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Pizza alla famiglia

Pizza alla famiglia

Ein turbulentes Familienleben zwischen Deutschland und Italien

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Pizza alla famiglia — Inhalt

»Jetzt müsst ihr euch entscheiden!«, schallt es Adriana und Michael von allen Seiten entgegen, als sich Nachwuchs ankündigt. »Vediamo – Schau‘n wir mal!«, sagen sich die beiden, denn am liebsten würden sie ewig weiter pendeln, zwischen Südbayern, dem Trentino und der Adria.Zudem haben sie Jobs, die man nicht so einfach aufgibt. Also heißt es zunächst Mutterschutz in München, dann Vaterschaftsurlaub in Triest, und bald nehmen sie eine bunte Folge von Au-pair-Mädchen aus aller Welt auf, die sich die Klinke in die Hand geben und doch irgendwie alle dazugehören ...

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 11.08.2014
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98155-2

Leseprobe zu »Pizza alla famiglia«


Im Dreieck über die Alpen

 

»Dann zieht ihr ja nun endlich zusammen!«, rief meine Mutter am Telefon. In ihrer Stimme schwang unverkennbar Genugtuung. Endlich, nach vielen Irrungen und Wirrungen, würde ihr Ältester die Kurve kriegen! »Deutsch-italienische Koproduktion« hatte ich unter das flatterige Ultraschallbild geschrieben, das wir ihr aus unserem Skiurlaub schickten.
Adriana und ich hatten noch keinen Gedanken darauf verschwendet, dass sich mit Kind an unserer Lebensführung vielleicht etwas Grundsätzliches würde ändern müssen.
Wir gehörten zur [...]

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Im Dreieck über die Alpen

 

»Dann zieht ihr ja nun endlich zusammen!«, rief meine Mutter am Telefon. In ihrer Stimme schwang unverkennbar Genugtuung. Endlich, nach vielen Irrungen und Wirrungen, würde ihr Ältester die Kurve kriegen! »Deutsch-italienische Koproduktion« hatte ich unter das flatterige Ultraschallbild geschrieben, das wir ihr aus unserem Skiurlaub schickten.
Adriana und ich hatten noch keinen Gedanken darauf verschwendet, dass sich mit Kind an unserer Lebensführung vielleicht etwas Grundsätzliches würde ändern müssen.
Wir gehörten zur ständig wachsenden Zahl von Paaren, die aus beruflichen Gründen an verschiedenen Orten leben und arbeiten. Bei Adriana und mir ging das schon fast sieben Jahre so, aber ich empfand unsere Lebensumstände keineswegs als Last. Im Gegenteil! Es war aufregend, eine zweite Heimat in Italien zu haben. In zwei Welten zu leben, in zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei Klimazonen.
Adriana hatte von uns beiden die flexibleren Arbeitsbedingungen, und so konnte sie häufig für eine ganze Woche nach München kommen, in den Semesterferien auch länger. Sie beschäftigte sich mit Moralphilosophie und hatte eine Stelle als Forschungsassistentin an der Universität Triest. »So was geht auch nur an der Uni!«, sagte jeder, der davon hörte, und manch einer mochte in Gedanken hinzufügen »an einer italienischen Uni«. Doch von wegen Italien und dolce far niente! Adriana liebte ihre Arbeit, egal, wo sie gerade war. Und wenn sie sich mal in ein Thema verbissen hatte, wie damals in die Zivilisationskritik, war sie nur schwer davon abzulenken.
Umgekehrt beschränkten sich meine Aufenthalte in Triest meist auf die Wochenenden, die der Wecker montagsfrüh um fünf beendete. Abflug mit Air Dolomiti um 6.45 Uhr, Landung in München 8.05 Uhr, Ankunft am Arbeitsplatz locker vor Beginn der Kernarbeitszeit um 9.30 Uhr. Mein Brötchengeber, ein namhaftes Technologieunternehmen mit Stammsitz in München, hatte schon lange flexible Arbeitszeiten eingeführt, sodass ich das Wochenende auch mal um einen Gleittag verlängern konnte. Ich arbeite im Strategic Management, wo wir uns – man beachte die erste Person Plural! – um die technischen Innovationen von morgen kümmern, ohne die ein Standort wie Deutschland im globalen Wettbewerb nicht bestehen könnte. Sozusagen. Na ja, so reden wir da eben, doch dieser Jargon zeugt von der Begeisterung am technischen Fortschritt, die uns antreibt. Ich hatte deshalb nie etwas dagegen, wenn mich der Job auch mal in Triest einholte. Praktisch war das ja kein Problem, denn wer hauptsächlich ein Telefon und den Computer für Mails und Powerpoint braucht, ist so wenig an einen festen Arbeitsplatz gebunden wie eine Philosophin. Außerdem gab es mir durchaus einen Kick, wenn mich ein wichtiger Anrufer am späten Freitagnachmittag auf der Piazza Unità erreichte, während ich vor dem Caffè degli Specchi saß und darauf wartete, dass Adriana von der Uni kam und wir das Wochenende mit einem aperitivo einläuteten.
Wir hatten uns in München kennengelernt. Adriana studierte damals in Rom und war für ein Semester an die Ludwig-Maximilians-Universität gekommen, um ihr Deutsch zu verbessern, denn sie wollte unsere großen Dichter und Denker unbedingt im Original lesen. Allerdings sollte sie in diesen Sommermonaten eine ganze Menge mehr lernen als nur Philosophendeutsch. Den Genuss bayerischen Bieres zum Beispiel, und zwar keineswegs in der bescheidenen Quantität einer birra media, sondern als ordentliche Mass im Biergarten. Dagegen hatte sie für Bayerische Creme nur Hohn und Spott übrig, was mich glücklicherweise nicht in Misskredit brachte (obwohl es diese Nachspeise beim Fest eines Freundes gab, zu dem sie mich erstmals begleitete). Wie gut Tiramisù schmeckt, wofür Adriana das weiße Zeug zunächst hielt, wusste ich da noch nicht, aber im Anschluss an den Abend wuchs mein Interesse an allem, was mit Italien zu tun hatte, sprunghaft. Adrianas Aufenthalt in München endete sprachlich gesehen mit einem vollen Erfolg für uns beide: Sie konnte Hegel auf Deutsch lesen und – im Unterschied zu mir – auch verstehen, während ich über ganz brauchbare Grundkenntnisse in Italienisch verfügte, die ich, als sie wieder in Rom war, bei meinen Besuchen dort zügig ausbaute. Gerade hatte ich mein Physikdiplom bestanden und meinen ersten Job in Aussicht.
Im folgenden Jahr gelang es Adriana mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit, ohne die man als Geisteswissenschaftlerin in Italien genauso wenig etwas werden kann wie in Deutschland, eine Assistentenstelle an der Università degli Studi di Trieste zu ergattern. Toll, sagten wir uns, Triest liegt quasi schräg gegenüber von München auf der anderen Seite der Alpen, ein Katzensprung im Vergleich zu Rom! Jetzt musste Adriana zwar Studenten betreuen und bald sogar ein Seminar halten, die wissenschaftliche Arbeit aber blieb dieselbe wie während ihres vorangegangenen dottorato. Sie stürzte sich auf ihre neuen Themen, las, studierte und schrieb, und wann immer sie sich an der Universität loseisen konnte, kam sie nach München. Die Bayerische Staatsbibliothek wurde neben ihrem von mehreren Kollegen genutzten Dozentenzimmer in Triest zum hoch geschätzten zweiten Arbeitsplatz.

 

»Noch sechs Monate, dann seid ihr zu dritt …«, konstatierte meine Mutter am Telefon, und ich wusste genau, was sie mir damit sagen wollte: Jetzt ist Schluss mit dem unbeschwerten Nomadentum, man kann nicht ewig so in den Tag hinein leben, jetzt müsst ihr endlich mal klare Linie in euer Leben bringen! Im Lauf der nächsten Wochen stellte sich heraus, dass meine Mutter mit ihrer Sichtweise keineswegs alleine war. Allgemein wurde erwartet, dass Adriana – logisch! – ihre Arbeit in Italien aufgeben und nach München ziehen würde: »Mit Kind müsst ihr euch für einen Wohnort entscheiden!«
Müssen wir eben nicht, dachten wir in einer Mischung aus Trotz und Hybris und beschlossen, erst mal auf Sicht zu fahren: Jetzt war Januar, und Adriana war im vierten Monat. Bis Mai konnte alles so laufen wie bisher. Anschließend sah das italienische Arbeitsrecht fast ein halbes Jahr Mutterschutz vor, zwei Monate vor der Geburt und drei Monate danach. Wenn alles gut ging, konnte Adriana also pünktlich zum Wintersemester wieder in Triest sein und ihr Seminar halten. Es wäre ihr jedenfalls im Traum nicht eingefallen, ihre Karriere an der Universität für Mann und Kind auf der anderen Seite der Alpen an den Nagel zu hängen.
Wir sahen dem großen Ereignis denn auch eher entspannt entgegen und verstiegen uns schon mal zur saloppen Behauptung, die Geburt unseres Kindes praktischerweise auf die Sommerferien gelegt zu haben.
Immerhin dämmerte uns, dass das Baby im Herbst noch nicht ganz auf eigenen Füßen stehen würde. Für diesen Fall hatte ich vage die Option »Erziehungsurlaub« in Betracht gezogen, bislang allerdings in Unkenntnis der Rechtslage und ohne Rücksprache mit meinem Chef. Zu gegebener Zeit würde sich ja vielleicht auch eine Kinderkrippe in Triest finden.
Doch ausgerechnet das Baby schien unserer Auffassung widersprechen zu wollen, dass damit alles hinreichend bedacht und vorbereitet sei. Es verweigerte die vorgesehene finale Drehung Richtung Ausgang. Auch an einem der letzten Tage vor dem errechneten Termin saß es noch immer aufrecht im hoch aufgewölbten Bauch seiner Mutter, als wir zur Geburt ins Trentino fuhren, der eigentlichen Heimat von Adriana. »Hoffentlich wird es kein Kaiserschnitt«, sagte Adriana besorgt, als wir die Fahrt am Brenner unterbrachen, um etwas zu Abend zu essen. Um Staus zu vermeiden, brachen wir immer erst spät zur vierstündigen Fahrt nach Trient auf. Ein Freund aus München hatte uns ein ristorante auf der Passhöhe direkt am alten Grenzübergang empfohlen: »Da gibt’s die beste Pizza in ganz Italien!« Adriana tat es gut, sich einen Moment lang die Beine zu vertreten, wir waren hungrig, und die Pizzen waren in der Tat vorzüglich.

 

Das Baby dachte nicht daran, die Steißlage aufzugeben, und so wurde Adriana am Nachmittag darauf in die sala operatoria geschoben, während ich den Krankenhausflur auf und ab tigerte und mir die Babyporträts anschaute, die dankbare Eltern dem Krankenhaus vermacht hatten. Die meisten würdest du nicht haben wollen, dachte ich beklommen. In ein paar Minuten wirst auch du für eines dieser rosa Schrumpelmonster verantwortlich sein.
»Signor Weirether?«, sprach mich jemand von hinten an. Ich fuhr herum. Die Krankenschwester stand mit einem Wägelchen an der Tür. In der durchsichtigen Plastikwanne regte sich ein weißes Frotteehandtuch mit schwarzem Haarschopf.
»Il vostro bambino! È un maschietto, ein Junge, es ist alles in Ordnung. Auguri!«
»Und Adriana?«
»Sta bene anche lei«, beruhigte mich die Schwester mit sanfter Stimme und ließ mich einen ersten Blick auf meinen Sohn werfen. Mir fiel ein Stein vom Herzen: Unser Kind war unvergleichlich schön! Die Fotogalerie draußen konnte ich getrost vergessen. In diesem Augenblick spreizte es seine Füßchen, und eine Welle von Zärtlichkeit stieg in mir auf: Dein Sohn! Er hat genau deine Zehen, und er spreizt sie sogar auf wie du!
»Hoffen wir, dass er nicht deine Flossen bekommt!«, lächelte Adriana, als ich ihr etwas später davon erzählte. Die Narkose ließ nach, und die Operationsnarbe fing an, wehzutun. Adriana betrachtete das Neugeborene neben sich und hatte nicht das Geringste an ihm auszusetzen.

 

Als Vater eines Italieners kam mir die Aufgabe zu, ihn bei der Gemeinde anzumelden. Auf den Namen Tobia. Zunächst bedurfte es zweier Faxe. Eines vom Krankenhaus, mit der Bestätigung, dass eine gewisse Adriana Falcieri am 13. Juli um 15.31 Uhr tatsächlich einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Das andere, aus Triest angefordert, sollte belegen, dass die Eltern ordnungsgemäß miteinander verheiratet waren. In der Tat hatten wir uns in Triest das Jawort gegeben, doch damit war noch nicht gesagt, dass die Mutter noch immer in Triest lebte. »Sì, Signora«, bekräftigte ich, doch, wir haben eine Wohnung in Triest, meine Frau arbeitet ja dort. Die junge Beamtin wollte es mir gerne glauben, bestand jedoch auf der offiziellen Bestätigung. Diese Auskunft wiederum durfte das Standesamt in Triest nur mit Einverständnis der Betroffenen erteilen. Die aber war in Trient ans Wochenbett gefesselt … Am Ende siegte italienischer Pragmatismus über die Vorschriften. Nach wortreichen, aber vergeblichen Klärungsversuchen und Einschaltung der Amtsleitung genügte schließlich die Selbstauskunft durch mich. Und endlich surrte das Blatt für den großen Folianten des Geburtsregisters aus dem Drucker.
Fünf Tage später holte ich Adriana und Tobia bei glühender Hitze aus dem Krankenhaus ab. Die Vormittagssonne knallte von einem wolkenlosen Himmel, und unser Passat hatte keine Klimaanlage. Sollten wir nicht lieber bis zum Abend warten, wenn es kühler wurde?
Die Hebamme zerstreute unsere Bedenken. »Neugeborene halten mehr aus, als Sie denken. 35 Kilometer, kein Problem, solange das Baby keine direkte Sonne abbekommt.«
Also machten wir uns auf den Weg nach Bieno. Adrianas Heimatdorf liegt zwischen Trient und der Grappa-Hauptstadt Bassano, am Rand des Altipiano Tesino hoch über der Valsugana. Bei Strigno verließen wir das heiße Tal und folgten der alten Römerstraße Claudia Augusta, die zur Hochebene hinaufführt. Vor uns erhob sich die Lagoraigruppe: Mehr als 2800 Höhenmeter erreichen ihre Granitgipfel an der Cima d’Asta, allerdings sind sie weniger schroff als die angrenzenden Dolomiten. Südlich des Valsugana erstreckt sich die Ortigara, der uralte Grenzkamm zum Veneto. Dort oben tobte einst eine der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs, und die italienische Artillerie schoss das damals noch habsburgische Dorf in Grund und Boden. Heute hat Bieno gerade mal 500 Einwohner, die fast alle Tiso, Trisotto oder Giampiccolo heißen. Einzig die Familie von Adriana heißt Falcieri.
Vor uns tauchte das Schild »Benvenuti a Bieno!« auf, gefolgt vom erblindeten Spiegel vor der letzten scharfen Kehre, an der man vorsichtshalber besser hupte. Dann nahm uns das Dorf auf. Gleich das erste Haus vermittelte mir immer ein vertrautes Gefühl des Eintauchens, des Heimkehrens, ausgelöst durch den unbeschreiblichen Farbton zwischen Siena und Weinrot, in dem das stattliche Gebäude vor Jahrzehnten getüncht worden war. Wenn man genau hinsah, konnte man auf der Hauswand noch die verwaschenen Wegangaben entziffern, die bergwärts nach Pieve Tesino und Richtung Tal nach Strigno wiesen. Heute leuchtet an dieser Fassade nur noch der himmelblaue Mantel einer Maria dolorosa, die von ihrer Mauernische aus die ganze Schlucht und das von der Ortigara überragte Valsugana zu Füßen hat.
Wir bogen in eine der engen Gassen ab, die Reifen ratterten über rotes Porphyrpflaster, es ging vorbei an den poste italiane, der cassa rurale, dem albergo und an den vigili, der Feuerwehr. In den offenen Dachstühlen der ganz alten Häuser hingen die typischen Maiskolben zum Trocknen. Dann hatten wir endlich Adrianas Großelternhaus mit seinem von Weinreben beschatteten Hof erreicht.
Ida, unsere freundliche Nachbarin, die das Haus im Winter immer vorheizte, wenn wir kommen wollten, füllte gerade ihre Gießkanne am Brunnentrog. Sie war die Erste aus dem Dorf, die unseren Sohn zu sehen bekam. »Che bel popò!«, rief sie im Trentiner Dialekt, der wird hoffentlich mal ein richtiger bienotto. Als Frau eines Cousins meiner Schwiegermutter war sie so etwas wie seine Großtante zweiten Grades.
Endlich Kühle! Dicke Granitmauern nahmen uns schützend auf. Das alte Bauernhaus gehörte seit Generationen Adrianas Familie väterlicherseits, inzwischen nutzten wir es, zusammen mit Adrianas Geschwistern Tamara und Marco, als Ferienhaus. Aber diesmal hatten wir es erst mal ein paar Tage für uns. Die Verwandtschaft, die im zwanzig Kilometer entfernten Levico, in Trient oder Bozen lebte, wollte uns Zeit lassen, uns an die neue Situation zu gewöhnen. Behutsam trugen wir Tobia hinaus auf die Terrasse, die tief im Schatten großblättriger Kiwiranken lag. Wir zogen ihn bis auf die Windel aus und tupften ihm winzige Schweißperlen von Brust und Stirn. Die Hebamme hatte wohl recht, Neugeborene sind robuster, als frischgebackene Eltern meinen!
Stolz befestigte ich den hellblauen fiocco an der Haustür. Die Seidenschleife, die ich noch im Krankenhauskiosk erstanden hatte, ist ein Muss in Italien und tut der Nachbarschaft die frohe Botschaft kund, dass ein Kind zur Welt gekommen ist.
In den nächsten Tagen rückte das halbe Dorf an, um zu gratulieren, schließlich waren sie alle mehr oder weniger verwandt mit Adriana. Onkel, Tanten, eine kaum überschaubare Zahl von cugini gaben sich die Klinke in die Hand, riefen beim Eintreten höflich »Permesso?«, beglückwünschten uns mit vielen »Auguri!« und »Auguroni!« und überreichten Strampelanzüge, Stofftiere, ja sogar Goldkettchen.
Vermutlich sorgten wir im Dorf für Gesprächsstoff, seit ich hier an der Seite von Adriana aufgetaucht war und wir Bieno zu unserem dritten Wohnsitz gemacht hatten. Die Leute nannten unser Haus casa tedesca, Haus der Deutschen, was mir ein wenig peinlich war. Vermutlich lag es an unserem Münchner Autokennzeichen. Im Grunde aber spürte ich viel Sympathie von den Leuten, vielleicht auch, weil ich gern im Garten werkelte. Zwar lebten die meisten Leute in Bieno längst nicht mehr von der Landwirtschaft, aber viele besaßen noch Wiesen oder ein Stück Wald, und sie wussten es zu schätzen, dass ich mich als Fremder ihrer heimischen Scholle verbunden zeigte.
Adrianas Mutter Grazia quartierte sich für ein paar Tage bei uns ein, um uns zu unterstützen. Wir waren dafür doppelt dankbar, denn die pensionierte Biologin war eine viel beschäftigte Frau, das genaue Gegenteil einer typisch italienischen mamma, die in ihrer Familie aufgeht. Grazia wohnte im nahe gelegenen Trient und widmete sich einer ganzen Fülle von Aufgaben, hatte Ehrenämter beim Dritten Franziskanischen Orden und ging mehrmals pro Jahr auf Pilgerreise. Sie rüstig zu nennen, hätte sie zu Recht geärgert, sie war sportlich und stand häufiger auf dem Tennisplatz als am Herd. Gleichwohl kochte sie meisterlich, was wir während ihres Besuchs sehr genossen. Dass sie häufig zur Unzeit mit dem Staubsauger unterwegs war, nervte auch mal.
Denn Tobia ließ uns die ersten Tage und Nächte keine Ruhe. Kaum war er von der Brust genommen, quengelte er schon wieder und begann mit gierigen Kopfbewegungen aufs Neue seine tastende Suche. Bekam er nicht genug Milch? Entnervt schickte mich Adriana in das Kreisstädtchen Borgo, um eine Babywaage zu besorgen. Ich setzte ein sauberes Messprogramm auf und stellte verblüfft fest, dass unser Sohn scheinbar gegen physikalische Grundprinzipien verstieß: Vor dem Trinken wog er mehr als danach! Hatte er inzwischen mehr gepinkelt als getrunken?
Im Lauf der nächsten Tage fand ich heraus, dass Tobia immer dann Gewicht verlor, wenn Adriana ihn wog. Bei mir dagegen zeigte die Waage unfehlbar an, dass er zugenommen hatte. Sie ist Linkshänderin, fiel mir ein, also legt sie Tobia andersherum in die Waagschale. So war es: Die beiden möglichen Liegepositionen ergaben siebzig Gramm Unterschied! Eine ganze Menge für so einen Winzling.
Anfang August schwand unsere anfängliche Unsicherheit im Umgang mit dem Baby zusehends. Es gab jetzt Nächte, in denen Tobia von Mitternacht bis sieben Uhr durchschlief, und wir konnten erste Spaziergänge mit Kinderwagen unternehmen. Wir schoben ihn die engen Gassen zum Dorf hinaus, vorbei an Sommerwiesen voller Grillengezirpe, an Blaubeer- und Himbeerspalieren, deren piccoli frutti bis nach München verkauft werden. Weiter oben erreichten wir den Waldrand und tauchten in den Schatten uralter Lärchen ein. Laresoti heißen die alpinen Nadelbäume hier, und an diesem lauschigen Plätzchen unterhält die Gemeinde ein Erholungsgelände, wie man es in vielen italienischen Dörfern findet, mit Bänken und Spielplatz, mit Tanzfläche und Bocciabahn, mit Fußballfeld und Tennisplatz. Für jeden etwas und alles gratis. Hier nahm ich Tobia aus dem Wagen und setzte mich mit ihm auf die blau lackierte Eisenschaukel, auf der sich schon Adriana in ihren Kindertagen in die Lüfte geschwungen hatte. Sanft wiegte ich meinen Sohn hin und her, doch nicht er schlief ein, sondern seine Mutter, die sich auf der Holzbank im Schatten ausgestreckt hatte.
Da nur wenige Tage nach Adriana auch ihre Schwester Tamara eine Tochter zur Welt gebracht hatte, gab es Grund für ein doppeltes Freudenfest in Bieno. Die italienische Verwandtschaft kam fast vollzählig zusammen, zunächst natürlich Tamara mit ihrem Mann Pablo und ihren zwei Kindern, Adrianas Bruder Marco, ständig im internationalen Kunsthandel zwischen Florenz, Paris und New York unterwegs, die nächstverwandten Cousinen und Cousins, drei an der Zahl und mit je zwei Kleinkindern. Und schließlich meine Schwiegermutter Grazia, die auf einen Schlag von einer einfachen zur dreifachen nonna geworden war. Korken knallten, Spumante wurde ausgeschenkt, ein brindisi auf Tobia und seine kleine Cousine Francesca. Beide Babys taten uns den Gefallen und schliefen ganz friedlich in ihrer Wiege. Hoffentlich würden sie noch eine Weile weiterträumen, denn so ein Festessen konnte schon mal drei Stunden dauern.
Zusammen um einen Tisch sitzen, das ist, wie man weiß, in Italien so etwas wie das Urbild von Gemeinschaft. Alle reden, meistens gleichzeitig, mit Temperament, viel Mimik und Gestik und in maximaler Lautstärke. Wer deswegen auf die Idee kommt, Essen und Trinken wären gar nicht so wichtig, ist schiefgewickelt. Im Gegenteil. Tischgespräche drehen sich nur zu gerne darum, wer wann wo was gekocht oder gegessen hat.
»Die besten vongole macht der Pablo, senza dubbio!«, rief Adriana unter Beifall. Das stimmte. Am Herd – und nicht nur dort – war mein Schwager ein wahrer Künstler, dessen spanischer Name bestens zu seinem dunklen Teint und lebensvollen Temperament passte, wenngleich er, aus alteingesessener Trienter Familie stammend, ein italienisches Nordlicht war.
»Tamara steht ihm in Nichts nach«, warf eine der Cousinen ein, »ihr risotto con gli asparagi ist unübertrefflich!« Auf meine Schwägerin hielt auch ich große Stücke, nicht nur wegen ihres legendären Spargelrisottos. Vor allem besaß sie ein herausragendes Talent, die Spannungen innerhalb der Familie, die so unregelmäßig wie der Ätna und mindestens mit dessen eruptiver Gewalt ausbrachen, auszugleichen.
»Wisst ihr noch das Gesicht von Michael, als ihm die nonna zum ersten Mal baccalà zubereiten wollte?« Pablo sah mich erwartungsvoll an.
»È vero«, fing ich an, »das war bei meinem ersten Besuch in eurer Familie. Also habe ich natürlich nichts gesagt, aber ihr müsst wissen, Stockfisch, wie baccalà bei uns heißt, war das verhasste Freitagsgericht meiner Kindheit. Ich erwartete dieselben faden Fischbrocken, die bei jedem Bissen trocken am Gaumenboden pappen bleiben, alles voller Gräten, dazu Reis und wässrige Sauce mit zusammengerollten Tomatenhäutchen. Doch dir, cara Grazia, gelang mit deiner baccalà alla vicentina geradezu ein Triumph der Kochkunst!«
»Brava, nonna!«, rief Pablo und sprang auf. Ich hob mein Glas und prostete meiner Schwiegermutter zu, die sichtlich geschmeichelt war.
»Bei uns in Deutschland hat vor vierzig Jahren noch keine Hausfrau mit Olivenöl, Knoblauch, Sardellen, Weißwein oder Parmesan gekocht«, fügte ich noch hinzu.
»Der allerschlimmste Fisch wurde mir aber in England vorgesetzt. Er schwamm in lauwarmer Milch, che schifo!«, schrie Tamara, die mit achtzehn ein halbes Jahr bei einer Familie in Brighton verbracht hatte.
Alle redeten durcheinander. In der ersten Zeit mit Adriana hatte ich in diesem lustvollen Redewettstreit nicht mithalten können. Ich wurde schnell unterbrochen, und alle Gesichter wandten sich dem lebhafteren Sprecher zu. Allmählich hatte ich dann begriffen, dass es an so einer Tafel nicht um Gedankenaustausch ging, erst recht nicht ums Zuhören, sondern einzig und allein ums Selbersprechen. Wer langsam, leise und mit sparsamen Bewegungen redet, geht gnadenlos unter. Also hatte ich so lange Italienisch gebüffelt, bis ich mich einigermaßen behaupten konnte.
Tobia fing an zu quengeln. Ich stand auf, denn Adriana war gerade mächtig in Fahrt. Sie erzählte von der Bayerischen Creme in München damals: »Nichts als Gelatine und Unmengen von Schlagsahne mit Zucker! Ma poveretti! Sie glauben wirklich, dass sie da etwas ganz Besonderes hervorgebracht haben!«
Wie auf Stichwort öffnete Marco den Kühlschrank und zog eine große Schüssel Tiramisu heraus. Adrianas Bruder war ein Mann der Tat, er machte nie viel Aufhebens um sich, sprach wenig und hätte mit seinen kurzen blonden Haaren glatt aus Hamburg kommen können. Inzwischen verteilte Pablo die kleinen Gläser auf dem Tisch und entkorkte eine Flasche Vinsanto. »Auf unsere Jüngsten, auf Francesca und Tobia, cincin!«

 

A Monaco

 

Seit zwei Wochen fährt Michael wieder in sein wohl organisiertes Büro, während ich zu Hause mein fruttino und mich selbst pflege. Meine Operationswunde am Bauch tut noch weh, manche Bewegungen sind fürchterlich. Vor allem das Aufstehen am Morgen. Bis die Füße am Boden sind und der Oberkörper aufgerichtet! Oder wenn ich lachen muss, da meine ich, es zerreißt mich. Dass sich schon die vornehmen Frauen im alten Rom freiwillig einem cesareo unterzogen, weil sie sich zu fein dafür waren, ihre Kinder auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen, halte ich für ein Ammenmärchen. Eine Notoperation war das, um in aussichtslosen Fällen wenigstens das Kind zu retten!
Eine Notoperation ist es in meinen Augen noch heute, nur dass die Mütter auch überleben. Ich werde jedenfalls noch eine Weile brauchen, bis ich mich davon erholt habe. Allein deshalb bin ich froh um die maternità, eine Auszeit für mich und das Kind, die in Deutschland so hübsch »Mutterschutz« heißt. Tobia wächst rapide. Und er wird immer wacher. Er lächelt mich jetzt an und fixiert mich, wenn ich in seine Nähe komme. Und was mich fast überwältigt: Wenn er seine winzigen Finger ausstreckt, um mein Gesicht zu berühren. Vor ein paar Tagen habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass er Laute ausstößt, mit denen er seine Stimme ausprobieren oder Sprache imitieren will. Fast jeden Tag gibt es etwas anderes, was er zum ersten Mal kann.
Lange halte ich es nicht aus, allein mit dem Kind zu Hause zu sitzen, in unserer Münchner Wohnung, deren Wohnzimmer zwar über zwei Etagen reicht, die aber für eine Familie ganz und gar ungeeignet ist. Vierter Stock ohne Fahrstuhl! Die Küche winzig, kein Kinderzimmer. Unsere Vorgänger sind hier ausgezogen, weil sie Nachwuchs erwarteten. Auch wir schauen an den Wochenenden Immobilienanzeigen durch, obwohl wir uns nach wie vor nicht im Klaren darüber sind, wo wir in Zukunft unseren Lebensmittelpunkt haben werden. Ab November jedenfalls erst mal in Triest, dann muss ich an die Uni zurück. Wenn ich an mein Seminar denke, wird mir ganz anders, denn ich finde kaum Zeit, mich darauf vorzubereiten. Glücklicherweise gerate ich nicht leicht in Panik, ich werde schon einen Weg finden, und jetzt muss ich raus an die frische Luft und unter Leute.
Dass ich seit Neuestem mit dem Kinderwagen über die spätsommerlichen Straßen der Maxvorstadt flaniere, lässt mich die Stadt mit neuen Augen sehen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir früher so viele Kinderwagen entgegengekommen sind. Erfreulich, dass der allgegenwärtige Kindersegen auch unsere Familie und Freunde erfasst hat: meine Schwester, Michaels Bruder, meine beiden besten Freundinnen. Tobia wird es nicht an Gesellschaft gleichaltriger Kinder fehlen.

Über Adriana Falcieri

Biografie

Michael Weirether, geboren 1955 in Karlsruhe, arbeitete als Physiker bei verschiedenen Forschungsorganisationen im Großraum München. Seine Frau Adriana Falcieri wuchs im Trentino auf und studierte Philosophie in Rom. Nach Triest folgte sie 2010 einem Ruf an die Universität Mailand. Gemeinsam haben...

Michael Weirether

Über Michael Weirether

Biografie

Michael Weirether, geboren 1955 in Karlsruhe, arbeitete als Physiker bei verschiedenen Forschungsorganisationen im Großraum München. Seine Frau Adriana Falcieri wuchs im Trentino auf und studierte Philosophie in Rom. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit an der Universität Triest folgte sie 2010 einem...

Pressestimmen

Ostthüringer Zeitung

»… unterhaltsam, kurzweilig, und zweisprachig. (…) …mitten aus dem Leben gegriffen, spielt das Buch mit nationalen Klischees, beobachtet aber auch genau die sozialen und politischen Verhältnisse in Deutschland und Italien. Dabei gibt es so manche Weisheit über den zwischenmenschlichen interkulturellen Austausch preis. Die gute Mischung aus Unterhaltung, Lebensbeobachtung und Bella Italia macht diesen Roman zum perfekten Lektüre- Erlebnis für zwischendurch.«

Inhaltsangabe

Inhalt

Im Dreieck über die Alpen

A Monaco

Auf Erziehung in Triest

La prima ragazza

Fauxpas

Un altro bambino

Endlich eine Dauerlösung!

La signorina ungherese

Vorsicht, Linksverkehr!

Il cammello

Chaos

L’ucraina

Das leidige Telefon

Una farfalla

Die letzte Besatzung

Epilog

Zu guter Letzt

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