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Quantum

Quantum

Roman (Quantum, Band 1)

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Quantum — Inhalt

Seine Verbrechen sind im ganzen Sonnensystem bekannt – der Meisterdieb Jean le Flambeur kann sich jedoch an keine seiner Taten erinnern. Was ist mit seinem Gedächtnis geschehen? In wessen Körper steckt er? Und warum rettet ihn die ätherische Kriegerin Mieli aus seiner erbarmungslosen Gefangenschaft? Ausgerechnet in der Stadt des Vergessens soll Jean Antworten finden. Dort wird menschliche Lebenszeit als Währung gehandelt, und Erinnerungen sind der kostbarste Besitz jedes Einwohners. Und weil auf keinem Planeten Verbrechen härter bestraft werden, muss der Meisterdieb ohne Gedächtnis auf dem Mars den brillantesten Coup aller Zeiten durchziehen … Ein Abenteuer, das Zeit, Raum und Erinnerungen aus dem Gleichgewicht wirft und zu den wichtigsten Neuerscheinungen des phantastischen Genres zählt.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
Übersetzt von: Irene Holicki
432 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98009-8

Leseprobe zu »Quantum«

1 Der Dieb und das Gefangenendilemma

 

Bevor das Kriegerhirn und ich aufeinander schießen, versuche ich, wie jedes Mal, Konversation zu machen.
»Gefängnisse sind doch immer gleich, findest du nicht? «
Ich weiß nicht einmal, ob es mich hören kann. Es hat dafür keine sichtbaren Organe, nur Augen, Hunderte von menschlichen Augen an Stielen, die wie bei einer exotischen Frucht strahlenförmig von seinem Körper ausgehen. Es wartet auf der anderen Seite des Leuchtstreifens, der unsere Zellen voneinander trennt. Der riesige Silbercolt sähe in seinen [...]

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1 Der Dieb und das Gefangenendilemma

 

Bevor das Kriegerhirn und ich aufeinander schießen, versuche ich, wie jedes Mal, Konversation zu machen.
»Gefängnisse sind doch immer gleich, findest du nicht? «
Ich weiß nicht einmal, ob es mich hören kann. Es hat dafür keine sichtbaren Organe, nur Augen, Hunderte von menschlichen Augen an Stielen, die wie bei einer exotischen Frucht strahlenförmig von seinem Körper ausgehen. Es wartet auf der anderen Seite des Leuchtstreifens, der unsere Zellen voneinander trennt. Der riesige Silbercolt sähe in seinen zweigförmigen Manipulatoren lächerlich aus, wenn es mich damit nicht schon vierzehntausendmal erschossen hätte.
» Mit den Gefängnissen ist es wie früher mit den Flughäfen auf der Erde. Niemand will hier sein, niemand lebt wirklich hier. Wir sind nur auf der Durchreise.«
Heute sind die Gefängnismauern aus Glas. Weit über mir scheint eine Sonne, fast, aber nicht ganz wie die echte, sondern blasser. Millionen von Zellen mit gläsernen Wänden und gläsernen Böden erstrecken sich nach allen Seiten bis ins Unendliche. Das Licht fällt durch die transparenten Flächen und zaubert Regenbogenfarben auf den Boden. Davon abgesehen ist meine Zelle leer – und ich bin nackt: nackt wie ein Säugling, bis auf den Revolver. Wenn man Sieger bleibt, darf man manchmal kleine Veränderungen vornehmen. Das Kriegerhirn war in letzter Zeit ziemlich erfolgreich. In seiner Zelle schweben schwerelose Blüten, rote, violette und grüne Zwiebelblüher, die aus Wasserblasen wachsen, Karikaturen seiner selbst. Narzisstischer Dreckskerl!
» Wenn wir Toiletten hätten, wären die Türen nach innen zu öffnen. Es ändert sich nie etwas.«
Und dann geht mir tatsächlich der Gesprächsstoff aus. Das Kriegerhirn hebt langsam seine Waffe. Ein Zucken durchläuft seine Augenstiele. Ich wünschte, es hätte ein Gesicht; der starre Blick dieses Waldes aus feuchten Augäpfeln ist zermürbend. Egal. Diesmal wird es klappen. Ich halte den Revolver leicht schräg nach oben, meine Körpersprache und mein Handgelenk deuten an, wie ich mich bewegen würde, wenn ich die Waffe heben wollte. Jeder einzelne Muskel schreit Entgegenkommen. Na los. Fall drauf rein. Ehrlich. Diesmal werden wir Freunde …
Ein feuriges Zwinkern: ein Blitz aus der schwarzen Pupille seines Revolvers. Durch meinen Abzugsfinger geht ein Ruck. Zwei krachende Donnerschläge – danach habe ich eine Kugel im Kopf.

 

Man gewöhnt sich niemals daran, wie es ist, wenn heißes Metall in den Schädel eindringt und durch den Hinterkopf wieder austritt. Die Simulation ist von einem grandiosen Detailreichtum: die brennende Bahn durch die Stirn, der warme Regen aus Blut und Hirnmasse auf Schultern und Rücken, die jähe Kälte – und schließlich die Schwärze, wenn alles aufhört. Die Archonten des Dilemma-Gefängnisses wollen, dass man es spürt. Eine Erziehungsmaßnahme.
In diesem Gefängnis dreht sich alles um Erziehung. Und um die Spieletheorie: die mathematischen Grundlagen rationaler Entscheidungsfindung. Ein unsterbliches Bewusstsein – und nichts anderes sind die Archonten – hat die Zeit, sich zwanghaft mit solchen Fragen zu beschäftigen. Und es sieht dem Sobornost, also dem Upload- Kollektiv, das im inneren Sonnensystem regiert, ähnlich, ausgerechnet ihnen die Leitung seiner Gefängnisse zu übertragen.
Wir spielen das gleiche Spiel in verschiedenen Formen immer und immer wieder. Es ist ein archetypisches Spiel, wie es Wirtschaftswissenschaftler und Mathematiker lieben. Manchmal heißt es: »Wer gibt zuerst auf?« Dann rasen wir mit hoher Geschwindigkeit über eine endlose Autobahn aufeinander zu und entscheiden erst in letzter Sekunde, ob wir ausweichen oder nicht. Manchmal sind wir Soldaten im Schützengraben, die sich zu beiden Seiten eines Niemandslandes gegenüberliegen. Und manchmal geht man zurück zu den Wurzeln und macht uns zu Gefangenen – altmodischen Gefangenen, die von Männern mit harten Augen verhört werden und wählen müssen, ob sie Verrat begehen oder schweigen wollen. Heute sind Handfeuerwaffen an der Reihe. Ich freue mich nicht auf morgen.
Ich zwinkere einmal, schnalze damit ins Leben zurück wie ein Gummiband – und spüre eine Bruchstelle in meinem Geist, eine scharfe Kante. Die Archonten verändern jedes Mal, wenn man zurückkommt, geringfügig die neuronale Konstellation. Sie behaupten, mit der Zeit würde Darwins Wetzstein jeden Gefangenen zu einem kooperativen Rehabilitierten zurechtschleifen.
Wenn die Gegenseite schießt und ich nicht, bin ich der Dumme. Wenn wir beide schießen, tut es ein bisschen weh. Wenn wir kooperieren, ist es für beide Seiten wie Weihnachten. Leider gibt es jedes Mal einen Anreiz, den Abzug durchzuziehen. Wenn wir immer und immer wieder zusammentreffen, wird sich kooperatives Verhalten herausbilden, so die Theorie.
Noch ein paar Millionen Spielrunden, und ich werde zum Pfadfinder.
So weit, so gut.
Das Ergebnis des letzten Spiels spüre ich in allen Knochen. Das Kriegerhirn hat Verrat geübt und ich auch. Noch zwei Spiele in dieser Runde. Das reicht nicht. Verdammt.
Wenn man gegen seine Nachbarn spielt, kann man Geländegewinne erzielen. Wer am Ende einer Runde einen höheren Punktestand erreicht hat als alle anderen, ist Sieger. Der Preis sind Duplikate von einem selbst, die die Verlierer ringsum ersetzen – und auslöschen. Ich spiele heute nicht sehr gut – bisher zweimal ein Doppelverrat, beide Male gegen das Kriegerhirn –, und wenn ich das Ruder nicht herumreiße, heißt es: hinab ins Vergessen.
Ich wäge meine Alternativen ab. Zwei von den angrenzenden Feldern – links und hinter mir – enthalten Kopien des Kriegerhirns. Rechts von mir befindet sich eine Frau: Wenn ich mich dahin wende, verschwindet die Wand zwischen uns und wird durch die blaue Todeslinie ersetzt.
Ihre Zelle ist so leer wie die meine. Sie sitzt in einer Art schwarzer Toga in der Mitte und hat die Arme um die Knie geschlungen. Ich mustere sie neugierig und stelle fest: Ich habe sie noch nie gesehen. Ihre tiefbraune Haut erinnert mich an Oort, das ovale Gesicht hat asiatische Züge, der Körper ist stämmig und kraftvoll. Ich lächle und winke ihr zu. Sie beachtet mich nicht. Für das Gefängnis zählt das offenbar als beiderseitige Kooperation: Ich spüre, wie mein Punktestand ein wenig steigt, eine Wärme wie nach einem Schluck Whisky. Die Glaswand zwischen uns ist wieder da. Das war wirklich nicht schwer. Aber gegen das Kriegerhirn komme ich noch nicht an.
»He, du Versager«, lässt sich eine Stimme vernehmen. » Sie ist nicht interessiert. Es gibt bessere Alternativen. «
In der letzten Zelle befindet sich ein anderes Ich. Es/er trägt ein weißes Tennishemd, Shorts und eine übergroße verspiegelte Sonnenbrille und lümmelt in einem Liegestuhl an einem Swimmingpool. In seinem Schoß liegt ein Buch: Le Bouchon de cristal, Maurice Leblancs »Der Kristallstöpsel oder Die Missgeschicke des Arsène Lupin«. Auch eins von meinen Lieblingswerken.
»Es hat dich erwischt«, sagt er, ohne auch nur den Kopf zu heben. »Schon wieder. Wie oft – dreimal hintereinander? Du müsstest doch inzwischen wissen, dass es immer auf der Schiene › Wie du mir, so ich dir ‹ fährt. «
» Diesmal hätte ich es fast erwischt. «
»Die Idee, durch falsche Erinnerungen zur Kooperation zu erziehen, ist nicht schlecht«, sagt er. »Nur wird sie leider nie funktionieren: Die Kriegerhirne haben Hinterhauptslappen, die vom Standard abweichen, und einen nichtsequentiellen dorsalen Strom. Man kann sie mit visuellen Illusionen nicht täuschen. Nur schade, dass die Archonten keine Fleißpunkte geben. «
Ich zwinkere.
» Moment mal. Wieso weißt du das und ich nicht? «
» Dachtest du etwa, du wärst hier der einzige le Flambeur? Ich bin schon länger in der Gegend. Wie auch immer, du brauchst noch zehn Punkte, um das Hirn zu schlagen, also komm hier rüber und lass dir von mir helfen. «
» Nur immer schön drauf rumreiten, Klugscheißer. « Ich atme zum ersten Mal in dieser Runde erleichtert auf und trete an die blaue Linie. Auch er steht jetzt auf und zieht unter dem Buch eine schnittige Automatik hervor.
Ich deute mit dem Zeigefinger auf ihn. » Bumm, bumm «, sage ich. » Ich kooperiere. «
»Sehr komisch«, sagt er und hebt grinsend seinen Revolver.
Mein doppeltes Spiegelbild in seinen Brillengläsern wirkt klein und nackt.
» Nun aber mal langsam. Wir sitzen doch in einem Boot, oder? « Und ich dachte immer, ich hätte Humor.
» Sind wir nicht alle Glücksspieler und Zocker? «
Es macht klick. Unwiderstehliches Lächeln, üppig ausgestattete Zelle, er lullt mich ein, erinnert mich an mich selbst, aber irgendetwas stimmt nicht ganz …
» Verdammte Scheiße. «
In jedem Gefängnis gibt es Gerüchte und Schreckgespenster, und hier ist es nicht anders. Von diesem Ungeheuer hat mir ein Zoku-Deserteur erzählt, mit dem ich eine Zeit lang kooperierte: die legendäre Anomalie. Der Überverräter. Das Ding, das niemals kooperiert und damit durchkommt. Es hat einen Fehler im System gefunden, sodass es immer so aussieht wie man selbst. Und wenn man sich selbst nicht mehr vertrauen kann, wem dann?
» O ja «, sagt der Überverräter und zieht den Abzug durch.
Wenigstens ist es nicht das Kriegerhirn, denke ich, als der Blitz einschlägt.
Und dann gerät alles aus den Fugen.

 

In ihrem Traum ist Mieli auf der Venus und isst einen Pfirsich. Das Fruchtfleisch ist süß und saftig und ein klein wenig bitter. Es mischt sich aufs Köstlichste mit Sydäns Geschmack.
» Du Miststück «, sagt sie und atmet schwer.
Sie liegen in einer Quantenpunkt-Blase vierzehn Kilometer über dem Cleopatra-Krater, eine winzige Menschheitszelle: schweißtreibender Sex an einem schroffen Steilhang der Maxwell Montes. Draußen heulen die Schwefelsäurewinde. Das bernsteingelbe Licht, das durch die Wolkendecke fällt, sickert auch durch die Hülle aus diamantharter Pseudomaterie und lässt Sydäns Haut wie Kupfer glänzen. Ihre Handfläche ruht über Mielis immer noch feuchtem Geschlecht und passt genau auf ihren Venushügel. In Mielis Bauch flattert es wie mit trägen Flügeln.
» Was habe ich denn getan? «
»Alles Mögliche. Hat man dir das in der Gubernja beigebracht? «
Sydän lächelt wie ein Kobold, in ihren Augenwinkeln bilden sich Krähenfüßchen. » Das letzte Mal ist bei mir tatsächlich schon ziemlich lange her. «
» Von wegen. «
» Und wenn schon? Ist doch sehr schön. «
Sydän fährt mit den Fingern ihrer freien Hand die Umrisse des silbernen Schmetterlings-Tattoos auf Mielis Brust nach.
» Lass das «, sagt Mieli. Ihr wird plötzlich kalt.
Sydän nimmt die Hand weg und streichelt Mielis Wange.
» Was hast du denn? «
Das Fruchtfleisch ist verspeist, nur der Kern ist noch da. Sie behält ihn eine Weile im Mund, bevor sie ihn ausspuckt. Ein raues kleines Ding, über und über mit eingravierten Erinnerungen bedeckt.
»Du bist gar nicht hier. Du bist nicht real. Du sollst nur verhindern, dass ich im Gefängnis den Verstand verliere.«
» Gelingt es mir? «
Mieli zieht sie an sich und küsst sie auf den Hals. Sie schmeckt ihren Schweiß auf der Zunge. »Nicht so ganz. Ich will nicht weg. «
»Du warst immer die Stärkere von uns beiden«, sagt Sydän und streicht Mieli übers Haar. »Es ist fast so weit. «
Mieli klammert sich an sie, an den Körper, der ihr so vertraut ist. Die Edelsteinschlange um Sydäns Bein drückt sich in ihr Fleisch.
Mieli. Die Stimme der Pellegrini weht wie ein kalter Wind durch ihren Kopf. «
» Nur noch ein klein wenig länger … «
Mieli!
Der Übergang ist hart und schmerzhaft wie ein Biss auf den Pfirsichkern. Sie bricht sich am harten Kern der Wirklichkeit fast die Zähne aus. Eine Gefängniszelle, falsches, blasses Sonnenlicht. Eine Glaswand und dahinter zwei Diebe im Gespräch.
Die Mission. Monatelange Arbeit, um sie vorzubereiten und auszuführen. Mieli ist mit einem Schlag hellwach, und der Plan geht ihr durch den Kopf.
Es war ein Fehler, dir diese Erinnerung zu geben, hört sie die Stimme der Pellegrini. Es ist schon fast zu spät. Lass mich jetzt hinaus: Hier drin wird es mir zu eng.
Mieli spuckt den Pfirsichkern gegen die Glaswand. Sie zerbricht wie Eis.

 

Zuerst verlangsamt sich die Zeit.
Die Kugel bohrt sich in meinen Schädel wie eine Eis-Migräne. Ich falle und falle doch nicht, sondern schwebe im Nichts. Der Überverräter ist hinter der blauen Linie zur Statue erstarrt. Den Revolver hält er immer noch in der Hand.
Die Glaswand zu meiner Rechten zerspringt. Die Scherben fliegen um mich herum und blitzen in der Sonne – eine Galaxis aus Glas.
Die Frau aus der Zelle kommt rasch auf mich zu. Sie geht so zielstrebig, als hätte sie für diesen Moment lange geprobt. Wie eine Schauspielerin, die ihr Stichwort bekommt.
Sie mustert mich von oben bis unten. Sie hat kurz geschnittenes dunkles Haar und eine Narbe auf der linken Wange: nur ein schwarzer Strich vor der tiefen Bräune, eine präzise Gerade. Ihre Augen sind hellgrün. »Heute ist dein Glückstag«, sagt sie. »Es gibt etwas zu stehlen.« Sie reicht mir die Hand.
Die Kopfschmerzen werden stärker. Ich sehe Muster in der Glasgalaxis, die uns umgibt, fast wie ein bekanntes Gesicht …
Ich lächle. Natürlich. Ein Todestraum. Eine Panne im System: Es dauert nur etwas länger. Gefängnisausbruch. Toilettentüren. Es ändert sich nie etwas.
» Nein «, sage ich.
Die Frau im Traum blinzelt verdutzt.
»Ich bin Jean le Flambeur«, fahre ich fort. »Ich stehle, was ich will und wann ich will. Und ich verlasse diesen Ort erst dann, wenn ich es will, und keine Sekunde früher. Eigentlich gefällt es mir hier recht gut …« Die Schmerzen lassen die Welt grell weiß werden, ich kann nichts mehr sehen. Ich fange an zu lachen.
Irgendwo in meinem Traum lacht jemand mit. Mein Jean, sagt eine andere, sehr vertraute Stimme. O ja. Den nehmen wir.
Eine Hand aus Glas streift meine Wange genau in dem Moment, in dem mein simuliertes Gehirn endgültig beschließt, es sei jetzt Zeit zu sterben.

 

Mieli hält den toten Dieb in ihren Armen: Er hat kein Gewicht. Die Pellegrini fließt wie Hitzeflimmern aus dem Pfirsichkern in das Gefängnis und verdichtet sich zu einer hochgewachsenen Frau in einem weißen Kleid. Sie trägt Diamanten um den Hals, das goldbraune Haar ist sorgfältig in Wellen gelegt; sie wirkt jung und alt zugleich.
So ist es schon besser, sagt sie. In deinem Kopf ist nicht genug Platz. Sie reckt wohlig die Arme. Und jetzt müssen wir dich rausschaffen, bevor die Kinder meines Bruders es bemerken. Ich habe hier noch etwas zu erledigen.
Mieli fühlt geliehene Kräfte in sich wachsen und springt in die Luft. Sie steigen immer höher, die Luft rauscht vorbei, und sie kommt sich vor, als lebte sie wieder bei Großmutter Brihane und hätte Flügel. Bald liegt das Gefängnis wie ein Gitter mit winzigen Feldern unter ihnen. Die Felder wechseln die Farbe wie Pixel und bilden unendlich komplexe Muster aus Kooperation und Verrat, wie Bilder …
Kurz bevor Mieli und der Dieb den Himmel durchschweben, verwandelt sich das Gefängnis in das lächelnde Gesicht der Pellegrini.

 

Sterben ist, wie
durch eine Wüste zu wandern und ans Stehlen zu denken. Der
Junge liegt im heißen Sand, lässt sich die Sonne auf den Rücken brennen und sieht dem Roboter am Rand des Solarzellenfelds zu. Der Roboter sieht aus wie eine Krabbe in Tarnfarben, ein Plastikspielzeug, aber in seinem Inneren verbergen sich kostbare Dinge, für die der Einäugige Ijja gut bezahlen wird. Und vielleicht, nur vielleicht wird ihn Tafalkait wieder als seinen Sohn anerkennen, wenn er wie ein Mann der Familie …
Ich wollte niemals in einem
Gefängnis sterben, einem Dreckloch aus Beton und Metall mit abgestandener Luft, bitterem Geruch und Schlägen. Die Lippe des jungen Mannes ist aufgeplatzt und schmerzt. Er liest ein Buch über einen Mann, der wie ein Gott ist. Ein Mann, der alles kann, was er will, der Kaisern und Königen ihre Geheimnisse stiehlt, der über Regeln nur lacht, der sein Gesicht verändern kann, der nur die Hand auszustrecken und nach Diamanten und nach Frauen zu greifen braucht. Ein Mann mit dem Namen einer Blume.
Ich hasse es so sehr, wenn sie mich fangen.
… reißen ihn unsanft aus dem Sand. Der Soldat schlägt ihm mit dem Handrücken ins Gesicht, und dann heben die andere ihre Gewehre …
… längst nicht so viel Spaß wie
wenn man ein Bewusstsein aus Diamant bestiehlt. Der Gott der Diebe versteckt sich in denkendem Staub, der von Quantenverschränkungen zusammengehalten wird. Er erzählt dem Diamantbewusstsein Lügen, bis es ihn für einen seiner eigenen Gedanken hält und ihn einlässt. hinauf –
Die Leute, die viele sind, haben Welten geschaffen, die glitzern und leuchten, so als wären sie nur für ihn gemacht, und er bräuchte nur die Hand auszustrecken und sie aufzuheben
Es ist wie sterben. Und auszubrechen ist wie
ein Schlüssel dreht sich im Schloss. Das Metallgitter gleitet beiseite. Eine Göttin tritt ein und erklärt ihm, er sei frei.
geboren werden.
Die Seiten des Buches werden umgeblättert.

 

Ein tiefer Atemzug. Alles schmerzt. Die Größenverhältnisse stimmen nicht. Ich halte mir mit riesigen Händen die Augen zu. Bei der Berührung zuckt ein Blitz auf. Meine Muskeln sind ein Netz aus Stahlseilen. Schleim in der Nase. Ein Loch im Magen, es brennt und rumort.
Konzentriere dich! Ich forme aus dem sensorischen Lärm einen Felsen, wie sie auf der Argyre Planitia liegen, groß, unförmig und glatt. Dann lege ich mich im Geist auf ein feines Netz und fließe durch die Maschen, zerfalle zu feinem rotem Sand und riesle einfach durch. Der Felsen kann nicht folgen.
Plötzlich herrscht wieder Stille. Ich horche auf meinen Herzschlag. Er ist unglaublich gleichmäßig: jeder Schlag wie das Ticken eines vollkommenen Mechanismus.
Schwacher Blütenduft. Luftströmungen bewegen die Härchen auf meinen Unterarmen und anderswo – ich bin immer noch nackt. Schwerelosigkeit. Intelligente Nanomaterie überall, unhörbar, aber mit Händen zu greifen. Und ein menschliches Wesen, ganz in der Nähe.
Etwas kitzelt mich an der Nase. Ich streife es ab und schlage die Augen auf. Ein weißer Schmetterling flattert davon, verschwindet im hellen Licht.
Ich zwinkere. Ich bin auf einem Schiff, einem oortischen Spinnenschiff, wenn mich nicht alles täuscht, in einem zylindrischen Raum von etwa zehn Metern Länge und fünf Metern Durchmesser. Die durchsichtigen Wände haben die Farbe von dreckigem Kometeneis. In ihrem Inneren sind fremdartige Stammesskulpturen eingeschlossen, Runenzeichen gleich. Kugelförmige Bonsai-Bäume und vieleckiges Schwerelosigkeitsmobiliar umschweben die Zentralachse des Zylinders. Hinter den Wänden leuchten Sterne aus der Dunkelheit. Und überall flattern kleine weiße Schmetterlinge.
Meine Retterin schwebt ganz in der Nähe. Ich lächle ihr zu.
»Mademoiselle«, sage ich. »Sie sind das Schönste, was ich jemals gesehen habe.« Meine Stimme klingt weit entfernt, aber wie die meine. Ich frage mich, ob sie mein Gesicht richtig hinbekommen haben.
Aus der Nähe wirkt sie unglaublich jung, wirklich jung: Die klaren grünen Augen haben nicht diesen künstlich verjüngten Alles-schon-gesehen-Blick. Sie trägt das gleiche schlichte Gewand wie im Gefängnis. Ihre Haltung ist trügerisch lässig, die glatten nackten Beine ausgestreckt, entspannt, aber sprungbereit wie ein Kampfsportler. Eine Kette aus bunten Edelsteinen liegt um ihren linken Knöchel und windet sich an ihrem Bein empor.
»Meinen Glückwunsch, Dieb«, sagt sie. Sie spricht leise und beherrscht, aber ihre Stimme verrät einen Hauch von Verachtung. » Du bist entkommen. «
»Ich hoffe es. Ich könnte ja auch in eine neue Dilemma Variante geraten sein. Die Archonten sind bisher ziemlich logisch vorgegangen, aber wenn sie einen wirklich in eine virtuelle Hölle gesperrt haben, ist das keine Paranoia. «
Zwischen meinen Beinen regt sich etwas, und das zerstreut zumindest einige meiner Zweifel.
»Verzeihung. Es ist schon eine Weile her«, sage ich und studiere meine Erektion mit distanziertem Interesse.
»Das sieht man«, sagt sie und runzelt die Stirn. Sie hat einen ganz eigenartigen Gesichtsausdruck, eine Mischung aus Abscheu und Erregung: Ich begreife, dass sie den Biot-Feed meines Körpers abhört: Ein Teil von ihr empfindet, was ich gerade empfinde. Sie ist also auch nichts anderes als ein Gefängniswärter.
» Du kannst mir glauben, du bist draußen. Der Aufwand war beträchtlich. Natürlich sitzen immer noch mehrere Millionen von dir in diesem Knast, du kannst dich also glücklich preisen. «
Ich packe einen der Griffe an der Zentralachse und ziehe mich hinter einen Bonsai-Baum, um wie einst Adam meine Blöße zu bedecken. Eine Wolke von Schmetterlingen steigt aus dem Laubwerk auf. Jede Bewegung fühlt sich merkwürdig an: Die Muskeln meines neuen Körpers sind noch nicht ganz wach.
»Mademoiselle, ich habe einen Namen.« Ich strecke ihr um den Bonsai herum die Hand entgegen. Sie nimmt sie misstrauisch und drückt sie. Ich erwidere den Druck, so fest ich kann. Sie verzieht keine Miene. »Jean le Flambeur zu Ihren Diensten. Aber Sie haben vollkommen recht. « Ich halte ihre Knöchelkette hoch. Sie windet sich in meiner hohlen Hand wie eine lebendige Edelsteinschlange. »Ich bin ein Dieb. «
Sie macht große Augen. Die Narbe auf ihrer Wange färbt sich schwarz. Und mit einem Mal bin ich in der Hölle.
Ich bin ein körperloser Punkt im Dunkeln, unfähig, einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen. Mein Verstand steckt in einem Schraubstock. Etwas drückt ihn von allen Seiten zusammen, ich kann nicht denken, mich nicht erinnern, nicht fühlen. Es ist tausendmal schlimmer als das Gefängnis. Und es dauert eine Ewigkeit.
Dann bin ich wieder da, ich ringe nach Luft, mein Magen dreht sich um, ich erbreche Galleklumpen in die Schwerelosigkeit, aber ich bin unendlich dankbar für jede Empfindung.
»Das wirst du nie wieder tun«, sagt sie vorwurfsvoll. »Dein Körper und dein Geist sind Leihgaben, verstehst du? Nur wenn du stiehlst, was man dir sagt, darfst du sie vielleicht behalten.« Die Edelsteinkette liegt wieder um ihren Knöchel. Ein Zucken geht über ihr Gesicht.
Das Gefängnis hat meinen Instinkt geschärft, und er rät mir, den Mund zu halten und mit dem Kotzen aufzuhören, aber der Blumenmann in mir muss sprechen, ich kann ihn nicht daran hindern.
» Es ist zu spät «, keuche ich.
» Was? « Auf ihrer glatten Stirn erscheint eine Runzel wie ein Pinselstrich. Wunderschön.
»Ich habe mich gewandelt. Sie haben mich zu spät herausgeholt. Ich habe mich zum Altruisten entwickelt, Mademoiselle, zu einem Wesen voll guten Willens und voller Liebe zu seinem Nächsten. Es fiele mir im Traum nicht ein, mich an irgendwelchen kriminellen Aktivitäten zu beteiligen, nicht einmal auf Geheiß meiner schönen Retterin. «
Sie sieht mich ausdruckslos an.
» Nun gut. «
» Nun gut? «
»Wenn ich mit dir nichts anfangen kann, muss ich zurückgehen und mir einen anderen holen. Perhonen, bitte steck den hier in eine Blase und wirf ihn raus.«
Wir messen uns mit Blicken. Ich fühle mich wie ein Dummkopf. Zu lange auf der Schiene von Verrat und Kooperation gefahren. Höchste Zeit abzuspringen. Ich schlage als Erster die Augen nieder.
»Warten Sie«, sage ich langsam. »Wenn ich es mir genau überlege, sind mir vielleicht doch noch ein paar egoistische Regungen geblieben. Ich spüre sie allmählich wieder aufsteigen. «
» Das dachte ich mir «, sagt sie. » Du giltst schließlich als hoffnungsloser Fall. «
» Und wie geht es jetzt weiter? «
»Das wirst du schon sehen«, sagt sie. »Mein Name ist Mieli. Das ist Perhonen, sie ist mein Schiff.« Sie holt mit einer Hand weit aus. »Solange du hier bist, sind wir deine Götter. «
»Kuutar und Ilmatar?«, frage ich. Das sind die oortischen Gottheiten.
»Vielleicht. Oder der schwarze Mann, wenn dir das lieber ist. « Sie lächelt. Wenn ich an den Ort denke, an den sie mich vorhin versetzt hat, sehe ich durchaus eine gewisse Ähnlichkeit zum oortischen Gott der Leere. » Perhonen zeigt dir, wo du wohnst. «
Als der Dieb abgezogen ist, legt Mieli sich in die Pilotenwanne. Sie fühlt sich erschöpft, obwohl der Biot-Feed ihres Körpers – der seit Monaten bei Perhonen auf sie wartet – sie für vollkommen ausgeruht erklärt. Aber die kognitive Dissonanz ist noch schlimmer.
War ich das, die im Gefängnis war? Oder jemand anders?
Sie denkt an die vielen Wochen der Vorbereitung, Tage bei subjektiv verlangsamter Zeit in einem Q-Anzug, in denen sie sich bereit machte, ein Verbrechen zu begehen, um von den Archonten ertappt und in das Gefängnis gebracht zu werden: an die Ewigkeit in ihrer Zelle, eingehüllt in eine alte Erinnerung. An die Flucht, als sie von der Pellegrini so heftig durch den Himmel geschleudert wurde, und an das Aufwachen in ihrem neuen Körper, zittrig und wund.
Alles nur wegen des Diebs.
Und nun ist sie durch eine Quanten-Nabelschnur mit dem Körper verbunden, den die Pellegrini für ihn geschaffen hat. Das Wissen um seine Gedanken ist wie ein ständiger dumpfer Schmerz, als läge man neben einem Fremden und spürte, wie er sich bewegt, sich im Schlaf hin und her wälzt. Das sieht der Sobornost-Göttin wieder einmal ähnlich, ihr einen Auftrag zu geben, der sie mit Sicherheit in den Wahnsinn treiben wird.
Er hat Sydäns Edelstein berührt. Der Zorn hilft ihr – ein wenig. Und nein, es geht nicht nur um ihn, es geht auch um sie.
»Ich habe den Dieb untergebracht«, sagt Perhonen. Wenigstens diese warme Stimme in ihrem Kopf gehört nur ihr, sie wurde nicht vom Gefängnis besudelt. Sie nimmt einen der winzigen weißen Avatare des Schiffs und setzt ihn auf ihre Handfläche: Er flattert und kitzelt wie ein Pulsschlag.
» Liebesgefühle? «, fragt das Schiff scherzhaft.
» Nein «, sagt Mieli. » Ich habe dich nur vermisst. «
»Ich dich auch«, entgegnet das Schiff. Der Schmetterling hebt von ihrer Hand ab und umflattert ihren Kopf. » Es war schrecklich, ganz allein auf dich warten zu müssen.«
»Ich weiß«, sagt Mieli. »Es tut mir leid.« Plötzlich ist da ein Hämmern und Pochen in ihrem Schädel. Eine scharfe Kante in ihrem Bewusstsein, als wäre etwas ausgeschnitten und eingefügt worden. Bin ich noch dieselbe wie zuvor? Sie weiß, dass sie ihren Sobornost-Metakortex nur zu bitten bräuchte, das Gefühl zu lokalisieren, es einzuschließen und zu entfernen. Aber das würde ein oortischer Krieger niemals tun.

Über Hannu Rajaniemi

Biografie

Hannu Rajaniemi, geboren 1978, promovierte zum Thema Stringtheorie. Der Finne lebt, lehrt und arbeitet seit vielen Jahren in Edinburgh und hat dort seine Erzählkunst in Schreibwerkstätten erworben, gemeinsam mit den Autoren Hal Duncan und Alan Campbell. Mit seinen »Quantum«-Romanen um den...

Medien zu »Quantum«

Pressestimmen

The Speculative Scotsman

»›Quantum‹ ist eine Offenbarung – makellos: Vor uns liegt DAS Science-Fiction-Buch!«

Neues aus Anderwelt

»›Quantum‹ von Hannu Rajaniemi ist ein großartiges SF-Buch. (…) Vorsicht: Zeit, Raum und Erinnerungen werden in diesem Buch gleich mehrfach aus dem Gleichgewicht geworfen.«

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