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Rendezvous zu dritt

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Rendezvous zu dritt — Inhalt

Jude und Lucy sind beste Freundinnen. Sie teilen alles miteinander: ihre Wohnung, Freud und Leid, jedes Geheimnis. Doch eines Tages verlangt Lucy von Jude einen Freundschaftsdienst der besonderen Art: Jude soll an ihrer Stelle zu einem Blind Date gehen, das ihre Mutter für sie arrangiert hat. Jude willigt ein, und die Täuschung gelingt. Doch damit fangen die Probleme erst an - denn Lucy ist auf dem besten Wege, sich in einen Mann zu verlieben, der sie für ihre beste Freundin hält ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 16.02.2015
Übersetzt von: Bärbel Arnold, Velten Arnold
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96804-1

Leseprobe zu »Rendezvous zu dritt«

Kapitel 1

»O Emmeline, Liebste, von jetzt an werden wir nie wieder voneinander getrennt sein. Ich schwöre es!« Emmeline spürte ihr Herz flattern wie einen kleinen Vogel in einem vergoldeten Käfig, als Brett sie an seine kräftige Brust zog und sie in seine muskulösen Arme schloss. Dann berührten seine warmen Lippen ihren Mund, um ihr den ersten, lang ersehnten Kuss zu geben. In ihr wallten überwältigende Gefühle auf, und sie glaubte … sie glaubte …«

»Mist!«

Der dramatische Höhepunkt hat mich so aufgekratzt, dass ich vor lauter Rührung auf meine Tastatur [...]

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Kapitel 1

»O Emmeline, Liebste, von jetzt an werden wir nie wieder voneinander getrennt sein. Ich schwöre es!« Emmeline spürte ihr Herz flattern wie einen kleinen Vogel in einem vergoldeten Käfig, als Brett sie an seine kräftige Brust zog und sie in seine muskulösen Arme schloss. Dann berührten seine warmen Lippen ihren Mund, um ihr den ersten, lang ersehnten Kuss zu geben. In ihr wallten überwältigende Gefühle auf, und sie glaubte … sie glaubte …«

»Mist!«

Der dramatische Höhepunkt hat mich so aufgekratzt, dass ich vor lauter Rührung auf meine Tastatur sinke und verzweifelt die Worte auf meinem Bildschirm anstarre.

Das passiert mir jedes Mal.

Ich quäle mich jetzt schon seit zwei Wochen damit herum, das letzte Kapitel meines Buches zu Ende zu bringen, und immer wenn ich zum großen emotionsgeladenen Finale komme, klingelt das verdammte Telefon. Dieses schrille, nervtötende, hartnäckige Gebimmel, das mich jedes Mal an meinen furchtbaren Wecker erinnert, der mich allmorgendlich aus meinen süßen Träumen und meinem kuscheligen Bett reißt.

Wenn du zu Hause arbeitest, hast du es verdammt schwer – erst recht, wenn du einer Arbeit nachgehst, die weder von deinen Freunden noch von deiner Familie besonders ernst genommen wird. Alle nehmen an, dass ich nach Belieben jederzeit alles stehen und liegen lassen kann, um ein bisschen zu plaudern, mich mit ihnen zu treffen oder kleine Besorgungen für sie zu erledigen. Abgesehen von den unzähligen anderen Dingen, deren einziger Sinn darin besteht, mich abzulenken, wie zum Beispiel der Kühlschrank oder der Fernseher, die mich in schöner Regelmäßigkeit verführen wie die Sirenen die liebeshungrigen Seeleute mit ihrem betörenden Gesang.

Daher meine wachsende Wut auf das Kommunikationsmittel, das angeblich der beste Freund der meisten meiner Artgenossinnen ist: das verdammte Telefon.

Ich recke trotzig das Kinn vor, ziehe meine Augenbrauen missbilligend zusammen und weigere mich, meinen Stuhl zu verlassen. Stattdessen warte ich, bis der Anrufbeantworter im Wohnzimmer anspringt. Drei Sekunden später schallt die schwachsinnige Ansage durch unsere große Wohnung. Wir haben sie während unseres letzten gemeinsamen Trinkgelages in der WG aufgenommen.

»Hallooo! Du bist bei Lucy (Mitbewohnerin Nummer eins), Jude (meine Wenigkeit) und Callum gelandet (Mitbewohner Nummer zwei, der seinen Namen aus einiger Entfernung brüllt und, wenn ich mich recht erinnere, zu dem Zeitpunkt gerade mit seinem Lockenkopf kopfüber über der Balkonbrüstung hing und dem trüben Wasser der darunter fließenden Themse gefährlich nah war).«

Dann übernimmt wieder Lucy. »Tut mir Leid, aber wir können zurzeit nicht ans Telefon gehen, weil wir alle so voll sind wie Quartalsäufer bei einer Weinprobe und unsere Beine und Köpfe ihren Geist aufgegeben haben. Also hinterlass uns bitte nach dem Signalton eine Nachricht.«

Anstelle eines Pieptons ertönt nach der Ansage ein langer, Ekel erregender, aus Callums Tiefen hervorgewürgter Rülpser, der ihm herausrutscht ist, als er sich zurück über die Brüstung geschwungen hat und ins Wohnzimmer zurückgetorkelt ist. Nach unserer Sauferei hatte er den Gesetzen der Schwerkraft trotzen wollen, weil es ihm angeblich den Magen umgedreht hatte.

Nach dem Rülpser meldet sich eine vertraute fröhliche Stimme.

»Hallo, Jude! Ich bin’s, Lucy Lästig. Könntest du vielleicht so lieb sein und meine Unterwäsche aus der Waschmaschine nehmen? Schmeiß sie einfach in den Trockenschrank, Darling, sonst vergesse ich sie noch und gehe heute Abend ohne Höschen weg, und das wäre ziemlich unangebracht, weil ich mit meiner Mutter zu Abend esse, findest du nicht? Tausend Dank! Bis später dann. Ach, was ich noch sagen wollte – ich hoffe, du kommst mit deinem Buch voran.«

Nein, komme ich nicht.

Das heißt doch, aber nur, bis Lucy mich unterbrochen hat. Aber sie ist eine der wenigen, die das dürfen, ohne mich zur Weißglut zu bringen.

Lucy ist nicht nur meine Mitbewohnerin, sondern auch meine beste Freundin und Mitinsassin dieser Irrenanstalt, die sich mein Leben nennt. Wir sind seit der sechsten Klasse Freundinnen, und zwar die dicksten Freundinnen, die man sich vorstellen kann, und das, obwohl ich meinen Wirtschaftsleistungskurs in der Oberstufe nach dem zweiten Trimester geschmissen habe und stattdessen meinem unerschütterlichen Drang gefolgt bin, Schriftstellerin zu werden. Lucy hingegen ist standhaft geblieben, hat einen beneidenswerten Abschluss hingelegt und danach an der City University Wirtschaft studiert, während ich mich mit unzähligen Nullachtfünfzehn-Jobs über Wasser gehalten und mich bemüht habe, die nächste große Neuentdeckung in der literarischen Welt zu werden.

Die Schlussszene meines Buches deutet vermutlich schon darauf hin – ich trete zurzeit eher in die Fußstapfen von Barbara Cartland als in die Barbara Taylor-Bradfords, allerdings habe ich nicht auch nur annähernd den gleichen monumentalen Erfolg. Na ja, so schlecht bin ich auch nicht. Gerade schreibe ich an meinem Kitschroman Nummer drei, der den viel versprechenden Titel Flammende Herzen trägt. Wie ich gehört habe, finden meine Herz- und Schmerzgeschichten vor allem bei der Grauhaarbrigade und den Teekränzchendamen reißenden Absatz. Dafür bin ich den alten Ladys auf immer und ewig dankbar, denn ich verdiene genug, um einigermaßen über die Runden zu kommen – mit etwas, das mir am meisten Spaß macht.

Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich natürlich zugeben, dass ich mich eigentlich nie als Romanzenschreiberin gesehen habe. Eigentlich hatte ich es eher auf Booker- und Pulitzerpreise abgesehen – und das sollte erst der Anfang sein; Kingsley Amis statt Kitsch und Amour, aber was soll ich dagegen machen, ich habe nun mal ein natürliches Talent für etwas, was Callum liebenswürdigerweise »Gefühlsduselei« nennt. Das kann ich doch nicht einfach ignorieren, oder? Ich meine, ich sollte mich darauf einlassen und mir dieses Talent zunutze machen. Und genau das tue ich. Zumindest dann, wenn ich nicht permanent von irgendwelchen Störenfrieden unterbrochen werde.

So bin ich wieder einmal abrupt aus meinen Gedanken gerissen worden und fühle mich jetzt wie eine umgeschossene alte Blechdose in einer Schießbude. Einigermaßen verärgert trotte ich in unsere silberne Weltraumküche und versuche, die Waschmaschine zu lokalisieren, die sich, genauso wie der Kühlschrank und der Geschirrspüler, hinter einer glänzenden Wand aus Aluminiumtüren verbirgt.

Lucy, Callum und ich leben im Erdgeschoss einer großen alten Fischfabrik auf der Isle of Dogs, direkt am Ufer der Themse. Das alte Fabrikgebäude gehört Edwin, Lucys älterem Bruder. Es war in den Siebzigerjahren von einem fortschrittlich denkenden, Kaftan und Jesuslatschen tragenden Hippie umgebaut worden, der daraufhin in den Achtzigern zu einem der reichsten Immobilienmakler Londons wurde und als der inoffizielle Erfinder des »Loft-Apartments« glücklich und zufrieden seine bunten Perlenschnüre gegen Bossanzüge eintauschte. Gott sei Dank erinnert heute nur noch der Name des Gebäudes, »Peace House«, an die glücklichen Hippiezeiten.

Der ultratrendige Edwin jedenfalls hat die türkisch gemusterten Tapeten und die lila und gelb karierten Teppiche sofort entfernen lassen, und jetzt ist unser Peace House der Inbegriff minimalistischer Eleganz.

Das Haus ist riesig. Drei Etagen weiß getünchte Backsteinwände, sichtbare Deckenträger und dicke, von oben bis unten durchgehende Stützpfeiler aus Stahl, die dir höllische Kopfschmerzen bescheren, wenn du in trunkenem Zustand mit einem von ihnen kollidierst – ein Zustand, in dem sich die Bewohner unseres Haushalts relativ häufig befinden, wie ich leider zugeben muss.

Die mittlere und obere Etage bewohnt Edwin.

In einem Angeberpalast, der einiges über den Bewohner aussagt: jung, begabt und stinkreich. Außer ein paar eher modernistischen Stücken stehen keine weiteren Möbel in der Wohnung. Dafür hängen an den Wänden jede Menge Fotos und moderne Kunstwerke, und natürlich ist sein Reich mit der teuersten Lautsprecheranlage von Bang & Olufsen ausgestattet, mit der jeder Raum beschallt werden kann.

In der unteren Etage wohnen Lucy, Callum und ich.

Wir stehen definitiv nicht auf die spartanische Masche. Unsere Wohnung zeichnet sich eher durch eine behagliche, gemütliche Unordnung aus. Unsere Möbel sind bunt zusammengewürfelt, die meisten Stücke haben uns irgendwelche netten Verwandten großzügig überlassen, und die vielen kleinen Accessoires sind die Beute unserer sonntäglichen Streifzüge über die eher unbekannten Flohmärkte Londons.

Edwin nennt uns die Ratten im Keller.

Edwin ist kein besonders netter Typ. Unser Teil des Hauses ist in eine Wohnung mit drei Schlafzimmern umgewandelt worden. Die Miete liegt knapp unter dem Durchschnitt, wofür wir im Gegenzug das Haus verwalten, wenn Edwin, der hypererfolgreiche Jetset-Fotograf, der seine Models vögelt, außer Landes ist. Glücklicherweise kommt das ziemlich häufig vor, er ist wirklich kein angenehmer Zeitgenosse.

Wenn man bedenkt, dass zu dem inoffiziellen Hausmeister-Job auch noch die Pflege von dreißig vampirähnlichen tropischen Fischen gehört, die vornehmlich auf rohes Fleisch stehen, und dass wir auch noch für eine manisch-depressive englische Bulldogge namens Victor Meldrew den Babysitter spielen müssen, die alles vertilgt, das auch nur im Entferntesten nach Essen aussieht, dann hätten wir eigentlich eine großzügigere Mietermäßigung verdient als läppische zehn Prozent.

Leider müssen wir uns darüber hinaus auch noch um Edwins spindeldürre, unter Wahnvorstellungen leidende Model-Freundin Katrina kümmern, die zwischendurch immer wieder angesagt ist, um gleich darauf wieder abgeschossen zu werden. Wir nennen sie die Zauberin, weil sie, obwohl sie behauptet, nie etwas zu essen, in Wahrheit nicht mit einer Schokoladentorte im Raum zurückgelassen werden kann, ohne dass die komplette Torte innerhalb von zehn Sekunden verschwindet.

Unterm Strich würde ich aber sagen, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen. Trotz Edwins Unausstehlichkeit und seiner lästigen Angewohnheit, ständig irgendwelche unerwünschten Nervensägen bei uns abzuladen, ist diese Wohnung die schönste, in der Lucy, Callum und ich gelebt haben, seit wir von zu Hause ausgezogen sind, und wir haben es noch nie so lange irgendwo ausgehalten wie hier. Wir haben sogar unseren eigenen Balkon, von dem Callum sich gelegentlich herabhängen lässt, mit Blick auf die Themse.

Schließlich gelange ich zur Waschmaschine, befördere aus ihrem dunklen Inneren einen großen Klumpen nasser Unterwäsche zu Tage und bringe ihn in unser palastartiges Badezimmer. Dort klatsche ich das nasse Knäuel ziemlich ungnädig auf das einzige Brett im Trockenschrank, auf dem noch ein bisschen Platz ist, ein bunter Haufen Spitzen- und Satinslips in den exotischsten Farben, die Lucy ihre Abschlepphöschen nennt. Ich schließe die Tür, doch ein paar Sekunden später gehe ich mit schlechtem Gewissen zurück und drapiere alles ordentlich zum Trocknen über die Stäbe.

Wir leben jetzt seit gut eineinhalb Jahren in dieser schicken Hightech-Luxusbude, aber seitdem Lucy und ich mit achtzehn von zu Hause ausgezogen sind, haben wir uns schon etliche, gelinde gesagt »ästhetisch nicht ganz so ansprechende« Wohnungen geteilt.

Die ersten vier Jahre nach meinem Abgang vom College habe ich mich mit allen möglichen miserablen Jobs durchgeschlagen, aber ich hatte immer Geld (wenn auch nicht viel), wohingegen Lucy als arme Studentin nie welches hatte. Jetzt ist es andersrum.

Die hübsche Lucy bezeichnet sich immer als das Stiefkind ihrer Familie. Ihre Familie ist stinkreich, aber die silbernen Löffel hat sie nicht etwa einer üppigen Erbschaft zu verdanken, sondern sie musste sich ganz schön die sauer verdienten Kaschmirsocken abwetzen, um dahin zu gelangen, wo sie heute ist. Lucys Vater war Geschäftsmann und ist gestorben, als sie fünf war, woraufhin ihre herrische, äußerst kompetente Mutter die Leitung des familiären Textilunternehmens übernommen hat und dabei erfolgreicher war als ihr verstorbener Ehemann es je für möglich gehalten hätte, geschweige denn er es selbst war. Und ihr Bruder ist auf bestem Wege, in die Fußstapfen eines Rankin, Helmut Lang oder Mario Testino zu treten und zu einem der am meisten gefragten Fotografen des Jahrhunderts aufzusteigen. Edwin ist absolut angesagt.

Natürlich will Lucy nichts davon hören, aber sie ist genau auf dieser Erfolgsschiene, die für ihre Familie so typisch ist. Angefangen hat sie als Werbetexterin, doch inzwischen ist sie in der Werbeagentur, in der sie arbeitet, das unbestrittene Ass. Sie könnte dem Papst Haschisch andrehen, dem Londoner Zoo Elefantenkacke unterjubeln und dem glatzköpfigen Duncan Goodhew Shampoo verkaufen. Dementsprechend streicht sie inzwischen ein fettes Gehalt ein, eins, das angemessen ist, wenn man sich acht Jahre lang für eine Firma den Arsch aufgerissen hat.

Ich hingegen erfreue mich nur dann des vorübergehenden Gefühls, reich zu sein, wenn mein Verlag mir einen Vorschuss überwiesen hat. Dann verprasse ich mein Geld und muss mich schließlich über die Runden quälen, bis die nächste Rate kommt. Das ist auch der Grund, weshalb ich unbedingt mein Buch zu Ende bringen muss.

Nachdem ich Lucys Unterwäsche aus der Maschine geholt und aufgehängt habe, widerstehe ich der Versuchung, mich durch das nachmittägliche Fernsehprogramm zu zappen, und steuere mein Zimmer an, um mich wieder in meine Arbeit zu vertiefen. Ich lasse mich an meinem Schreibtisch nieder, der in der hintersten Ecke meines Zimmers, in »meinem Büro« sozusagen, steht … »Mein Büro« besteht aus einem Schreibtisch, einem Computer, einem Ständer für Stifte, in dem sich zwei Kugelschreiber und eine einzelne Büroklammer befinden, die mir jemand zugeschickt hat, sowie einer Topfpflanze namens Cyril, mit der wahrscheinlich noch mehr gesprochen wird als mit den königlichen Bewohnern des Gewächshauses von Prince Charles in Highgrove.

Über meinem Schreibtisch befindet sich ein Regal, das aussieht wie das einer »richtigen Romanschriftstellerin«; es beinhaltet ein paar Exemplare meiner ersten beiden Romanzen Lust in der Morgendämmerung und Lügen und Begierde, mein persönlicher Favorit; außerdem ein Thesauruslexikon, ein Wörterbuch, ein drei Jahre altes Schriftsteller- und Künstlerjahrbuch sowie etliche Kisten mit Briefen und Vertragskopien. Der Inbegriff literarischer Effizienz.

Doch der Schein trügt, dieser Tempel der Schaffenskraft wird als Attrappe entlarvt, sobald jemand eine der Schubladen öffnet. Denn statt Manuskripten, Büroklammern, Tintenkartuschen, Briefumschlägen oder Druckerpapier enthält die erste Schublade meine Unterwäsche und die zweite das, was ich als das wichtigste Utensil einer Schriftstellerin erachte: einen großen Vorrat an Schokolade.

Ich lange in die Schokoladenschublade und hole eine frische Packung Jaffa Cakes hervor, für mich in etwa das Äquivalent zu Fisch, der ja bekanntlich hervorragendes Hirnfutter sein soll. Dann wende ich mich wieder meinem Bildschirm zu, auf dem sich im Augenblick ebenfalls bunte Fische tummeln, und passend dazu blubbert es leise aus den Lautsprechern. Unterwasser-Bildschirmschoner. Ich bewege die Maus, um die Datei wieder auf den Bildschirm zu holen, und starre angestrengt auf die Textzeilen.

Wo war ich bloß?

Ach ja! Romantischer Held, sinnliche Heldin, eine herzzerreißende Knutschszene. Das turbulente Finale. Ich falte die Hände ineinander und strecke sie nach außen, überdehne meine Knöchel, bis sie knacken, dann hämmere ich erneut auf die Tastatur ein. Im Nu befinde ich mich wieder am Rand der Klippe, auf der mein Held und meine Heldin in der stürmischen Schlussszene endlich ihren Speichel austauschen werden. Es ist mein drittes Manuskript für die glorreiche Red-Rose-Romantic-Fiction-Reihe.

Eng anliegender Samt, bebende Brüste, Reiterhosen und vor Begierde rasende Herzen.

»Oh, Emmeline!«

»Oh, Brett!«

OH, VERDAMMT! Schon wieder das Telefon.

Mordlustig starre ich es an, als ob es ein böser Dämon wäre, der gerade aus der Unterwelt aufgestiegen ist, um mir mit furchtbaren, sadistischen Foltermethoden den Nachmittag zu zerstören. Für einen Augenblick spiele ich mit dem Gedanken, den Apparat in unserer geräumigen Mülltonne in der Küche zu versenken.

Ich zerdrücke die Packung Jaffa Cakes mit der rechten Hand wie eine Antistresskugel und spule, hin- und hergerissen, ob ich drangehen soll oder nicht, mein gewohntes Mantra ab. »Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt, verdammt …

Bei meinem sechsten Fluch springt der Anrufbeantworter an. Es ist Callum, und er klingt so aufgekratzt, als hätte er vor seinem Anruf einen Heliumballon verschluckt.

»Hi, Jude. Ich bin’s, Cal. Es ist Mittag, es regnet, und ich sterbe vor Hunger. Außerdem langweile ich mich zu Tode. Mein Boss, der ja eigentlich immer nett ist, stresst heute ziemlich rum und zeigt mir die Arschkarte. Er lässt mich nicht essen gehen. Und du bist auch nicht gerade nett. Warum gehst du nicht dran, wenn ich UNBEDINGT mit dir reden muss? Aber ich mag dich trotzdem, vor allem, wenn du heute Abend was Schönes kochst, denn sonst krieg ich heute gar nichts mehr zwischen die Zähne …«

Callum hält sich offenbar den Hörer an den Bauch, um sein Magenknurren zu demonstrieren.

»Und ich muss heute unbedingt noch etwas in den Magen bekommen. Weißt du, warum?«

Eine dramatische Pause, und dann dröhnt Callums Stimme plötzlich in voller Lautstärke aus dem kleinen Telefonlautsprecher. »Ich habe ein Date! Ich habe ein Date!«

Schockiert lasse ich meine Packung Jaffa Cakes fallen.

»Jude, Honey, du bist doch nicht etwa in Ohnmacht gefallen, oder? Also, ehrlich, Jude, es stimmt, was ich dir sage. Oh, sieh da, gerade ist ein Schwein an meinem Fenster vorbeigeflogen … Hättest du es je für möglich gehalten, dass ich das noch erleben würde?«

Idiotisches Gekicher.

»Wenn du eine von deinen großartigen Shepherd’s Pies machen könntest, wäre das WUNDERBAR. Ein paar dicke Knutscher, du bist die Beste … Nein, die Knutscher nehme ich lieber zurück, die brauche ich ja vielleicht noch für später, man kann ja nie wissen, und eine Dreierpackung Pariser nehme ich auch mit … drei Jahre sexuelle Frustration, die endlich abgebaut werden muss. Ich bin zu allem bereit …«

Plötzlich flüstert er weiter.

»Oje! Mein stressiger Boss – ich muss aufhören. Ach, noch etwas. Könntest du vielleicht so lieb sein und mein bestes blaues Hemd für mich in die Waschmaschine stecken? Ein bisschen dreist, ich weiß, aber es ist wirklich ziemlich zerknittert und mit Ketchup bekleckert, seitdem du letztes Wochenende auf der Kirmes einen Hot Dog nach mir geworfen hast … Ich liebe dich. Ciao, und danke schon mal!«

Der Anrufbeantworter schaltet sich gerade in dem Moment aus, als ich abnehmen will.

Was für eine sagenhafte Neuigkeit! Endlich mal ein Anruf, für den es sich glatt gelohnt hätte, meinen hektischen – ha ha! – Arbeitstag zu unterbrechen.

Dass Callum ein Date hat, kommt so selten vor wie ich einen Jaffa Cake ablehne. Und Callum ist kein trotteliger Schwächling, im Gegenteil: Er sieht super aus, ist sportlich und lustig und absolut liebenswert. Das Problem ist nur, dass er so tuntenhaft ist, dass ihn jeder für schwul hält. Das kommt nicht von ungefähr: Seine Augenwimpern sind deutlich länger als meine, seine Wangenknochen so ausgeprägt, dass man Käse darauf rösten könnte, und mit seinem Schmollmund könnte er mühelos Brigitte Bardot den Rang ablaufen. Er geht noch lieber shoppen als Lucy, er ist ein noch schlimmeres Klatschmaul als ich, und, als ob das noch nicht ausreichen würde, er ist einer dieser Menschen, die beim Reden auf Körperkontakt stehen. Sein Lieblingsfilm ist Magnolien aus Stahl und sein Lieblingssänger George Michael. Kein Wunder also, dass viele Leute glauben, er sei vom anderen Ufer. Dabei ist er in Wahrheit ein hundertprozentiger Hetero.

Lucy und ich haben uns anfangs auch geirrt. Deshalb waren wir regelrecht schockiert, als eines Morgens, kurz nach seinem Einzug in unsere Wohnung, eine hübsche Blondine aus seinem Schlafzimmer spaziert kam, die bis auf ein kleines Handtuch, in das sie sich notdürftig gehüllt hatte, völlig nackt war, worauf sich Lucy prompt beschwerte, warum sie nicht von Anfang an gewusst habe, dass er hetero sei.

Leider hatte Callum seitdem kaum noch nächtliche Besucherinnen, was seinem armen angeschlagenen Ego nicht gerade gut getan hat.

Lucy und ich kennen Cal jetzt seit ungefähr acht Jahren. Bei unserer ersten Begegnung arbeitete er als Kellner in einem der angesagten Cafés in Soho, ganz in der Nähe des Groucho Clubs.

Als wir jünger und noch leichter zu beeindrucken waren, haben Lucy und ich unsere hart verdienten Kröten bevorzugt in diesem Café verprasst, weil es von Pressefritzen, Pornostars und sexy Großstädtern in teuren Anzügen nur so wimmelte, die wir während unserer Mittagspause anhimmeln konnten. Und wenn sich tatsächlich mal ein halbwegs bekannter Pop- oder Filmstar sehen ließ, hatten wir guten Stoff für den normalerweise ziemlich langweiligen Nachmittagsklatsch im Büro. Für einen Mochachino muss man dort fast einen Fünfer auf den Tisch legen – das ist eben der Preis fürs Posieren und Sehen und Gesehenwerden. Ich habe noch nie Leute so lange an einer Tasse Kaffee herumnippen sehen wie dort; jeder hebt den letzten Schluck auf, so lange es geht, als ob es sich inmitten einer schlimmen Ölkrise um den letzten Tropfen Benzin im Tank handelte.

Während der zahllosen Stunden, die wir dort an unserem Lieblingsplatz herumlungerten, lernten wir Callum unweigerlich ziemlich gut kennen; schließlich war er der schnuckeligste Kellner, den das Café Culture je beschäftigt hat. Nach einer Weile konnten wir uns darauf verlassen, dass er uns informierte, sobald irgendjemand Interessantes der Versuchung des Koffeins erlegen war. Außerdem schenkte er uns, immer wenn sein Chef gerade nicht hinsah, gratis Kaffee nach, was wir besonders zu schätzen wussten, wenn Lucy auf den letzten Pennys ihres Gehalts herumrutschte und ich inständig auf den nächsten Zahltag wartete.

Nach gut einem Jahr war Cal für uns mehr ein Freund als der Kellner unseres Stammcafés. Als er uns einmal steckte, dass Hugh Grant erwartet würde, und wir daraufhin bei ihm einkehrten, begegneten wir zwar keinem Hugh, dafür aber war unser sonst immer so glücklicher Freund ein Häufchen Elend, weil sein Vermieter ihn vor die Tür gesetzt hatte und er sich schon in einem Karton unter einer Brücke schlafen sah.

An die Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr, aber schließlich nahmen wir ihn mit zu uns nach Hause, und seitdem wohnt er bei uns. Das Badezimmer und die Fernbedienung des Fernsehers beansprucht er so gut wie für sich allein, was Lucy und mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt, und auch die Küche hat er mehr oder weniger zu seinem Privatreich erklärt, worüber wir uns allerdings nicht im Geringsten beklagen, da er ein hervorragender Koch ist. Außerdem hat er die seltene Eigenschaft, gerne zu putzen, womit er meine und Lucys Aversion gegen jegliche Hausarbeit auf angenehme Weise ausgleicht.

Manchmal jobbt er auch heute noch stundenweise im Café und verdient sich dort ein kleines Zubrot, aber ich habe es tatsächlich geschafft, ihn an meinem ehemaligen Arbeitsplatz unterzubringen, nachdem ich endlich gekündigt hatte, um mich ganz dem Schreiben zu widmen. Er macht seinen Job als persönlicher Assistent des Chefs unglaublich gut – des besten Chefs übrigens, mit dem ich während meiner zahlreichen öden Büro-Jobs zu tun hatte. Rodney Bell, der durch und durch sexistische und doch irgendwie ganz süße Managing Director von Magnum Records (klingt großartig, sie produzieren in Wahrheit aber nur Werbe-Jingles fürs Radio), war alles andere als leicht zu überreden, einem männlichen Assistenten eine Chance zu geben.

Aber inzwischen nennt er Cal seinen »kleinen Schatz« und schwört Stein und Bein, ohne ihn nicht mehr leben zu können. Auch das ist natürlich im Hinblick auf Cals Sexualleben beziehungsweise seinen Ruf nicht gerade förderlich.

Cal ist in seinem Job wirklich exzellent, allerdings wäre nach meiner Inkompetenz wahrscheinlich jeder x-beliebige Nachfolger eine Bereicherung für meinen Ex-Chef gewesen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich die Stelle wohl eher wegen meines Sinns für Humor und vielleicht auch wegen meiner langen Beine bekommen, aber bestimmt nicht wegen meines Organisationstalents.

Nicht dass ich vollkommen ineffizient wäre, so ist es nicht. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, arbeite ich sehr konzentriert daran, aber alles, was auch nur im Entferntesten mit Zahlen und Wirtschaft zu tun hat, interessiert mich einfach nicht. Wenn Rodney mir zufällig über die Schulter gesehen hat, hat er mich eher beim heimlichen Skizzieren einer Idee für meine nächste Romanze oder beim Schreiben einer ausgedehnten Liebesszene ertappt als beim Tippen irgendwelcher Sitzungsprotokolle oder Memos. Ich weiß zwar, dass er mein endloses Repertoire an schmutzigen Witzen und unsere stundenlangen Gespräche über das Leben, das Universum und all solche Dinge schmerzlich vermisst, aber seitdem Cal für ihn arbeitet und ich meine Bücher zu Hause statt auf Kosten der Firma schreibe, kommt er mit der Arbeit definitiv schneller voran.

Mein drittes Buch ist fast fertig.

Mein Held und meine Heldin haben ihre Dramen, Traumata und Missverständnisse hinter sich, haben die unvermeidlichen Hindernisse glorreich überwunden und sind jetzt bereit für das Finale, bei dem Miss Zauberbraut und Mr. Lustmolch es endlich miteinander treiben. Auf sehr vornehme und ritterliche Art natürlich, in meinen Büchern gibt es weder raketenartige Ständer noch feuchte Fummelei im Schritt, sondern allenfalls leidenschaftlich dahinschmelzende Blicke, pochende Herzen, Andeutungen und Anspielungen. So ähnlich wie im richtigen Leben, nur dass in meinem die leidenschaftlich dahinschmelzenden Blicke und die pochenden Herzen fehlen. So viel zu meinem Liebesleben.

Wenn ich überhaupt erwäge, es zu beschreiben, muss ich mir eine Menge dichterischer Freiheit gestatten.

Seit zwei Jahren habe ich einen Typen: Jonathan. Stimmt nicht ganz, genau genommen hat Jonathan mich. Aber nur, wenn ihm danach ist. Was nicht besonders häufig vorkommt. Lucy nennt es Telefonsex. Jonathan ruft an, wir treffen uns und gehen ins Bett. Inzwischen kommt es gelegentlich sogar vor, dass wir gemeinsam einen Kaffee trinken, und ich glaube, er ist sogar einmal zum Frühstück geblieben, aber das war auch an einem langen Wochenende.

Eigentlich kann man unser Verhältnis gar keine Beziehung nennen. Wenn ich ihm vorschlage, doch mal gemeinsam etwas zu unternehmen, wie man das in einer Beziehung so macht, etwa ins Theater gehen, durch den Park spazieren oder ins Kino gehen, ist er nie um eine Entschuldigung verlegen, auch nicht, wenn ich mal ihn anrufe, um mich mit ihm zu verabreden.

Deshalb rufe ich ihn gar nicht mehr an.

Aber wenn er mich anruft, springe ich. Ich weiß, das ist idiotisch, aber ich kann nicht anders. Wahrscheinlich ist etwas dran an diesem alten Spruch, dass man immer das haben will, was man nicht kriegen kann.

Angefangen hat das Ganze mit Jonathan, als ich mich als Teenie in ihn verknallt habe. Er war ein Freund meines älteren Bruders, und ich hatte ihn schon jahrelang angehimmelt. Als wir dann irgendwann in einer größeren Gruppe unterwegs waren, bemerkte er endlich, dass ich nicht mehr elf war und keine Zahnklammer mehr trug. Da beschloss er, mich mit seinem Charme zu umgarnen und mir an die Wäsche zu gehen.

Das war der Beginn unserer gelegentlichen sexuellen Begegnungen – und an der Art unserer Beziehung hat sich bis heute nichts geändert. Vielleicht fühle ich mich auch ein bisschen zu ihm hingezogen, weil mir imponiert, was er macht.

Jonathan ist Dramatiker. Ein obskurer Denker, Channel-Four-Gucker, ein Intellektueller. Für ihn sind meine Romanzen vom Grabbeltisch Fish and Chips verglichen mit seiner Haute Cuisine, aber genau genommen hat er damit sogar Recht. Auch wenn er mir das nicht ständig auf so herablassende Art zeigen müsste, bin ich, was das schreiberische Talent angeht, nun mal ein Yugo und er ein Jaguar.

Vielleicht bin ich in gewisser Weise sein Groupie.

Er hat es in literarischen Kreisen zu einem Ansehen gebracht, für das ich mir ein Bein ausreißen würde. Aber wenn ich ehrlich bin, lechze ich zwar nach dieser Art von Bestätigung, bin aber andererseits glücklich und zufrieden mit dem, was ich tue. Ich schreibe gerne über ewige Liebe, Romantik und Leidenschaft.

Ich liebe die Liebe. Sie verheißt romantische Augenblicke und kann einem unglaubliches Glück bereiten, davon bin ich fest überzeugt.

Das Beste an meinem Job ist, dass ich in meiner Fantasie den perfekten Mann kreieren kann. Jede Frau würde sich doch gerne ihren eigenen Mann erschaffen, wenn sie könnte, oder etwa nicht?

Eigentlich tun wir das ja bereits als kleine Mädchen. Wir stellen uns irgendeinen Traumtypen vor und himmeln ihn an.

Unseren ganz persönlichen Märchenprinzen.

Wir wissen, welche Augen- und Haarfarbe er haben muss, womit er seinen Lebensunterhalt verdienen soll, was er mag und was nicht, ob er groß sein soll oder klein, stämmig, sexy, ein Muskelmann oder eine Memme, ein Athlet oder ein Faultier, ein Dickschädel oder ein Kerl mit dickem Schwanz oder ein Elternschreck. In unserer Fantasie entsteht eine Blaupause, auf deren Grundlage wir als Erwachsene unsere Auswahl treffen. Am liebsten wäre es uns natürlich, einen exakten Abzug unserer Blaupause zu finden.

Ich für meinen Teil habe meinen Märchenprinzen noch nicht gefunden, dabei suche ich ihn schon seit fünfzehn Jahren. Angefangen hat meine Jagd, als ich dreizehn war und meinen ersten BH bekam.

Früher habe ich mir immer vorgestellt, dass ich mit achtundzwanzig verheiratet sein und längst ein paar süße kleine Kinder haben würde. Ich kenne viele in meinem Alter, die schon unter der Haube und Mütter sind. Wenn ich meine Ex-Mitschülerinnen aus der Grundschule in ihren Großraumlimousinen mit einer Horde ausgewachsener Kinder auf den Rücksitzen durch die Stadt gondeln sehe, könnte ich manchmal durchdrehen.

Und was habe ich? Ich gehe auf die dreißig zu und bin immer noch allein. Vor gerade mal hundert Jahren hätte ich komplett zum alten Eisen gehört, mit abgelaufenem Verfallsdatum, eine alte Jungfer.

Andererseits ist sogar die hübsche blonde Lucy trotz ihrer großen blauen Augen und ihrer schlanken Figur immer noch standhaft Single. Dabei ist sie der liebenswürdigste Mensch, den man sich vorstellen kann.

Dabei ist es keineswegs mein ultimatives Lebensziel, jemanden zu finden, mit dem ich mein Leben teilen kann, aber es wäre doch ganz schön, zur Abwechslung mal einen richtigen Menschen zu lieben, als immer nur die Liebe als solche toll zu finden.

Natürlich funktioniert die romantische Liebe im richtigen Leben oft nicht so, wie sie meiner Meinung nach funktionieren sollte. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb ich meine eigenen Romanzen erfinde. Die haben nämlich immer ein Happy End. Und außerdem kriegen meine Heldinnen immer genau den Mann, den sie wollen.

Es läuft alles perfekt.

Sie meinen jedenfalls nicht, den Richtigen gefunden zu haben, nur um dann plötzlich jede Menge abstoßende Angewohnheiten an ihm zu entdecken. Es passiert ihnen nicht, dass selbst der Knackarsch und der intelligente Humor, auf den sie anfangs so abgefahren sind, sie plötzlich nicht mehr im Geringsten beeindrucken.

Die Helden in meinen Romanzen tragen weder drei Tage die gleiche Unterhose, noch glotzen sie hinter anderen Frauen her oder rennen nach jedem Streit zu ihrer Mutter (jawohl, auch die Männer in meinen Romanzen streiten, aber nur aus Spannungsgründen und als Vorspiel für geradezu atemberaubenden Sex). Die Helden in meinen Romanzen sind zu fünfundneunzig Prozent perfekt (ein paar Fehler müssen sie haben, das macht sie erst interessant), sie sind stark und sexy, fröhlich und einfach fantastisch – Männer, von denen Frauen eben träumen.

Ach, existierten sie doch nicht nur auf dem Papier!

Als Lucy und Callum zweieinhalb Stunden später nach Hause kommen, starre ich immer noch die letzten Zeilen auf meinem Bildschirm an. Selbst eine Monsterdosis Jaffa Cakes hat nicht ausgereicht, um meine komplette Hirnstarre zu lösen. Emmeline schmilzt immer noch in Bretts starken Armen dahin, und die letzte Szene steht immer noch aus.

Allerdings war ich nicht untätig: Ich habe in der Zwischenzeit die größte Shepherd’s Pie zubereitet, die die Welt je gesehen hat, und Cals bestes blaues Hemd nicht nur gewaschen, sondern auch gebügelt.

Die schwere Wohnungstür knallt zu, und ich höre ein im Chor gesungenes »Hey, Jude«, der immer währende Running-Gag, mit dem ich lebe, seit ich denken kann. Das hast du davon, wenn deine Mutter ein eingeschworener Beatles-Fan ist.

Lucy kommt in mein Zimmer gerauscht, mit rosigen Wangen und wippendem Pferdeschwanz und wie immer über das ganze Gesicht strahlend. Als sie meinen stumpfen Blick sieht, betätigt sie an meinem Computer die Speicherfunktion, schaltet ihn aus, zieht mich mitsamt meinem Stuhl vom Schreibtisch weg und kippt mich aufs Bett. Dann wirft sie sich neben mich und öffnet die Riemchen ihrer Sandaletten.

Im Badezimmer läuft das Wasser. Cal scheint bereits zu duschen.

Lucy sieht mich an, als sie die Dusche hört, und grinst wohlwollend.

»Hast du schon gehört? Unser Cal hat heute Abend ein Date.«

»Ich weiß, er hat mich angerufen. Aber ich hab nicht abgenommen, weil ich eigentlich arbeiten wollte. Danach konnte ich mir kein einziges Wort mehr aus dem Hirn quetschen. Wahrscheinlich habe ich durch den Schock ein Brett vorm Kopf.«

»Kann ich verstehen«, mischt sich Callum ein. »Ich kann es ja selbst noch gar nicht fassen.«

Er kommt nach einer Blitzdusche, noch während er versucht sich anzuziehen, aus seinem Zimmer in meins gehüpft, das linke Bein im rechten Hosenbein seiner verdrehten Levi’s und sein Haar ein einziger feuchter Wirrwarr. »Aber ich würde sagen, nachdem sie schon mit jedem aus dem Büro ausgegangen ist, bin ich jetzt wohl endlich an der Reihe.«

Lucy zieht erstaunt eine Augenbraue hoch.

»Sadie«, weiht Cal mich ein.

»Er hat Recht«, erkläre ich Lucy und grinse. »Sie ist wirklich äußerst beliebt. Der Flur, der zu ihrem Büro führt, gleicht dem Ärmelkanaltunnel; es herrscht ein einziges Kommen und Gehen, die Marketing-Vertreter rennen ihr förmlich die Bude ein. Ein Wunder, dass der Flur noch nicht von französischen Lastwagenfahrern blockiert wurde.«

»Und mit der willst du ausgehen?«, fragt Lucy und tut so, als wäre sie entsetzt.

»Das macht sie reizvoller«, entgegnet Cal grinsend. »Vergiss nicht, wie lange ich nicht gevögelt habe.«

»Stimmt«, zwinkere ich ihm zu. »Du schlägst sogar meinen Rekord, und das will schon was heißen.«

»Mmm …« Bei der Erwähnung meiner nicht existenten Bettaktivitäten rümpft Lucy missbilligend die Nase. »Wann genau hast du Jonathan das letzte Mal gesehen?«

»Äh … vor genau drei Wochen, zwei Stunden und …« Ich tue so, als sähe ich auf die Uhr, »sechzehn Sekunden.«

Lucy schnauft empört, erhebt sich von meinem Bett und geht ans Fenster.

»Ich verstehe wirklich nicht, warum du ihn nicht endlich auf den Mond schießt.«

»Weil er intelligent ist«, erwiderte ich und eröffne unser übliches Wortgefecht.

»Das ist Ansichtssache«, kontert sie. »Du stehst mit deiner Ansicht ziemlich allein auf weiter Flur.«

»Sexy ist er auch.«

»Er sieht aus wie ein großer Schuljunge. Was ist daran sexy?«

»Und erfolgreich.«

»Ich würde sagen, er trägt etwas zu dick auf.«

»Kann es sein, dass du ihn nicht magst?«

»Da fragst du noch?« Sie dreht sich wieder zu mir um.

»Nächstes Mal nehme ich lieber gleich den Holzhammer.«

Lucy und ich führen diese Diskussion nicht zum ersten Mal. Das Thema ist sozusagen ein Dauerbrenner. Eigentlich kommt die reizende Lucy mit jedem klar, nur nicht mit Jonathan.

»Ich kann ihn einfach nicht ausstehen«, fährt sie fort. »Und das weißt du ganz genau. Er ist ein aufgeblasenes Arschloch, das – wenn du Glück hast – einmal im Monat anruft, um mit dir zu vögeln und sein Ego ein bisschen aufzupeppen.«

»Er meldet sich öfter als einmal im Monat.«

»Ach wirklich?«

»Ja, jedenfalls wenn man alle Male zusammennimmt und den Durchschnitt ausrechnet …«

»Er ist ja nicht mal gut im Bett«, fällt sie mir ins Wort.

»Woher willst du denn das wissen?«, fordere ich sie heraus.

»Das hast du mir selbst erzählt.«

Was soll ich darauf erwidern?

»Okay, okay, ist ja gut«, gebe ich mich geschlagen.

»Ist schlechter Sex besser als gar kein Sex?«, fragt Callum.

»Nein.«

»Ja«, antworten Lucy und ich gleichzeitig.

Der Küchenwecker verkündet, dass meine Shepherd’s Pie fertig ist.

»Gerettet«, nuschele ich vor mich hin, rolle vom Bett und flüchte zum Herd, um die Küchenchefin zu spielen und dem anklagenden und etwas herablassenden Blick meiner besten Freundin zu entgehen. Ich rede nicht gern mit Lucy über Jonathan, und zwar aus einem einfachen Grund: Ich weiß, dass sie Recht hat.

Jonathan ist ein Arschloch.

Dummerweise ist Jonathan gleichzeitig eine Art nordischer Robert Redford, nur jünger.

Er hat goldblondes Haar, das immer irgendwie perfekt und zugleich zerzaust aussieht. Wie er diesen bewussten Stilbruch hinkriegt, ist und bleibt mir ein Rätsel. Seine eisblauen Augen passen perfekt zu seiner Art: Mal ist er unterkühlt und dann wieder geradezu rührend. Ich finde diese Distanziertheit auf seltsame Weise anziehend, auch wenn sie mich gleichzeitig total einschüchtert. Irgendwie verfügt er über die außergewöhnliche Fähigkeit, mich zu erregen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass ich mich unbehaglich fühle. Für Freud wäre es sicher eine Riesenherausforderung gewesen, die Gefühle zu analysieren, die Jonathan bei mir auslöst.

»Du hast etwas viel, viel Besseres verdient!«

Lucys Predigt nimmt kein Ende. Sie folgt mir in die Küche.

»Wieso darf Cal eigentlich mit Sadie ausgehen, ohne sich Vorhaltungen anhören zu müssen? Er hat doch auch nichts anderes im Sinn als Sex.«

»Das stimmt nicht ganz«, protestiert Cal, der Lucy gefolgt ist und anfängt, den Tisch zu decken. »Ich finde sie auch ganz hübsch und clever und witzig, und überhaupt – ich mag sie, wirklich.«

»Aha«, entgegne ich.

Lucy grinst selbstgefällig, aber das »Siehst du?«, das ihr auf den Lippen liegt, verkneift sie sich.

»Versteht ihr mich denn nicht?«, versuche ich mich noch einmal zu rechtfertigen. »Es ist Freitagabend, Cal hat ein Date, du, Lucy, ebenfalls, und ich hocke wie immer allein zu Hause, sehe mir die x-ten Wiederholungen von Friends und Frasier an, und wenn der Abend vorbei ist, erwartet mich mein kaltes leeres Bett …«

Cal tut so, als würde er auf einer Geige fiedeln.

»Falls Jonathan mich also anrufen sollte«, beende ich meinen Satz und werfe Cal einen missbilligenden Blick zu, »werde ich also sicher nicht so dumm sein und ihn abblitzen lassen.«

»Die Betonung liegt auf falls«, wirft Lucy ein, »und vor allem auf dumm. Und was mich anbelangt, würde ich meine heutige Verabredung nicht gerade als Date bezeichnen. Mit der Mutter essen zu gehen, ist doch wohl kein Date, oder?«

»Erst recht nicht mit deiner Mutter«, stellt Cal fest und schüttelt sich angewidert, während er sich am Tisch niederlässt.

»Du kannst mich gern begleiten«, bietet Lucy mir allzu bereitwillig an. Nach meinem wehleidigen Gejammer über den mir bevorstehenden Singleabend hat sie die Chance gewittert, mich rumzukriegen. Meine Augen weiten sich erschrocken, und Cal wirft mir einen verständnisvollen Blick zu.

Klar könnte ich sie begleiten, aber das werde ich ganz bestimmt nicht tun.

Lucys Mutter ist furchtbar. Sie raubt mir den letzten Nerv. Nicht dass sie gemein wäre oder etwas in der Richtung. Jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne des Wortes. Sie ist eine dieser schrecklichen, immer fröhlichen Frauen, die man von den Ansagen auf dem Kinderkanal kennt. Diese dauergrinsenden Moderatorinnen, die aussehen, als hätten sie eine Hand voll Glückspillen geschluckt und als hätte man ihnen die Botox-Spritzen ein bisschen zu tief reingejagt. Sie grinsen so breit, dass es einen regelrecht gruselt.

Lucys Mutter gehört zu jener Sorte, die immer steif und fest behaupten, alles sei bestens, selbst dann noch, wenn die Stimmung längst im Keller ist; bei ihr musst du auch dann noch die Ohren steif halten, wenn du gerade von einem Bus überrollt wurdest – »es kann schließlich Schlimmeres passieren«. Zu allem Überfluss strotzt sie dermaßen vor Selbstzufriedenheit, dass sie ein Nein – falls du einmal allen Mut zusammengenommen und etwas abgelehnt hast – gar nicht erst akzeptiert, weil sie davon ausginge, dass du es nicht so gemeint hast. Und wenn sie doch einmal die Fassung verliert, rastet sie, wie alle überglücklichen Menschen, völlig aus.

Ich ignoriere Lucys Vorschlag und konzentriere mich darauf, heiße Shepherd’s Pie in meinen Mund zu schaufeln. Es ist immer noch besser, den ganzen Abend frustriert das Telefon anzustarren und darauf zu warten, dass Jonathan wieder einmal nicht anruft, als auch nur eine einzige Minute in der Gesellschaft von Marjory O’Neill zu verbringen.

Zum Glück versteht Lucy mein viel sagendes Schweigen, und wir beenden unser Essen ziemlich schweigsam, jeder in seine eigenen Gedanken an den bevorstehenden Abend vertieft.

Ein Abend allein zu Hause schreit bei mir nach einer Unmenge Junkfood und einem guten Film. Kaum fällt die Tür hinter Lucy ins Schloss, die nach Cal das Haus verlässt, steuere ich schnurstracks die Küche an. Da mir der Sinn nach etwas Pikantem steht, entscheide ich mich für eine Rolle Paprika-Pringles und hole mir einen Rest kalten Hühnchensalat und einen Becher Gorgonzola-Dip aus dem Kühlschrank.

Während ich es mir auf dem Sofa gemütlich mache und durch die Sky-Kanäle zappe, verraten mir die dumpfen Bassschläge der Dance-Musik in der Wohnung über mir, dass Edwin, unser selten anwesender Vermieter, der seine Zeit normalerweise, wie nicht anders zu erwarten, lieber an exotischeren Orten verbringt als auf der Isle of Dogs, den Abend ebenfalls zu Hause verbringt.

Nicht dass es ihm an Gesellschaft mangelte, wenn ihm der Sinn danach stünde.

Edwin ist mit dem gleichen honigsüßen Aussehen gesegnet wie Lucy: Pfirsichhaut, goldblondes Haar und Augen so blau wie das Mittelmeer an einem perfekten Sommertag. Leider ist er nicht mit dem sonnigen Wesen seiner Schwester gesegnet, was die Horden schöner junger Frauen jedoch nicht davon abhält, ihn zu umschwärmen wie summende Bienen eine mit Nektar gefüllte Blume – sehr zum Leidwesen von Katrina, die ebenso Besitz ergreifend wie paranoid ist.

Eigentlich hätte ich heute Abend auch gern ein heißes Date.

Der Wunschknochen ist noch im Hähnchen. Als Kinder haben mein Bruder und ich uns immer um den Knochen gestritten. George – er wurde natürlich nach George Harrison benannt – versuchte immer zu mogeln. Bevor wir uns daranmachten, den Knochen auseinander zu reißen, bog er ihn zuerst allein und versuchte herauszufinden, welche Seite die stabilere war. Zu seiner Entschuldigung behauptete er, er versuche nur, ihn ein wenig auszubalancieren. Wenn man bedenkt, dass er heute als Bilanzprüfer arbeitet, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie.

Die Musik über mir verstummt, und auf einmal kommt mir die Wohnung merkwürdig still und verlassen vor. In einem Anfall von Nostalgie lange ich nach dem Wunschknochen, und da niemand zum Mitreißen da ist, gegen den ich verlieren könnte, wünsche ich mir etwas.

»Ich wünsche mir einen Mann zum Verlieben«, flüstere ich und kneife die Augen zu wie früher als kleines Mädchen, »und wenn das nichts wird, ein heißes Date für heute Abend.«

Ein kurzes kräftiges Klopfen an der Wohnungstür lässt mich zusammenfahren, und ich reiße erschrocken die Augen auf.

»Wow! Das ging aber schnell«, sage ich im Scherz zu mir selbst.

Natürlich mache ich mir nicht wirklich Hoffnungen, einen gut aussehenden Mann vor meiner Tür stehen zu sehen, doch als ich die Tür öffne, staune ich Bauklötze, als tatsächlich ein gut aussehender Mann auf meiner Schwelle steht.

Leider handelt es sich bei dem gut aussehenden Mann um Edwin, dessen hübsches Gesicht aufgrund der Leidensmiene, die er immer aufsetzt, wenn er mit mir reden muss, ein bisschen angeschlagen wirkt. In der einen Hand hält er einen Louis-Vuitton-Koffer, in der anderen die Leine des missmutig dreinschauenden Victor Meldrew. Hinter ihm auf der Straße tuckert der Dieselmotor eines wartenden Taxis.

»Ist Lucy da?«, fragt Edwin in seinem nüchternen Tonfall und blickt geradewegs über mich hinweg in unsere Wohnung.

Ich schüttele den Kopf, doch er sieht mich immer noch nicht an.

»Ist mit eurer Mutter aus.«

»Sag ihr, dass ich nächsten Samstag zurück bin.«

Mit diesen Worten drückt er mir die Leine in die Hand, dreht sich um und geht zur Straße hinauf. Kein Dankeschön, kein Tschüss. Er steigt ins Taxi und braust davon, ohne sich auch nur noch einmal umzusehen.

»Nett, dich gesehen zu haben, Edwin«, murmele ich.

Ich sehe auf Victor hinab, der einmal heftig schnauft und dann vor mir her ins Wohnzimmer trottet.

»Dann bist du also mein heißes Date für den heutigen Abend.«

Unter großer Anstrengung hievt der Köter seinen schweren Körper aufs Sofa und lässt sich mit einem Seufzer nieder, der so klingt wie: »Da bin ich also wieder.«

Armer alter Victor. Wenn ich mit Edwin leben müsste, würde ich mich auch elend fühlen. Ich versuche ihn aufzuheitern, indem ich ihm den Löwenanteil meines Hühnersalats überlasse und ihm Callums DVD über Katzen und Hunde in den Recorder schiebe.

Um elf Uhr kommt Lucy zurück.

»Hey, Jude.«

»Hey.«

Noch im Mantel und den Riemen ihrer Handtasche fest mit der rechten Hand umklammernd lässt sie sich neben mich aufs Sofa plumpsen.

»Ist Edwin wieder abgehauen?«, fragt sie, als sie Victor auf der anderen Seite neben mir sitzen sieht.

»Yep.«

»Oh, nein!« Der Seufzer kommt aus tiefstem Herzen.

»Dann können wir uns ja darauf gefasst machen, dass bald Katrina bei uns aufkreuzt.«

»Darauf kannst du Gift nehmen.«

»Und ich muss schon wieder diese furchtbaren Fische füttern.«

»Ich habe die Salatzange schon aus der Küchenschublade gekramt.«

Erneutes Seufzen. Besonders glücklich sieht Lucy nicht gerade aus, und ich ahne, dass es nichts mit dem bevorstehenden Eintreffen von Edwins selbstmitleidiger Freundin zu tun hat oder damit, dass sie seine durchtriebene Piranha-Gang mit rohem Fleisch versorgen muss. Vielleicht hat es eher mit der Tatsache zu tun, dass sie gerade einen Abend mit ihrer durchtriebenen piranhaartigen Mutter verbracht hat.

»Hattet ihr einen netten Abend?«, frage ich sie herausfordernd.

»Frag mich bitte nicht.«

»Das heißt wohl Nein.«

Lucy verdreht die Augen.

»Ich verstehe nicht, warum ich mich immer noch von ihr bevormunden lasse«, wettert sie los, ohne mich anzusehen.

»Schließlich bin ich kein sechsjähriges Mädchen mehr, und sie kann mir weder mit Hausarrest noch mit Taschengeldentzug drohen, wenn ich mich ihrem Willen widersetze.«

»Was hat sie denn diesmal wieder von dir gewollt?«

Endlich sieht Lucy mich an und verzieht das Gesicht.

»Diesmal habe ich es eher verbockt. Ich habe da in etwas eingewilligt, und ich kann es immer noch nicht fassen …« Ihre Stimme versagt, und sie schüttelt ungläubig den Kopf, fassungslos darüber, dass sie sich von ihrer Mutter wozu auch immer hat breitschlagen lassen.

»Los, erzähl weiter!«, dränge ich sie.

»Ich habe ihr versprochen, eine Einladung zum Dinner anzunehmen.«

»Ach, du Ärmste«, sage ich übertrieben mitleidig und bin in Wahrheit ein bisschen neidisch, weil ich meine eigenen derartigen Dates der vergangenen Jahre an einer Hand abzählen kann.

»Es ist eine aufgezwungene Verabredung«, fährt sie fort, »und zwar mit dem furchtbar begehrten Haydn Morland.« Ihrem Gesicht nach zu urteilen, hält sie den Genannten eher für furchtbar als begehrt.

»Wer ist das?«

»Erinnerst du dich nicht? Ich habe dir bestimmt schon von ihm erzählt. Haydn Morland«, wiederholt sie und seufzt.

»Er ist der Sohn der besten Freundin meiner Mutter und entspricht so ziemlich genau ihrer Vorstellung von einem idealen Mann. Sie plant unsere Hochzeit, seit ich im Kindergarten war. Ich hatte noch nicht einmal bestellt, da fing sie schon wieder an, ihn wie üblich über den grünen Klee zu loben. ›Ich habe ein paar schöne Fotos von Haydn, Darling, du musst sie dir unbedingt ansehen. Er hat sich zu einem sooo gut aussehenden Mann gemausert.‹«

Lucy äfft sie den Tonfall ihrer Mutter so exakt nach, dass es beinahe unheimlich ist.

»Und? Sieht er wirklich gut aus?«

»Keine Ahnung. Sie hat mir ein paar schlechte Schnappschüsse von irgendeiner Hochzeit unter die Nase gehalten, auf denen er mit einer griesgrämigen Miene irgendwo im Hintergrund herumlungert. Normalerweise mache ich mich sofort aus dem Staub, wenn sie seinen Namen auch nur erwähnt. Aber heute Abend hat sie mich offenbar in einem schwachen Moment erwischt.«

»Du solltest es nicht gleich so schwarz sehen! Wer weiß – vielleicht versteht ihr euch ja blendend. Es könnte doch sein, dass deine Mutter ausnahmsweise mal Recht hat. Vielleicht ist er wirklich ein toller Hecht.«

»Vollkommen ausgeschlossen!« Lucy schüttelt vehement den Kopf.

»Soweit ich mich erinnere, ist er ein pickeliger schleimiger Streber.«

»Uughh«.

»Wobei ich sagen muss, dass ich ihn zum letzten Mal als Siebenjährige gesehen habe. Er war damals zwölf.«

»Du hast ihn zum letzten Mal als Zwölfjährigen gesehen? Jetzt aber mal ehrlich, Lucy, glaubst du nicht, er könnte sich seitdem ein bisschen verändert haben?«

»Ich bezweifle sehr, dass er sich nennenswert verändert hat.«

»Das weiß man nie. Hast du schon mal Promis auf Fotos aus Zeiten gesehen, in denen sie noch nicht berühmt waren? Manchmal graben doch Reporter solche Bilder aus. Russell Crowe zum Beispiel war bestimmt nicht gerade ein Traummann. Und Tom Cruise hatte Hasenzähne und sah ziemlich minderbemittelt aus, und jetzt sieh dir an, was aus ihm geworden ist! Ein wahrer Adonis. Menschen ändern sich. Erst recht, wenn man sie zwanzig Jahre lang nicht gesehen hat.«

»Mag ja sein«, murmelt sie, ohne wirklich überzeugt zu sein.

»Was macht er denn beruflich?«, frage ich aufmunternd.

»Irgendetwas Wichtiges in der City. Meine Mutter hat es mir schon mindestens zwanzigmal erzählt, aber ich schalte immer auf Durchzug …«

»Dann lebt er also in London?«

»Meistens. Er hat ein Penthouse in Canary Wharf.«

»Na, da habt ihr ja schon mal was gemeinsam. Ihr lebt beide direkt am Fluss.«

»Es ist Wohnung Nummer fünfzig im Cavendish House, achtzehnter Stock, Telefonnummer 2756834 …«, leiert sie los. Offensichtlich hat Marjory ihr diese Details so lange eingebläut, bis sie sie auswendig aufsagen konnte. »Außerdem hat er noch ein Haus am Meer, irgendwo in der Nähe von Brighton.«

»Die genaue Adresse weißt du nicht mehr?«, ziehe ich sie auf.

»Nein«, kontert sie mürrisch.

»Aber ich weiß, wie viele Schlafzimmer es hat. Und wie viele Bäder.«

Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

»Fünf«, erklärt sie knapp.

»Schlafzimmer?«

»Nein, Schlafzimmer gibt es sieben.«

»Der Typ hat fünf Bäder in einem Haus?«

»Ja. Wir können der Liste seiner negativen Eigenschaften also auch noch Habgier hinzufügen.«

Sie seufzt und nimmt sich das letzte Stück Hühnchen, zur sichtlichen Enttäuschung des plattgesichtigen Victor.

»Dafür, dass du angeblich kein Interesse an ihm hast, weißt du aber ganz schön gut über ihn Bescheid.«

»Weil meine Mutter über nichts anderes redet, wann immer ich mich mit ihr treffe!«

»Vielleicht aus gutem Grund, Luce. Deine Mutter mag ja ein ziemlicher Drachen sein, aber in den meisten Dingen hat sie einen ziemlich guten Geschmack, das muss ich ihr lassen. Könnte dieser Haydn vielleicht doch so toll sein, wie sie behauptet?«

»Wenn du das glaubst, kannst du ja das verdammte Date für mich wahrnehmen«, murrt sie. Plötzlich hält sie inne, und ihr Gesicht hellt sich auf.

»He, das ist doch gar keine schlechte Idee! Du jammerst uns doch immer die Ohren voll, dass nie jemand mit dir ausgeht. Geh du doch einfach an meiner Stelle mit ihm essen!«

»Lucy, jetzt mach aber mal einen Punkt! In der letzten Viertelstunde hast du mich mit allen Mitteln zu überzeugen versucht, dass einer Frau nichts Schlimmeres widerfahren kann als mit diesem Haydn Morland auszugehen. Warum um alles in der Welt sollte ich also einen Abend mit ihm verbringen wollen?«

»Weil du meine beste Freundin bist …«

Sie grinst mich hoffnungsvoll an.

»Lass dir etwas Besseres einfallen!«

»Na ja, vielleicht war das mit dem pickeligen, schleimigen Streber ein bisschen übertrieben. Damals war ich über beide Ohren in John Taylor verknallt, und an den kam nun mal keiner ran.«

»Warum sagst du deiner Mutter nicht einfach klipp und klar, dass du nicht mit ihm ausgehen willst?«

»Was meinst du, was ich tue, seitdem ich sechzehn bin? Du kennst doch meine Mutter! Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, akzeptiert sie einfach kein Nein. Im Grunde ist sie wie ein kleines ungezogenes Kind, das sich, wenn du ihm etwas befiehlst, wozu es keine Lust hat, einfach die Finger in die Ohren steckt und irgendwelchen Unsinn brüllt – im übertragenen Sinn, meine ich. Aber sobald ich ihr nahelege, ihre Verkupplungsversuche endlich zu vergessen, schaltet sie auf Durchzug. Im Grunde staune ich, dass ich überhaupt so lange standhaft geblieben bin.«

»Und warum bist du diesmal schwach geworden?«

»Na ja, wie ich bereits sagte, sie hat mich in einem schwachen Moment erwischt. Sie fing plötzlich davon an, dass sie ja nicht ewig lebe und sich so sehr ein Enkelkind wünsche. Diese Tour, du weißt schon.«

Ich kann mir die Szene lebhaft vorstellen.

Meine eigene, auf wunderbare Weise leicht verrückte Mutter kommt mir auch gelegentlich damit, allerdings nur, wenn sie ein paar Gin-Tonics zu viel intus hat und ihr plötzlich in den Sinn kommt, dass sie eigentlich alt genug ist, um »Oma« zu werden.

»Vielleicht wird dieser Haydn ja auch von seiner Mutter bedrängt«, spekuliere ich.

»Womöglich nervt ihn das Ganze genauso wie dich. Dann müsstet ihr es nur eine einzige Stunde miteinander aushalten, um eure jeweiligen Mütter zufrieden zu stellen, und danach geht ihr eurer Wege und begegnet euch vielleicht in sechzehn oder zwanzig Jahren noch einmal wieder.«

»Das klingt plausibel«, stimmt Lucy mir widerwillig zu. »Sehr plausibel sogar.«

»Du solltest dich natürlich auf keinen Fall besonders für ihn zurechtmachen. Du weißt schon, zieh dir den letzten Fummel an, und mach dem Klischee ›blond und blöd‹ alle Ehre!«

»Du meinst, ich soll zu spät kommen, zu viel trinken, ihn mit Essen bekleckern und ihm auf die Nerven gehen?«, greift Lucy meinen Faden auf.

»Genau. Du machst einfach nur genau das, was mir normalerweise immer bei einem ersten Date passiert.«

Lucy muss lachen. »Oh, Jude, du schaffst es wirklich immer, mich aufzuheitern.«

»Dafür sind beste Freundinnen schließlich da.«

»Was für ein Glück, dass ich dich habe … bei der Mutter, die mir der liebe Gott beschert hat.«

Ihr Lächeln erstarrt, als sie sich noch einmal vor Augen hält, in was für eine unangenehme Situation Marjory sie diesmal gezwungen hat.

»Man kann nie wissen«, wiederhole ich, um sie wieder fröhlich zu stimmen, »vielleicht ist er ja doch ganz sympathisch.«

Sie schüttelt vehement den Kopf. »Kennst du einen Jungen, bis er zwölf ist, weißt du genau, was für ein Kerl daraus wird«, verkündet sie ernst.

»Ich dachte, es wäre schon mit sieben alles klar.«

»Stimmt«, entgegnet sie weise und nickt. »Mit zwölf war das Kind bei ihm schon lange in den Brunnen gefallen.«

Cal kommt um ein Uhr nachts nach Hause.

Lucy und ich sind extra aufgeblieben, um für ihn da zu sein, falls der Abend sich wieder einmal als klassisches Callum-McKenzie-Desaster entpuppt haben sollte. Aber natürlich zeigen wir ihm nicht, dass wir nur seinetwegen aufgeblieben sind. Dass er so spät nach Hause kommt, deuten wir als gutes Zeichen; eine totale Katastrophe kann der Abend nicht gewesen sein.

Wir können der Versuchung gerade so widerstehen, ihn schon beim Reinkommen auszuquetschen, und lassen ihm noch ein wenig Zeit.

Zuerst kocht er sich einen Kaffee. Mit der Tasse in der Hand gesellt er sich zu uns aufs Sofa, und die Fragestunde beginnt.

»Na?«, platzt Lucy heraus. »Wie ist es gelaufen?«

»Ganz okay.« Eine sehr knappe Antwort. Kein gutes Zeichen.

»Was ist passiert, Cal?«, frage ich ihn mit sinkender Hoffnung.

Er sieht erst mich an und dann Lucy, nimmt hastig einen Schluck Kaffee, als ob er seine Blockade damit wegspülen könnte, und dann legt er los.

»Ich war wie verabredet um acht im Bertie’s in der Tottenham Court Road.«

»Und sie war hoffentlich auch da«, drängt Lucy.

»Pünktlich auf die Minute«, bestätigt Callum.

Lucy und ich seufzen vor Erleichterung.

»Und? Hattet ihr einen schönen Abend?«

»Ja, kann man sagen.« Keinerlei Begeisterung in seiner Stimme.

»Was ist passiert?«, will ich wissen. »Was ist schief gelaufen?«

»Woher willst du wissen, dass etwas schief gelaufen ist?«, entgegnet er ausweichend. »Ich hatte einen wirklich netten Abend, wie ich schon sagte.«

»Aber …?«

Callum seufzt, wohl wissend, dass wir ihn durchschaut haben, und rückt endlich mit der Sprache heraus.

»Ich hatte das Gefühl, dass alles prima läuft, erst recht, als sie mich auch noch ihrem Bruder vorstellen wollte. Da bahnt sich eine dicke Sache an, dachte ich. Warum sollte sie mich sonst gleich beim ersten Date mit ihrer Familie bekannt machen?«

»Und was ist dann passiert?«

»Wir sind weitergezogen in einen anderen Laden, scheinbar wahnsinnig angesagt. Der Schuppen heißt Metro, glaube ich, ich bin noch nie da gewesen, er liegt in einer Seitenstraße, die vom Portland Place abgeht. Jedenfalls haben wir da ihren Bruder getroffen. Ein großer Glatzkopf namens Bruce. Sadie hat mich ihm vorgestellt …«

»Und?«, fällt Lucy ihm ins Wort.

»Und dann hat sie uns allein gelassen. Da hatte ich also mein Date, nur nicht mit Sadie … Sie wollte mich mit ihrem Bruder zusammenbringen!«

»O nein!«, rufe ich entsetzt und sehe meinen Mitbewohner und Freund an, der ganz rot geworden ist.

»Dachte sie etwa, du bist …«

»Genau.« Er nickt traurig.

»Und? Triffst du dich bald wieder mit ihm?«, zieht Lucy ihn auf und presst sich ein Kissen vors Gesicht, um nicht laut loszuprusten. »Diesem Bruce …«

»Ja, auf jeden Fall.« Callum bedenkt Lucy mit einem geringschätzigen Blick. »Er ist ein absolut netter Typ, der das Ganze zum Glück von der komischen Seite gesehen hat. Am Ende sind wir noch auf ein Curry und ein Bier in ein Restaurant gegangen und haben so viel Spaß miteinander gehabt, dass wir uns gleich für das nächste Wochenende wieder verabredet haben.«

»Willst du damit etwa sagen, dass du endgültig mit den Frauen abgeschlossen hast und aufs andere Ufer gewechselt bist?«

»Bei dem, was ich bisher erlebt habe, würde ich mir das Leben damit sicher einfacher machen«, meint er. »Aber ganz so weit bin ich noch nicht. Nein, Bruce und ich haben einen Deal geschlossen. Sein Liebesleben ist auch ein ziemliches Desaster, deshalb wollte Sadie ihn ja mit mir verkuppeln. Wir sind übereingekommen, dass ich ihn mit meinen sympathischen schwulen Freunden bekannt mache und er mir im Gegenzug seine Heterofreundinnen vorstellt. Man kann ja nie wissen, vielleicht zieht ja einer von uns eines Tages das große Los …«

»Armer Cal.«

Lucy schlingt ihre Arme um ihn, während ich ihm zum Trost einen Kuss auf die Wange drücke. Dann kuscheln wir uns an ihn, eine rechts, eine links, und er lässt sich mit einem tiefen Seufzer zurücksinken.

»Wahrscheinlich sind es meine Locken«, jammert er. »Ich werde mir sofort morgen früh einen Bürstenschnitt verpassen lassen. Einmal mit der Schneidemaschine drüber und Feierabend.«

»Das darfst du nicht tun!«, protestiere ich und unterdrücke einen Lachanfall.

»Ach ja? Und warum nicht?«

»Damit machst du es doch nur noch schlimmer«, stellt Lucy klar und schüttelt vehement den Kopf.

»Dann kannst du dir auch gleich die Brust rasieren und dir eine Lederweste zulegen«, stimme ich ihr zu.

»Dann sollte ich mir vielleicht die Ohren piercen …«

»Nein!«, schreien Lucy und ich im Chor.

»Oder die Brustwarzen …«

Sarah Harvey

Über Sarah Harvey

Biografie

Sarah Harvey, geboren 1969, lebte viele Jahre in einem alten Herrensitz in Cornwall. Vor Kurzem ist sie wieder zurück in ihre Heimat Northhampton gezogen, wo sie heute gemeinsam mit ihren Hunden in einem Cottage wohnt. Mit ihren atmosphärischen Romanen, die häufig den Schauplatz Cornwall haben,...

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