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Pata Negra

Pata Negra

Kriminalroman

Taschenbuch
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Pata Negra — Inhalt

Eigentlich ist Kilian nach Andalusien gereist, um dem Freitod seines Bruders Xaver nachzugehen. Doch in Almuñécar lernt er Joana kennen, die ebenfalls mit einem schlimmen Schicksal zu kämpfen hat: Ihre Schwester wird seit Jahren vermisst.

Könnte Xavers Tod etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben? Bei ihren Ermittlungen kommen sich Kilian und Joana auch privat näher, doch dann überschlagen sich die Ereignisse …

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 12.11.2012
432 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30111-4

Leseprobe zu »Pata Negra«

PROLOG

 

Langsam erlangte Carmen das Bewusstsein wieder. Etwas Spitzes bohrte sich in ihre Seite, und sie konnte sich nicht bewegen. Blut tropfte aus ihrer Nase in den grauen Staub. Sie atmete nur flach, das Luftholen schmerzte zu sehr.
Was war geschehen? Die Hochzeit … der Heimweg …
»Wir müssen sie sofort ins Krankenhaus fahren!«, hörte sie ein Mädchen rufen. War das nicht Elena?
»Halt endlich deine verdammte Klappe!«, sagte ein Mann. Auch diese Stimme kam ihr bekannt vor.
Carmen versuchte zu schreien, aber aus ihrem Hals drang nur ein Gurgeln. In [...]

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PROLOG

 

Langsam erlangte Carmen das Bewusstsein wieder. Etwas Spitzes bohrte sich in ihre Seite, und sie konnte sich nicht bewegen. Blut tropfte aus ihrer Nase in den grauen Staub. Sie atmete nur flach, das Luftholen schmerzte zu sehr.
Was war geschehen? Die Hochzeit … der Heimweg …
»Wir müssen sie sofort ins Krankenhaus fahren!«, hörte sie ein Mädchen rufen. War das nicht Elena?
»Halt endlich deine verdammte Klappe!«, sagte ein Mann. Auch diese Stimme kam ihr bekannt vor.
Carmen versuchte zu schreien, aber aus ihrem Hals drang nur ein Gurgeln. In diesem Moment packte sie jemand grob an den Armen, als wäre sie ein Sack Mörtel. Das Letzte, was sie wahrnahm, ehe sie das Bewusstsein erneut verlor, war der Knall einer Heckklappe, die über ihr zuschlug wie ein Sargdeckel.
Als sie wieder erwachte, schaukelte es, als läge sie in einem Wasserbett, nur dass dieses Wasserbett nach Fisch stank. Befand sie sich in einem Boot?
Sie wollte sich aufrichten, doch ihr Körper regte sich nicht. Die Verbindung zwischen Geist und Gliedern schien abgerissen, allein die unentwegten Schmerzen versicherten ihr, dass ihr abtrünniger Körper zumindest noch versuchte, ihr zu antworten. Panik erfasste sie, und sie wollte schreien, aber ihre Lippen waren wie versiegelt, ja, sie war nicht einmal in der Lage, die verklebten Augenlider zu öffnen, um sich zu vergewissern, dass alles nur ein Albtraum war.
Ihr Schmerz pulsierte weiter im Rhythmus der Wellen, gegen die das Boot monoton dröhnend anstampfte.
Was war geschehen? War sie gestürzt? Aber warum lag sie dann nicht im Krankenhaus?
Irgendwann wurde der Motor abgestellt. Jemand stieg über sie hinweg und trampelte so stark auf dem Boot herum, dass es zu schaukeln begann.
»Wo ist der verdammte Bleigurt?«, fluchte die Männerstimme von vorhin.
Bleigurt? Sie brauchte einen Verband und keinen Bleigurt.
Der Mann ließ etwas Schweres fallen und beugte sich über sie. Sein Atem stank nach Tabak und Alkohol. Sie fühlte, wie sich eine Hand zwischen den Schiffsboden und ihre Hüfte zwängte. Die andere glitt unter ihre Bluse, und der Mann knetete ihre Brüste, bevor er Carmen auf den Rücken drehte. Beißender Schmerz durchfuhr sie, und etwas Kaltes, Hartes drückte gegen ihre Rippen. Ein Stein? Oder etwa der Bleigurt?
Ihr Herz, das Einzige, was in ihrem Körper noch richtig zu funktionieren schien, pochte heftig. Das kann nur ein Albtraum sein, dachte sie. Es gelang ihr, die Augen zu öffnen. Der Mann sprang auf, als hätte sie sich in einen Zombie verwandelt. Auch Carmen erschrak. Er war keine Phantasiegestalt irgendeines bösen Traums, sondern ein Arbeitskollege ihrer Schwester Joana.
»Du lebst noch?«, stammelte er.
Trotz ihrer Schmerzen nickte sie.
Er rieb sich seinen Dreitagebart und schien zu überlegen. »Aber nicht mehr lange!« Er bückte sich, um den Bleigürtel über ihrem Bauchnabel zu schließen. Während der Mann sie auf die Bordwand hievte, suchten Carmens taube Finger vergeblich nach Halt an den Schiffsplanken.
Ihre Blicke trafen sich. Carmens linkes Bein rutschte ab und tauchte bis zum Knie ins eiskalte Wasser. Stumm flehte sie um Gnade: Bitte lass mich am Leben … Ich bin doch erst fünfzehn … Ich hab dir nichts getan … Ich will nicht sterben …
Aber der einzige Laut, den sie durch ihre Lippen zu pressen vermochte, war »No«. Sie spürte, wie der Mann ein letztes Mal ihre Brüste berührte, und ehe sie vor Schmerz und Angst die Besinnung verlor, hörte sie ihn noch sagen: »Eigentlich schade um dich!«

 

1

 

Xaver folgte dem Hinweisschild zum Hotel, bog von der Hauptstraße ab und fuhr geradeaus über zwei Kreuzungen, an denen keine Wegbeschreibung zu sehen war. Linker Hand passierte er ein Fußballstadion und hielt schließlich gegenüber von einem Krankenhaus, um nach dem Weg zu fragen. Der Höflichkeit halber stieg er aus dem Wagen und wandte sich an eine ältere Frau.
»¿Perdona Señora, me puede indicar el camino al ›Hotel Costa Tropical Palace‹?«
Ein gewisser Stolz erfüllte ihn. Sein Spanisch war nach den drei Sprachkursen in München und den letzten zehn Tagen in Andalusien immer sicherer geworden – nach dem Weg konnte er sich schon fehlerfrei erkundigen.
Die Frau, die schwarze Witwenkleidung trug, sah ihn an, als überlegte sie, ob sie ihn ignorieren und weitergehen solle. Dann wischte sie sich mit dem Ärmel ihrer Strickjacke über die Augen und schniefte in ein zerknülltes Taschentuch, ehe sie auf ihn zukam. Erst jetzt erkannte Xaver, dass sie gerade geweint hatte. Sie strich sich eine verklebte graue Strähne aus dem Gesicht und antwortete ihm mit schwacher Stimme. Er verstand kaum etwas und bat sie, den Satz zu wiederholen, aber sie hob nur die Hand und zeigte auf einen Hügel in Fahrtrichtung.
»Dort oben?«, fragte Xaver.
Die Alte nickte und sagte so leise, dass er sich zu ihr hinunterbeugen musste, um sie zu verstehen: »No debes ir allí.«
Xaver stutzte. Warum nur sollte er nicht zu dem Hotel gehen?
»¿Porqué no?«, wollte er wissen, aber die Frau rollte nur mit den Augen, als ärgerte es sie, dass er so schwer von Begriff war. Im selben Moment gaben ihre Beine nach, und sie fiel ihm entgegen. Xaver bekam sie zu fassen, ehe sie auf den Gehweg stürzte. Die Alte, deren Kopf nun an seiner Brust ruhte, schien federleicht. Ratlos sah er sich um. Bis zum Krankenhaus mochten es gut einhundert Meter sein, keine zehn Schritte entfernt aber stand eine Parkbank.
Xaver hob die leblose Frau an und versuchte, sie dorthin zu schleifen, doch auf halbem Weg erwachte sie in seinen Armen zu neuem Leben und machte Anstalten, sich seinem Griff zu entwinden. Also ließ er sie los, und sie wankte auf die Parkbank zu, als wäre sie betrunken. Er setzte sich neben sie und deutete auf das Krankenhaus.
»Sie sollten da hineingehen«, empfahl er ihr auf Spanisch und sprach so langsam und deutlich, als müsste er einem Kind etwas erklären.
Die Alte schüttelte den Kopf. »Nicht einmal Gott kann mir noch helfen!« Sie blickte auf ihre altersfleckigen Hände.
Xaver starrte sie von der Seite an. Betrunken kam sie ihm nun doch nicht vor, dafür aber etwas verwirrt.
»Kann ich etwas für Sie tun?«, fragte er sie. Die Frau biss sich auf die Lippen, als hätte sie einen inneren Kampf auszutragen. Dann zog sie eine schwarze Bibel aus ihrer Tasche und umklammerte sie so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Nach einem stummen Gebet packte sie das Büchlein wieder in die Tasche.
»Wenn du zum Hotel fährst«, sagte sie schließlich, »dann sprich mit meiner Tochter Joana. Sie arbeitet dort am Empfang. Sag ihr …«
Das Ende des Satzes wurde vom Motorengeräusch eines vorbeifahrenden Polizeiwagens verschluckt, und die Frau begann zu schluchzen. Unbeholfen legte Xaver ihr den Arm um die knochigen Schultern. Der Polizeiwagen hielt an, setzte zurück und blieb direkt vor der Bank stehen. Zwei Beamte sprangen heraus. Einer von ihnen sprach die weinende Frau mit dem Namen Inmaculada an, während sich der andere vor Xaver aufbaute und seinen Ausweis verlangte.
Zorn wallte in ihm auf. Was dachte dieser Polizist eigentlich von ihm? Er hatte der Frau schließlich nur helfen und ihr nicht die Handtasche klauen wollen. Wortlos erhob er sich, ging zum Auto und fischte seinen Pass aus der Reisetasche. Der Uniformierte folgte ihm, als müsse er befürchten, Xaver werde flüchten. Gerade als er dem Beamten seinen Pass reichte, schrie dessen Kollege ihm etwas zu. Damit war das Interesse an Xavers Personalien verflogen. Er könne weiterfahren, meinte der Polizist und ging davon.
Xaver sah zur alten Frau hinüber, aber die schien durch ihn hindurchzustarren. Schließlich gab er sich einen Ruck und fragte sie höflich, was er ihrer Tochter Joana im Hotel denn nun ausrichten solle, obwohl er mittlerweile daran zweifelte, dass dort tatsächlich eine Joana arbeitete.
Inmaculada sah ihn an, als könnte sie sich nicht mehr an das erinnern, was sie eben noch gesagt hatte. Eine Träne rollte über ihre Wange. »Sag ihr, sie ist tot. Ich weiß es …«
Xaver sah erschrocken zu den Beamten auf.
»Und sag ihr, dass es mir leidtut!«, fügte sie hinzu und schluchzte auf.
Xaver wollte schon fragen, wer denn gestorben sei, aber in diesem Moment gab ihm einer der Beamten mit einem ärgerlichen Wink zu verstehen, dass seine Anwesenheit nun nicht mehr erwünscht sei. Xaver wandte sich mit einem knappen »Adiós« um und ließ die verwirrte Frau mit den Polizisten zurück. Kopfschüttelnd zwängte er sich in seinen Leihwagen und fuhr den Hügel hinauf, wo er das Hotel »Costa Tropical Palace« nach der dritten Kurve fand.
Er parkte in der Tiefgarage und nahm den Aufzug zur Lobby. Kurz hielt er inne, um die eindrucksvolle Hotelhalle auf sich wirken zu lassen. Die quadratische Lobby enthielt auf der einen Seite ein halbes Dutzend Läden – darunter eine Autovermietung, einen Kiosk und ein Geschäft für andalusische Feinkost. An der Stirnseite befanden sich der gläserne Eingangsbereich und dahinter ein Vorbau mit Rundbögen, wie er ihn ganz ähnlich noch am Morgen in der Alhambra gesehen hatte.
Vor dem Eingang unterhielt sich ein livrierter Hotelangestellter gerade mit einem Mann, der neben einem Autobus stand, vermutlich der Reiseleiter. Eine riesige Marmortreppe führte von der Lobby zum Speisesaal hinauf. Der Boden war mit glänzendem, beigem Marmor gefliest, in deren Mitte eine kupferfarbene Rosette von etwa zehn Metern Durchmesser die Himmelsrichtungen wie bei einem Kompass darstellte. Aus einer goldfarbenen Kuppel schwebte ein prächtiger Kristalllüster herab, der aussah, als entstammte er der Wiener Staatsoper.
Xaver ging auf die Rezeption zu. Die beiden Empfangsdamen passten wunderbar ins Bild der beeindruckenden Lobby, fand er. Die linke trug am Sakko ihres dunkelblauen Hosenanzuges ein Schildchen, auf dem der Name »Maite Hernandez« eingraviert war. Maite war die Abkürzung von Maria Teresa, wusste Xaver. Er starrte der anderen jungen Rezeptionistin mit zusammengekniffenen Augen auf die Brust, aber ihren Namen konnte er auf die Distanz nicht entziffern.
»Can I help you?«, fragte die Frau namens Maite und beugte sich so weit vor, dass sich der enge Stoff über ihrer Brust bedenklich spannte.
»Yes … sorry, I am looking for Joana.«
Maite deutete mit dem Stift und einem lasziven Lächeln auf ihre Kollegin, die gleich näher trat.
»Yes, Sir?«
»Well … I mean …«, Xaver brach ab. Er hatte ins Spanische wechseln wollen, aber die Ereignisse der letzten Stunde angemessen zu erklären, überstieg dann doch seine Fähigkeiten. Außerdem war er überrascht, dass es hier tatsächlich eine Joana gab. Die Alte hatte offenbar die Wahrheit gesagt.
»Ich spreche auch Deutsch«, half ihm Joana weiter.
»Das ist gut. Das hat mir Ihre Mutter nicht erzählt.«
Joana sah ihn verdutzt an. Xaver fummelte am Seitenfach seiner Sporttasche herum und bereute schon, dass er die eigenartige Begegnung zur Sprache gebracht hatte.
»Meine Mutter?«
»Ich habe sie zufällig unten im Ort getroffen und nach dem Weg gefragt, und sie hat mir erzählt, dass Sie hier arbeiten.«
Joana nahm die Reservierungsbestätigung entgegen und musterte ihn belustigt. »Ich denke, das war ein Missverständnis.« Sie schob ihm das Anmeldeformular zu. »Meine Mutter kann das unmöglich gewesen sein.«
Xaver nickte erleichtert, obwohl er eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden auszumachen meinte.
»Da hab ich dann wohl was falsch verstanden, tut mir leid.« Es war auch besser so, denn ansonsten hätte er ernsthaft überlegen müssen, ob er dieser jungen Dame wirklich diese rätselhafte Nachricht überbringen sollte: Sag ihr, sie ist tot. Ich weiß es … Und sag ihr, dass es mir leidtut!
Er lächelte Joana zu und machte sich daran, das Formular auszufüllen.
»Was für eine Kleidung trug denn die Frau?«, fragte Joana, als er ihr das Formular zurückschob.
»Sie war ganz in Schwarz gekleidet – wie eine Witwe.«
Diesmal wich der eben noch belustigte Ausdruck auf Joanas Gesicht einer besorgten Miene.
»Sprechen Sie denn Spanisch?«, hakte sie nach.
Xaver wunderte sich ein wenig. Das hätte sich Joana doch auch selbst denken können, wie hätte er die Alte sonst nach dem Weg fragen sollen? Wie auch immer – er gab ihr ein knappes, lehrbuchhaftes Statement seiner Kenntnisse, was sie anscheinend noch neugieriger machte.
»Sie wissen nicht zufällig, wie diese Frau hieß?«
»Ich glaube, Inmaculada.«
»Inmaculada? Sind Sie sicher?«
Xaver nickte.
»Und Sie haben mit ihr gesprochen?«
Xaver biss sich auf die Lippe. Sollte er der jungen Dame jetzt etwa berichten, dass ihre Mutter beinahe in Ohnmacht gefallen war, nur weil er sie nach dem Weg zum Hotel gefragt hatte? Und sollte er ihr anvertrauen, dass er den Eindruck hatte, ihre Mutter wäre – nun ja – ziemlich durcheinander? Diese Sache zur Sprache zu bringen, könnte peinlich werden. Und mit der ominösen Todesbotschaft brauchte er die Empfangsdame auch nicht zu beunruhigen.
»Nein«, sagte er schließlich, »ich habe sie nur nach dem Weg gefragt, und sie hat ihn mir erklärt. Dabei hat sie erwähnt, dass Sie hier an der Rezeption arbeiten.« Er hoffte, dass sie es dabei bewenden lassen würde.
Joana sah ihn einen Augenblick lang nachdenklich an, dann zog sie eine Schlüsselkarte aus dem Fach, steckte sie in einen Umschlag mit dem Emblem des Hotels und notierte eine Nummer auf der Rückseite.
»Zimmer 328, dritter Stock links«, sagte sie förmlich und winkte einen Pagen heran. Xaver schüttelte den Kopf, schulterte seine Tasche und verabschiedete sich mit einem »Muchas gracias« in Richtung der Lifte. Im Gehen hörte er, wie Maite ihrer Kollegin auf Spanisch zuraunte: »So ein süßer Hintern!« Am Aufzug drehte er sich noch einmal um und konstatierte, dass Maite ihn frech angrinste.
Oben stellte er seine Tasche ab und blickte sich um. Das Hotelzimmer war geräumiger und luxuriöser als seine bisherigen Unterkünfte in Andalusien. Auf dem Kopfkissen des breiten Bettes lag ein in glänzendes Papier gewickeltes Stückchen Schokolade, und auf dem Schreibtisch stand eine Schale voller Früchte. Er schaltete den Flachbildschirm an, der an der Wand gegenüber dem Bett hing, und zappte sich durch spanische und französische Kanäle, bis er auf n-tv hängenblieb. Dax minus 1,2 Prozent. Er schob die Gardinen zur Seite, öffnete die Glasschiebetür und trat auf den Balkon.
Die Aussicht war reizvoller als das Börsenprogramm. Zu seinen Füßen lag ein palmenumrandeter Hotelpool, der wohl so manches Münchner Freibad in den Schatten stellte. Nur ein knappes Dutzend Liegen war besetzt, und nach der Hautfarbe der Sonnenanbeter zu urteilen, waren die Gäste gerade dem langen skandinavischen Winter entflohen. Von der Poolbar erklang, durch Palmenwedel gedämpft, Julio Iglesias’ Schnulze »Bésame, bésame mucho«. Westlich der Außenanlage fiel das Gelände steil nach Almuñécar ab, auf der Südseite beinahe senkrecht.
Aus seinem Reiseführer wusste er, dass Almuñécar fünfundzwanzigtausend Einwohner zählte. Der Ort war bereits vor dreitausend Jahren von den Phöniziern gegründet worden. Damals war der Name der heutigen Kleinstadt einprägsamer gewesen: Die alten Phönizier nannten diesen Ort einfach »Sexi«, weshalb die Einwohner auch heute noch von manchen als »Sexitaner« bezeichnet wurden.
Xaver ließ den Blick über die Bucht schweifen. Almuñécar drängte sich an zwei Strände, die sich an einem Felsen trafen, dem Peñon von Almuñécar, auf dessen Spitze ein haushohes Kreuz stand. Etwa zwei Seemeilen hinter dem Peñon ragte eine Landzunge ins Meer, an deren Fuß ein Sporthafen lag. Der Leuchtturm auf dieser Anhöhe wartete auf den Sonnenuntergang, um die ersten Lichtzeichen über das Meer zu senden, und die Abendsonne tauchte die weißen verschachtelten Häuser, die sich von der maurischen Festung im Süden bis zu einer Kirche im Norden einen Hügel hinaufzogen, in pastellfarbenes Licht.
Xaver holte seine Kamera aus der Tasche und hielt diesen Eindruck fest. Vom Balkon aus konnte er den mit 3482 Metern höchsten Berg der Iberischen Halbinsel, den Mulhacén, zwar nicht sehen, aber von seiner Fahrt von Granada an die Küste wusste er, dass auf dessen Gipfel noch Schnee lag, der nun allmählich unter der Frühlingssonne schmolz. Zumindest von hier aus betrachtet, schien Almuñécar der malerischste Ort zu sein, den er bislang auf seiner Andalusienreise entdeckt hatte. Es drängte ihn, durch die engen Gassen zu schlendern und den Ort aus der Nähe kennenzulernen, aber er verspürte auch Hunger und wollte vorher noch eine Kleinigkeit essen.
Er blickte auf seine Uhr. Kurz vor sieben. Zu früh für ein spanisches Abendessen. Er würde im Hotel ein Sandwich essen, sich ein wenig ausruhen und später in Almuñécar noch eine Tapa zu sich nehmen.
Ein Knall ertönte. Xaver beugte sich über die Balustrade. Unten beim Pool war eine Kellnerin damit beschäftigt, Scherben aufzusammeln. Aus einer Flasche, die am Rande des Beckens entlangkullerte, tropfte Flüssigkeit ins Wasser.
Xaver dachte an die Begegnung vor dem Krankenhaus. Inmaculada … In Cádiz hatte er eine Kellnerin getroffen, die den gleichen Namen trug, und sie hatte ihm auch verraten, was dieser Name bedeutete – obschon dieser ganz und gar nicht zu ihrem Erscheinungsbild hatte passen wollen.
Inmaculada – die Unbefleckte.

 

2

 

Inmaculada sah dem Mietwagen nach, der sich rasch entfernte.
»Wer war das denn?«, wollte Paco wissen.
»Ein junger Deutscher«, antwortete sie und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. »Er hat nach dem Weg zum ›Palace‹ gefragt.«
Paco nahm die Mütze ab und kratzte sich an der Stirn.
Inmaculada kannte die Geste – er machte sie meistens, wenn er schlechte Nachrichten überbringen musste.
»Inmaculada«, begann er zögerlich, aber sie nickte nur und erhob sich.
»Wieder nur falscher Alarm«, stellte sie fest.
Paco nickte. »Ja, leider. Unsere Kollegen in Madrid haben alles versucht, aber es hat sich noch keine Spur ergeben, die diesen Hinweis bestätigen könnte. Es tut mir leid, Inmaculada …« Der Polizist sah zu Boden. »Mari Lucia ist sich auch nicht mehr so sicher.«
Inmaculada dachte an die Schwägerin des Bürgermeisters, die sie nur flüchtig kannte: Mari Lucia hatte vor zwei Wochen in Madrid ein Mädchen entdeckt, welches Carmen täuschend ähnlich sah. Angeblich war das Mädchen bei ihrem Anblick erschrocken und so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Sie sei »geflüchtet«, hatte Mari Lucia gegenüber der Guardia Civil behauptet. Die Polizei musste diesem vagen Hinweis natürlich nachgehen, aber Inmaculada hatte schon geahnt, dass die Suche ergebnislos bleiben würde. Selbst vor drei Tagen – also noch vor diesem dubiosen Anruf, als ihre Hoffnung noch nicht erloschen war – hatte sie nicht daran geglaubt, dass sich ihre Tochter in Madrid auf der Flucht befand. Geschweige denn, dass sie sich seit zwei Jahren in der Hauptstadt vor ihrer Familie versteckte.
Die beiden Uniformierten verabschiedeten sich. Sie wollten ohnehin beim Hotel vorbeifahren und schlugen vor, bei dieser Gelegenheit auch Joana über die aktuelle Lage zu informieren. Inmaculada war das nur recht. Sie wollte mit ihrer Tochter nicht mehr darüber sprechen, diese Nachrichten sollten ihr besser die Polizisten überbringen.
Tränen traten in ihre Augen, als sie an ihre Tochter Joana dachte. Der einzige Mensch, der ihr noch geblieben war – und nun hatte sie vor ihr auch noch Geheimnisse.
Inmaculada erhob sich und überquerte die Avenida Juan Carlos in Richtung Altstadt. Sie musste in die Kirche, musste allein sein mit ihren Gedanken und ihrem Schicksal. Es war zum Verzweifeln: Sie konnte sich Joana nicht offenbaren. Aber auch Joana hat ein Anrecht auf die Wahrheit, sagte sie sich, während Passanten sie im Vorbeigehen grüßten, ohne dass sie davon Notiz nahm. Sie musste es ihr einfach sagen.
Der junge Deutsche kam ihr in den Sinn. Sie erinnerte sich, dass sie die Beherrschung verloren hatte. Wieder einmal. Etwas war aus ihr herausgebrochen. Die falschen Worte? Hatte sie etwa ihm, dem Fremden, etwas anvertraut, worüber sie bis jetzt noch mit niemandem gesprochen hatte, nicht einmal mit dem Pfarrer?
Sie konnte sich einfach nicht mehr erinnern. Die vielen Medikamente bewirkten immer öfter Erinnerungslücken.
Oben an der Ecke der Plaza del Ayuntamiento, dem Rathausplatz mitten in der Altstadt, betrat sie eine Apotheke und kaufte die verschriebene Medizin. Dann ging sie zur Kirche hinauf. Sie setzte sich auf eine Bank rechts in der fünften Reihe, dort, wo sie immer saß. Außer ihr waren nur eine andere Witwe und ein junges Urlauberpaar in der Kirche.
Inmaculada faltete die Hände und sprach das Vaterunser. Danach betete sie für ihren verstorbenen Mann und für ihre Töchter Carmen und Joana. Schließlich beendete sie ihre Andacht und ließ ihren Gedanken freien Lauf.
Ihr Entschluss war nur die logische Konsequenz der veränderten Umstände in den letzten Tagen und Wochen. Erst die Beschwerden, dann die Untersuchung: die Gewebeproben, das klärende Gespräch mit dem Arzt und endlich die Gewissheit. Und ein paar Tage später – wie aus heiterem Himmel – der Anruf, auf den sie die letzten beiden Jahre vergeblich gewartet hatte! Wieder Gewissheit oder zumindest die Erlösung aus der Ungewissheit, dachte sie. Aber nur für sie selbst. Niemand sonst wusste davon, auch nicht die beiden Polizisten, mit denen sie eben noch gesprochen hatte. Joana würde davon erfahren müssen. Aber erst danach … wenn es vorbei war. Das war sie ihrer Tochter schuldig. Auch sie sollte den Seelenfrieden bekommen, der sich allmählich in ihr ausbreitete.
Inmaculada stand auf, bekreuzigte sich und zündete an einem seitlich stehenden Altar eine Kerze an. Den Schlitz für den Euro ignorierte sie. Sie war zwar sehr gläubig, konnte aber die Verbindung zwischen Gott und Geschäft nicht leiden. Anschließend trat sie hinaus auf den Vorplatz. Wieder durchzuckten sie Schmerzen. Sie hielt sich den Bauch und krümmte sich über einer Balustrade. Eigentlich sollte sie im Krankenhaus liegen, das hatte sie Joana versprochen. Doch sie durfte noch nicht ruhen.
Noch nicht.

Eduard Freundlinger

Über Eduard Freundlinger

Biografie

Eduard Freundlinger wurde in einem kleinen Dorf in der Nähe von Salzburg geboren, das er mit Anfang zwanzig verließ, um die große weite Welt zu erkunden. Nach Reisen in über fünfzig Länder und einer jahrelangen Segelreise in Südamerika und der Karibik wurde er vor mittlerweile über fünfzehn Jahren...

Weitere Titel der Serie »Andalusien-Krimis«

Packende Krimis von Eduard Freundlinger mit wechselnder Ermittlerfigur, die vor der traumhaften Kulisse Andalusiens spielen.

Pressestimmen

Wiener Journal

»Ein wenig andalusisches Urlaubsflair, einige wirklich gut charakterisierte Figuren (...) ein unterhaltsamer Krimi.«

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