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Rosenkind

Kriminalroman

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Rosenkind — Inhalt

»Unter all den schwedischen Krimiautoren sticht Ingrid Hedström eindeutig hervor.« Aftonbladet

Astrid Sammils steiler Laufbahn droht das Aus: Die Diplomatin mit engsten Verbindungen zum schwedischen Außenministerium ist jüngst in einen Skandal geraten. Ihre Karriere und ihre Ehe liegen in Trümmern, sie kehrt zurück in ihre Heimat im ländlichen Schweden. Doch im Haus ihres Onkels macht Astrid plötzlich einen merkwürdigen Fund: Hat ihre Familie etwas mit dem vermissten Jungen Mikael zu tun? Ihre Nachforschungen führen sie tief in einen Strudel der Vergangenheit und zu den dunklen Seiten schwedischer Nachkriegsgeschichte, in einen Fall, der Machenschaften in halb Europa aufdecken soll …

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 02.06.2017
Übersetzt von: Nina Hoyer
464 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31114-4
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 02.06.2017
Übersetzt von: Nina Hoyer
464 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96840-9

Leseprobe zu »Rosenkind«

Dalarna, Schweden

Sonntag, 26. November 1978

Noch weiß sie nicht, dass die Zeit abläuft. Sie steht am Küchentisch und summt vor sich hin, ohne zu ahnen, dass die letzten glücklichen Stunden ihres Lebens so rasch verrinnen wie Sand im Stundenglas.
Bis an ihr Lebensende wird ihr der Geruch von Safran Übelkeit verursachen. Aber erst, nachdem es passiert ist. Jetzt verspürt sie nur ein ungetrübtes Glücksgefühl, als sie das Geschirrtuch anhebt und den Duft des frisch aufgegangenen Safrangebäcks auf dem Backblech einatmet.
Es ist der Sonntag vor dem ersten [...]

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Dalarna, Schweden

Sonntag, 26. November 1978

Noch weiß sie nicht, dass die Zeit abläuft. Sie steht am Küchentisch und summt vor sich hin, ohne zu ahnen, dass die letzten glücklichen Stunden ihres Lebens so rasch verrinnen wie Sand im Stundenglas.
Bis an ihr Lebensende wird ihr der Geruch von Safran Übelkeit verursachen. Aber erst, nachdem es passiert ist. Jetzt verspürt sie nur ein ungetrübtes Glücksgefühl, als sie das Geschirrtuch anhebt und den Duft des frisch aufgegangenen Safrangebäcks auf dem Backblech einatmet.
Es ist der Sonntag vor dem ersten Advent, Totensonntag, und sie ist froh, dass sie so rechtzeitig mit den Weihnachtsvorbereitungen begonnen hat. Sie wird das erste Mal Weihnachten in ihrem eigenen Haus feiern. Vor dem Fenster erblickt sie eine Schar Dompfaffen in der Weihnachtsgarbe, die sie aufgestellt haben, leuchtend rot zwischen den kahlen, regennassen Zweigen des Baumes. Nun war der Winter nicht mehr lange hin, er lag schon in der Luft. Als sie heute Morgen den Müllbeutel hinausgebracht hatte, hatte sie die mit Eis überzogenen Pfützen unter ihren Fußsohlen knacken gespürt.
Stella, ihr halbwüchsiger Dackel, schläft in ihrem Korb, ansonsten ist sie allein in der Küche. Sven-Erik war kurz nach fünf Uhr morgens zur Arbeit aufgebrochen, als draußen noch pechschwarze Dunkelheit geherrscht hatte. Die Frühschicht ist fast am schlimmsten, denkt sie, aber sie konnten dankbar sein, dass das Hüttenwerk trotz Stahlkrise und Grubenstilllegungen noch fünf Schichten fuhr.
Sie schiebt das erste Blech in den Ofen. Dann öffnet sie die Luke des alten gusseisernen Ofens, den auszutauschen Sven-Eriks Eltern nie in den Sinn gekommen wäre, worum sie sich aber unbedingt kümmern mussten, nachdem sie nun das Haus von ihnen übernommen hatten – sobald sie es sich leisten konnten jedenfalls. Es gab vieles, was sie erneuern mussten, aber das spielte keine Rolle. Im letzten Frühjahr, als sie auf dem Hofplatz gestanden und den Schnäppern beim Nestbau zugesehen hatte, hatte sie ein solches Freudengefühl durchströmt, wieder auf dem Lande sein zu dürfen, dass es ihr vorgekommen war, als sei sie aus einem Gefängnis befreit worden.
Die Scheite sind heruntergebrannt und die Glut auf dem Boden des Gussofens flimmert nur noch schwach, ist kurz davor, zu erlöschen. Sie seufzt, als sie sieht, dass der Holzvorrat neben dem Ofen aufgebraucht und der Korb in der Diele leer ist. Der Weg zum Holzschuppen drüben bei den Nebengebäuden auf dem alten Kuhstallhügel, wo die Scheune und der Stall schon viele Jahre leer stehen, ist weit. Sie würde nicht rechtzeitig zurück sein, um das Blech aus dem Ofen zu nehmen und ein Neues hineinzuschieben. Aber das Holz muss jetzt schnell nachgelegt werden, damit das Feuer nicht ausgeht.
Die Kinder haben den Morgen in ihren Zimmern verbracht. Jetzt sitzt Camilla im Flur auf dem Boden und spielt mit ihrer Puppenstube, tief versunken in deren Miniaturwelt. Da sieht sie auf und lächelt.
»Das riecht lecker, Mama«, sagt sie, »es riecht nach Weihnachten.«
Die Tür zu Mikaels kleiner Kammer ist angelehnt. Er hört den Soundtrack zu Grease.
»Micke, kannst du bitte eben Holz holen gehen, jetzt gleich, sonst geht mir der Ofen aus!«, sagt sie.
Die Musik verstummt und ihr Sohn tapst auf Stricksocken in den Flur.
»Wenn’s sein muss«, sagt er mit Märtyrermiene und geht vor ihr die Treppe hinab. Sie sieht seinen Nacken zwischen seinen dunkelblonden Haaren aufblitzen, die ihm über den Kragen hängen, noch so kindlich mit Flaum überzogen, dass sie den Impuls verspürt, ihn mit der Hand zu berühren, wie früher, als er noch klein war. Aber sie hält sich zurück. Er ist dreizehn Jahre alt und sehr auf seine Würde bedacht.
In der Diele nimmt er den Korb in die Hand und schlüpft in ein paar alte Holzschuhe.
»Nein, nicht die Holzschuhe, Micke, draußen ist es glatt und kalt«, sagt sie. »Zieh dir bitte richtige Schuhe an!«
Nach einem genervten Blick zu ihr hinüber entscheidet er sich für ein paar Gummistiefel und zieht sich die Mütze über die Ohren, die rot-blaue mit dem missratenen Elch, die sie ihm letztes Jahr zu Weihnachten gestrickt hatte. Wie um zu unterstreichen, wie albern sie sich aufführt, zieht er sich auch eine Jacke an, die alte grüne muffige von Sven-Erik, wenn er zur Jagd ging.
Die Hündin wird wach und kommt mit wedelndem Schwanz und auf dem Linoleumfußboden kratzenden Pfoten in den Flur gelaufen, eifrig und erwartungsvoll.
»Dumme kleine Stella«, sagt Micke liebevoll, »ich gehe nicht raus, um zu jagen, weißt du, nur dein Herrchen zieht diese Jacke an, wenn er das tut.«
»Aber beeil dich ein bisschen«, sagt sie ungeduldig, »ich brauche jetzt ganz schnell mehr Holz für den Ofen.«
Sie hört die Haustür zuschlagen, als sie in die Küche zurückkehrt und gerade noch rechtzeitig das erste Blech aus dem Ofen nehmen kann, bevor das Gebäck verbrannt ist. Aber das nächste Blech, das nächste wird perfekt, nimmt sie sich vor, noch immer ohne zu ahnen, dass der Sand unbarmherzig durch das Stundenglas des Schicksals rinnt, dass die allerletzten Sandkörner nun dem Nullpunkt entgegenrinnen, auf den Moment zu, der den Rest ihres Lebens in ein »Davor« und ein »Danach« teilen wird.
Der warme, goldene Duft von Safran breitet sich in der Küche aus, während sie sich um ihre Backbleche kümmert und frisch gebackene Hefeteilchen auf den Rost legt. Es dauert eine Weile, bis sie bemerkt, dass Micke gar nicht zurückkommt. Zuerst ist sie ärgerlich. Wo blieb der dumme Junge nur? Er wusste doch, dass es mit dem Holz eilte!
Sie marschiert hinaus auf den Hof, die ermahnenden Worte liegen ihr schon auf der Zunge, beherrscht sich aber, als sie den gefüllten Korb an der Außentreppe stehen sieht. Also war er zumindest beim Holzschuppen gewesen.
Sie nimmt den Korb mit herein und sieht im Vorübergehen, dass Stiefel und Jagdjacke noch fehlen. Sie legt Holz nach und müht sich mit Zeitungspapier und den Holzspänen ab, damit das Feuer wieder richtig in Gang kommt.
Dann beginnt sie sich zu fragen, wo ihr Sohn nur stecken mochte. Er kann schließlich nicht zu einem Freund gegangen sein, nicht in Sven-Eriks hässlicher Jacke und in den alten Stiefeln. Wieder geht sie hinaus auf den Hof und ruft nach ihm, »Micke!«, aber ihr Ruf klingt kraftlos und gedämpft, wie erstickt von dem regenfeuchten Novembertag.
Es kommt keine Antwort. Sie geht Richtung Kuhstall und sucht nach ihm, vielleicht war ihr Sohn plötzlich auf die Idee gekommen, in den alten Nebengebäuden Verstecken zu spielen, wie er es immer in den Sommerferien bei Oma und Opa getan hatte.
Sein Fahrrad steht noch auf dem Hof.
Als sie wieder in die Küche zurückkehrt, hat sie ein ungutes Gefühl im Magen, ein faustgroßer Klumpen Angst sitzt darin, der für nichts anderes mehr Raum lässt. Auf einmal schnürt ihr der Geruch des frisch gebackenen Safrangebäcks die Luft ab, wiegt schwer wie der Gestank einer Schnapsfahne, von Schweiß und billigem Parfüm auf einer überfüllten Tanzfläche.
Sie weiß selbst nicht so ganz, was ihr solche Angst macht. Ein großer Junge von dreizehn Jahren kann doch wohl nicht einfach mitten am helllichten Tag verschwinden? Nach einer Weile ruft sie bei seinen Freunden an. Aber niemand hat ihn gesehen.
Stella, die ihr nachgekommen sein musste, ohne dass sie es bemerkt hatte, fängt vor der Tür zu kläffen an und kommt mit gesträubtem Fell wieder herein, als ob sie den Geruch von Angst wahrgenommen hätte. Aber bestimmt ist es nur ihre eigene Unruhe, die sich auf den Hund übertragen hat.
Erst als Sven-Erik kurz vor drei nach Hause kommt, melden sie sich bei der Polizei. Inzwischen ist Mikael seit fünf Stunden verschwunden und der diensthabende Beamte auf der Polizeistation in Hammarås macht nicht den Eindruck, dass er eine größere Mobilmachung für notwendig erachten würde.
Mittlerweile wird es draußen immer dunkler und die Stunden vergehen, ohne dass ihr Sohn zurückkommt, und am nächsten Tag nimmt auch die Polizei sein Verschwinden ernst.
Doch da ist es schon zu spät. Im Nachhinein, während all der langen, schlaflosen Nächte, in denen sie daliegt und sich fragt, was nur geschehen sein könnte und wann und warum sie nicht selbst hinausgegangen war, um das verdammte Holz zu holen, da kommt ihr der Gedanke, dass es vielleicht schon zu spät gewesen war, als sie ihr Backblech mit perfekten Safranteilchen aus dem Ofen gezogen hatte, in ihrem letzten Moment ungetrübten Glücks.
Aber das wird sie niemals erfahren. Denn Mikael Granberg kommt nie wieder.

KAPITEL 1
Dalarna, Schweden
Freitag, 3. September 2010


Es war immer derselbe Traum. Sie stand auf der Terrasse und blickte in den Garten, der dunkel und geheimnisvoll jenseits des Lichtscheins der hohen Fenster lag. Sie war in Rumänien, die abendliche Sommerluft streichelte ihre nackten Arme, die rote Seide des Kleides knisterte weich und kühl auf ihrer Haut, als sie in die von Blütenduft erfüllte Dunkelheit trat. Es dauerte nur einen Sekundenbruchteil, bevor sie erkannte, was genau sie da sah, als sie die beiden im Rosengarten weitab des Hauses erblickte – Agneta, deren enger Rock bis zu den Hüften hochgeschoben war, und Gabriel, dem die Smokinghosen um die Knöchel hingen. Als ihr Gehirn registriert hatte, was ihre Augen da sahen, zögerte sie keinen Augenblick. Sie zerrte den Gegenstand aus ihrem Abendtäschchen, zielte und drückte ab. Einmal, zweimal, ein drittes und viertes Mal, um auch ganz sicherzugehen …
Dann wurde sie schlagartig wach. Weit entfernt von Diplomatenempfängen, von Betrug und Kummer und Eifersucht, erwachte sie in ihrem Bett im Giebelzimmer auf dem Hof der Familie in Granåkers Hästberg mit dem Holzfußboden und der grün-schwarzen Wand des Fichtenwalds vor dem Fenster.
Sie fragte sich, weshalb sie im Traum immer ein rotes Kleid trug, wenn es doch in Wirklichkeit schwarz gewesen war. Zumal der Traum alle anderen Details, die sie am liebsten vergessen wollte, nur zu exakt wiedergab. Aber zu vergessen mochte ihr nicht gelingen, jede Nacht spielte sich in ihrem Kopf die ewige Wiederholung ab.
Sie stellte die Füße auf den Flickenteppich und hob die Arme über den Kopf, streckte sich, sodass ihre Gliedmaßen knackten. Trotz allem fühlte sie sich heute so ausgeschlafen wie schon lange nicht mehr. Vielleicht kam dem elenden Traum ja irgendeine therapeutische Funktion zu, die sich ihr noch nicht erschlossen hatte. Sie ging zur Spiegelkommode, einem Erbstück ihrer Mutter, strich sich die schulterlangen dunklen Haare hinter die Ohren und betrachtete ihr Spiegelbild in dem ovalen Rahmen – eine hochgewachsene, kräftig gebaute Frau mit markanten Zügen und großen graugrünen Augen, leicht schief geschnitten unter den dichten, kompromisslos schwarzen Augenbrauen. Sie war nie schön und schon gar nicht süß gewesen, aber in ihren besten Momenten und aus der Perspektive eines wohlwollenden Betrachters durchaus hervorstechend. Une jolie laide, eine hübsch-hässliche Frau, hatte ein französischer Kollege sie einmal genannt, als er dachte, sie würde es nicht hören. Astrid Sammils, 42 Jahre, bis vor drei Monaten eine glücklich verheiratete Diplomatin mit vielversprechender Zukunft, nun mit einer in die Brüche gegangenen Ehe und vermutlich einer ebenso in die Brüche gegangenen Karriere.
Sie holte eine alte Jeans und einen grauen Pulli hervor und ging die Treppe hinunter ins Bad, machte sich frisch, zog sich an und ging in die Küche, um sich ihr Frühstück zuzubereiten. Sie setzte Kaffee auf und konnte es wie üblich nicht lassen, den Computer anzuschalten, um ihre E-Mails abzurufen, während der Kaffee viel zu langsam durch Onkel Lars’ alte Kaffeemaschine lief.
Drei Mails sahen aus, als könnten sie von Interesse sein. Die erste stammte von Maja Danielsson, der Ärztin, die ihr nach allem, was in Bukarest geschehen war und was sie mittlerweile nur noch »den Zwischenfall« nannte, geholfen hatte. Die dünne, angespannte, überarbeitete Maja, deren Mann an Krebs gestorben war und die sieben Tage die Woche für eine Hilfsorganisation tätig war, die den Roma medizinische Versorgung anbot, hatte sich trotzdem Zeit für Astrid genommen, ihr ein Beruhigungsmittel gegeben und sie mit zu sich in ihre Wohnung genommen, als diese sich geweigert hatte, nach Hause zu fahren. Jetzt wollte sie wissen, wie es ihr gehe, schrieb »ich denke oft an dich«, und Astrid formulierte schnell eine Antwort.
Die zweite Mail war mit »Stefan« unterschrieben, und zuerst war ihr nicht klar, wer der Absender war. Die kryptische Hotmailadresse gab ihr keinen Anhaltspunkt. Nach einer Weile ging ihr auf, dass sie von Stefan Hallgrimsson kommen musste, einem Isländer, dem sie in Bukarest begegnet war und der ihre Gesellschaft gesucht hatte, mit dem Hinweis auf gemeinsame Bekannte in London. Jetzt schrieb er ihr, er habe von der Botschaft erfahren, dass sie sich in Schweden aufhalte, er ebenfalls auf dem Weg dorthin sei und sie gerne wiedersehen würde. Sie hatte zu keinem Zeitpunkt den Wunsch verspürt, die Bekanntschaft zu vertiefen, und machte sich nicht die Mühe, die Mail zu beantworten.
Die dritte E-Mail brachte ihren Puls zum Rasen. Sie kam von der Personalabteilung des Ministeriums, die sie um Kontaktaufnahme für ein kurzes Gespräch bat, in dem ihre zukünftigen Arbeitsaufgaben besprochen werden sollten, nachdem ihre Krankschreibung in Teilzeit nun bald beendet wäre. Sie wusste, was das bedeutete – sie würde in irgendeiner Abstellkammer landen und mit vorgeschobenen Aufgaben betraut werden, weitab jeglicher Aussichten darauf, ihre Karriere fortzusetzen. Aber wenn sie annahmen, dass sie sich lieb und nett darein fügen würde, dann hatten sie sich geschnitten. Mit trockenem Mund und kalten Fingern griff sie nach ihrem Handy, bereit, den Kampf um ihre Zukunft aufzunehmen, erkannte aber, dass es noch zu früh am Tag für ein so beschwerliches Gespräch war. Sie legte das Telefon wieder zur Seite und versuchte, ruhig und tief zu atmen, um ihre aufgewühlten Gefühle zu beruhigen. Einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, noch einmal ganz von vorn zu beginnen, etwas ganz anderes in ihrem Leben zu tun, aber das würde bedeuten, kampflos aufzugeben, und das lag nicht in ihrer Natur. Wenn sie sich nach fünfzehn Jahren in der schwedischen Botschaft nach einer neuen Karrierechance umschauen musste, dann nicht, weil man sie dazu genötigt hatte.
Obwohl sie früher einmal tatsächlich andere Pläne gehabt hatte. Als junges Mädchen hatte Astrid für das Theater geschwärmt und von einer Schauspielkarriere geträumt. Aber als Teenager hatte sie sich irgendwann von diesem Traum verabschiedet. Stattdessen hatte sie nach dem Abitur Friedens- und Konfliktforschung in Uppsala studiert und ihr Examen gemacht, als der Fall der Berliner Mauer Bewegung in Ost- und Mitteleuropa brachte. Als Kind hatte sie von den Nachbarn ihrer Eltern, die ungarische Wurzeln besaßen, fließend Ungarisch gelernt, und diese Kenntnisse hatte sie dazu genutzt, ihre Abschlussarbeit über ethnische Konflikte im ungarisch sprechenden Teil Rumäniens zu schreiben. Das Erlebnis, eine historische Umwälzung hautnah miterlebt zu haben und die Geschehnisse beeinflussen zu können, war wie ein Rausch gewesen, so intensiv wie das Gefühl, auf einer Bühne zu stehen und die Verbindung zum Publikum zu spüren. Nach ihrem Examen war sie auf den Balkan zurückgekehrt, hatte ein paar Jahre bei Freiwilligenorganisationen gearbeitet und dann die Möglichkeit erhalten, in das prestigeträchtige Diplomatennachwuchsprogramm des schwedischen Außenministeriums aufgenommen zu werden. In den fünfzehn Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte sie sich gelegentlich von der bürokratischen Verwaltung erdrückt gefühlt, aber das war wirklich ausreichend dadurch kompensiert worden, dass sie dazugehören durfte, zwar nur als ein kleines Rädchen im Getriebe, aber doch mittendrin als Akteurin bei den Reformprozessen in Ost- und Mitteleuropa. Nein, dachte sie abermals, kampflos würde sie ihre Karriere nicht aufgeben!
Der Kaffee war durchgelaufen. Sie nahm Brot, Käse und eine Tomate aus dem Kühlschrank und begann, sie in Scheiben zu schneiden. Plötzlich versetzte sie sich eine tiefe und stark blutende Kerbe, die rote Tropfen auf der Spüle hinterließ. Sie hielt ihren Finger unter kaltes Wasser, umwickelte ihn mit Haushaltspapier und sah sich nach einem Pflaster um, fand aber keines, weder in den Küchenschränken noch im Badezimmerschrank.
Aber irgendwo musste es doch welche geben. Ihr Onkel Lars, ein umsichtiger und vorsichtiger Mensch, hatte immer Heftpflaster und Schmerztabletten im Haus gehabt. Sie hatte den Hof der Familie von ihm geerbt, als er vor vier Monaten gestorben war, und der Hof war nach dem Zwischenfall zu einem rettenden Ort der Zuflucht geworden, einem Ort, an dem sie niemandem etwas vorspielen und die Fassade wahren musste und wo man sie im Dorf von Kindheit an als »Sammils Astrid«, das einzige Enkelkind auf dem Sammilshof, kannte und akzeptierte.
Sie betrat die Kammer vor der Küche, die Lars als Schlafzimmer verwendet hatte und in der auch sein Fernseher und sein Fernsehsessel mit den vor Abnutzung ganz blanken Lehnen stand. Astrid sah selten fern, sie holte sich die neuesten Nachrichten aus dem Internet; deshalb war sie nur selten in diesem Zimmer gewesen, in dem ihr Onkel die meiste Zeit des Tages zugebracht hatte. Sein Geist schwebte immer noch über diesem Raum, ein schwacher Altherrengeruch gemischt mit dem Duft des teuren Rasierwassers, das Astrid ihm jedes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte; so als würde er jeden Augenblick hereinkommen und im Sessel Platz nehmen, um die Nachrichten zu schauen. Es kam ihr fast vor wie Frevel, in seinen Habseligkeiten zu wühlen, nur um ein Päckchen Heftpflaster zu finden.
Sie ging hinüber zu dem schön bemalten Eckschrank, der einen Kontrast zu der Möblierung aus den 70er Jahren im übrigen Zimmer bildete, und drehte den schweren Schlüssel um. Auf dem untersten Regalboden stand in der Tat ein Verbandskasten, den sie mit ihrer unverletzten Hand herausnahm.
Auf dem Regalboden lag noch etwas, ganz tief hinten im Dunkeln, das zuvor von dem Kasten verdeckt worden war, etwas Weiches aus Stoff, eine Mütze oder ein Schal. Das sieht Onkel Lars gar nicht ähnlich, dachte sie verwundert, er, der immer so korrekt gewesen war, dass alles an seinem richtigen Platz liegen sollte. Sie zog den Gegenstand heraus.
Was sie in ihrer Hand hielt, war eine selbst gestrickte rot-blaue Mütze mit einem seltsam missratenen Elch als Verzierung.
Sie erkannte sie sofort.
Dennoch dauerte es einen Augenblick, bis es ihr klar wurde, ein flüchtiger Moment, in dem sie wie versteinert dastand, so wie bei dem Zwischenfall, ein Moment, in dem ihr Gehirn sich weigerte, zu akzeptieren, was ihre Augen sahen. Ihr Finger begann wieder zu bluten, so als ob ihr Herz schneller schlug, das Blut rascher und kräftiger durch den Körper pumpte. Der Streifen Küchenkrepp wurde ganz klebrig.
Sie starrte auf ihren Finger. Rotes Blut und schwarzdunkle Geheimnisse, ein rotes Kleid und ein schwarzes Kleid, was war Traum und was Wirklichkeit?
Denn das, was ihr Onkel, ihr sanfter, bescheidender Onkel, in einem Schrank versteckt hatte, war die Mütze, die Mikael Granberg, dreizehn Jahre alt, an einem Sonntag im Spätherbst 1978 getragen hatte, um Holz zu holen, und dann nie mehr gesehen wurde.
Sie nahm die Mütze mit in die Küche, legte sie auf den Küchentisch und starrte sie an wie Ungeziefer, das ins Haus gekrochen war. Was sollte sie tun? Zu rastlos und beunruhigt, um still zu sitzen, begann sie in der Küche umherzugehen, Runde um Runde um den Kamin durch die Küche, den Flur, das Esszimmer und die übrigen Räume. Einfach zu ignorieren, was sie da entdeckt hatte, und weiterzumachen wie bisher, war unmöglich, nein, undenkbar.
Mikael Granberg war in der Grubenstadt Hammarås, wo sie aufgewachsen war, in dieselbe Schule wie Astrid gegangen, ein paar Kilometer vom Hof der Familie in Granåkers Hästberg entfernt. Sie war damals zehn Jahre alt gewesen und wusste noch genau, was das für ein Drama gewesen war – sie erinnerte sich an das aufregende Gefühl, Polizisten auf dem Schulhof zu sehen und von Mikael in der Zeitung zu lesen, an den düsteren Anflug eisigen Schreckens, als ihre Freunde und sie sich flüsternd darüber unterhielten, was wohl geschehen sein könnte, oder wenn sie abends im Bett darüber nachgedacht hatte. Sie hörte heute noch die gedämpften Stimmen der Erwachsenen und sah die besorgten Blicke, die sie den Kindern zugeworfen hatten, und dachte daran, dass sie in jenem Winter nicht allein im Wald hatten Skifahren dürfen, als sie ihre Großeltern besucht hatte. Sie sah das Foto in der Zeitung vor sich, mit Mikaels auffälliger Mütze, die nicht zu übersehen gewesen war und an die sie sich auch noch vom Schulhof her erinnerte.
Aber keinesfalls würde sie mit ihrem Fund zur Polizei gehen! Falls Mikael ermordet worden war, wie die meisten annahmen, war das Verbrechen bereits verjährt. Aber die Mütze würde eine bequeme Erklärung liefern, um einen verstorbenen Mann zu verurteilen – einen alten Junggesellen, bekannt als lieb und nett, jedoch als etwas eigen, nicht allzu weit entfernt von der Familie Granberg wohnend, der oft im Wald herumschlenderte. Ihr Onkel Lars würde als Mörder identifiziert werden, ohne sich verteidigen zu können. Das würde sie nicht zulassen!
Doch was, wenn er Mikael tatsächlich entführt und getötet hatte? Sie wollte und konnte das einfach nicht glauben, durfte diese Möglichkeit aber auch nicht außer Acht lassen. Sie hatte auch nie geglaubt, dass Gabriel sie betrügen würde, und was war passiert? Vielleicht existierte der tiefe Sumpf des Verrats überall, selbst in Granåkers Hästberg. Als sie so an Sammils Lars Matssons Küchentisch saß, teilte sie das Blatt in ihrem Notizbuch in zwei Spalten, in eine mit Argumenten der Anklageseite und eine mit Argumenten für die Verteidigung.
Die erste Spalte war nur allzu leicht zu füllen. Onkel Lars war neununddreißig Jahre alt gewesen, als Mikael Granberg verschwand, ein Junggeselle mittleren Alters, der sein ganzes Leben bei seinen Eltern gewohnt und – soweit Astrid wusste – nie eine Frau gehabt hatte. Wenn man so wollte, das klassische Porträt eines Mannes mit verborgenen und unterdrückten Trieben, die sich eines Tages gewaltsam Bahn brechen würden. Er war schüchtern und verschlossen gewesen, hatte Angst vor allem gehabt, das von der täglichen Routine abwich, war jedoch freundlich und hilfsbereit gewesen. Kinder, vor allem kleine Kinder, hatten ihn gerne gemocht. Sie weiß noch, wie fröhlich sie selbst den Schleifstein bewegt hatte, während ihr Onkel die Äxte und Messer des Hofes geschärft hatte, und wie lustig es gewesen war, ihn auf seinen Spaziergängen durch den Wald zu begleiten. Sie schauderte, als sie sich ausmalte, wie andere es sehen könnten – ein Mann und ein kleines Mädchen im Wald, sie hält vertrauensvoll seine Hand, und er in der anderen eine frisch geschärfte Axt …
Wie hatte Onkel Lars an Mikaels Mütze gelangen können, wenn er dem Jungen nicht an jenem letzten Tag begegnet war? Und falls er sie unter harmlosen Umständen gefunden hatte, warum hatte er dann niemandem davon erzählt? In der Verteidigungsspalte schrieb sie mit so kräftiger und wütender Hand, dass das Papier beinahe zerriss: Na und? Es gibt keinerlei Beweise!
Doch um Ruhe zu finden, musste sie sich selbst davon überzeugen, dass ihr Onkel unschuldig war. Sie wusste, dass er so etwas wie ein Tagebuch geführt hatte, Eintragungen in gewöhnliche Taschenkalender gemacht hatte, die er bestimmt nie weggeworfen hatte. Vielleicht konnte sie ja etwas im Kalender aus dem Jahr von 1978 finden, eine Notiz, die zeigte, dass Lars an eben dem Tag, an dem Mikael verschwunden war, mit seinem Vater im Wald gewesen war oder zu Besuch bei Astrids Familie in Hammarås. Aber wo steckten die Kalender? Nicht im Schrank, in dem sie die Mütze gefunden hatte, dessen war sie sich sicher. Nervös ging sie ins Wohnzimmer und öffnete die Klappe des altertümlichen Sekretärs, den Lars immer als Heimbüro genutzt hatte, und zog die großen und kleinen Schubladen heraus.
Sie fand keine Kalender, aber Briefumschläge, Briefmarken und eine kleine elektronische Box, über die man im Internet Bankgeschäfte tätigen konnte, was sie daran erinnerte, dass Onkel Lars in den letzten Jahren seines Lebens erstaunlich viel Gebrauch vom Internet gemacht hatte. Das digitale Netz war genau das Richtige für ihn gewesen – so konnte er in der ganzen Welt unterwegs sein und seine unendliche Wissbegierde stillen, ohne die Geborgenheit seines Heimatdorfes verlassen zu müssen. Zum ersten Mal fragte sie sich, wo sein Computer abgeblieben sein mochte. Er hatte einen Laptop besessen, erst vor ein paar Jahren angeschafft, und einen DSL-Vertrag, den Astrid gekündigt hatte, weil sie bereits einen eigenen besaß. Aber den Rechner hatte sie nirgendwo im Haus gesehen.
Seltsam, dachte sie und sah sich im Wohnzimmer um. Neben dem Sekretär stand ein geflochtener Papierkorb, und darin blitzte etwas Weißes auf, ein einsamer Briefumschlag. Lars ließ die Dinge nie lange liegen, auch Müll nicht, er musste also von einem Schreiben stammen, das er unmittelbar vor seinem Tod erhalten hatte. Astrid griff nach dem Umschlag, der aus kräftigem elfenbeinfarbenen Papier bestand. Er trug jedoch keinen Absender. Die Adresse »Herr Lars Sammils« war mit energischen Druckbuchstaben von Hand auf das Kuvert geschrieben worden. Der Umschlag war in Falun abgestempelt, nur wenige Tage vor Lars’ Tod.
Ein paar Wörter waren mit Bleistift auf die Rückseite des Umschlags gekritzelt worden. Astrid erkannte die Handschrift ihres Onkels. Die Worte, die er notiert hatte, waren ihr wohlvertraut – »Bukarest« und »Chişinău«; die Namen von zwei Städten, in denen sie gearbeitet hatte. Hinter »Chişinău« hatte er ein Fragezeichen gekritzelt und darunter zwei Worte: »Astrid fragen«.
Was hatte Onkel Lars sie fragen wollen? Das würde sie nie mehr erfahren, und was sie im Augenblick interessierte, war nicht, was er in seinen letzten Lebenstagen gedacht hatte, sondern was 1978 geschehen war. Ihr Finger pochte, und auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie immer noch nicht gefrühstückt und sich fertig gemacht hatte. Vielleicht würde sie klarer denken können, wenn sie etwas im Magen hätte und ihre Gedanken einen Moment mit etwas anderem beschäftigte. Sie beschloss hinauszugehen und die Zeitungen zu holen.
Die Sonne wärmte ihr Gesicht, als sie in ihren abgenutzten Holzschuhen den Hofplatz betrat, um über den leicht abschüssigen Grashang, auf dem noch die Wassertropfen nach dem nächtlichen Regen glitzerten, zum Briefkasten zu gehen. Sie nahm die Zeitungen und einen Brief heraus, den sie am Tag zuvor übersehen haben musste, und war schon auf dem Rückweg, als sie plötzlich wieder dieses Gefühl wie ein Fangnetz überfiel und sie in den Maschen strampeln ließ, hilflos, ausgeliefert und zu Tode erschrocken. Sie fühlte sich verletzlich und beobachtet, ausgestellt und observiert, genau so wie in Bukarest und tatsächlich auch ein paarmal hier im Dorf, bevor sie kurzfristig zur Ruhe gefunden hatte.
Das war natürlich nur Einbildung. In Bukarest konnte man solche Wahrnehmungen vielleicht noch ernst nehmen, aber nicht in einem Dorf im Südwesten Dalarnas, weitab von Durchgangsstraßen, hier, zwischen tiefen Wäldern, Seen und stillgelegten Gruben, in einem Gebiet zwischen Touristengegend und Bergarbeiterregion, nördlich von Ludvika und südlich von Borlänge. Granåkers Hästberg lag in der sonnigen Stille des Vormittags, eine dünn besiedelte Gegend mit einer Ansammlung von falunroten und eternitgrauen Häusern, die entlang eines Kiesweges verstreut waren, der am unteren Ende des Sees vom Hauptweg abzweigte, in einem Bogen die Anhöhe hochkletterte und sich durch das Dorf schlängelte, bevor er sich in der Ferne verlor und wieder abwärtsführte. Von einem Hof unten am See waren gellende Kinderstimmen zu vernehmen, sie hallten über das Wasser, und vom Nachbarhof war das Geräusch von Metall auf Metall zu hören, als Hildur wie gewöhnlich den Eimer gegen das Geländer schlagen ließ, wenn sie draußen gewesen war und ihre Kartoffeln für das Mittagessen vom Acker gesammelt hatte.
Niemand beobachtet dich, beruhigte Astrid sich selbst, du weißt, dass du dir das alles nur einbildest. Sie wunderte sich kaum, dass diese Gedanken ausgerechnet jetzt zurückgekehrt waren, als die Personalabteilung sich gemeldet und sie Mikael Granbergs Mütze gefunden hatte. Auch damals in Bukarest hatte ihr Unterbewusstsein ihr schon den drohenden Verrat signalisiert. Sie hatte die Signale nur nicht deuten können, war sogar so dumm gewesen, anderen Botschaftsangehörigen gegenüber das Gefühl zu erwähnen, dass sie sich beobachtet fühlte, observiert, dass jemand sie ausspionierte. Doch auf der anderen Seite waren es ebendiese Gespräche gewesen, die sie gerettet hatten, als der Zwischenfall stattgefunden hatte. Sie waren der Beweis dafür, dass sie sich schon länger in einem psychischen Ungleichgewicht befunden hatte, nicht zurechnungsfähig und deshalb nicht verantwortlich für das gewesen war, das sie danach getan hatte. Einer Verrückten kann man nicht so leicht kündigen. Stattdessen schreibt man sie krank und gibt ihr starke Medikamente.
Sie ging wieder ins Haus und setzte sich mit dem Brief in die Küche.
Der Brief stammte von Gabriels Anwalt, einem Idioten mit Gelfrisur und Hugo-Boss-Anzug. Sie hatte nicht übel Lust gehabt, ihn mit einer vernichtenden Antwort zu strafen, als sie ihm das erste und einzige Mal begegnet war. Der Brief enthielt den Scheidungsantrag, sich im gegenseitigen Einvernehmen zu trennen, akkurat von Gabriel ausgefüllt und unterzeichnet mit seiner schönen, klaren Unterschrift. Sie sah, dass er den Füllfederhalter dafür benutzt hatte, den sie ihm geschenkt hatte. Oder hatte Agneta ihm einen neuen geschenkt? Ein Kreuz auf dem Formular machte kenntlich, dass die Gebühr von 450 Kronen bereits entrichtet worden war, und der Brief enthielt einen frankierten und adressierten Rückumschlag, in den man das Formular stecken konnte. Es fehlte nur noch ihre Unterschrift. Gabriel schien die Angelegenheit wirklich sehr wichtig zu sein.
In einer handgeschriebenen Notiz, nicht von Gabriel, sondern von seinem Anwalt, wurde sie gebeten, das Formular zu unterschreiben und zurückzusenden, und darüber informiert, dass die Gütertrennung mit dem Tag, an dem »der Antrag beim Scheidungsgericht eintrifft«, in Kraft treten würde. Astrid unterschrieb mit langsamen Bewegungen das Formular. Ihre immer schon unleserliche Unterschrift sah noch unleserlicher aus als sonst, zusammengequetscht, als sei sie in eine Putzkammer gezwängt worden, eine Schrift, deren Spitzen wütend wie Speere in die Höhe ragten. Sie faltete das Formular, steckte es in das Kuvert und klebte es zu. Dann brach sie den Stift, mit dem sie unterschrieben hatte, entzwei und schmiss die Einzelteile quer durch die Küche.
Immerhin hatte Gabriel keinen Anspruch auf den Hof, das erleichterte sie. Nachdem sie von Onkel Lars’ Tod erfahren hatte, war Astrid überrascht gewesen, das er nach allen Regeln der Kunst ein Testament verfasst hatte. Schließlich war sie doch seine einzige Erbin und sie hätte nie angenommen, dass ihr etwas weltfremder Onkel überhaupt an solche Dinge denken würde. Doch dank Onkel Lars’ Testament gehörte der Sammilshof nun ausschließlich ihr allein und konnte nicht zur Gütertrennung herangezogen werden.
Hildur vom Nachbarhof, eine der Testamentszeugen, hatte über Astrids Erstaunen gelacht.
»Dumm war er nicht, der Lars, wenn auch etwas eigen«, hatte sie gesagt, »und er hat diesen Einfaltspinsel von Mann, den du dir gesucht hast, wohl nie leiden können.«
Astrid trank ihren Kaffee aus, der viel zu lange auf der Heizplatte gestanden hatte, und kaute an einem belegten Brot, das nach gar nichts schmeckte, als ob ihre Geschmacksknospen von dem morgendlichen Gefühlswirrwarr betäubt worden wären. Aber die Wut, die sie nach dem Schreiben des Rechtsanwalts überkommen hatte, kam ihr gelegen für den nun folgenden Kraftakt. Um ihre Karriere zu retten, brauchte sie jetzt Eiseskälte und Rücksichtslosigkeit. Sie nahm das Handy und wählte eine Nummer, die nur eine Handvoll Menschen kannte und die zu einem Telefon führte, das niemals ausgeschaltet war. Die Leitung war frei, aber der Anruf wurde sofort weggedrückt. Sie wartete ab. Er würde sich melden, sobald es ihm möglich war, das wusste sie. Nach zwanzig Minuten klingelte ihr Handy.
»Astrid«, sagte Kabinettssekretär Elias Markström verbindlich, »wie schön, deine Stimme zu hören. Ich hoffe, es geht dir inzwischen etwas besser?«
Sie sah ihn vor sich, sowie sie die vertraute Stimme hörte – sein silbergraues Haar, die warmherzigen blauen Augen, die ganze Ausstrahlung eines Gentlemans aus vergangenen Tagen. Doch der Schein trog. Elias Markström war eine Kobra, ein knallharter Verhandlungspartner und Karrierist, der auf seinem Weg von einem Bauerndorf mitten in Västerbotten zum schwedischen Außenministeriumsposten an höchster Stelle über viele sprichwörtliche Leichen gegangen war. Aber denjenigen, die er mochte, konnte er ein sehr guter Freund sein, und Astrid hatte zu seinen Lieblingen gehört, seit sie gemeinsam in Brüssel gearbeitet hatten.
»Es ging mir besser«, sagte sie, »bis ich eine E-Mail von der Personalabteilung bekam, die sich mit mir über meine Zukunft unterhalten will. Ich habe so eine Ahnung, dass es darum geht, auf welches Abstellgleis sie mich am besten stellen können. Weißt du zufällig etwas darüber?«
In der Leitung wurde es still, es war eine unheilvolle Stille.
»Astrid«, sagte Elias nach einer Weile, »du hast immer noch Freunde im Haus, aber du bist dir bestimmt bewusst, dass du es ihnen nicht leicht gemacht hast … es uns nicht leicht gemacht hast, sollte ich vielleicht sagen. Wie du weißt, kümmert sich die Personalabteilung darum, wenn es um Personalfragen geht, und es ist völlig normal, dass deine Angelegenheit von ihnen behandelt wird.«
»Ich hatte eigentlich angenommen, dass ich meine Zukunft unter vier Augen mit Agneta besprechen kann«, sagte sie.
Wieder wurde es still in der Leitung, diesmal hielt die Stille länger an. »Ich bin überzeugt davon, dass dir klar ist«, sagte er, und wählte jedes seiner Worte mit Bedacht, »dass der bloße Gedanke daran, dass die Außenministerin dir das Privileg eines Vieraugengespräches über deine weitere Zukunft einräumen könnte, unter den herrschenden Umständen von den meisten als ein außerordentlich schlechter Scherz aufgefasst werden würde.«
»Aber Agneta und ich kennen uns schon so lange«, wandte Astrid langsam und deutlich ein, »und wenn sie sich an unsere Begegnung in den 90er Jahren erinnert, bin ich überzeugt davon, dass es ihr leidtäte, mir nicht die Möglichkeit für ein Gespräch gegeben zu haben, trotz der unerfreulichen Sachen, die später geschehen sind.«
Diesmal herrschte genauso lange Stille wie zuvor in der Leitung. Elias Markström war schon immer gut darin gewesen, Anspielungen zu verstehen.
»Ich habe dich verstanden, liebe Astrid«, sagte er, »und ich werde Agneta deinen Vorschlag zusammen mit deinem Wunsch, sie für ein persönliches Gespräch zu sehen, weitergeben. Ich melde mich wieder bei dir.«
Er legte eine dramatische Pause ein.
»Aber wenn du etwas weißt, wofür sie dir an den Hals will, dann wäre es wohl besser, du nimmst dich in Acht, selbst da oben in Dalarna, wo du dich jetzt befindest.«
Er machte natürlich nur Spaß. Aber so ganz war Astrid sich nicht sicher, dass das nur ein Scherz gewesen war.
Nach dem Telefonat mit Elias ging es ihr besser. Es tat ihr immer gut, selbst aktiv zu werden. Trotzdem fühlte sie sich zu rastlos, um sich hinzusetzen und an dem Bericht über die demokratische Lage in einem zentralasiatischen Land mit bedeutenden Energieressourcen zu arbeiten, der während ihrer reduzierten Arbeitszeit aufgrund der Krankheit ihr offizielles Projekt war. Stattdessen beschloss sie, nach Hammarås zu fahren, den Brief an Gabriels Anwalt zur Post zu bringen und zu versuchen, etwas in Bezug auf ihr Problem zu unternehmen. Konnte sie an die polizeiliche Ermittlungsakte des alten Falls gelangen, vielleicht mit einem pensionierten Kriminalpolizisten sprechen, der damals mit Mikaels Fall betraut gewesen war? Ihr Cousin Martin war Kriminalbeamter in Hammarås, sie könnte ihn mal fragen und womöglich sogar im Archiv der Lokalzeitung recherchieren. Was war aus Mikaels Familie geworden? Sie glaubte sich zu erinnern, dass die Ehe der Eltern auseinandergegangen war, ein paar Jahre nachdem ihr Sohn verschwunden war, und dass seine Mutter Kerstin den Boden unter den Füßen verloren hatte und zu einer starken Alkoholikerin geworden war. Vor ein paar Jahren erst hatte die Lokalzeitung eine große Reportage über den Fall gebracht, »Mikael – Dreißig Jahre lang vermisst / Das Rätsel, das nie gelöst wurde«, und Astrids Cousine Maria hatte ihr den Link mit dem Gruß geschickt »Du erinnerst dich doch sicherlich noch an das große Mysterium unserer Kindheit«. Aus dem Artikel war hervorgegangen, dass Kerstin Granberg mittlerweile verstorben war. Aber was war aus Camilla geworden, Mikaels jüngerer Schwester? Das würde sie, Astrid, rasch herausfinden können. Wäre die ganze Sache nicht so ernst gewesen und würde nicht so viel auf dem Spiel stehen, hätte Astrid von ihrem eigenen Auftrag fast gute Laune bekommen. Sie spielte gerne Verhandlungspoker, grub Informationen aus, fand heraus, was der Gegenpart wusste und wollte, ohne sich selbst in die Karten schauen zu lassen.
Sie ging zu ihrem Zimmer im ersten Stock hinauf und dachte wie üblich, wie unverändert hier alles noch war und wie sehr es ihr nach dem Zwischenfall geholfen hatte, dass sie das Geborgenheitsgefühl ihrer Kindheit noch mal spüren durfte. Dafür, dass er nie geheiratet hatte und in den 30er Jahren geboren wurde, hatte Sammils Lars Matsson das Haus, in dem er seit dem Tod seiner Eltern in den 80er Jahren allein gelebt hatte, erstaunlich sauber gehalten, auch wenn er seitdem nicht ein Detail im Haus verändert hatte. Die Gardinen, Teppiche, Möbel, Tischtücher, Bettwäsche – alles erinnerte Astrid an ihre Besuche bei den Großeltern in ihrer Kindheit. Und sie selbst hatte während der knapp zwei Monate, die sie mittlerweile hier wohnte, auch nichts verändert. Vielleicht würde irgendwann der Tag kommen, an dem sie den Wunsch verspüren würde, den geerbten Hof in ein Traumhaus zu verwandeln, elegant genug, um in einem Einrichtungsmagazin vorgestellt zu werden, das den Traum vom Landleben verkaufte, sie zweifelte aber stark daran. Bislang hatte sie sich damit zufriedengegeben, in einem der beiden leeren Schlafräume im Obergeschoss die Betten zu machen und ihre Kleidung dort aufzuhängen.
Vor ihrer Fahrt nach Hammarås legte sie vor der Spiegelkommode in ihrem Schlafzimmer im ersten Stock sorgfältig Make-up auf und tauschte ihre alte Jeans und den ausgebeulten Pulli gegen ein Kleid, das sich nach Großstadtleben anfühlte. Sie musste an ihren ersten Besuch im Ärztehaus denken, als sie nach dem Zwischenfall hierhergezogen war, und die Begegnung mit einem Bezirksarzt, der kaum von seinem Computerbildschirm aufgesehen hatte, um sie anzuschauen, nach einem ersten desinteressierten Blick, als sie über die Schwelle getreten war. Im Nachhinein ahnte sie, was er gesehen hatte – eine deprimierte Frau mittleren Alters mit schlechter Haltung und einem Nachnamen, der verriet, dass sie aus der Gegend stammte, hochgewachsen und schlecht gekleidet, ein Wesen, das nicht mehr seiner Zeit wert war, die es dauerte, ein Rezept auf dem Rechner auszudrucken. Er hatte sie »Annbritt« genannt und war so überzeugt davon gewesen, dass sie eine Kettenraucherin war, dass er sie mehrere Minuten davon zu überzeugen versucht hatte, ein neues, Wunder vollbringendes Mittel gegen Nikotinabhängigkeit zu testen, das bald auf den Markt kommen würde. Nur ein weiterer Beweis dafür, wie leicht eine Frau über vierzig mit der Wand verschmolz, zu einem grauen Fleck wurde, den niemand sah, ja, zu einer Projektionsfläche für Vorurteile.
Dazu würde es diesmal nicht kommen. Sie ging hinab ins Esszimmer und musterte sich selbst in dem deckenhohen Spiegel. Es ging doch, wenn sie sich nur Mühe gab! Als sie Gabriel das letzte Mal getroffen hatte, war sie wie eine Königin in das Büro des Anwalts stolziert, bis in die Fingerspitzen die erfolgreiche Diplomatin, gekleidet in ein wahnsinnig teures Kleid von einer wahnsinnig teuren belgischen Designerin, das sie noch mit einer von Gabriels Kreditkarten bezahlt hatte. Es war eine glänzende Vorstellung gewesen – der Rechtsanwalt war beeindruckt gewesen und Gabriel erstaunt. Aber solche Auftritte verlangten eine gewisse Ausstattung und eine Haltung, die man in Granåkers Hästberg selten nötig hatte. Sie nahm ihre Burberry-Jacke vom Garderobenhaken, zog den Gürtel in der Taille straff und warf sich ihre italienische Designertasche über die Schulter. Auf dem Weg nach draußen sah sie den Brief, der das Scheidungsformular enthielt, auf der Küchenbank und steckte ihn in die Tasche. Sie durfte nicht vergessen, ihn in Hammarås einzuwerfen, dachte sie. Keine große Sache. Wenigstens redete sie sich das ein.
Nach ein paar Kilometern auf dem schmalen Kiesweg, der zur Kreisstraße nach Hammarås führte, kam sie zu einem noch schmaleren Weg, der von der Straße abging, und an dem ein Schild mit dem Hinweis »Ramsnoret 4 km« stand. Unwillkürlich bremste sie ab und blieb stehen. An dieser Abzweigung hatte Familie Granberg gewohnt, und ein unwiderstehlicher Wunsch, nachzusehen, wie ihr Haus heute aussah, überfiel sie, als würde es ihr helfen, den Geruch und Geschmack der Vergangenheit aufzunehmen. Wohnte heute noch jemand dort oder hatte die Familientragödie dazu geführt, dass die Leute den Ort mieden? Sie bog nach Ramsnoret ab.
Der Weg schlängelte sich zwischen Abschnitten von dunklem, rauschendem Fichtenwald und tiefgelegenem Moorboden dahin, von dem unter der Herbstsonne Dunst aufstieg. Das Haus lag auf einer kleinen Anhöhe und sie konnte es schon von weitem sehen, einen Fleck aus grauem Eternit, der sich von den Farben des Herbstlaubes und der dunkelgrünen Wand des Waldes abhob. Sie zögerte nur ein paar Sekunden, bevor sie den kleinen Hügel hinauffuhr, der zu dem Gebäude führte, das einst Mikael Granbergs Zuhause gewesen war.
Der Kiesweg vor dem Haus war zugewuchert und daneben lieferten sich die Überreste eines Himbeerstrauches einen ungleichen Kampf mit dem Überwuchs von gigantischen Brennnesseln, die auf dem besten Wege waren, das Grundstück in Besitz zu nehmen. Ein verrosteter Rasenmäher ragte aus den Brennnesseln hervor und vor der kleinen Garage stand ein ebenso verrostetes Schrottauto. Mehrere Dachpfannen waren kaputt oder fehlten ganz, und unterhalb der Dachtraufe hing das Regenrohr schief. Im Fenster neben der Haustür sah sie ein paar verwelkte Topfpflanzen zwischen schmutzigen hellblauen Nylongardinen, die den Eindruck machten, als hingen sie schon seit 1978 da.
Astrid stieg aus dem Wagen und sah sich auf dem Hof um, auf dem ihr silbergrauer Audi A4 Quattro wie ein Gruß aus einer anderen Welt wirkte. Die friedliche Stimmung, die auf verlassenen Grundstücken manchmal aufkam, wollte sich hier nicht einstellen. Stattdessen wurde sie an ausgestorbene Häuser erinnert, die sie auf dem Balkan gesehen hatte, Orte, die in aller Eile von Menschen in einer panikartigen Flucht vor vorrückenden Armeen oder Freischärlern verlassen worden waren. Ihre Nackenhaare stellten sich auf und sie spitzte die Ohren, als erwartete sie, das Klicken einer Waffe zu hören, die irgendwo in einem der Nebengebäude entsichert wurde.
Da überfiel sie plötzlich wieder dieses Gefühl – das brennende Gefühl, dass jemand sie beobachtete, dass sie observiert wurde. Und es gab einfach keine annehmbare Erklärung dafür. Das Schreiben an Gabriels Anwalt lag in ihrer Tasche, war aber nicht der Auslöser dafür – sie hatte es schon fast vergessen.
Langsam drehte sie sich um und erhaschte einen sekundenschnellen Blick auf eine Bewegung hinter den Nylongardinen.
Nein, diesmal war es keine Einbildung. Jemand beobachtete sie tatsächlich vom Haus aus, das einmal Mikael Granbergs Zuhause gewesen war, jemand, der nicht gesehen werden wollte.

Ingrid Hedström

Über Ingrid Hedström

Biografie

Ingrid Hedström hat jahrelang als Auslandskorrespondentin für die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter gearbeitet, aber auch als ausgebildete Psychologin. Sie hat bereits sechs erfolgreiche Spannungsromane geschrieben, für die sie mehrere Preise erhielt.

Weitere Titel der Serie »Astrid-Sammils-Reihe«

Reihe um die schwedische Diplomatin Astrid Sammil, die in brisanten Fällen ermittelt.

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