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Reisen mit Mama

Reisen mit Mama

Mit dem Rollator durch Italien

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Reisen mit Mama — Inhalt

Jane Christmas hat zwei Ehen hinter sich, drei erwachsene Kinder und ist erfolgreiche Journalistin. Für ihre Mutter Valeria aber ist und bleibt sie die ewige Tochter, deren Männergeschichten, Erziehungsmethoden und Haarschnitt ausgiebig kommentiert werden. Als Jane ihre dickköpfige Mama nach Italien einlädt, ahnt sie dennoch nicht, worauf sie sich einlässt. Sechs Wochen lang lernen die beiden Apulien und die Amalfiküste, Rom, die Toskana und Venedig auf ganz eigene Weise kennen. Mit im Gepäck: Valerias Herzmedikamente, die Gesundheitsschuhe und ihr knallroter Gehwagen… Augenzwinkernd und mit großer Wärme erzählt Christmas vom Älterwerden, von Töchtern, Müttern und davon, wie sehr sie uns manchmal auf den Wecker gehen.

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 04.10.2010
Übersetzt von: Mechtild Ciletti
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95120-3

Leseprobe zu »Reisen mit Mama«

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Ein Ölzweig für Mama

 

»Und was gedenkst du mit deinen Haaren zu machen?«
Das war die erste Reaktion meiner Mutter, als ich vorsichtig bei ihr anklopfte, ob wir nicht zusammen eine längere Italienreise unternehmen wollten. Sechs Wochen vielleicht. Nur wir beide allein.
»Nichts.« Ich nahm eine Zeitschrift vom Couchtisch und begann darin zu blättern, als berührte mich ihre Frage gar nicht. »Wieso sollte ich was mit meinen Haaren machen?«
Auch ohne Mama anzusehen, wusste ich, dass sie jetzt die Lippen zusammenkniff und genervt den Kopf schüttelte. [...]

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Ein Ölzweig für Mama

 

»Und was gedenkst du mit deinen Haaren zu machen?«
Das war die erste Reaktion meiner Mutter, als ich vorsichtig bei ihr anklopfte, ob wir nicht zusammen eine längere Italienreise unternehmen wollten. Sechs Wochen vielleicht. Nur wir beide allein.
»Nichts.« Ich nahm eine Zeitschrift vom Couchtisch und begann darin zu blättern, als berührte mich ihre Frage gar nicht. »Wieso sollte ich was mit meinen Haaren machen?«
Auch ohne Mama anzusehen, wusste ich, dass sie jetzt die Lippen zusammenkniff und genervt den Kopf schüttelte. Sie ist überzeugt, dass sie es nur schaffen muss, mein Haar in Fasson zu bringen, um auch meinem Leben die rechte Form zu geben.
Mama ist klein, eins sechsundfünfzig, und mollig, und ihr rundes Gesicht strahlt vor Güte und liebenswürdigem Charme. Aber unter der weichen Schale verbirgt sich ein eisenharter Kern. Mama ist eine Frau von unbeirrbarer Entschiedenheit; so felsenfest überzeugt von der Richtigkeit ihrer An- und Einsichten, dass selbst schlagende Gegenargumente sie nicht ins Wanken bringen können; so unerschütterlich in ihrem Glauben an Gott wie in ihrer Gewissheit, dass sie eines Tages den Jackpot im Lotto knacken wird. Der Gedanke, dass der Mensch wahrhaftig den Mond betreten haben soll, kann ihr nur ein müdes Lächeln entlocken; für sie war die Mondlandung nichts als eine Hollywoodinszenierung.
Mama hat blondes Haar – »aschblond«, steht auf der Packung – und trägt immer schon, jedenfalls so weit ich zurückdenken kann, denselben Schnitt: kurz, fedrig, gestuft. Im Nacken lässt sie es gern etwas kürzer schneiden, weil man da so leicht schwitzt,wie sie sagt. Eine gepflegte Frisur steht ihrer Ansicht nach für Ordnung, Kontrolle, Reife (genau die Eigenschaften übrigens, die mir ihrer Meinung nach fehlen), und diese Weisheit betet sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit herunter wie einen religiösen Glaubenssatz.
Männer, die ich mochte und ihr vorstellte, wurden je nach Haartracht akzeptiert oder abgelehnt – meistens abgelehnt. Etwa: »Ich wusste nicht, ob ich ihn hereinbitten oder gleich mit dem Besen vom Abtreter fegen soll. Diese Frisur!« Oder: »Du kannst ihm ausrichten, dass er sich erst mal die Haare schneiden lassen soll, wenn er sich an meinen Tisch setzen will.« Oder: »Mit einem Seitenscheitel sähe er wesentlich besser aus.« Ganz selten mal verstieg sie sich zu einem »Oh, der Bursche ist wirklich gut frisiert.« Mein Liebster hätte ein Serienmörder sein können, es hätte sie kaum interessiert.
An ihren Haaren sollt ihr sie erkennen, lautet ihre Devise, und die gilt natürlich auch für mich. Mama faucht mich an, wenn mir das Haar über die Augen fällt, wenn es ihrer Ansicht nach nicht kurz genug geschnitten oder nicht meinem Alter gemäß gestylt ist. Wenn sie in einer Zeitschrift oder einem Einkaufszentrum eine ihr genehme Frisur entdeckt, bemerkt sie unweigerlich: »Das wäre doch hübsch für dich.« Seit einiger Zeit propagiert sie den Pagenkopf mit blonden Strähnchen als Schlüssel zu Glück und Zufriedenheit. Dass so ein Schnitt weder zur Form meines Gesichts noch zu meiner Persönlichkeit passt und bei meinem eigenwilligen Haar auch gar nicht halten würde, spielt überhaupt keine Rolle.
Aus lebenslanger Erfahrung weiß ich, dass es das Beste ist, meine Haare, die ohnehin tun, was sie wollen, einfach in Ruhe zu lassen, und im Lauf der Jahre habe ich mit ihnen Frieden geschlossen. Mit meiner Mutter ist mir das noch nicht gelungen. Deshalb wollte ich mit ihr verreisen; ich wollte sehen, ob ich sie nicht endlich lieb gewinnen könnte. Ich wollte ihr den Ölzweig reichen. Von ihrer Bemerkung über meine Haare würde ich mich nicht irritieren lassen. Ganz bestimmt nicht.
Scheinbar entspannt sah ich von der Zeitschrift hoch und lächelte freundlich, um mir nicht anmerken zu lassen, dass es in mir brodelte wie in den feurigen Tiefen eines Vulkans.
»Ich hab’s gern wirr«, scherzte ich und strubbelte mir über den Kopf, fest entschlossen, das Gespräch nun endlich auf die geplante Reise zu lenken.

 

Wie kommt ein Mensch auf die Wahnsinnsidee, ausgerechnet mit der Person, mit der er beinahe ständig im Clinch liegt, nach Italien zu reisen, ins Land der Liebe?
Ich kann Ihnen sagen, was dahintersteckt: zum Teil das Bedürfnis nach détente, nach friedvoller Entspannung, zum Teil ein letzter Wunsch.
Ich habe es immer traurig und unverständlich gefunden, dass meine Mutter und ich es nicht schaffen, miteinander zurechtzukommen. Verstehen Sie mich nicht falsch, es herrscht nicht immer Krieg. Die misstrauische Distanz zwischen uns wurde in Momenten verbindenden Lachens oder Zeiten gemeinsam getragenen Verlusts oft aufgehoben. Nie hat meine Mutter es abgelehnt, mich bei der Sorge um die Kinder zu unterstützen, als ich mühsam versuchte, das neue Leben als alleinerziehende Mutter anzupacken; sie war immer eine liebevolle und großherzige Großmutter. Und auch ich bin für sie da, wenn sie krank ist oder sonst meiner Hilfe bedarf. Es kommt sogar vor, dass sie mich um meine Meinung fragt.
Aber das Gefüge unserer Beziehung war nie stabil, und die Spannungen und Brüche, die es belasten, sind meiner Mutter zufolge allein meine Schuld. Sie ist der Meinung, ich sei allzu empfindlich – und zweifellos bin ich das –, denkt aber auch gar nicht daran, darauf Rücksicht zu nehmen.
»Du musst nicht immer alles, was ich sage, so furchtbar ernst nehmen«, fährt sie mich gereizt an.
»Ach nein? Soll ich vielleicht darüber lachen, wenn du meine Haare als Wischmopp bezeichnest?«
»Nein«, antwortet sie ruhig. »Du solltest zum Friseur gehen und was dagegen tun.«
So läuft das im Allgemeinen, kleinliches Gezänk um des Kaisers Bart.
Nun zu dem erwähnten letzten Wunsch: »Schließe Freundschaft mit deiner Mutter«, bat mich mein Vater, als ich wenige Wochen vor seinem Tod bei ihm am Krankenbett saß.
Am liebsten hätte ich ihn angebrüllt: Verlang doch gleich, dass ich den Nobelpreis in Medizin gewinne! Das wäre einfacher!
Als er 1999 starb, verloren meine Mutter und ich den einzigen Menschen, der immer wieder zwischen uns vermittelt und die ärgsten Zusammenstöße abgefangen hatte. Fortan mussten wir uns so gut es ging allein den Weg durch das Minenfeld unserer Beziehung suchen.
Jetzt, da unser gemeinsames Leben sich dem Ende zuneigte und sich bei meiner Mutter die gesundheitlichen Probleme häuften, beschloss ich, aktiv zu werden und die verbleibende Zeit zu nutzen, um die Dinge zwischen uns in Ordnung zu bringen – wenn das überhaupt noch möglich war. Eine gemeinsame Reise nach Italien erschien mir die ideale Situation dafür. Ich wollte sehen, ob wir sechs Wochen zusammen verbringen könnten, ohne einander die Köpfe einzuschlagen. Ich wollte die Frau, die ich Mama nenne, kennenlernen, diese Frau, die ich tief im Innern wahrscheinlich liebe und doch nie so richtig mögen konnte. Ich hoffte, dass in Italien die Gespräche mit meiner Mutter, die ich mir immer gewünscht habe, von selbst fließen und uns beiden helfen würden, die Kränkungen aus Jahrzehnten zu verwinden, wenn auch vielleicht nicht zu vergessen.
Ich glaube, dass wir uns mit jeder Reise, die wir unternehmen, auf zwei Wege begeben: Zum einen ist da die äußere Reise mit allem, was damit verbunden ist: Termine, Buchungen, das Studium von Karten, die Überlegungen, was man packen, wie viel Geld man mitnehmen, wohin es gehen soll, was man unbedingt sehen will und die Vorsorge gegen mögliche Pannen. Zum anderen ist da die innere Reise. Wenn wir aus den vertrauten Beziehungen und der täglichen Ordnung heraustreten und in eine neue Umgebung eintauchen, erlaubt uns das einen unverstellteren Blick auf uns selbst und andere. Manchmal gestattet es uns, ein quälendes Problem zu lösen, manchmal auch eine bestehende oder vergangene Situation oder Begebenheit in einem klärenden Licht zu sehen. Genau das erhoffte ich mir: dass es mir gelingen würde, unser Mutter-Tochter-Dilemma aufzulösen.
Die meisten Töchter verbindet eine angespannte oder stürmische Beziehung mit ihren Müttern. Man braucht das Verhältnis nur anzusprechen und abzuwarten, die Entladung folgt sofort. Im Allgemeinen kommen die Klagen bloß von dieser einen Seite – Mütter sind nur selten bereit, sich zu Schwierigkeiten mit ihren Töchtern zu bekennen (ich bin selbst Mutter einer Tochter und weiß, wovon ich rede).
Im Stillen allerdings machen sich viele Mütter Gedanken über die Beziehung zu ihren Töchtern. Vielleicht hat das damit zu tun, dass sie sich am deutlichsten in ihnen gespiegelt sehen. Wenn unsere Töchter ihr Leben gut meistern, teilen wir mit ihnen die Befriedigung darüber, etwas erreicht zu haben; wenn wir mit ihnen streiten, ist es, als stritten wir mit uns selbst. Diese griffige Weisheit habe ich von Don. Einem Elektriker. Wie passend.
Eines Morgens, als Don im Haus war und irgendwelche Leitungen durch eine Wand fummelte, brannte meiner Tochter die Sicherung durch. Den Anlass weiß ich nicht mehr, aber der Auftritt nahm jedenfalls solche Formen an, dass der Elektriker es für angebracht hielt einzugreifen.
»Sie wissen doch, warum Sie sich streiten, oder?«, rief Don laut, um unser Geschrei zu übertönen.
Verblüfft hielten Zoë und ich inne, etwas schockiert über die Einmischung, aber auch neugierig.
»Weil Sie beide sich so ähnlich sind wie ein Ei dem anderen«, erklärte Don ungeduldig.
Wütend über dieses Urteil rauschte Zoë hinaus. Ich reagierte ganz anders: Die kleine innere Stimme jubelte triumphierend: »Ja!« Mütter möchten tief drinnen ja so gern, dass ihre Töchter werden wie sie. Bei Töchtern ist das anders. Es gibt nichts Schlimmeres für eine Frau, als zu hören: »Du bist genau wie deine Mutter.« Da hilft es auch nichts, wenn die Aussage nett gemeint ist.
Ich gebe zu: Manchmal lebe ich durch meine Tochter. Zoë ist eine junge Frau, wie ich in ihrem Alter selbst gern gewesen wäre: gescheit, selbstbewusst, ohne Autoritätsangst. Ich brauchte lang, um zu mir selbst zu finden. Sehr lang: bis in meine Vierziger. Und ich wuchs an meiner Tochter, vor allem, als diese im Teenageralter begann, ihre Kräfte zu erproben und ihre Eigenwilligkeit gegen meine zu setzen. Bemerkenswert ist dabei, dass ich auf die Pubertätskämpfe meiner Tochter ganz anders reagierte als meine Mutter damals auf meine. Ich ließ Zoë die Zügel ein wenig lockerer, meine Mutter hatte sie bei mir nur umso straffer angezogen. Sie war sehr streng, häufig scharf in ihren Äußerungen und erzog ständig an mir herum, ob es nun um mein Verhalten oder mein Aussehen ging.
Aber ich wusste, dass sie auch noch eine andere Seite hatte, sie war lebenslustig und mutig. Mit dieser anderen Seite wollte ich Verbindung aufnehmen.
Genau wie ich fand meine Mutter relativ spät in ihrem Leben ihre eigene Stimme. Mit ihrer ungeheuren Kreativität und ihrem Kampfgeist war sie ihrer Zeit voraus. Die Sechzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren bei aller Hippie-Schwärmerei von Freiheit und Selbstverwirklichung immer noch eine Zeit der Unterdrückung, nicht zuletzt für die Frauen. Sie blieben zu Hause, um ihre Erfüllung in der Erziehung der Kinder und allenfalls ehrenamtlicher Arbeit zu finden; sie muckten nicht auf, und diejenigen, die dennoch der Konvention trotzten, mussten in Kauf nehmen, dass ihre Ehemänner als Weicheier hingestellt wurden. Meine Mutter schaffte es, den Status quo an der Heimatfront aufrechtzuerhalten, schrieb dabei aber noch regelmäßig Zeitungskolumnen und hatte Hobbys, die damals für eine pflichtbewusste Mutter aus der Vorstadt keineswegs typisch waren.
So entdeckte sie mit meinem Vater zusammen ihre Leidenschaft für die Erhaltung alter Häuser. Wenn sich für eine abbruchreife Ruine kein Retter fand, sprangen meine Eltern in die Bresche. Kein Haus war zu altersschwach, um saniert zu werden.
Außerdem war Mama eine wilde Antiquitätensammlerin und graste mit unfehlbarem Gespür die Hinterzimmer und Keller verstaubter Antiquitätengeschäfte in Vierteln von Toronto ab, in die keine andere Mutter sich hineingewagt hätte.
Es war ihr egal, dass ganz Nordamerika verrückt war nach modernem schwedischen Design: Wir lebten im tiefsten neunzehnten Jahrhundert, umgeben von Sesseln mit Klauenfüßen, Brokat- und Damastpolstern, Intarsientischen aus Walnussholz und Speisezimmergarnituren in Mahagoni. Oft schleppte mich meine Mutter auf ihrer nie endenden Jagd nach einem »interessanten Stück« von Laden zu Laden. Wenn sie etwas entdeckte – einen Porzellanteller oder ein Reliefmedaillon –, betrachtete sie es liebevoll von allen Seiten, zeichnete mit dem Finger zart seine Linien nach und bestaunte seine Schönheit. Ich platzte jedes Mal beinahe vor Eifersucht; hätte sie doch nur mich einmal so liebevoll berührt und bewundernd zur Kenntnis genommen!
Als Mütter sind Mama und ich ganz unterschiedlich, und trotzdem – es fällt mir schwer, das einzugestehen – gibt es zwischen uns unleugbare Ähnlichkeiten, genau wie Don, der Elektriker, das von Zoë und mir behauptete. In unserem Bemühen um Eigenständigkeit bestreiten wir aber alle Ähnlichkeiten, versuchen ganz im Gegenteil sogar noch, sie wie Unterschiede aussehen zu lassen.
Später, als ich selbst Kinder hatte, ließ die Krittelei meiner Mutter nach, aber die Wunden, die sie mir geschlagen hatte, verheilten nie. Sie brauchte nur eine Bemerkung über meine Haare, meinen Haushalt, meine Art der Erziehung zu machen, und schon brachen sie wieder auf. Ohne mir dessen bewusst zu sein, übernahm ich ihren Anspruch, dass rundherum alles und jeder perfekt sein müsse, natürlich auch sie.
Von ihr habe ich auch den Hang zu ständiger Betätigung. Mein Leben als alleinerziehende Mutter war ein einziges Jonglieren, bei dem ich alle Hände voll damit zu tun hatte, finanziell über die Runden zu kommen und gleichzeitig immer den Eindruck zu vermitteln, dass die Nummer auch ohne Ehemann und Vater ganz gut lief. Nur um dies Letztere zu beweisen, hielt ich gleich noch ein paar Bälle mehr in der Luft. Ich rekrutierte meine Kinder, um das Bild einer produktiven und ordentlich organisierten Familie zu bieten, in der jeder am Ball war. Meiner Meinung nach brauchen Kinder zu ihrer Entwicklung Pflichten und ein gewisses Maß an Verantwortung, aber in Erinnerung an meine eigene mit täglichen Pflichten vollgepackte Jugend bemühte ich mich, meine Kinder nicht zu überfordern und sie, wie mich selbst, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und gegenseitiges Verständnis zu lehren.
Irgendwie aber brachte ich es nie fertig, zu meiner Mutter freundlich zu sein.
Neben dem Verdacht, ich könnte adoptiert sein, plagte mich von jeher die Frage, wie es kam, dass die Beziehung zwischen uns so früh schon entgleiste und warum wir nie einen Versuch unternahmen, die Weichen neu zu stellen. Wir ließen die Dinge einfach laufen und akzeptierten das Problem als etwas, mit dem wir eben leben mussten. In dem Moment, wo unsere Blicke sich trafen, wurde auch schon die nächste Runde eingeläutet. Und ganz gleich, wie schmerzhaft die Schläge waren, keiner von uns dachte daran, aus dem Ring zu steigen. Wir droschen bis zur Erschöpfung aufeinander ein.
Eine Reise nach Italien wäre die perfekte Belohnung für zwei altgeübte Kämpferinnen.
Gibt es einen besseren Ort, um Mutter-Tochter-Problemen auf den Grund zu gehen? In diesem Land wurde die Mutter praktisch erfunden und auf einen Sockel der Verehrung gestellt. Man kann nicht an Italien denken, ohne sich eine resolute mamma vorzustellen, die selbst noch dem erwachsenen Sohn für schlechtes Benehmen eine Ohrfeige verpasst oder ihm liebevoll die Wange tätschelt, wenn er sie mit Stolz erfüllt hat.
Italien schien mir der geeignete Ort zu sein, um unsere Beziehung mit sicherem therapeutischem Abstand unter die Lupe zu nehmen; um die Verletzungen, die Wut, die verpassten Gelegenheiten und die niederschmetternden Enttäuschungen gelassen und sachlich zu betrachten.
Es lebe die Illusion.
Aber egal, Tatsache ist, dass nichts meine Mutter eher zum Schweigen bringt als der Anblick eines verblassten Gobelins oder einer antiken Ruine, und schon deshalb war ich überzeugt, dass eine Italienreise für uns ideal wäre. In der staunenden Bewunderung steinerner Zierbauten, idyllischer Landschaften, alter Ölgemälde und antiker Kunstgegenstände finden wir zu einer Einmütigkeit, die unsere familiäre Verbundenheit bezeugt, so arg strapaziert sie auch sein mag.
Unser Interesse an Kunst und Antike nannten wir auch als Grund, wenn wohlmeinende Freunde, die unsere konfliktreiche Geschichte kannten, sich vorsichtig erkundigten, warum wir zusammen Urlaub machen wollten. Der unausgesprochene Grund jedoch – den meine Mutter und ich uns kaum gegenseitig eingestehen konnten – war die Hoffnung, dass sich vor dem Hintergrund der italienischen Renaissance auch in unserer Beziehung so etwas wie eine Renaissance vollziehen würde.

 

Wie ein Teenager lag ich bäuchlings im Wohnzimmer auf dem Teppich, die Beine hoch und die Füße gekreuzt, und hielt, auf die Ellbogen gestützt, den Telefonhörer ans Ohr. Mein Lieblingsbuch, der National Geographic Weltatlas, lag aufgeschlagen vor mir. Mit dem Zeigefinger zeichnete ich andächtig die abwechslungsreiche Küstenlinie Italiens nach und gab mich Träumen von eleganten hochhackigen Sandaletten und einem braungebrannten Adonis namens Giancarlo hin. Bis Mamas Stimme scharf an mein Ohr drang.
»Und vergiss nicht, ihnen zu sagen, dass ich einen »Rollstuhl« brauche. Diese Flughäfen sind alle so groß, da schaffe ich es vom Abflugschalter zur Maschine auf keinen Fall ohne.«
Puff! Giancarlo und die Sandaletten lösten sich in Luft auf.
»Rollstuhl« und »Italien«, die beiden Begriffe schienen mir so unvereinbar wie Mamas Temperament mit meinem. Schon bei der Erwähnung des Wortes »Rollstuhl« krampfte sich alles in mir zusammen, am liebsten hätte ich laut geschrien. Nie hatte ich daran gedacht, meine Mutter im buchstäblichen Sinn durch Italien zu bugsieren.
»Und ich nehme meinen Rollator mit. Den roten.«
Ich hasse den Rollator. Mit dem Ding komme ich mir immer uralt vor, auch wenn ich selbst es gar nicht brauche. Ich mag einfach nicht daran erinnert werden, dass ich alt genug bin, um eine Mutter zu haben, die eine Gehhilfe benötigt. Außerdem übernimmt man, wenn man jemanden begleitet, der einen Rollator schiebt, unwillkürlich dessen schleppenden Schritt: ein bedächtig schlurfendes Tapp-Tapp, wie kurz nach einem Kaiserschnitt.
Der Rollstuhl war nur einer von vielen Punkten, die bei der Planung dieser Reise berücksichtigt werden mussten.
Meine Mutter ist in einem Alter, in dem unzählige kleinere und größere Gebrechen ihr das Leben zunehmend schwerer machen. (Sie hat gedroht, mich zu enterben, wenn ich ihr genaues Alter preisgebe, sagen wir also einfach, dass sie unter hundert und über fünfundsechzig ist.)
Die Plätze im Flugzeug mussten in der Nähe einer Toilette sein: Meine Mutter ist inkontinent.
Alle Hotelzimmer mussten aus demselben Grund ein eigenes Bad haben.
Die Hotelzimmer mussten ohne viel Treppensteigen erreichbar sein: Mama leidet an Kniegelenksarthrose.
Die Hotelzimmer durften nicht zu weit vom Foyer entfernt sein: Sie hat Asthma und ein Herzleiden.
Kleinigkeiten zum Knabbern mussten eingepackt werden: Meine Mutter ist Diabetikerin.
Zu den Mahlzeiten durften keine Meeresfrüchte serviert werden: Meine Mutter leidet an einer Meeresfrüchteallergie.
Die Mietwagen mussten ausreichend Platz für die Unterbringung des Rollators bieten.
Neben dem Rollator besitzt meine Mutter zwei Gehstöcke: einen Faltstock zum Reisen und einen gewöhnlichen Stock für den Fall, dass sie den Faltstock verliert. (Nach Italien nahm sie nur Letzteren mit.)
Habe ich schon erwähnt, dass sie schwer hört? Wobei ich allerdings manchmal den Eindruck habe, dass es sich dabei um eine selektive Schwerhörigkeit handelt.
»Aber sonst bin ich kerngesund«, erklärte sie mir vergnügt, als wir unsere bevorstehende Reise besprachen.
»Bist du sicher?«
»Absolut.«
Die meisten Frauen, die einen sechswöchigen Urlaub in Italien vorhaben, würden akribische Internetrecherchen über die genauen Standorte sämtlicher Ferragamo- und Prada-Outlets des Landes anstellen. Meine Nachforschungen befassten sich mit der Frage, wie viel Raum eine Packung Inkontinenzwindeln im Koffer einnimmt und ob ein Potpourri an Medikamenten und Inhalatoren beim Zoll Anstoß erregen würde.
Reisen mit alten Menschen ist nicht viel anders als Reisen mit kleinen Kindern. Die gleiche Vorbereitungszeit, der gleiche Berg von Requisiten zur Bewältigung jedes denkbaren Desasters, die gleiche Hetze bei der Abfahrt, weil einem in letzter Minute noch etwas einfällt, was man vergessen hat. Auch das Gepäck unterscheidet sich nur geringfügig: statt der hellblauen oder rosaroten Tragetasche eine in dezenterem Khaki oder Schwarz, Rollator oder Rollstuhl anstelle von Kinderwagen oder Buggy, Bücher und Zeitschriften anstelle von Spielsachen, Pullis und Schultertücher statt Kuscheldecken, Brille und Hörgerät statt Schnuller – und die Windeln ein paar Nummern größer.
Dann wären da noch die Medikamente.
Ich schaute bei meiner Mutter vorbei, um ihr beim Packen zu helfen. Auf ihrem Bett häuften sich Massen von Fläschchen, Tuben und knisternden Verpackungen. Es sah aus, als ob sie und sämtliche Nachbarn ihre jeweiligen Apothekerschränkchen geleert und den Inhalt in die Kissen gekippt hätten.
»Was ist denn das alles?«, fragte ich leicht entsetzt.
»Das sind meine Medikamente«, antwortete sie trocken.
Ich gebe es ungern zu, aber immer wenn Mama anfing, sich über ihre Krankheiten und Verordnungen zu verbreiten, schaltete ich auf Durchzug. Sobald sie sagte: »Ich war neulich beim Arzt«, erwiderte ich höflich: »Erzähl ruhig weiter«, und verschwand aus dem Zimmer, um mir ein großes Glas Wein einzuschenken.
Damit war es schlagartig vorbei, als mir aufging, dass auf unserer Italienreise ich ihr Gepäck würde tragen müssen.
Ich sah auf das verschwenderische Sortiment von Tabletten, Pillen und Kapseln hinunter und schüttelte den Kopf. Fehlte nur noch ein Lepramittel.
»Keine Sorge«, meinte Mama. »Der Apotheker richtet mir Dosetten.«
»Was ist denn das?«
»So was hier.« Sie zeigte mir eine kleine Plastikschale mit drei Reihen von jeweils sieben kleinen Plastikfächern für den wöchentlichen Tablettenkonsum. Über der obersten Querreihe waren die Wochentage verzeichnet, an der Seite die Tageszeiten – morgens, mittags, abends –, zu denen die Medikamente eingenommen werden mussten.
»Wieso brauchst du für Vitamine ein Rezept?« Ich musterte das Etikett einer kleinen Flasche, die ich auf gut Glück herausgegriffen hatte.
»Weil der Arzt es mir geschrieben hat«, antwortete Mama in einem Ton, als hätte sie es mit einer Schwachsinnigen zu tun.
»Wahrscheinlich bekommt er vom Apotheker Prozente«, lästerte ich. »Das Zeug kannst du überall kaufen und dir die Apothekenabgabegebühr sparen.«
»Misch dich nicht ein«, entgegnete sie gereizt. »Ich weiß, was ich tue. Außerdem ist es heutzutage schwer genug, einen Arzt zu finden.«
Beim Packen meiner eigenen Koffer musste ich weniger Rücksicht auf gesundheitliche Erfordernisse nehmen; ich bin, dreimal auf Holz geklopft, bei guter Gesundheit. Ich nehme nie Tabletten – nicht einmal Vitamine –, außer mich überfällt plötzlich eine Depression oder ich schnappe irgendeine Infektion auf, dann bin ich absolut dafür, zum Arzt zu gehen.
Da ich mich weder um Medikamente noch Gehstöcke kümmern musste, stopfte ich meinen Koffer mit Klamotten und Kosmetika voll. Und mit Schuhen. Irgendwie brauche ich auf Reisen immer unheimliche Mengen Schuhe. Und ohne ein kleines Arsenal an Gesichtscremes, Hautreiniger, Duschgels, Pflegespülungen für die Haare und Körperlotionen kann ich die Tür nicht hinter mir zumachen. Immer wenn ich für eine Reise packe und meinen zum Bersten vollen Kosmetikkoffer betrachte, stelle ich resigniert fest, dass ich im falschen Teil der Welt geboren bin. Meiner Haut und meinen Haaren geht es in tropischen Regionen am besten.
In allen Führern und auf jeder Webseite, die ich mir vor der Reise angesehen hatte, hieß es, in den Wintermonaten sei die Witterung in Italien, vor allem im Süden, mild und meistens warm. Ich packte also frohgemut Sommerröcke, Sandalen, T-Shirts und – für den Pool, den eines unserer Hotels bot – Badeanzüge und seidige Pareos ein.
Mama überließ mir die Ausarbeitung der Reise (»Mach es, wie du willst, mir ist alles recht«) und wollte dann unbedingt ein ausgedrucktes Programm haben, wie man es in Reisebroschüren findet oder von Reiseveranstaltern in die Hand gedrückt bekommt.
Ich reise selten mit einem festen Plan. Ich halte es mit Robert Louis Stevenson, der einmal sagte: »Ich reise nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.« Aber da Mama mehr erwartete als »Flug nach London, von dort nach Bari, dann weiter im Mietwagen«, bastelte ich ihr zuliebe ein simples Programm zusammen:
Wir würden von Toronto nach London fliegen, in eine Maschine nach Bari umsteigen und dort einen Wagen mieten. Von Bari aus sollte es zu einem zweiwöchigen Aufenthalt nach Alberobello gehen. Danach würden wir nach Sorrent weiterfahren und vier Tage bleiben, bevor wir nach Viterbo aufbrachen, wo wir drei Wochen verbringen würden. Unser Rückflug startete in Rom und würde uns mit einem Transfer in London wieder heim nach Toronto bringen.
Besonders stolz war ich auf die Unterkünfte, die ich gebucht hatte.
In Alberobello erwartete uns ein renovierter trullo, eines der traditionellen kleinen Rundhäuser, wie sie schon vor etwa achthundert Jahren von den Bauern in Apulien errichtet wurden. Die Bauten aus weiß getünchtem Naturstein mit den konischen dunklen Bruchsteindächern sehen aus wie Bienenkörbe. Mit dem Wachsen der Bauernfamilie wuchs auch der trullo, und es wurden neue trulli angebaut. Schließlich bestanden einige trulli aus drei oder vier Gebäuden, von denen jeder als eigenes Zimmer diente. Heute ist der Besitz eines trullo der letzte Schrei, und die Kegelhäuser sind heiß begehrt, besonders bei den Briten, die sie als Renditeobjekte erwerben. Einer dieser Briten ist zufällig der Bruder meines Freundes Colin. Mama und ich würden seine ersten Mieter sein.
In Sorrent hatte ich uns in einem Familienhotel einquartiert, das mir von einer Bekannten empfohlen worden war.
Und in Viterbo würden wir in einem mittelalterlichen Bürgerhaus wohnen, auf das ich im Internet gestoßen war. Es stand mitten in der Altstadt, und die Webseite versprach Antiquitätengeschäfte und Cafés direkt vor der Haustür. Genau das Richtige also für meine Mutter, die Antiquitätenjägerin, und für mich, die ich so gern das Fluidum fremder Städte auf mich wirken lasse.
»Natürlich fahren wir auch in die Toskana und nach Venedig«, verkündete Mama, nachdem sie meinen Reiseplan genauestens studiert hatte.
Weder das eine noch das andere stand auf meinem Programm. Ich hatte die Klischees über die Toskana samt ihrer ganzen ockerfarbenen baulichen Pracht so satt, dass ich das Interesse an dieser Region schon verloren hatte, bevor ich mit den Vorbereitungen für unsere Italienreise begann. Und von Venedig hatte mir eine Freundin, die kürzlich dort gewesen war, erzählt, es sei schmutzig und trist. Daraufhin hatte ich auch die Lagunenstadt gestrichen.

Jane Christmas

Über Jane Christmas

Biografie

Jane Christmas, geboren 1954 in Toronto, ist Reiseautorin und Journalistin und lebt in Hamilton/Ontario. Sie war zweimal verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Zu ihrem 50. Geburtstag schenkte sie sich selbst eine Wanderung auf dem nordspanischen Jakobsweg – der humorvolle Bericht darüber war...

Pressestimmen

SWR 2

»Die spitzen Dialoge zwischen Mutter und Tochter graben einem Lachfalten ins Gesicht. Auf zu den Italienern, ihren kurvigen Landstraßen und vielen Baustellen; auf nach Rom und zum Campanile in Pisa, wo abgestumpfte Touristenmienen wieder lebendig werden!«

Die Zeit

»Sie lädt sie auf eine Reise durch ihr Traumland Italien ein. „Bei einem kühlen Glas Wein“ können sich die beide über ihre problematische Beziehung unterhalten. Das Vorhaben erweist sich bald als Irrwitz.«

Frankfurter Neue Presse

»Die kanadische Autorin hat ihre Erlebnisse in dem heiteren, manchmal auch ein wenig traurig stimmenden Buch Reisen mit Mama. Mit dem Rollator durch Italien aufgeschrieben.«

Ostthüringer Zeitung

»Dieses andere Reisebuch beschönigt nichts und kitscht die Konflikte nicht zu. Doch es ist ein fröhliches Buch, voller Selbstironie und skurriler Begegnungen mit der wirklich großen Herausforderung dieser Zeit: dem Alter.«

Die Zeit

Sie lädt sie auf eine Reise durch ihr Traumland Italien ein. ›Bei einem kühlen Glas Wein‹ können sich die beide über ihre problematische Beziehung unterhalten. Das Vorhaben erweist sich bald als Irrwitz.

Tirolerin

»Trotz der Problematik ist es Jane Christmas gelungen, ein flott geschriebenes Buch, pointiert und manchmal geradezu bärbeißig, dann wieder überaus zärtlich und liebevoll, zu Papier zu bringen, das vielleicht zwischen den Zeilen rät, mit seiner Tochter – oder Mama – schon früher auf Reisen zu gehen, solange beide in der Lage sind, das gemeinsame Abenteuer gemeinsam zu genießen.«

Reader's Digest

Ein humoriger Bericht über ein generationenübergreifendes Abenteuer.

Kommentare zum Buch

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