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Push

Ein Leben für die Bigwalls

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Push — Inhalt

Er zählt zur Weltspitze im Sportklettern und ist einer der besten Allrounder der Szene. 2015 gelang es Tommy Caldwell zusammen mit Kevin Jorgeson, die »Dawn Wall«, die mit 1000 Metern wohl härteste Steilwand überhaupt, in 19 Tagen frei zu klettern – eine sensationelle Leistung, zu der selbst Präsident Obama gratulierte. Im Jahr zuvor wurde er für die mit Alex Honnold gelungene »Fitz Traverse« mit dem Piolet d’Or ausgezeichnet. Mitreißend berichtet der 39-Jährige im vorliegenden New-York-Times-Bestseller von der Faszination des Freikletterns. Er schildert die traumatische Geiselnahme, in die er im Jahr 2000 in Kirgisistan verwickelt wurde, und gewährt persönliche Einblicke: wie sein Vater ihn mit Fanatismus an den Extremsport heranführte, wie er den Verlust seines linken Zeigefingers verkraftete und wie die Geburt seines ersten Kindes sein Verständnis von Verantwortung und Risikobereitschaft verändert hat.

Erschienen am 01.03.2018
Übersetzer: Ulrike Frey, Edigna Hackelsberger
448 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-89029-499-5
Erscheint am 02.01.2020
Übersetzer: Ulrike Frey, Edigna Hackelsberger
336 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-40614-7
Erschienen am 01.03.2018
Übersetzer: Ulrike Frey, Edigna Hackelsberger
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-99001-1

Leseprobe zu »Push«

Wind
30. Dezember 2014. Tag vier des siebten Jahres in der »Dawn Wall«. 350 senkrechte Meter Freikletterei liegen unter uns, 550 haben wir noch vor uns.
Aus einem Kilometer Entfernung hören wir den Wind heranrasen – ein Dröhnen in der Dunkelheit, gemischt mit einem schrillen Heulen. Das Geräusch schwillt an, übertönt alles andere. Wir kauern an der Wand wie Wasserspeier, die Beine in den Schlafsäcken, den Rücken an den Fels gepresst. Kevin, mein Kletterpartner, klammert sich an einen der Gurte unseres Hängezelts und lächelt gezwungen. Ich kann von seinen [...]

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Wind
30. Dezember 2014. Tag vier des siebten Jahres in der »Dawn Wall«. 350 senkrechte Meter Freikletterei liegen unter uns, 550 haben wir noch vor uns.
Aus einem Kilometer Entfernung hören wir den Wind heranrasen – ein Dröhnen in der Dunkelheit, gemischt mit einem schrillen Heulen. Das Geräusch schwillt an, übertönt alles andere. Wir kauern an der Wand wie Wasserspeier, die Beine in den Schlafsäcken, den Rücken an den Fels gepresst. Kevin, mein Kletterpartner, klammert sich an einen der Gurte unseres Hängezelts und lächelt gezwungen. Ich kann von seinen Lippen ablesen, was er sagt: »Gut festhalten!« Ein ohrenbetäubendes Wap-a-pap-pap hallt wider, mit der Frequenz einer Maschinengewehrsalve. Es ist nur die Zeltplane, die gegen den Granit schlägt, und doch durchfährt mich ein unwillkürlicher Schauder, rüttelt Erinnerungen wach, die anderthalb Jahrzehnte zurückliegen, Erinnerungen an den Geruch explodierenden Gesteins, Bilder von Blut, das auf dem Boden der Gebirgssteppe zu einer Lache gerinnt.
Ein plötzlicher Aufwind wirbelt um das Portaledge – unser Zuhause, nicht größer als eine Sperrholzplatte, ein Aluminiumrahmen, über den Nylonplanen gespannt sind. Der Zeltboden beginnt, sich zu heben, und für einen Augenblick schweben wir in der Luft, als würden wir auf einem fliegenden Teppich sitzen. Ich stelle mir den Edelstahlhaken mit seinen zehn Millimetern Durchmesser vor, an dem wir und unsere gesamte Ausrüstung hängen. Dann hört der Wind plötzlich auf, und das Portaledge kracht nach unten, während sich die Gurte mit einem lauten Knall straffen.

Jeder Tag beginnt gleich. Schon beim Aufwachen denke ich darüber nach, wie sich das Rätsel über uns lösen lässt. Wir setzen Kaffee auf und beobachten von unserem kleinen Hochsitz aus ehrfürchtig, wie uns das erste Licht des Tages erreicht – nicht umsonst wird diese Seite des Felsmonoliths El Capitan im kalifornischen Yosemite Valley als »Dawn Wall« bezeichnet. Ich putze mir die Zähne, nehme einen Schluck Wasser in den Mund und strecke den Kopf aus dem Zelt. Während ich zusehe, wie meine Zahnpasta nach unten fällt, zähle ich: eins, zwei, drei … Ich bin ungefähr bei zehn, als der weiße Klumpen tief unter mir im Wald verschwindet.
Ich halte inne und starre meine neun Fingerspitzen an – sie sind zerschnitten und wund, aber sie halten noch. Ich muss oft darüber nachdenken, wie sehr das Gelingen dieser gewaltigen Durchsteigung von winzigen Details abhängt. Millimetergroßer Hautkontakt und molekülweise Heilung entscheiden über den Ausgang dieses Projekts.
Ich lasse meinen Blick über das von Gletschern ausgeschürfte Tal schweifen, bis hin zu den Gipfeln, die sich am Horizont erheben. Ich beobachte Falken dabei, wie sie im Flug Schwalben schlagen. Jeden Tag spüre ich in meinen ruhelosen Beinen die Intensität meiner Erregtheit. Es ist schon seltsam: Eigentlich bin ich ein ganz normaler Typ – ein bisschen unsicher, manchmal auch schüchtern und unbeholfen. In der Wand aber ist es, als würde ich lebendig werden; sie ist ein Ort, der mich verändert. Das war schon immer so. Ich hole tief Luft und wende mich dem blanken Fels zu, der sich über mir erhebt.
Niemand hatte je geglaubt, dass es möglich sei, die »Dawn Wall« frei zu durchsteigen, also zum Vorankommen nur den eigenen Körper (in erster Linie Finger und Zehen) einzusetzen, wirklich zu klettern, ohne sich an Haken oder anderen Hilfsmitteln hochzuziehen. Legendäre Gestalten der Kletterszene – von denen ich manche über meinen Dad aus meiner Kindheit kannte, als sie bei uns zu Hause herumhingen – hatten sich lange gefragt, ob eine Erkletterung des El Capitan überhaupt je machbar sein werde, egal, mit welchen Mitteln. Die Erstdurchsteigung im Jahr 1958 war dann ein Quantensprung. In den nachfolgenden Jahren schafften es unzählige Kletterer über die unterschiedlichsten Routen auf den Gipfel. Die »Dawn Wall« frei zu klettern blieb jedoch ein unvorstellbares Unterfangen. Es war, als schwebte auf den geistigen Landkarten der vertikalen, nahezu strukturlosen und glatten Wand über dieser Stelle ein warnendes »Hier existieren Drachen!«.
Mein Vater ist der Grund dafür, dass ich dem Klettern verfallen war, lange bevor ich irgendetwas oder irgendjemand anderem verfiel. Für mich ist eine freie Durchsteigung der »Dawn Wall« ein Akt der Reinheit. Es aus eigener Kraft, ohne technische Hilfsmittel, nach oben zu schaffen bietet mir die Möglichkeit, mich und meine Leidenschaft für das Klettern und das Leben auszudrücken, auf die denkbar erhabenste Art und Weise und in einer gigantischen Dimension. Wenn es mir gelingt, und vielleicht selbst dann, wenn ich scheitere, werden damit nicht nur meine jahrelangen Vorbereitungen eine Bestätigung finden, sondern mein ganzes Leben.
Immer wenn ich eine schwierige Seillänge angehe – und hier sind so ziemlich alle schwierig –, nehme ich meine mentale Verfassung einen Augenblick früher wahr als meinen Körper. Sobald ich auch nur einen Anflug von Zweifel verspüre, zögere ich. Nur einen Moment lang. Dann beginnen meine Füße auch schon abzurutschen, und meine Körperspannung lässt nach. Beim Versuch, meine Position beizubehalten, belaste ich die Hände zu stark, wobei kostbare Hautschichten beschädigt werden. Für einen außenstehenden Beobachter mag dies alles kaum wahrnehmbar sein – bis diese minimale Gewichtsverlagerung mich aus der Wand reißt und durch die Luft segeln lässt. Ich schieße nach unten, falle manchmal zwanzig Meter tief, doch die Wand ist so steil, dass ich nirgendwo aufpralle. Das Seil strafft sich, nimmt die Wucht des Sturzes auf und bremst ihn sicher und weich.
In den Sekunden nach einem Sturz durchströmt mich manchmal eine wahre Kaskade von Emotionen. Vor lauter Frust und Enttäuschung lasse ich meinen Kopf auf die Brust sinken. Ich zweifle an meiner Kraft, meinem Gleichgewichtssinn, meinem Durchhaltevermögen. Sonst – eigentlich die meiste Zeit über – leitet mich ein fast absurder Optimismus. Wie viele andere Lebensbereiche gibt es schon, in denen man sich selbst immer wieder erproben kann? Welche anderen Unternehmungen verschaffen einem eine derart unmittelbare Rückmeldung? Ich analysiere, sortiere mich neu und versuche es noch einmal. Du schaffst das. Du weißt es. Die Angst verflüchtigt sich, die Gedanken werden ruhig, die Beherrschung von Körper und Geist rückt wieder in den Vordergrund. In solchen Momenten existiert für mich nichts als dieser eine Griff, diese Abfolge von Kletterzügen im Fels, die Informationen, die meine Fingerspitzen ans Gehirn senden. Die ganze weite Welt reduziert sich auf die Größe und Spannweite meines Körpers, während ich mich dazu zwinge, mich selbst über die begründetsten Zweifel hinwegzusetzen. Das Felsklettern ist ein Spiel, bei dem es um Kontrolle geht.
Wenn wir nicht klettern, reden Kevin und ich über die Kletterzüge. Über die Nuancen unserer Körperhaltung, den Winkel, in dem unsere Zehen auf einer nahezu unsichtbaren Felsrille stehen, wie wir die Finger auf einer Kante platzieren, die so schmal ist wie ein Zehn-Cent-Stück, auf genau die richtige Art und Weise, in genau der richtigen Reihenfolge und genau der richtigen Kombination von Balance, Körperspannung und Fußarbeit. Nachts liege ich wach und stelle mir die Bewegungen vor, damit sich Präzision und Perfektion in meinen Körper und in meinen Geist einschreiben. Am Fels üben wir dann die Züge ein wie Turner oder Balletttänzer, bis wir es schaffen, fließend von einer Position in die nächste überzugehen. Wenn alles gut läuft, erleben wir magische Momente.
Manchmal, wenn ich zwischen zwei Versuchen in unserem Portaledge sitze und die Beine über dem Abgrund baumeln lasse, erinnere ich mich an die Zeit vor sieben Jahren, als diese Reise, die zur Obsession wurde, begann. Ich denke an die unzähligen Tage, die ich damit verbracht habe, schwere Säcke mit Material und Wasser die Wand hinaufzuziehen, daran, wie ich meine Füße in Schuhe zwänge, die so eng sind, dass sich manchmal Fußnägel ablösen, und daran, wie ich mich wieder und immer wieder an dieselben rasiermesserscharfen Schuppen kralle, bis meine Fingerkuppen bluten und die Muskeln zittern.
Im Grunde begann es vor weit mehr als sieben Jahren. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die an einen gewaltigen Blizzard, bei dem der Wind genauso toste wie in diesem Moment. Meine Schwester war sechs Jahre alt, ich war drei und brauchte noch Windeln. Gut eingepackt bis zur Nasenspitze lagen wir zusammen in einem Daunenschlafsack neben unserem Vater, tief verborgen in einer Schneehöhle hoch oben in den Bergen von Colorado. Ich ließ den silbernen Lichtstrahl meiner kleinen Taschenlampe über die Decke der Höhle gleiten und beobachtete, wie er blau wurde. Ich lauschte den gedämpften Geräuschen des Sturmes und dem Schnarchen meines Dads, nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Alle paar Stunden wachte er auf, zog den Reißverschluss seines Schlafsacks auf, stieg in seine Skistiefel und ging nach draußen, um den frisch gefallenen Schnee wegzuschaufeln, damit wir nicht eingeschlossen würden. Jedes Mal, wenn er zurückkam und sich wieder zu uns legte, nahm er uns in seine Arme und drückte uns. Dann kuschelten wir uns an ihn und schliefen wieder ein, in der Gewissheit, dass alles in Ordnung war.
Auch meine ersten Ausflüge zum El Capitan unternahm ich mit meinem Dad, vor neunzehn Jahren, als ich noch an der Highschool war. Die Ausgesetztheit verursachte mir Übelkeit. Wenn ich nach unten schaute, um Halt für meine Füße zu suchen, verschob sich mein Bezugspunkt. Direkt unter mir begannen die Baumriesen, die von oben wie Brokkoliröschen aussahen, sich zu drehen, und mit meiner Konzentration war es vorbei.
Erst jetzt, nach all dieser Zeit, ist mir klar geworden, dass diese Jahre des Trainierens, Übens und Lernens nicht nur dafür entscheidend waren, besser zu werden, sondern mindestens genauso dafür, Vertrauen zu entwickeln.

Der Sturm flaut für einen kurzen Augenblick ab, und ich öffne den Reißverschluss des Portaledge, um hinauszuspähen, auf den Wald unter mir, der im Mondlicht kaum zu sehen ist. El Cap Meadow, die große Wiese, ist endlich einmal menschenleer, denn aufgrund der Gefahr durch umstürzende Bäume sind die Straßen des Nationalparks gesperrt. Ich hebe den Kopf und sehe unter einem Meer von Sternen schimmernde Ozeane aus goldenem und weißem Granit glitzern. Zum wohl millionsten Mal überkommt mich ein kindliches Staunen.
Während ich in die Nacht hinausschaue, beginnen meine Gedanken erneut zu wandern. Diesmal reist mein Herz mit ihnen. 300 Meter unter uns und knapp fünf Kilometer entfernt – zugleich nah und doch beängstigend weit weg – liegt der Campingplatz Upper Pines. Dort lassen wir immer unseren Bus stehen, wenn ich klettern gehe. Vor meinem inneren Auge kann ich es genau sehen: die zugezogenen Vorhänge, das Kerzenlicht und eine immer wiederkehrende Szene, von der meine Frau Becca mir erzählt hat. Drinnen, im Bus, fährt sie mit dem Daumen zärtlich über die Stirn unseres anderthalbjährigen Sohnes Fitz. Auf dem Bett verstreut liegen Tierbücher. Mit seinen pummeligen kleinen Händen, die er hinter seinem Nacken vergraben hat, umklammert er einen Spielzeug-Zementmischer. Becca singt ihm ein paar Schlaflieder, und schon bald fallen ihm die Augen zu.
Dann scheint Fitz plötzlich etwas durch seinen kleinen Kopf zu gehen, denn er setzt sich auf, sieht sich um und fragt: »Wo ist Papa?« Becca lächelt. Sie streicht ihm über die Haare und sagt mit fester, aber liebevoller Stimme: »Er klettert am El Cap.«
Ich kenne diese Wand schon länger, als ich die beiden kenne. Trotz dieses Zeitunterschieds ist meine Liebe zu ihnen weitaus größer als meine Liebe zu der Wand. Sie sitzt tief in meinem Innern, entspringt einem Bereich meines Wesens, den ich nur selten ergründe und nur hin und wieder austeste oder erprobe. Ich betrachte es keineswegs als selbstverständlich, dass ich die beiden habe; und doch weiß ich irgendwie – auch wenn ich es nicht in Worte fassen kann –, dass die Sicherheit, die sie mir geben, Bestand haben wird.
Draußen hat der Wind erneut gespenstisch zu heulen begonnen und erinnert mich daran, dass unser Glück nicht ewig währen kann. Wir haben ein perfektes Wetterfenster erwischt, mit für die Wintersaison außergewöhnlichen Bedingungen: Es ist trocken, kalt und damit sicher. Sobald Schnee fällt, schmilzt er und friert dann am Fels fest, um erneut zu schmelzen, wenn die Sonne darauf trifft. Dann donnern furchterregende Eisplatten in die Tiefe, die wir – halb im Scherz – »Witwenmacher« getauft haben.
Ein weiterer heftiger Windstoß trifft uns mit voller Wucht, lässt das Portaledge erbeben und übertönt das blecherne Krächzen von Bob Marley, das aus unseren tragbaren Lautsprechern dringt.
»Eigentlich ist ja erst morgen Silvester, aber ich würde sagen, wir machen schon heute Nacht eine Party«, sagt Kevin.
Er dreht die Lautstärke auf, und wir singen mit, bechern Whiskey und reden über schöne Dinge, heitere Dinge – das Leben, Beziehungen, Entdeckungsreisen zu nahen oder ferneren Orten –, bis uns die Augenlider flattern und wir wegdösen. Ich spüre mein Herz schlagen, langsam und kräftig, als würde es getragen von den Gaben derjenigen, die ich liebe.
Endlich legt sich der Sturm, schaukelt mich sanft wie ein Wiegenlied. Laut Wettervorhersage soll es morgen wolkenlos und kühl werden. Ich sinke in den Schlaf, schwebe im sanften Wind, auf halbem Weg zwischen der Erde und dem Unmöglichen.


Teil 1
Kapitel 1
Das gleichförmige, durchdringende Klink, Klink, Klink von Metall auf Granit wird von den hoch aufragenden Felsen zurückgeworfen, die an das Grundstück meiner Eltern angrenzen. Nur für einen Augenblick nimmt der Schaufelstiel mir die Sicht, bevor ich das Werkzeug erneut niedersausen lasse. Die Erschütterung fährt in alle Knochen meines fünf Jahre alten Körpers. Ich arbeite, dass die Funken fliegen, und irgendwann, als das Schaufelblatt schon ganz stumpf ist, habe ich tatsächlich eine Handvoll Steinbrocken losgeschlagen. Ich schaufle die Steinchen in einen Vier-Liter-Eimer, dann mache ich weiter. Nach einer Stunde ist der Eimer voll. Ich klettere aus der Mulde und leere den Inhalt des Eimers auf einen beständig wachsenden Steinhaufen. Ein zartes, befriedigtes Lächeln zuckt über mein Gesicht. Ich blinzle hinauf in die Sonne, die hell strahlend am Himmel über Colorado steht. Dann verziehe ich mich schnell wieder in mein Erdloch, bevor mich jemand entdeckt.
Ich bin wild entschlossen, es bis nach China zu schaffen. Es war Sandy, meine ältere Schwester, die mir einige Monate zuvor diesen Floh ins Ohr gesetzt hat. Sie zeigte mir einen Globus und erklärte mir, dass »hier« Colorado und »dort« China sei. Ich stellte mir vor, wo die schnellste Route verlief. Wie es wohl dort aussah, wo der Himmel unten und die Erde oben war?
Durch die ersten paar Zentimeter grub ich mich erstaunlich schnell. Dann stieß ich auf felsigen Untergrund, und aus dem leisen Knirschen der Schaufel, die bis dahin nur durch Sand oder Matsch geglitten war, wurde ein scharrendes Kratzen von Metall auf Stein.
Ich lasse nicht locker. Mit der Zeit finde ich Gefallen an dem flüchtigen Gefühl der Befriedigung, das die Anstrengung in mir hervorruft. Ich komme nur langsam voran – nicht gerade in erdgeschichtlichen Maßstäben, aber fast. Jeden Tag überprüfe ich meine bescheidenen Fortschritte und trinke von jener Quelle des Erfolgs. Als die Gartenschaufel ihren Geist aufgibt, durchstöbere ich den Werkzeugschuppen und entdecke einen Spaten. Später verwende ich eine Spitzhacke, die ich nur unter Aufbietung all meiner Kräfte über meinen Kopf heben kann. Als dann die Winterstürme wüten und der Schnee in Böen von der Kontinentalen Wasserscheide herabfegt, setze ich mir eine Wollmütze auf und mache weiter.
Ich grabe mehr als zwei Jahre. Die einzigen Konstanten dabei sind das Geräusch der Schaufel und der kalkige Geruch der Erde. Irgendwann und irgendwie werde ich es schaffen.

Tommy Caldwell

Über Tommy Caldwell

Biografie

Tommy Caldwell, 1978 in Colorado geboren, wurde vor allem durch seine Leistungen im anspruchsvollen Bigwall-Klettern, speziell im Yosemite Nationalpark, bekannt. Seit einem Unfall 2001 klettert Tommy Caldwell mit nur neun Fingern – und dennoch in der absoluten Spitzenklasse. Er ist Ehrenmitglied im...

Pressestimmen

ALLMOUNTAIN

»So packend er die Fortschritte in der ›Dawn Wall‹ schildert, sind sie doch vor allem ein Rahmen, um sein ganzes Leben zu erzählen.«

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