Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch
Philadelphia Underground

Philadelphia Underground

Augustus Rose
Folgen
Nicht mehr folgen

Roman

Hardcover
€ 22,00
€ 22,00 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Philadelphia Underground — Inhalt

„Ein Wahnsinnsdebüt, von der ersten bis zur letzten Seite.“ Colson Whitehead

Lee Cuddy ist auf der Flucht. Hat ihre beste Freundin Edie ihr wirklich das Koks untergeschoben und sie so in den Jugendknast gebracht? Jetzt ist Edie verschwunden, und dahinter scheint die obskure Société Anonyme zu stecken. In ganz Philadelphia entführt sie Jugendliche, die später wieder auftauchen – mit leblosem Blick, die Augen wie Quallen. Und auf Lee hat sie es besonders abgesehen. Die Siebzehnjährige versteckt sich auf einem Schrottplatz, bis sie Tomi kennenlernt und sich zum ersten Mal geborgen fühlt. Aber gehört Tomi am Ende auch zur Société Anonyme?
Philadelphia Underground ist ein literarischer Thriller „wie von einem anderen Stern“ (BBC) – vielschichtig, unverfroren und so wild, dass man ihn nicht mehr aus der Hand legen will.

„Versuchen Sie gar nicht erst, dieses Buch aus der Hand zu legen.“ Harper's Bazaar

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 03.08.2020
Übersetzt von: Werner Löcher-Lawrence
464 Seiten, Hardcover
EAN 978-3-492-05797-4
Download Cover

Leseprobe zu „Philadelphia Underground“

Prolog

Zum DePaul-Aquarium und Naturkundemuseum auf Petty Island mitten im Delaware River kannst du von New Jersey aus über eine Brücke fahren, doch dann landest du bei einem CITGO-Wachmann und musst ihn überreden, dich durchzulassen (viel Glück dabei!). Sonst kannst du nur wieder umdrehen. Da ist es besser, dir gleich ein kleines Boot von einem der alten Anleger auf der Philly-Seite auszuleihen und den knappen Kilometer über den Fluss zu rudern. Bist du erst mal auf der Insel, meidest du am besten das große Ladegelände, das tagsüber voller [...]

weiterlesen

Prolog

Zum DePaul-Aquarium und Naturkundemuseum auf Petty Island mitten im Delaware River kannst du von New Jersey aus über eine Brücke fahren, doch dann landest du bei einem CITGO-Wachmann und musst ihn überreden, dich durchzulassen (viel Glück dabei!). Sonst kannst du nur wieder umdrehen. Da ist es besser, dir gleich ein kleines Boot von einem der alten Anleger auf der Philly-Seite auszuleihen und den knappen Kilometer über den Fluss zu rudern. Bist du erst mal auf der Insel, meidest du am besten das große Ladegelände, das tagsüber voller Hafenarbeiter ist und nachts von einem Sicherheitsdienst bewacht wird. Geh stattdessen durch das Feuchtgebiet am Südende der Insel. Das Aquarium steht fast allein inmitten einer Ansammlung zuplanierter Fundamente, es ist eines von zwei Relikten des in den Sechzigern aufgegebenen Versuchs, die Insel in so etwas wie eine Touristenattraktion zu verwandeln. Das andere ist der Blizzard, eine dahinrostende Achterbahn, deren mächtige vorzeitliche Silhouette vorm Nachthimmel aufragt.

Das Aquarium, ein lang gezogenes, einstöckiges Gebäude, kauert unbewacht in seinem Schatten. Dort hineinzukommen ist nicht weiter kompliziert. Das Tor vorn und die Eingangstüren sind mit massiven Ketten verschlossen, aber es ist nicht schwer, auf der Ostseite über die Mauer zu klettern und hinten zu einem Ladedock zu gelangen, dessen metallenes Tor irgendwer hochgebogen hat. Bist du da erst mal durch, kannst du problemlos mit der Taschenlampe herumleuchten und den Lichtkegel über die Reihen leerer Bassins schweifen lassen, einige davon noch mit knochenweiß gebleichten Korallen und falschen Riffen. Du kannst in die Alligatorengrube klettern, in Höhlen und über Felsen mit der Patina alter, getrockneter Algen kriechen. An der Decke der Eingangshalle hängt eine Reihe lebensgroßer Gipshaie mit rissigen, angeschlagenen Flossen, die sonst aber noch komplett sind. Die Fossilien aus dem Saal des Paläozoikums sind verschwunden, da steht nur noch ein Ozean-Diorama mit verblichenen Plastikmodellen aus dem Kambrium, orangefarbenen Trilobiten, grünen Nautilussen, Meeresschnecken, Tang und Seeanemonen – einer starren, surrealen Arena voller Unterwasserpflanzen und fieberhaft erdachter urzeitlicher Vielzeller.

Lee hat in diesem Raum Stunden zugebracht und sich bei jedem ihrer Besuche in diesem Diorama verloren. So muss es sein zu tauchen, stellt sie sich vor, allein in einer fremden Meereslandschaft. Tomi, das andere Mitglied der Philadelphia Urbex Society (kurz für: Urban Expedition, Mitgliederzahl: zwei), ist heute Abend nicht mit dabei, weil Lee ihn und sein endloses Gerede, sein Umsichwerfen mit den Namen obskurer Kunstbewegungen (Fluxus und Lettrismus, Paraphysik und Situationistische Psychogeografie), weil sie ihn und seinen unersättlichen Durst nach ihrer Aufmerksamkeit heute mal nicht ertragen kann.

Urbane Erkundungen sind keine ganz ungefährliche Freizeitbeschäftigung, besonders nicht für eine einzelne und dazu noch so zarte und „elfenhafte“ Frau, wie Tomi Lee einmal (nur einmal) genannt hat. Aber Lee fühlt sich hier sicherer als an anderen Orten. Allein schon seine Abgelegenheit macht das Aquarium für illegale Bewohner uninteressant, wie das Fehlen von Graffiti und jeder anderen Form von Vandalismus schlagend belegt. Lee hält es für möglich, dass einer der Petty-Island-Wachmänner herkommen könnte, doch das ist unwahrscheinlich: Das Aquarium gehört nicht der CITGO (das gesamte Feuchtgebiet der Insel ist Objekt heftiger Auseinandersetzungen zwischen Umweltschützern und örtlichen Unternehmern), und Sicherheitsleute sind von Natur aus desinteressiert und faul.

Lee sitzt auf einem alten, hölzernen Bürostuhl, den sie vom Kassentisch hergeholt hat, hält den Streifen des Schwangerschaftstests in der Hand und starrt auf die kleine, verblichene Meereslandschaft aus Plastik. Sie denkt über das winzige Ding nach, das da in ihr heranwächst. Lee weiß, wer der Vater ist – hat aber bestimmt nicht die Absicht, es ihm zu sagen. Dieses Ding bewohnt eine unterirdische Höhle ihres Körpers, schwimmt in amniotischer Stille und wartet nur darauf, hervorzubrechen und Lees Leben zu verwüsten. All ihre Hoffnungen und Pläne – ein Leben, über das nur sie bestimmt, selbst die Chance auf einen Platz am College – sind vernichtet, noch bevor dieses Wesen seinen ersten Atemzug tun kann. Es sei denn, sie vernichtet es vorher. Das ist die wahre Frage, die sich ihr jetzt stellt und das Diorama vor ihr besetzt, irgendwo zwischen Wiwaxia und Hallucigenia.

Das Ding ist sechsunddreißig Tage alt, sie kennt den genauen Moment seiner Empfängnis, und so hat sie nicht mehr viel Zeit, um zu entscheiden, was sie tun soll. Lee starrt noch eine Weile in das gläserne Becken, ohne etwas zu sehen, bis ein einzelnes Objekt hinter dem kunstvoll gestalteten prähistorischen Seetang ihre Aufmerksamkeit erregt: ein aufgerolltes Stück Papier, das sich nur als winzige Schriftrolle beschreiben lässt, zusammengebunden mit etwas, das wie ein menschliches Haar aussieht, gehalten von den grünen Plastiktentakeln einer kambrischen Seeanemone. Lee bricht eine der beiden Hauptregeln der Urbex Society („Nimm nichts, lass nichts zurück“), greift von hinten ins Becken und holt die Rolle heraus. Das Haar, lang und schwarz, reißt, als sie daran zieht, und so entrollt sich das Papier in ihrer Hand. Lee streicht es auf dem Glasdeckel des Beckens glatt, betrachtet es und versucht zu verstehen, was es zu bedeuten hat. Weil sie, als ihr Blick auf das Foto fällt, sofort begreift, dass es für sie hier deponiert wurde. Was bedeutet, dass der Stationsvorsteher sie gefunden hat.

Sie hat das Foto schon einmal gesehen, über dem Schreibtisch in seinem Zimmer, und Lee studiert die Frau, die darauf abgelichtet ist. Das Foto ist sehr alt, im brüchigen Papier zeichnen sich ein, zwei Risse ab. Sie nimmt es mit auf die Toilette und hält es neben ihr Gesicht, stellt sich vor den gesprungenen Spiegel und richtet die Taschenlampe darauf. Es kommt ihr vor, als blicke sie in der Zeit zurück und einer anderen Ausgabe ihrer selbst in die Augen, in ein Gesicht, das sich im Echo der Jahrzehnte nur leicht verändert hat. Sie und die Frau auf dem Foto sehen fast identisch aus. Lee dreht das Bild um. In der oberen Ecke steht mit Bleistift in flüssiger Schreibschrift: „A. T., Juli 1911.“ Darunter befindet sich das vertraute Kryptogramm, dessen Bedeutung nach fast einem Jahrhundert immer noch nicht entschlüsselt ist, und unter dem Kryptogramm ist in der krakeligen Handschrift des Stationsvorstehers zu lesen: „Gib zurück, was du genommen hast.“


Buch I - Staub aufwirbeln

Eins

Lee war gerade sechs, als sie das erste Mal etwas klaute. Ihre Mutter hatte sie auf einer Geburtstagsfeier geparkt, wo sie mit Kindern spielen sollte, die sie kaum kannte, geschweige denn mochte, und beim Versteckenspielen verkroch sie sich im elterlichen Kleiderschrank des Geburtstagskinds. Lee war winzig, sagte meist nichts und war ohnehin so gut wie unsichtbar. Sich zu verstecken fiel ihr also leicht, und das Spiel bot eine gute Gelegenheit, für sich zu sein. Sie blieb sehr lange in diesem Schrank, auch noch, als die anderen Kinder längst neue Spiele spielten, und entdeckte eine mit verblichenem grünem Samt beklebte und einem alten Bindfaden zugebundene Schachtel. Etwas klackerte darin. Eigentlich wollte Lee sie gar nicht aufmachen, doch dann verfing sich ihr Finger in der Schleife, und der Bindfaden löste sich wie von selbst.

In der Schachtel war ein Stapel vergilbter Briefe, die ebenfalls von einem Bindfaden zusammengehalten wurden, ein bemaltes eisernes Spielzeugdampfschiff, eine alte hölzerne Pfeife und das, was geklackert hatte: ein Glasfläschchen mit etwas drin. Lee hockte im Schrank, lauschte dem Schreien der anderen Kinder, hielt das Fläschchen ins gedämpfte Licht, das durch die Lamellen fiel, und versuchte zu erraten, was darin war. Als sie ihre Mutter ihren Namen rufen hörte, geriet sie in Panik, stopfte sich die kleine Flasche in die Tasche und schob die Schachtel zurück unter den Stapel Pullover, unter dem sie verborgen gewesen war. Sie folgte ihrer Mutter durchs Haus hinaus zum Auto und stellte fest, dass es bereits spät, längst dunkel war und die Eltern der anderen Kinder schon wieder weg waren. Ihre Mutter hielt ihr die hintere Tür auf, Lee kletterte auf den Rücksitz, und ihr Vater drehte sich um, lächelte sie an, wie er es tat, wenn er sich einen Fehltritt geleistet hatte, und gab ihr einen angebissenen Riegel Schokolade. „War es schön, Schatz?“, fragte er, aber Lees Antwort ging in dem Lärm unter, mit dem ihre Mutter die Tür zuschlug. Auf der Fahrt nach Hause sagte keiner etwas. Später baute sich Lee unter ihrer Decke ein Zelt, holte das Fläschchen hervor und untersuchte es im Schein ihrer Taschenlampe. Es war aus blauem, angelaufenem Glas gefertigt. Lee hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie etwas genommen hatte, das ihr nicht gehörte, doch als sie es schüttelte, fuhr ihr ein genussvoller Schauer über den Rücken. Sie musste das Fläschchen direkt ins Licht halten, um den winzigen silbernen Würfel darin zu erkennen.

 

Wenn Lee aus der Schule kam, war ihre Mutter bei der Arbeit, ihr Vater aber normalerweise zu Hause. Manchmal kniete er in der Einfahrt und bastelte an seinem alten Dodge Dart herum. Die Haube stand offen, und er ließ sie auf dem Kotflügel sitzen, die Beine im Motorraum, gab ihr den Vergaser oder den Verteiler und erklärte ihr, wozu all die Teile da waren. Wenn der Motor lief, machte er manchmal eine Spritztour mit ihr und ließ sie auf geraden, unbefahrenen Nebenstraßen sogar auf seinem Schoß sitzen und lenken.

Oder sie kam heim, und das Haus war voll mit seinen Freunden, Leuten aus der örtlichen Musikszene, und gelegentlich war ein mehr oder minder berühmter Bassist oder Schlagzeuger aus dieser oder jener Band dabei, die in der Stadt Station machte, wobei Lee zu jung war, um sie zu kennen. Ihr Vater arbeitete unregelmäßig, inspizierte und reparierte Röntgenapparate in Krankenhäusern, war in Wirklichkeit aber Singer-Songwriter und Musiker. Im Jahr vor Lees Geburt hatte er bei einem Indie-Label ein eigenes Album herausgebracht, und so wurde er manchmal während des Auftritts einer Band für einen Song mit auf die Bühne geholt, verdiente aber nie wirklich etwas damit. Seine Freunde sagten alle, er hätte ein zweiter Elliott Smith sein können, wenn nur sein Leben einen etwas anderen Verlauf genommen hätte.

Lees Vater hatte ein entwaffnendes Lächeln, mit dem er die Stimmung in jedem Raum löste, den er betrat. Wie von einer unterschwelligen, natürlichen Kraft fühlten sich die Leute zu ihm hingezogen. Lee liebte es, nach Hause zu kommen, wenn das Wohnzimmer voll war, sich unbemerkt in eine Ecke zu setzen und den Geschichten zu lauschen. Besonders ihren Vater beobachtete sie gern, wie er auf seinem gewohnten Platz am Ende des Sofas saß und auf seine Socken starrte, während jemand eine Geschichte von Verlust oder Erfolg erzählte. Und sie liebte es zu sehen, wie andere ihn ansahen, wenn er schließlich den Blick hob, ein Lächeln um die Mundwinkel, und sein trockener Kommentar, den Lee nur selten verstand, alle anderen im Raum zum Lachen brachte.

Wie durch ein unausgesprochenes Einverständnis verabschiedeten sich die Besucher immer eine gute halbe Stunde, bevor Lees Mutter, die Krankenschwester war, zurück nach Hause kam. Bis dahin hatte ihr Vater (mit Lees Hilfe) die herumstehenden Gläser eingesammelt, gespült und weggeräumt und sich an so etwas wie ein Abendessen gemacht. Einmal hatten sie ein paar Gläser übersehen, die jemand in einen Übertopf gestellt hatte, und Lees Mom nahm ihre Tochter beiseite und fragte, ob jemand zu Besuch gewesen sei. Da sie keinen Grund sah zu lügen, sagte Lee, ja, ein paar von Dads Freunden seien da gewesen.

„Was haben sie gemacht?“

„Einfach nur dagesessen, Grapefruitsaft getrunken und geredet.“

Lee konnte zuschauen, wie sich die Kiefermuskeln ihrer Mom verspannten, die daraufhin die beiden Gläser nahm und sie auf die Ablage über der Spülmaschine stellte. Sie begriff, dass ihr Vater sie dort finden sollte, als einfaches, klares Zeichen, dass ihre Mom Bescheid wusste.

Abends stritten sie. Lee konnte es aus ihrem Zimmer hören, und sie verstand nicht, was so schlimm daran sein konnte, mit seinen Freunden ein Glas Saft zu trinken, und warum ihre Mutter immer so angespannt und wütend war. Am Morgen darauf war ihr Vater nicht da. Er blieb ein paar Tage weg, aber das kam ständig vor, und Lee war es gewohnt.

 

Lee war sieben, als ihr Vater endgültig verschwand, ohne ein Wort. An jenem Tag kam sie aus der Schule, und das Haus fühlte sich anders an. Lee sah sich um, fand aber keinen Grund, bis sie ins Schlafzimmer ihrer Eltern ging und feststellte, dass die Sachen ihres Vaters weg waren. Seine Schubladen waren leer, der Schrank und auch, was oben auf der Kommode gestanden hatte, nicht mehr da. Im Bad war es das Gleiche.

Alles mitgenommen hatte er bisher noch nie, aber dennoch erwartete Lee, dass er in ein paar Tagen zurückkäme. Fünf Tage vergingen, dann eine Woche, und sie fragte ihre Mom, die unbewegt auf sie heruntersah. „Vielleicht kommt er morgen zurück, vielleicht auch nie. Ich kann es dir nicht sagen. Du gewöhnst dich besser daran.“

„Wohin ist er diesmal?“

„Ich wünschte, ich wüsste es.“

Ihre Mom sagte nichts mehr dazu. Tage, Wochen und Monate verstrichen, und irgendwann schien es klar, dass ihr Vater tatsächlich nicht wieder zurückkam, ja nicht mal einen Brief schickte. Lee sah, wie ihre Mutter innerlich zerbrach, Stück für Stück, und manchmal konnte sie hören, wie sie abends hinter der Tür ihres Schlafzimmers weinte, dann irgendwann still wurde – wie innerlich ausgehöhlt kam ihre Mutter ihr jetzt vor. Hin und wieder, wenn sie aus der Schule heimkehrte und ihre Mutter noch bei der Arbeit war, hörte sich Lee die CD ihres Vaters an, seine kratzige, sehnsüchtige Stimme. Es war gleichzeitig traurig und lustig, und Lee mochte das Gefühl, das sie erfüllte, wenn sie die Musik hörte. Eines Tages jedoch kam sie nach Hause, und die CD war nicht mehr da.

 

Mit acht Jahren stahl Lee einen schimmernden schwarzen Pinsel aus der Schublade von Mrs Choi, ihrer hübschen Englischlehrerin, die ihr Haar immer zu einem Knoten gebunden trug. Mit neun klaute sie Dinge aus den Rucksäcken ihrer Schulkameraden: Federmäppchen, Armbänder mit kleinen Anhängern und Aufkleberalben. Mit zehn versuchte sie, etwas von jedem Kind in ihrer Klasse zu stehlen: Stifte, Handschuhe, bunte Trinkflaschen, nie etwas wirklich Wertvolles. Sie bewahrte ihre Beute in einem Karton in ihrem Schrank auf, und manchmal breitete sie alles auf dem Boden ihres Zimmers aus. Sonst machte sie nichts damit. Lee betrachtete keines der Kinder als Freund oder Freundin. Es war aber auch nicht so, dass die anderen sie ärgerten, ausgrenzten oder für komisch hielten. Sie schienen sie einfach nicht wahrzunehmen, und nur, wenn Lee ihre Sachen in der Hand hielt, konnte sie sich so etwas wie Nähe vorstellen.

Ihre Mom wurde zu einer Art umgekehrtem Palimpsest. Sie löschte sich Schicht für Schicht aus, bis kaum noch ein matter Umriss blieb. Die Frau, die Lee kannte, tauchte nur hin und wieder noch einmal auf, zum Beispiel, um den Geburtstag ihrer Tochter zu feiern, oder Weihnachten, und sie sorgte dafür, dass die Rechnungen bezahlt wurden und etwas zu essen auf den Tisch kam. Sonst aber war sie abwesend. Lee hasste sie dafür, dass sie sich so in sich zurückzog und sie allein ließ. Wegen der Arbeit im Krankenhaus sah Lee ihre Mom sowieso nicht so oft, und wenn sie dann da war, hatte sie fast das Gefühl, durch sie hindurchschauen zu können.

Lee war zwölf, als ihre Mom sagte, sie bringe einen Freund zum Essen mit. Lee wusste nicht, was sie davon halten sollte. Steve war das Gegenteil ihres Vaters. Er trug einen weißen Leinenkittel, eine frische weiße Leinenhose und weiße Stoffslipper. Um seinen Hals hing ein Lederriemen mit einem hellen Kristall, sein Händedruck war weich, und als er sah, wie Lee das halbe Dutzend bunter geflochtener Lederriemen um sein Handgelenk betrachtete, nahm er einen und schenkte ihn ihr. Lee bedankte sich mit einem Lächeln und steckte ihn in die Tasche. Beim Essen fragte er sie ein paar belanglose Dinge über die Schule und strich sich nach jedem Bissen mit den Fingern über die Mundwinkel.

Er kam immer öfter, und manchmal blieb er über Nacht. Steve sagte nicht viel und wenn, war es meist ein an Lees Mom gerichtetes Flüstern. Er zog so verstohlen ein, dass Lee es erst merkte, als sie die kleine Meditationsinsel entdeckte, die er in einer Ecke des Wohnzimmers eingerichtet hatte, mit einem Kissen auf dem Boden, einem Mandala an der Wand und einer kleinen Schüssel mit Räucherstäbchen. Wenn Lee nach Hause kam, roch es oft nach diesen Stäbchen, und Steve saß vor der Wand und hielt ihr den Rücken zugekehrt. Einmal sagte er, sie solle sich zu ihm setzen, und sie tat es, ohne jedoch zu begreifen, was er von ihr wollte. Wie konnte sie ihr Denken entleeren, wenn es sich ständig von selbst wieder auffüllte?

 

Mit dreizehn stopfte Lee in einem Laden ein tolles Misfits-T-Shirt in ihren Rucksack, weil sie gesehen hatte, wie ein Mädchen es bewunderte. Sie trug es in der Schule, und ein Junge murmelte im Vorbeigehen: „Cooles T-Shirt“, was ihr die Ohren klingeln ließ. Am nächsten Tag schob sie dem Jungen in der Cafeteria das zusammengefaltete T-Shirt unter die Nase. Die Geste kostete sie auch noch das letzte bisschen Mut, das sie aufzubringen vermochte, und ihr war ganz schwindelig, als sie weiterging. Der Junge sagte nie wieder ein Wort zu ihr, aber am nächsten Tag gab ihr ein anderer Junge einen Zehner, damit sie ihm auch eins besorgte, und so kam sie ins Geschäft.

Bald schon nahm sie regelmäßig Aufträge von Schulkameraden entgegen, für alles von Jeans über Schmuck bis hin zu CDs. Sie zog durch die Boutiquen und Kaufhäuser an der Walnut Street im Zentrum von Philly, kaufte wenig, klaute viel und verkaufte die Sachen für ein Drittel des Preises. Das Geld – Münzen und zusammengefaltete Scheine – stopfte sie in ein Loch im alten Gitarrenkasten ihres Vaters. Lees Geschmack war einfach, Jeans, Kapuzenpullis und Chucks, und so hatte sie kaum etwas, wofür sie das Geld ausgeben konnte. Doch darum ging es nicht. Zu stehlen befriedigte einen nicht zu lokalisierenden, kribbelnden Drang in ihr.

Mit vierzehn stahl sie einen Stapel leerer Geburtsurkunden von der Station, auf der ihre Mutter arbeitete, dazu einen Stempel mit dem Siegel des Krankenhauses. Sie breitete die Blätter oben auf dem Dach ihres Hauses aus, ließ sie mehrere Tage in der Sonne liegen und bearbeitete sie mit Kaffeemehl, bis sie aussahen, als hätten sie zwanzig Jahre irgendwo in einer Schublade gelegen. Dann verkaufte sie die Urkunden, damit sich die Leute falsche Ausweise und Führerscheine besorgen konnten, und gewann so die Aufmerksamkeit von Edie Oswald. Edie war blass und athletisch, groß, ohne schlaksig zu wirken, und hatte ein Gesicht, das aussah, als hätte es irgendein Renaissance-Genie aus Marmor geformt. Sie bewegte sich mit der Leichtigkeit und Unbekümmertheit eines privilegierten Mädchens und war die Einzige in der Schule, die sich heute als Sechziger-Gesellschaftszicke und morgen als Achtziger-Punk anziehen konnte und damit durchkam.

„Kann ich ’ne Kippe von dir schnorren?“, fragte Edie.

Lee stand hinter der Turnhalle an die Mauer gelehnt, ein Ort, an den sich sonst nie einer verirrte, die Reste eines Sandwichs auf der Erde vor sich. Sie fischte eine Zigarette aus ihrem Päckchen, gab sie Edie und steckte sich auch eine an.

„Ich hab dich überall in der Schule gesucht. Ich dachte schon, du hättest dich auch in Luft aufgelöst.“

Während der letzten paar Monate waren in Philadelphia sieben Teenager spurlos verschwunden, davon zwei aus ihrer Schule. Einer tauchte ein paar Wochen später wieder auf, ein fünfzehnjähriger Junge aus einer Pflegefamilie in einem Vorort. Ganz da war er allerdings nicht mehr. Seine Augen wirkten aufgequollen und leer, und es war fast so, als hätte man ihm sein Bewusstsein geraubt. Er war nicht mehr imstande zu kommunizieren, reagierte nur noch auf einfache Befehle. Lee kannte keinen von den Verschwundenen, Edie aber schon, das wusste sie. Eine von ihnen war in ihrer Clique gewesen.

„Das ist hier also deine Ecke, hm?“ Edies Blick schweifte über das verdreckte Stück Gras, den Abfall und die Zigarettenstummel, als wäre es Lees Wohnzimmer. Die Aufregung darüber, dass Edie sie so ansprach, ließ Lee stumm bleiben. Von Edie Oswald bemerkt zu werden war so, als existierte man plötzlich.

Edie deutete auf die Wand voller Graffiti, darunter ein Strichmännchen mit einem in den Mund gerammten Schwanz, der hinten aus dem Kopf wieder herauskam. „Ist das von dir?“

Lee nutzte die Gelegenheit, Edie in ihre ungerührten grünen Augen zu sehen. Das Mädchen hatte einen zottigen schwarzen Bob und zog ständig einen Mundwinkel hoch, als stünde sie kurz davor loszulachen. Lee wusste, dass sie eine clevere Antwort geben sollte, doch der Moment dafür war längst verstrichen, und langsam wurde es peinlich.

Sie starrten auf das Footballfeld hinaus. Lee sah, wie ein Junge einem weiten Pass hinterherlief und die Arme reckte, doch der Ball rutschte ihm durch die Hände. Edie gehörte nicht zu den Mädchen, die sich um Freundinnen bemühen mussten, und Lee wusste, worauf die Sache hinauslief: Innerhalb der nächsten Minute oder so würde Edie sie um etwas bitten. Sie begann in ihrem Kopf zu zählen: eins, zwei, drei, vier, fünf …

„Ich hab gehört, dass du an Sachen kommst“, sagte Edie.

Fünf. Edie kam gleich auf den Punkt, das musste Lee ihr lassen. Sie sah auf ihre Zigarette.

„Wie läuft die Geschichte?“ Edie schnipste ihre Zigarette weg. „Nimmst du Bestellungen an, oder was?“

Edie wollte einen grünen Kaschmirpullover mit Seeschneckenknöpfen von Bloomingdale’s. Sie hatte sogar ein Foto, und Lee spürte die Erregung, als Edie es ihr simste und sie damit ihre Telefonnummer bekam. Edie hatte wahrscheinlich Hunderte von Nummern auf ihrem Handy, Lee nicht. Bei Lee waren es jetzt zwölf.

Womit Lee nicht rechnete, war, dass Edie sie ein paar Tage später, als sie die Ware geliefert hatte, nach der Schule zu sich nach Hause einlud. Am Ende bedienten sie sich an den Schnapsflaschen ihrer Eltern und redeten über Leute in der Schule, die Lee bisher nur von Weitem kannte. Edie fragte Lee Dinge, die sie noch nie einer gefragt hatte – was sie nach der Highschool machen wolle, an welchen Ort auf der Welt sie am liebsten einmal fahren würde und was für ein Mann ihr Vater sei. Lee wurde bewusst, dass sie keine Antwort auf diese einfachen Fragen hatte. Sie sprach nie über ihren Vater und hatte keinen Schimmer, wo sie anfangen sollte. Also fragte sie Edie nach ihrem, und die blühte auf, als sie von ihm erzählte: was für ein wichtiger Mann er sei und wohin er sie überall mitnehme. Edie wusste auch schon, auf welches College sie am liebsten gehen würde, und als sie Lee danach fragte, war es so, als sollte die sagen, in welchem Profiteam sie am liebsten Basketball spielen würde. Wieder blieb Lee stumm. Edie stupste betrunken mit einem Finger auf das Muttermal über Lees Lippe und schien etwas sagen zu wollen, kicherte dann aber nur.

So musste es sein, dachte Lee, als sie, noch betrunkener von Edies Aufmerksamkeit als vom Schnaps, nach Hause ging – so musste es sein, eine Freundin zu haben.

 

Danach trafen sie sich immer öfter. Edie stellte Lee nur noch gelegentlich Fragen und bestand darauf, sie zu bezahlen, selbst wenn Lee kein Geld von ihr wollte. Lee merkte sich, was Edie gefiel, und stahl immer häufiger etwas, um es ihr zu schenken. Sie konnte nicht anders, ihre Gefühle für Edie waren so unberechenbar wie das Wetter. Da war dieses Prickeln, wenn Edie sie ansah, und manchmal lauerte Lee ihr nach der Schule auf, kreuzte ihren Weg und hoffte, von ihr mitgenommen zu werden. Mit der Freundschaft kam die Aufnahme in Edies Clique, und bald wurde Lee auf Partys und in Clubs eingeladen.

Zum ersten Mal ging Lee jetzt auch auf eine Schulparty. Sie gab Edie die Kombination ihres Spinds, weil er in der Nähe der Sporthalle und damit schnell zu erreichen war, und Edie verstaute vorher ein paar mit Schnaps gefüllte Colaflaschen darin. Betrunken und ermutigt tanzte sogar Lee, hüpfte ungelenk mit den Leuten aus Edies Clique herum, die jetzt auch ihre Clique war, wie Lee sich sagte, und hörte, wie sie lästerten und sich gegenseitig verarschten, wer denn nun wieder mit wem hinter wessen Rücken rummachte und wer wem auf die Zahnbürste gepinkelt hätte. Aber für Lee war das Highlight der Party, mit Edie auf dem Klo hoch oben beim Fenster zu hocken und sich mit ihr einen Joint zu teilen. Wenn sie mit Edie zusammen war, schien Lee für ihre Freundin der einzige Mensch auf der Welt zu sein. Edie konzentrierte sich komplett auf sie, und das mit so ernsthaftem Interesse, dass Lee sich fühlte wie noch nie zuvor.

„Was hältst du von Danny Poole?“, fragte Edie.

Bisher war ihr dieser Junge aus Edies Clique nicht weiter aufgefallen, nur dass sie manchmal das Gefühl hatte, von ihm angestarrt zu werden, er dann aber immer gleich wegsah, sobald sie sich umdrehte. Lee versuchte, ihn mit Edies grün schimmernden Augen zu sehen.

„Er mag dich“, sagte Edie.

„Das hat er dir erzählt?“

„Ich sehe es. Wollt ihr mal mit mir und Deke auf die Piste? Wir vier könnten ziemlich Spaß haben.“

Deke war Edies Freund. Er zog sich wie ein Headbanger an und spielte in einer Heavy-Metal-Band Gitarre, fuhr aber den Infiniti seiner Eltern und trug Vierhundert-Dollar-Stiefel. Lee hatte das Gefühl, auserwählt worden zu sein. „Sicher“, sagte sie. Warum nicht.

„Cool. Dann mach ich das klar.“ Edie griff in ihre Handtasche und holte ein zusammengefaltetes Papiertaschentuch heraus. Sie schlug es auf, und zum Vorschein kamen zwei mit einem Pulver gefüllte Gelkapseln. Edie hielt sie vor sich hin, bis Lee eine nahm, Edie aber den Vortritt ließ und ihre erst nach ihr schluckte.

„Was war das?“

„Olly-olly-oxen-free! Eins-zwei-drei-ich-komme!“, trillerte Edie.

Lee hatte noch nie Ecstasy genommen. „Wie fühlt es sich an?“

„Das wirst du gleich sehen.“ Edie hüpfte von der Fensterbank, und Lee folgte ihr zurück auf die Party.

Lee hatte später keine großen Erinnerungen an dieses erste Mal, weil es sich mit all den anderen Malen vermischte. Was sie noch wusste, war, dass sie sich beim Tanzen wie ein Fluss gefühlt hatte. Sie erinnerte sich an die Empfindung reinen Glücks, und dass die Leute alle eine Art Kraftfeld um sich hatten, zitternde Umrisse, die sie zu berühren versuchte. Vor allem aber erinnerte sie sich, dass sie an diesem Abend mit Edie nach Hause gegangen war, mit ihr in einem Bett geschlafen und Edies Haut auf ihrer gespürt hatte, Edies Finger auf ihrem Rücken, hinauf und hinunter. Edie, die ihr in die Augen sah.

„Warum ich?“, fragte Lee. Die Droge machte alle Fragen plötzlich fragbar. »Du kannst … du kannst mit allen in der Schule abhängen. Deine Freunde, denen wär ich doch total egal, wenn du mich nicht dazugeholt hättest.«

Edies Augen wurden langsam vom Schlaf übermannt, und als sie sie noch mal aufriss, glaubte Lee, ihr Spiegelbild in ihnen zu sehen. „Du willst wissen, was an dir besonders ist.“

Lee fühlte sich dumm, als sie es so ausgesprochen hörte, aber ja, sie nahm an, dass sie genau das wissen wollte.

Edie schwieg einen Moment lang. „Als ich neun war, habe ich ein kleines Vogelbaby gefunden. Es kann nicht älter als eine Woche gewesen sein, aber es hatte schon Federn und tapste wie betrunken über den Bürgersteig. Also hab ich es in meine Jacke gewickelt und mit nach Hause genommen. Ich hab ihm in einem Pappkarton ein Nest gebaut und es mit Körnern, Marienkäfern und Cheerios gefüttert. Es war das Erste, worum ich mich morgens nach dem Aufwachen gekümmert habe, und jeden Tag nach der Schule bin ich gleich wieder zu ihm hin.“

„Denkst du, ich muss gerettet werden?“, fragte Lee.

Edie sah sie mit einer Mischung aus Zuneigung und Mitleid an. „Als ich dich das erste Mal gesehen habe, wollte ich dich auch gleich einpacken und mit nach Hause nehmen. Du bist so hübsch, ein so schönes kleines Vögelchen, und wirkst so verloren, Lee. Jeder, der ein Herz hat, würde dich mitnehmen wollen.“

Lee überlegte, wie sie mit dieser Aussage umgehen sollte. Gerade Edie sollte sie für stark und selbstständig halten. Doch die Droge gab ihr ein so samtiges Gefühl, dass es schwer war, nicht zu lächeln. „Was ist aus dem kleinen Vogel geworden?“, fragte sie.

Aber Edie schlief bereits.

 

Lee war es gewöhnt, unsichtbar zu sein, sie war es schon ihr ganzes Leben lang gewesen, und so war es nicht leicht für sie, mit dem Scheinwerferlicht umzugehen, selbst wenn es nur der diffuse Rand des Lichts war, das sich auf Edie richtete. Die Drogen halfen. Weißes Pulver, blaue und gelbe Pillen, plastikartige rote Sternchen, moosiges lila Kraut mit Kristallen, Dinge, die geschnupft, geraucht oder geschluckt wurden. Stimulanzien und Sedative, Entaktogene und Dissoziativa, Psychotropika und Halluzinogene. Dinge, die sie öffneten oder so tief in sich versinken ließen, dass sie Angst bekam, nie wieder herauszufinden. Meth ließ sie innerlich zucken und zappeln wie ein aufziehbares Spielzeug, Ecstasy vor Liebe triefen, Ketamin dahintreiben. Oxy wickelte sie in eine warme, dampfende Decke. Bald schon tauschte sie ihr Diebesgut gegen Drogen, erst in kleinen, dann in größeren Mengen, die sie an die anderen in ihrer Clique vertickte.

Danny Poole war, wie sich herausstellte, ein netter Kerl, schüchtern, aber aufmerksam. Er spielte Schlagzeug in Dekes Band. Lee begriff, dass er ihre Losgelöstheit für Schüchternheit hielt und eine Verbundenheit sah, wo es keine gab. Sie hatte ihn trotzdem gern um sich, und einige Monate lang gingen sie zusammen ins Kino, betranken sich und schliefen miteinander, unbeholfen zunächst, dann jedoch zunehmend liebevoll.

Lee wusste ernsthaft nicht, was sie davon halten sollte, als er mit einem langen handgeschriebenen Brief Schluss machte, dessen verwischte Stellen, darauf wies er ausdrücklich hin, von seinen Tränen herrührten. Der Brief beschrieb bis in die Einzelheiten, wie gern er sie hatte und dass er sogar glaubte, sie vielleicht zu lieben (wenigstens schien Lee das aus den blau verschmierten Klecksen herauslesen zu können), dass sie sich jedoch einfach zu ähnlich seien: „zu schüchtern und zu still“, sodass er sich mit ihr so einsam fühle, als wäre er allein.

Lee vermochte sich keine größeren Gefühle abzuringen, obwohl sie die Abende vermisste, da sie in seinem Zimmer gesessen und wortlos irgendein Trinkspiel gespielt hatten, bis sie ausreichend alkoholisiert gewesen waren, um sich aufeinanderzutasten.

Das Leben ging auch nach diesem Brief weiter, und Lee blieb das Mädchen, bei dem es Drogen und Gestohlenes gab. Das Geld, das sie verdiente, stopfte sie weiterhin in das Loch des Gitarrenkastens. Bis nichts mehr hineinpasste. Da öffnete sie ihn zum ersten Mal nach all der Zeit. Die zerknitterten, zusammengefalteten, aufgerollten Scheine bildeten auf ihrem Bett einen großen grünen Haufen, in geologischen Schichten türmte er sich auf, zuerst die großen und am Ende die kleineren Scheine von ihren Anfängen. Der Haufen roch erdig, pilzig, und um all das Geld zurück in den Kasten zu bekommen, sortierte sie es, strich die Scheine glatt und bündelte sie, zählte, was sie wieder verstaute, und hatte am Ende das Gefühl, ihre Hände seien mit einer trockenen Schimmelschicht bedeckt. Tatsächlich hatte sie etwas über zwanzigtausend Dollar beisammen, eine Summe, die Lee kaum zu fassen vermochte. In ihr wuchs das Gefühl, dass es ernsthaft möglich sein könnte, aus ihrer Situation herauszukommen: dass sich womöglich etwas aus ihrem Leben machen ließ. Vielleicht konnte sie sogar aufs College gehen, worüber sie und ihre Mutter nie gesprochen hatten.

 

Mit sechzehn wurde Lee bei einem Diebstahl erwischt, von einem verdeckt arbeitenden Wachmann bei Nordstrom. Sie hatte den Mann gesehen, aber für ahnungslos gehalten. Er hielt sie beim Arm gepackt, als er sie durch den Laden führte, den Beweis – eine verkrumpelte blaugrüne Kaschmirjacke – locker über der Schulter. Sie spürte die Blicke der Kunden auf sich wie nie zuvor und glühte vor Scham.

Der Wachmann rief ihre Mutter an und zog die Polizei hinzu, und auch wenn man keine Anklage erhob, machte die Polizei ihr doch klar, dass sie damit registriert sei und ein zweites Vergehen zu ernsthaften Konsequenzen führen werde. Lee versicherte hoch und heilig, noch nie etwas gestohlen zu haben und es nie wieder zu tun. Ihre Mutter sagte kein Wort zu ihr, erst auf dem Parkplatz, auf dem Weg zum Auto, fragte sie Lee, was zum Teufel sie mit dieser Jacke gewollt habe? Seit wann seien sie Country-Club-Leute?

Nur einen Monat später wurde sie das zweite Mal ertappt, und die Polizei drohte, sie vor Gericht zu bringen und in eine Jugendstrafanstalt zu stecken, um zu sehen, ob sie mit etwas Struktur in ihrem Leben nicht besser zurechtkäme. Ihre Mutter bettelte die Beamten an, ihrer Tochter noch eine Chance zu geben, und erklärte, wie Lees Vater verschwunden war und dass die Jahre seitdem für sie beide nicht einfach gewesen seien.

Lees Mutter war nicht glücklich damit, sämtliche Register ziehen und vor den Beamten des Philadelphia Police Departments so einen Tanz aufführen zu müssen. Auf dem Heimweg machte sie ihrer Tochter klar, wie weit sie sich für sie aus dem Fenster gelehnt hatte, aber Lee hörte bald schon nicht mehr zu und fragte sich, ob ihre Mom wohl irgendetwas von dem, was sie über Lees Vater gesagt hatte, tatsächlich ernst meinte.

 

Lee bekam für den Rest des Halbjahres eine abendliche Sperrstunde aufgebrummt und hielt die Hände still. Sie hörte auf zu stehlen, Drogen zu nehmen und auf Partys zu gehen. Natürlich machte sie sich Sorgen, es sich so mit Edie zu verscherzen, doch das war es nicht, woran ihre Freundschaft am Ende zerbrach.

Die beiden saßen in einem Café in der Stadt und redeten vage über Colleges, als sich ein großer junger Mann in einer alten Militäruniform mit ein paar langweiligen Orden auf der Brust zu ihnen setzte und sie um eine Zigarette bat. Er hatte kurzes schwarzes Haar, stark vogelartige Züge und eindringliche, tief liegende Augen. Die Zigarette steckte er sich hinters Ohr und fing eine Unterhaltung an, hauptsächlich über Musik. Mit zwei Löffeln und einer Serviette vollführte er einen kleinen Puppentanz vor ihnen auf dem Tisch und hielt den Blick dabei die ganze Zeit auf Lee gerichtet. „Du erinnerst mich an jemanden“, erklärte er ihr.

Lee nahm sich auch selbst eine Zigarette, bevor ihr bewusst wurde, dass sie dort im Café nicht rauchen durfte. „Ach ja? An wen?“

„An jemand ganz Besonderen. Wie, sagtest du noch, heißt du?“

„Ich habe gar nichts gesagt.“

„Sie heißt Lee. Lee Cuddy.“

Lee warf Edie einen bösen Blick zu. Edie grinste nur.

„Es ist schön, dich kennenzulernen, Lee.“ Eine seiner Spinnenhände öffnete eine alte Schultertasche aus Stoff und zog einen Stapel bedruckter Karten hervor. Er gab beiden eine. „Warum kommt ihr nicht zu einer kleinen Party, die wir am Freitag geben?“ Er schrieb etwas in ein schmales schwarzes Notizbuch. „Geht zu der Webadresse und tragt unten den Code ein. Dann bekommt ihr Ort und Zeit, um eine meiner Mitarbeiterinnen zu treffen, die euch hinbringt.“ Als er sich zum Gehen wandte, konnte Lee den großen Stern erkennen, der hinten auf seinen Kopf rasiert war. Sie sah zu, wie er draußen auf ein altertümliches Fahrrad stieg und davonfuhr.

„Weißt du, was das ist?“, fragte Edie und starrte ungläubig auf die Karte.

Sie hatte das Format einer Postkarte, darauf ein altes Schwarz-Weiß-Foto, das wie die Luftaufnahme einer frisch ausgegrabenen antiken Stadt aussah. „UM STAUB AUFZUWIRBELN“, stand mit einer alten Schreibmaschine darüber getippt und unten, in derselben Schrift, SOCIÉTÉ ANONYME. Darunter: GILT FÜR EINE PERSON. Außerdem ein Datum, der 3. September, also der kommende Freitag, aber keine Adresse. Nur eine Website, gefolgt von einem sechsstelligen, jeweils unterschiedlichen Code.

„Ist das nicht dein Geburtstag?“, fragte Edie.

Das war es. Lee wurde siebzehn.

„Na, dann mal alles Gute zu deinem verdammten Geburtstag. Das hier ist die Einladung zu einer S. A.-Party.“ Edie sah sich im Café um und schob die Karte schnell in ihre Handtasche, als könnte einer kommen und sie ihr wegnehmen.

„Was ist eine Essay-Party?“

„Hey, die sind legendär, die steigen in einem alten Raketensilo draußen vor der Stadt. Seit Monaten will ich zu so einer hin, aber die sind echt underground. Du kannst nicht einfach eine Karte kaufen, sondern musst warten, bis eine zu dir kommt.“

Lee gab Edie ihre Einladung. „Gib sie jemandem. Du weißt, ich kann nicht.“

„Was redest du da? Der Typ war völlig hin von dir.“

„Ich sitz bei meiner Mom fest.“

„Dann schleich dich raus. Deine Mom muss ja nicht wissen, dass du weg bist.“

Wahrscheinlich würde es gehen, da hatte Edie recht. Aber Lee gefiel es, keine Drogen mehr zu nehmen und keine Nächte mehr durchzutrinken. Sie dachte klarer, und ihre Noten wurden wieder besser.

Für Edie schien Lees Schweigen Antwort genug zu sein. „Schön“, sagte sie und schnappte ihr die Karte aus der Hand. „Ich frage Claire.“

Edie wusste ganz genau, wo es am meisten wehtat. Claire Faver war Edies beste Freundin gewesen, vor Lee, und Claires Feindseligkeit Lee gegenüber war unübersehbar.

 

Lee verbrachte ihren Geburtstag zu Hause und aß mit ihrer Mom und Steve einen spülwasserfarbenen, nach Socken schmeckenden Kuchen. „Wir haben ein paar Links gesehen, die du auf dem Computer zurückgelassen hast.“ Steve führte die Kuchengabel zum Mund und schloss genussvoll die Augen. „Sieht aus, als hättest du dich nach Colleges umgesehen.“

Lee aß ihren Kuchen und zuckte mit den Schultern. Sie versuchte, aus dem Fenster zu sehen, aber Steves Gesicht war im Weg.

„Ein College ist teuer, weißt du. Das bedeutet Schulden.“

Lee zwang einen Bissen herunter. „Ich kann finanzielle Unterstützung bekommen. Stipendien.“

Steve nickte. »Finanzielle Unterstützung ist kompliziert, und für ein Stipendium braucht man wirklich gute Noten. Vielleicht, wenn du vor einem Jahr daran gedacht hättest …«

Steve hatte keine Ahnung, wie es um Lees Noten stand. Sie hatte trotz allem immer darauf geachtet. Am liebsten hätte sie ihm ihre letzten Zeugnisse in sein eingebildetes Maul gestopft.

„… aber wie dem auch sei, wir denken, ein College ist eine gute Idee.“

Lee sah ihre Mutter an. „Stimmt das?“

„Natürlich stimmt das“, sagte Steve und wartete, dass Lee ihn wieder ansah. „Aber wir denken auch, dass dir vorher ein, zwei Jahre Wirklichkeit guttäten. Die meisten jungen Leute haben nichts vom College, weil sie nicht reif genug dafür sind. Und nach einem Jahr oder so denkst du vielleicht sowieso, dass es nichts für dich ist. Ich war auf keinem College. Wusstest du das?“

Lee starrte auf ihre Hände. Sie hatte ihre Gabel so sehr verbogen, dass sich die Enden beinahe berührten.

„Es stimmt. Und sieh mich an. Ich liebe, was ich tue. Mein Geschäft boomt, und ich könnte bald schon eine intelligente, tatkräftige Assistentin brauchen.“

Lee wusste, er wartete darauf, dass sie den Blick hob, doch die Befriedigung würde sie ihm nicht geben.

„Julia und ich haben darüber gesprochen. Sie ist auch dafür.“ Steve sah Lees Mom an, die zu lächeln versuchte. „Egal, denk drüber nach. Oh, und alles Gute zum Geburtstag.“ Er hielt eine hellrote Schachtel in ihre Richtung, darin ein Stapel loser Zettel. Lee nahm sie nicht, und so stellte er sie vor sie hin.

„Die sind für die buddhistische Liturgie“, sagte er. „Das sind Sutras. Du setzt dich morgens mit ihnen hin und singst sie, laut oder nur für dich. So.“ Er öffnete die Schachtel und las vom obersten Blatt ab: „›Obdach ist die Grundlage für alles, was du dir vornimmst. Obdach ist die Milch, ist der Honig des täglichen Lebens. Obdach ist die Tür zur Befreiung.‹“ Er lächelte. „Alles Gute zum Geburtstag, von deiner Mutter und mir.“

„Ich mache einen Spaziergang“, sagte Lee.

„Sei aber bitte zum Abendessen wieder da.“ Steve legte das Blatt vorsichtig zurück in die Schachtel. „Deine Ausgangssperre gilt auch an deinem Geburtstag.“

Lee ging zu Edie. Es war ein weiter Weg, aber noch früh, und Edie sicher noch nicht unterwegs zur Party. Zum Teufel mit der Ausgangssperre. Edies Familie wohnte in einem zweistöckigen, mittelalterlich wirkenden Natursteinhaus im Tudorstil mit kompliziert geschnittenen Hecken. Lee lief um das Haus herum zu Edies Zimmer im Erdgeschoss, linste durchs Fenster und sah Edie mit dem Rücken zu ihr, wie sie vor dem Spiegel stand und sich schminkte. Lee wollte gerade an die Scheibe klopfen, als sie im Spiegel ein Paar ochsenblutfarbene Dr. Martens und bestrumpfte Beine auf Edies Bett entdeckte. Mehr war nicht zu erkennen, doch das war auch nicht nötig. Es war Claire. Lees Blick wanderte zurück, und sie sah, wie Edie sie im Spiegel anstarrte und sich dann wieder dem eigenen Gesicht zuwandte. Sie war raus.

Der Schmerz auf dem Weg nach Hause war größer, als sie es sich seit Jahren erlaubt hatte, und dann merkte Lee, dass ihr ein Mann folgte. Edie hatte sich oft über unerwünschte Annäherungsversuche von fremden Männern beklagt – in Cafés, der Subway oder auf der Straße –, Lee dagegen passierte das selten. Der Mann war stämmig, etwas grobschlächtig und gab sich keinerlei Mühe zu verbergen, dass er ihr folgte. Allein schon sein Aufzug: Er trug einen altmodischen Frack mit Messingknöpfen, eine enge schwarze Weste, eine schwarze Hose und dazu eine schwarze Fliege. Er sah lächerlich aus, wie ein englischer Butler, der sich in der Stadt verlaufen hatte. Lee beschleunigte ihren Schritt, tauchte in einen Subway-Bahnhof ab, lief durch ihn hindurch und kam am anderen Ende wieder heraus. Sie dachte, sie hätte ihn abgehängt, doch dann stand er plötzlich vor ihr und versperrte ihr den Weg. Lee erstarrte. „Was wollen Sie?“, fragte sie.

Er sagte nichts. Lee sah ihm in die Augen, und seine Iris war seltsam unförmig. Der Mann trat auf der Stelle und lächelte sie an. Er hatte etwas Kindliches. Lee war mit einem Mal eher neugierig als ängstlich. Dann sah sie eine schwarze Schachtel in seiner Hand, etwa so groß wie eine Zigarrenkiste. Unbeholfen öffnete er sie, und ein schwarzer Balg mit einer Linse fuhr daraus hervor. Eine alte Kamera. Er hob das Ding an die Brust und machte ein Foto von ihr, verbeugte sich leicht und ging davon. Lee wollte jemandem von der Begegnung erzählen, und wie merkwürdig sie gewesen war, aber wem? Sie hatte niemanden mehr.

Am nächsten Montag in der Schule hingen Claire und Edie die ganze Zeit aufeinander, flüsterten, lachten und tauschten Blicke. Lee war die Tür vor der Nase zugeschlagen worden. Das eine Mal, als sie Edie ohne Claire sah, fragte sie nach der Party, doch Edie schüttelte nur den Kopf, lachte und tippte weiter auf ihrem Handy herum.

 

Die Aussicht auf ein College und damit die Möglichkeit, sich neu zu erfinden, war zu mehr als nur einer fernen, unbestimmten Hoffnung geworden. Lee begann, Informationen über Lehrpläne und Orte mit Colleges zu sammeln. Edie hatte die Tür zwischen ihnen langsam wieder geöffnet, und Lee kam jeden Tag nach der Schule mit zu ihr, wo sie zusammen auf Edies Bett lagen und sich ausmalten, wie und wohin sie verschwinden würden. Sie schmiedeten Pläne, vage erst, dann konkreter. Sie diskutierten, wo die Chancen am größten sein würden, wo es die besten Möglichkeiten gebe und die Hoffnung auf guten alten amerikanischen Spaß. Lee überredete Edie, über die Grenzen des Bundesstaates hinauszublicken, nach New York, Kalifornien oder in irgendeine kleine Stadt, wo sie ein Haus mieten und mit dem Fahrrad zu ihren Seminaren fahren konnten.

Edie wollte Psychologie studieren, und Lee zog es ebenfalls in Betracht, bis sie über ein Foto in der National Geographic stolperte. Im dazugehörigen Artikel ging es um die Entdeckung einer unter der Erde begrabenen assyrischen Stadt, die vorsichtig wieder ausgegraben wurde, und das Foto zeigte eine junge Frau mit Stiefeln, Kaki-Shorts und einer grünen Baumwollbluse, die dahockte und Erde vom Kopf einer Statue pinselte. Die Frau trug ein Tuch über dem schwarzen Haar, und ihre Kleider und die sonnengebräunte Haut waren mit dem Staub roter Erde überzogen. Sie arbeitete allein, und Lee wusste sofort, dass sie diese Frau sein wollte. Hastig riss sie das Foto aus der Zeitschrift, steckte es in die Tasche und holte es abends in ihrem Zimmer wieder hervor. Sie hängte es an die Wand über ihrem Bett und schlief mit dem Gedanken ein, was sie tun müsste, um Archäologin zu werden.

Lee hatte aufgehört, Aufträge von Mitschülern anzunehmen und mit Drogen zu handeln, und musste feststellen, dass sie nach und nach wieder unsichtbar wurde. Ihre neuen Freunde aus Edies Clique hatten sie immer schon ein bisschen komisch gefunden, zu distanziert und in sich gekehrt, um je eine von ihnen zu werden. Sie hatten sie toleriert, solange sie dealte und für sie stahl, aber jetzt sah niemand mehr zu ihr hin, und kein nervöser, ängstlicher Kerl versuchte mehr, allen Mut zusammenzunehmen, um sie nach etwas zu fragen.

Edie überredete Lee, Deke ihrem alten Dealer vorzustellen, und Deke wurde der neue Anlaufpunkt. Der Drang zu stehlen verlor sich nie, tatsächlich wuchs er noch, aber Lee weigerte sich, ihm nachzugeben, und nach einer Weile verwandelte er sich in eine Art Phantomschmerz.

Claire schien es zu gefallen, dass Lee die Gunst der Clique verloren hatte, und näherte sich ihr etwas an, bis sie eines Tages nicht mehr in die Schule kam. Schwups, weg war sie, wie schon die anderen Schüler. Als Lee Edie nach ihr fragte, sah die sich auf dem Schulhof um, als fiele ihr gerade erst auf, dass Claire nicht da war. „Vielleicht ist sie endlich mit dem mageren Bassist aus der Indie-Band durchgebrannt“, sagte sie. „Angedroht hat sie’s ja schon lange.“

Dann kamen eines Tages zwei Kripoleute in die Schule, um Claires Freunde zu befragen, und Edie nahm Lee beiseite und ließ sie versprechen, ihnen nichts von der S. A.-Party zu verraten, zu der sie und Claire gegangen waren.

„Warum?“, fragte Lee. „Was soll das damit zu tun haben?“

„Hat es nicht. Es hat mit nichts was zu tun. Aber wenn mein Vater erfährt, dass ich da war, bringt er mich um. Und wenn die Polizei es erfährt, kannst du darauf wetten, dass sie es ihm sagen.“

Lee versprach es, aber es änderte nichts. Die Polizei befragte sie gar nicht.

 

Lee saß mit einem Sandwich und einer kurzen Liste von Colleges auf der Tribüne. Sie hatte die Auswahl auf vier eingeengt, und Edie sollte es genauso machen. Gemeinsam wollten sie sich dann auf einen Favoriten einigen, eine zweite und eine dritte Wahl. Lee hatte einen Notendurchschnitt von 1,2 und beim Studierfähigkeitstest 2 100 Punkte erreicht. Edie hatte Geld und Verbindungen. Wenn sie nicht zu hoch zielten, würden sie sicher gemeinsam in ein College kommen, und sie hatten einander versprochen, nur dort einen Platz anzunehmen, wo sie beide einen bekamen. Lee sah Edie das Spielfeld überqueren, die Arme zum Schutz vor dem Wind um den Leib geschlungen. Sie schlich die Tribüne herauf. Tränen standen ihr in den Augen, und ihre Wimperntusche war völlig verschmiert. Edie nahm Lee die Zigarette aus dem Mund und setzte sich neben sie.

„Was ist?“, fragte Lee.

Edie nahm einen Zug, gab Lee die Zigarette zurück und schniefte, den Blick aufs Footballfeld geheftet. Trotz der kalten Oktoberluft trug sie einen kurzen Rock und eine enge Strickjacke.

Lee holte ein Sweatshirt aus der Tasche und hielt es ihr hin, aber Edie ignorierte es und nahm stattdessen noch mal Lees Zigarette. „Diesmal hab ich echt Mist gebaut.“

Edie Oswald. Glückskind. Liebling der Engel. Edie ging nie was daneben. Wie schlimm konnte es sein?

„Ich bin durchgedreht. Hab Panik geschoben. Tut mir leid, Lee.“

Etwas in der Ferne machte ihr Angst, sie stand auf, inhalierte und stieg die Tribüne wieder hinunter. Unten drehte sie sich noch einmal um. „Mein Vater wird dir helfen, ich schwöre es. Es tut mir wirklich leid.“

Lee beugte sich vor und blinzelte. Der dunkle Umriss auf der anderen Seite des Feldes wurde zu drei Personen, die auf sie zueilten. Lee erkannte ihre Rektorin Mrs Bartlett und zwei Uniformen des Philadelphi

Augustus Rose

Über Augustus Rose

Biografie

Augustus Rose, geboren in Bolinas (Kalifornien), hat viele Jahre in Buchhandlungen gearbeitet und dort alles gesammelt, was ihm über Subkultur, urbane Erkundungen, spekulative Wissenschaft, Metaphysik, Alchemie und – seine größte Leidenschaft von allen – Marcel Duchamp in die Hände fiel. Neben...

Pressestimmen
Ö1 „Ex libris“ (A)

„Ich habe es gern gelesen, denn es ist wirklich sehr spannend und es macht auch Lust darauf, sich mit Marcel Duchamp zu befassen. Und wenn es manchmal ein bisschen über die Stränge schlägt, dann ist das, finde ich, schon verzeihbar, das passiert eben manchmal bei einem hoch ambitionierten Text.“

wienlive – Das Stadtmagazin (A)

„Das Debüt des Kaliforniers Augustus Rose ist ein rasant erzählter, comicartiger Roman, in dem ausgerechnet Marcel Duchamp eine große Rolle spielt.“

Goslarsche Zeitung

„Die rasant erzählte Geschichte kommt in Teilen wie ein Jugendroman daher, dabei versteigt sich Rose lustvoll in ausschweifende Betrachtungen über die Kunst, lässt wissenschaftliche und alchemistische Theorien einfließen und spielt mit Elementen der Horror- und Kriminalliteratur. Hut ab vor so viel mitreißender Fabulierfreude.“

Landshuter Zeitung

„›Philadelphia Underground‹ ist ein überaus ambitionierter Roman. Augustus Rose wagt erfolgreich den Spagat, die bildende Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts mit einem flotten, zeitgemäßen Pop-Roman zu verknüpfen.“

Buchkultur – Das internationale Buchmagazin (A)

„Rose strapaziert uns mit reiner Mathematik, Stringtheorie und kosmologischem Fidelwipp, aber das schafft nur die komische Fallhöhe, eine Pointe im Geiste von Duchamps und letztlich von Duchamps selbst. Das ist ambitioniert, aber Duchamps war eben Surrealist und Dadaist. Und so wird eine oft übersehene Tradition der Kriminalliteratur clever aufgerufen.“

Wien live

„Ein rasant erzählter, comic-artiger Roman.“

Weser Kurier

„Das Buch ist ein vielschichtiger literarischer Thriller mit Mystery-Elementen. Es ist aber auch ein Kunstroman, dessen Handlung Raum gibt für kunstgeschichtliche und naturwissenschaftliche Theorien.“

Münchner Merkur

„›Philadelphia Underground‹ ist ein vielschichtiger Roman, dessen Handlung immer wieder Raum gibt für kunstgeschichtliche und naturwissenschaftliche Theorien.“

Gießener Allgemeine

„Ein vielschichtiger Roman“

Dresdner Morgenpost

„Mysteriös ist das und höllisch spannend. Ein grandioser Erstling!“

Freie Presse / Chemnitzer Zeitung

„Rose versteht es nicht nur, seine Leser bei diesem bis zum überraschenden Schluss völlig offenen Roman mit subtiler Spannung ohne billige rhetorische Tricks oder gewollt gesetzte Cliffhanger bei der Stange zu halten. Er hat auch ein Gespür für plastische, glaubwürdige Charaktere, die nicht nur bei der Lektüre das Kopfkino bevölkern, sondern die man danach möglicherweise mit in seine Träume nimmt.“

Die Presse am Sonntag (A)

„Ein spannendes, ungewöhnliches und starkes Debüt des Amerikaners Augustus Rose“

culturmag.de

„Das ist schon ziemlich ambitioniert, funktioniert aber blendend, wenn man nicht vergisst, dass Duchamps eben Surrealist und Dadaist war. Und insofern hier eine oft übersehende Tradition der Kriminalliteratur clever aufgerufen wird.“

General-Anzeiger

„Der Roman vom Erwachsenwerden ist zugleich ein Verfolgungsthriller mit stetig steigendem Blutzoll, ein kleiner Crashkurs in moderner Kunstgeschichte und Sektenhorror der düstersten Sorte.“

buch-haltung.com

„Dieses Buch ist originell, eigen, eine Hommage an die Kunst Marcel Duchamps – literarische Konzeptkunst, leicht zugänglich, inspirierend. Ein Buch, das sich dem Thema der Kunst und der Kunstvermittlung auf außergewöhnlichen Wegen nähert.“

B5 aktuell „Neues vom Buchmarkt“

„›Philadelphia Underground‹ ist ein gleichermaßen rätselhaftes wie süchtig machendes Buch. Der Debütroman des US-Amerikaners hat alles, was einen Pageturner ausmacht, aber bietet weit mehr als bloße Unterhaltung.“

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden

Augustus Rose - NEWS

Erhalten Sie Updates zu Neuerscheinungen und individuelle Empfehlungen.

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Augustus Rose - NEWS

Sind Sie sicher, dass Sie Augustus Rose nicht mehr folgen möchten?

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Abbrechen