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Rendezvous für einsame HerzenRendezvous für einsame Herzen

Rendezvous für einsame Herzen

Emily Blaine
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Roman

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Rendezvous für einsame Herzen — Inhalt

Bonjour, mon amour!
Ein französisches Dorf, eine kleine Buchhandlung und ganz viel Liebe ... 

Buchhändlerin Sarah hat schon viele Liebesgeschichten gelesen, aber noch keine selbst erlebt. Ihr Herz gehört gebrauchten Büchern, denen sie in ihrem liebevoll dekorierten Buchladen mit Lese-Café eine zweite Chance gibt. Doch nach einem Wasserschaden steht Sarahs Herzensprojekt vor dem Aus. Zum Glück hat sie im Dorf gute Freunde. Hilfe bekommt sie auch vom draufgängerischen Schauspieler Maxime, der Sozialstunden in seinem ungeliebten Heimatort leisten muss. Trotz aller Gegensätze kommen die beiden sich näher, und Sarah erkennt, dass es Happy Ends nicht nur in Büchern gibt.

Eine wunderschöne Liebesgeschichte mit viel französischem Flair von einer der erfolgreichsten Romance-Autorinnen Frankreichs ... für alle Fans der Romane von Julie Caplin und der Filme „Chocolat“ und „Die fabelhafte Welt der Amélie“.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.04.2021
Übersetzt von: Anja Mehrmann
368 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31653-8
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.04.2021
Übersetzt von: Anja Mehrmann
336 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99893-2
Download Cover

Leseprobe zu „Rendezvous für einsame Herzen“

1 – Ich rutschte tiefer …
Maxime 

Ich rutschte tiefer in das schwarze Samtpolster der Couch und breitete die Arme auf der Rückenlehne aus. Über das Geländer hinweg betrachtete ich die dichte Menschenmenge, die im Stockwerk unter mir zu lauter Musik die Hüften schwang. Die dunklen Wände und glitzernden Böden vibrierten unter wummernden Bässen, farbige Spots ließen abwechselnd nackte Beine, Dekolletés und schweißglänzende Gesichter aufblitzen. Die Tänzer streiften einander, berührten sich gelegentlich, trugen ein laszives Lächeln zur Schau. Im Vorübergehen [...]

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1 – Ich rutschte tiefer …
Maxime 

Ich rutschte tiefer in das schwarze Samtpolster der Couch und breitete die Arme auf der Rückenlehne aus. Über das Geländer hinweg betrachtete ich die dichte Menschenmenge, die im Stockwerk unter mir zu lauter Musik die Hüften schwang. Die dunklen Wände und glitzernden Böden vibrierten unter wummernden Bässen, farbige Spots ließen abwechselnd nackte Beine, Dekolletés und schweißglänzende Gesichter aufblitzen. Die Tänzer streiften einander, berührten sich gelegentlich, trugen ein laszives Lächeln zur Schau. Im Vorübergehen zwinkerten mir ein oder zwei Mädels zu, während sie sich in einer aufreizend engen Umarmung mit einem Typen befanden.
Ich mochte diese Atmosphäre, in der es nach berauschenden Parfüms und den Ausdünstungen von Sex und Alkohol roch. Was diesen Club von allen anderen unterschied, war die Tatsache, dass zusätzlich der dezente, aber nachhaltige Duft von Geld in der Luft hing. Dieser Ort war Lichtjahre von der Diskothek entfernt, in der ich erstmals eine ganze Nacht verbracht hatte – ein provinzieller, altmodischer Laden, in dem es nach billigem Bier roch. In meiner Gegend war das damals die einzige Möglichkeit, sich die Zeit zu vertreiben, und die Disko war genauso trostlos wie der Rest meines früheren Lebens.
In jenem anderen Leben beschränkten sich meine Berufsaussichten auf eine Stelle als Lagerist in einem Großmarkt in der Charente. Von Dienstag bis Samstag schleppte ich Holzkisten durch die Gegend, acht Stunden täglich. Ich leerte sie aus, stellte sie aufeinander, schlug sie in Stücke oder trug sie in Fünferstapeln von einem Ort zum anderen. Jede Woche zog ich mir zehn Holzsplitter ein, meine Hände bluteten, und der Lohn war so karg, dass er innerhalb von zehn Tagen aufgebraucht war. Ich übte zwar einen anderen Beruf aus als mein Vater, lebte im Endeffekt aber das gleiche Leben wie er, und das machte mich wütend. Ich fürchtete mich davor, so zu enden wie er: krumm vor Erschöpfung, gelähmt vor Schmerzen. Ich hasste mein Leben. Ich hasste es so sehr, dass ich es systematisch verpfuschte. Ich stritt mich mit meinen Eltern, prügelte mich so oft wie möglich, beleidigte all die Menschen, die mich missachteten, und ertränkte das Ganze in Alkohol.
Jeden Morgen betrachtete ich mein Spiegelbild im Badezimmer meiner Eltern. Eine Narbe über der rechten Braue, ein angeschlagener Zahn und dunkle Augen, die aber glasig vor Müdigkeit waren, ein muskulöser Körper – das einzig Positive an meinem Job – und ein Tattoo in Form einer Dornenranke, die sich um meinen linken Bizeps wand … Kein Wunder, dass die meisten Leute ziemlich Schiss vor mir hatten.
Ich gebe es gern zu: Ich habe Glück gehabt. Ein so großes Glück, dass mir mein neues Leben wie ein riesiger Schwindel vorkam. Ich war ein potenzieller Betrüger, ein Hochstapler. Berühmt und reich, okay, aber trotzdem ein Betrüger.
Als mich diese Castingfrau damals entdeckt hat, war ich gerade dabei, eine Palette abzuladen. Nach zweimaligem Vorsprechen und überzeugenden Probeaufnahmen in Paris wurde ich erstmals in Dreharbeiten für einen Spielfilm und in ein Leben katapultiert, in dem ich mir beim Arbeiten nicht mehr die Hände ruinieren musste. Das war das Beste daran: Ich wurde bezahlt, um zornige Typen zu spielen, durfte kämpfen und Mädels küssen, die mich normalerweise nicht einmal angesehen hätten. Ein herrlicher Schwindel.
Ich hatte mich von meinen altmodischen, provinziellen Gewohnheiten verabschiedet, von den billigen Klamotten, dem abgestandenen Bier und den jämmerlichen Freunden. Ich hatte einen Haken unter die Vergangenheit gesetzt und nicht die geringste Absicht, jemals nach Hause zurückzukehren. Inzwischen hatte ich die Geringschätzung in den Blicken der anderen beinahe vergessen. Für all diese Leute, für jeden, der mich beim Kistenschleppen gesehen hatte, war ich ein Niemand.
Beinahe. Denn jetzt war ich derjenige, der das Sagen hatte. In jeder Beziehung.
Mit einem Glas Cognac in der Hand kostete ich mein neues Leben aus. Ich hatte Geld, wurde bewundert, genoss Anerkennung. Ich zog von Bars zu Clubs, von Dreharbeiten zu Interviews, von Fashionshows zu schicken Partys. Ehrlich gesagt, hatte ich seit fast anderthalb Jahren keinen Supermarkt mehr von innen gesehen. Nervtötende Besorgungen hatte ich an eine Haushälterin, eine Assistentin und meine Agentin delegiert. Mein Kühlschrank war voll, meine Bar gut bestückt, und die Panoramafenster meiner Wohnung, die auf den Parc Monceau hinausgingen, waren spiegelblank geputzt.
Ich hatte alles, was ich wollte, und mein früheres Leben fehlte mir nicht im Geringsten. Dennoch brodelte dicht unter der Oberfläche die Wut in mir, bereit, sich am kleinsten Funken zu entzünden. Mein überwältigender Erfolg hatte sie nicht besänftigen können; die vielen Jahre des Grübelns über mein erbärmliches Leben hatten ihre Spuren hinterlassen. Manchmal vermisste ich das Adrenalin, und ich prügelte mich immer noch gern, selbst wenn keine Kamera in der Nähe war. Nach zwei von der Presse breitgetretenen Skandalen hatte meine Agentin rasch das passende Gegenmittel gefunden: eine private Boxhalle, in der ich zweimal wöchentlich für vier Stunden meine destruktive Energie abreagieren und gleichzeitig in Form bleiben konnte.
Wenn sich die Presse nicht gerade auf meine Skandale stürzte, bestaunte sie meine Entschlossenheit, meine offensichtliche Lust am Erfolg und mein angeborenes Talent. Mag sein, dass ich all das besaß. Tatsächlich aber wollte ich in diesem Augenblick nur in diesem Club sein, die Welt von oben betrachten, die Massen beherrschen und mir eine der Frauen aussuchen, die sich mir förmlich an den Hals warfen. Hier auf dem Samtsofa, in Designerjeans und mit einer sündhaft teuren Uhr am Handgelenk, war ich fest entschlossen, meinen Platz keinem anderen zu überlassen.
„Auf welche hast du’s abgesehen?“
Ich drehte mich in die Richtung, aus der Simons Stimme kam. Ohne meine Antwort abzuwarten, lehnte er sich an das Geländer und ließ den Blick über die Menge schweifen. Ein Raubtierlächeln umspielte seinen Mund, und er nahm einen Schluck von diesem widerwärtigen, völlig unerschwinglichen Whisky, den er so gern mochte.
„Die Blondine mit der Jeansshorts?“, fragte er.
„Nee. Brünett. Goldenes Minikleid.“
Er kniff die Augen zusammen und versuchte das Objekt meiner Begierde im blendenden Spotlicht zu erkennen.
„Das Mädel, das da vorn mit dem Typen tanzt?“
Er drehte sich zu mir, und ich nickte. Simon, Schauspieler und in meinem letzten Film für eine Nebenrolle besetzt, unterdrückte nur mit Mühe ein Lachen. Er leerte sein Glas in einem Zug und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund.
„Mit einem Typen, der garantiert nicht ihr Bruder ist“, fügte er hinzu.
„Eine kleine Herausforderung hat noch keinem geschadet“, sagte ich.
„Du suchst keine Herausforderung, du hast einfach Lust auf eine Schlägerei.“
„Ist schon lange her, dass ich jemandem eine Tracht Prügel verpasst habe.“
Simon deutete ein Lächeln an, als ich mit der rechten Faust in meine linke Handfläche schlug. Beim letzten Mal hatte die Presse die Gelegenheit genutzt, um meine Zukunft im Filmgeschäft grundsätzlich infrage zu stellen – ich sei zu labil, zu schwierig, zu gestört. Mir war aufgefallen, dass ich komischerweise, sowohl in meinem jetzigen als auch in meinem früheren Leben, ständig unter die Lupe genommen und beurteilt wurde. Ob Dorfbewohner oder Paparazzi, im Grunde unterschieden sie sich nicht sonderlich voneinander.
Ich trank ein weiteres randvolles Glas Cognac aus, während ich mit geistesabwesender Miene eine ausgesprochen hübsche Bedienung musterte. Auch um diese Frau hätte ich mich liebend gern geprügelt, denn nach dem anstrengenden Dreh hatte ich das Bedürfnis, Dampf abzulassen. Seit fast einem Monat hatte ich nicht mehr geboxt, und ich war angespannt; mein ganzer Körper stand unter Druck, ich war quasi kurz vorm Implodieren. Ich ballte die Fäuste und atmete tief durch.
„Das wird eines Tages böse für dich enden. Warum machst du so was?“
„Um mich abzureagieren. Ich prügele mich gern. Und inzwischen mache ich es ganz unauffällig.“
„Hm. Normale Menschen nehmen einfach mal Urlaub. Du könntest … einen Abstecher nach Kanada machen oder auf Weltreise gehen.“
„Ich denk drüber nach“, log ich und unterdrückte den Drang zu lachen.
Hätte ich dem Filmgeschäft in diesem Moment den Rücken gekehrt, wäre meine Karriere zu Ende gewesen. Die Welt der Kunst verabscheut die Leere, und wer nicht an einem Projekt arbeitet, existiert praktisch nicht mehr. Urlaub zu nehmen kam also überhaupt nicht infrage. Ich gab der Bedienung ein Zeichen und ließ ihr im Tausch gegen zwei neue Gläser ein großzügiges Trinkgeld zukommen. Sie schenkte mir ein kesses Lächeln, wobei sie mich neugierig musterte.
Mit etwas Geduld hätte ich die Tusse klarmachen können, und ich hätte sie nicht mal mit nach Hause nehmen müssen. Mein Auto, eine Seitenstraße oder die Toilette des Clubs, und die Sache wäre gebongt. Aber Simon hatte recht, mir war tatsächlich nach einer saftigen Prügelei zumute.
„Hast du demnächst einen Dreh?“, fragte ich ihn in der vagen Hoffnung, mich doch noch zu beruhigen.
„In zwei Monaten, in Griechenland. Emma kommt mit.“
Ich verzog das Gesicht. Ich verstand nicht, warum Simon so vernarrt war in dieses leicht dümmliche Mädchen, das wie eine Klette an ihm hing und ernsthaft von den Leuten erwartete, dass sie zur Begrüßung einen Knicks vor ihr machten. Unerträglich … und noch dazu war sie hochnäsig. Sie wusste genau, wo ich herkam, und es machte ihr offenbar irre viel Spaß, mich bei jeder Gelegenheit daran zu erinnern.
„Aber du wirst doch nicht um ihre Hand anhalten, oder?“, fragte ich beunruhigt.
Der Boden unter meinen Füßen vibrierte jetzt noch stärker, und die Menschenmenge tobte unter den Spotlights. Die Temperatur war um mehrere Grad gestiegen, die Luft wurde allmählich stickig. Ich schaute Simon an, er trank aber erst mal in aller Ruhe einen Schluck, bevor er antwortete.
„Auf keinen Fall“, sagte er. „Und du, was steht bei dir so an?“
„Zwei Drehs, einer davon in Südafrika. Der Regisseur ist ein irrer Typ, das wird bestimmt lustig. Wir haben Cannes ins Auge gefasst.“
Simon zog eine Augenbraue hoch. Er wirkte eher skeptisch als verwundert. Mein erster Film hatte mir eine Menge Türen geöffnet, und ich erhielt jede Woche ein neues Drehbuch. Ich entschied mich immer für die härtesten Rollen, ich mochte schwierige Charaktere und abgefahrene Plots, denn in gefährlichen Drehbüchern erkannte ich mich selbst wieder.
Simon hingegen spielte abwechselnd in Komödien und Dramen mit. Er schauspielerte schon, seit er fünf Jahre alt war, und verkörperte inzwischen den Typus des idealen Schwiegersohns, weil er wie ein netter Junge aussah und vertrauenerweckend wirkte.
„Cannes? Echt jetzt?“
„Ja, Cannes. Ich wollte schon immer mal bei einer dieser unanständigen Partys im Hôtel Martinez aufkreuzen und eine Massenschlägerei auslösen.“
„Du willst doch nur, dass man über dich redet.“
„Na und? Hast du was dagegen?“
Simon war einer von den ganz Vorsichtigen. Der Typ, der alten Frauen über die Straße hilft, sich von Bioprodukten ernährt und möglichst keine Welle macht. Ordentlich, glatt und zuvorkommend. Genau wie das Filmgeschäft und die Presse es liebten, so kam es mir zumindest vor. Wie wir uns hatten anfreunden können, war mir ein Rätsel, aber nach einigen gemeinsam verbrachten Abenden war eine echte Verbindung zwischen uns entstanden. Er ließ mich von seiner Erfahrung profitieren, und ich holte ihn aus der Komfortzone, indem ich ihn regelmäßig herausforderte.
Eines Tages war es mir sogar gelungen, ihn in die Boxhalle mitzunehmen, wo ich ihm eine Abreibung verpasste, die er so schnell nicht vergessen würde. Zum ersten Mal in seiner Karriere hatte Simon einen kompletten Drehtrupp für eine Woche arbeitslos gemacht, so lange hatte es gedauert, bis seine Nase wieder auf ihre normale Größe geschrumpft war. Anfangs hatte er mir das übel genommen, aber nach ein paar Bieren haben wir darüber gelacht.
„Du weißt genau, was ich davon halte“, erwiderte Simon.
„Ja, du glaubst, dass ich es eines Tages bitter bereuen werde. Fühlst du dich etwa verpflichtet, mir eine Moralpredigt zu halten?“
„Ich habe Leute schon alles verlieren sehen, das ist wie auf der Achterbahn: Du rast so schnell bergab, dass du den Ausgangspunkt hoch oben nicht mal mehr erkennen kannst. Du bist ein gefährlicher Typ, Max, an der Grenze zur Gewissenlosigkeit.“
„Und du bist ein ätzender Typ, Simon, an der Grenze zum Friedhof. Amüsier dich lieber ein bisschen, und hör auf, den netten Jungen zu spielen.“
„Die Leute mögen nette Jungs.“
„Und du würdest alles tun, damit sie dich auch weiterhin mögen. Vielleicht solltest du das mal mit einem Therapeuten besprechen“, sagte ich lächelnd und stand von der Couch auf. „Ich hau ab, ich hab eine gesehen, die ich abschleppen will.“
Simons Blick wanderte zu dem goldenen Minikleid. Ich näherte mich dem Geländer und stellte fest, dass sie eng umschlungen mit ihrem Freund tanzte, während sie sich ununterbrochen in die Augen sahen. Diese Herausforderung wurde immer interessanter.
„Könnte schwierig werden, sie nach ihrem Vornamen zu fragen“, sagte Simon spöttisch.
„Das trifft sich gut. Wie sie heißt, ist mir nämlich völlig egal.“ Ich hob das Glas zum Zeichen, dass die Diskussion zu Ende war. Ich wollte dieses Mädchen, und ihr Freund würde mich bestimmt nicht daran hindern, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Ich griff nach meiner Lederjacke und lief rasch die Stufen ins Parterre hinunter. Die Musik war ohrenbetäubend, die Tanzfläche so voll, dass ich mich nicht zur Bar durchkämpfen konnte. Ich blickte zur Empore hinauf. Simon hob sein Glas, dann deutete er mit dem Zeigefinger auf eine Stelle rechts von mir.
Ich nickte und schob mich durch die Menge hindurch auf meine Beute zu. Die schlanke, brünette junge Frau wiegte sich noch immer hin und her, verlor sich im Klang der Bässe. Mir lachte das Glück: Ihr Freund war nicht mehr in der Nähe; wahrscheinlich versuchte er beim Barista zwei Drinks zu bestellen. Ich schob mich immer näher an sie heran, bis ich ihr gegenüberstand. Als unsere Blicke sich trafen, hielt sie einen Moment inne und blinzelte mehrmals.
„Maxime“, stellte ich mich vor, indem ich meinen Mund ihrem Ohr näherte.
Ihre Lippen verzogen sich zu einem angedeuteten Lächeln. Ich blieb auf Tuchfühlung, und sie setzte sich wieder in Bewegung, wiegte lasziv das Becken. Sie drängte sich an mich, während meine Hände ihre Hüften umfassten. Der Typ von vorhin schien nicht weiter wichtig zu sein, denn sie stieß mich nicht weg, sondern schlang mir im Gegenteil die Arme um den Hals.
Meine Filmkarriere hatte mir Arbeit und Geld gebracht und erleichterte es mir außerdem, Beziehungen zu knüpfen. Die meisten Menschen verhielten sich mir gegenüber geradezu enthemmt: keinerlei Misstrauen, keine Zurückhaltung. Meine Berühmtheit schien sie grundlegende soziale Regeln vergessen zu lassen. Darum hatte ich mir diese Art zu funktionieren angewöhnt, bei der ich auf den Vornamen, den Charakter, ja, sogar auf das Leben der Mädels pfiff, die ich bumste.
„Bist du allein hier?“, fragte ich, um ins Gespräch zu kommen.
Sie schüttelte den Kopf, dann zeigte sie auf ihren Kerl, der noch immer an der Bar stand und sich über das Gezappel und Gedränge dort ärgerte.
„Ich weiß, wer du bist“, flüsterte sie an meinem Mund.
Sie löste die Hände von meinem Nacken und ließ sie über meinen Oberkörper hinabgleiten. Auf einmal wirkte ihr Blick wie verschleiert; ich drückte sie an mich und bewegte die Hüften im langsamen Rhythmus der Musik. Mit ihren langen Beinen und den üppigen Lippen sah diese Frau absolut erotisch aus. Ich war beinahe enttäuscht, dass sie sich wegen des Mannes, mit dem sie hergekommen war, kaum Sorgen zu machen schien. Ich hatte mir ein bisschen Gegenwehr erhofft, eine Art Spielchen, ja vielleicht sogar den Beginn einer Auseinandersetzung, aber diese Frau war offenbar bereit, sich mir widerstandslos hinzugeben.
„Wollen wir rausgehen?“, schlug ich vor, schon jetzt gelangweilt von der Mühelosigkeit, mit der ich sie erobert hatte.
Erneut wiegte sie sich in den Hüften und rieb sich aufreizend an mir. Ich ließ sie gewähren, ragte mit meinen eins achtzig über ihr auf, bis sie wieder hochkam, mich mit glühendem Blick betrachtete und sich dabei sinnlich auf die Unterlippe biss. Allmählich verging mir die Lust auf eine Prügelei, sie wurde durch Erregung und Verlangen ersetzt, und ich begann ernsthaft darüber nachzudenken, ob ich ihr befehlen sollte, für den Rest der Nacht die High Heels anzubehalten.
Ich drehte den Kopf zur Bar und bemerkte, dass ihr Freund seinen Posten verlassen hatte. Einige Sekunden lang suchte ich den Raum nach ihm ab und ballte die Faust, bereit zum Kampf. Mit etwas Glück würden mein Körperbau und ein zorniger Blick ausreichen, um den Typen zu vertreiben und mich selbst vor einem weiteren Skandal zu bewahren.
„Gehen wir vor die Tür“, sagte das goldene Minikleid.
Ich packte sie am Handgelenk und steuerte auf einen der Notausgänge zu. Angesichts der Entschlossenheit, mit der ich aus dem Club drängte, wichen die Leute vor mir zurück. Hinter mir klickten die Absätze des Mädchens über den Glasboden. Ich spürte Hände, die nach mir griffen, und hörte Leute meinen Namen flüstern wie ein schändliches Geheimnis. Ich überhörte das missbilligende Gemurmel und stieß die schwere Tür nach draußen auf.
Im ersten Moment überraschte mich die frische Nachtluft, sodass die Wirkung des Alkohols ein wenig gemildert wurde. Ich ging einige Schritte, und schon befand ich mich in einer dunklen Sackgasse.
„Hier?“, erklang die Stimme des Mädels.
„Ja, hier.“
Ich drückte sie an die Hauswand aus Beton und ließ die Hände über ihren Körper wandern. Das Dröhnen der Bässe war noch immer zu spüren. Zischend sog sie die Luft ein und wollte anfangen, sich über die Kälte zu beschweren. Ich drückte ihr die Lippen auf den Hals und spürte ihren leichten Schweißfilm, der sich mit ihrem teuren Parfüm vermischt hatte. Ihr Ärger verwandelte sich in Erregung, ein lustvolles Stöhnen entschlüpfte ihrem Mund. Ich ließ die Hände an ihrer Taille hinabgleiten und landete auf ihren Pobacken. Sie rieb sich an mir, bewusst obszön. Ich berührte ihre nackten Schenkel und schob ihr die Hände unter das knappe Kleid.
Die Schnalle wölbte den Rücken, presste ihr Becken an meines und überließ sich meiner Begierde. Ihre Gefühle waren mir scheißegal, ich wollte nur ihren Körper, und mit dem würde ich tun, wozu ich Lust hatte. Ich berührte sie flüchtig im Schritt, während sich meine Lippen einen Weg zu ihren eher kleinen Brüsten bahnten. Mit den Zähnen packte ich den Stoff ihres Bustiers und zog heftig daran, ihr Kleid erinnerte inzwischen eher an einen breiten goldenen Gürtel. Überrascht stieß sie einen leisen Schrei aus, während ich bereits ihre Brustwarzen bewunderte, die sich durch eine Mischung aus Kälte und Erregung aufgerichtet hatten.
Mit der Zunge reizte ich ihre Brüste, während ich ihr Geschlecht durch den Slip streichelte. Wie eine abgestellte Puppe lehnte sie mit ausgebreiteten Armen an der Wand, ohne mich zu berühren oder irgendeine Form von Initiative zu ergreifen.
„Hey!“, rief eine männliche Stimme in der Nähe.
„Mist!“, stieß sie erschrocken hervor.
Sie schubste mich weg und zog hastig ihr Kleid runter. Außer Atem und ziemlich sauer wegen der Unterbrechung drehte ich mich zu dem ungebetenen Gast um. Meine Erregung fiel blitzschnell in sich zusammen: Es war ihr Freund. Natürlich.
Das verlieh der Situation deutlich mehr Würze.
„Was geht hier vor?“
Kopfschüttelnd musterte er seine Freundin; sein Gesichtsausdruck verriet eine Mischung aus Ekel und Verständnislosigkeit. Rasch zog er sein Hemd aus und reichte es ihr.
„Um Himmels willen, zieh dir was über! Wir fahren nach Hause.“
Er machte einen Schritt auf mich zu. Seine Augen funkelten vor Wut, die Schultern waren angespannt, sein Kiefer mahlte. Die Wut schien in immer stärkeren Wellen von ihm auszugehen. Ich baute mich vor ihm auf und musterte ihn. Normalerweise beruhigten sich die Typen, wenn ich sie nur ansah.
„Der Schauspieler, stimmt’s?“, fragte er.
„Stimmt. Und ich finde deine Freundin ziemlich niedlich“, sagte ich in provozierendem Ton.
Das arme Mädel stand hinter ihm und streifte sich sein Hemd über. Ihr Blick war auf den Boden geheftet, und sie schwitzte vor Demütigung, so, wie ihr Typ vor Wut schwitzte. Wäre sie mir nicht völlig egal gewesen, hätte sie mir leidtun können. Sobald sie mich weggestoßen hatte, hatte ich das Interesse an ihr verloren. Ehrlich gesagt, reizte mich die Aussicht auf eine Prügelei mit ihrem Typen inzwischen mehr als eine schnelle Nummer mit ihr.
„Nenn mir einen guten Grund, warum ich dir nicht aufs Maul hauen sollte“, sagte der Typ.
„Das werde ich auf keinen Fall tun“, zischte ich ihn an.
Im nächsten Augenblick schmetterte er mir die Faust gegen die Schläfe. Erstaunt von der Wucht des Aufpralls, geriet ich ins Stolpern und taumelte einige Schritte zurück. Als er zum zweiten Schlag ansetzte, gelang es mir, seinen Arm zu blockieren und ihm die Faust in den Magen zu rammen. Er stieß ein gequältes Gurgeln aus, beugte sich vor und rang nach Luft. Er richtete sich wieder auf, und erneut landete ein Fausthieb auf meinem Kiefer, dann einer auf der Wange. Er drückte mich an die Wand, und seine Hand schloss sich um meinen Hals, sodass ich keine Luft mehr bekam. Mein Schädel schlug gegen den Beton; es fühlte sich an, als hallte der Aufprall in meinem ganzen Körper wider.
Es gelang ihm, meinen Schlägen auszuweichen, aber als mein Knie in seinem Schritt landete, grunzte er vor Schmerz.
Ich hatte wahnsinnige Kopfschmerzen und taumelte weiter in die Sackgasse hinein, um auf Sicherheitsabstand zu gehen. Ich fuhr mir mit den Fingern über den Mund, der vertraute metallische Geschmack von Blut ließ meinen Zorn wieder aufleben und verlieh mir neue Energie. Ich raste auf ihn zu, entschlossen, meine Wut an ihm auszutoben. In seinem Blick flackerte Angst auf. Jetzt bereute er die Feindseligkeit, mit der er auf mich losgegangen war. Bereit, die Flucht anzutreten, wich er zurück, stolperte aber und landete mit dem Hintern auf dem schmutzigen Boden.
Ich ließ Faustschläge auf ihn niederregnen, obwohl er sich schützend die Arme vors Gesicht hielt. Mein Atem ging schwer, mir dröhnte der Kopf, aber ich schlug unaufhörlich auf ihn ein. Er würde bezahlen. Er würde bezahlen für all diejenigen, die mich ihre Herablassung hatten spüren lassen. Er würde bezahlen, weil er es von Anfang an leichter gehabt hat als ich, er bezahlte für sein perfektes Leben. Und endlich war ich besänftigt – für eine Weile. Ich hatte meine Revanche bekommen.
Das Mädchen schrie, sie flehte mich an, aufzuhören, drohte mir schließlich, die Polizei zu rufen. Als ich wieder hochkam, rang ich nach Luft, und mein Hemd war blutbefleckt. Die Haut meiner Fingerknöchel war abgeschürft, aber ich war erleichtert. Der Druck, der mich im Club überwältigt hatte, ließ endlich nach.
Der Typ lag wimmernd am Boden, sein Seufzen und Stöhnen hallte in der kleinen Sackgasse wider. Ich starrte ihn noch immer an, während seine Freundin sich über ihn beugte und heiße Tränen vergoss. Ich spuckte auf den Boden und begutachtete den Schaden: Mein Hemd befand sich in einem erbärmlichen Zustand, und in wenigen Stunden würde ich einen Bluterguss von der Größe Australiens im Gesicht haben.
„Ich prügle mich halt gern“, sagte ich schließlich. „Wenn du unbedingt einen Grund hören willst …“
„Verpiss dich“, knurrte er.
„Würde ich ja gern, aber deine Freundin scheint damit nicht einverstanden zu sein.“
Blaue und rote Lichter zuckten über die Backsteinmauer und ließen mein Siegerlächeln verblassen. Dass die Polizei auftauchte, gehörte nicht zu meinem Plan. Die würde keine fünf Sekunden brauchen, um zu kapieren, was hier vor sich ging. Ich sah bereits die Probleme vor mir, mit denen ich mich würde herumschlagen müssen: strafrechtliche Verfolgung, weil ich diesen Typen zusammengeschlagen und einen zu hohen Alkoholspiegel im Blut hatte, ein hübscher Skandal für die Presse, die Verschiebung der nächsten Dreharbeiten, meine stinkwütende Agentin, die scheinheiligen Blicke der Kollegen aus dem Filmgeschäft. Das würde ein paar Tage so gehen, dann wäre die Sache wieder vergessen.
Dies war einer der Vorteile meines Berufs: Man konnte unausstehlich sein, sämtliche Grenzen missachten, einen Unschuldigen in einer dunklen Ecke windelweich prügeln – jedes Fehlverhalten wurde einfach hingenommen und als „Entgleisung“ bezeichnet. Nach ein paar Entschuldigungen mit zerknirschter Miene war alles wieder in Ordnung, die Zeche war bezahlt.
Mithilfe seiner Freundin stand der Typ auf und stolperte auf die Mauer zu, um sich daran abzustützen. Ich wog meine Chancen ab: Blieb mir noch genug Zeit, um die Flucht zu ergreifen? Ich befand mich in einer Sackgasse. In jeder Hinsicht. Selbst wenn ich es zurück in den Club schaffte, würden sie mich in Anbetracht meines Zustands schnell aufspüren. Das Blut auf meinen Händen und Lippen trocknete bereits. Ich ging tiefer in die Sackgasse hinein, überzeugt, der Polizei ausweichen und das kaputte Liebespaar hinter mir lassen zu können. Ich kam auf der Avenue heraus, die hinter dem Club verlief, und sah mich rasch um.
Sollten die Flics bereits ausgestiegen sein, hielten sie sich zurück. Vermutlich waren sie wegen etwas Wichtigerem als einem Schauspieler gerufen worden, der sich mit einem Normalsterblichen schlägt.
Es war eine süße Illusion. Ich war noch keine zwei Schritte gegangen, da rief mich ein Polizist beim Namen und befahl mir, auf der Stelle stehen zu bleiben. Ich beachtete ihn nicht weiter und holte ein Päckchen Zigaretten aus der Gesäßtasche meiner Jeans.
„Stehen bleiben!“, brüllte er erneut.
Ich ging weiter, drehte den Bullen den Rücken zu und zündete mir eine an. Ich kam nicht mehr dazu, mein Feuerzeug wieder einzustecken. Plötzlich wurde ich heftig nach vorn geschleudert und knallte mit dem Gesicht auf die Motorhaube eines Wagens. Als der Bluterguss auf das eiskalte Metall traf, verzog ich vor Schmerz das Gesicht.
„Stehen bleiben, habe ich gesagt!“, zischte der Bulle, der nun hinter mir aufragte und mir eine Hand zwischen die Schultern presste.
Er suchte mich ab, betastete meine Taschen und den unteren Rücken.
„Hast du was dabei?“, fragte er und warf mein Zigarettenpäckchen auf den Boden.
„Nein, nichts.“
Es war nicht das erste Mal, dass ich festgenommen wurde, also wusste ich genau, was nun folgen würde. Sie würden mir auf offener Straße einen Verweis erteilen und mich gehen lassen, nachdem ich versprochen hatte, mich von nun an zu benehmen.
Plötzlich packte mich der Polizist am rechten Handgelenk, und ich spürte, wie sich die Handschelle darum schloss. Die andere Hand folgte, und an der kleinen Kette, die meine Fäuste miteinander verband, wurde ich grob zurückgezogen. Das kalte Metall schnitt mir in die Handgelenke, und die Brutalität, mit der die Festnahme vor sich ging, ließ mich missbilligend knurren. Die Sache verlief anders als vorhergesehen.
„Hey, langsam“, schimpfte ich.
„Träum weiter“, kam es postwendend. „Du verbringst die Nacht auf dem Revier, vielleicht beruhigst du dich dann wieder.“
„Ich möchte jemanden anrufen.“
Die Antwort des Bullen bestand darin, dass er heftig an der Kette zog, woraufhin sämtliche Muskeln in meinem Körper zu rebellieren begannen; vor allem meinen Schultergelenken gefiel diese Behandlung überhaupt nicht. Ich stolperte über einen Gullydeckel und senkte den Blick. Trotz allem musste ich grinsen – diese Farce war ein einziger großer Spaß für mich.
Der Polizist öffnete die Tür eines Zivilstreifenwagens und drückte mir zum Einsteigen den Kopf hinunter.
„Muss das sein?“, fragte ich.
Als ich ein letztes Mal aufblickte, stellte ich fest, dass sich auf dem Bürgersteig mehrere Fotografen befanden, die offenbar vorhatten, das Foto des Jahrhunderts zu verkaufen. Tja, Mathilde würde mir das Grinsen schon noch austreiben.
„Einsteigen!“
Der Wagen rauschte ab, und ich sah gerade noch, wie uns mit Kameras bewaffnete Paparazzi im Laufschritt folgten.
„Wohin fahren wir überhaupt?“
„Zum Polizeirevier des 9. Arrondissements. Sehr gemütlich dort, Sie werden sehen!“


2 – »Meine Güte, wie …
Sarah 

„Meine Güte, wie viel hast du denn bestellt?“
„Sie werden nach Gewicht verkauft. Ich habe ein sehr gutes Geschäft gemacht!“, verteidigte ich mich und schob das graue Samtsofa in der Leseecke etwas nach hinten.
Baptiste musterte mich genervt. Leicht verlegen und ein wenig beschämt blickte ich auf den Boden, denn ich kam mir vor wie ein Kind, das mit dem Finger im Marmeladenglas erwischt wird. Nur dass meine Marmelade antiquarische Bücher waren.
Die heutige Lieferung belief sich auf annähernd vierzig Kilo.
Zugegeben: Das entsprach keinem Glas, sondern eher einem Kessel voller Marmelade, und ich steckte bis zu den Ellbogen in der klebrigen Masse. Ich stand dazu, und die Scham wich rasch einem gesunden Gefühl von Stolz.
„Lesen ist eine positive Sucht“, erklärte ich, während mein Nachbar die vierte Bücherkiste auf den Stapel stellte. „Ich habe so viel bestellt, dass es für die nächsten Wochen reicht.“
„Sarah, diese Bücher sind zum Weiterverkaufen bestimmt, das ist dir doch klar, oder?“
Baptiste, der das einzige akzeptable Restaurant in der Stadt betrieb, war groß und von stämmiger Statur. Er verhielt sich stets zuvorkommend, war ungefähr so alt wie mein Vater, und er liebte es, mich wie eine Tochter zu behandeln. Er vergewisserte sich, dass ich regelmäßig aß, und nahm mich ebenso regelmäßig wegen der Buchhandlung ins Gebet. Seiner Ansicht nach besaß ich keinerlei Geschäftssinn und drohte noch vor Ende des Jahres pleitezugehen.
„Ja, ich weiß. Aber vorher werde ich mich davon überzeugen, dass die Bücher in Ordnung sind.“
„Sarah“, ermahnte er mich stirnrunzelnd.
Ich überhörte es und öffnete die erste Kiste. Taschenbücher verkauften sich am besten. Und ich hatte mir mit dem „Buchgetränk“ sogar ein spezielles Angebot überlegt: Zu jedem gekauften Taschenbuch gab es ein Heißgetränk gratis. Damit belohnte ich die Leserinnen und Leser und lockte zugleich die Koffeinsüchtigen an, die mit der Tasse in der Hand zwischen den Regalen der Buchhandlung herumschlendern konnten.
Es kam günstiger, gebrauchte Bücher in großen Mengen zu kaufen, und außerdem hatte ich das Gefühl, etwas Gutes zu tun, indem ich sie vor der Mülldeponie bewahrte. Ich sortierte die Bände, flickte sie, wenn nötig, legte sie im Schaufenster aus und stellte sie gelegentlich für die abendlichen Treffen des Leseclubs nach Themen zusammen.
Aber dies war mein Lieblingsmoment: der Augenblick, in dem ich die Bücher entdeckte, in dem wir Bekanntschaft miteinander machten und ich mir vorzustellen versuchte, durch wessen Hände sie bereits gegangen waren. Ich atmete ihren Duft ein, strich über das Papier und verlor mich in der Betrachtung der Titelbilder.
Ich hatte nie Gelegenheit gehabt zu verreisen, aber ich las, und das war beinahe das Gleiche – nur ohne Jetlag und vom gemütlichen Sofa aus.
Ich nahm ein Buch aus der Kiste und blätterte es rasch durch, ehe ich fortfuhr: „Ich muss mir den Allgemeinzustand ansehen, das Cover und so. Wusstest du, dass es grausame Menschen gibt, die Eselsohren in Buchseiten machen?“
„Das sind zweifellos gefährliche Straftäter“, spöttelte Baptiste.
„Genau wie die Leute, die deinen Bordeaux mit Wasser verdünnen.“
„Na, die haben wirklich einen qualvollen Tod verdient. Aber ich glaube nicht, dass ein Eselsohr …“
Ich hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Ohne ein Wort strich ich die Ecke einer Seite wieder glatt, die ein böser Mensch umgeknickt hatte. Das empörte mich immer wieder aufs Neue, dass manche Leute so wenig Respekt vor Büchern hatten.
„Ich hole mal die anderen Kisten“, sagte mein Nachbar schließlich.
Vertieft in die vergilbten Seiten, nickte ich nur zerstreut.
„Sarah?“
„Ja.“
„Nicht lesen. Begnüg dich damit, sie auszupacken, du hast noch zu tun.“
Ich hatte bereits begonnen, diese neue Geschichte zu verschlingen und dabei bereitwillig vergessen, dass ich erst alles auspacken und erfassen musste, ehe ich Nutzen aus der Lektüre ziehen konnte. Baptiste lief noch dreimal hin und her, und bald darauf sah ich mich – auf dem Boden sitzend – von Pappkisten umzingelt. Ich zog mir die Schuhe aus und leerte die erste Kiste, indem ich die Bücher gewissenhaft aufeinanderstapelte.
„Findest du denn Platz dafür?“, fragte Baptiste, der an der Wand lehnte.
„Anita bringt mir noch ein paar alte Regale zurück. Könntest du vorbeikommen und sie für mich aufstellen? Ich will sie unter der Treppe unterbringen, um die Lücke dort zu füllen.“
„Von mir aus.“
Er seufzte, und seine Worte schienen in der Luft zu hängen, als wartete er auf eine Antwort von mir. Ich musterte ihn eine Weile scharf, dann schenkte ich ihm ein Lächeln. In besorgtem Ton fragte er: „Ich gehe mit dem Ensemble ein Glas Wein trinken, kommst du mit?“
Ich schaute Baptiste an. Inmitten der Bücherkisten und im Trancezustand der Entdeckung dachte ich mir bereits Themengruppen für all diese Wunderwerke aus, und er schlug mir vor, einen trinken zu gehen? Als ich schwieg, kam er mit väterlich-missbilligender Miene auf mich zu.
„Ich mache mir Sorgen um dich“, sagte er.
„Mir geht’s gut.“
„Ich weiß, dass die Buchhandlung im Augenblick schlecht läuft.“
Ich war im Begriff, etwas zu erwidern, aber er hob gebieterisch den Zeigefinger. Baptiste nahm seine Rolle als Ersatzvater ein bisschen zu ernst, und manchmal ging mir das auf die Nerven. Jahrelang hatte meine Großmutter diese Buchhandlung geführt. Vor ihrem Tod hatte sie mir alles übertragen: den Laden, ihre Liebe zu Büchern, ihren Sinn fürs Teilen. Einfach alles. Seitdem tat ich mein Bestes, um den Fortbestand des kleinen Unternehmens zu sichern.
„Das wird schon wieder. Bald fangen die Sommerferien an, da gehen die Geschäfte immer sehr gut.“
„Sarah …“
Eilig räumte ich eine weitere Bücherkiste aus und ignorierte den bohrenden Blick meines Nachbarn. Er brauchte nicht zu wissen, dass die Konten in den roten Zahlen standen und der Bankberater mich drängte, endlich einen Gesprächstermin mit ihm zu vereinbaren. „Wir müssen Ihre Situation erörtern“, hieß es, aber das war nur eine bequeme Redensart, um mich in die Knie zu zwingen und mich vollends fertigzumachen, indem sie von mir verlangten, den Laden zu verkaufen.
Baptiste nahm mir das Buch aus der Hand, das ich gerade begutachtete. Ich hob den Kopf und musterte ihn gereizt.
„Ich arbeite gegenüber, ich sehe doch, was hier los ist. Willst du darüber reden?“
„Es ist alles in Ordnung, wirklich“, sagte ich im Brustton der Überzeugung.
„Und Pauline?“
„Was soll mit ihr sein?“
Ich stand auf und klopfte mir den Staub von der himmelblauen Jeans. Um etwas Platz zu schaffen, stieß ich mit dem Fuß einen Kistenstapel beiseite. Die Leseecke, die aus einem Sofa und drei senfgelben Lehnsesseln bestand, war komplett zugestellt. Bis zum nächsten Morgen, wenn ich öffnete, musste alles weggeräumt sein.
„Ich weiß, dass ihr euch nicht mehr so häufig seht, seit sie geheiratet hat. Vielleicht solltest du dich mal mit anderen Leuten treffen.“
„Pauline war in den Flitterwochen. Und außerdem habe ich dich und Anita und das komplette Ensemble. Ich brauche keine neuen Leute. Mit euch habe ich schon genug zu tun!“
„Mit einem Trupp alter Wracks, von denen die Hälfte taub ist und unter Arthrose leidet?“
„Und die andere Hälfte?“, fragte ich belustigt.
„Die andere Hälfte hat Probleme mit dem Gedächtnis oder mit der Prostata. Oder sogar mit beidem, wenn sie Pech haben. Sarah, niemand will seine Zeit mit Leuten verbringen, die ihren Hausarzt als Familienmitglied ansehen. Du solltest mit Menschen deines Alters verkehren.“
Ich hielt inne, wusste nicht recht, ob ich amüsiert oder verblüfft sein sollte. Ich kümmerte mich gern um das Theaterensemble der Stadt. Ich mochte den Buchladen, und ich mochte das Leben in diesem Ort. In meinen Augen hatte ich alles, was ich brauchte, und ich empfand keinerlei Bedürfnis, etwas anderes zu tun.
„Dazu habe ich keine Zeit“, antwortete ich ausweichend. „Und erst recht keine Lust!“
„Hast du schon mal ans Internet gedacht? Du könntest Bekanntschaften schließen, deine Leidenschaft mit anderen teilen.“
„So etwas interessiert mich nicht, Baptiste.“
„Und warum gehst du nicht zu der Party vor der Weinlese? Da sind jede Menge junge …“
„… stockbesoffene, hirnlose Typen, die schlecht riechen. Für jemanden, der um mein Wohl besorgt ist, finde ich deine Ideen ziemlich fragwürdig.“
„Okay, okay. Aber du kannst doch nicht immer allein bleiben! Du brauchst einen Mann, der sich um bauliche Maßnahmen im Laden kümmert … und die Bücherkisten schleppt.“
„Ich tue jetzt mal so, als wäre diese Bemerkung überhaupt nicht sexistisch, und empfehle dich für die weibliche Hauptrolle in unserem nächsten Stück.“
„Du weißt genau, wie ich das meine“, sagte er und seufzte. „Ich mache mir Sorgen um dich. Wir alle tun das. Eine hübsche junge Frau wie du …“
Dieses Gespräch wurde allmählich anstrengend. Alle hatten eine Meinung über mich und mein Liebesleben, sogar meine Freunde. Seit mehreren Wochen versuchte das Ensemble mit diebischem Vergnügen, mich aus dem Laden zu locken, aber bisher war ich standhaft geblieben. Ich war gern hier, und ich war gern allein. Es machte mir nichts aus. Ich brauchte niemanden und verspürte auch sonst keinen Mangel, mit dem Laden war ich völlig ausgelastet. Offen gesagt, hätte ich nicht gewusst, wie ich Zeit für eine Beziehung aufbringen sollte.
„Mir geht es gut hier inmitten der Bücher und weit weg von der Realität. Und das mit deiner Prostata tut mir leid“, fuhr ich fort, um vom Thema abzulenken.
„Aber … woher …“
„Eine einfache Schlussfolgerung, Baptiste. So, und jetzt möchte ich gern mit dem Auspacken fertig werden. Wenn die Bücher da drinbleiben, werde ich sie nie verkaufen.“
„Nicht mal auf ein Glas?“, hakte er nach.
„Nein. Danke, Baptiste.“
Um das Gespräch zu beenden, gab ich ihm einen Kuss auf die Wange, die von einem dünnen, grau melierten Bart bedeckt war. Ich hörte meinen Nachbarn ein weiteres Mal seufzen, ein sicheres Anzeichen dafür, dass er sich erneut mit einer Niederlage abfinden musste.
„Brauchst du noch Hilfe?“, fragte er, während er auf die Tür zusteuerte.
„Nein, ich komme klar. Geh nach Hause. Gloria wartet sicher schon auf dich.“
„Sie gehört zu der Hälfte, die taub ist. Um diese Zeit sitzt sie vor dem Fernseher vor ihrer Serie und schläft, und dann könnte ein Flugzeug neben ihr starten, ohne dass sie eine Miene verzieht.“
„Das erzähle ich ihr …“
„Hab ich mir schon gedacht.“
Auf der Schwelle des Ladens lächelte er mich noch einmal an und zog mich in eine freundschaftliche, warmherzige Umarmung. Innerhalb einer Sekunde hatte ich unser Gespräch vergessen und ihm seine aufdringliche Neugier verziehen.
„Geh nicht so spät ins Bett“, ermahnte er mich. „Und schließ die Tür ab.“
Ich blieb auf der Schwelle stehen, während er seine Weste zuknöpfte und sich ans Steuer seines Transporters setzte. Ohne Baptiste wäre ich gezwungen gewesen, mir die Bücher liefern zu lassen und ein Vermögen dafür auszugeben. Ohne es zu wissen, war er mir auch auf diese Weise eine große Hilfe, und dafür mochte ich ihn noch lieber.
Ich winkte ihm zum Abschied und wartete, bis er um die Ecke gefahren war, ehe ich wieder hineinging. Ich schloss die Tür und ließ den Blick über die Nachbarhäuser schweifen: Rechts säumte Baptistes Restaurant mit der Terrasse voller prächtig blühender Blumen den Platz, links befand sich eine Bäckerei in unmittelbarer Nachbarschaft eines Gemüsehändlers. Und direkt gegenüber stand der Blumenladen. Frédéric, der Florist, hatte stets ein Lächeln auf den Lippen und verfügte über einen üblen Sinn für Humor. Sehr bald hatte sich herausgestellt, dass wir einiges gemeinsam hatten: Er las gern und trank seinen morgendlichen Espresso am liebsten ohne Zucker. Gelegentlich brachte er mir Blumen vorbei, weil es ihn zu sehr betrübt hätte, sie wegzuwerfen. Der Gedanke an dieses Detail entlockte mir ein Lächeln, während ich dabei war, die Tür zu verriegeln.
Ich ging in die Leseecke zurück und öffnete vorsichtig sämtliche Kisten. Inmitten der Bücher fühlte ich mich sicher und geborgen. Baptiste war besorgt, ich sei zu einsam, dabei war es wesentlich leichter so. Das ersparte mir mitleidige Blicke. Ich musste das Geflüster und den Spott der Leute nicht mehr hören, die meine Eltern noch gekannt hatten. Manchmal dachte ich, dass es einfacher gewesen wäre, wegzugehen und ein neues Leben anzufangen, unberührt von den Eskapaden meiner Familie. Mehrmals hatte ich meine Koffer gepackt, meine Meinung aber wieder geändert: Wohin hätte ich auch gehen sollen? Mein Leben spielte sich nun mal hier ab.
Ich verbrachte den Großteil der Nacht damit, meine zuletzt erworbenen Schätze einzuräumen. Nachdem ich die Pappkisten zusammengefaltet und in einer Ecke des Ladens aufgestapelt hatte, stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung hinauf. Außer dem Geschäft hatte meine Großmutter mir auch eine Unterkunft in der oberen Etage hinterlassen. Nach ihrem Tod hatte ich die Räume renoviert; die vergilbten Tapeten waren einer Schicht weißer Farbe und einigen Schwarz-Weiß-Fotos gewichen. Das Wohnzimmer quoll über vor Büchern, die sich sogar auf meinem Schreibtisch ausgebreitet hatten. Den Großteil der Zeit arbeitete ich auf der Couch, machte die Terminplanung für den Club und überlegte mir neue Aktionen für die Stammkunden.
Der Rest der Wohnung bestand aus zwei weiteren Zimmern: Ich schlief in dem Raum mit dem großen Glasfenster, das auf den Park hinter dem Haus ging, während mir das andere Zimmer als Zwischenlager für noch mehr Bücher diente.
Ich bereitete mir ein leichtes Abendessen zu und listete auf, was ich am nächsten Tag zu tun hatte. Den beiden Rechnungen – Telefon und Strom –, die geduldig darauf warteten, bezahlt zu werden, schenkte ich demonstrativ keine Beachtung. Irgendeine Lösung würde sich schon finden.

Am nächsten Tag nutzte ich den strahlenden Sonnenschein, um vor dem Laden ein paar Tische aufzustellen. Ich holte auch die minimalistische Getränkekarte hervor und fuhr mühsam einen Verkaufsständer hinaus. Perfekt aufgereiht standen die Bücher vom Vorabend darauf, nach altem Papier und ebenso alter Druckerschwärze duftend und bereit, gekauft zu werden.
Um elf Uhr kam wie üblich Anita mit dem Überschwang ihrer fünfundfünfzig Lenze in den Buchladen gestürmt. Stets originell gekleidet – heute hatte sie sich für eine individuell gestaltete Jeanslatzhose mit Stickereien und Schottenkaro-Flicken entschieden –, schäumte sie über vor immerwährender guter Laune, gepaart mit einem ziemlich beißenden Sinn für Humor. Nach ihrer dritten Scheidung vor vier Jahren hatte sie beschlossen, aufs Land zu ziehen und Jugendlichen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu helfen. Für ihr finanzielles Wohlergehen sorgten ihre Ex-Ehemänner. Nachdem sie mich herzlich begrüßt hatte, musterte sie mich von Kopf bis Fuß und verzog das Gesicht.
„Hm, ich würde sagen … keine fünf Stunden Schlaf?“
„Dreieinhalb“, antwortete ich und unterdrückte ein Gähnen.
„Baptiste hat mir erzählt, dass du Bücher angekauft hast.“
Trotz ihrer lässigen Art gelang es Anita virtuos, ihr Missfallen zum Ausdruck zu bringen. Sie setzte ein halbes Lächeln auf und runzelte leicht die Stirn, und ich hatte längst gelernt, die Zeichen zu deuten. Diesmal verriet sie außerdem ihr Tonfall, der ein bisschen ernster war als sonst.
„Halt mir bitte keine Moralpredigt“, sagte ich und stürzte mich sofort wieder in die Arbeit. „Du weißt, dass ich das Lager ständig ergänzen muss, um die Kunden bei der Stange zu halten.“
„Deine Regale sind jetzt schon kilometerlang. Du solltest ein bisschen vernünftiger sein.“
„Ich weiß genau, worauf dieses Gespräch hinausläuft“, sagte ich ausweichend.
„Tatsächlich?“
„Tatsächlich. Du wirst mir etwas über Bücher erzählen und sagen, dass du dir Sorgen um den Laden machst. Und danach geht es weiter mit angedeuteten Vorschlägen für mein nicht existentes Liebesleben …“
„Sarah“, fiel sie mir ins Wort.
Ich hob eine Hand und fuhr fort: „Natürlich wirst du dich deutlich genug ausdrücken, damit ich gekränkt bin und gleichzeitig verunsichert genug, um die gewünschten Schlüsse daraus zu ziehen. Du wirst auf der Tatsache herumreiten, dass ich schon lange allein bin, und mir vorschlagen, mich mit einem Gleichaltrigen zu treffen, zum Beispiel mit dem besten Freund deines Sohnes.“
Anita starrte mich mit offenem Mund an, den Ellbogen auf die Theke gestützt, die als Treffpunkt diente. Sie richtete sich auf und verzog den Mund zu einem strahlenden Lächeln. Zufrieden, weil ich ihren Angriff abgewehrt hatte, kam ich langsam wieder zu Atem.
„Einen Kaffee?“, fragte ich.
„Einen koffeinfreien. Und tatsächlich wollte ich dir gerade von meinem Neffen erzählen“, korrigierte sie mich.
Ich ging zur Kaffeemaschine und kehrte meiner Freundin den Rücken zu.
„Warum wollt ihr mich unbedingt unter die Haube bringen?“, fragte ich, während ich den Wasserbehälter füllte. „Ich bin gern allein, ich habe Arbeit und überhaupt keine Zeit, mit dem erstbesten Typen zu flirten.“
„Zu flirten?“
Ich musterte sie mit finsterem Blick, ehe ich eine Tasse herausholte und sie unter die Kaffeedüse stellte. Vergeblich versuchte ich meinen Ärger zu unterdrücken. Ich hatte es immer schon gehasst, wenn andere sich in meine Angelegenheiten einmischten. Und dass sie alle so besessen von meinem Liebesleben waren, wurde allmählich geradezu beleidigend. Entweder wollten sie mich loswerden, oder sie hielten mich für zu tollpatschig, um einen Mann zu verführen.
Niemals würde ich zugeben, dass die zweite Vermutung die richtige war. Ich war einfach keine dieser femininen Frauen voller Geist und Witz, die sich in ihrem Körper wohlfühlen. Ich trug Jeans und T-Shirt, ließ meine Haare an der Luft trocknen und machte mir absolut nichts aus Schminke. Ich beneidete Frauen, die es verstanden, ihre Vorzüge zur Geltung zu bringen, die mit entschlossener Miene und sinnlichem Lächeln an ihrem Haar herumspielten.
Mein Leben war diese Buchhandlung. Den ganzen Tag lang dachte ich an Bücher … und sprach darüber. Sogar mit Männern, die mir möglicherweise gefielen. Und das verwandelte mich unweigerlich und immer wieder in eine Langweilerin, eine schüchterne graue Maus.
Ich selbst war die Einzige, die mein Liebesleben behinderte, ich war eine verdammte Spaßbremse mit dicken Socken und Wollstrickjacke.
„Ja, flirten“, fuhr ich fort. „Dafür habe ich keine Zeit! Und außerdem habe ich ständig eiskalte Füße und keine Ahnung, welchem Typ Mann so was gefallen könnte.“
„Sarah …“
„Hier wird jedenfalls garantiert keiner hereinschneien und mich zum Abendessen einladen.“
„Sarah …“
„Und wenn doch, ist er so alt wie mein Opa und starrt mich notgeil an. Glaub mir, der Märchenprinz kommt nicht …“
Mit Anitas Tasse in der Hand verstummte ich mitten im Satz, denn Frédéric, der Florist aus der Nachbarschaft, tauchte plötzlich mit einem Strauß roter Pfingstrosen auf und warf meiner Freundin einen verschwörerischen Blick zu. Ich stellte Anitas koffeinfreien Kaffee auf die Theke und wischte mir nervös die Hände an meiner Jeans ab.
Ich war nicht nur eine Spaßbremse auf Beinen, sondern hatte außerdem ein ausgeprägtes Talent dafür, in jedes Fettnäpfchen zu treten.
„Salut“, murmelte ich.
„Salut. Die sind für dich, ich dachte, sie gefallen dir vielleicht“, sagte Frédéric und hielt mir den Strauß hin.
Wie oft mir ein Mann Blumen geschenkt hatte, ließ sich an den Fingern einer Hand abzählen. Und vier von diesen fünf Sträußen hatte mir Frédéric überreicht. Es war deprimierend. Dennoch nahm ich sein Geschenk mit einem strahlenden Lächeln entgegen. Er blickte mir unverwandt in die Augen, und unsere Hände streiften sich in dem Moment, in dem ich die Finger um die Blumen schloss. Verlegen und mit rasendem Herzen senkte ich den Blick und nahm ihm den Strauß mit einer ruckhaften Bewegung aus der Hand.
Selbstverständlich verzog er keine Miene, sondern starrte mich nur an und fragte sich vermutlich, wie es um meine geistige Gesundheit stand.
„Danke“, flüsterte ich und spürte, wie meine Wangen heiß wurden.
„Du solltest dir öfter mal Blumen kaufen!“
„Das täte ich auch, wenn ich das Geld dafür hätte. Vielen Dank für den Strauß.“
„Keine Ursache. Ich dachte mir schon, dass sie dir gefallen würden. Ich habe gesehen, wie du die Tische rausgestellt hast.“
„Heute Nachmittag soll es prächtiges Wetter geben, habe ich gehört. Und du, wie sieht’s bei dir mit Aufträgen aus?“
„Am Wochenende habe ich eine Hochzeit, damit dürfte ich für den Rest der Woche ausgelastet sein. Da bleiben bestimmt ein paar Blumen übrig, die bringe ich dir dann.“
Gegen meinen Willen verspürte ich einen leichten Stich in der Herzgegend. „Für den Rest der Woche ausgelastet“, das bedeutete vor allem, dass er mich nicht besuchen würde. Frédéric tauchte für gewöhnlich am Abend bei mir auf, bestellte einen Kaffee, schlenderte durch den Laden und fragte mich schließlich, ob es etwas gab, das er unbedingt lesen musste.
Mein Nachbar gefiel mir. Er war groß, brünett, muskulös, zuvorkommend, lustig, scharfsinnig und faszinierend – damit entsprach er allem, was ich an Männern mochte. Oder jedenfalls fast allem. Wäre er an mir interessiert, wäre er definitiv die Verkörperung des idealen Mannes. Aber ich hatte sehr bald begriffen, dass er nur eine nette, hilfsbereite Nachbarin in mir sah.
„Das ist doch super!“, rief ich, um meine Enttäuschung zu verbergen.
„Also, was ist das für eine Geschichte mit diesem Mann, der dich zum Essen einlädt?“
Ich warf Anita einen Blick zu. Vorsichtshalber wich sie ein paar Schritte zurück und trat die Flucht in die Krimiabteilung an, während ich sie und ihre Nachkommen der nächsten Generationen verfluchte. Ich nahm einen Stift, griff nach meinem Terminplan und tat so, als müsste er auf der Stelle berichtigt werden. Vor lauter Panik zitterten mir die Hände, und ich versuchte das unangenehme Hitzegefühl nicht zu beachten, das mich überkam. Ich strich zwei Felder durch, kritzelte eine unleserliche Notiz und wendete das Blatt, um zwei Romantitel darauf zu notieren.
Als ich, verkrampft vor Nervosität, den Kopf hob, war Frédéric immer noch da. Ein amüsiertes Lächeln umspielte seinen Mund. Mein Herz schlug ein bisschen schneller, als ich seinen fröhlichen Blick und dieses unwiderstehliche Grübchen in seiner Wange sah.
„Bilde ich mir das nur ein, oder tust du gerade so, als sei ich gar nicht da?“
Ich bin das Mädchen, das am Boden des Lochs noch weitergräbt. Vermutlich, weil ich meine Scham dort beerdigen will, meine Schüchternheit und meinen Magen, der Loopings dreht.
„Ich … ähm … Niemand hat mich zum Essen eingeladen“, sagte ich schließlich, während ich den Stift zwischen den Fingern hin und her drehte.
„Und was machst du morgen?“
Der Stift flog durch die Luft, und ich ertappte mich dabei, dass ich mir die Finger rieb wie ein kleines Mädchen, das dringend zur Toilette muss. Ich war gleichzeitig erschrocken über seine harmlose Frage und bestürzt wegen meines eigenen Verhaltens. Meine krankhafte Schüchternheit würde die geringen Chancen zerstören, die ich bei diesem Mann vielleicht hatte.
Plötzlich verblasste Frédérics Lächeln, und er runzelte die Stirn.
„Ich hab ganz vergessen, dass du den Leseclub hast.“
„Ähm … äh … ja. Aber …“
„Und ich weiß, dass du nie einen Termin ausfallen lässt.“
„Ach ja?“
„Das gehörte zu den ersten Dingen, die du mir erzählt hast, als ich hier angekommen bin. Ich will deine Pläne und die der anderen nicht durchkreuzen.“
Ich unterdrückte ein frustriertes Stöhnen. Wenn ich nicht endlich lernte, den Mund zu halten, würde ich mir mein Leben irgendwann selbst vermasseln. Ich überlegte fieberhaft, wie ich die Situation retten konnte, ohne den Eindruck völliger Verzweiflung zu erwecken.
„Vielleicht an einem anderen Abend?“
Ich war beeindruckt von mir selbst, weil ich weder gestammelt noch wie ein Teenager gequiekt hatte. Stattdessen trat ich weiterhin von einem Fuß auf den anderen wie ein Kind vor der Bescherung am Heiligen Abend. Frédéric musterte mich. Er zögerte. Schließlich nickte er und schlug vor:
„Treffen wir uns doch zum Mittagessen.“
„Ja, super! Morgen?“
Innerlich geißelte ich mich für meine allzu offensichtliche Begeisterung, und ich kniff die Lippen zusammen, damit keine weitere Dummheit aus meinem Mund kommen konnte. Um einen unangebrachten Wortschwall zu unterdrücken, umklammerte ich die Theke – vor ihm auf dem Boden zu kriechen wäre dann doch zu demütigend gewesen.
„Morgen bin ich schon verabredet, aber vielleicht … übermorgen?“
„Ja, super!“
„Ich bringe dir Blumen mit“, versprach er und machte Anstalten, den Rückweg zu seinem Laden anzutreten.
„Ja, super!“
Am liebsten hätte ich mich geohrfeigt. Ich war so glücklich … Selbst wenn er mir vorgeschlagen hätte, mich von der Brücke zu stürzen, hätte ich nur ständig wiederholt: „Ja, super!“ Am Ende würde er noch glauben, dass ich Aufputschmittel nahm, aber tatsächlich war er es, der mich in diesen Zustand versetzte.
Im Übrigen war er der Einzige, der sich für mich interessierte. Ich liebte es, mich in seinem azurblauen Blick zu verlieren, während ich einfältig grinsend davon träumte, seine Hand in meiner zu spüren.
„Ich komme heute Abend noch mal auf einen Kaffee vorbei“, versprach er und winkte mir ein letztes Mal zu.
„Ja, super!“, erklang Anitas Stimme rechts von mir.
Mit raschem Schritt überquerte Frédéric den Platz, während sie mit bestürzter Miene den Kopf schüttelte. Sie stellte ihre Tasse mit dem noch dampfenden Kaffee auf die Theke, hob meinen Stift auf, der mitten im Gang lag, und gab ihn mir zurück.
„Das war ja erbärmlich.“
„Ich weiß“, sagte ich und stöhnte. „Was Männer betrifft, bin ich einfach eine Niete.“
„Ja, offensichtlich. Warum hast du den Club nicht sausen lassen und dich mit ihm zum Essen verabredet?“
Ich verbarg mein Gesicht in beiden Händen. Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst und diese Geschichte einfach vergessen. Unglücklicherweise war Anita Zeugin meines jämmerlichen Wortwechsels mit Frédéric gewesen, sodass er von nun an in Stein gemeißelt war. Sie würde es sich nicht nehmen lassen, mir meine Worte immer wieder in Erinnerung zu rufen, nur um mich zu quälen.
„Ich war nicht darauf vorbereitet“, versuchte ich mich zu rechtfertigen.
„Das ist das Problem mit den Männern: Sobald sie die Initiative ergreifen, verfallen wir Frauen in eine Art Schockstarre. Aber du hättest die Einladung trotzdem annehmen sollen.“
„Ich gehe mit ihm mittagessen.“
„Zum Mittagessen geht man mit Freunden, Sarah. Mittagessen ist eine unschuldige und etwas langweilige Sache.“
„Du übertreibst.“
Trotz meines katastrophalen Wortwechsels mit Frédéric empfand ich einen Anflug von Stolz, weil es mir gelungen war, mich zu einem Essen mit ihm allein zu zweit zu verabreden. Das war mehr, als ich mir hätte träumen lassen. Mein Blick wanderte zum Blumengeschäft hinüber. Frédéric war gerade dabei, die Eimer mit den Schnittblumen herauszuholen und sie vor den Laden zu stellen. Ich stieß einen neidischen Seufzer aus und drehte mich wieder zu Anita um, die mit den Augen rollte.
„Dann hast du ja noch zwei Tage Zeit, in denen du lernen kannst, nicht mehr zu hyperventilieren, sobald er vor dir steht.“
„Willst du noch einen Kaffee?“, fragte ich, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken.
„Nein, danke. Zieh am besten dein gelbes Kleid an, das steht dir gut.“
„Anita! Es ist nicht … Ich meine, es ist doch nur …“
„Ja, ich weiß. Aber glaub mir, diese lächerliche Geschichte von der inneren Schönheit stellt keinen Widerspruch zu diesem gelben Kleid dar. Auf andere Qualitäten kannst du später noch setzen, zum Beispiel auf deine Freundlichkeit und Großzügigkeit und dein Organisationstalent. Oder auf deine Gelassenheit.“
„Meine Gelassenheit?“
„Ich schwanke zwischen Gelassenheit und Durchhaltevermögen angesichts widriger Umstände“, fuhr sie nachdenklich fort.
Ich war ein sehr ängstlicher Mensch. Mir machte alles Angst, beginnend bei den Rechnungen, die sich stapelten, über den Wetterbericht bis hin zu einem Mittagessen mit Frédéric. Jeden Abend überprüfte ich zweimal, ob ich die Türen richtig abgeschlossen hatte, und das leiseste Knarren des Parketts versetzte mich in helle Panik.
Ich war alles andere als gelassen, und das wusste sie genau.
„Was redest du denn da, Anita?“
Sie leerte ihre Kaffeetasse in einem Zug und zeigte dann mit dem Zeigefinger auf eine Stelle hinter mir.
„Deine Leseecke steht unter Wasser.“

Emily Blaine

Über Emily Blaine

Biografie

Emily Blaine ist Wahl-Pariserin und stammt ursprünglich aus der Bretagne. Sie gehört zu den erfolgreichsten französischen Romance-Autorinnen und arbeitet am liebsten rund um die Uhr an ihren herzerwärmenden Liebesromanen.

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