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Penetre & ichPenetre & ich

Penetre & ich

Hitoshi Nagai
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Philosophie für ein glückliches Leben

Übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Abt Muho

Hardcover
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Penetre & ich — Inhalt

„Penetre“ heißt der Kater, der so seltsam ist wie sein Name. Er spricht die Sprache der Menschen, doch worüber diese gewöhnlich reden, spricht er nie. Noch kein einziges Mal hat man ihn sagen hören, dass er hungrig sei oder müde. Dafür geht es um Fragen wie: Warum lebt der Mensch?, Was ist Glück?, Muss man zur Arbeit gehen?, Ist die Erde wirklich rund? oder Was passiert, wenn wir sterben?
Seine Meinungen unterscheiden sich vollkommen von denen der Menschen. Am Anfang bleibt einem da manchmal die Spucke weg, aber je länger man darüber nachdenkt, desto mehr überzeugt einen das, was Penetre von sich gibt. Könnte es sein, dass er recht hat?  

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 01.04.2021
Übersetzt von: Abt Muho
176 Seiten, Pappebuch
EAN 978-3-8270-1435-1
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€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 01.04.2021
Übersetzt von: Abt Muho
120 Seiten, WMePub
EAN 978-3-8270-8027-1
Download Cover

Leseprobe zu „Penetre & ich“

Einleitung des Übersetzers

Hitoshi Nagai wurde 1951 in Tokio geboren. Er zählt zu den bekanntesten japanischen Philosophen, wohl auch, weil sich seine Bücher nicht nur an ein ausschließlich akademisches Publikum richten. 1995 erschien von ihm Shotas Sommerferien: philosophische Gespräche zwischen einem vierzehnjährigen Schüler und seinem auf den Namen „Insight“ getauften Kater.

1996 veröffentlichte Nagai seine Philosophie für Kinder, ehe dann ein Jahr später sein bis heute erfolgreichstes und auch am leichtesten zugängliches Buch erschien – das [...]

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Einleitung des Übersetzers

Hitoshi Nagai wurde 1951 in Tokio geboren. Er zählt zu den bekanntesten japanischen Philosophen, wohl auch, weil sich seine Bücher nicht nur an ein ausschließlich akademisches Publikum richten. 1995 erschien von ihm Shotas Sommerferien: philosophische Gespräche zwischen einem vierzehnjährigen Schüler und seinem auf den Namen „Insight“ getauften Kater.

1996 veröffentlichte Nagai seine Philosophie für Kinder, ehe dann ein Jahr später sein bis heute erfolgreichstes und auch am leichtesten zugängliches Buch erschien – das vorliegende Penetre & ich. Darin begibt sich wiederum ein Mittelschüler zusammen mit einem sprechenden Kater auf Gedankenexkursion.

Japanischen Lesern war ein solches vernunftbegabtes Tier nicht fremd. Jedes Kind kennt in Japan Ich der Kater, einen literarischen Klassiker von Natsume Soseki. Darin blickt der vierbeinige Erzähler hinter die Kulissen der Menschenwelt und entlarvt die Absurditäten des Daseins, die wir, die vermeintlichen Herrchen und Frauchen der Welt, oft nicht mehr zu erkennen in der Lage sind.

Penetre & ich trägt im japanischen Original den rein beschreibenden Titel Philosophische Dialoge für Kinder. Wie jede Philosophie in Dialogform verweist auch Nagais Buch zumindest indirekt auf das große antike Vorbild der sokratischen Dialoge. Wie viel von Sokrates steckt im Kater Penetre? Eine ganze Menge, würde ich sagen, zumindest was die Art der Gesprächsführung betrifft. Auch Penetre möchte seinen jugendlichen Gesprächspartner Vorurteile, Irrtümer und blinde Flecken selbst erkennen lassen und ihn so zum Wissen führen. Und mit ihm, im besten Fall, auch den Leser von Nagais Buch.

Zumindest bei mir hat Penetres Dialogkunst einen fortwährenden Reflexionsprozess angestoßen. Im Geiste führte ich die Dialoge mit dem Kater fort. Nun war ich der Vierzehnjährige, der Fragen stellte und Einspruch erhob. Und ich bildete mir ein, mich dabei noch geschickter als der Junge im Buch anzustellen, hartnäckiger und herausfordernder zu sein. Unter keinen Umständen wollte ich klein beigeben. Ich versuchte, die Dialoge auf meine ganz persönliche Weise fortzuschreiben.

Ein Ergebnis dieser Überlegungen bildet das Nachwort zu diesem Buch. Dabei handelt es sich weniger um einen zusammenhängenden Text als vielmehr um kleine Kommentare zu bestimmten Kapiteln und Passagen. Vielleicht, so meine Hoffnung, können sie ja ihrerseits dazu anregen, über die eine oder andere Themenstellung weiter und vor allem wiederum anders als ich und damit ganz neu nachzudenken.

Ein weiterer Dialog, nämlich ein Gespräch zwischen Nagai und seiner Schülerin Saori Tanaka, beschließt das Buch. In ihm erfährt man auch etwas über den autobiografischen Hintergrund von Penetre & ich.

 

Mitte der 1990er-Jahre, als Nagais Buch erschien, steckte Japan in einer tiefen Krise. Der Traum vom ewigen Wirtschaftswachstum und einem „japanischen Modell“ für das 21. Jahrhundert war geplatzt, ein Ende der Rezession nicht abzusehen. Zunehmend begannen die Jugendlichen, die Werte der Nachkriegsgeneration zu hinterfragen. Bislang waren Leistung, Disziplin und Fleiß stets wichtiger erschienen als Versuche, sich auf eher abstrakte Weise dem Sinn des Lebens zu nähern. Doch das begann sich nun zu ändern. Die Jugend stellte ihre eigenen Fragen: Was bedeutet Glück? Warum muss man zur Schule gehen? Welchen Sinn hat Arbeit? Muss man etwas tun, auch wenn es keinen Spaß macht? Warum bin ich überhaupt auf der Welt?

Im Frühjahr 1995 forderte ein Erdbeben in Kobe mehr als 6000 Menschenleben. Nur kurze Zeit später kam es zu einem Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn. Das Nervengas Sarin tötete zwölf Menschen, mehrere Tausend wurden verletzt. Erste Gerüchte, rechtsextreme Gruppierungen oder gar der amerikanische CIA könnten hinter dem Anschlag stecken, bewahrheiteten sich nicht. Vielmehr hatten Angehörige des Aum-Shinrikyo, einer buddhistisch-hinduistisch inspirierten religiösen Gemeinschaft mit Hauptsitz unweit des Fuji-Berges, über Jahre hinweg das Giftgas selbst produziert, den Anschlag akribisch geplant und schließlich ausgeführt. Viele Anhänger der Sekte, die auch heute noch unter dem Namen Aleph aktiv ist, hatten an den besten Universitäten des Landes studiert, waren Ärzte oder Anwälte gewesen, bevor sie sich dem Guru Shoko Asahara anschlossen. Der war, noch in den Achtzigerjahren, zunächst als Yogi bekannt geworden. Auf einem Foto sieht man ihn meditieren – knapp zehn Zentimeter über dem Boden schwebend. Später ging Asahara auf Reisen. Er schaffte es sogar, sich mit dem Dalai Lama ablichten zu lassen. „Du musst die Japaner den wahren Buddhismus lehren!“, soll ihm dieser der Legende nach geraten haben.

Ich kann mich noch gut an die Asahara-Poster auf dem Gelände der Universität Kyoto erinnern, wo ich 1990 studiert habe. Als ich meinen japanischen Kommilitonen erzählte, dass ich nach Japan gekommen sei, um Zen-Mönch zu werden, bekam ich des Öfteren zu hören: „Zen? Wie altmodisch! Geh doch lieber zu den Aum-Leuten, da ist mehr dran als am traditionellen japanischen Buddhismus!“

Vielleicht habe ich einfach nur Glück gehabt, dass mich mein Weg nach Antaiji geführt hat, in ein Zen-Kloster, das der eher konservativen Soto-Schule angehört. Im dritten Jahr meiner Novizen-Ausbildung erreichte uns die Nachricht vom Giftgasanschlag in Tokio:

„Was, die waren das!?“

Bei meinen Klosterbrüdern war die Überraschung groß. Geschichten von Ehemaligen, die vor Jahren das Kloster über Nacht verlassen hatten, um sich dem Asahara-Kult anzuschließen, machten die Runde. Vermutlich auch deshalb bekamen wir in den nächsten Monaten ab und zu Besuch von der Polizei. Sie wollte sich davon überzeugen, dass wir keinem der flüchtigen Täter bei uns im Kloster Unterschlupf gewährten.

Doch über allem schwebte eine ganz andere Frage, die nicht nur die Mönche in Antaiji umtrieb: Trug nicht auch die japanische Gesellschaft und damit jeder, der in ihr lebte, einen Teil der Verantwortung für den schrecklichen Anschlag? Wäre es nicht die Aufgabe der Schulen, der Medien und vor allem der Religion gewesen, Antworten zu finden auf die Hilflosigkeit jener jungen Japaner, die nicht länger an das Märchen vom neuen Wirtschaftswunder glauben konnten?

 

Zwei Jahre später, 1997, saßen die für den Anschlag Verantwortlichen hinter Gittern. Auch im Fernsehen war längst wieder Alltag eingekehrt und mit ihm die übliche Mischung aus Quiz-, Reise- und Kochsendungen. Da folgte die nächste erschütternde Nachricht: In Kobe wurde der abgetrennte Kopf eines Grundschülers vor einem Schultor gefunden. In seinem Mund steckte ein Zettel: „Das Spiel hat begonnen, haltet mich auf, wenn ihr könnt!“

Die Mordrate in Japan liegt gefühlt nur knapp über derjenigen von Vatikanstadt. Kein Wunder, dass das ganze Land heftig auf die Tat reagierte. Die Polizei tat ihr Bestes, tappte aber zunächst völlig im Dunkeln. Die Schriftzeichen auf dem Zettel konnten nicht zugeordnet werden, und auch die Tat selbst ähnelte keinem anderen Mord in der Vergangenheit.

Nach zehn Tagen ging bei einer lokalen Zeitung ein anonymes Bekennerschreiben ein. Darin hieß es unter anderem:

„Bis heute war ich eine unsichtbare Existenz, und daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern. Ich bitte Euch, mich wenigstens in Eurer Vorstellung zu einem real existierenden Menschen zu machen. Gleichzeitig solltet Ihr nicht vergessen, dass diese Tat eine Rache an der schulischen Erziehung ist, die mich zu dieser unsichtbaren Person gemacht hat, und an der Gesellschaft, die mir die Schulpflicht auferlegt hat.“

Der dies schrieb, wurde schließlich doch gefasst. Und wieder stand die Gesellschaft für einen Moment still. Denn beim Täter handelte es sich um einen gerade einmal vierzehn Jahre alten Mittelschüler, wohnhaft in der Nähe der Schule, völlig unauffällig in seinem Alltag.

Vierzehn Jahre. Damit war der Täter genauso alt wie die Protagonisten in Nagais Büchern. Wie hatte es zu diesem Mord kommen können? Was war schiefgelaufen? Handelte es sich lediglich um eine bizarre Einzeltat, oder steckte mehr dahinter, eine generelle Erkrankung der Gesellschaft? Überlegt wurde in alle Richtungen. Musste das japanische Erziehungssystem reformiert werden? Lag es an der allgegenwärtigen Pornografie in den Manga-Heften? Oder war die Aufweichung traditioneller Werte durch die westliche Kultur der Grund?

In einer Diskussionsrunde, in der Politiker, Erziehungswissenschaftler und auch einige Prominente mit Jugendlichen über diese Themen ins Gespräch kommen sollten, machte die Frage eines Jungen die versammelten Erwachsenen sprachlos:

„Warum darf man eigentlich nicht morden?“

Dieser Frage sollte man in den folgenden Jahren immer häufiger begegnen. Auch im philosophischen Diskurs. Nagai beantwortet sie im vorliegenden Buch auf seine Weise. Ohne zu viel verraten zu wollen, möchte ich dennoch den Leser vorwarnen: Es handelt sich dabei um eine durchaus beunruhigende Antwort, die nicht wenig zur Bekanntheit des Autors in Japan beigetragen hat.


Vorwort

Der Mensch lebt nur zum Vergnügen.

Du musst nicht zur Schule gehen.

Du darfst lügen.

Der Wal ist ein Fisch.

Die Erde ist nicht rund.

Das behauptet zumindest Penetre. Was denkst du?

„Penetre“ heißt der Kater, der uns vor drei Jahren, als ich noch in der fünften Klasse war, zugelaufen ist. Alles an diesem Kater ist so seltsam wie sein Name. Beispielsweise spricht er die Sprache der Menschen. Aber auch das, was er sagt, ist sonderbar. Denn wovon normale Menschen sprechen, davon spricht er nie. Noch kein einziges Mal habe ich ihn etwa sagen hören, dass er hungrig sei oder müde. Stattdessen spricht er über Fragen wie: „Warum lebt der Mensch?“ Oder: „Muss man zur Schule gehen?“

Penetres Meinungen unterscheiden sich vollkommen von denen der Menschen. Wenn man sie hört, kann es schon mal vorkommen, dass einem die Spucke wegbleibt. Aber je länger man dann über sie nachdenkt, desto mehr überzeugt einen das, was Penetre so von sich gibt. Könnte es sein, dass er ganz einfach recht hat?

In diesem Buch sind meine Gespräche mit Penetre festgehalten. Meist ist es allerdings Penetre, der spricht, während ich bloß zuhöre.

 

1 Der Mensch lebt nur zum Vergnügen!
Warum lebt der Mensch? (1)


Penetre: Was eigentlich nur Mittel zum Zweck des Lebens sein sollte, raubt einem den Großteil der eigenen Lebenszeit. Beim Leben selbst fällt es aber schwerer, zwischen Mittel und Zweck genau zu unterscheiden. Das ist das Interessante am Leben: Was ursprünglich nur ein Mittel war, wird irgendwann zum Zweck des Lebens selbst!

Das Mittel wird zum Zweck des Lebens selbst – das verstehe ich nicht! Was ist denn dieser Zweck? Warum lebt der Mensch eigentlich?

 

Am Ende lebt der Mensch – aus reinem Vergnügen! Wer arbeitet, um Geld zu verdienen, tut das, um sich anschließend zu vergnügen. Wenn die Arbeit aber irgendwann zum Leben wird, dann hat man die Arbeit selbst zu seinem Vergnügen gemacht. Das ist gar nicht so seltsam, wie es klingt. Eigentlich ist es eine ganz feine Sache.

 

Willst du damit sagen, dass das Ziel des Lebens das Vergnügen ist? Und nicht etwa, die Welt zu verbessern oder eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen? Bist du dir wirklich sicher, dass es nur ums Vergnügen geht?

Warum lebt der Mensch? (2)

Penetre: Die meisten Menschen bezeichnen mit dem Wort „Vergnügen“ etwas, das im Vergleich zur Arbeit unproduktiv ist. Während des Vergnügens verstreicht die Zeit ungenutzt. Aber wenn ich von „Vergnügen“ spreche, meine ich damit etwas anderes. Vergnügen bedeutet für mich, das, was man tut, wirklich zu genießen. Ein Zustand der Erfüllung also, in dem es nicht nötig ist, nach einem Sinn oder Zweck zu suchen. Im Vergnügen lebt man einfach, für nichts und niemanden! Man lebt dann nicht, um etwas zu schaffen, sondern nur, weil es Spaß macht.

 

Wenn das stimmt, dann wäre das Ziel des Lebens, ohne ein Ziel zu leben. Das ist doch seltsam!

So seltsam ist das gar nicht. Nur achte darauf: Solange du dir zum Ziel setzt, ohne ein Ziel zu leben, wird es dir nicht gelingen, ziellos zu leben.


Wie soll ich dann leben?

Dein Ziel, ohne ein Ziel zu leben, muss selbst zum ziellosen Leben werden!


Optimismus und Pessimismus

Penetre: Weißt du, was einen echten Optimisten ausmacht?


Ich: Du meinst einen, der daran glaubt, dass am Ende immer alles gut wird?


Nein. Ein echter Optimist ist ein Mensch, der über eine radikal positive Lebenseinstellung verfügt. Wem diese Einstellung fehlt, der steht dem Leben grundsätzlich pessimistisch gegenüber. Ich spreche also nicht von Optimismus oder Pessimismus im oberflächlichen Sinn, etwa wenn sich zwei darüber uneins sind, wie eine bestimmte Sache ausgeht. Optimismus und Pessimismus rühren vielmehr an die Wurzel des Daseins. Ein echter Optimist ist von Natur aus vergnügt. Egal, ob er gerade Hausaufgaben macht, seinem Beruf nachgeht oder einem bestimmten Ziel zustrebt. Die Tätigkeit selbst ist es, die ihn im Innern erfüllt.

 

Selbst dann, wenn er dabei ganz allein ist?

 

Ja. Ein echter Optimist zu sein bedeutet, stets Erfüllung in sich selbst zu finden. Selbst wenn dein Leben sinnlos ist und dich keiner für das lobt, was du tust – wenn du Vergnügen am Dasein selbst empfindest, bist du ein Optimist. So einen Menschen nennen wir edel. Im Gegensatz zu einem, der stets nach dem Sinn seines Tuns fragt oder auf die Bestätigung durch andere wartet. Wer nicht ausgefüllt ist von seinem Tun, hat keine wahre Klasse.

 

Meinst du damit den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Menschen?

 

Nein, überhaupt nicht. Gute und schlechte Menschen unterscheiden sich kaum. Viel wichtiger ist der Unterschied zwischen einem anständigen Menschen und einem, dem nicht zu helfen ist. Dabei handelt es sich um eine Frage der Erziehung. Aber noch wichtiger ist die Frage, ob jemand seinem Wesen nach Optimist oder Pessimist ist. Zum Optimisten oder Pessimisten wird man geboren.

 

Was meinst du damit?

 

Familienverhältnisse oder Gene entscheiden nicht darüber, ob du als Optimist auf die Welt kommst. Das bestimmt der Zufall.

 

Und wer als Pessimist geboren wird, dem ist dann nicht mehr zu helfen?

 

Keineswegs. Hör einfach weiter gut zu!


Wer bestimmt, was gut ist und was schlecht? (1)

Ich: Was würdest du zu einem Optimisten sagen, der Vergnügen daran findet, gemein zu anderen zu sein? Denkst du nicht auch, dass das ein schlechter Mensch ist? Ich glaube nämlich schon, dass der Unterschied zwischen gut und schlecht eine große Rolle spielt!

 

Penetre: Was meinst du denn, wenn du von „gut“ oder „schlecht“ sprichst?

 

Das weiß ich selbst nicht so genau …

 

Und trotzdem bist du dir sicher, dass einer, der Vergnügen daran findet, andere zu quälen, ein schlechter Mensch sein muss. Warum eigentlich?

 

Vermutlich weil er etwas tut, was die anderen nicht wollen.

 

Ist es denn schlecht, etwas zu tun, was die anderen nicht wollen?

 

Das fragst du noch? Genau das bedeutet doch das Wort „schlecht“!

 

Okay. Dann verstehst du wahrscheinlich unter „gut“ das, was sich die anderen wünschen, nicht wahr? Wenn einer immer das tut, was sich die Mehrheit der anderen von ihm wünscht, dann wäre er ein guter Mensch. Und einer, der genau das tut, was viele andere nicht wollen, wäre ein schlechter Mensch. Richtig?

 

Siehst du da ein Problem?

 

Angenommen, ein Großteil der Menschheit nähme Drogen oder wäre sogar regelrecht abhängig von ihnen. Wäre es dann gut, den Menschen mehr und mehr Drogen zu geben? Und wäre es dann schlecht, den Menschen die Drogen vorzuenthalten?

 

Stimmt. In diesem Fall würde es sich wirklich andersherum verhalten. Aber wer bestimmt denn nun, was gut ist und was schlecht?


Der Lebenssimulator (1)

Penetre: Hättest du Interesse, einen Lebenssimulator auszuprobieren?

 

Ich: Was soll das denn sein?

 

Eine Maschine, die dich eine virtuelle Realität erleben lässt! Wenn du dein Gehirn an den Simulator anschließt, bist du mitten in einem Leben, das sich von deinem gewöhnlichen Alltag vollkommen unterscheidet, sich aber genauso real anfühlt. Du hast dabei die Wahl zwischen sehr vielen Möglichkeiten, so wie in einer Videothek. Du kannst dir ein Leben selbst aussuchen.

 

Das klingt interessant! Aber gibt es diese Maschine denn wirklich?

 

Gegenwärtig wohl noch nicht. Aber einmal angenommen, es gäbe sie, würdest du diese Maschine dann mal ausprobieren wollen?

 

Ja, keine Frage!

 

Jeder, der in seinem Leben mit Leid und Unglück konfrontiert ist, dürfte sich wünschen, stattdessen virtuelles Glück zu erfahren und so seinem Leid zu entgehen.

 

Solche Menschen gibt es bestimmt, aber für mich wäre das nichts. Das ganze Leben bis zum Tod eine falsche Realität vorgegaukelt zu bekommen, nein, das will ich nicht!

 

Willst du damit sagen, dass dir dein wirkliches Leben lieber ist, gleich wie leidvoll und grausam die Umstände auch sein mögen? Aber warum? Zudem kann es doch durchaus sein, dass dieses Leben, das du für die Realität hältst, in Wahrheit das Produkt eines solchen Simulators ist. Oder kannst du das Gegenteil beweisen? Einen derartigen Beweis kann es innerhalb der Grenzen deines gegenwärtigen Lebens gar nicht geben! Trotzdem sagst du, dass dir dein gegenwärtiges Leben wichtig ist. Warum?

Die Welt wird von einem Vertrag zusammengehalten (1)

Penetre: Hast du schon einmal vom Gesellschaftsvertrag gehört?

 

Ich: Nein, was ist das?

 

Stell dir den Zustand der Menschheit vor, bevor es Staaten gab, Gesetze oder Moral. In diesem Zustand denkt jeder nur an sich selbst und ist frei, zu tun und zu lassen, was immer er möchte. Andererseits kann er sich nie sicher sein, ob ihm nicht vielleicht etwas angetan wird. Ständig muss er fürchten, von einem anderen verletzt oder sogar getötet zu werden. Die anderen Menschen sind Feinde für ihn. In früheren Zeiten müssen die Menschen so gelebt haben.

 

Eine schreckliche Welt!

 

Ja, ohne Zweifel! Wie ist es möglich, diesem Zustand allgemeiner Angst und Feindseligkeit zu entkommen? Ganz einfach: Man schließt einen Vertrag. Jeder verspricht, dem anderen keinen Schaden zuzufügen, vorausgesetzt, ihm selbst wird auch kein Leid getan. Jeder verzichtet auf einen Teil seiner Freiheit, unter der Bedingung, dass alle anderen genau dasselbe tun. Dann haben am Ende alle etwas davon. Sie schließen also einen Gesellschaftsvertrag.

 

Keine schlechte Idee! So sind also unsere Gesetze entstanden. Aber lässt sich die Entstehung der Staaten oder die Entwicklung der Moral auf ähnliche Weise erklären?

 

Zumindest dann, wenn man der Theorie des Gesellschaftsvertrags folgt. Einen Punkt darf man dabei jedoch nicht vergessen: Wenn man sich gegenseitig etwas verspricht, dann muss man sich auch versprechen, dieses Versprechen zu halten. Und auch das muss man wiederum versprochen haben. Die Frage ist nur: Was verpflichtet mich moralisch dazu, auch noch das allerletzte Versprechen zu halten?


Wer bestimmt, was gut ist und was schlecht? (2)

Ich: Ich könnte mir einen Menschen vorstellen, der so positiv eingestellt ist, dass es ihm Vergnügen bereitet, anderen Schaden zuzufügen. Würdest du ihn einen echten Optimisten nennen?

 

Penetre: Ich halte es für unwahrscheinlich, dass man einem solchen echten Optimisten begegnen wird, aber unmöglich ist es nicht. Echte Optimisten kümmern sich kaum um Moral. Deshalb macht es ihnen auch nichts aus, das zu tun, was Moralisten als schlecht bezeichnen würden. So wie umgekehrt ein Mensch, dem die positive Grundeinstellung des Optimisten fehlt, an moralischen Kategorien wie gut und schlecht festhält.

 

Warum tut er das?

 

Weil er nichts anderes hat, das ihm Halt gibt.

 

Und warum behauptest du dann, dass es zwar nicht unmöglich, aber doch unwahrscheinlich ist, einem echten Optimisten zu begegnen, der etwas Schlechtes tut?

 

Angenommen, dein Vater bringt dir das Schachspielen bei. Anfangs interessiert dich das Spiel nicht im Geringsten. Aber dann verspricht dir dein Vater ein Taschengeld, solltest du gewinnen. Und plötzlich gibst du beim Schach dein Bestes! Vielleicht beginnt dir das Spielen sogar irgendwann Spaß zu machen. Wenn es dir nur um das Taschengeld geht, wirst du wahrscheinlich bereit sein, zu mogeln. Dein Vater muss aufs Klo, und du verschiebst heimlich die Figuren … Wenn dir aber das Spiel als solches Spaß macht, hast du das nicht mehr nötig. Wichtiger als das Gewinnen an sich wird dir dann der Weg, der zum Gewinn führt. Schach ist für dich zum Vergnügen geworden. Auch mit dem Leben selbst kann das gelingen. Auch das Leben kann zum Vergnügen werden. Im Unterschied zum Schach hat es aber keine festen Regeln. Dennoch geht es im Leben darum, Vergnügen am Weg und nicht am Ziel zu finden. Ein Mensch, dem das Leben selbst Vergnügen bereitet, hat es daher nicht nötig, zu mogeln.

Hitoshi Nagai

Über Hitoshi Nagai

Biografie

Hitoshi Nagai studierte Philosophie an der Keiō-Universität, wo er 1982 promovierte. Von 1990 bis 1994 war er außerordentlicher Professor an der Shinshū-Universität und lehrte dort von 1995 bis 1997 als Professor. Von 1998 bis 2006 war er als Professor an der Universität Chiba tätig. Seit 2007 ist...

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