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Parnassia

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Parnassia — Inhalt

Amsterdam 1942. Die Verfolgung der Juden in den Niederlanden wird immer brutaler. Um ihre kleine Tochter in Sicherheit zu wissen, bringen Rivkas Eltern sie bei einem kinderlosen Pfarrersehepaar unter. Erst Jahre später, nach dem Krieg, kehrt ihr Vater zurück, doch aus Rivka ist Anneke geworden, aus der Jüdin eine Christin. Und so bleibt sie bei ihrer neuen Familie, nimmt eine neue Identität an - jene, der sie ihr Überleben verdankt.

Als Anneke sich in Joost verliebt, der ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammt, bricht zum ersten Mal die Vergangenheit wieder auf. Jahrzehnte später trifft sich Anneke nach einer langen Zeit der Entfremdung mit ihrer ältesten Tochter Sandra im Strandlokal »Parnassia« und erzählt ihr nach und nach ihre Geschichte und wie es dazu hat kommen können, dass sie alle, die sie liebten, im Stich ließ, um ein neues Leben zu beginnen.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.10.2012
Übersetzer: Christiane Kuby, Herbert Post
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7555-0

Leseprobe zu »Parnassia«

Prolog
1945

Sie wollte nur noch ein bisschen mit ihren Murmeln spielen.
Hand in Hand mit ihrer Freundin rannte sie die Treppe hinunter.
Der Schulhof war zu klein für den Strom der Kinder,
der sich aus den Türen ergoss. Draußen verbreiterte er sich zu
einem wogenden Meer. Die Kinder schubsten und drängelten,
sie schoben sich zum Tor hinaus, in die schmalen Straßen des
Dorfes hinein. An die Schulmauer gelehnt, wartete sie mit
Connie, bis das Gedränge nachließ.
Sie ließ die Murmeln in ihrer Hand kreisen. Sie liebte das
Gefühl der glatten Oberfläche auf der Haut, wenn [...]

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Prolog
1945

Sie wollte nur noch ein bisschen mit ihren Murmeln spielen.
Hand in Hand mit ihrer Freundin rannte sie die Treppe hinunter.
Der Schulhof war zu klein für den Strom der Kinder,
der sich aus den Türen ergoss. Draußen verbreiterte er sich zu
einem wogenden Meer. Die Kinder schubsten und drängelten,
sie schoben sich zum Tor hinaus, in die schmalen Straßen des
Dorfes hinein. An die Schulmauer gelehnt, wartete sie mit
Connie, bis das Gedränge nachließ.
Sie ließ die Murmeln in ihrer Hand kreisen. Sie liebte das
Gefühl der glatten Oberfläche auf der Haut, wenn sie sie hinund
herrollen ließ. Manchmal steckte sie eine in den Mund
und lutschte daran. Mit der Zunge konnte sie die Oberfläche
noch besser abtasten als mit der Hand. Es gab keinen Namen
dafür, nichts schmeckte so wie Murmeln. Mama hatte gedroht,
sie ihr alle wegzunehmen, sie würde noch an einer ersticken!
Letzte Woche wäre ihr das beinahe passiert, nur der Handstand
gegen die Tür, den sie schon wochenlang übte, hatte sie
gerettet. Die Murmel flutschte aus der Luftröhre heraus, die
Luft, die sie einsaugte, fühlte sich frisch und neu an. Es war
ein herrlicher Moment gewesen. Mama sollte sich nicht so anstellen.
Der Schulhof hatte sich rasch geleert. Die beiden Mädchen
rannten zum Murmelloch. Sie waren die Einzigen. Eigentlich
hätte sie sofort nach Hause gemusst; wenn sie zu lange fortblieb,
machte Mama sich Sorgen. Der Krieg war zwar vorbei,
sie brauchten keine Angst mehr zu haben, der Herr Lehrer hatte
es gesagt. Auf den Straßen hatten sie gefeiert, die Deutschen
waren fort. Aber Mama küsste sie morgens zum Abschied noch
sehr lange, und wenn sie aus der Schule kam, hielt sie am Fenster
nach ihr Ausschau.
Konzentriert hockte sie vor einer imaginären Linie, ihren
besten Klicker in der Hand, den mit den schönen grünen Wellen.
Da legte sich eine Hand auf ihre Schulter. War der Lehrer
ihnen etwa nachgegangen? Wusste er, dass Mama gesagt hatte,
sie solle immer gleich heimgehen? Sie sah hoch und blickte
in die Augen eines bleichen, mageren Mannes. Er schien etwas
sagen zu wollen, aber schaute sie nur mit einem seltsamen
Blick an. Sie stand auf und machte einen Schritt von ihm weg.
Der Mann starrte sie immer noch an, sein Mund zuckte, seine
Wangen waren ganz rot geworden. Neben ihm stand ein Junge,
nicht viel größer als sie selbst, aber doch ein paar Jahre
älter, ungefähr wie die Jungen aus der Fünften. Wer der Mann
war, wusste sie nicht, aber den Jungen, hatte sie den nicht
schon mal gesehen?
Auf einmal sah sie vor sich, wie er hinter ihr herrannte,
sie packte und kitzelte. Wie sie quiekend über den Fußboden
rollten. Sie sah von dem Mann zu dem Jungen. Die beiden sagten
noch immer kein Wort. Warum gingen sie nicht weg? Sie
wollte nach Hause, zu Mama. Sie sammelte ihre Murmeln ein
und drehte sich um.
»Warte doch, Rivka, erkennst du uns denn nicht?« Der
Mann sprach leise und freundlich. Seine Stimme kam ihr bekannt
vor, obwohl da etwas Raues war, was nicht zu der Erinnerung
passte, die jetzt in ihr erwachte. Sie spürte gemeine
Stiche im Bauch.
»Wir haben Verstecken gespielt, weißt du noch?« Der Junge
lachte. Plötzlich wünschte sie sich, er würde sie wirklich
kitzeln.
»Ich heiße nicht Rivka«, sagte sie höflich. »Ich heiße Anneke.
« Dann rannte sie los, vom Hof auf die Straße, um die Ecke,
durch die Zaagstraat und unter dem kleinen Tor hindurch in
die Gasse. Im Garten lehnte sie sich an die kalte Kirchmauer
und verschnaufte. Sie schaute zum Turmhahn hoch. »Nichts
verraten«, flüsterte sie, bevor sie ins Haus ging zu Mama und
zum Tee.

Entlarvt
2007

Wäre ich bloß an dem Montag nicht ans Telefon gegangen.
Ich hatte mich so darauf gefreut, im Garten die schwellenden
Knospen des Blauregens zu betrachten, die Christrose zu bewundern,
ein paar Schneeglöckchen zu pflücken und mit Jean
einen Spaziergang am Strand zu machen.
Das Telefon klingelte zu einer Tageszeit, zu der ich nicht
gern gestört werde. Die Nummernanzeige blinkte hellgrün
auf.
»Sandra, du weißt doch, dass ich morgens …«
»Papa ist gestorben!«
Joost? Ich hatte schon so lange nicht mehr an ihn gedacht.
»Und was soll ich mit dieser Information?«
»Ich dachte, vielleicht … Abschied nehmen oder so?«
»Warum sollte ich das wollen?«
»Weil, na ja … ich habe …«
»Was hast du? Kannst du denn nie einen Satz zu Ende sprechen?«
»Ach nichts, lass nur.«
Sie wollte schon fast wieder auflegen. »Warte. Wo ist er?
Ich komme.« Jeans Augen fixierten mich. Ich legte ihm den
Finger auf die Lippen und hörte mir an, was meine Tochter
mir zu sagen hatte.
Als das Gespräch zu Ende war, traute ich mich kaum, Jean
anzusehen. Sein Blick verriet die vielen Vermutungen und
Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen. Sein Kinn, sonst
meistens bestimmt und selbstsicher, wies kleine Unebenheiten
und Falten auf, die heute früh noch nicht da gewesen waren. Vier Jahre hatte er gewartet. Jetzt würde er seine Fragen
nicht mehr hinunterschlucken, ich erkannte es daran, wie er
Atem holte.
Ich kam ihm zuvor. »Ich muss los. Joost ist gestorben. Mein
Ex. Ich erklär es dir später.«
Den Weg kannte ich in- und auswendig: die Ampeln, die
Bahngleise, die Zuckerfabrik bei Halfweg, die Schornsteine
des westlichen Hafengebiets. Die U-förmigen Metallbögen,
die die Stromkabel trugen, bildeten einen langen, unsichtbaren
Tunnel. Bei Halfweg machte der Bau der Sugar City
Fortschritte: Fröhliche silberne Bienenkörbe waren neben den
düsteren Überresten der Zuckerfabrik hochgezogen worden.
Das Industrieerbe war zum Podium der Künste avanciert. Aber
wer in Halfweg würde sich schon um Kultur scheren? Mir war
eine lebendige Stadt lieber. Halfweg war für mich genau das,
was sein Name besagte: ein Dorf auf halber Strecke zwischen
Haarlem und Amsterdam.
Joost. Tot.
Das Gespräch mit Sandra beschäftigte mich. Besonders der
Satz, den sie gesagt hatte, als ich schließlich doch einwilligte
zu kommen, wollte mir nicht aus dem Kopf.
»Dann musst du dich aber beeilen. Er hat sich ein jüdisches
Begräbnis gewünscht.« Sie hatte so leise gesprochen, dass ich
sie fast nicht verstanden hatte.
»Wieso muss ich mich dann beeilen?«
»Er wird morgen beerdigt. Die Leute von der ChewraKadischa,
du weißt schon, die den Toten waschen und so,
sind schon unterwegs.«
»Das weiß ich doch nicht?!«
»Na ja, ich dachte …« Wieder dieses Gestammel.
»Schon gut, ich hab ja gesagt, dass ich komme.«
Noch während sie mir den Weg erklärte, bereute ich meine
Zusage schon wieder. Jeans fragender Blick hätte mich zur
Besinnung bringen müssen, aber das heftige Verlangen, Joost
noch einmal zu sehen, kam aus dem Bauch und war stärker
gewesen als alle Vernunft. Ich hatte rasch eine Tasche gepackt,
Jean einen Kuss zugeworfen und war losgefahren.
Das Pflegeheim lag an der Ecke des Amsteldijk und der Ceintuurbaan.
Als sich die Schiebetüren öffneten, schlug mir die für
Altersheime typische Hitze entgegen. Noch hätte ich in meine
so sorgfältig konstruierte Wirklichkeit zurückkehren können.
Ich streckte die Arme aus, als wollte ich die warme Luft zur
Seite schieben. Jemand ergriff meine Hände. »Ist alles in Ordnung?
Zu wem möchten Sie?«
Ich murmelte Joosts Namen.
»Ach, herzliches Beileid. Ich bringe Sie hin.«
Vor mir lag ein langer Flur. An Joosts Türpfosten war, wie
an manchen anderen Türen, ein kleiner, zierlicher Behälter angebracht.
Fast hätte ich ihn berührt, als erinnerten sich meine
Finger an eine Gewohnheit aus einer weit zurückliegenden
Vergangenheit.
Rasch zog ich die Hand zurück. Die Pflegerin schob mich
sanft ins Zimmer. Sandra saß still da. Ein Kerzenleuchter versperrte
mir die Sicht auf Joost. Auch jetzt hätte ich noch umkehren
können. Es war warm und es roch nach Kerzen. Und
nach Joost. Mein Körper erinnerte sich an seinen Geruch,
mein Mund schmeckte seinen Geschmack. Auf Zehenspitzen
ging ich zu ihm. Durch die Maske des Alters und des Todes
hindurch erkannte ich das Gesicht von vor vierzig Jahren.
Ich beugte mich über ihn. Auch im Tod übte er noch eine
magische Anziehungskraft auf mich aus, mein Körper wollte
zu ihm, wollte sich auf ihn legen. Ich konnte mich gerade
noch beherrschen. Sandra hatte die Augen weit aufgesperrt,
sie schien etwas sagen zu wollen. Aber was verstand sie schon
von der Liebe zweier Körper, deren Charaktere nicht zueinanderpassten?
Was wusste sie schon von Narben, die bei jeder
Berührung wieder zu brennen anfingen?
»Sie kommen ihn gleich waschen, da willst du bestimmt
nicht dabei sein.«
»Ich bleibe noch etwas. Wer kommt? Woher wusstest
du …« Ich sah mich im Zimmer um. Auf einem Tischchen lag
eine Thorarolle, daneben eine bestickte Kippa. War Joost im
Alter zu seinen Wurzeln zurückgekehrt?
»Ich habe ihm seinen Tallit hingelegt, seinen Gebetsmantel
«, sagte Sandra. »Aber das weißt du ja alles«, zischte sie.
»Woher sollte ich?«
Sandra schwieg. Sie hatte offenbar beschlossen, mich von
nun an zu ignorieren. Die Strategie aus ihrer Kindheit.
Die Pflegerin ließ vier Männer herein. Wir stellten uns vor.
»Jonathan hat von Ihnen gesprochen.« Der Mann sah mich
freundlich an. Am liebsten wäre ich gegangen. Einer der Männer
blies die Kerzen im Leuchter aus. Er zündete ein Öllämpchen
an und stellte es neben Joosts Kopf. Sandra schien ganz
aufgeregt. Der Älteste der vier nickte ihr zu. »Die Menora ist
für andere Gelegenheiten da. Wir wachen mit einem kleinen
Licht.« Er nahm weiße Gewänder aus einer Tasche. Die Vorbereitungen
begannen. Die Männer bewegten sich langsam
und feierlich, sie lächelten die ganze Zeit. Sandra schaute gebannt
zu. Sie schien mich völlig vergessen zu haben.
»Ich gehe. Wo und wann ist die Beerdigung?« Ich stand
schon an der Tür.
Die Männer nickten mir zu. »Morgen früh um zehn, auf
dem Friedhof in Diemen.«
Grußlos verließ ich das Zimmer.
Die Amstel glitzerte im nachmittäglichen Winterlicht. Hatte
Joost diese Aussicht oft genossen? Ich erinnerte mich nicht
mehr, ob das Fenster in seinem Zimmer auf den Fluss hinausging.
Ich schaute auf die Uhr. Nach Haarlem zurückzufahren
und Jean unter die Augen zu treten war ein Ding der Unmöglichkeit.
Ich schaltete mein Handy ein und sah, dass er versucht
hatte, mich anzurufen. Das Display leuchtete auf. Wieder
Jean. Schnell drückte ich ihn weg. Er würde Fragen stellen,
Fragen, auf die ich keine Antworten hatte, er würde kommen
wollen. Ich tippte eine SMS. Morgen 10 Uhr Beerdigung. Ich nehme
ein Hotelzimmer. Am späten Nachmittag bin ich wieder da. Kuss. Ich verschickte
die Nachricht und schaltete das Handy aus.
Ich beschloss, das Auto stehen zu lassen, und entfernte
mich von dem Ort, an dem Joost lag oder Jonathan, wie er sich
wohl in den letzten Jahren genannt hatte. Die Sonne wärmte
mir den Rücken, als ich an der Amstel entlangging. Es dürfte
nicht besonders schwierig sein, ein Hotelzimmer zu finden,
es war Montag und Januar. Ich hatte schon mehrere Grachten
überquert, von der gegenüberliegenden Seite starrte mich die
Stopera an. Ich blieb vor einem Hotel mit einer einladenden
Glasfassade im Eingangsbereich stehen.
»Ein Einzelzimmer bitte.« Ich schaute mich um, ob andere
Gäste mich gehört haben konnten, aber das Foyer war leer.
Der Mann hinter der Rezeption starrte minutenlang auf
seinen Bildschirm, bevor er antwortete. »Da haben Sie Glück.«
Ich nahm den Schlüssel und ging in den Aufzug. Die Spiegelwand
konfrontierte mich mit dem, was ich geworden war:
eine alte Frau mit verschreckten Augen und ungepflegtem
Haar. Rasch steckte ich ein paar graue Strähnen fest. Ich strich
über die Falten um meine Augen und kniff mir fest in die
Wangen. Zwei sternförmige rote Flecken verdeckten die vielen
blauen Äderchen. Der Aufzug hielt im dritten Stock. Mein
Zimmer ging zur Gracht hinaus.

Josha Zwaan

Über Josha Zwaan

Biografie

Josha Zwaan schreibt regelmäßig für Zeitungen und arbeitet zudem als Coach und Prozessbegleiterin. Sie hat sich intensiv mit dem Schicksal jüdischer Kinder auseinandergesetzt, die den Holocaust in christlichen Pflegefamilien überlebten und nach dem Krieg in diesen Familien blieben. Ihr Debütroman...

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