachmittagslicht als Schattenriss abzeichneten. Die Pelzmütze neigte sich zur Baumwollhaube: »Sag ihm, er soll in der Rue du Repos warten.«
Die junge Frau übermittelte dem Kutscher die Aufforderung und bezahlte die Fahrt. Der Mann tippte mit zwei Fingern an seinen Wachstuchhut, rief laut »Hü!«, und fuhr schnell davon.
»Ich werd mir doch nich’ die Beine in ’n Bauch steh’n für so ’ne Weiber, die nich’ mal wiss’n, was Trinkgeld is’. Soll’n sie doch auf Schusters Rapp’n nach Haus lauf’n!«, grummelte er.
»Denise!«, rief die Frau mit der Pelzmütze.
»Ja, Madame«, antwortete das Mädchen und eilte zu ihrer Herrin.
»Komm schon! Gib es mir! Was starrst du denn so?«
»Nichts, Madame. Ich … ich hab halt nur ein wenig Angst. «
Aus ihrem Korb nahm sie ein flaches, rechteckiges Päckchen und reichte es ihrer Herrin.
»Angst? Wovor denn? Vor wem denn? Wenn es einen Ort gibt, an dem der Allmächtige über uns wacht, dann doch wohl auf einem Friedhof! Hier sind uns unsere Lieben, die von uns gegangen sind, ganz nah, sie umgeben uns, sehen uns, sprechen zu uns!«, rief die Frau aus.
Denise wurde noch nervöser. »Deswegen habe ich ja Angst, Madame. «
»Ach, was bist du für ein dummes Ding! Was soll ich nur mit dir anfangen? Bis gleich.«
Verängstigt hielt das Mädchen die Frau am Ärmel fest. »Soll ich Sie nicht begleiten?«
»Du bleibst hier, er will mich allein sehen. In anderthalb Stunden bin ich wieder bei dir.«
»O Madame, bitte! Es wird doch bald dunkel …«
»Dunkel? Unsinn! Es ist ja noch nicht mal vier Uhr, die Tore werden um sechs geschlossen. Für den Fall, dass du nicht dumm sterben willst, hast du nun genügend Zeit, die Grabstätten zu besichtigen. Ich empfehle dir das Grab von Musset, dort unten in der Senke; man hat eine Weide gepflanzt, nun ja, sie ist nicht besonders groß, aber das Grabmal ist wunderschön. Ich bezweifle allerdings, dass du weißt, wer Musset war – geh also lieber hinauf zur Kapelle, ein Gebet wird dir nicht schaden.«
»Madame!«, flehte das Mädchen.
Doch Odette de Valois entfernte sich bereits zügigen Schritts. Schaudernd suchte Denise unter einem Edelkastanienbaum Zuflucht. Der Regen war nur mehr ein Nieseln, die Vögel zwitscherten wieder. Eine dicke rötliche Katze schlich um die Gräber herum. Ein Mann zündete die Straßenlaternen an, mit seinem langen Stab überquerte er den Weg und warf dem Mädchen einen schmachtenden Blick zu. Ich kann hier ja nicht ewig stehen bleiben, sagte sich Denise, schlug ihr Tuch über die Haube und ging einfach drauflos unter den Gaslampen, um die die Regentropfen einen schimmernden Kranz bildeten.
Sie versuchte sich zu beruhigen, indem sie an die Spaziergänge im Wald von Nevet mit ihrem Vetter Ronan dachte, in den sie mit dreizehn Jahren verliebt gewesen war. Was war er für ein schöner Junge gewesen, und wie schade, dass er ihr eine andere vorgezogen hatte! Ganz in Gedanken vergaß sie allmählich ihre Angst und ließ die seltenen glücklichen Momente ihrer Kindheit wieder aufleben – die zwei Jahre, die sie bei ihrem Onkel, einem Fischer, in Douarnenez verbracht hatte; die Freundlichkeit der Tante, die Aufmerksamkeiten des Vetters. Dann: die Rückkehr nach Quimper, Krankheit und Tod der Mutter, der Vater fing mit dem Trinken an und wurde gewalttätig, ihre Geschwister zogen aus, sie blieb allein im Haus und träumte von dem Prinzen, der sie holen und nach Paris entführen würde …
Beim Anblick eines ziemlich verwitterten neogotischen Mausoleums mit ineinander verschlungenen Namen wurde ihr plötzlich wieder bewusst, wo sie sich befand. Sie näherte sich der Grabstätte und las, dass hier seit Anfang des Jahrhunderts die sterblichen Überreste von Heloise und Abaelard ruhten. War es nicht seltsam, dass die Erinnerung an Ronan sie an das Grab der legendären Liebenden geführt hatte? Und wenn Madame nun recht hatte? Wenn die Toten …?
»Soldaten, euer General zählt auf eure Tapferkeit! Es wird ein blutiger Kampf, aber wir werden diese Festung einnehmen und unsere Fahnen ins Feindesland pflanzen! Verdammt! Wir kriegen sie!«, brüllte ein Trunkenbold, der auf einmal hinter dem Grabmal hervorkam.
Denise erkannte den alten Mann wieder, den die Kutsche beinahe überfahren hätte. Wild gestikulierend kam er auf sie zu. Sie ergriff die Flucht.

 

Odette de Valois stand starr vor einer Totenkapelle, die größer war als die Mausoleen daneben und von einem barocken Giebel mit einem Basrelief aus Akanthusblättern und Lorbeerzweigen gekrönt wurde. Nachdem Odette sich vergewissert hatte, dass sie allein war, steckte sie den Schlüssel ins Schloss des kunstvoll gearbeiteten schmiedeeisernen Portals. Die Türflügel schwangen knirschend auf. Odette betrat die Kapelle und stieg die beiden Stufen zum Altar hinauf. Ihr Päckchen legte sie zwischen zwei Kandelaber und zündete die Kerzen an. Dann hob sie den Blick zu einem Buntglasfenster, das die Heilige Jungfrau darstellte, bekreuzigte sich und kniete auf einem Betschemel nieder. Der Kerzenschein beleuchtete Stucktafeln, worin in goldenen Lettern Namen und Lebensdaten eingraviert waren :

 

Antoine Auguste de Valois
Divisionsgeneral
Großoffizier der Ehrenlegion
1786–1862

 

Seine Gemahlin
Eugénie Suzanne Louise
1801–1881

 

Anne Angélique Courtin de Valois
1796–1812

 

Pierre Casimir Alphonse de Valois
Notar
1812–1871

 

Armand Honoré Casimir de Valois
Geologe
1854–1889

 

Odette richtete sich wieder auf. Leise las sie von einer Marmortafel die Inschrift ab:

 

Lieber Gott, er war so gut, er war so fürsorglich!
Wir haben ihn zärtlich geliebt!
Du hast ihm in fremder Erde
Ewige Ruhe geschenkt.
Uns hat Dein Urteilsspruch geschlagen.
Beten wir für ihn und führen wir ein gottesfürchtiges Leben,
Auf dass wir im Himmel wieder mit ihm vereint sein werden.

 

Ein wenig lauter betete sie mit gefalteten Händen das Vaterunser, dann erhob sie sich, wickelte das Päckchen aus und rief dabei aufgeregt: »Armand, ich bin es – Odette, deine Odette! Ich bin gekommen und bringe dir, was du wolltest, in der Hoffnung, du mögest mir verzeihen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Gib mir ein Zeichen, mein Mäuserich. Komm, komm, ich flehe dich an, komm!«
Nur der Gesang des Regens auf dem Stein antwortete ihr. Sie stieß einen Seufzer aus und kniete wieder nieder. Zwischen den Kandelabern tanzte der Schatten eines Baumes wie eine Hindu-Göttin mit mehreren Armen. Die Frau heftete den Blick auf den Schatten und bewegte still ihre Lippen. Verwundert und wie hypnotisiert starrte sie die Bajadere an, die immer größer und größer wurde und bis zum Fenster hinaufreichte. Die Frau wollte schreien, hatte aber keine Kraft dazu, und so flüsterte sie nur: » Endlich ! «

 

Orientierungslos irrte Denise in der jüdischen Abteilung des Friedhofs umher. Sie ging an den Grabstätten der Schauspielerin Rachel Felix und des Barons James Mayer de Rothschild vorbei, ohne sie zu sehen. Sie hatte Angst, wieder auf den alten Säufer zu treffen, und wollte nur noch eins: das Grab von Tenon wiederfinden.
Irgendwann fand sie sich wieder zurecht. Vor ihr stand der Kenotaph, den der Dramatiker Marie-Joseph Chénier für seinen Bruder André hatte errichten lassen. Sie las die Gedenktafel und fand die Inschrift schön: Was nicht sterblich ist, kann der Tod nicht zerstören.
Um die fortschreitende Dunkelheit zu vergessen, dachte sie über diese Worte nach. Sie wandte sich nach rechts. Zwar hatte sie keine Uhr, aber ihr Gefühl sagte, dass es Zeit war, zum Treffpunkt zurückzukehren. Als sie wieder auf der Avenue Latérale du Sud angekommen war, konnte sie niemanden sehen. Zitternd vor Angst und Kälte, trippelte sie ein wenig auf der Stelle. Obwohl es nur ganz leicht regnete, war ihr Tuch durchnässt. Sie hielt es nicht mehr aus und lief den Weg hinauf. Da sie ihre Herrin schon einmal bei einem kurzen Friedhofsbesuch begleitet hatte, wusste sie, dass die Kapelle von Armand de Valois ein Stückchen weiter vorn lag, wenige Meter vom Grab des Astronomen Jean-Baptiste Delambre entfernt. Während sie weiterhastete, flehte sie leise: »Madame, kommen Sie, ich bitte Sie! Heiliger Corentinus, heiliger Gildas, heilige Muttergottes, beschützt mich!«
Schließlich entdeckte sie die Totenkapelle, in der ein schwaches Licht glomm. Nervös blickte sie sich um und ging langsam darauf zu. Plötzlich sprang ein Schatten aus dem Gebüsch, gefolgt von einem weiteren Schatten. Erschrocken wich Denise zurück. Zwei Katzen.
»Madame … Madame, sind Sie hier?«

 

Der Regen fiel nun in dichteren Tropfen und trübte Denise die Sicht. Sie glitt aus und hielt sich an dem offenen Flügel des Portals fest. Eine der beiden Kerzen war halb heruntergebrannt und schien auf die Bodenfliesen, wo etwas lag, das auf den ersten Blick wie ein schlafendes Tier aussah. Trotz ihres Schrecks bückte sich Denise und erkannte den rotbraunen Seidenschal, in den das Päckchen ihrer Herrin eingewickelt gewesen war. Als sie danach greifen wollte, wurde sie von etwas Kleinem und Hartem am Handgelenk getroffen. Es handelte sich um einen Kieselstein, der am Altar abprallte.
Sie wirbelte herum. Niemand war zu sehen. Sie lief auf den Weg, der verlassen dalag. Von panischer Angst ergriffen, rannte sie Hals über Kopf zum Tor an der Rue du Repos. Nur ein Gedanke trieb sie voran: Sie musste unbedingt den Wärter alarmieren.

 

Kaum war Denise verschwunden, bog eine männliche Silhouette um die Ecke der Kapelle und ging hinein. Eine behandschuhte Hand hob den rotbraunen Seidenschal auf und nahm das flache, rechteckige Päckchen, das zwischen den beiden Kandelabern lag. Schnell steckte der Mann alles in eine Umhängetasche, die er über einem dunklen Überrock trug.
Er ging um das Grabmal herum, hinter dem ein Dickicht knospender Holundersträucher stand, zog die Handschuhe aus und legte sie auf die Kante eines Grabsteins. Dann bückte er sich. Mit gebeugten Knien fasste er eine bewusstlose, ganz in Schwarz gekleidete Frau an den Knöcheln und zog sie zu einem Handkarren, der an eine Gruft gelehnt war. Langsam richtete der Mann sich auf, holte tief Luft und nahm eine Plane vom Karren, unter der ein seltsames Sammelsurium lag: ein paar Stichel, ein Damenschirm, ein Kutscherrock, zwei tote Katzen, eine Damenstiefelette, ein verbeulter Zylinder, ein Stück von einem Grabstein, weiße Lilienzweige, das Dach eines Kinderwagens und andere bunt zusammengewürfelte Dinge. Der Mann kippte den Krimskrams auf die Erde und hob die Stangen des Karrens an, damit er die Frau besser auf die Ladefläche ziehen konnte. Es bereitete ihm große Mühe, die leblose Frau in den Karren zu bugsieren. Er versteckte sie unter Kutscherrock und Kinderwagendach, verteilte dann Schirm, Zylinder, Blumen und Katzen darauf und bedeckte alles wieder mit der Plane.
Erst jetzt blickte er sich um. Als er nur Statuen und Büsche sah, seufzte er erleichtert, nahm seinen Stock und verschwand.

 

Denise saß an einem Tisch voller Papiere, wischte sich die tränenfeuchten Augen und war sichtlich mitgenommen. Der Wärter, ein kleiner hagerer Mann in Uniform und Mütze und mit einem dichten Schnauzbart, tätschelte ihr beruhigend die Schulter. Hätte er sich getraut – er hätte sie gern ein bisschen fester gedrückt!
»Bestimmt haben Sie einander nur verpasst. Oder vielleicht ist die Dame durch das Tor am Boulevard de Ménilmontant gegangen. Das kommt oft vor, wenn wir hier zusperren. Die Leute bekommen Angst, eingeschlossen zu werden. Sie laufen schnell hinaus und achten nicht darauf, durch welches Tor sie gehen. Gewiss, so ist es gewesen! Ich hätte sie doch gesehen, wenn sie hier vorbeigekommen wäre. «
»Aber wenn … wenn ihr etwas passiert ist …«, wandte Denise schniefend ein.
»Was soll ihr denn passiert sein, meine Liebe? Meinen Sie etwa, der liebe Gott hätte sie geradewegs ins Paradies geholt? Oder ein Geist hätte sie entführt? Sie sind zwar noch jung, aber aus dem Alter, wo man an irgendwelche Ammenmärchen glaubt, sind Sie doch schon raus!«
Denise lächelte dünn.
»So ist es besser!«, freute sich der Wärter und streichelte kräftig ihre Schulter. »So ein hübsches Gesichtchen – wäre doch schade, wenn man es mit Tränen und einer roten Nase verunstalten würde!«
Denise schnäuzte sich.
»Am besten gehen Sie jetzt auf schnellstem Weg nach Hause. Ich wette, ihre Herrin ist bereits dort und kocht Ihnen eine schöne heiße Milch.«
Denise tastete in ihrer Tasche nach dem Zweitschlüssel zur Wohnung. Wahrscheinlich war Madame tatsächlich schon zu Hause. Aber Denise ließ nicht locker: »Ich habe den Kutscher gebeten, in der Rue du Repos zu warten. «

Claude Izner

Über Claude Izner

Biografie

Claude Izner ist das Pseudonym der Schwestern Liliane Korb und Laurence Lefèvre, beide langjährige Bouquinistinnen mit eigenem Bücherstand am Seine-Ufer in Paris. Sie sind außerdem in der Filmbranche tätig und jede für sich als Schriftstellerin erfolgreich. Ihre gemeinsam verfassten Kriminalromane...

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