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Rabenschwarze Intelligenz

Rabenschwarze Intelligenz

Was wir von Krähen lernen können

Taschenbuch
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Rabenschwarze Intelligenz — Inhalt

Raben und Krähen sind die intelligentesten Vögel: Sie schwindeln, unterscheiden Freund und Feind und passen sich erstaunlich gewitzt an die Menschenwelt an. Sie sind Singvögel, singen aber nicht und können die menschliche Stimme so täuschend ähnlich wie kein anderes Tier nachahmen. Der renommierte Zoologe und Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf beschreibt die Verhaltensweisen der cleveren Schwarzfedrigen und erzählt spannend und unterhaltsam, was er mit seinen eigenen Rabenvögeln erlebte.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.03.2011
256 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-25915-6

Leseprobe zu »Rabenschwarze Intelligenz«

Vorwort


Meine erste nähere Bekanntschaft mit den Rabenvögeln
machte ich mit einer Dohle. Damals war ich gerade
zehn Jahre alt. Ein älterer Junge hatte seit dem Jahr davor eine
»Dachl«, wie die Dohlen im Niederbayerischen hießen.
Einen frei fliegenden Vogel zu besitzen, beeindruckte mich
so sehr, dass ich unbedingt auch eine Dohle haben wollte.
Auf mein Bitten und Drängen hin verriet er mir schließlich,
wie man an eine junge Dohle kommt. In die Spitze unseres
Dorfkirchturms müsse man zur rechten Zeit im Mai steigen.
Ganz oben sind ihre Nester! Eine Treppe im [...]

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Vorwort


Meine erste nähere Bekanntschaft mit den Rabenvögeln
machte ich mit einer Dohle. Damals war ich gerade
zehn Jahre alt. Ein älterer Junge hatte seit dem Jahr davor eine
»Dachl«, wie die Dohlen im Niederbayerischen hießen.
Einen frei fliegenden Vogel zu besitzen, beeindruckte mich
so sehr, dass ich unbedingt auch eine Dohle haben wollte.
Auf mein Bitten und Drängen hin verriet er mir schließlich,
wie man an eine junge Dohle kommt. In die Spitze unseres
Dorfkirchturms müsse man zur rechten Zeit im Mai steigen.
Ganz oben sind ihre Nester! Eine Treppe im gemauerten
Turm und dann Steiggriffe am zentralen Balken führen dort
hinauf.
An einem ruhigen Tag in den Pfingstferien riskierte ich es.
Die Treppen hoch, das ging sehr schnell. Schwieriger wurde
es in der engen Turmspitze,weil ich bald nicht mehr aufwärts
schauen, sondern nur noch tasten konnte. Zudem war es
stickig heiß und sehr staubig. Die Dohlen nisteten seit
Jahrhunderten in diesem Turm. Sie bauten die Nester auf
den Sparren und Streben alljährlich Schicht um Schicht
höher, bis so ein Nestturm zu hoch wurde und abstürzte.
Die Bestandteile der Nester voller Kotreste, mit viel Staub
und Mumien von Jungvögeln, die nicht zum Ausfliegen
kamen, landeten in der Tiefe auf der oberen Plattform des
gemauerten Turms, wo sie der Mesner alle Jahre wieder
einmal entfernen musste. Beliebt waren sie daher nicht, die
kleinen schwarzen Dohlen mit ihren silbrig grauen, irgend-
wie »klug« wirkenden Köpfen und den stahlblauen Augen.
Aber man duldete sie, weil es schon immer so gewesen war,
dass sie in der Turmspitze lebten.Wenn die Glocken geläutet
wurden, kamen sie aus allen Luken mit lautem Geschrei hervor,
umschwärmten flatternd den Turm, beruhigten sich
wieder und verschwanden darin.
Mindestens 50 Dohlenpaare hausten damals im Kirchturm.
Die meisten hatten Junge, als ich die Kolonie erreichte. Daher
war es leicht, einen passend erscheinenden Jungvogel aus
einem der Nester zu holen, die in Griffweite waren. Ziemlich
verdreckt von all dem Zeugs, das auf mich niederging,weil ich
unweigerlich an alte Nester stieß, aber mit einer schreienden
Jungdohle als Beute, die ich unter dem Hemd versteckthielt,
kehrte ich zurück und schlich mich wie ein Dieb aus
der Kirche.
Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht, denn mit zwei bis
drei Jungen pro Nest und somit sicherlich über 100 Jungvögeln
allein in jenem Jahr schien mir der Verlust einer
Dohle vertretbar. Zudem sollte diese ja nicht umkommen,
sondern großgezogen werden und frei fliegen. Vielleicht
würde sie auch wieder zur Kolonie zurückkehren – was sie
später tatsächlich tat. Denn ich hatte nicht bedacht, dass die
so muntere, schon richtig keck um sich schauende Jungdohle
viel zu alt gewesen war, um auf Menschen geprägt zu werden.
Sie fraß, schien unersättlich, wuchs heran, lernte von selbst
das Fliegen und als sie so richtig schön groß geworden war,
flog sie davon, zurück zu den Ihrigen. In den knapp zwei
Monaten, die sie unter meiner Fürsorge aufwuchs, hatte ich
viel gelernt.
Am eindrucksvollsten war,wie genau sie mich kannte und von
allen anderen Menschen unterschied. Egal, wie ich gekleidet
war, sie irrte sich niemals. Als sie fliegen konnte, streifte sie
ums Haus herum, lernte die Umgebung kennen und verflog
sich nicht ein einziges Mal. Die Leute im Dorf beeindruckte
ich mit meiner Dohle sehr.Denn wenn ich sie »Hansi« rief, so
hatte ich sie genannt, antwortete sie mit »da, da« und kam
auch meist sogleich angeflogen. Gern saß sie auf meiner
Schulter, knabberte dabei am Ohrläppchen und quatschte mir
unentwegt auf Dohlisch ins Ohr.
Die Stunden, die ich in die Schule musste, mochte sie nicht.
Da blieb sie im Haus eingesperrt. Nachmittags gingen wir
»fliegen«. Gemeinsam suchten wir dann auf der Wiese nach
Insekten. Da war sie natürlich viel besser als ich. Als die Sommerferien
begannen und ich den ganzen Tag Zeit für sie gehabt
hätte, verließ sie mich. Sie verstand offenbar die Rufe ihrer
Artgenossen. Leider hatte ich sie nicht beringen können,
weil die Ringe aus Plastik, die unsere Hühner trugen, für ihre
dünnen Beine zu groß waren. Deshalb weiß ich nicht, wie es
ihr bei den Dohlen im Kirchturm weiter erging.
Die kleine Dohle hatte ein Interesse erweckt, das nachwirkte.
Fünfzehn Jahre später zog ich eine Rabenkrähe auf. Diese war
klein genug. Sie hatte die Augen noch geschlossen und als sie
sich öffneten, mich als erstes Lebewesen erblickt. Da hielt sie
sich selbst für meinesgleichen und blieb. Über Jahre bekam
ich mit dieser Krähe höchst ungewöhnliche Einblicke in das
Leben von Rabenvögeln. Besonders Spannendes kam hinzu,
als ein Freund den intelligentesten aller Vögel, einen Kolkraben,
erhielt. Dieser Rabe lernte auch mich und einen kleinen
Freundeskreis individuell kennen.
Jahrzehnte der Forschung an frei lebenden, »wilden« Rabenkrähen,
Elstern und Dohlen folgten. Mein Interesse an dieser
»Rabenschwarzen Intelligenz« ist nach einem halben Jahrhundert
Beschäftigung mit den Krähenvögeln ungebrochen. Aus
allen Teilen der Erde kommen immer wieder neue Entdeckungen
und die erstaunlichsten Berichte über ihre Fähigkeiten.
Bei uns werden sie hingegen alljährlich zu Zehntausenden
abgeschossen. Ist die Bekämpfung der Krähenvögel gerechtfertigt
und sinnvoll? Warum ist unser Verhältnis zu ihnen so
zwiespältig? Das habe ich mich früher oft gefragt. Ich meine,
einige Antworten dazu geben zu können, warum ausgerechnet
die intelligentesten Vögel am wenigsten beliebt sind.



Vorstellung der Rabenvögel



Die »Schwarzfedrigen« und die Intelligenz

 


Raben, Krähen und dergleichen

 


Wer mag sie schon, die Raben und die Krähen? Sie prunken
nicht mit schönem Gefieder. Ihr Rabenschwarz passt für
»schwarze Tage« besser. Im Flug mangelt es diesen Vögeln
an Eleganz. Zu Fuß wirken sie einfältig, mitunter richtig
komisch. Sie können weder klettern noch schwimmen.
Selbst ganz jung sehen sie schon alt aus. »Alte Krähe« ist ein
Schimpfwort der üblen Sorte. »Verrückte Hühner« sind jung
und vergleichsweise weniger schlimm. Krähen singen nicht,
sie krächzen. Das passt zwar zu ihnen, allerdings nicht zu ihrer
Verwandtschaft, den Singvögeln. Dass sie mit der Nachtigall
näher verwandt sein sollen als mit Hühnern oder Tauben,
wird man ohne nähere Erklärung kaum für möglich halten.
Und bei ihrem Gekrächze immer noch nicht so recht glauben
wollen! Verwirrung gibt es schon bei den Namen. Wer ist
»Rabe«, wer »Krähe« und wer »Rabenkrähe«? Selbst Vogelkundler
werden, um Klarstellung befragt, leicht verlegen.
Raben sind die Großen,Krähen die Kleineren und Dohlen die
Kleinen Schwarzen unter den schwarz gefiederten Rabenvögeln.
Oder heißt es Krähenvögel?
Dem Familiennamen zufolge wäre »Rabenvögel«, Corvidae,
richtig, weil Corvus lateinisch Rabe bedeutet. Doch die
»Schwarzen« sind in ihrer Familie, die 115 verschiedene Arten
umfasst, klar die Minderheit. Zur Gattung Corvus gehören
40 Arten weitgehend oder ganz schwarz gefiederter Raben
und Krähen. Die mehr oder weniger bunten, wie die alt-
rosafarbenen heimischen Eichelhäher, die blauen amerikanischen
Blauhäher, die Elstern, die prächtigen ostasiatischen
Kittas und einige weitere Vertreter dieser Vogelgruppe stellen
mit 75 Arten fast zwei Drittel der Familie. Also doch lieber
Krähenvögel?! Wie’s beliebt, lautet die Antwort. Denn nicht
einmal innerhalb der »Schwarzen« lassen sich die (kleineren)
Krähen von den (größeren) Raben klar genug trennen. Mit
unserer west- und mitteleuropäischen Rabenkrähe haben wir
den Kompromiss vor uns: Rabe und Krähe in gleichsam Einem;
nicht zu klein und nicht zu groß.Viele meinen diese Art,
wenn sie von »den Raben« sprechen, und nicht ihren viel größeren
Verwandten, den Kolkraben. Verglichen mit diesem
geradezu »edlen« Raben sind sie aber wieder gemeine Krähen;
Rabenkrähen eben.Was sie eint bei aller Vielfalt in der Familie,
das ist nicht von außen sichtbar.Man muss es erlebt haben,
um es glauben zu können. Intelligenz ist ihre gemeinsame
Stärke! Eine »rabenschwarze Intelligenz«! Ich habe sie erlebt
und kann das Erlebte immer noch kaum fassen!

 

Intelligente Rabenvögel?

 

Wir Menschen halten uns für intelligent. Das ist wohl im Großen
und Ganzen richtig, auch wenn die menschliche Intelligenz
häufig genug sehr zu wünschen übrig lässt. Entrüsten wir
uns über mangelnde Intelligenz von Mitmenschen, muss oft
die Tierwelt für geeignete Schimpfwörter herhalten. »Blöder
Hund« passt für Hunde und Menschen. Statistisch gesehen
wird es häufiger aufMenschen angewandt als auf Hunde. Das
spricht für die Intelligenz der Hunde. Zumeist erfüllen sie
unsere Erwartungen. Bei der menschlichen Intelligenz setzen
wir höhere Erwartungen an. Zu hohe offenbar. Dem Hund
sind wir viel wohlwollender zugetan, sodass wir ihn für über-
durchschnittlich intelligent halten, zumal wenn es der eigene
ist. Da es die meisten Hunde irgendwie geschafft haben, sich
einen Besitzer anzueignen, erfreuen sie sich fast allesamt überdurchschnittlicher
Intelligenz in der Einschätzung seitens der
Menschen. Diese Betrachtungsweise macht die Spezies Hund
gescheiter, als sie ist. Ein »dummer Hund« fällt auf, obgleich
Hunde nun mal dumm sein dürfen, weil sie nicht alles wissen
können, was von ihnen erwartet wird.Vom Menschen hingegen
wird von vornherein mehr erwartet, viel mehr. Auf diese
Weise senkt sich der Durchschnitt der anderen Menschen
scheinbar ganz erheblich unter das eigene Niveau der Intelligenz,
von dem selbstverständlich ausgegangen wird. Das lässt
unsere Spezies im Gegensatz zum Hund dümmer erscheinen,
als sie ist.
Mit diesem automatischen Vorurteil müssen wir uns herumschlagen,
wenn wir »objektiv« sein (oder werden)
möchten. Das kleinste Zeichen von Intelligenz beim Hund
wird freudig vermerkt, während kleine Unachtsamkeiten
von Menschen dagegen gleich als Ausdruck von Dummheit
gewertet werden. Intelligenz hat daher fast immer mit Voreingenommenheit
zu tun.Greifen können wir die Intelligenz
ohnehin nicht und begreifen nur schwer, weil wir dabei auf
die eigene, mehr oder weniger ausgeprägte angewiesen sind.
Wie groß oder wie schwach die »Ausprägung« ist, wissen wir
deshalb nicht,weil uns die eigene Intelligenz nur so weit hilft,
wie sie reicht.
Mit der Intelligenz geraten wir in Schwierigkeiten,wo immer
wir sie definieren wollen. Ist es ein Zeichen von Intelligenz,
wenn sich die Katze schlafend stellt und auf unseren Zuruf
nicht reagiert, oder einfach Ausdruck ihrer momentanen,
meist viele Stunden anhaltenden Faulheit? Ist der Esel,weil er
sich weit umfänglicher den Menschen und ihrem Ansinnen
widersetzt, intelligenter als das folgsame Pferd?
Eine genaue, für andere kritischen Intelligenzen hieb- und
stichfeste Begriffsbestimmung der Intelligenz will ich deshalb
vermeiden. Abgrenzungen lassen sich kaum jemals in der
Klarheit vornehmen, die sie vortäuschen,weil in der Natur die
Übergänge fließend sind. Besser ist es, die Befunde, das Erlebte
direkt darzustellen. Darüber kann dann jeder nachdenken
und sich seinen Reim darauf machen. Am irgendwie intelligenten
Verhalten von Tieren ändert die nachträgliche
menschliche Deutung ohnehin nichts. Es war so, wie es war;
die Experimente hatten diese oder jene Ergebnisse. Deute sie,
wer das kann!
Sicher ist, dass wir Menschen die Intelligenz nicht für uns
alleine reservieren können. Tiere sind keine Automaten, die
ein vorprogrammiertes Verhalten abspulen, weil es gerade
durch diesen oder jenen Anreiz ausgelöst worden ist. Wäre
dem so, und könnten Tiere nicht auch in irgendwie ähnlicher
Weise wie wir Menschen denken, müssten wir auch uns selbst
die Intelligenz absprechen. Denn sie bedeutet mehr als Einsicht
oder Voraussicht. Der lateinische Wortursprung drückt
das aus: Dazwischen, nämlich zwischen den Zeilen des Geschriebenen
oder den Sätzen des Gesprochenen, lesen zu können,
darin äußert sich Intelligenz. Das können mit Sicherheit
unsere nächsten biologischen Verwandten, die Menschenaffen.
Bei den großen Übereinstimmungen in Bau und Funktionsweise
ihres und unseres Gehirns und beim hohen Grad
der Verwandtschaft nimmt das nicht wunder. Unterscheiden
wir uns von den Schimpansen doch nur in wenig mehr als
einem Prozent im Erbgut (Genom).
Aber nicht nur die Menschenaffen allein äußern intelligentes
Verhalten.Wir staunen über Leistungen ganz anderer Säugetiere
wie zum Beispiel der Delfine. Sie verständigen sich unter
Wasser mit Ultraschall.Wie weit sie sich dabei in grundsätzlich
ähnlicher Weise austauschen wie wir Menschen mit der
Sprache,wissen wir nicht,weil der Code der (möglichen) Delfinsprache
bisher nicht geknackt worden ist. Ihre schwache,
kaum erkennbare Gesichtsmimik verrät uns zu wenig über
Stimmungen und Wirkungen von Verhaltensweisen. Aber
wenn etwa ein Delfin beim Training den Ball 20- oder 30-mal
mit der Schwanzflosse an den Rand des fünf Meter über dem
Becken angebrachten Basketballkorbes geschleudert, jedoch
nicht in den Korb getroffen hatte, mutet es schon wie eine
Neckerei an, die er sich mit dem Trainer erlaubt, wenn er
sofort absolut sicher trifft, weil dieser sagt »du bist heute zu
blöd, ich mag nicht mehr und hör auf!«.
Was mag in jenem Weißwal im Duisburger Zoo vorgegangen
sein, als sich der Direktor vor dem Becken (zu) lange mit
einem Kollegen und mir unterhalten hatte und ihm der Wal
urplötzlich ein Maul voll Wasser über den Kopf schüttete?
Oder als sich in der völligen Freiheit einer Lagune im mexikanischen
Niederkalifornien Grauwale in der Abenddämmerung
auf ihre Schwanzflossen im Flachwasser abstützten, den
Kopf übers Wasser emporreckten und den Sonnenuntergang
ansahen?
Verwirrende bis rührende Geschichten können auch die meisten
Hundehalter von ihren Lieblingen erzählen. Manches,
allzu viel mitunter, mag vom Menschen hineininterpretiert
worden sein.Aber im Grundsatz ist und bleibt klar, dass Empfindungen
und Verhaltensweisen bei Tieren vorkommen, die
doch sehr »menschlich« wirken.
Drei Gruppen von Tieren trauen wir dabei am meisten zu: unseren
nächsten Verwandten, den Primaten, vor allem den
Menschenaffen.Unserem treuesten Haustier,dem Hund.Und
schließlich den Säugetieren ganz allgemein, so weit es sich um
sehr lernfähige Arten handelt, die sozial leben. Daher wird
man auch Ratten und Mäusen Intelligenz zubilligen müssen,
nicht nur Hunden und Affen. Bei anderen Säugetieren wissen
wir zumeist zu wenig von ihrem Leben,weil uns ihre Welt,wie
bei Walen und Delfinen, zu verschlossen ist. Als Faustregel
gilt, wer ein großes Gehirn hat, kann intelligent sein. Ein Elefantengehirn
macht ein Elefantengedächtnis möglich. Wer
seine Beute aktiv suchen und jagen muss, wird intelligenter
sein als andere Arten ähnlicher Größe, die von Gras leben.
Intelligenz könnte also so etwas wie der Spiegel der Anforderungen
sein, die Leben und Umwelt für die betreffende Art
mit sich bringen. Dem Biber, der Dämme baut und den Wasserabfluss
in einem von ihm gestauten See reguliert,wird man
mehr Intelligenz zubilligen als den Wühlmäusen, mit denen
die Biber entfernt verwandt sind. Sie graben Löcher in die
Dämme, ohne Rücksicht auf die Folgen, während die Biber
Löcher so rasch wie möglich verschließen, um den Wasserstand
zu halten.Die im Rudel gemeinsam jagenden Löwinnen
oder Wölfe sind gewiss intelligenter als ihre Beute, die Büffel
und Antilopen oder die Elche und Rehe.
Wir Menschen sind Säugetiere und Angehörige der Ordnung
der Primaten. Insofern passt bei uns alles gut zusammen: Primaten
sind besonders intelligent, die uns nächstverwandten
Menschenaffen am intelligentesten. Der Hund gehört als
Abkömmling des Wolfes zu den sozial in Gruppen lebenden
und jagenden Raubtieren, die im Hinblick auf ihre Herausforderungen
sehr intelligent sein müssen. Unter den Nagetieren
haben Ratten, Mäuse und Biber ein hoch entwickeltes
Sozialverhalten mit individuellem Kennen und Erkennen der
Mitglieder ihrer Gruppen. Auch das setzt ein entsprechend
hohes Maß an Intelligenz voraus. Die weitaus meisten Beispiele
für intelligentes Verhalten und Forschungsergebnisse,
die sich mit Experimenten darauf beziehen, stammen aus
diesen Gründen von diesen Säugetieren. Sie passen mit ihrem
unterschiedlichen Grad an Intelligenz und Verwandtschaft
recht gut zu uns.
Doch wo soll sich eine Intelligenz von Rabenvögeln einordnen?
Vögel haben keine großen Köpfe mit schwergewichtigen
Gehirnen. Sie leisten viel und höchst Erstaunliches mit ihren
Flügen, die sich über den ganzen Globus erstrecken können.
Aber wenn es um »Klugheit« in der Vogelwelt geht, taucht in
unserer Vorstellung eher das Bild der »weisen Eule« auf als das
des klugen Raben. Ein Trugbild ist es, denn die Befiederung
der Eule täuscht einen großen, mit den Rundungen Klugheit
versprechenden Kopf vor. Zu den Intelligentesten unter den
Vögeln gehören die Eulen gewiss nicht. Die »Eule der Athene«
hatte der Göttin nichts zu sagen; ganz im Gegensatz zu
»Hugin« und »Munin«, den beiden Raben des Germanengottes
Wotan. Sie sorgten dafür, dass er über das, was die Menschen
so anstellten, auf dem Laufenden blieb, ohne dass sich
der Gott mit der Menschenwelt unter ihm allzu viel Mühe
machen musste. Die alten Germanen hatten die Intelligenz
der Raben sehr wohl gekannt und das Rabenpaar zu Göttervögeln
gemacht. Die Christianisierung der Heiden stürzte mit
Wotan auch die beiden klugen Raben und degradierte sie zu
Totenvögeln. Intelligent blieben sie dennoch. Die Intelligentesten
der Vogelwelt überhaupt und eine echte Konkurrenz
für Primaten; mitunter auch für jenen Primaten, der sich
selbst »der Weise (oder Kluge)« nennt – den Homo sapiens.
Sogar mit ihrer kleineren Ausgabe, den Rabenkrähen, kommt
so mancher Zeitgenosse im grünen Rock nicht klar. Die Antwort
der Gekränkten ist der tödliche Schuss.

 

Was sind Rabenvögel?

 

Die volkstümliche und die zoologische Sicht
Es war schon spät, so gegen 22 Uhr, als das Telefon in meinem
Arbeitszimmer in der Zoologischen Staatssammlung klingelte.
Warum wohl mochte der Anrufer annehmen, dass ich noch
arbeiten würde? Aus dem Hörer drang Wirtshauslärm. Die
Frage aber kam klar und eindeutig: »Gehören nun die Krähen,
Herr Doktor, zum Raubzeug oder zu den Singvögeln?« Eine
Diskussion unter Jägern war also im Gang.Meine Antwort fiel
ebenso klar und eindeutig aus: »Zu den Singvögeln, Raubzeug
werden sie nur in der Jägersprache genannt.« Zurück kam
ohne Groll ein »Dank schön, aber jetzt habe ich gerade einen
Kasten Bier verloren!«. Da der Hörer eingehängt wurde,
konnte ich meinen Vermittlungsvorschlag nicht mehr anbringen,
nämlich dass beide auf ihre Weise Recht gehabt hatten.
Aus der Sicht der Jäger fasst der Ausdruck »Raubzeug« die drei
markantesten Vertreter der Krähenvögel,Krähen, Elstern und
Eichelhäher, zusammen. Zoologisch, und damit rechtlich im
Hinblick auf die Europäische Vogelschutzrichtlinie, um die es
bei obiger Frage in der Wirtshausdiskussion gegangen war,
weil 1979 alle Singvögel unter Schutz gestellt worden waren,
stimmte allerdings die Einstufung als Singvögel. Mich hatte
damals der Verdacht beschlichen, dass bei der parlamentarischen
Abstimmung über die Vogelschutzrichtlinie möglicherweise
niemand unter den jagenden Abgeordneten im
Europaparlament zugegen war, der wusste, dass auch die
Raben Singvögel sind. Daher gerieten die Rabenvögel unter
die Decke des Vollschutzes, ohne dass dies so für sie vorgesehen
gewesen war. Umgekehrt dürften sich einige Informierte
unter den Abgeordneten ins Fäustchen gelacht haben über
diesen Handstreich. Als solcher wurde er von zahlreichen
Jägern angesehen, als das Geschehen ruchbar geworden war.
Da hatte man doch glatt das »Raubzeug«, die schlimmsten
Feinde der Singvögel, diesen armen, schützenswerten Vögelchen
gleichgestellt und in Schutz genommen. Folglich durften
sie auch nicht mehr, wie bisher, abgeschossen und reguliert
werden. »Wer schützt uns nun vor diesen Räubern«, ließ eine
Jagdzeitung entsetzte Singvögel in einer Karikatur fragen. Das
Ende der Singvögel schien mit dieser Unterschutzstellung
angebrochen.Viele Freunde der Singvögel und Vogelschützer
konnten es auch nicht fassen: Krähen, Elstern und Eichelhäher
sind doch wie die Katzen die Feinde der Singvögel!
Die alte Ordnung, die auch die Vogelwelt in Gut und Böse einteilte,
war infolge der zoologischen Klassifizierung zusammengebrochen.
Für die Jäger schien das sogar besonders
schlimm, weil Krähen und Elstern aus ihrer Sicht auch als
Feinde der Bodenbrüter, wie Fasan und Rebhuhn oder Wildente,
und der Junghasen unbedingt kurz gehalten werden
mussten.Mit Erfolg, dank ihres hohen politischen Einflusses
und des passionierten Jägers Franz Josef Strauß, erwirkten sie
zunächst in Bayern eine Ausnahmeregelung, die ihnen (die
allerdings höchst unbeliebten) »Einzelabschüsse« ermöglichte.
Eine zumindest teilweise Rettung von Niederwild und
Singvögel war damit gewährleistet. An der zoologischen Einstufung
des »Raubzeugs« änderte dies allerdings nichts. Der
Ausdruck entschwand nach und nach. Er war so auch nicht
mehr zeitgemäß.


Die Krähen


Es gibt andere Probleme. Während »die Elster« oder »der
Eichelhäher« eindeutige Bezeichnungen sind, ist das bei »den
Krähen« nicht so.Die Bezeichnung umfasst nämlich drei verschiedene
»Formen«, von denen zwei einander zwar sehr
ähnlich sehen, aber artverschieden sind, während die dritte
deutlich anders aussieht, aber nur eine Unterart (Subspezies)
darstellt. Die Rede ist von Rabenkrähe, Nebelkrähe und Saatkrähe.
Raben- und Saatkrähe sind ganz schwarz, schon auf
mäßige Entfernungen täuschend ähnlich, aber zwei eindeutige
Arten, die sich nicht miteinander vermischen. Die Nebelkrähe
hingegen, »zweigeteilt« grau und schwarz gefiedert, ist
der Rabenkrähe so nahe verwandt, dass sich beide, allerdings
auf höchst merkwürdige Weise, in einem schmalen Streifen,
der sich quer über Europa von der Ostsee zum Mittelmeer hin
zieht, untereinander vermischen. Sie gelten daher als zwei Unterarten
einer größeren Gemeinschaft, die Aaskrähe genannt
wird und den wissenschaftlichen Namen Corvus corone trägt.
Die westliche, ganz schwarz gefiederte Unterart davon ist »unsere
« Rabenkrähe Corvus corone corone, die zu ihrer Kennzeichnung
als Subspezies den dritten Namensteil corone hinzugefügt
bekommen hat, während die östliche und südöstliche
Unterart auch allgemein als Nebelkrähe bekannt und
wissenschaftlich Corvus corone cornix bezeichnet ist. Dieses
merkwürdige Paar wird in anderem Zusammenhang noch genauer
behandelt. Zunächst geht es darum, im nötigen Umfang
klarzustellen, wer unter den Raben- oder Krähenvögeln
wer ist und wohin er/sie gehört.
So verursacht die große Ähnlichkeit der beiden »Schwarzen«,
der Raben- und der Saatkrähe, immer wieder Missverständnisse
und Fehleinschätzungen, vor allem, wenn es um die
Häufigkeit »der Krähen« geht. Denn in der Lebensweise un-
terscheiden sich beide Arten weitaus stärker als in ihrem Äußeren.
Wenn im Winter Zehn- oder Hunderttausende Saatkrähen
als Gäste aus dem Osten zu uns kommen, bedeutet
dies eben nicht, dass sich die heimischen Rabenkrähen im
letzten Sommer explosiv vermehrt hätten und die nächste
Brutzeit der Singvögel und Feldhühner von Schwadronen
schwarzer Nesträuber heimgesucht würden. Und weil es sich
um Wintergäste handelt, die im Frühjahr wieder abziehen,
besagen ihre Schwärme auch nichts über die Brutbestände der
Saatkrähen in Deutschland. Als Brutvögel sind sie tatsächlich
so selten, dass sie zu den gefährdeten Arten gehören und vielerorts
völlig fehlen.Wer aber eine Brutkolonie von Saatkrähen
vor dem Fenster oder im nahen Park hat, wird eher geneigt
sein, das Gegenteil einer Überhandnahme anzunehmen.
Weil Saatkrähen in Kolonien brüten, die als »Nesträuber« ver-
schrienen Rabenkrähen jedoch nicht. Die Rabenkrähen brüten
streng einzeln und verteidigen ihr Brutrevier gegen Artgenossen.
Die Saatkrähen suchen als Koloniebrüter wie die
gleichfalls in Kolonien und noch enger beisammen nistenden
Dohlen gemeinsam auf den Fluren nach Nahrung.Daran sollte
man sie gleich erkennen können. Bei den kleinen Dohlen
mit dem grauen Kopf ist das auch in der Tat einfach. Nicht
aber bei den Saatkrähen, weil es zur Brutzeit auch Schwärme
von Rabenkrähen gibt, die umherstreifen und gemeinsam
nach Nahrung suchen.
Dieser komplizierte Sachverhalt ist leider so wichtig, dass er
später genau dargelegt werden muss. Denn es macht in der Tat
einen großen Unterschied, ob es sich während der Fortpflanzungszeit
der Vögel und des Niederwildes bei einem Krähenschwarm
um Saatkrähen oder um Rabenkrähen handelt.
Dummerweise haben die ausgeflogenen jungen Saatkrähen
auch noch einen befiederten Schnabelansatz und nicht das
»grindige« Gesicht der Altvögel, sodass sie den Rabenkrähen
noch ähnlicher sehen. Kein Wunder also, dass die Jäger vereinfachend
von »den Krähen« und zusammengefasst mit den
unverkennbaren Elstern vom »Raubzeug« gesprochen hatten.
Leicht machen sie es uns wirklich nicht, die Krähen. Aber das
liegt eindeutig an uns. Denn untereinander täuschen sie sich
überhaupt nicht. Sie sehen einfach viel besser als wir Menschen;
so gut sogar, dass sich die Partner und Nachbarn der
Raben- wie auch der Saatkrähen untereinander persönlich
erkennen, obgleich sie für uns völlig gleich aussehen.
Vieles hängt eben von der Sichtweise ab,wie gut sie entwickelt
ist oder wie begrenzt und von Vorurteilen belastet sie ausfällt.
Bei den Krähen treffen für uns Begrenzung und Vorurteile
ganz besonders zu, weil wir Buntes und Niedliches emotional
bevorzugen, mit Schwarzem aber Schwierigkeiten haben zurechtzukommen.
Auch davon später mehr.


Bleiben wir bei der Zuordnung und ihren Problemen.Wer zu
den Singvögeln gehört,wird nicht von den Gesangsqualitäten
bestimmt und was ein Krähenvogel ist, hängt nicht von seinem
Äußeren ab.Die Zuordnung »Krähe« stimmt jedoch besser,
als man vermuten würde, wenn wir die globale Verbreitung
der Krähenvögel berücksichtigen. Schwarze Vögel von
Größe und Aussehen »einer Krähe« gibt es mit Ausnahme
von Südamerika auf allen Kontinenten und vielen Inseln.Mit
sechs verschiedenen Arten aus der Gattung Krähe/Rabe Corvus
sogar besonders viele in Australien! Fünf Arten leben in
Afrika und sieben in Eurasien, der größten Kontinentalmasse.
Insgesamt umfasst die Gattung Corvus 40 verschiedene Arten.
Unsere vier Arten, der Kolkrabe Corvus corax, die Aaskrähe
Corvus corone, die Saatkrähe Corvus frugilegus und die
Dohle Corvus monedula, stellen also gerade zehn Prozent des
globalen Artenspektrums der »Krähen«, die Raben eingeschlossen.
Diesen wurde seit alters die Bezeichnung »Rabe« zuteil, weil
bei uns die Kolkraben mit ihren 64 Zentimetern Länge von
der Schnabel- bis zur Schwanzspitze auch deutlich größer als
die Raben-, Nebel- und Saatkrähen mit nur 47 bis 48 Zentimetern
sind. Der Größenunterschied äußert sich nicht nur
in Flugbild und Körpermasse (Gewicht), sondern insbesondere
auch in der Wuchtigkeit des Schnabels. Der Kolkraben-
Schnabel übertrifft sogar den des ungleich »mächtiger« erscheinenden
Steinadlers. Der Längenunterschied zwischen
Kolkraben und den »Krähen« von einem Viertel bedeutet im
Gewicht aber eine Verdopplung bis Verdreifachung. Große
Kolkraben wiegen mehr als 1,5 Kilogramm, Krähen aber nur
um die 0,5 Kilogramm. Das Gewicht schwankt in Abhängigkeit
von Alter, Jahreszeit und Kondition, aber das Verhältnis
bleibt bestehen. Erheblich größer als bei den Krähen fällt daher
auch die Flügelspannweite der Raben aus. Beim (europäischen)
Kolkraben erreicht sie bis 1,5 Meter; bei den
nordamerikanischen Artgenossen fällt sie etwas geringer aus.
Dennoch ist das eine eindrucksvolle Flügelspannweite, die
durchaus der von Greifvögeln in Bussardgröße entspricht.
Hier in Europa und Nordasien wie dort in Nordamerika sind
die nordischen Raben stets deutlich größer als die weiter südlich
vorkommenden. Als Regel gilt, je weiter im Norden sie
auftreten, desto größer werden sie – und umgekehrt. Kolkraben
sind sehr weit verbreitet. Ihr Areal reicht von Westeuropa
und fast ganz Nordafrika über Nord- und große Teile von
Zentralasien bis in den Fernen Osten und hinüber nach Nordamerika,
wo sie südwärts bis Mexiko und Mittelamerika vorkommen.
Sogar die Küsten Grönlands und Islands sowie
zahlreiche kleine nordatlantische Inseln sind vom Kolkraben
besiedelt. Sein Areal zählt damit zu den größten einer Singvogelart
überhaupt – und er ist der größte Singvogel! Darin
drückt sich der Erfolg des Raben aus.
Würde die Aaskrähe in Nordamerika nicht durch vier eigene,
nahe verwandte Krähenarten, die Amerikanerkrähe Corvus
brachyrhynchos, die Fischkrähe Corvus ossifragus, die Sundkrähe
Corvus caurinus und die Mexikanerkrähe Corvus imparatus
sowie auf den Antilleninseln von fünf weiteren Arten
von Inselkrähen ersetzt, nähme sie ein fast genauso großes
Areal ein wie der Kolkrabe. In Europa und Nordasien ist es
offenbar nicht zu so starker Isolierung der Vorkommen der
Aaskrähen gekommen, als das Eis während der Eiszeiten vorrückte
wie in Nordamerika, sodass sich keine eigenständigen
Arten, sondern nur Unterarten ausbildeten.Weiter im Süden
Asiens, in Indien und Südost- sowie in Ostasien breitete sich
jedoch eine eigene Art, die Haus- oder Dschungelkrähe Corvus
macrorhynchus überall dort aus, wo der Kolkrabe ganz
oder weitestgehend fehlt. Von dieser Krähe wird noch Erstaunliches
zu berichten sein.
Die Saatkrähe hingegen hat kein direktes Gegenstück in
Nordamerika. Von Westeuropa aus reicht ihr Areal über Vorder-
und Zentralasien bis ins Amur-Gebiet und in große Teile
von Nord- und Zentralchina. Unter den Krähen bildet sie
eine Besonderheit, weil sie regelmäßig mehr oder weniger
weite Wanderungen von den nördlichen Brutgebieten in südlicher
und südwestlicher (in Europa) gelegene Winterquartiere
durchführt und dabei in großen Schwärmen unterwegs ist,
die auf ihren Zugrouten traditionelle Übernachtungsplätze
aufsuchen und auch im Winterquartier allabendlich Schlafplatzflüge
durchführen. Gebietsweise schließen sich Dohlen
an, die auch aus den nördlicheren, im Winter zu kalten und zu
schneereichen Gebieten in mildere Regionen wandern.
Die meisten Krähen sind allerdings mehr oder weniger sogenannte
Standvögel. Sie bleiben das ganze Jahr über in ihren
Brutgebieten und verlassen oftmals ihr Revier gar nicht, es sei
denn, ein ungewöhnlich harter Winter zwingt sie dazu. »Unsere
« Krähen müssen wir daher im größeren Rahmen ihrer
kontinentweiten Vorkommen und ihrer näheren Verwandtschaft
betrachten,wenn wir ihre Lebensweise verstehen
möchten.

 

Krähennahrung

 

Die nahe liegende Frage, warum nur die Krähen und nicht alle
Rabenvögel ein schwarzes, höchstens ein teilweise graues
Gefieder tragen, stellen wir noch etwas zurück, bevor wir uns
einen Überblick über die weitere Verwandtschaft verschafft
haben. Etwas anderes ist wichtig. Die »Krähen« ernähren sich
sehr vielseitig. Aber das, was sie verzehren, ist ergiebig und
qualitativ hochwertig. Nicht um einfache Pflanzenkost handelt
es sich, wonach sie suchen, sondern um proteinhaltige
und kohlenhydratreiche Nahrung. In ihrer Zusammensetzung
entspricht sie weitgehend unserer eigenen Ernährung!
Es gereicht ihnen zum Vorteil, dass sie auch noch Tierkadaver
und verwesendes Fleisch, etwa von Müllhalden, unbeschadet
verwerten können, von denen wir uns Vergiftungen mit Leichengiften
zuziehen würden. Die früher nicht unübliche
»Entsorgung« von menschlichen Leichen auf Schädelstätten
und Tierkadavern, die in Burggräben geworfen wurden, zog
diese schwarzen Vögel an wie bis in die Gegenwart die Abfälle
unserer Überflussgesellschaft. So wurden sie zu »Totenvögeln
«, und zwar noch mehr als manche Greifvögel, denen wir
es nachsehen, dass sie sich von Kadavern ernähren,weil sie wie
die Adler ja dem »Adel« der Vogelwelt angehören und deshalb
»edler« als die Krähen und Raben sind.
Mit diesem Hinweis schränke ich jedoch schon wieder zu sehr
auf die europäischen (und nordamerikanischen) Verhältnisse
ein, wo Geier heutzutage oder auch in früheren Zeiten keine
größere Rolle in der Beseitigung von Kadavern von Tieren
und Menschen gespielt haben. In den Subtropen und Tropen
ist das anders. Dort werden die Raben allenfalls lästig für die
großen Abfallverwerter, die mit mehr als doppelt so großen
Flügeln und kräftigen Geierschnäbeln die Raben und Krähen
an den Rand drängen, bis sie selbst sich von den Kadavern einverleibt
haben, was sie zu sich nehmen können. Die Reste bleiben
dann für die Kolkraben und ihre tropischen Verwandten
sowie für die kleinen Dschungelkrähen in Südasien und die
Kapkrähen Corvus capensis oder die schwarzweißen Schildraben
Corvus albus in Afrika südlich der Sahara. Vielseitigkeit
bedeutet für die Krähen und Raben auch Auswahl.
Sie sind wählerisch und nehmen nur, was ihren Qualitätsansprüchen
genügt.
Im Idealfall ist das ein frisch totes Tier einer Körpergröße, die
ihre eigene nicht sehr wesentlich übertrifft. Dann müssen sie
nicht teilen oder darauf gefasst sein, dass größere, konkurrenzkräftigere
Arten sie davon verdrängen. Ein hinreichend großer
Kadaver lohnt dagegen wieder, weil sich so eine Masse von
Proteinen, wie sie etwa ein dem nordischen Winter oder den
Wölfen zum Opfer gefallener Elch beinhaltet, allein gar nicht
verwerten lässt.Da haben Artgenossen auch viel davon,ohne zu
konkurrieren. Mehrere Raben können sich durchaus erfolgreich
Füchse vom Leib und vom Kadaver fernhalten. Auch
mancher Steinadler zögert, ob er sich auf die Auseinandersetzung
mit einer Gruppe von Raben einlassen soll oder doch lieber
selbst einen Schneehasen jagt. Diese Zusammenhänge sowie
ihre Menge und Verfügbarkeit im Jahreslauf gewinnen
gleichfalls an Bedeutung, wenn sie später vertieft behandelt
werden. Hier soll festgehalten werden, dass die Bezeichnung
»Allesfresser«, wie sie für Krähen und Raben oft verwendet
wird, missverstanden werden kann. Denn auch die pflanzliche
Nahrung,wie sie vor allem die Saatkrähe in erheblichem Anteil
im Spektrum ihrer Ernährung nutzt,muss entsprechend reich
an Proteinen sein. Das ist bei Saatgut oder frisch keimendem
Getreide der Fall, nicht aber bei Gras von Wiesen und Fluren.
Davon können weder Saatkrähen noch Dohlen geschweige
denn die großen Raben leben. Sie entsprechen vielmehr auch
hinsichtlich ihrer Pflanzenkost recht genau dem, was wir Menschen
als vegetarische Kost oder Zukost verwerten.


Konkurrenz und Konkurrenzvermeidung


Wie es Raben und Krähen bei so ähnlicher Ernährung dennoch
schaffen, neben- und miteinander auszukommen, gehört
gleichsam zu den Lehrstücken der Ökologie. Sie sortie-
ren sich vor allem der Größe nach, der Körpergröße nämlich,
und dann gegebenenfalls in der Wahl des Lebensraumes (und
der Art der Fortpflanzung), wenn es in der Körpergröße eine
zu starke Überschneidung gibt. So kommen Kolkrabe, Rabenkrähe
und Dohle deshalb ohne größere Konkurrenz
miteinander zurecht,weil sie sich in der Körpergröße so stark
voneinander unterscheiden. Der Kolkrabe wiegt, wie schon
ausgeführt, gut das Doppelte verglichen mit der Raben- oder
Nebelkrähe und diese sind mit ihren um die 500 Gramm
schwankenden Gewichten gleichfalls gut doppelt so schwer
wie die Dohlen mit ihren 200 bis 250 Gramm.
Die »ökologische Größenregel« besagt, dass sich Vogel- und
Säugetierarten, die im selben Lebensraum vorkommen und
sich im Wesentlichen von der gleichen Nahrung ernähren,
sich jeweils um gut das doppelte Gewicht unterscheiden sollten.
Das ist die erfolgreich trennende ökologische Mindestdistanz.
Fällt diese geringer aus oder kommt es zu starken
Überschneidungen im Körpergewicht, sind die einander ähnlichen
Arten in aller Regel auf andere Weise einander buchstäblich
aus dem Weg gegangen, nämlich durch die Wahl
anderer Hauptlebensräume.
Bei Aas- und Saatkrähe trifft dies zu. Während die weitgehend
territorial in Einzelrevieren lebenden Aaskrähen Waldränder
und kleinflächig offenes Gelände bewohnen, ist die
offene Feldflur, ursprünglich die Steppe, der Hauptlebensraum
der Saatkrähen. Da Bäume und Baumgruppen in der
Natur- wie in der Kultursteppe rar (gewesen) sind und auch
von den die Flüsse in der Steppe begleitenden Auenwälder
aus weite Flüge ins offene Land hinaus vonnöten waren, gaben
die Saatkrähen das territoriale Einzelbrüten auf. Sie
schlossen sich zu Kolonien zusammen, die sie auch gemeinsam
gegen Feinde, vor allem gegen Greifvögel, verteidigen.
Die Nahrung suchen sie zusammen im lockeren Schwarm
draußen in der offenen Landschaft, wo gleichfalls die Gruppe
mehr Schutz für den einzelnen Vogel bietet, wenn ein Greifvogel
einen Angriff fliegt.
Bei den Dohlen können wir den Übergang vom Einzelbrüten
zum Koloniebrüten ganz unmittelbar noch mitverfolgen. In
lichten Wäldern mit Naturhöhlen in den alten Bäumen brüten
sie einzeln, in der weithin offenen Agrarlandschaft in Kolonien.
Ein offenes Brüten wie die Saatkrähen können sich
die kleinen, viel schwächeren Dohlen auch in der Kulturlandschaft
nicht leisten, obwohl sie sogleich mit viel Geschrei
selbst zum Angriff übergehen, wenn ein Mitglied ihres
Schwarms etwa von einem Habicht gegriffen wird. Sie sind
dem Schutz von Höhlen verbunden geblieben und in Türme
von Kirchen oder Burgen ausgewichen. Wo sie konnten,
haben sie sich auch selbst Löcher in weiches Material von
hohen Steilwänden an Flussufern und ähnlichen Stellen
gegraben.
Diese Hinweise auf Formen der Lebensweise und das Verhältnis
zu Konkurrenten und Feinden sollen gleichfalls später bei
entsprechenden Themen erweitert und vertieft werden. An
dieser Stelle helfen sie, unsere Krähenvögel in den größeren
Zusammenhang einzuordnen, der für die weitere Entwicklung
des Themas benötigt wird.

Josef H. Reichholf

Über Josef H. Reichholf

Biografie

Josef H. Reichholf, 1945 in Aigen am Inn geboren, lehrt Naturschutz an der Technischen Universität München und leitet die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung in München. Der populäre Naturwissenschaftler wurde für seine Forschungen und Veröffentlichungen mit zahlreichen Preisen...

Pressestimmen

Kölner Illustrierte

»Reichholf beschreibt spannend und unterhaltsam die cleveren Verhaltensweisen dieser oft verkannten Vögel.«

Denis Scheck, Druckfrisch

Ein wunderbares, fabelhaftes, in grandioser Wissenschaftsprosa verfasstes Buch.

Deutschlandradio Kultur

Erzählt in bester Konrad-Lorenz-Manier.

Kommentare zum Buch

interessant und doch enttäuschend
Donix am 07.07.2015

Wir suchten ein Buch über Raben und Krähen und deren Verhaltensweisen im Alltag. Uns wurde dieses Buch empfohlen, wir kauften es und sind doch etwas mehr als enttäuscht. Der Titel ist vielversprechend und macht neugierig, aber leider wird dieses Thema, unserer Meinung nach, weit verfehlt. Die Intelligenz der Vögel wird zu wenig beschrieben und nimmt deshalb die wenigsten Seiten in Anspruch. Dafür wird mehr und mehrmals der Massenabschuß der Rabenkrähen und dessen Folgen beschrieben. Es gibt auch nette und amüsante Geschichten, leider zu wenig, eben aber zu vieles über Regulierungsversuche, Land.- und Stadtkrähen, Mythen und vielerlei Statistiken. Interessant war zwar des Thema "Öffnen der Walnüsse", dass kannte man schon und hat es auch selbst erlebt. Neue Erkenntnisse haben wir sehr vermisst. Uns fehlten Beschreibungen von Verhaltensweisen und Kommunikationenlauten bei bestimmten Situationen. Welche Täuschungsmanöver für Eindringlinge gibt es und vieles mehr. Der Nebelkrähe wurde auch zu wenig Beachtung geschenkt. Hätte das Buch einen anderen Titel bekommen, wäre alles in Ordnung. Wir wollen nochmals betonen, dass es unsere eigene Meinung ist. 

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