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Rotes GoldRotes Gold

Rotes Gold

Die Schwertfeuer-Saga 1

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Rotes Gold — Inhalt

Der Klingenrausch ist eine Söldnertruppe aus den besten Kriegern, die für Schätze zu kaufen sind. Doch Gold ist nur ein Teil ihrer Bezahlung. Ihr Stahl dürstet nach dem Blut der Gegner, und ihre gierigen Herren verbrennen Seelen im Dämonenfeuer.

Als der Anführer des Klingenrauschs fällt, droht die ruhmreiche Einheit zu zerfallen. Eivora, seine Tochter, bildet einen Rat aus den erfahrensten, kühnsten und gerissensten Offizieren und führt ihre Banner zum Sturm auf Ygôda. Niemand hat die Mauern dieser Stadt jemals überwunden. Wird Eivora die Söldner zu Glorie und Reichtum führen - oder ihrem Vater in die Flammen ungnädiger Dämonen folgen?

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 01.06.2016
480 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28063-1
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.06.2016
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97286-4

Leseprobe zu »Rotes Gold«

Prolog

 

Die Flut ergoss sich aus einem tintenschwarzen Himmel. In den Gassen zwischen den gigantischen, fensterlosen Gebäuden heulte der Wind wie ein Wolfsrudel. Er peitschte die Nässe an die dunklen Mauern. Das Wasser sammelte sich in den Fugen und Spalten der Quader zu Sturzbächen und spülte so machtvoll zwischen das Geröll auf den Straßen, dass die Strömung Eivora von den Füßen riss.

Gerade noch fing sich die junge Frau ab, sodass sie zwar ihre Handflächen aufschürfte, aber nicht mit dem Kinn aufschlug. Aglix, der Feuersalamander, der sie treu [...]

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Prolog

 

Die Flut ergoss sich aus einem tintenschwarzen Himmel. In den Gassen zwischen den gigantischen, fensterlosen Gebäuden heulte der Wind wie ein Wolfsrudel. Er peitschte die Nässe an die dunklen Mauern. Das Wasser sammelte sich in den Fugen und Spalten der Quader zu Sturzbächen und spülte so machtvoll zwischen das Geröll auf den Straßen, dass die Strömung Eivora von den Füßen riss.

Gerade noch fing sich die junge Frau ab, sodass sie zwar ihre Handflächen aufschürfte, aber nicht mit dem Kinn aufschlug. Aglix, der Feuersalamander, der sie treu begleitete, fiel von ihrer Schulter. Im schwachen Schein von Nirtos Lampe erkannte sie die gelbe Hautzeichnung des Lurchs. Schnell griff sie zu. »Vorsicht, Kleiner!«

Aglix hockte träge in ihrer Hand. In Ygôda, dieser Stadt, in der niemals die Sonne schien, war es zu kalt für das Tier. Eivora setzte es an ihrem Hals ab, von wo es in den Kragen der Lederrüstung kroch.

»Bist du verletzt?«, fragte Nirto gerade laut genug, um das Unwetter zu übertönen. Der Schein seiner Laterne beleuchtete das immer grimmige Gesicht des Söldners, die Nässe machte das aschblonde Haar dunkel. Seine grauen Augen musterten sie aufmerksam, aber ohne Mitgefühl. Nirto ging es nicht um Eivoras Wohlbefinden, sondern um die Frage, ob er sich im bevorstehenden Kampf auf seine Kameradin verlassen könnte.

Dazu gehörte auch der Zustand der Waffen. Eivora prüfte die kleine Armbrust, die sie an den linken Unterarm gebunden trug. »Alles in Ordnung«, meldete sie. Sie hob ihre Laterne auf. Das Glas war gebrochen, aber der Ölbehälter war noch halb voll. Sie holte den in Leinen gewickelten Feuerstein hervor.

»Du brauchst sie nicht zu entzünden«, meinte Nirto. »Wir sind beinahe am Ziel.«

Eivora gestand ihm zu, dass er viel Erfahrung mit Einsätzen in fremder Umgebung besaß. Sie selbst hatte die Orientierung längst verloren. In Ygôda fühlte sie sich wie eine Maus in einem Wald voller riesiger Bäume. Diese Stadt bestand nicht aus gewöhnlichen Häusern. Die Bauwerke glichen kantigen Säulen, die Dutzende Schritt durchmaßen.

Ich bin keine Maus, dachte Eivora, als sich Aglix auf ihrer Haut regte. Ich bin mindestens ein Feuersalamander. Die sind giftig.

Tatsächlich führte Nirto sie nur noch um zwei Ecken, bevor sie das Ziel ihrer Mission erreichten, eine Pyramide, an deren Quadern der Regen über ein Halbrelief mit gehörnten Figuren spülte. Wenig später fanden sie die Stelle, wo ein mit Mauerteilen verstärkter Geröllhaufen die Straße blockierte. Darüber gähnte in der Wand, die so steil anstieg, dass sich die Spitze des Bauwerks in der Dunkelheit verlor, eine Öffnung. Eivora war froh über die schlechte Sicht. Obwohl ihr große Tiefen nichts ausmachten, wurde ihr in Ygôda tagsüber schwindelig, wenn sie in die Höhe sah. Das lag wohl daran, dass sich hinter den Spitzen der Bauwerke nur die Leere des Himmels auftat.

Dunkelheit und Unwetter verbargen die beiden Söldner. Nirto löschte seine Laterne und stellte sie ab, als er sich hinter einen Bruchstein hockte, dessen Oberkante sich auf Eivoras Augenhöhe befand. Auch sie erleichterte ihre Ausrüstung, sodass sie nur noch trug, was sie zum Kämpfen brauchte. Sie überprüfte den Sitz von Helm und Lederrüstung, spannte die Armbrust, legte einen Bolzen ein, sicherte ihn und lockerte das gebogene Kurzschwert in der Scheide. Sie beglückwünschte sich zum Griff aus Bratunussholz, der noch nicht einmal in dieser Nässe rutschig wurde.

Soll ich Aglix zurücklassen?

Eivora entschied sich dagegen. Der Lurch brachte ihr Glück. Gerade in jüngster Zeit hatte sie überlebt, wenn viele Kameraden umgekommen waren – und das sicher nicht, weil sie besser gekämpft hätte als die Krieger des Sturmbanners.

Als sie ihre Vorbereitungen abschloss, beobachtete Nirto bereits eine Weile die gegnerische Stellung.

»Wachsamkeit scheint nicht ihre Stärke zu sein«, raunte Eivora ihm zu.

»Das wissen wir nicht«, gab er zurück. »Und du brauchst nicht so zu schreien.«

Offenbar unterschätzte sie die durch den Dienst in der Einheit geschärften Sinne. Nirto hörte sie trotz des Unwetters gut.

»Siehst du einen von ihnen?«, fragte Eivora. Sie selbst hatte bereits Mühe, die Umrisse des dunklen Bollwerks zu erkennen. Bei den Armbrustschützen galt sie als besonders zielsicher, was auch mit ihren scharfen Augen zusammenhing, aber in diesem nächtlichen Unwetter und in den Schatten der riesigen Gebäude konnte jedem etwas entgehen.

»Nein, aber das mag auch bedeuten, dass Tsiglôns Leute sehr gut sind. Am besten ist der Wächter, der alles im Blick behält, ohne selbst gesehen zu werden.«

Eivora hatte das Gefühl, in der Lederrüstung zu schwimmen. Man hatte sie hastig auf ihre zierliche Gestalt angepasst, an einigen Stellen war sie zu weit. Immerhin hatte Aglix dadurch genug Bewegungsfreiheit. Aber Feuersalamander waren ohnehin Überlebenskünstler. So wie ich.

»Wir werden wohl auf die harte Art herausfinden müssen, ob sie zu den Besten oder zu den Schlechtesten gehören. Ich glaube, dort vorn ist der Aufstieg.« Eivora zeigte auf einen Pfad aus hellem Schutt, der zum Grat der Halde hinaufführte. »Wir sollten uns in einem Bogen nähern.«

»Ist das ein Befehl?«

Sie seufzte innerlich. Sturmbanner. In den Einheiten, die sie bisher befehligt hatte, konnte Arroganz im falschen Moment zu einer Prügelstrafe führen. Bei den Kriegern, die ständig hinter den feindlichen Linien kämpften, schien dagegen immer der richtige Moment für herablassendes Auftreten zu sein. Sie waren die Elite, und sie wussten es. Eivora mochte jetzt ihre Befehlshaberin sein, aber vor allem war sie die Neue, die sich noch beweisen musste.

»Nein«, sagte sie, »es ist ein Vorschlag. Ich höre mir gern deine Einschätzung an.«

»Wenn sie auch nur halbwegs bei Verstand sind, erwarten sie, dass Eindringlinge diese Rampe nehmen. Ich an ihrer Stelle würde Stolperseile spannen, am besten mit ein paar Glocken am Ende. Wenn man sicher ist, dass keine Freunde kommen, kann man sie auch gleich am Abzug einer Armbrust befestigen oder an einem Stock, der eine Gerölllawine zurückhält.«

Eivora schluckte. Bei einem solchen Einsatz war der erste schwerwiegende Fehler zugleich der letzte, den man jemals begehen würde.

»Was ist, wenn wir direkt zur Maueröffnung klettern?«, fragte sie. »Nicht über das Bollwerk, sondern die Wand hinauf?«

Nirto drückte die Hand gegen einen Quader, als wolle er sich von der Festigkeit der Bauten überzeugen, die der Sage nach Titanen errichtet hatten. »Das wird ein steiler Aufstieg.«

»Wir haben nur fünf oder sechs Schritt Höhe zu überwinden.« Der Gedanke gefiel Eivora zunehmend besser. Sie war eine gute Kletterin, in Rorgator hatte sie einige Hänge bezwungen, von denen andere in den Tod gestürzt waren. »Ich gehe voran.«

Nirto sah noch einmal zum Schattenriss hinüber, der die Straße versperrte. Regen tropfte von seiner Nase, als er nickte.

Eivora benutzte ihr Messer, um besseren Halt in den Ritzen zu finden. An einer Stelle, an der das Halbrelief keine Stütze für die Füße bot, ließ sie es für Nirto stecken.

Oben auf dem Bollwerk kauerte sich Eivora möglichst klein neben dem Eingang zusammen, der wohl mal ein Bruch gewesen war und den jetzt Holzbalken stützten. Sie wollte unentdeckt bleiben, vor allem, solange Nirto noch an der Wand war. Der Mittelfinger ihrer Linken lag am Abzug der Armbrust. Sie war eine der besten Schützinnen der Legion. Aber was nützt das, wenn es zu dunkel ist, um ein Ziel zu erkennen? Auch aus dieser Perspektive war der Wall eine Masse aus Bruchsteinen und Schutt, die mit der Umgebung verschwamm. Falls es hier Wachen gab, gönnten sie sich kein Feuer, um sich zu wärmen.

Lediglich aus der Maueröffnung drang ein schwacher Lichtschein. Zudem hörte Eivora Musikinstrumente. Wenn sie sich nicht täuschte, waren es zwei Leiern und eine Flöte.

Als Nirto bei ihr angelangt war, gab er ihr das Messer zurück. »Du kletterst wie ein Eichhörnchen.« Die Anerkennung in seiner Stimme tat ihr gut.

»Erst hier draußen sichern oder gleich hinein?«, fragte sie.

»Unser Ziel ist da drin. Noch kommen wir rein, ohne Aufsehen zu erregen.«

Sie nickten sich zu. Eivora wechselte auf die andere Seite des Eingangs, wobei sie einen schnellen Blick in den Gang warf.

Der abgestützte Bruch war vier Schritt lang und verengte sich nach innen. Den Boden hatte Tsiglôns Bande nicht nur mit Schotter, sondern auch mit Steinplatten geebnet. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Raum dahinter, in dem Eivora Fackeln sah. Ein halbes Dutzend der brennenden Lichter stand in einem Saal, dessen Boden zwei Schritt tiefer lag. Selbst bei einem Hünen war das eine Mannslänge, also mochte unmittelbar an der abfallenden Wand jemand stehen. Vor allem aber machte sie zwei Krieger aus, die augenscheinlich vermeiden wollten, vom Saal aus gesehen zu werden. Sie hielten sich im Schatten der Gangwand, gegen die sie auch ihre Bögen gelehnt hatten, und beobachteten einige kaum bekleidete Tänzerinnen.

Auf der anderen Seite der Öffnung lehnte sich Eivora mit dem Rücken an die Wand. Sie bedeutete Nirto, vorsichtig zu sein.

Dicht über dem Boden lugte der Söldner in den Gang, und auch Eivora wagte einen zweiten Blick.

Die Wachen fanden die Aussicht auf die Tänzerinnen offensichtlich lohnender als die auf eine verregnete Nacht. Damit waren sie nicht allein. Die halb nackten Frauen wanden sich in einem Kreis johlender Zuschauer, die auf Kissen hinter niedrigen Tischen saßen. Einer davon spielte eine Flöte, ein anderer eine Leier, doch Eivora interessierte sich mehr für die Waffen. Leider konnte sie von hier aus nicht alles sehen, aber ein paar Säbel machte sie aus.

Ein Mann mit Bronzeringen in seinen hüftlangen Zöpfen eilte von einer Schönheit zur nächsten und hielt der neuen Erwählten eine hell schimmernde Brosche mit einem violetten Edelstein an den Hals.

Eivora fühlte sich lächeln. Da ist sie.

»An dir macht sich das Platin vielleicht noch besser.« Der Mann, der genau der Beschreibung von Tsiglôn entsprach, kicherte. »Aber da fehlt noch der letzte Schliff, meine Blume.« Mit der freien Hand löste er den Schleier vor ihren Brüsten.

Wie bei allen Anwesenden war die Haut der Tänzerin bleich. Das Braun ihrer Knospen zeichnete sich so deutlich ab wie Kastanien auf hellem Sand. Zwischen den rot bemalten Lippen leuchteten die Zähne, als sie lächelte.

»Sehr gut.« Tsiglôn tätschelte ihren Busen. »Aber ich bin mir noch unsicher.« Unter dem Gelächter der Versammelten wandte er sich der nächsten Tänzerin zu.

Die Wachen waren nicht zu umgehen, wenn sie zu Tsiglôn und dem Amulett vordringen wollten. Mit lautlosen Gesten schlug Nirto vor, wie sie mit ihnen fertigwerden konnten.

Eivora nickte. Nebeneinander schlichen sie in den Gang. Erst hier im Trockenen wurde ihr bewusst, wie nass sie war. Das von ihrer Lederrüstung tropfende Wasser erschien ihr laut wie Gongschläge.

Sie sah Nirto an, dass er sich langsamer bewegte, als der geübte Krieger es vermocht hätte. Ein letzter Blick, dann packten sie die Männer an den Fußgelenken und rissen sie hoch. Da die Neugier ihre Gegner nahe an die Kante zum Saal gelockt hatte, fielen sie an der kurzen Leiter vorbei hinunter. Der Sturz von zwei Schritt war ungefährlich, aber sicher schmerzhaft, vor allem für denjenigen, dem Eivoras Aufmerksamkeit zuteilgeworden war. Er prallte auf die rechte Schulter, während sich der andere mit den Händen abfing.

Ihre Schreie ließen die Anwesenden verstummen. Die Instrumente schwiegen, die Frauen brachen den Tanz auf dem mit Nymphen verzierten Bodenmosaik ab, die Aufmerksamkeit richtete sich auf Eivora und Nirto. Ein Dutzend Gegner. Die Tänzerinnen zählte Eivora nicht mit. Hauptsächlich Dolche, ein schartiger Säbel, ein paar Speere.

Der Raum war etwa so groß wie ein Gruppenschlafraum in der Kaserne, wobei der Gang, in dem Nirto und Eivora standen, in der Mitte einer Schmalseite auf ihn traf. Einige Nischen an den Seiten mochten Türen verbergen, es könnte sich aber auch um Verzierungen wie die Halbreliefs handeln, die die Wände schmückten. Sie zeigten gehörnte Fratzen mit spitzen Zähnen, die Eivora an die Dämonen in Rorgator, der Heimat der Söldner, erinnerten. Der einzige Ausgang, den sie mit Gewissheit erkannte, war mit einem offen stehenden Gitter versehen und befand sich unter der Decke in der gegenüberliegenden Wand. Eine Leiter, in deren Sprossen Silbermünzen eingeschlagen waren, führte hinauf. Sofort verspürte Eivora das Locken des glänzenden Metalls.

Sie riss sich zusammen. Sie waren nicht wegen des Silbers hier, es galt, einen Auftrag zu erfüllen. »Ich fürchte, euer Fest ist zu Ende!«, rief sie.

Unter ihr stöhnten die Wachen, die mühsam wieder auf die Beine kamen. Der, den sie hinuntergeworfen hatte, rieb seine Schulter, hörte aber unter Tsiglôns strafendem Blick damit auf.

»Deine Schönheiten werden verzichten müssen«, fuhr Eivora fort. »Bring uns die Brosche!«

»Wer seid ihr?« Für so einen Hänfling war Tsiglôns Stimme überraschend fest.

»Das tut nichts zur Sache. Gib sie uns, und niemand stirbt.«

Noch steckten Eivoras Kurzschwert und Nirtos lange Klinge in den Scheiden, die Axt hing im Eisenring an seinem Gürtel. Eivoras Armbrust war schussbereit, aber auf den Boden gerichtet, weil sie ihren linken Arm hängen ließ.

Die Männer, die auf Leiern und Flöten gespielt hatten, verständigten sich mit Blicken, legten die Instrumente ab und schoben die Hände neben die Kissen, wo sich ihre Klingen befinden mochten.

»Ihr seid die Einzigen, die hier sterben, wenn ihr nicht sofort verschwindet!«, drohte Tsiglôn.

Einer seiner Leute schleuderte einen Speer.

Die Waffe war eines Kriegers unwürdig, ihr Schaft war aus einem krummen Ast geschnitten. Deswegen taumelte sie im Flug und traf noch nicht einmal mit der Spitze auf, abgesehen davon, dass sie harmlos gegen die Wand prallte.

Dennoch durfte man so etwas nicht unbeantwortet lassen. Eivora richtete die Linke auf den Angreifer und drückte ab. Die Armbrust knallte, Nässe spritzte von der Sehne.

Der Bolzen durchschlug die grellgelbe Tunika am Bauch. Ein roter Fleck erschien auf dem leuchtenden Stoff. Gurgelnd fiel der Mann auf den noch nicht einmal kniehohen Tisch vor sich.

Wenn Tsiglôns Wachen auch nicht gerade aufmerksam waren, so war es um die Kampfmoral seiner Truppe doch deutlich besser bestellt. Alle griffen sich Waffen und stürmten auf die Söldner zu. Wildes Geschrei hallte von den Wänden wider.

Eivora spannte die Armbrust.

Nirto zog seine Handwaffen und trat gleichzeitig die kurze Leiter vor dem Tunnel weg.

Ein Speer, der besser gezielt war als der erste, kam geflogen. Eivora hockte sich nieder, er zischte über sie hinweg und krachte gegen die Gangwand.

Nirto benutzte das Langschwert wie einen nach unten gerichteten Dorn, als er in den Raum hinabsprang. »Hammerschlag!«, schrie er den Kampfruf des Klingenrauschs.

Zu spät und zu träge versuchte die Wache, auszuweichen.

Nirto spießte den Stahl durch den Oberschenkel.

Der Gegner jaulte auf, hielt seine Wunde und brach zusammen. Nirto schlug die Axt in die Flanken seines Kameraden.

Wieso wirft er die Leiter um und springt sofort selbst hinab?, fragte sich Eivora. Will er mich schonen? Traut er mir nicht zu, so zu kämpfen wie er?

Der Bolzen entglitt ihr, weil sie ihn zu hastig in die Führungsrille legte. Für einen weiteren Versuch fehlte ihr die Zeit. Dann eben anders! Als sie das Krummschwert, eine gebogene Klinge, zog, lagen bereits drei Gegner neben Nirto auf dem Boden.

Eivora sprang auf einen von ihnen, um den Aufprall zu dämpfen. Der Mann schrie auf.

Sie wollte sich auf einen anstürmenden Speerkämpfer stürzen, doch Nirto war schneller. Gerade rechtzeitig duckte sich Eivora, damit die Axt über sie hinweg- und in den Hals des Gegners schlug. Sie setzte mit einem Stich in den Bauch nach, der aber nicht mehr nötig gewesen wäre.

Sie ging auf Abstand zu Nirto und wehrte einen Dolch ab. Im Gegensatz zu ihrem Kurzschwert besaß die Klinge ihres Gegners keine Parierstange. Die Schneiden rutschten übereinander. Während der Dolch aufgehalten wurde, trennte Eivoras Schwert beinahe den Daumen ab. Zwar zog ihr Gegner die Hand rasch zurück, aber er ließ seine Waffe fallen.

Mit dem nächsten Streich schnitt Eivora tief in seinen Oberschenkel.

Kreischend brach er zusammen.

Ein Schlag traf Eivoras Hinterkopf.

Sie ließ sich fallen und rollte über ihre Längsachse, um aus der Reichweite des Gegners zu kommen. Der Lederpanzer behinderte ihre Bewegung, sie wünschte sich die auf sie angepasste Rüstung zurück. Aber Wünsche waren in einem Kampf fehl am Platz, hier musste man sich der Wirklichkeit stellen.

Ihr Gegner schwang einen schartigen, rostzerfressenen Säbel. Eine damit geschlagene Wunde hätte sich bestimmt entzündet.

Doch dazu kam es nicht. Obwohl sie eine höchstens mittelmäßige Nahkämpferin war, schon wegen der geringen Körpergröße und der fehlenden Körperkraft, hielt der mit der linken Hand unterstützte Block.

Der Säbel dagegen brach unter dem wuchtigen Hieb entzwei. Die obere Hälfte klirrte gegen die Wand.

Eivora führte einen Stich zum Kopf und schlitzte die Wange auf. In der bleichen Haut sah die Wunde aus wie ein dunkler Zweig, der in den Schnee fiel. Erst mit Verzögerung quoll das Blut heraus.

Der Gegner hatte genug. Er ließ die zerbrochene Waffe fallen und hob die Hände.

»Hinknien!«, schrie Eivora.

Er tat es.

Sie versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen.

Die Tänzerinnen standen zusammengedrängt möglichst weit von den Kämpfenden entfernt. Plötzlich schienen sie sich ihrer Blöße bewusst, denn sie bedeckten ihre Nacktheit mit den Händen.

Tsiglôn dagegen schickte sich an, die lange Leiter zu erklettern, die zur Öffnung unter der Decke hinaufführte. Wenn er es dorthinein schaffte und das Gitter schloss, wäre er entkommen!

Wäre sie kräftiger gewesen, hätte Eivora zur Leiter rennen und sie umreißen können. Sie wusste jedoch von Belagerungen, wie schwer das war, wenn ein ausgewachsener Mann darauf stand.

»Nirto!« Sie ließ ihre Klinge fallen.

Der Kamerad sprang neben sie. Breitbeinig schirmte er Eivora von den herandrängenden Gegnern ab, während sie einen Bolzen aus dem Köcher zog und einlegte.

Tsiglôn kletterte bereits in die Öffnung, als sie schoss.

Sie traf sein Gesäß, aber das reichte. Kurz hielt er sich noch an der Kante fest, dann rutschte er ab und fiel die Leiter herunter.

Eivora nahm ihr Kurzschwert auf und rannte zu Tsiglôn, um die geschliffene Spitze an dessen Kehle zu halten. »Hast du genug?«, rief sie.

Er hielt sein linkes Bein in einem seltsamen Winkel. Eivora bezweifelte, dass es gebrochen war. Wahrscheinlich schmerzte der Bolzen.

Breitbeinig stellte sich Nirto vor sie, die Axt schlagbereit. »Es wäre klug, eure Kameraden zu versorgen!«, wandte er sich an die Gegner. »Nur zwei sind tot, aber wenn ihr die anderen verbluten lasst, können es schnell mehr werden.«

Zitternd reichte Tsiglôn Eivora das Schmuckstück. Die Platinbrosche war wie ein Paar ausgebreiteter Schwingen geformt, in deren Mitte das Herzstück des Schmuckes – der violette Edelstein – eingelassen war. Um das Juwel herum war das Metall zu gewellten Strahlen modelliert.

»Das hättest du einfacher haben können«, meinte Eivora, als sie das Kleinod nahm. Platin war wertvoller als Silber, aber sein Schimmer löste in ihr nicht dieselbe Faszination aus wie das Mondmetall. Sie schielte zu den an die Leiter genagelten Münzen.

»Bitte, tötet mich nicht!«, wimmerte Tsiglôn.

Aglix hatte ein Gespür für Gefahr. Er wusste, dass ihm nun nichts mehr drohte, krabbelte aus dem Kragen und setzte sich auf Eivoras Schulter.

»Natürlich nicht.« Sie nahm die Klinge von Tsiglôns Hals. »Wieso sollten wir das tun? Wir sind nicht deine Feinde. Wir sind Söldner, und unser Auftrag ist erfüllt.«

Robert Corvus

Über Robert Corvus

Biografie

Robert Corvus, 1972 geboren, lebt in Köln. Der Diplom-Wirtschaftsinformatiker war in verschiedenen internationalen Konzernen als Strategieberater und Projektleiter tätig. Corvus ist Metalhead, Kinofan und Tänzer. Er veröffentlichte zahlreiche Romane in den Reihen »Das schwarze Auge« und...

Kommentare zum Buch

Gelungener Auftakt der Schwertfeuer-Saga
Karin am 28.07.2016

Als Kester, Flammenbringer und Befehlshaber der Söldnerlegion Klingenrausch, einem Anschlag zum Opfer fällt, droht die Einheit der Legion auseinanderzubrechen. Kesters Tochter Eivora setzt alles daran, um dies zu verhindern: sie nimmt den Auftrag an, eine Stadt zu erobern, deren Mauern als unüberwindbar gelten. Von Erfolg oder Misserfolg dieser Mission hängt das weitere Schicksal der bisher erfolgreichen Söldnerlegion ab.   Die Metropole der Söldnerlegionen ist Rorgator, die neben der Schlagkraft der Söldner durch die sie umgebenden Vulkane geschützt ist. Zudem haben die Söldner dämonische Unterstützung: die Feuerdämonen sorgen dafür, dass die Vulkane nicht ausbrechen und Rorgator auslöschen. Allerdings bieten die Dämonen ihre Dienste nicht umsonst an.   In Rorgator befinden sich mehrere Söldnerlegionen, eine der ruhmreichsten ist der Klingenrausch. Die Söldnerlegionen stehen untereinander im Wettkampf: die Regierung von Rorgator, der Rat von Eisen und Gold, führt die Legionen in einer Art Ranking-Liste. Eine Legion setzt sich aus mehreren Bannern zusammen, die sich jeweils auf eine Waffenart spezialisiert haben, wie Armbrust, Pike, Hellebarden oder Bogenschützen.   Sogenannte Avatare bilden die Schnittstelle zwischen den Söldnern und den Dämonen, man kann sie am ehesten mit einem geistlichen Beistand vergleichen. Das Besondere an den Avataren ist, dass sie Doppelwesen sind, bestehend aus einem Homunkulus und dem menschlichen Träger. Ein Homunkulus wird aus dämonischem Samen gezüchtet und wächst seinem Träger aus der linken Schulter. Dieser Homunkulus übernimmt mit seinen dämonischen Gelüsten oftmals mehr oder weniger komplett seinen Träger.   Die Söldnerlegionen fungieren als eine Art Dienstleistungsunternehmen: gegen ausreichende Bezahlung und die Zusicherung des Plünderrechts stellen sie ihre Kräfte einem Auftraggeber zur Verfügung, wie z.B. zur Eroberung der Stadt Ygôda.   Nach dem Tod von Kester, dem charismatischen Befehlshaber des erfolgreichen Klingenrausches, beginnt unter den Kampfherren der Legion ein Wettstreit um seine Nachfolge, nicht immer mit fairen Mitteln. Kesters Tochter Eivora will ein Zerbrechen der Legion verhindern und hofft, die Banner mit dem Auftrag, Ygôdas Mauern zu brechen, einen zu können. Dabei geht sie taktisch sehr geschickt vor, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu spielen, denn sie weiß, dass sie über zu wenig Kampferfahrung in vorderster Reihe verfügt, um von den anderen Kampfherren als Führungsautorität akzeptiert zu werden. Ich musste bei Eivora öfters an einen Schachspieler denken, der strategisch geschickt seine Figuren setzt, um die Banner wieder näher zusammenzubringen. Natürlich passieren ihr auch Fehler, die mehr oder weniger weitreichende Folgen für die Legion haben, alles andere wäre unrealistisch.   Neben Eivora gibt es aber noch eine Reihe weiterer interessanter Figuren: Prinz Gonter, der Sohn des Auftraggebers König Harlef, der nach der Eroberung von Ygôda über die Stadt regieren soll, der sich aber vielmehr zu den Söldnern und besonders zu Eivora hingezogen fühlt.   Der Avatar Chastro-Ignuto, der durch seine Grausamkeit auffällt und der nicht unbedingt zu Eivoras Freunden zählt. Durch seine Grausamkeit ist der Avatar unberechenbar und gefährlich – und doch schafft es der Autor, mich mit einer bestimmten Szene zu verblüffen.   Die Priesterin Fiafila, die der Klingenrausch als Geisel mit nach Rorgator nimmt, weil sie alleine die letzten Worte von Kester kennt; der letzte Wille des Flammenbringers ist heilig und muss befolgt werden. Fiafila stellt mit ihrer aristokratischen und reinen Haltung den totalen Gegensatz zu Chastro-Ignuto dar, was diesen zwar ärgert, aber auch gleichzeitig fasziniert. Außerdem entwickelt sich zwischen Fiafila und Eivora eine Art Freundschaft.   Wie von dem Autor gewohnt, werden die Charaktere wieder vielschichtig dargestellt und damit nicht leicht vorhersehbar. Außerdem gibt es einige überraschende Wendungen, mit denen ich nicht gerechnet habe, aber die eine gewisse Faszination auf mich ausüben.   Erwähnen möchte ich auch, dass Kampfszenen in dem Buch oftmals recht ausführlich dargestellt werden, das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, mich hat es allerdings nicht gestört. Außerdem geht es in dem Buch auch mal blutig und grausam zu, wenn die Söldner im Kampfrausch plündern und vergewaltigen, das Buch ist also nichts für schwache Nerven. Wobei ich positiv anmerken muss, dass der Autor bei diesen Szenen auf Details meist verzichtet.   Das Buch ist in sich abgeschlossen, wobei dennoch am Ende die eine oder andere Frage offen bleibt, aber dabei handelt es sich nicht um Cliffhanger. Ich bin jetzt jedenfalls gespannt auf den zweiten Band, in dem sicherlich auf diese Fragen noch eingegangen wird. 

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