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Renegade

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Tiefenrausch

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Renegade — Inhalt

Elysium liegt am Grund des Meeres, abgeschirmt vom Rest der Welt. Dort hat Mutter ein Paradies für all jene Menschen geschaffen, die vor den Kriegen der Oberfläche fliehen konnten. Sie organisiert den Alltag der Bewohner, schützt sie vor Gefahren und regelt sogar die Geburten. Doch dieser Friede wird teuer erkauft – Gefühle sind in Elysium verboten, Berührungen unter Liebenden werden mit dem Tod bestraft. Evie vertraut in dieses System – doch als Gavin, ein Oberflächenbewohner, in ihre Welt eindringt, weckt der junge Mann Zweifel in ihr: Warum plagen sie Erinnerungslücken? Weshalb besteht Mutter auf Evies tägliche Therapie-Sitzungen? Und wieso kann sie sich durch Gavin an Dinge erinnern, die absolut unmöglich sind? Evie erkennt, dass sie Teil eines gewaltigen Plans ist, aus dem es für sie ohne Gavin kein Entrinnen gibt.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 09.03.2015
Übersetzt von: Charlotte Lungstraß
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98228-3

Leseprobe zu »Renegade«

1

 

Für das Wohl aller müssen Opfer gebracht werden.

Bürgerlicher Verhaltenskodex, Band VI –

 

Mein Leben ist absolut perfekt.

Jeden Morgen lässt mich Mutter um Punkt zehn Uhr von den Dienstmädchen wecken. Dann nehme ich ein leichtes Frühstück ein, anschließend folgt der obligatorische Besuch bei meinem Therapeuten. Es ist so schön, jemanden zu haben, mit dem man reden kann.

Später erwarten mich dann die Pflichten, die Mutter mir anvertraut hat, doch bis dahin kann ich tun, was immer ich will. An diesem Morgen sitze ich in meinem Garten und widme mich [...]

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1

 

Für das Wohl aller müssen Opfer gebracht werden.

Bürgerlicher Verhaltenskodex, Band VI –

 

Mein Leben ist absolut perfekt.

Jeden Morgen lässt mich Mutter um Punkt zehn Uhr von den Dienstmädchen wecken. Dann nehme ich ein leichtes Frühstück ein, anschließend folgt der obligatorische Besuch bei meinem Therapeuten. Es ist so schön, jemanden zu haben, mit dem man reden kann.

Später erwarten mich dann die Pflichten, die Mutter mir anvertraut hat, doch bis dahin kann ich tun, was immer ich will. An diesem Morgen sitze ich in meinem Garten und widme mich still meiner Näharbeit. Im Garten ist es morgens immer so friedlich, besonders wenn die Meeresbewohner außen an der Glaskuppel vorbeiziehen.

Die Oberfläche könnte da nie und nimmer mithalten. Auch wenn ich die Oberfläche niemals gesehen habe. Das ist sogar mir verboten.

Was auch gut ist. Mein Leben ist absolut perfekt.

Der Duft der Rosen, Gardenien, Lilien und unzähliger anderer Blumen erfüllt die Luft. Im Vergleich zum Rest der Anlage ist es hier dank der Sonnenlampen fast schwül. Durch die Wärme und das unaufhörliche Summen der Bienen, die meine wundervollen Blumen bestäuben, erwische ich mich öfter dabei, dass ich einnicke. Das Windspiel, das mein Freund Timothy für mich gebaut hat, klimpert in dem leichten Luftzug aus der Sauerstoffaufbereitungsanlage.

Timothy stammt aus Sektor Drei. Sein Vater ist Metallarbeiter, und seine Mutter arbeitet in der Kinderbetreuung, doch da er mein bevorzugter Verehrer ist, hat man ihm erlaubt, in Sektor Zwei zu wohnen. Er wurde aufgrund seiner Gene als potenzieller Kandidat für mich ausgewählt. So wird sichergestellt, dass in Elysium nur die Besten geboren werden.

Von den drei Verehrern, die für mich ausgewählt wurden, mag ich ihn am liebsten. Er hat am meisten Verständnis für meine … Überspanntheit. In meinem Inneren breitet sich ein warmes Kribbeln aus, und ich drücke lächelnd die Hand auf den Bauch. Ja, Timothy ist mein Liebling.

An meinem Gesicht flattert ein Schmetterling vorbei und reißt mich so aus meinen Gedanken. Schließlich landet er in den Heidelbeerbüschen, die mit weißen Blüten bedeckt sind. Endlich ist Sommer, und die Tage werden länger. In meinem Garten wird es nun noch wärmer sein, die Lichter werden noch länger brennen, und ich werde mehr Zeit haben, mich mit meinen Blumen zu beschäftigen.

Im Hintergrund läuft leise Musik, ein sanftes, hypnotisches Lied, das Geist und Seele entspannt. Überall sind Wachen postiert, aber sie stören mich nicht weiter. Sie sind nun einmal Teil des Lebens. Das ist der Preis des Friedens.

Ich entscheide mich für einen kleinen Spaziergang durch meinen Garten. Immer wieder spielen meine Finger an den Bundfalten meines Kleides herum. Ich biege auf einen der gepflasterten Pfade ab, die wie Wagenspeichen vom äußeren Rundweg, der sich direkt an der gläsernen Wand entlang zieht, zwischen den Beeten hindurch bis zum Teich verlaufen, der genau in der Mitte des Gartens liegt.

Mein Leben ist absolut perfekt.

Unwillkürlich wende ich mich den Rosen zu, als würde ihr Duft mich regelrecht anziehen. Neben meiner Violine sind sie mein wertvollster Besitz. Sie erinnern mich an etwas. An einen Duft, der am äußersten Rand meines Bewusstseins verankert ist. Die Erinnerung ist zu vage, um greifbar zu sein, aber gleichzeitig zu stark, um sie zu vergessen. Unbewusst streiche ich über das Amulett an meiner Halskette. Es hat die Form einer Rose.

Das ist das Einzige, was Mutter mir gelassen hat aus der Zeit, bevor sie mich adoptierte und zur Tochter des Volkes machte. Wenn sie allerdings wüsste, dass es für mich bedeutsamer ist als mein sonstiger Schmuck, würde es wahrscheinlich schnell verschwinden.

Noch immer starre ich auf die Rosen. Ich kann nicht widerstehen – nur eine Berührung. Dafür wandere ich schließlich durch diesen Garten.

Vorsichtig weicht meine Hand den Dornen aus, ich pflücke eine Rose und hebe sie an die Nase. Tief atme ich den betäubenden Duft ein und hoffe, dass er zusammen mit dem Amulett meiner Erinnerung auf die Sprünge hilft.

Das Amulett bringt zurück, was verloren war. Die Düfte schließen die Lücken.

Plötzlich erscheinen vor meinem inneren Auge eine Frau und eine jüngere Version von mir selbst. Ich halte schockiert den Atem an, während sich in meinem Kopf ein stechender Schmerz ausbreitet – dann sticht mich etwas in den Finger und holt mich in die Gegenwart zurück. Blut quillt aus meinem Zeigefinger. Vor meinen Füßen liegt eine Rose. Verwirrt sinke ich neben sie, starre die Blume an und frage mich, wie sie dort hingekommen ist.

»Evie.« Neben mir steht Timothy. Seit wann ist er hier? »Geht es dir gut? Warte, lass mich dir helfen.« Er entnimmt einem der Stahlträger, der die Glaskuppel stützt und damit meinen Garten vom Atlantischen Ozean trennt, einen Erste-Hilfe-Kasten und verarztet meinen Finger. Mit einem strahlenden Lächeln blickt er auf mich herab. »Schon fertig, alles erledigt.«

Als er meine Hand tätschelt, löst das widersprüchliche Gefühle in mir aus. Ein Teil von mir will ihm die Hand sofort entziehen, während der andere Teil das warme Kribbeln genießt, das sich in mir ausbreitet, als er seine Hand auf meine legt. Es ist ein angenehmes Gefühl, irgendwie vertraut. So als wäre es nicht das erste Mal.

»Schließlich können wir es uns nicht leisten, dass du krank wirst«, fährt er fort.

»Nein«, stimme ich ihm zu, während ich gleichzeitig überlege, warum mir seine Berührung so vertraut vorkommt. »Das wäre schlecht.« Die Aufbereitungsanlage schickt eine leichte Brise zu uns herüber, und deutlich nehme ich Timothys Duft wahr. Doch in meinem Kopf hat sich dichter Nebel ausgebreitet, in dem die Erinnerungen wabern, aber nichts davon ist greifbar. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich gerade eben getan habe. War ich nicht … irgendwo anders?

»Ist alles in Ordnung?«, fragt er. Seine blauen Augen mustern mich besorgt.

Ich nicke. »Mein Leben ist absolut perfekt.«

Er lächelt, aber in seinem Blick liegt Traurigkeit. »Das freut mich. Ich habe mir schon Sorgen gemacht«, er blickt kurz zu den Wachen hinüber, »dass du krank sein könntest, so entrückt wie du vor dich hin gestarrt hast.«

»Wie geht es deinen Eltern?«, frage ich mehr aus Höflichkeit als aus Interesse. Gleichzeitig habe ich Schuldgefühle, weil es mich eigentlich interessieren sollte. Irgendetwas hat sich zwischen uns verändert, kürzlich erst, aber ich kann mich nicht daran erinnern, was es war.

Timothy runzelt die Stirn. »Ich weiß es nicht. Sie sind gestern nicht zu unserem üblichen Sonntagsessen gekommen, und sie haben auch auf keine meiner Nachrichten reagiert, was schon komisch ist, weil Mom doch unbedingt wissen wollte, was dein … « Er unterbricht sich, wirft mir einen kurzen Blick zu und fährt dann seufzend fort: »… wie es dir geht. Ich wollte heute mal zu Drei rüberfahren und nach ihnen sehen.«

»Verstehe. Nun, falls du Hilfe brauchst, zögere nicht, mich darum zu bitten.« Wie nett von seiner Mutter, sich nach mir zu erkundigen.

»Das werde ich, danke.«

In diesem Moment wird uns beiden bewusst, dass er mich noch immer berührt. Ich sehe ihm in die Augen, und mir wird ganz heiß. Mein Herz klopft wie wild, und ich bekomme nur schwer Luft. Das ist nicht das erste Mal, denke ich wieder. Doch das ist unmöglich. Es sei denn …

Hastig lasse ich seine Hand los, wir treten beide einen Schritt zurück und versichern uns mit einem schnellen Blick, dass niemand etwas bemerkt hat. Wir sind nicht verpaart, und direkter Körperkontakt ist streng verboten.

Timothy sieht sich genau wie ich aufmerksam um, doch zu meiner Überraschung zieht er dann etwas aus der Hosentasche und streckt es mir hin. »Als ich das hier gefunden habe, musste ich sofort an dich denken«, flüstert er und lehnt sich möglichst dicht zu mir. Stirnrunzelnd versuche ich zu erkennen, um was es sich handelt. »Das ist für …«, wieder sieht er sich vorsichtig um, »… deine Sammlung.«

Aufregung packt mich, und ich strecke gespannt die Hand aus, um das Ding, das wahrscheinlich von der Oberfläche stammt, entgegenzunehmen. Er lässt eine silbrig schimmernde Metallscheibe in meine Hand fallen. Ich untersuche sie sorgfältig. Es sind seltsame Zeichen darauf. Auf der einen Seite ist ein Kopf abgebildet, auf der anderen eine Art … Tier.

»In God We Trust«, lese ich laut. Dann blicke ich fragend zu Timothy. »Was das wohl heißt?«

Er zuckt nur mit den Schultern, aber ich bin so aufgeregt, dass ich es kaum bemerke. Einen Gegenstand wie diesen habe ich noch nie gesehen, und ich kann es kaum erwarten, ihn genauer zu untersuchen, aber dies ist nicht der richtige Ort dafür. Ich werde Mutter danach fragen. Wenn Timothy nicht dabei ist. Was meine Neugier bezüglich der Oberfläche angeht, zeigt sich Mutter zwar großzügig, doch ich bezweifle stark, dass sich ihre Toleranz auch auf Timothy erstreckt. Während ich das Ding in die Tasche meines Kleides gleiten lasse, bückt sich Timothy und hebt die Rose auf. Sorgfältig entfernt er die Dornen und reicht mir dann die Blume.

»Für dich, Miss Evelyn.« Plötzlich wirkt sein Lächeln schüchtern. Ich muss wieder an seine Berührungen denken und werde rot. Schnell hebe ich die Rose vors Gesicht, um es zu verbergen.

Der betörende Duft weckt erneut eine Erinnerung in mir. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, schlendert Timothy zu dem kleinen Teich, der nur wenige Meter entfernt ist. Im Schein der Lampen funkelt seine blaue Oberfläche, als würden winzige Diamanten auf dem Wasser schwimmen. Anders als in Sektor Drei ist das Wasser hier frisch und nicht wieder aufbereitet, es kommt direkt aus der Entsalzungsanlage. Im Teich schwimmen Seerosen und andere Wasserpflanzen.

Ich folge Timothy. Er zeigt auf eine Blume, deren bläuliche Blüten aus dem Wasser ragen. »Sagst du mir noch mal, was das für eine Pflanze ist?«

Ich muss lächeln. Er schafft es immer wieder, dass ich mich besser fühle. »Das ist blauer Lotus, wir verwenden ihn in vielen unserer Arzneien. Man kann ihn als Beruhigungsmittel einsetzen, aber auch als Aphrodisiakum.«

Die Rose gleitet aus meinen zitternden Fingern.

 

Heute ist Antragstag. Als Tochter des Volkes habe ich viele Pflichten, aber diese ist meine liebste. Außerdem ist sie die wichtigste meiner Aufgaben. Sie zeigt, dass Mutter mir vertraut. Ich bin die Stimme unserer Bürger, und sie verlassen sich darauf, dass sie durch mich all das bekommen, was sie brauchen und wollen.

Elysium ist eine große Familie, und es ist wichtig, dass ihre Oberhäupter den anderen Familienmitgliedern zuhören, damit alle glücklich sind.

Mutter hat mir freigestellt, an welchem Ort im Palast ich die Anträge anhöre, doch ich benutze am liebsten einen Raum, den ich für mich als Antragszimmer bezeichne. Er ist ziemlich groß, hat ein so breites Fenster, dass es fast die gesamte Wand einnimmt, und ist in schwarzem und rosa Marmor gehalten. Außerdem verfügt er im vorderen Bereich über zwei Türen: Durch die eine betreten die Bürger den Raum, durch die andere verlassen sie ihn wieder, es sei denn, sie müssen zu Mutter. Dann benutzen sie die Tür links hinter meinem Sessel, der mitten im Raum steht. So gelangen sie zu Mutters Empfangszimmer.

Ich setze mich, überkreuze die Beine und drücke die Knöchel aneinander, ganz wie Mutter es mich gelehrt hat. Dann ziehe ich meinen Lieblingsseidenrock so zurecht, dass er meine Knie bedeckt. Eigentlich ist er etwas zu kurz, aber weil sein Blauton die Farbe meiner Augen betont, lässt Mutter ihn mir normalerweise durchgehen.

Mit einem schnellen Blick mustere ich die Bürger, die hinter einer Absperrung aus Samtkordeln warten, dann gebe ich einem der Wachen neben mir durch ein Nicken zu verstehen, dass ich bereit bin. Heute ist die Schlange kurz, Mutter sei Dank. Auch wenn ich meinen Pflichten gerne nachkomme, sind sie manchmal erdrückend.

Der erste Antragsteller scheint etwas älter als ich zu sein, also etwas über sechzehn. Während er auf mich zukommt, ringt er die Hände, und seine Beine zittern leicht, als er sich hinkniet und den Kopf vor mir neigt. So verharrt er dann, ohne aufzublicken, und da wird mir klar, dass dies sein erster Antragstag und er entsprechend nervös ist.

»Sprich, Bürger. Was wünschst du?«

Endlich sieht er hoch, und auch wenn seine Hände noch immer zittern, sind seine Augen nicht mehr ganz so angstvoll aufgerissen. »Ich möchte eine Verpaarungslizenz beantragen, Miss Evelyn.«

Mein höfliches Lächeln wird strahlend. Deswegen mag ich den Antragstag so gern. »Und wer ist die Glückliche?«

Er winkt kurz, und sofort eilt aus der Schlange ein Mädchen an seine Seite, das ungefähr so alt ist wie ich. Sie achtet sorgfältig darauf, ihn nicht zu berühren, fällt aber neben ihm auf die Knie und neigt den Kopf. »Mein Name ist Alice, Miss Evelyn.«

Ich signalisiere der Wache, dass ich meinen Tablet-PC brauche. »Was ist deine momentane Berufung, Alice?«

»Kinderbetreuung.«

Ich nehme das Tablet von der Wache entgegen, lege die Hand auf den Bildschirm und warte, bis der Computer meine Fingerabdrücke erkannt hat. »Wurdest du schon zur Fortpflanzung zugelassen?«

»Ja, Miss Evelyn«, antwortet sie. Ich strecke ihr den Bildschirm hin, und sie legt ihre Hand darauf.

Anschließend nehme ich mir ein paar Minuten Zeit, um ihre Akte zu lesen, die mir ein anerkennendes Nicken entlockt. Sie ist eine hervorragende Fortpflanzungskandidatin.

Nachdem ich auch die Akte des Mannes überprüft habe, erteile ich ihnen eine vorläufige Verpaarungslizenz, abhängig von den Ergebnissen der genetischen Untersuchungen, und schicke die beiden in den medizinischen Sektor. Ihnen bleiben nun zwei Wochen Zeit, um die notwendigen Tests zu machen, dann müssen sie bei Mutter vorstellig werden – sie allein fällt die endgültige Entscheidung darüber, ob sie sich verpaaren dürfen oder nicht.

Ihre Nervosität ist deutlich zu sehen, aber nach allem, was ich ihren Akten entnehmen konnte, müssen sich die beiden keine Sorgen machen. Mutter wird ihnen sicher gerne ihre endgültige Zustimmung geben.

Die nächsten Antragsteller gehen problemlos durch, sie fragen nach dem Üblichen: Ob Mutter bitte ein Neugeborenes besuchen und ihm ihren Segen erteilen könnte? Höhere Bezüge und größere Wohnquartiere für werdende Eltern von Zwillingen. Ich vermerke den Geburtstermin der Kinder in Mutters Kalender, damit eine Feier arrangiert werden kann. Zwillinge sind so selten, dass sie den Anlass bestimmt würdigen will. Und die Eltern eines kleinen Mädchens sprechen vor mit der liebenswerten Bitte, ob die Kleine meinen Garten besichtigen dürfe.

Das alles wird von Mutter genehmigt werden müssen, aber ich zweifle nicht daran, dass sie ihre Zustimmung erteilen wird. Besonders die Bitte des kleinen Mädchens. Mutter mag mein humanitäres Engagement.

Der sechste Antragsteller tritt aus der Schlange vor mich hin, und ich frage ihn lächelnd nach seinem Wunsch. Seine Hände zittern, doch er neigt den Kopf und sagt mit bebender Stimme: »Ich möchte wissen, was mit meiner Frau geschehen ist.«

»Wie bitte?« Sicherlich habe ich ihn falsch verstanden.

»Ich möchte wissen, was mit meiner Frau geschehen ist.« Mit geröteten Augen sieht er mich an. »Sie war nicht zu Hause, als ich gestern von der Arbeit gekommen bin. Ich habe schon überall nach ihr gesucht.«

»Name?«, frage ich und halte den Computer bereit.

»Renee Davis.«

Verwirrt durchsuche ich die Bevölkerungsliste. »Kannst du das buchstabieren?«, bitte ich den Mann. Was er auch tut, doch auf meinem Display taucht trotzdem niemand mit diesem Namen auf. Er sieht mich immer noch durchdringend an, mit einer Mischung aus Schmerz und Hoffnung im Blick. »So wie es aussieht, kann ich niemanden mit diesem Namen lokalisieren«, erkläre ich ihm.

Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie eine Vollstreckerin aus den Schatten tritt, und ich unterdrücke den Schauer, der mich jedes Mal überläuft, wenn ich eine von ihnen sehe. Wie alle Vollstreckerinnen trägt sie jenes schwarze Kleid mit knielangem Faltenrock. Die schwarzen Lederstiefel sind so hoch, dass sie unter dem Rock verschwinden. Ihre Finger sind von langen, schwarzen Handschuhen bedeckt, die bis zur Mitte des Oberarms reichen, und darüber verbirgt ein Kapuzenmantel jedes Stück nackte Haut. Ich fand es schon immer seltsam, dass die Vollstreckerinnen Röcke tragen, doch Mutter ist der Meinung, dass sich eine Lady stets wie eine Lady kleiden sollte, unabhängig davon, wie ihre Pflichten geartet sind.

Die Vollstreckerin schlägt die Kapuze zurück und präsentiert jene völlig ausdruckslose Miene, die sie alle perfektioniert haben. Sie ist unter dem Namen Veronica bekannt. Die Vollstreckerinnen machen mich grundsätzlich nervös, doch sie ist die schlimmste von allen.

Ich bin jetzt so angespannt, dass mein Herz schnell schlägt. Am liebsten würde ich so viel Abstand wie irgend möglich zwischen sie und mich bringen, selbst wenn ich dafür aufspringen und weglaufen müsste. Und es geht nicht nur mir so: Die wenigen Bürger, die noch in der Schlange stehen, sind verstummt und rühren sich nicht mehr. Sie halten gespannt den Atem an und weichen vor mir zurück. Es ist jetzt so still wie in einem Grab.

Einige Sekunden vergehen, doch die Vollstreckerin bleibt schweigend und wachsam am Rand der Schatten stehen. Irgendwie muss die eisige Spannung im Raum gelöst werden. Da die Bürger sich an mir orientieren, muss ich ihnen ein Vorbild sein und mein Unbehagen runterschlucken. Ich hole tief Luft und zwinge mich zu einem Lächeln.

»Leg einfach deine Hand auf das Display«, ich werfe der Vollstreckerin noch einen kurzen Blick zu, »vielleicht handelt es sich ja um einen Fehler in den Aufzeichnungen.«

Der Mann reißt den Blick von der Vollstreckerin los, nickt knapp und legt die Hand auf den Bildschirm. Als der Computer piept, kontrolliere ich die neuen Informationen, runzele dann aber verwirrt die Stirn. Laut seiner Akte ist der Mann alleinstehend, er wurde nie verpaart. Im vergangenen Jahr ging zwar ein Antrag auf Verpaarung ein, doch die betreffende Frau, eine gewisse Renee Whise, starb noch während der Tests aus unbekannten Gründen. Traurigerweise kann selbst Mutters Genomkombinationsprogramm nicht verhindern, dass gewisse Anomalien auftreten. Diese Renee war offenbar zu schwach für die Fortpflanzung.

Als mir klar wird, was geschehen ist, bricht mir das Herz. Ich wünschte, Mutter wäre hier, um mir zu helfen, aber das ist sie nun einmal nicht. Deshalb beschließe ich, dem Bürger die Neuigkeit schonend beizubringen.

»Es tut mir leid«, sage ich leise, »aber laut deiner Akte ist Renee letztes Jahr gestorben. Ich bedauere deinen Verlust zutiefst.«

Die Wartenden werden unruhig, und jemand hustet kurz, während der Mann mich verwirrt anstarrt. Die Bürger unterhalten sich leise, die Ungeduldigsten unter ihnen scheinen wütend zu sein. Wie taktlos, denke ich. Es ist schließlich nicht seine Schuld, sein gebrochenes Herz verwirrt seinen Verstand.

»Ruhe, bitte!«, sage ich streng, und sofort wird es wieder still. Die gerade noch aufgebrachten Bürger starren nach einem kurzen Blick auf die Vollstreckerin zu Boden.

»Das ist nicht wahr«, erklärt der Mann vor mir nun so leise, dass ich ihn kaum verstehen kann. »Gestern Morgen waren wir noch zusammen. Wir haben gemeinsam auf dem Großen Platz gefrühstückt, so wie jeden Morgen.«

»Es tut mir leid, Bürger.«

Er blickt wieder zu mir hoch, doch nun brennt Zorn in seinen Augen. »Sie ist nicht tot. Dein Computer irrt sich.«

Die Vollstreckerin tritt vor, und sofort ist es wieder totenstill im Raum, und mir läuft ein eisiger Schauer über den Rücken.

»Die Totenscheine werden von Mutter selbst verwaltet … «

»Dann irrt sich Mutter!« Der Mann macht einen Schritt auf mich zu, ihm laufen Tränen über die Wangen.

»Hüte deine Zunge, Bürger!«, rufe ich laut, bereue es aber sofort. Die Tochter des Volkes darf niemals die Contenance verlieren.

Die Vollstreckerin behält mich genau im Blick; offenbar will sie abwarten, wie ich mit der Situation umgehe, doch irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass ich ihren Erwartungen nicht gerecht werde. Und dass ihr diese Tatsache Freude bereitet. Das macht mir mehr Angst, als ich zugeben möchte, aber ich versuche, den schweren Klumpen in meinem Hals herunterzuschlucken. Mit einer Geste fordere ich den Mann auf, näher zu kommen. »Wenn das deine Meinung ist, wirst du mit Mutter sprechen müssen.«

Die Wache will den Mann abführen, doch die Vollstreckerin ist schneller. Sie tritt vor mich und sieht mir, anders als ein respektvoller Bürger, direkt ins Gesicht, bevor sie den Kopf neigt. Weder ihre kalten blauen Augen noch der starre Mund zeigen die geringste Regung.

»Ich werde ihn zu Mutter bringen, Miss. Die Wache wird hier gebraucht, an deiner Seite.« Sie hat eine leise, atemlose Stimme, die eigentlich nicht Furcht einflößender sein dürfte als die Marienkäfer in meinem Garten, doch ich bekomme Gänsehaut davon. Ich nicke kurz, woraufhin das Mädchen den Mann am Arm packt.

»Nein«, flüstert der. In seinem Blick flackert eine seltsame Erkenntnis auf, auch wenn er keinen Widerstand leistet, als die junge Vollstreckerin ihn zu der Tür zu meiner Rechten zieht und mit ihm verschwindet.

Mit einem schnellen Seitenblick versuche ich herauszufinden, ob eine andere Vollstreckerin Veronicas Platz eingenommen hat, doch es ist zwecklos. Es würde mir ja doch nicht gelingen, sie zu entdecken.

Immer noch herrscht Stille in dem Raum, während ich mir die Arme reibe, um meine Gänsehaut zu vertreiben. Ich werde Mutter später unbedingt fragen müssen, wie diese Sache ausging. Die Wache neben mir beugt sich vor. »Geht es dir gut, Miss Evelyn?«

»Ja, ich …« Ich richte mich auf und zwinge mich, die Hände ruhig in den Schoß zu legen. Dann konzentriere ich mich wieder auf die Schlange der Wartenden. Meine Stimme ist rau. »Wer ist der Nächste?«

 

Mutter und ich nehmen in ihrem Wohnzimmer unseren Nachmittagstee ein. Wir genießen diese gemeinsamen Stunden immer sehr, sie bieten fast die einzige Gelegenheit, um uns zwanglos zu unterhalten und uns gegenseitig zu erzählen, wie der Tag verlaufen ist. Wir Mädchen unter uns. Lächelnd stelle ich fest, dass sie heute mein Lieblingsservice benutzt: das mit dem Goldrand und dem großen Rosendekor an den Seiten. Zwischen uns steht ein Gesteck aus Blumen aus meinem Garten.

Heute sind nur zwei Dienstmädchen anwesend, die geduldig darauf warten, uns mit allem zu verwöhnen, was das Herz begehrt. An der Tür stehen zwei Wachmänner, doch es sind nicht dieselben wie morgens im Garten. Das ist ungewöhnlich, normalerweise habe ich immer die gleichen Wachen. Ihre Namen kenne ich zwar nicht, doch es ist ein wenig beunruhigend, dass ihre Gesichter mir nicht vertraut sind. Schließlich ist mein gesamtes Leben auf Vertrautheit ausgerichtet.

Mutter sitzt mir gegenüber und konzentriert sich ganz und gar auf ihren Tee. Ihr weizenblondes Haar glänzt im Licht des Kristalllüsters. Wie immer versetzt es mich in Erstaunen, wie schön sie ist. Mutter ist der Inbegriff von Kultiviertheit und hervorragender Abstammung. Jede Lady sollte danach streben, wie sie zu sein. So wie ich danach strebe, wie sie zu sein.

Heute trägt sie einen blutroten Hosenanzug, der ihren kurvigen Körper umschmeichelt, jedoch nicht so eng anliegt, dass die Männer in Versuchung geführt werden könnten. Eine Lady sollte sein wie eine Blume hinter Glas: schön, doch unerreichbar.

Es ist ruhig. Was ich sehr angenehm finde, während ich über Mutters Schulter hinweg versonnen auf das Fenster hinter ihr blicke. Durch die Beleuchtung funkelt das Wasser strahlend blau, und gerade schwimmt ein Schwarm bunter Fische vorbei. Weit entfernt kann ich leisen Walgesang hören.

»Evelyn.« Mutter klopft mit den Fingernägeln auf die Tischplatte, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der rosa Marmor des Tisches ist wunderschön. Er erinnert mich an meine Rosen.

»Ja, Mutter?«

»Hast du deine Rede für das Freudenfest geschrieben?«

»Ja, Mutter. Ich habe sie heute Morgen an deinen Assistenten weitergeleitet, damit du sie absegnen kannst.« Sie nickt und nimmt noch einen Schluck Tee, während ich die kleine Metallscheibe in der Hand kreisen lasse. »Mutter?«

Fragend hebt sie eine Augenbraue.

Ich strecke ihr die Hand entgegen und zeige ihr die Metallscheibe. »Weißt du, was das ist? Ti… « Ich unterbreche mich, da ich nicht will, dass Timothy Schwierigkeiten bekommt. »Ich habe es zufällig gefunden. Ich weiß nicht, was es ist, aber es sind sehr seltsame Zeichen darauf.« Ihr wunderschönes Gesicht, mit der Pfirsichhaut und den zarten Sommersprossen auf Nase und Wangen, wird blass. Sie nimmt die Metallscheibe von meiner Handfläche und mustert sie eingehend, während ich fortfahre: »Das Bild auf dieser Seite sieht aus wie ein Tier. Und auf der anderen ist eine Art Kopf zu sehen. Stammt es von der Oberfläche?«

Sie nickt langsam. »Ich fürchte, so ist es.«

Ich verkneife mir ein Lächeln, damit sie nicht sieht, wie aufregend ich das finde. »Und die Worte? In God We Trust. Was bedeuten sie? Was ist das, Mutter?«

»Es ist der Tod, Evelyn.« Sie sieht mich eindringlich an. Die grauen Streifen auf ihrer saphirblauen Iris sind klar zu sehen. »Diese kleine Scheibe – man nennt sie Münze – ist einer der beiden Gründe für all die Kriege, die an der Oberfläche geführt wurden. Und die Worte? Sie sind der zweite Grund. Du darfst dieses Ding nie wieder anrühren, Evelyn. Ich werde nicht zulassen, dass seine Macht dich korrumpiert.«

Trotz dieser Warnung bin ich neugierig. Wie kann so ein kleines Metallding denn für so viel Zerstörung verantwortlich sein?

Mit zusammengekniffenen Augen schließt Mutter die Finger um die Münze. »Deine Neugier in Bezug auf die Oberfläche ist nicht gesund, Evelyn. Ich muss darauf bestehen, dass das aufhört. Sofort.«

Ich seufze, neige aber ergeben den Kopf. »Ja, Mutter.«

»Und um ganz sicherzugehen, werde ich dafür sorgen, dass dein kleiner Brunnen trockengelegt und nach weiterer Schmuggelware von der Oberfläche durchsucht wird.«

Nein! Nicht meine Sammlung! Abrupt schaue ich hoch, doch ihre Miene hat sich verfinstert, und ich hüte mich, ihr zu widersprechen. »Ja, Mutter.«

Sie mustert mich noch einige Minuten lang, dann trinkt sie wieder einen Schluck Tee und fährt fort: »Mir ist während meines Morgenspaziergangs übrigens ein beunruhigendes Gerücht zu Ohren gekommen, Evelyn.« Wieder hebt sie die filigrane Tasse an die Lippen, zögert dann aber. »Weißt du, welches Gerücht ich meine?«

Klatsch und Tratsch sind unter den Dienstmädchen nicht ungewöhnlich. Falls man je Informationen braucht, kann man sie mit Sicherheit von ihnen erhalten. Nach Timothys Besuch heute Morgen sind sie allerdings ungewöhnlich still gewesen. Aber es kann in dieser Sache nicht um ihn gehen. Mutter hat ihn für gut befunden.

»Nein, Mutter.«

Sie stellt die Tasse ab und spitzt die Lippen. Ihr Lippenstift hat exakt denselben Farbton wie ihr Kleid. »Das überrascht mich. Immerhin geht es bei diesem Gerücht vor allem um deine Person und einen gewissen Herrn aus Sektor Drei, der dir so ans Herz gewachsen ist.«

Also doch Timothy. Was allerdings noch nicht erklärt, welches Gerücht so bedeutungsschwer sein könnte, dass Mutter sich damit beschäftigt, oder warum sie es mir gegenüber erwähnt.

»Immer noch ahnungslos?« Ihr Blick ist jetzt hart und kalt.

»Ja, Mutter.« Ich unterdrücke ein Zittern. Dieser Blick gefällt mir nicht. Er erinnert mich an die Haie, die manchmal an meinem Garten vorbeischwimmen.

»Laut dem unablässigen Geschwätz der Dienstmädchen hat er dich heute Morgen berührt. Und zwar direkt vor den Wachen und einer Vollstreckerin.«

»Mich berührt?« Ich rufe mir die Szene im Garten ins Gedächtnis zurück. »O nein, Mutter. Er hat mich nicht wirklich berührt. Ich hatte einen Dorn im Finger, und er hat mir einen Verband gemacht.« Lächelnd nippe ich an meinem Tee und freue mich darüber, dass ich mich daran erinnern kann. Heute ist besser als gestern. Und gestern war besser als der Tag zuvor.

»Die Wachen berichten das ebenfalls«, bestätigt sie mit geschürzten Lippen, »aber sie sagen auch, dass er dich nicht sofort wieder losgelassen habe.«

»Es war ein Unfall. Er hat mich gefragt, ob es mir gut ginge, und erst als ich ja sagte, wurde uns beiden bewusst, dass er mich immer noch berührte. Es wird nicht wieder vorkommen.«

Mutters Miene wird hart, und sie nickt knapp. »Da hast du recht. Es wird nicht wieder vorkommen. Wachen!« Sie klatscht gebieterisch in die Hände, sodass ich heftig zusammenzucke und Tee auf meinen Sessel verschütte.

Entsetzt sehe ich zu, wie zwei Wachen eintreten und Timothy mit sich schleppen. Sein Gesicht ist mit Prellungen übersät und blutverschmiert. Eines seiner Augen schwillt bereits zu, und in seinem schlaff herabhängenden Kiefer fehlen ein paar Zähne. Ohne dass es mir bewusst wird, entgleitet mir die Teetasse und zerspringt auf dem Marmortisch. Plötzlich stehen zwei weitere Wachen neben mir und drücken mich in den Sessel zurück.

»Was ist passiert?«

Mutter schnalzt missbilligend mit der Zunge. »Evelyn, Evelyn, Evelyn. Ich dachte, ich hätte dich besser erzogen. Berührungen vor der Verpaarung sind unschicklich. Und sie verstoßen gegen das Gesetz.«

Ich schlucke schwer, während sie mich unnachgiebig anstarrt. Sie hat recht. Ich muss mich fügen. Das Gesetz ist nun einmal das Gesetz. Es sorgt dafür, dass wir sicher sind. Es verhindert, dass wir so werden wie die Oberflächenbewohner. »Jawohl, Mutter. Welche Strafe verhängst du über uns?«

»Nicht doch, mein Kind. Du wirst nicht bestraft. Es ist ja nicht deine Schuld. Er hat schließlich dich berührt. Er hat versucht, deine Unschuld zu beflecken. Er wird mit dem Tod bestraft.«

Erschrocken reiße ich die Augen auf. »Was? Nein! Das Ganze war ein Unfall. Ich war schuld, nicht er! Bitte, Mutter … « Ich verstumme, als sie mir ins Gesicht schlägt. Eine harte Ohrfeige. Reflexartig steigen Tränen der Wut in mir auf, doch sie verschwinden schnell wieder, und zurück bleibt nur Panik. Fassungslos starre ich sie an und balle die Hände zu Fäusten, bis sich die Fingernägel in meine Handfläche bohren.

»Widersprich mir nicht. Niemals.« Mutter zieht ihren Rock zurecht und richtet sich das Haar. Dann hebt sie die Hand, und eine Vollstreckerin – Veronica – tritt aus den Schatten. Sie hält einen .45er Colt mit Schalldämpfer in der Hand.

Bevor ich auch nur blinzeln kann, drückt sie den Abzug. Einmal. Zweimal. Zwei Kugeln bohren sich in Timothys Brust und zerfetzen seine Lunge. Er fällt auf die Knie, und die Vollstreckerin zieht sich wieder in den Schatten zurück. Ihr Gesicht ist vollkommen ausdruckslos – nicht die geringste Gefühlsregung spiegelt sich in ihren Augen –, und die Wachen lassen Timothy einfach fallen.

Ihre Kollegen halten mich fest, doch ich kann mich ohnehin nicht rühren; mein Körper ist starr vor Schreck. Als sie mich dann schließlich loslassen, stürze ich zu Timothy. Mir ist egal, ob Mutter mich dafür bestraft. Er stirbt, und das ist meine Schuld. Weil ich zu leichtfertig war. Weil ich mich nicht erinnern konnte, bis es zu spät war.

Er ringt um Luft, und das Blut fließt ebenso schnell aus seinem Mund wie aus seinen Wunden. Dann sieht er mich an. »Es tut mir leid«, keucht er, dann fallen seine Augen zu. »Ich dachte, ich wäre anders. Ich dachte, ich könnte …«, er hustet, und sein Blut spritzt auf meine Brust, »… dich retten.«

Verzweifelt versuche ich, die Blutung zu stoppen, doch ohne Erfolg. Immer mehr Blut fließt über meine Hände. »Nein«, flüstere ich. Timothy holt noch einmal zitternd Luft, dann erstarrt sein Brustkorb. Ich drehe mich zu Mutter um. »Wie konntest du nur? Ich hätte ihn erwählt. Ich wollte ihn.« Meine Stimme bricht.

Mutter kommt zu mir und legt mir eine Hand auf die Schulter. Fast glaube ich, sie möchte sich entschuldigen, doch stattdessen sagt sie: »Wie schade. Seine Gene waren … vielversprechend.«

Ich nehme ihre Worte kaum wahr. Dann verlässt sie mit klappernden Absätzen den Raum. Eine Wache nähert sich mir, und etwas Kaltes berührt meinen Arm. Gerade noch rechtzeitig drehe ich den Kopf und sehe, wie er mir etwas spritzt. Sofort dreht sich alles um mich, und ich breche über Timothys Körper zusammen. Nein!

Sein Blut klebt warm an meiner Wange, als sich die Dunkelheit wie ein Leichentuch über mich legt.

J. A. Souders

Über J. A. Souders

Biografie

J. A. Souders besaß schon als Kind eine übersprudelnde Phantasie: Um mit den Monstern unter ihrem Bett Freundschaft zu schließen, erzählte sie ihnen vor dem Einschlafen Geschichten. Bereits mit dreizehn Jahren fing sie an zu schreiben und engagiert sich heute als Autorin in zahlreichen Creative...

Medien zu »Renegade«

Pressestimmen

Augsburger Allgemeine

»Der Roman lässt den Leser buchstäblich in die Welt unter dem Meer eintauchen.«

Dolomiten - Tagblatt der Südtiroler

»Ein packender Debütroman.«

carpe diem

»(...) faszinierend und sehr spannend.«

Mädchen

»Spannend bis zur letzten Seite mit Psycho-Grusel-Faktor!«

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