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Psychovertikal

Psychovertikal

Wenn Klettern zum Leben wird

Taschenbuch
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Psychovertikal — Inhalt

Andy Kirkpatricks Biografie ist mehr als die atemberaubende Schilderung einer Kletterei auf Messers Schneide – es ist die Geschichte einer Selbstfindung auf einem extremen Lebensweg: Vom Rand der Gesellschaft in die Randzonen am Berg. Literarisch brillant erzählt er von seinen Abenteuern auf den anspruchsvollsten Technorouten der Welt, wie der »Reticent Wall« im Yosemite Valley, seinem Ringen um die Sprache, das Erlebte zu erzählen, und von der Schwierigkeit, seine Passion und sein Familienleben zu vereinen. Sympathisch, ehrlich und intim beschreibt er seinen Kampf um einen Platz im Leben und um den nächsten Meter Fels.

€ 14,99 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 16.02.2015
Übersetzer: Robert Steiner
384 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-40560-7

Leseprobe zu »Psychovertikal«

Prolog

 

Ich saß allein in dem weißen, kleinen Raum und versuchte, mich zu konzentrieren. Nur schwer gelang es, die Aufmerksamkeit vom Schnee abzulenken, der auf dem Fenstersims lag, hin zu den zwei Testbögen vor mir auf dem Tisch. Ich spielte mit meinem Stift, kaute auf dem Ende herum, bis an meinen Lippen kleine Splitter vom roten Lack klebten. In meinem Mund der Geschmack von feuchtem Holz. Der Wind rüttelte am Wellblechdach des Gebäudes. Das Geräusch der Luft, die vom Wind unter den Türen und zwischen den schlecht isolierten Fenstern nach draußen [...]

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Prolog

 

Ich saß allein in dem weißen, kleinen Raum und versuchte, mich zu konzentrieren. Nur schwer gelang es, die Aufmerksamkeit vom Schnee abzulenken, der auf dem Fenstersims lag, hin zu den zwei Testbögen vor mir auf dem Tisch. Ich spielte mit meinem Stift, kaute auf dem Ende herum, bis an meinen Lippen kleine Splitter vom roten Lack klebten. In meinem Mund der Geschmack von feuchtem Holz. Der Wind rüttelte am Wellblechdach des Gebäudes. Das Geräusch der Luft, die vom Wind unter den Türen und zwischen den schlecht isolierten Fenstern nach draußen gezogen wurde, nahm auch meine Konzentration mit.
Der Abgabetermin rückte näher.
Obwohl dieser Test etwas war, für das ich gezielt gelebt hatte, fühlte er sich um nichts besser an als alle anderen Prüfungen. Ich fühlte mich klein, abstoßend und dumm. Der erste Bogen war einfach gewesen, aber der zweite hatte mein Gehirn in eine zähe Masse aus Klebstoff verwandelt, sodass alle Zahlen vor meinen Augen durcheinander gerieten und wie verloren auf dem Blatt lagen. Obschon der Raum kalt war, stand mir eine fieberhafte Hitze im Gesicht. Es war die allzu bekannte, panische Angst. Für kurze Zeit glaubte ich, wieder auf der Schulbank zu sitzen, die ich so gehasst hatte. Die vergessen geglaubte Abscheu vor mir selbst kam zurück. Mit Mühe und Not brachte ich mein Gehirn dazu, Antworten aus dem dunklen Nichts zu formulieren.
Doch es kamen keine.

Der Sturm lässt nach. Unsere Spur durch den Schnee gleicht einem tiefen Graben, und endlich gelangen wir zu einem See, dessen Oberfläche gefroren unter einer winterlichen Decke liegt. Mein Partner hält an, bestimmt mit dem Kompass die Richtung und ruft mir ins Ohr, dass es nicht mehr weit ist. Als die Wolken für einen Moment vom Gipfel weggerissen werden, bekommen wir den Grat über uns zu Gesicht.
Wir hatten das Auto in der Dunkelheit verlassen. Schon früh hatte uns der Wind aufgeweckt, der auf der einsamen Gebirgsstraße unruhig um das Auto flatterte. Noch müde vom langen Weg durch ganz England zogen wir uns um, noch im Auto sitzend. Das Anziehen von Hosen und Schuhen war nicht leicht auf dem winzigen Platz – man fühlte sich dabei fast wie der Entfesselungskünstler Houdini, wie er mit einer Zwangsjacke ringt. Keiner von uns beiden wollte sich nach draußen wagen. So zögerten wir es hinaus, bis es nicht mehr anders ging. Der frühe Aufbruch stellte sich als sinnvoll heraus, denn der Anmarsch war lang und das Gehen durch die Schneeverwehungen mühselig und langsam. Mit etwas Glück würde die Zeit reichen, um die Route zu klettern.
Wir überprüfen unseren Weg auf der Karte. Den lawinengefährdeten Hang auf der linken Seite des Sees wollen wir vermeiden. Für kurze Zeit erspähen wir durch die vorbeitreibenden Wolken die Wand. Sie ist steil und mit Anraum bedeckt, der am Fels haftet wie Eis auf der Innenseite einer Tiefkühltruhe.
Die Verhältnisse sind alles andere als gut. Aber so ist eben das Winterbergsteigen in Schottland. Hier klettert man Routen so, wie man sie vorfindet. Ich erinnere mich an die Worte eines bekannten slowenischen Bergsteigers, der uns besuchte und meinte, dass man in Schottland «auf Gras Ski fährt und auf Fels eisklettert». Zumindest sieht heute der Fels weiß aus. Wir stecken die Karte in den Rucksack, ziehen die Skibrillen an und entscheiden uns für die leichte Variante: über das ächzende Eis des Sees.

Ich drehte das Blatt um und schaute wieder zum Schnee. Er lag dort auf dem Fensterbrett wie dicke Bettwäsche. Ein paar Minuten blieben noch, bis ich die Testbögen abgeben musste, aber ich wusste aus leidvoller Erfahrung, dass es mehr brauchte als Zeit, um die richtigen Antworten zu finden.
Die Lehrer hatten immer behauptet, ich sei faul, es mangele mir an Konzentrationsfähigkeit, ich würde langsam lernen. Danach behauptete man, ich hätte so etwas wie eine Lernbehinderung. Die Schulen, die ich besuchte, waren voll von «Problemkindern», und auch ich war dort eines unter vielen. In Biologie lernten wir einmal, dass ein Gehirn zwei Hälften hat. Für mich war das damals eine Art Offenbarung. Es schien zu erklären, warum ich mich manchmal so langsam und dumm fühlte, als sei ich der Ausgestoßene schlechthin, das hoffnungsloseste aller Förderkinder. In andern Momenten hingegen fühlte ich mich hell und intelligent, konnte Zeichnungen anfertigen und Rätsel lösen, besser als jeder andere in der Klasse. Meistens versuchte ich, meine dunkle, schwache Seite im Hintergrund zu halten und mich auf das zu konzentrieren, worin ich gut war. Aber in der Schule war das nicht leicht, denn die enge und dunkle Welt des Unterrichts ließ einem so gut wie keine Möglichkeit, zu glänzen.

Die Route sieht schwierig aus. Wackelige Mixedkletterei über eine steile Wand und dann über einen Grat. Im Sommer war es ein Klassiker. Jetzt, mit einer dünnen Eisschicht überzogen und mit Schnee bedeckt, ist es eine der schwierigsten Routen an diesem Berg. Ich lasse meine Augen dem Fels entlanggleiten und stelle mir vor, wie man dort klettert, welche Bewegungen man machen muss. Ich denke an die runden, horizontalen Risse und die senkrechten Spalten, die den eisummantelten Fels durchziehen. Hier muss man die Hauen der Eisgeräte verklemmen.
Schon lange wollte ich diese Route klettern, jeder Fetzen Information, der mir unter die Augen kam, war in meinem Kopf gespeichert. Obwohl ich weder den Namen der Route noch den Namen des Berges buchstabieren kann, weiß ich alle Bergsteiger auswendig, die eine Begehung versucht haben, warum sie umgekehrt sind, und welche anderen Berge sie in ihrem Leben bestiegen haben.
Als ich die letzten Meter zum Fels gehe, erinnere ich mich an die entmutigenden Worte eines Kletterers, der zweimal an der Tour scheiterte: «Du wirst es nie schaffen. Es gibt dort einen weiten Zug, der absolut größenabhängig ist. Und sorry – du bist zu klein.»
Dumpf fahren die Eisgeräte in die harten, kalten Polster aus Gras und Moos. Ich schließe meine Augen. Die Route ist wie ein Puzzle, dessen Stücke im Schnee vor mir liegen. Vor mir liegt das erste Stück. Ich nehme es und fange an zu klettern.

Der Prüfer öffnete die Tür und sagte, ich solle nun den Stift weglegen. Es war vorbei. Ich schaute aus dem Fenster, fühlte mich krank und leer.
In der Schule war der schlimmste aller Alpträume stets das Einmal-eins gewesen. Die Lehrer fingen in einer Ecke des Klassenzimmers an und gingen dann die ganze Klasse durch. Man musste Zahlen aufzählen oder etwas ausrechnen. Jedes Kind musste, wenn es an der Reihe war, aufstehen und die richtige Zahl sagen. Je näher das Schicksal zu mir kam, desto kälter wurde mir. Das Blut wich aus dem Gesicht, mein Herz klopfte schneller und schneller. Ich fühlte mich wie ausgehöhlt, wie krank. Die dunkle Hälfte in meinem Kopf machte jedes Denken unmöglich, und alles Rechnen blieb ohne Ergebnis. Endlich stand ich auf zitternden Beinen und sprach. Stets war die Antwort falsch. Die anderen Kinder lachten, während ich mich wieder hinsetzen durfte, dankbar, dass die Pein vorüber war.

Versunken bin ich in der Kletterei, mein Gehirn arbeitet unter Hochspannung, unter Aufbietung und Ausnutzung aller Energie. Frei ist es nun, frei von den Beschränkungen und den wirren Wegen, unter denen es in der normalen Wirklichkeit leidet. Hier oben ist für mich alles begreifbar, alles echt. Keine Zahlen. Keine Worte. Alle Berechnungen sind physisch, die einzigen Fragen sind die nach dem nächsten Griff und wie ich es anstelle, dass ich nicht stürze.
Winterbergsteigen entscheidet sich lediglich zu zehn Prozent physisch, neunzig Prozent sind mental. Wenn du gut im Puzzlespielen bist, dann bist du wahrscheinlich auch gut in dieser Art Klettern. Es ist nichts anders als ein Puzzle: Die Teile sind gefroren, du fügst sie mit klemmenden Eisgeräten und schrammenden Steigeisen zusammen. Alles ist einfach, so wie die Teile eines Puzzles, das man gelöst hat. Nur sie zu finden, ist schwer.

Der Prüfer hob die Bögen auf und bat mich, ihm in sein Büro zu folgen und zu warten, während er die Ergebnisse auswertete. Während wir durch das alte, viktorianische Gebäude schritten, fiel ihm auf, dass ich nachdenklich war. Wohl deswegen fing er an, in lockerem Ton über den Schneesturm zu sprechen.

Eigentlich war nicht das Ausschlaggebende, dass ich die Schule mit schlechten Noten verließ. Weder mich noch sonst jemand schien das zu interessieren. Viel schlimmer war das Gefühl, das mir die Gesellschaft eingeflößt hatte. Sie ließen mich glauben, dass wirklich alles davon abhing. Mit sechzehn fühlte ich mich genug geprüft für den Rest des Lebens. Die einzige Fähigkeit, von der ich wusste, dass ich sie besaß, war meine Kreativität. Ursprünglich hatte sie sich in meinen Zeichnungen und Malereien gezeigt, aber wie bei allem, das einem leicht fällt, war ich nie darauf gekommen, dass es sich überhaupt um eine nutzbringende Fähigkeit handeln könnte. Ich fand heraus, dass mich die Leute nicht ernst nahmen, sobald sie entdeckt hatten, dass ich mir meinen Geburtstag oder die Reihenfolge der Monate nicht merken konnte. Immer hatte ich Angst, dass ich entdeckt und entlarvt würde und dass mich die Leute von da an für begriffsstutzig oder gar für dumm halten würden. Langsam lernte ich, mich der Misere zu entziehen, indem ich Mittel und Wege fand, jeden Kontakt mit Zahlen oder Worten zu vermeiden.
Ich zog von zu Hause aus und lebte in einem winzigen Zimmer in der Nähe der Universität. Allmählich lernte ich Leute kennen, die normal waren und mit dem normalen Leben zurechtkamen. Solche hätte ich in meinem Status als Behinderter nie kennengelernt. Für mich war es, als träfe ich Menschen einer anderen Kultur. Trotzdem war es mir, als seien wir nicht allzu unterschiedlich. Ja, ich fand sogar heraus, dass diesen Menschen Fähigkeiten fehlten, die mir im Überfluss zur Verfügung standen. Langsam lernte ich, dass ich abstrakte Wörter oder Zahlen mit Bildern oder Eselsbrücken verbinden musste. So gelang es mir, den matschigen Teil in meinem Gehirn zu umgehen. Mein ultimatives Ziel war es damals, mir alle zwölf Monate zu merken, und zwar in der richtigen Reihenfolge. Es war fast wie eine Utopie. Erst zu dieser Zeit öffneten mir meine Bekannten die Augen dafür, dass all dies und alles andere, was mir immer als ungeheuerlich wichtig eingeimpft worden war, gar keine Rolle spielte. Eines Abends sagte mir jemand auf einer Party, meine linearen Gehirnfunktionen seien vielleicht ein Zeichen von Legasthenie. Ich solle mich doch testen lassen, um herauszufinden, was genau mit meinem Gehirn nicht stimmte – und so kam es, dass ich mich in jenem Test wiederfand und mich – ich war neunzehn – fragte, ob es noch eine Rolle spielte.

Nun komme ich an die Stelle, wo die anderen Kletterer gescheitert sind. Zwei stumpfe, horizontale Risse. Ihr Abstand zu weit, als dass ich ihn mit den Eisgeräten überbrücken könnte. Ich hänge an den Geräten, suche fieberhaft nach einer Lösung.
Eines der Geräte hämmere ich auf Brusthöhe in den Riss, drücke mich hoch. Ein «Mantle», wie die Kletterer dazu sagen. Auf dem Eisgerät in labiler Position abgestützt strecke ich meinen Arm aus. Eines der Steig- ­eisen kratzt am Fels, in der Nähe des Eisgerätes. Das andere Eisen habe ich hinter einer Ecke verkantet. Es ist, als versuchte ich, einen Handstand zu machen. Ohne viel sehen zu können, räume ich mit dem zweiten Eisgerät den widerspenstigen Raureif vom Fels und suche nach einer Stelle, an der ich das Gerät sicher platzieren kann. Doch es gibt nichts.
Ich denke darüber nach, ob auch ich umkehren soll, ob es besser ist, sich hier geschlagen zu geben. Aber ich weiß nicht, ob ich das so einfach kann. Ich stelle mir die guten Klemmkeile vor, die ich unten in einen dubiosen, eisigen Riss gelegt habe. Für mich gibt es kein Zurück, nicht hier, nicht jetzt. Mit verkrampften Armen versuche ich, um die runde Ecke zu kommen. Es ist die einzige Chance. Endlich gelingt es, nach vielem Suchen und Scharren, eine Stelle zu finden, wo das Eisgerät sich verhängt. Ich vertraue ihm und schiebe mich langsam hinüber. Das andere Eisgerät befreie ich durch Hin- und Herdrücken aus dem Riss, dann stehe ich auf, den Körper auf den Zehenspitzen balancierend, die Muskeln gespannt wie auf der Folter.
Ich versuche, nicht zu arg zu zittern.
Ich hole tief Luft und suche das nächste Puzzleteil.

Der erste Testbogen war mit etwa hundert kompliziert aussehenden Würfeln bedruckt. Zu allen gab es vier mögliche Abbildungen, die zeigen sollten, wie er aufgeklappt aussehen könnte. Der andere Bogen enthielt nur Wörter und Zahlen. Die Würfel waren einfach, ich fragte mich schon, ob man mir aus Versehen das falsche Blatt gegeben hatte. Als ich mit dem zweiten Bogen anfing, gingen die Lichter schnell aus. Wie ein Idiot fühlte ich mich, als ich dasaß und wartete, bis der Prüfer den Bogen durchging und Frage für Frage auswertete. Ich wusste, dass ich im zweiten Bogen schlecht gewesen war.

Endlich erreichen wir leichtes Gelände, zumindest leicht im Gegensatz zu denjenigen Stellen, die es brauchte, um dort hinzukommen. Ich opfere die Sicherheit der Schnelligkeit und stürme eine Verschneidung hoch. Nun komme ich zu einem schmalen Sims, auf dem ich über grasiges Gelände die Schwierigkeiten rechts umgehen könnte. Ich zögere. Die Wand über mir sieht kompakt und steil aus. Eigentlich wäre es ein Einfaches, das zu umgehen, was dort auf mich wartet. Viele mögliche Ausreden tun sich auf. Die Dunkelheit. Der Sturm. Ich schaue hinunter zu Dick und denke daran, wie schal es wäre, jetzt aufzugeben. Ich weiß, ihm ist es egal, Hauptsache, wir kommen durch.
Auf Höhe meiner Füße habe ich einen Klemmkeil gelegt. Nun mache ich mich daran, die Züge über dem Gesimse zu studieren. Das geht so lange, bis ich den Mut fasse und meine sichere Position verlasse. Die Richtung ist mir klar: über die Wand bis zu einem Absatz auf dem Grat. Den Raureif räume ich mit Geräten und Armen ab. Ich versuche, nicht daran zu denken, dass meine Kräfte bald nachlassen werden. Mit den Eisgeräten kratze ich am Fels, bis ich eine verlässliche Stelle an einer runden Kante finde. Meine Steigeisen habe ich notdürftig auf liederliche kleine Tritte gesetzt, die aussehen wie zusammengedrückte Hühnerköpfe. Es gelingt mir, die Eisgeräte nebeneinander zu setzen. Der Blick nach unten: Dick ist weit unten, gebeutelt vom Wind, seine rote, flatternde Jacke ist durch das Schneetreiben kaum sichtbar. Die Seile bilden in der Luft große Bögen, einige fragwürdige Sicherungen sind herausgezogen worden. Nur der große Keil bleibt. Ich sollte Angst haben. Ich sollte von Zweifeln befallen sein. Aber alles, was ich sehe, sind Möglichkeiten.

Der Lehrer blickte von den Bögen auf und nahm seine Brille ab. «Erstaunlich. Sie haben im Bogen zum räumlichen Denken 99 Prozent richtig. Ich hatte nur ein einziges Mal jemanden hier, der gleich gut war. Er war Schulleiter. Was den Rest anbelangt, tut es mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass sie nur 16 Prozent erreicht haben.»
Schnell sank die Freude, die mich überkommen hatte, in sich zusammen. Der zweite Bogen war für das echte Leben von weitaus wichtigerer Bedeutung als der erste. Das Einzige, was mir die Fähigkeit brachte, mir Würfel in geöffneter Form vorzustellen, war wohl ein Job in einer Kartonfabrik.
«Sie sind ein Legastheniker, voll und ganz», sagte er. «Eine Seite ihres Gehirns funktioniert nicht so, wie sie sollte. Die andere Hälfte kompensiert die Schwäche.» Er erklärte mir die Symptome von Legasthenie, und langsam dämmerte es mir, was los war.

Und es ist die eine Gehirnhälfte, die mich zum Absatz auf dem Grat bringt: den Atem angehalten, die Füße auf so gut wie nichts, die Geräte in gefrorenem Moos. Sie beißen mit einem dumpfen, schwachen «twack». Die Zeit wird allmählich eng. Blind führe ich einen Trittwechsel durch, dann löse ich das untere Gerät und setze es neben das obere. Jetzt fallen die Würfel. Werden die Geräte halten, wenn ich mich an ihnen emporziehe, oder nicht?
Mein Gehirn führt einige schnelle Berechnungen durch und sagt: nein. Ich werde hochkommen. Die Geräte werden halten. Ich werde es schaffen.
Jetzt ziehe ich mich zum Grat hoch. Selten habe ich alles so scharf um mich herum wahrgenommen wie jetzt: Schneeflocken, die in mein Gesicht fliegen, den Schweiß, der zwischen meinen Schulterblättern hinunterrinnt, ein Stück gefrorenes Heidekraut, das durch die Luft fliegt, der Wind, die Dunkelheit, die Kälte. Mein Körper ist erhitzt, mein Gehirn brennt. Ich hole tief Atem, sauge vorbeieilende Schneeflocken mit ein. Die nächsten zehn Meter sind ohne Sicherung. Wenn ich jetzt falle, sterbe ich, aber es gibt keine Zeit für Dramen, denn das ist es, was ich die ganze Zeit haben und leben wollte. Ich denke daran, wie seltsam es ist, dass es alleine die Kraft meines Gehirns ist, die mich hierher und wieder von hier fort bringt – und das, obwohl mein Gehirn in manchen Bereichen vollkommen versagt. Ich weiß jetzt, dass es für alles einen Ausgleich gibt. Am Berg zählt es nicht. Es gibt hier keine Worte. Wer die Teile sieht, sieht auch das ganze Bild. Wer braucht schon einen Namen dafür?
Mit beiden Eisgeräten hinter einer Schuppe verklemmt, ziehe ich mich auf den Absatz und eile in die Dunkelheit.

Der Doktor zeigte mir den Ausgang und gab mir einen braunen Umschlag mit den Testergebnissen mit. «Andrew», sagte er, «mit einem Ergebnis von 99 Prozent sollest du etwas finden, das du magst und das etwas mit dreidimensionalem Problemlösen zu tun hat. Etwas Kreatives, wo du deine Schwäche zu deiner Stärke machen kannst.» Ich schüttelte seine Hand und dankte ihm, dann ging ich durch den Schnee nach Hause und fragte mich, wohin mich eine so seltsame Begabung wohl führen würde.



Harte Arbeit tötet Pferde

Das Taxi kam um 6 Uhr morgens und hupte zweimal. Es war ein Sonntagmorgen im Jahr 2001, der Beginn meiner Reise zu einer Alleinbegehung einer der schwierigsten Routen der Welt, mit Sicherheit jedenfalls der schwierigsten Route meines Lebens.

Und mein Leben zerfiel. Ich rannte weg.

Den größten Teil der Nacht hatte ich auf dem Sofa gelegen, wach, meine Gedanken ein Chaos. Sicher, daran war zum Teil das übliche Durcheinander von Sorgen und Zweifeln über die bevorstehende Kletterei schuld. Aber zum Teil waren da auch dunklere Wolken, die mich plagten und vielleicht erklärten, warum ich allein im Wohnzimmer schlief und meine Frau einen Stock höher.

Schlief sie überhaupt?

Die ganze Nacht über hatte ich versucht, meine Gedanken zu ordnen, alles ins rechte Licht zu rücken, mein Leben zumindest im Kopf auf die Reihe zu bekommen, bevor ich wegging. Es war unmöglich. Ich dachte darüber nach, ihr einen Brief zu schreiben und zu erklären, warum ich ging, warum ich klettern musste. Aber ich wusste im Grunde meines Herzens, dass diese Worte kraftlos bleiben würden und nicht einmal entfernt das ausdrücken konnten, was ich wirklich fühlte. Keine Worte konnten das erklären. Nichts, was ich sagen konnte, würde ihr helfen, mich zu verstehen. Es gab keinen Sinn, nur die Absurdität, dass ich um die halbe Welt reiste, um auf ein Stück Fels zu klettern.

Niemand zwingt dich zu gehen.

Ein Pendel schwang in meinem Geist. Im einen Moment fühlte ich mich unverletzlich, im nächsten nahm es meinen ganzen Glauben an mich selbst mit. Dann wollte ich nichts anderes, als bis an mein Lebensende hier bleiben und mit meiner Frau Mandy und meiner Tochter Ella leben.

Wie kannst du sie nur verlassen?

Nichts wäre einfacher gewesen, als das Taxi wieder fortzuschicken, die Stufen nach oben zu schleichen und in unser Bett zu schlüpfen. Ich könnte Mandy umarmen und ihr ins Ohr flüstern, dass ich bleiben wollte. Dann wüsste sie wenigstens einmal, dass sie an erster Stelle stand. Ich könnte noch hier sein, wenn Ella aufwachte. Und sie lachen sehen.

Aber wie sieht es morgen aus?
Du musst gehen.

Ich lag und vor meinem inneren Auge lag ich in einer Lache aus meinem eigenen Blut, zerbrochene und komisch abstehende Knochen durchstießen die Haut. Langsam starb ich. Ich stellte mir vor, was ich während der Kletterei verlieren konnte und dass ich sie niemals mehr sehen würde, dass ihre Welt so zerbrochen wäre wie mein Körper.

Was findest du dort, das es rechtfertigt, alles, was du hast, aufs Spiel zu setzen?

Das Taxi hupte nochmals.

Ich wünschte, es wäre noch dunkel gewesen. In der Nacht war ich am besonnensten, was die Einstellung zu schwierigen Routen anbelangte. Wenn ich dann aus dem warmen Bett auf die Toilette ging, stand ich nackt im Dunkeln und fror vor Kälte. Dann wusste ich, alles, was ich wollte, war, zurück unter die Bettdecke zu gehen und die Frau zu umarmen, die ich liebte. Der Gedanke daran, dass ich irgendwo anders sein könnte, schlafend in einer Schneehöhle, an einer eisigen Nordwand hängend oder mitten in der Nacht während eines waghalsigen Rückzuges aus einer Wand, war lächerlich. Und bar jeden Sinnes.

Du hörst dich an wie sie.
Es gibt einen Sinn.

Ich konnte keinen vernünftigen Grund ausmachen, warum man klettern ging. Ich wusste nur, dass ich es tun musste.
Die Kletterei ist die Frage.
Ich bin die Antwort.

Ich war gerade dabei, zu gehen, um die halbe Welt zu fliegen, um eine der längsten Routen auf Mutter Erde zu klettern. Eine Route, die nur eine Handvoll Leute jemals in Angriff genommen hatten, die ­einen der weltbesten Kletterer erstaunliche vierzehn Tage gekostet hatte, um im Alleingang hochzukommen. Ich wusste, die Route war eine Nummer zu schwer. Ich wusste, dass ich sterben konnte, oder vielleicht noch etwas Schlimmeres. Trotzdem schlief ich alleine auf dem Sofa.

Vielleicht kommst du nie zurück.

Das Taxi hupte noch einmal.

Ich stand auf, schon angezogen, und hievte die riesigen Nachziehsäcke mit meinem Klettermaterial aus dem Haus zum Taxi. Jeder war so groß wie eine Mülltonne. Sie waren aus einem unverwüstlichen Material gemacht, mit dem man den Grund von Müllhalden auslegt, und gingen nicht kaputt, auch wenn man sie kilometerlang über Felsen zog. Für die nächsten Wochen würden sie meine einzige Gesellschaft sein. Halb trug ich sie, halb zog ich sie durch den Hintereingang um das Haus herum zum wartenden Auto. Der Taxifahrer stieg langsam aus und half mir, den ersten Sack in den Kofferraum zu laden. Den zweiten legten wir auf die Rückbank. Jeder Sack hatte die Größe eines kleinen Menschen. Er wog fünfzig Kilo und enthielt all die Ausrüstung, die ich für die Kletterei brauchte: Seile, Karabiner, Schlingen, Haken, Klemmkeile, Sturmkleidung, Schlafsack, das Portaledge (eine Art mobiles Bett, das man in eine senkrechte Felswand hängt) und Hunderte andere lebenswichtige Gegenstände: während zehn Jahren gesammelte Erfahrung mit dem Material.

Die Säcke waren schwer zu heben und schmerzhaft zu tragen. Man konnte jeweils nur einen tragen, und so musste ich jeden Weg zweimal zurücklegen, außer ich fand etwas mit Rädern wie ein Taxi, einen Bus oder einen Flughafentrolley. Selbst wenn meine Knie sich vom Gewicht durchbogen und meine Lendenwirbel zusammengestaucht wurden wie eine leere Coladose, genoss ich es doch, sie zu tragen. So ein Schmerz ist einfach, ehrlich und wirkt kräftigend, weil Muskeln und Geist über die Grenzen gefordert werden. Wenn du schleppst, hörst du auf zu denken.
Je länger du gehst, ohne zu denken, umso besser fühlt es sich an, wenn du es wieder kannst.
Jeder Sack ließ das Auto tiefer in die Knie gehen. Der Taxifahrer zog die Augenbrauen hoch, je tiefer das Auto sank. «Wie wäre es mit einem zweiten Taxi?», sagte er und stupste die Reifen sorgenvoll mit einer Schuhspitze an.
«Es kommt nur noch ein ganz kleiner Sack», sagte ich und verschwand zum Haus. Ich lief an Ellas froschähnlichem Sandkasten und dem roten Kinderbuggy vorbei durch den Hintereingang in unser kleines, für Sheffield typisches Haus.
Mein letzter Sack lag etwas abseits und war von Ellas Spielzeugen umgeben.
Es gab da noch etwas, was ich tun musste. Ich schlich die engen Stufen hoch und schlüpfte in ihr Zimmer. Sie lag auf der Seite, hatte den Daumen im Mund. Unglaublich. Nichts in meinem Leben passte mehr zusammen, nicht unsere Ehe, das Klettern, die Arbeit. Außer ihr. Sie war das Einzige in meinem Leben, an dem ich nie gezweifelt habe.

Aber selbst sie ist dir nicht genug.
Du musst gehen.

Ich hätte sie gern geküsst, aber ich wusste, dass ich nicht mehr in der Lage wäre, zu gehen, wenn sie aufwachen würde.
Ich hatte viel darüber nachgedacht und mich gefragt, was sie wohl denken wird, wenn sie größer wird und ich tot bin, gestorben beim Klettern. Auch jetzt dachte ich wieder daran: die rücksichtslose Selbstsucht, die in meinem Tun lag, dass ich mein Leben einmal mehr aufs Spiel setzte, damit auch ihr Leben in Gefahr brachte und ihre Zukunft. Viele Bergsteiger oder auch andere Leute, die gefährliche Sachen machen, hören auf, wenn sie Kinder haben, aber für mich war ihre Geburt mit dem Anfang von allem zusammengefallen.
Zu dieser Zeit urteilten viele Leute über mich als Bergsteiger und Vater und fragten mich, wie ich so etwas tun könne. Ich wusste es auch nicht, außer Ausreden fiel mir nichts ein, und ich sagte, man solle sich nicht voll und ganz für die Kinder aufopfern. Aber sicher war ich nicht. War es nicht anders herum, dass ich die Kinder für meine Ziele opferte? Doch ich wusste, dass ich kein guter Vater war, wenn ich nicht ging, und das war es auch, warum ich jetzt hier war und zu einem neuen Abenteuer aufbrach. Je mehr ich versuchte, aufzuhören, desto mehr Druck baute sich in meinem Inneren auf.

Was ist, wenn du sie niemals wieder siehst?

Ich erzählte den Leuten, dass ich weder sterben wollte, bevor sie geboren war, noch sterben wollte, nachdem sie da war. Die Wahrheit ist ja, dass Kletterer niemals so etwas wollen wie sterben.
Es erfüllte mich mit Sinn, und gleichzeitig machte es das, was ich so liebte, umso sinnloser. Berge kümmern sich nicht um Liebe.
Ich hätte ewig da stehen bleiben wollen. Und können. Aber ich tat es nicht.
Ich schlich aus ihrem Schlafzimmer, schloss die Tür und blickte zurück, um die Treppen zu sehen, die zu unserem Schlafzimmer führten, wo Mandy vermutlich wach lag. Sie war wahrscheinlich wütend, dass ich wieder fortging, zum Klettern. Sie wollte gar nicht viel: ein normales Leben, einen normalen Mann. Ich konnte ihr das nicht geben, aber wir waren beide stur und seit Ewigkeiten zusammen. Wir trennten uns nicht, und so waren wir eben zusammen. Und stritten. Aber wir liebten uns auch.
Ich wusste, dass sie jetzt im Bett lag und mich hasste. Gleichzeitig wollte sie auch, dass ich die Stufen hochstieg und ihr auf Wiedersehen sagte, oder vielleicht sogar, dass ich doch nicht fortging. Sie wollte das, nicht weil sie schwach war, sondern weil sie mich liebte.
Ich war dabei, eine Route zu versuchen, die so schwierig war, dass nur die Besten sie versucht hatten, eine Route, in deren Anblick ich den Erfolg bezweifelte. Aber was ich in diesem Moment am meisten fürchtete, war, über die Stufen nach oben zu gehen, ihr gegenüberzutreten und mich zu verabschieden.

Was ist, wenn du das Kind, das sie im Bauch trägt, nie sehen wirst?

Ich ging durch den Garten und versuchte, die Fassung zu bewahren. Der Taxifahrer sollte nicht sehen, dass es mir nicht gut ging. Ich war alles, was ich verachtete.

Ihnen wird es ohne dich besser gehen.

Wie so oft in meinem Leben öffnete ich eine Kiste in meinem Kopf, legte alle Gefühle hinein, schloss den Deckel und ging weiter.

«Wohin?», fragte der Taxifahrer, als ich mich neben ihn setzte und mich anschnallte.
«Zum Bahnhof, bitte.»
Wir fuhren den Hügel hinunter, durch die leeren Straßen.
«Wohin geht’s?»
«Amerika. Zu einem Ort namens Yosemite.»
«Hm, ah, das sagt mir etwas. Sie sind ein Kletterer, oder?»
«Ja, so ungefähr.»
«Sind sie alleine unterwegs?»
«Ja.»
«Ist das nicht gefährlich?»
«Nein», log ich, «nur viel mehr Arbeit.»
«Pass auf mit deinen Säcken da, die sind höllenschwer.»
«Macht nichts. Sie halten mich auf Trab, dann bleib ich fit.»
«Stimmt nicht», sagte der Taxifahrer und schaute mich nachdenklich an. «Denk dran: Harte Arbeit tötet Pferde.»

Andy Kirkpatrick

Über Andy Kirkpatrick

Biografie

Andy Kirkpatrick, geboren 1971, gehört zu den bekanntesten Extremkletterern, Buchautoren und Bergfilmern Englands. Nach einer schwierigen Jugend in einem Armenviertel der Hafenstadt Hull an Englands Ostküste fand er seine Passion als Kletterer und spezialisierte sich auf härteste Winterbesteigungen...

Inhaltsangabe

Widmung

Prolog

Harte Arbeit tötet Pferde

Der Vogelfelsen

Das Yosemite Valley

Waschbeton

Ein harter Kerl – Seillänge Nr.1 New Dawn

Das Fenster

Maximale Last – Seillänge Nr.2 New Dawn

Bergsteiger

Solo – Seillängen Nrn.3, 4 und 5 New Dawn

Schnee in deinen Augen

Royal Robbins’ Haken – Seillänge Nr.6 New Dawn; Seillänge Nr.1 Reticent Wall

Der Knoten – Chamonix, Frankreich. Februar 1996

Alles ist leicht, bis du fällst – Seillänge Nr.2 Reticent Wall

Das letzte Mal – Chamonix, Frankreich. Februar 1997

Schwarze Stiche – Seillänge Nr.3 Reticent Wall

Das Feuer – Chamonix, Frankreich. Januar 1998

Expando – Seillänge Nr.4 Reticent Wall

Flieg oder stirb – Yosemite, USA. September 1998

For Emily – Seillänge Nr.5 Reticent Wall

Wenn die Hölle zufriert – Patagonien. Juni 1999

Wino – Seillängen Nrn.6 und 7 Reticent Wall

Wahrheit und Lüge – Yosemite. Oktober 1999

Angstometer – Seillänge Nr.8 Reticent Wall

Verrückte Jugend – Chamonix, Frankreich. Februar 2000

Musikunterricht – Seillänge Nr.9 Reticent Wall

Stand – Yosemite. April 2000

Masters of Stone – Seillängen Nrn.10, 11 und 12 Reticent Wall

Kalter Krieg – Patagonien. Juli 2000

Psycho – Seillängen Nrn.13 und 14 Reticent Wall

Unten

Glossar

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