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RattenfängerRattenfänger

Rattenfänger

Thriller

Taschenbuch
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Rattenfänger — Inhalt

Niemand entkommt dem Rattenfänger.

Unschuldige Menschen sterben. Zwischen den Morden vergehen Tage, Monate. Wo zunächst kein Zusammenhang scheint, erkennt Detective Mark Heckenburg vom Dezernat für Serienverbrechen ein grausames Muster. Die Zeit läuft, denn der Killer handelt nach Plan. Und nichts wird ihn davon abhalten, diesen Plan in die Tat umzusetzen.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzt von: Bärbel Arnold, Velten Arnold
480 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30579-2
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzt von: Bärbel Arnold, Velten Arnold
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96803-4

Leseprobe zu »Rattenfänger«

Kapitel 1

 

Man sollte ganz Holbeck plattmachen.

So sah es jedenfalls Alan Ernshaw. Na schön, er war erst seit Kurzem Polizeibeamter – gerade mal zehn Monate im Dienst –, damit könnte er diese politisch inkorrekte Äußerung gerade noch so entschuldigen. Begeistert wären seine Vorgesetzten trotzdem nicht. Holbeck, das alte Lagerhausviertel gleich südlich der Innenstadt von Leeds, bestand zwar überwiegend aus Gebäuden, die nur noch leere Hüllen waren, die Reihenhauszeilen im viktorianischen Stil waren inzwischen abbruchreif und die wenigen noch bewohnten [...]

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Kapitel 1

 

Man sollte ganz Holbeck plattmachen.

So sah es jedenfalls Alan Ernshaw. Na schön, er war erst seit Kurzem Polizeibeamter – gerade mal zehn Monate im Dienst –, damit könnte er diese politisch inkorrekte Äußerung gerade noch so entschuldigen. Begeistert wären seine Vorgesetzten trotzdem nicht. Holbeck, das alte Lagerhausviertel gleich südlich der Innenstadt von Leeds, bestand zwar überwiegend aus Gebäuden, die nur noch leere Hüllen waren, die Reihenhauszeilen im viktorianischen Stil waren inzwischen abbruchreif und die wenigen noch bewohnten zu schäbigen, mit Müll übersäten und mit Graffiti beschmierten betonierten Sackgassen verkommen, doch von so was ließen sich Polizisten nicht beirren. Zumindest sollten sie das nicht.

Ernshaw gähnte und kratzte an der verschorften Schnittwunde an seinem ansonsten glatt rasierten Kinn.

Im Funkgerät knisterte es. »Drei an 1762.«

Ernshaw gähnte erneut. »Was gibt’s?«

»Was treibt ihr gerade, Keith und du? Kommen.«

»Na ja, ich sag’s mal so: Wir sitzen nicht beim Truthahnessen.«

»Willkommen im Klub. Hört mal, wenn bei euch gerade sonst nichts anliegt, könntet ihr mal rüberfahren zur Kemp’s Mill an der Franklyn Road?«

Ernshaw stammte aus Harrogate, das etwa fünfundzwanzig Kilometer nördlich von Leeds lag, und kannte sich in der weitläufigen Hauptstadt von West Yorkshire immer noch nicht richtig aus. Er warf einen Blick nach rechts, wo sich Police Constable Keith Rodwell hinter dem Lenkrad fläzte.

Rodwell, ein hängebackiger Veteran, der schon zwanzig Dienstjahre auf dem Buckel hatte, nickte. »Ankunft schätzungsweise in … drei Minuten.«

»Alles klar, sind in drei Minuten da. Kommen«, erwiderte Ernshaw in sein Funkgerät.

»Super, danke.«

»Worum geht’s denn?«

»Seltsame Geschichte, ehrlich gesagt. Ein anonymer Anrufer behauptet, wir würden dort was Interessantes finden.«

Rodwell sagte dazu nichts und wendete den Transporter in drei Zügen.

»Sonst nichts?«, fragte Ernshaw verwundert.

»Wie gesagt, die Sache ist merkwürdig. Der Anruf kam von einer Telefonzelle aus der Innenstadt. Keine Namen, keine weiteren Einzelheiten.«

»Klingt nach einem Wichtigtuer, aber egal, wir haben an diesem Weihnachtsmorgen eh nichts Besseres vor.«

»Besten Dank, Ende.«

Es war nicht nur der Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages, es war zudem ein verschneiter Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages. Selbst Holbeck sah aus wie ein kitschiges Ansichtskartenmotiv, als sie durch die schmalen, stillen Straßen rollten. Die verfallenen Häuserfassaden und die rostigen Skelette verrottender Autowracks lagen halb unter dicken, sahneweißen Kissen begraben. Eiszapfen hingen wie glitzernde Speere in leeren Fensterhöhlen und eingetretenen Türen. Die frische Schneeschicht, die Straßen und Bürgersteige bedeckte, war bis auf einige wenige Reifenspuren unberührt.

Es waren kaum Autos unterwegs und noch weniger Fußgänger, aber es war auch noch nicht einmal neun, und um diese Uhrzeit waren am fünfundzwanzigsten Dezember nur Deppen wie Ernshaw und Rodwell auf den Beinen.

Davon gingen sie zumindest aus.

»Was Interessantes …«, grübelte Ernshaw. »Was hältst du davon?«

Rodwell zuckte mit den Schultern. Selbst in seinen gesprächigsten Momenten äußerte er sich bestenfalls einsilbig, und jetzt, da er tief in Gedanken versunken war, bestand selbst darauf kaum Aussicht.

»Vielleicht ein paar Junkies, die ein Haus besetzt haben«, fuhr Ernshaw fort. »In dem Fall wären sie jetzt alle tot. Waren doch locker minus zehn Grad gestern Nacht.«

Rodwell zuckte erneut mit den Schultern.

Kemp’s Mill war eine ehemalige Flachsspinnerei, inzwischen aber seit beinahe zwei Jahrzehnten geschlossen und nur noch ein tristes Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Ihr hoher achteckiger Schornstein stand noch unversehrt, die Scheiben der quadratischen Fenster, die sich in gleichförmigen Reihen über die schmutzige Vorderseite des Gebäudes zogen, waren überwiegend intakt. Die ebenerdigen Eingänge sollten eigentlich zugekettet sein, doch wie bei den meisten leer stehenden Gebäuden in dieser Gegend hätten Eindringlinge, die es darauf anlegten, hier leichtes Spiel, sich Zutritt zu verschaffen.

Schnee knirschte unter ihren Reifen, als sie auf dem Parkplatz vor der Südfassade der Spinnerei rutschend zum Stehen kamen. Über ihnen ragte das trostlose Bauwerk in den weißen Winterhimmel. Die roten Ziegelsteine, aus denen es errichtet worden war, waren unter einer dicken, schuppig gewordenen Rußschicht verborgen. Die Rohre und Regenrinnen, die nicht bereits abgefallen waren, bogen sich unter der Last alpiner Schneemassen. Auf den ersten Blick gab es kein Lebenszeichen, aber die Anlage war riesig. Sie umfasste nicht nur das zentrale Hauptgebäude, das allein schon tausend Arbeitern als Werkstätte gedient haben mochte, sondern auch noch alle möglichen Anbauten und Nebengebäude. Während der Transporter im Schneckentempo vorwärtskroch, dämmerte es Ernshaw, wie lange es an diesem Ort dauern konnte, »was Interessantes« zu entdecken.

Er hielt sich sein Funkgerät vor den Mund. »1762 an Drei.«

»Ich höre, Alan.«

»Wir sind jetzt in der Franklyn Road. Sieht alles so weit in Ordnung aus. Irgendwelche weiteren Infos zu dem Anrufer? Kommen.«

»Fehlanzeige, Alan. War vielleicht nur ein Trottel, der nichts Besseres zu tun hatte, aber seht lieber mal nach. Kommen.«

»Verstanden«, erwiderte Ernshaw und fügte leise hinzu: »Könnte allerdings ’ne Weile dauern.«

Sie fuhren im weiten Bogen um das in die Jahre gekommene Bauwerk. Die Reifen drehten auf dem vereisten Untergrund immer wieder durch. Ernshaw kurbelte sein Fenster herunter. Draußen war es bitterkalt – der Schnee war noch trocken und pulvrig –, aber wenn sie schon nichts Ungewöhnliches sahen, war es ja möglich, dass sie etwas hörten.

Es herrschte absolute Stille.

Eigentlich passend für einen Weihnachtsmorgen, aber diese Stille rund um Kemp’s Mill war doch irgendwie unheimlich. Ihr wohnte eine Spannung inne, sie wirkte fragil, als könnte sie jeden Augenblick durchbrochen werden.

Sie umrundeten eine Ecke nach der anderen, sahen an kahlen Fassaden aus Fenstern und Backsteinen empor, an Geflechten aus uralten Rohrleitungen und an herabhängenden verrosteten Feuerleitern. Die Reifen des Transporters gerieten immer wieder ins Rutschen und versprühten den Schnee hinter sich. Sie rollten langsam an einer Reihe leerer Garagen entlang, deren Dächer aus Wellplastik nach jahrelanger Verwitterung in sich zusammengefallen waren. Am Ende der Reihe sahen sie einen Eingang.

Rodwell bremste vorsichtig, trotzdem rutschte der Transporter noch ein paar Meter weiter, bevor er zum Stehen kam.

Der Eingang, der wie ein Lieferzugang aussah, war in eine Nische oberhalb von drei breiten Stufen eingelassen. Die Tür selbst war spurlos verschwunden – vermutlich lag sie unter dem Schnee –, doch nach dem Zustand des Türpfostens zu schließen, der zu morschen Splittern vermodert war, hatte sich schon vor langer Zeit jemand gewaltsam Zutritt verschafft. Dahinter lag das pechschwarze Innere des Gebäudes.

»2376 an Drei«, sagte Rodwell in sein Funkgerät.

»Ich höre, Keith.«

»Wir sind immer noch bei Kemp’s Mill. Spuren von einem Einbruch. Kommen.«

»Braucht ihr Unterstützung?«

»Im Moment nicht. Sieht nach ’ner alten Sache aus.«

Sie stiegen aus, streiften sich Handschuhe über und zogen die Reißverschlüsse ihrer gefütterten Anoraks zu. Ernshaw rückte seine Mütze zurecht, während Rodwell das Auto abschloss. Sie stiegen die Stufen hoch, und die Dunkelheit im Inneren des Gebäudes wich dem hellen Strahlen ihrer Taschenlampen. Oben am Treppenabsatz glaubte Ernshaw, etwas zu hören – vielleicht Gelächter, aber nur ganz kurz, und es klang sehr fern. Er sah Rodwell an. Das mürrische, pockennarbige Gesicht ließ nicht erkennen, dass er ebenfalls etwas gehört hatte. Da Ernshaw sich selbst unsicher war, ob da tatsächlich was gewesen war, beschloss er, es nicht zu erwähnen. Er blickte hinter sich. Dieser Teil des Geländes wurde von einer hohen Mauer umschlossen. Der Transporter stand dicht daneben geparkt, der Eingang zur Garagenzufahrt lag gleich dahinter. Abgesehen von ihren eigenen Reifenspuren war die Schneedecke unberührt. Allerdings hatte es bis vor zwei Stunden heftig geschneit, das musste also nicht heißen, dass während der Nacht niemand dagewesen war.

Sie betraten Seite an Seite und mit Taschenlampen bewaffnet das Gebäude. Sie hatten die Wahl: Direkt vor ihnen führte eine Treppe im Zickzack hinauf in unergründliche Finsternis, rechts lag ein langer Gang, auf dem das durch die Erdgeschossfenster fallende Licht ein Zebrastreifenmuster erzeugte, und zu ihrer Linken befand sich ein weiter offener Raum, vermutlich eine der alten Werkhallen. Diesen Weg erkundeten sie zuerst, die Lichtkegel ihrer Taschenlampen huschten über nackte Backsteinwände und eine hohe zerbröckelte Putzdecke, aus der Tragbalken ragten, als wären es Knochen. Zerstückelte Kabel hingen herab wie Schlingpflanzen im Dschungel. Der Betonboden war mit Brettern und Kachelscherben übersät. Hier und da ragten rostzernagte Stümpfe von Maschinenhalterungen gefährlich in die Höhe. Trotz der schneidenden Kälte lag ein säuerlicher Schimmelgeruch in der Luft. Das Geräusch ihrer Schritte hallte bis in die fernen Winkel des riesigen Gebäudes.

Sie blieben stehen und lauschten, hörten jedoch nichts.

»Das ist doch völlig sinnlos«, stellte Ernshaw schließlich fest. Seine Worte erzeugten kleine Nebelwölkchen vor seinem Mund. »Ist dir ja wohl klar, oder?«

»Vermutlich«, entgegnete Rodwell und leuchtete mit seiner Taschenlampe jeden Winkel der Halle aus. Seit sie den Funkspruch erhalten hatten, schien Rodwell etwas engagierter bei der Sache zu sein als sonst, was Ernshaws Neugier weckte. Keith Rodwell war schon so lange Polizist, dass er Situationen rein nach Gespür einzuschätzen wusste. Sein jetziges Verhalten ließ darauf schließen, dass er tatsächlich glaubte, es sei etwas im Gange.

»Schön, ich geb’s auf«, sagte Ernshaw. »Was glaubst du denn, werden wir finden?«

»Nicht so laut. Selbst wenn uns nur jemand verscheißern will, will ich ihn schnappen.«

»Keith … es ist Weihnachten. Warum sollte irgendwer …«

»Pst!«

Doch Ernshaw hatte das lang gezogene, leise Knarren über ihren Köpfen auch gehört. Sie sahen einander in der Dunkelheit an und lauschten angestrengt.

»Du nimmst die Vordertreppe«, wies Rodwell ihn leise an und setzte behutsam einen Fuß vor den anderen. »Ich gehe hintenrum … Mal sehen, ob ich noch einen anderen Weg nach oben finde.«

Ernshaw ging zu der Tür zurück, durch die sie gekommen waren. Er warf einen Blick zu dem Transporter draußen im Hof, nichts regte sich. Er stieg die Treppen hoch und versuchte, dabei möglichst leise zu sein, aber seine Schritte hallten das Treppenhaus hinauf. In der ersten Etage befand sich eine weitere riesige Werkhalle. Hier oben waren nicht alle Fenster mit Spanplatten vernagelt, aber die Scheiben waren derart verrußt, dass nur ein fahles Winterlicht durchschien. Trotzdem reichte es aus, um einen riesigen, hangarartigen Raum erkennen zu lassen, der sich bis zur anderen Seite des Gebäudes erstreckte. In einem Wald aus Stahlträgern standen übereinandergestapelte Kisten und Werkbänke.

Ernshaw zögerte und umfasste den Griff seines Schlagstocks. Zur selben Zeit vor einem Jahr war er ein argloser, junger Student an der Universität von Hull gewesen, und so war er ziemlich schnell dabei, sich einzugestehen, dass es schon schlimm genug war, an Weihnachten zur Arbeit genötigt zu werden – nur den älteren, verheirateten Kollegen blieb dieser unbeliebte Dienst normalerweise erspart –, noch schlimmer aber war es, diesen Tag damit verbringen zu müssen, in den Eingeweiden einer unheimlichen, tiefgekühlten Ruine wie dieser herumstapfen zu müssen.

Das laute Knistern seines Funkgerätes ließ ihn hochschrecken.

Die Stimme aus der Leitstelle dröhnte Mitteilungen an andere Streifenbesatzungen im Stadtbezirk heraus. Verärgert stellte er das Gerät leiser.

Während sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnten, ging er weiter. Etwa vierzig Meter geradeaus stand eine Tür offen, die in eine Art Vorraum führte. Aus irgendeinem Grund fiel ein grünliches Licht auf die hintere Backsteinwand dieses Raums.

Grün?

Ein Windlicht vielleicht? Eine Papierlaterne?

Ernshaw blieb stehen, als eine Gestalt an der Tür vorbeihuschte.

»He«, zischte er. Dann lauter: »He!«

Er machte einen Satz nach vorn, den gezogenen Schlagstock schlagbereit über sich haltend.

Als er den Raum betrat, konnte er niemanden entdecken, doch er sah, dass das eigenartige Licht von einem modrigen grünen Tuch herrührte, das vor einem Fenster hing. Eine komplett verrostete Feuertreppe aus genietetem Stahl führte durch eine Falltür in die Tiefe, eine zweite Treppe führte hinauf in die nächste Etage. Diese Treppe war jedoch so schmal, dass ein durchschnittlich gebauter Mann sie kaum besteigen konnte, ohne sich seitwärts zu drehen. Er starrte hinauf und erspähte am Ende der Treppe einen schwachen Strahl Tageslicht. Er lauschte, und obwohl er nichts hörte, konnte er sich gut vorstellen, dass da oben jemand lauerte und seinerseits die Ohren spitzte.

»Alan?«, fragte jemand.

Mit einem unterdrückten Schrei wirbelte Ernshaw herum.

Rodwell, dessen Kopf in der Falltür erschienen war, starrte ihn an, vor allem seinen gezogenen Schlagstock.

»Warst du …?« Ernshaw warf erneut einen Blick die Treppe hoch und lauschte angestrengt. »Warst du gerade schon mal hier oben? Ich meine, warst du schon oben und bist wegen irgendwas wieder runter?« Rodwell, der jetzt komplett durch die Falltür stieg, schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen, aber …« Je mehr Ernshaw darüber nachdachte, umso weniger real schien ihm die Gestalt. Vielleicht war es ja ein Schatten gewesen, verursacht vom Schein seiner Taschenlampe. »Könnte mich auch geirrt haben …«

Rodwell sah ebenfalls die nächste Treppe hoch. Wortlos stieg er die Stufen hinauf und konnte seinen massigen Leib gerade eben so zwischen den Seitenwänden hindurchzwängen.

Ernshaw folgte ihm. Auch ihm machte die enge Treppe zu schaffen. Die Etage, die sie über die Treppe erreichten, war in kleine Räume und Verbindungsflure unterteilt. Hier oben waren noch weniger Fenster vernagelt, aber da es insgesamt weniger gab, herrschte auch hier gruftartige Düsternis.

Bevor sie mit der Erkundung der Etage begannen, hob Rodwell eine mit einer dicken Staubschicht überzogene Jalousie an und spähte hinunter auf den Hof. Ihnen war beiden einigermaßen verspätet eingefallen, dass sie wie komplette Vollidioten dastehen würden, wenn das alles eine bescheuerte, wenn auch ausgeklügelte Finte war, um sie abzulenken und in der Zwischenzeit ein Polizeifahrzeug zu stehlen. Doch der Transporter stand noch unangetastet da, der Schnee ringsum wies keine neuen Spuren auf. Aus dieser Höhe konnten sie die angrenzenden Straßen überblicken, beziehungsweise das, was von ihnen übrig war. Die meisten Reihenhauszeilen südlich der Kemp’s Mill waren abgerissen worden, doch selbst unter der frischen Schneedecke zeichneten sich die parallelen Umrisse ihrer Fundamente noch ab.

Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Die nächsten Behausungen waren zwei Wohnblocks aus den 1970er-Jahren, die etwa dreihundert Meter entfernt hinter einem verschneiten Berg aus Schrott lagen. In den Fenstern blinkten nur ein, zwei Lichter – quietschbunter, neonleuchtender Weihnachtsschmuck.

»Drei an 2376«, knisterte die Stimme aus der Leitstelle aus Rodwells Funkgerät.

»Ich höre«, entgegnete Rodwell und ließ die Jalousie wieder fallen.

»Schon irgendwas von der Franklyn Road zu vermelden?«

»Bisher keine Straftat entdeckt. Suche noch nicht abgeschlossen. Kommen.«

»Nachricht von Sergeant Roebuck, Keith: Vergeudet dort nicht zu viel Zeit. Wenn da bloß ein paar Halbstarke Mist bauen, brecht ab. Hier türmt sich schon anderer Kram.«

»Verstanden. Ende.«

»Das wär’s dann wohl, oder?«, fragte Ernshaw hoffnungsvoll.

»Nein«, stellte Rodwell klar.

Sie gingen einen Hauptflur entlang, spähten an der ersten Tür in einen Raum, der vermutlich mal ein Büro gewesen war. Schwaches Tageslicht beschien einen mitten im Raum stehenden einzelnen Aktenschrank, aus dem haufenweise Schriftstücke hervorquollen. Ernshaw ging hinein und warf einen Blick auf die Unterlagen: vom Zahn der Zeit vergilbte Schichtpläne und mit Eselsohren versehene Arbeitsablaufstudien. Er ließ von den Papieren ab, ging durch die nächste Tür und landete in einem ähnlichen Raum. Vandalen hatten sämtliche Wände mit Graffitiparolen beschmiert.

»Okay, hier waren irgendwelche Sandkastenrocker drin«, stellte er fest, »die außerdem ziemlich versaut waren. Guck dir das an … ›Meine kleine Schwester hat mir als Erste einen geblasen. Für einen Fünfer besorgt sie’s dir auch.‹ Da steht sogar eine verdammte Telefonnummer. ›Ich wichse jeden Tag in Mamas Schlüpfer – jetzt isse wieder schwanger. So ’ne Scheiße.‹« Als keine Antwort kam, drehte er sich um.

Rodwell war ihm nicht in den Raum gefolgt.

Ernshaw ging zurück zur Tür und warf einen Blick in das Büro mit dem Aktenschrank. Auch dort war er nicht.

»Keith?«, fragte er.

Hinter sich hörte er einen Schritt. Er wirbelte herum – und war immer noch allein. Doch auf der anderen Seite des Raums stand eine andere Tür einen Spaltbreit offen.

War sie nicht eben gerade noch verschlossen gewesen?

Ernshaw ging auf die Tür zu. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass sich in dem nächsten Raum jemand befand. Mit gezogenem Schlagstock riss er die Tür auf – und landete auf einem weiteren verlassenen Flur, der mit allem möglichen Kram aus weiteren verwüsteten Büros übersät war, die von dem Flur abgingen.

»Keith?«

Er erhielt immer noch keine Antwort.

Ernshaw ging weiter. Am Ende des Flurs gab es eine weitere Treppe, die, wie er feststellte, nur kurz war und zu einer geschlossenen Tür hochführte, hinter der ein schmaler Streifen helles Tageslicht zu erkennen war.

»Keith? Bist du da oben, Kumpel?«

Wieder nichts.

Er stieg hinauf – langsam, den Körper halb gedreht, damit er nach vorn und hinten alles im Blick hatte. Die Tür am Ende der Treppe ließ sich ohne Weiteres öffnen, und Ernshaw betrat das größte Büro, das er bis zu jenem Tag je gesehen hatte – gut einhundert Quadratmeter groß –, jene Sorte palastartiges Gemach, in dem einst ein Fabrikdirektor residiert haben mochte. Der Raum verfügte über mehrere große Fenster, allesamt intakt und keines mit Spanplatten vernagelt oder mit einem grünen Tuch verhängt. Die Wände waren sogar tapeziert, nur einige Fußbodendielen waren lose, aufgequollen und hochgesprungen. Es gab keine Möbel, nur ein paar herumliegende Backsteintrümmer, und in einer Ecke stand seltsamerweise eine Schubkarre mit zementverkrustetem Rand, an der eine Spitzhacke und ein Vorschlaghammer lehnten.

Doch nichts von alledem erregte Ernshaws Aufmerksamkeit so sehr wie das, was er ganz am Ende des Raums sah.

Er ging darauf zu.

Es schien sich um ein Stück frisch gemauerte Wand zu handeln, ein gut zwei Meter breites, beinahe vom Boden bis zur Decke reichendes Rechteck. Die Tapete und der Putz waren vor nicht allzu langer Zeit entfernt und das dahinterliegende uralte Mauerwerk eingerissen worden. In das entstandene Loch waren neue blassgelbe Backsteine gemörtelt worden. Doch was seinen Blick wirklich fesselte, hing in der Mitte all dessen: ein Bogen weißes Papier, auf dem in leuchtendem Blutrot eine Botschaft prangte. Das Blatt war sauber und unversehrt. Als Ernshaw es von der Wand nahm, sah er, dass es mit einem Batzen Klebegummi angepappt worden war, der noch weich und geschmeidig war, also offensichtlich noch frisch.

Die Botschaft stammte aus einem Tintenstrahldrucker. Sie lautete:

Ho Ho Ho

Ernshaw sträubten sich die Haare. Zweifellos konnte das auch eine hirnlose Schwachsinnsaktion sein. Doch die Tatsache, dass der Zettel erst vor Kurzem angebracht worden war, alarmierte ihn. Er trat einen Schritt zurück und untersuchte die Wand noch einmal. Sie war ohne Frage frisch hochgezogen worden, ganz anders als der Rest des Gebäudes. An ihrem unteren Ende ragten zwei spitz zulaufende schwarze Holzstümpfe aus einem schmalen Spalt unter den Backsteinen hervor, vermutlich irgendeine improvisierte Vorrichtung eines Bauarbeiters, um das Ganze waagerecht zu halten.

Eine Hand tippte ihm auf die Schulter.

Ernshaw wirbelte herum wie ein Derwisch. »Scheiße, verdammt!«, zischte er.

»Was ist das denn?«, fragte Rodwell.

»Hör auf, dich an Leute heranzuschleichen!« Er reichte ihm das Blatt. »Keine Ahnung, was das soll. Hing da an der Wand.«

Rodwell starrte zuerst die Wand an. »Dieses Mauerwerk ist neu.«

»Hab ich auch gedacht. Na ja, die werden wohl über die Jahre hinweg alle möglichen Arbeiten durchgeführt haben, um den Laden hier halbwegs in Schuss zu halten, oder?«

»In den letzten zwanzig Jahren nicht mehr.« Rodwell musterte das Blatt mit der Botschaft und sah wieder die Wand an. »Das ist ein Kaminvorsprung. Oder es war mal einer. Ist vermutlich mit einem der Außenschornsteine verbunden.«

»Schön, es ist ein Kamin«, sagte Ernshaw. »Einen alten Kamin zuzumauern ist heutzutage ja wohl keine schwere Straftat mehr, oder?«

Rodwell las die Botschaft noch einmal.

Ho Ho Ho

»Herr … im Himmel«, flüsterte er. »Gütiger Herr im Himmel!«

Mit schnelleren Bewegungen, als Ernshaw sie je bei ihm gesehen hatte, warf Rodwell das Blatt Papier beiseite, ging auf ein Knie und untersuchte die beiden unter dem Mauerwerk hervorragenden Holzstümpfe. Ernshaw beugte sich herab, um ebenfalls genauer hinzusehen – und begriff auf einmal, was er tatsächlich sah: die abgewetzten Spitzen eines Paars Stiefel.

Rodwell schnappte sich die Spitzhacke und Ernshaw den Vorschlaghammer.

Sie setzten der frisch gemauerten Wand so kräftig zu, wie sie konnten. Anfangs widerstand sie ihren Bemühungen, doch sie hämmerten wie besessen weiter auf sie ein und unterbrachen ihre Arbeit nur kurz, Rodwell, um ihre Vorgesetzten und einen Krankenwagen anzufordern, und Ernshaw, um den Reißverschluss seines Anoraks aufzuziehen und sich die Mütze vom Kopf zu reißen. Nachdem sie ein paar Minuten lang geächzt und geschwitzt hatten, brach endlich mit jedem Schlag Mörtel weg – dann lockerten sie die Backsteine, zerrten sie mit bloßen Fingern hervor, schlugen weiter und kniffen die Augen zusammen, um sie vor umherfliegenden Bröckchen zu schützen. Stück für Stück fiel die Mauer und gab ihr Geheimnis allmählich preis.

Der Geruch, der ihnen entgegenschlug, verriet es den beiden Polizisten zuerst.

Ernshaw würgte und presste sich eine Hand vor die Nase und den Mund. Rodwell legte sich umso härter ins Zeug und zertrümmerte die letzten Überbleibsel des Mauerwerks.

Sie traten keuchend zurück, fuchtelten den Staub weg und kämpften angesichts des Gestanks gegen den Brechreiz an.

»Großer Gott!«, brachte Rodwell hervor, als er in Augenschein nahm, was sie freigelegt hatten.

Die Gestalt stand aufrecht, aber nur deshalb, weil ihre Handgelenke in zwei über dem Kopf befestigten Handschellen hingen. Der Leichnam hatte jenes Stadium einsetzender Verwesung erreicht, in dem er genauso gut eine Wachsfigur hätte sein können, mit einer Hautfarbe irgendwo zwischen kränklich gelb und madig grün. Die Gestalt war einmal ein älterer Mann gewesen – so viel ließ sich aus dem zotteligen weißen Bart ablesen. Außerdem war er mager wie ein Gerippe, was durch die schlabberige, extrem schmutzige Kleidung nur noch betont wurde. Sie bestand aus einem roten Kittel mit dreckig grauem Pelzbesatz, der in übel riechenden Falten an ihm herabhing, sowie einer roten Pluderhose, die vorn steif von gefrorenem Urin war und deren Hosenbeine in ein Paar übergroße Gummistiefel gestopft worden waren.

Eine halb verfaulte Leiche zu entdecken war für einen Polizisten keine ungewöhnliche Erfahrung, nicht einmal für einen Neuling wie Ernshaw. Nicht jeder kam damit gut klar, doch Ernshaw hatte es bisher ganz gut hinbekommen. Bisher.

Er lachte. Es klang bizarr, fast wie ein Gackern.

»D-Der W-Weihnachtsmann«, stammelte er.

Rodwell sah ihn verwirrt an.

»Das ist der beschissene Weihnachtsmann!« Ernshaw gackerte noch immer, doch sein glasiger Blick enthielt keinerlei Frohsinn.

Rodwell betrachtete erneut die Leiche und dachte wieder an die Worte auf dem Blatt Papier – Ho Ho Ho. Er betrachtete die rote Kapuze mit grauem Pelzbesatz, die über den schrumpeligen haarlosen Schädel gezogen worden war.

»Herr, erbarme dich!«, flüsterte er. Die Leiche hatte einen gequälten Gesichtsausdruck. Die Augen traten wie Murmeln aus einer Miene hervor, die zu einer starren, fratzenhaften Totenmaske verzerrt war. »Der arme Teufel wurde hier lebendig eingemauert.«

Paul Finch

Über Paul Finch

Biografie

Paul Finch hat als Polizist und Journalist gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er hat zahlreiche Drehbücher, Kurzgeschichten und Horrorromane veröffentlicht und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem British Fantasy Award und dem International Horror Guild Award. Er...

Medien zu »Rattenfänger«



Pressestimmen

dpa

»Ein außergewöhnlich intensiver Spannungsroman, in dem es keine Hänger gibt.«

kriminetz.de

»Der 2. Teil ist eine enorme Steigerung zum Debüt. Ich kann diesen Thriller wirklich nur empfehlen. Auf den dritten Teil freu ich mich auch schon.«

Krimikiosk.blogspot.de

»Spannender, sehr atmosphärischer aber auch ziemlich blutrünstiger Thriller, der viel Action und Überraschungen bietet.«

vonmainbergsbuechertipps.de

»Der zweite Fall für den toughen Ermittler übertrifft den ersten Fall noch an Raffinesse und Spannung. Für Thriller-Fans absolut zu empfehlen!«

Kommentare zum Buch

Ein erstklassiger Thriller, der rasant, ausgeklügelt, dramatisch und oft auch sehr brutal ist
Marion Gallus - BUCHWELTEN am 01.12.2014

Mark „Heck“ Heckenburg steht vor einer Herausforderung als eine Mordserie beginnt, die an Grausamkeit kaum zu übertreffen ist:   Am Weihnachtsfeiertag wird ein toter Mann aufgefunden, ein junges Paar ermordet – oder eher hingerichtet – am Valentinstag, der nächste Mord geschieht an Ostern. Gibt es hier einen Zusammenhang? Da die Morde an Feiertagen verübt wurden, liegt die Vermutung eines religiösen Fanatikers nahe. Keine einfache Aufgabe für das Dezernat für Serienverbrechen. Plötzlich scheint eine DNA Spur der entscheidende Hinweis zu sein. Doch Heck glaubt nicht an solch eine einfache Lösung. Dafür sind die Morde viel zu ausgeklügelt und perfekt arrangiert. Heck findet die Spur viel interessanter, die er in einem nie veröffentlichten Manuskript findet. Denn hier sind die verübten Morde relativ detailgetreu niedergeschrieben …   ***   „Rattenfänger“ ist nach „Mädchenjäger“ der zweite Fall um Detektive Mark Heckenburg. Gleich vorweg, den ersten Teil kenne ich nicht, dennoch habe ich mir diesen Thriller ausgesucht, weil er mich sehr angesprochen und neugierig gemacht hat. Und ich wurde nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil. Paul Finch hat hier einen sehr guten, spannenden, fundierten Thriller geliefert, der mich vom Anfang bis zum Ende gefesselt hat. Der Spannungsbogen ist sehr gut gespannt, der Schreibstil absolut gut und angenehm. Die Figuren sind mir sehr sympathisch, allen voran der Ermittler Mark „Heck“ Heckenburg, in dem nach eigener Aussage des Autors eine Menge Charaktereigenschaften seines Vaters zu finden sind. Dies hat der sehr sympathische Autor in seinem ausführlichen Nachwort beschrieben. Sein Vater war selbst Autor und Drehbuchautor. Paul Finch selbst hat allerdings viele Jahre als Polizist und Journalist gearbeitet, weshalb er die Einblicke in beide Arbeitsbereiche wahrscheinlich so glaubhaft und real rüberbringen kann.   Finch schreibt nicht seicht, die Morde sind blutig, heftig und sehr detailliert beschrieben. Allerdings nicht reißerisch oder übertrieben. Er beschreibt nicht nur die grausamen Anblicke von Tatorten und deren Fotos, sondern auch die unmittelbaren Reaktionen darauf durch die beteiligten Kollegen sehr gut und glaubhaft. Immer wieder nimmt die Handlung neue Wendungen an, die den Handlungsbogen straff halten.   Was ich auch positiv hervorheben möchte, sind die diversen Verfolgungsjagden, die der Autor so real und rasant geschrieben hat, dass ich meinte, ich schaue einen Film und lese kein Buch. Ich habe mich dabei erwischt, dass ich mein Lesetempo an das der jeweiligen Verfolgungsszene angepasst habe. Als würde die Figur schneller rennen können, wenn ich schneller lese. Ich denke, man versteht was ich meine. So etwas geschieht mir nicht oft.   Der Roman, der im Original „Sacrifice“ (Opfer) heißt, ist für mich nicht so passend ins Deutsche übersetzt, aber nun gut, dass erlebt man leider öfter. Anstatt man einfach den englischen Titel beibehält, wird ein deutscher gesucht, der nichts mehr mit der Handlung zu tun hat. Aber immer noch besser, als ein deutscher Titel, der auch englisch ist und trotzdem „übersetzt“ wurde :) Gibt es ja alles. Sehr schön und ausgefallen ist der Schnitt, den der Verlag in knalligem Orange hat das Buch zieren lassen. Auch wenn es ab und zu ein bisschen bröselt, es ist ein toller Hingucker.     Mein Fazit: Ein erstklassiger Thriller, der rasant, ausgeklügelt, dramatisch und oft auch sehr brutal ist. Absolut fesselnd und ausgestattet mit sehr guten, angenehmen Charakteren macht er Lust auf mehr. Mir zunächst einmal auf den ersten Roman „Mädchenjäger“.   © Buchwelten 2014

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