Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Osiris Ritual

Osiris Ritual

Roman (Newbury & Hobbes 2)

E-Book
€ 9,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Osiris Ritual — Inhalt

Das erfolgreichste Ermittlerduo der Krone, Sir Maurice Newbury und Veronica Hobbes, hat einen neuen Auftrag, denn London wird von mysteriösen Todesfällen heimgesucht: Junge Frauen verschwinden spurlos, nachdem sie die Show eines berühmten Zauberkünstlers besucht haben. Und ein bedeutender Kunstmäzen wird nach der öffentlichen Präsentation einer echten Mumie brutal ermordet. Während Newbury das Geheimnis der Mumie zu ergründen versucht, verstrickt er sich in okkulte Intrigen, die ihn in die tiefsten Tiefen der menschlichen Natur führen. Und dann gerät auch noch seine Assistentin Veronica Hobbes in höchste Gefahr, als sie die doppelte Falltür des Illusionisten durchschaut. Kann Newbury gleichzeitig London und seine Assistentin retten? Oder wird das Osiris-Ritual alles vernichten?

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.11.2014
Übersetzer: Jürgen Langowski
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98170-5

Leseprobe zu »Osiris Ritual«

London, Februar 1902

 

George Purefoy war spät dran.

Der junge Reporter eilte mit ­gezücktem Notizblock die Straße ­hi­nunter. Immer wieder wich er den anderen Passanten aus, die ihn beunruhigt beobachteten, wie er ­einem panischen Tier gleich vor­beihetzte, als wäre ihm eine unsicht­ba­re Hundemeute auf den Fersen. Der schneidende Wind peitschte ihm die blonden Haare in die Augen. Sein Anzug war verknittert, und zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen. Dies war der bislang bedeutendste Auftrag in ­seiner Karriere, und es sah ganz danach aus, [...]

weiterlesen

London, Februar 1902

 

George Purefoy war spät dran.

Der junge Reporter eilte mit ­gezücktem Notizblock die Straße ­hi­nunter. Immer wieder wich er den anderen Passanten aus, die ihn beunruhigt beobachteten, wie er ­einem panischen Tier gleich vor­beihetzte, als wäre ihm eine unsicht­ba­re Hundemeute auf den Fersen. Der schneidende Wind peitschte ihm die blonden Haare in die Augen. Sein Anzug war verknittert, und zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen. Dies war der bislang bedeutendste Auftrag in ­seiner Karriere, und es sah ganz danach aus, als sollte er gründlich schief­gehen.

Purefoy sprang um einen roten Briefkasten ­herum, wäre beinahe mit einem älteren Gentleman, der einen Zylinder trug, zusammengeprallt, und raste endlich um eine Biegung der Straße. Ein Stück voraus erkannte er nun das Albion House, Lord Henry Winthrops Heim. Ein heller gelber Schein fiel aus den Fenstern auf die Straße, und ­bereits aus gut dreißig Schritt Entfernung konnte man den Lärm der Party hören, eine Kakophonie menschlicher Stimmen, die den sonst so stillen Londoner Abend störte.

Purefoy lief langsamer, um wieder zu Atem zu kommen. Er rang einen Moment um seine Fassung, strich sich das Jackett glatt und rückte die Krawatte zurecht. Kleine Regentropfen spritzten ihm ins Gesicht. Immer noch trafen Gäste vor dem großen Haus ein. Er kam zwar eindeutig zu spät, hatte aber offenbar das Hauptereignis noch nicht verpasst. Das hoffte er jedenfalls, denn sein weiterer Werdegang als Reporter hing davon ab.

Purefoy war aus der Redaktion quer durch die Stadt hierher geeilt, um dem wichtigsten gesellschaftlichen Ereignis des Jahres beizuwohnen : der Rückkehr des Forschers und Philanthropen Lord Henry Winthrop von seiner Expedition nach Ägypten. An diesem Abend sollte auch seine bedeutendste Entdeckung der Öffentlichkeit vor­gestellt werden : die mumifizierten sterblichen Überreste eines alten thebanischen Herrschers. In den letzten Wochen hatte es um die erfolgreiche Expedition nicht zuletzt deshalb viel Aufhebens gegeben, weil Winthrop behauptet hatte, bei der Mumie handele es sich um ein einzigartiges Exemplar. Sie sei äußerst kostbar ausgestattet und trage angeblich seltsame Abzeichen, die sämtlichen ­Experten im British Museum, mit denen sich der Forscher bisher beraten hatte, völlig unbekannt seien. Der Fund war das Stadtgespräch in London, und an diesem Abend wollte Winthrop vor handverlesenem Publikum den vor langer Zeit verstorbenen König aus den Bandagen befreien.

Sehr zum Leidwesen seiner Reporterkollegen war ausgerechnet Purefoy auserwählt worden, um für die Times über das Ereignis zu berichten. Dies hatte er seinem unlängst erschienenen aufsehenerregenden Beitrag über die Wiedergängerseuche zu verdanken, eine Krankheit aus Indien, die schon vor Weihnachten in den Elendsvierteln ausgebrochen war. Darin hatte er auch die Absicht der ­Regierung angeprangert, der Bevölkerung die Tat­sache zu verheimlichen, dass die Krankheit immer noch ungehindert in London grassierte. Natürlich war er an diesem Abend früh genug aufgebrochen, hatte zuvor eigens seinen besten Anzug ­ausgewählt und einen nagelneuen Notizblock vom Stapel genommen. Dann hatte ­jedoch ein paar Straßenecken vor dem Ziel die Omnibahn bebend angehalten, und unter den Fahrgästen hatten Gerüchte die Runde gemacht, ein Pferd sei durchgegangen, der Wagen sei umgestürzt, und die Ladung aus Lumpen und Knochen blockiere vor ihnen die Straße. Purefoy hatte es sowieso nicht mehr weit gehabt und nicht ­darauf warten wollen, dass die Ingenieure die Fahrbahn räumten, weil er dann mit Sicherheit zu spät gekommen wäre. So hatte er die Sache selbst in die Hand genommen und den restlichen Weg zu Fuß zurückgelegt. Als er endlich unbehaglich, durchnässt und mit Verspätung eintraf, bekam er ernste Zweifel, ob der Auftrag am Ende nicht doch eher ein Fluch als ein Segen war.

Purefoy ging schneller. Zu beiden Seiten der ­breiten Straße ragten Herrenhäuser auf. Dieser ­Bezirk Londons war ihm ebenso unvertraut wie die Elendsviertel, über die er gewöhnlich berichtete. Die Bewohner der riesigen Villen bewegten sich in gesellschaftlichen Kreisen, zu denen er keinen ­Zutritt hatte. Er war recht nervös, da er sich nun unter solchen Gentlemen, Lords und ­Ladys behaupten musste. Zugleich war er auch gespannt, was Lord Winthrop aus dem Nahen ­Osten mitgebracht hatte, und wollte natürlich keinesfalls die Enthüllung des Pharaos verpassen.

Am Fuße der Treppe wartete er höflich und ließ eine Dame in wallendem beigefarbenem Kleid aus einer privaten Kutsche aussteigen. Sie lächelte ihn freundlich an, als er Platz machte und sie als Erste das Haus betreten ließ. Dann beobachtete er, wie der Butler am Eingang die Einladung der Dame überprüfte und sie hineinführte. Wenn er sah, wie hier bereits die Diener gekleidet waren, fühlte Purefoy sich erbärmlich schlecht angezogen. Er überprüfte noch einmal den Anzug und fand ihn schrecklich verknittert. Feucht war er obendrein. Seufzend klopfte er die Taschen ab und fand die Einladungskarte. Unsicher stieg er die Treppe hi­nauf und zeigte sie dem älteren Diener mit dem schütteren Haar, der Pure­foy von oben bis unten musterte und eine Augenbraue hochzog, ehe er die Karte überprüfte.

» Ah ja, Sir, Sie kommen von der Times. Hier entlang, bitte. « Die ganze Haltung des Mannes hatte sich nach dem Anblick der Einladung schlagar­tig verändert. Purefoy betrachtete ihn neugierig. Es war schwer zu sagen, ob der Butler sein zuvor recht hochmütiges Gehabe aufgegeben hatte, weil er so große Achtung vor der Zeitung empfand, oder ob er die Erwartungen heruntergeschraubt hatte, da er nun wusste, dass Purefoy lediglich ein Reporter war. Egal, dies spielte so oder so keine Rolle. Er folgte dem Butler durch den großen Vorbau, der mit beeindruckendem Buntglas und Minton-Fliesen ausgestattet war, und trat durch die Innen­tür, die der Butler ihm am anderen Ende aufhielt, ins Haus. Gleich darauf stand er in der riesigen ­Eingangshalle, wo der Empfang bereits in vollem Gange war.

Purefoy blickte sich erstaunt um. So etwas hatte er im Leben noch nicht gesehen. Eine mächti­ge Treppe dominierte den Raum. Die geschwun­­ge­nen Geländer öffneten sich weiter oben zu einer Ga­lerie, von der aus man in die belebte Halle ­hi­nabblicken konnte. Auf dem gefliesten Boden standen in regelmäßigen Abständen gläserne Vitrinen, in denen die wundervollsten goldenen Schätze aus der Grabstätte des mumifizierten ­Königs aus­gestellt waren. Die mit Getränken versorgten Gäste drängten sich zwischen den Vitrinen, gaben gurrende Laute von sich, warfen einander verstohlene Blicke zu und sahen rasch wieder weg. Purefoy hätte beinahe laut gelacht. Es entsprach haargenau sämtlichen Klischees, die er kannte, und war sogar noch opulenter und extravaganter, als er es sich je hätte ausmalen können. Die Frauen schwebten in prächtigen bunten Seidenkleidern dahin und hielten die Trinkgläser vor sich wie Talis­mane. Die Männer wirkten mit ihren Abendan­zügen eher streng und standen in kleinen Gruppen beisammen, um sich mit gedämpften Stimmen zu unterhalten. Das hier, dachte Purefoy bei sich selbst, das hier ist die Creme der Londoner Gesellschaft, alle in einem einzigen Raum versammelt. Er war nicht sicher, ob er mit einem Schwindelgefühl oder doch lieber mit Entsetzen reagieren sollte.

Ein wenig verloren sah er sich nach jemandem um, den er kannte. Einige Gesichter hatte er schon einmal auf Portraits und Fotografien betrachtet, doch es geziemte sich nicht, diese Leute ohne förmliche Vorstellung einfach anzusprechen. Er blickte zur Galerie hinauf, wo Lord Winthrop persönlich am Geländer lehnte und das Treiben beobachtete. Der Gastgeber lächelte breit, und als er Purefoys Blick bemerkte, winkte er dem Reporter kurz zu. Dann löste er sich vom ­Geländer und schlenderte zur Treppe.

Purefoy war Lord Winthrop bisher nur ein ein­ziges Mal begegnet. Der Lord hatte in der vergangenen Woche die Redaktion der Times aufgesucht und mit dem Chefredakteur den Exklusivbericht über seine Funde verabredet. Er war ein leutseliger Kerl von entgegenkommendem Benehmen, doch Purefoy war nicht naiv und vergaß keineswegs, dass Winthrop vor allem deshalb geradewegs auf ihn ­zusteuerte, weil er für die Morgenaus­gabe über das Ereignis berichten sollte. Purefoy lächelte und gab dem Lord die Hand, während sich die anderen Gäste umdrehten und sich fragten, wen ihr Gastgeber nun gerade mit seiner Aufmerksamkeit beehrte.

» Mister Purefoy ! Wie schön, Sie zu sehen ! Gefällt Ihnen die Party ? « Lord Winthrop war ein großer, kräftiger Mann mit breiten Schultern, ­einem langen, ergrauten Bart und zurückweichendem Haaransatz. An den Wangen und um die Hüften hatte er etwas angesetzt, und sein Tonfall war durchaus freundlich, aber übertrieben ­jovial.

Purefoy lächelte. » Leider bin ich gerade erst angekommen. Ein Unfall auf der Straße, ich musste den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen. Hoffentlich habe ich das Hauptereignis nicht verpasst. «

Winthrop klopfte Purefoy beruhigend auf die Schulter. » Keineswegs, guter Mann. Keineswegs. Der Thebaner wurde vor viertausend Jahren eingewickelt, und ich würde sagen, es besteht keinerlei Grund, es jetzt zu überstürzen. Aber nun wollen wir Ihnen zuerst einmal etwas zu trinken besorgen … «

Winthrop deutete kichernd auf die Statuen, die an der Rückwand links und rechts neben der Treppe auf Podesten standen. Fasziniert sah Purefoy zu, wie eine von ihnen herabstieg, ein Tablett mit Getränken von einem Tisch nahm und mit ­ruckenden Bewegungen zu ihnen kam. Er hatte angenommen, die Statuen gehörten zu der Ausstellung, und Winthrop und sein Team hätten sie von der Expedition mitgebracht. Der mechanische Diener, der sich ihnen jetzt näherte, war vom Scheitel bis zur Sohle ein makelloses Ebenbild ­eines ­altägyptischen Standbilds und trug sogar ­einen geschnitzten Kopfputz. Die Augen waren leer und starr.

Winthrop lachte, als er die Miene des jungen ­Reporters bemerkte. » Guter Junge, haben Sie denn noch keinen dieser neuen osmanischen Automaten gesehen ? «

Purefoy schüttelte den Kopf.

» Die sind der letzte Schrei. Viel besser als die schrecklichen britischen Apparate, die wir im letzten Jahr hatten. Nein, die hier sind wirklich wundervolle Maschinen. Schauen Sie. « Er winkte dem Automaten, als dieser sich näherte, und ­Purefoy konnte mit offenem Mund zuschauen, wie Win­throp eine Champagnerflöte vom angebotenen ­Tablett nahm. » Unter dem Gehäuse befinden sich ­unschöne Anordnungen von Zahn­rädern und so weiter. Das Äußere ist mit Porzellan verkleidet, ­dessen Gestaltung man frei wählen kann. Ich ließ diese hier im Stil der zwölften Dynastie her­­­­rich-ten. Sind sie nicht bemerkenswert ? Richtiggehende ­lebende Statuen. «

Purefoy nahm das angebotene Champagner­glas entgegen und trank einen großen Schluck. » Ja, sie sind äußerst beeindruckend. « Das bizarre Ding bahnte sich einen Weg durch die Menge, um das Tablett an seinen Platz zurückzustellen, dann stieg es neben den Kollegen auf sein Podest. Der Reporter betrachtete es noch einen Moment und bemerk­te unbehaglich, wie gut es da mit dem Hintergrund verschmolz und von dem anderen unbeweglichen Inventar nicht mehr zu unterscheiden war. Er unterdrückte ein Schaudern. ­Purefoy konzen­trierte sich wieder auf Winthrop, der schon eine ganze Weile auf ihn einredete.

» … und das dort sind Lord und Lady Buchanan, die gerade mit Sir David und dessen Gattin reden. O ja, und dort drüben ist Sir Maurice Newbury und untersucht die Uschebti-Idole in der Vitrine. Ich würde sagen, das passt ganz hervorragend. Sie müssen Sir Maurice unbedingt kennenlernen. Kommen Sie. Ich bin sicher, dass er sich darüber freut, mit einem Mitarbeiter der Times zu plaudern. «

Winthrop führte ihn durch die Menge zu einem Mann, der allein neben einer Vitrine stand und die ausgestellten Objekte genau betrachtete. Der Gast wirkte nachdenklich, das Champagnerglas in seiner linken Hand war anscheinend unberührt. Zerstreut hob er den Kopf, als Winthrop und Purefoy sich ihm näherten, und lächelte, sobald er den Gastgeber erkannte. Er kam hinter der Vitrine hervor. Erst jetzt konnte Purefoy ihn gründlich in Augenschein nehmen. Der Mann trug einen maßgeschneiderten schwarzen Anzug mit weißem Hemd und Fliege. Die Haare waren pechschwarz und aus der Stirn zurückgekämmt, über der Habichtsnase strahlten grüne Augen. ­Purefoy schätzte ihn auf Mitte dreißig, möglicher­weise etwas älter.

Newbury streckte die Hand aus, und Winthrop schlug kräftig ein. » Lord Winthrop. Freut mich, Sie wiederzusehen. Ich hoffe doch, Ihnen ist im Nahen Osten nichts zugestoßen, und Sie sind ­unversehrt zurückgekehrt ? «

Winthrop nickte lebhaft. » Alles in bester Ordnung, Sir Maurice, ich kann nicht klagen. Wie ich sehe, bewundern Sie meine kleine Sammlung. «

» In der Tat. Da haben Sie aber in der Wüste eine erstaunliche Entdeckung gemacht, Henry. Be­sonders faszinierend finde ich die Verzierungen dieser vier Uschebti-Figuren. « Er hielt inne und schien Purefoy, der etwas abseits stand und Champagner nippte, erst jetzt zu bemerken. » Oh, wie unhöflich von mir. « Er trat zu dem Reporter und gab auch ihm die Hand. » Bitte verzeihen Sie mir, Mister … ? «

» Purefoy. George Purefoy. «

» Bitte verzeihen Sie mir, Mister Purefoy. Ich lasse mich leider immer völlig mitreißen, wenn es so exquisite Objekte wie diese hier zu studieren gibt. «

Purefoy lachte über die Verlegenheit des Mannes. Offenbar hatte ja Lord Winthrop einen Fauxpas begangen, als er es versäumt hatte, sie einander vorzustellen, doch Purefoy rechnete es dem Gast hoch an, dass er den Fehler auf seine Kappe nahm. » Keine Ursache, Sir Maurice. Sehr erfreut. «

Winthrop klatschte in die Hände und lachte laut. » Wundervoll ! Maurice, Purefoy ist Reporter bei der Times. Er schreibt für die Morgenausgabe einen Bericht über unsere kleine Abendgesellschaft. «

Newbury lächelte ein wenig verschlagen und wissend. » Wirklich ? Haben Sie sich denn schon überlegt, wie Sie den Beitrag aufziehen wollen ? «

Purefoy blickte verunsichert zum erwartungsvoll lächelnden Winthrop und legte nachdenklich den Kopf schief. » Bisher ist mir noch nichts eingefallen. Es kommt wohl sehr darauf an, was ich von dem Hauptstück halte. « Er überlegte kurz und blickte zu der versammelten Gästeschar. » Aber es wird sicherlich für uns alle eine spek­takuläre Enthüllung sein. «

Winthrop machte einen Schritt auf ihn zu und klopfte ihm eine Spur zu herzhaft auf die Schulter. » Das können Sie wohl sagen, mein guter Junge ! Zweifeln Sie ja nicht daran. Aber jetzt muss ich Lady Worthington da drüben begrüßen. Sie kommt mir zwischen den Gesichtsurnen doch ein wenig ver­loren vor. Ich überlasse Sie einstweilen Sir Maurice, der Ihnen sicherlich viel Interessantes zu erzählen weiß. « Damit entfernte er sich und richtete die Aufmerksamkeit ganz und gar auf die andere Seite des Raums. Purefoy machte Platz und ließ ihn vorbei. Als er hinter sich Lord Winthrops dröhnendes Organ vernahm, musste er lächeln. » Lady Worthington ! Hier drüben bin ich, meine Teuerste ! «

Newbury beugte sich verschwörerisch zu Purefoy vor und senkte die Stimme. » Ein netter alter Kerl, nur ein bisschen zu sehr von der eigenen Großartigkeit eingenommen, wenn Sie verstehen, was ich meine. «

» Durchaus. « Purefoy lachte auf.

» Aber das werden Sie doch hoffentlich nicht drucken, oder ? «, fragte Newbury nicht ohne Sorge.

Purefoy schüttelte den Kopf. » Gewiss nicht, Sir Maurice. Ihr Kommentar bleibt unter uns. «

Newbury lachte. » Ausgezeichnet ! « Er nippte am Champagner. » Hat man Sie eigentlich schon über das informiert, was hier wirklich passieren wird ? «

Purefoy runzelte die Stirn. » Ich bin nicht ganz sicher, ob ich Sie recht verstehe. «

» Dann fasse ich das mal als ein Nein auf. « Grinsend winkte Newbury den Reporter zu sich. » Bleiben Sie da einen Moment stehen, und dann sagen Sie mir, was Sie sehen. «

» Eine Menge bestens gekleidete Menschen, die zusehen wollen, wie eine viertausend Jahre alte Mumie aus Theben enthüllt wird. «

Wieder lachte Newbury. » Ich dachte mir schon so etwas. «

» Wieso, was ist es denn für Sie ? «

» Ich betrachte eine Gruppe von Menschen, die sich unbedingt in der Öffentlichkeit zeigen wollen und die sich für einen toten alten Mann fein zurechtgemacht haben. Ich erkenne keinen Ein­zigen, der sich wirklich für das interessiert, was unter den alten Bandagen zum Vorschein kommen mag, ganz zu schweigen von den Ausstellungsstücken in den Vitrinen. Niemand hier gibt auch nur einen Deut auf Ägypten oder Winthrops Expedition. Die Londoner Gesellschaft ist vor ­allem ein Spiel, Mister Purefoy, und es ist kein schönes Spiel. Es geht darum, gesehen zu werden und bei den passenden Anlässen sein Gesicht vorzuzeigen. Deshalb sind all die Leute hier versammelt, und genau deshalb hat Winthrop sie ein­geladen. Er mag den Pomp. «

» Warum sind Sie dann hier, Sir Maurice, wenn Sie doch alles so ermüdend finden ? «

» Ah, das ist eine gute Frage «, erwiderte Newbury lächelnd. » Ich könnte Ihnen erzählen, ich sei hier, weil ich ein wissenschaftliches Interesse an diesem Thema habe. Oder dass ich die Expe­ditionsberichte, die beim British Museum eingereicht wurden, faszinierend finde und nun genau wissen will, was sie dort im heißen Sand gefunden haben. Oder so­gar, dass ich es spannend finde, wenn uralte Artefakte zum ersten Mal seit Jahrtausenden enthüllt werden. Um ehrlich zu sein, wahrscheinlich bin ich ­genauso übel wie alle ­anderen hier. Ich trinke den dargebotenen Champagner und schlendere vor den versammelten Hofberichterstattern umher wie ein eitler Pfau. «

Purefoy kicherte. » Jetzt weiß ich, dass Sie die ­reine Wahrheit sagen. «

Lachend tranken sie noch einen Schluck Champagner.

» Sehen Sie die drei Burschen, die da drüben so vertraulich beisammenstehen ? «

Purefoy spähte über Newburys Schulter. » Ah ja. Ich sehe sie. « Es waren drei Männer in mittleren Jahren, die Zylinder und schwarze Fräcke trugen. Sie standen am Durchgang zum Salon, gestikulierten leidenschaftlich und waren offenbar in eine hitzige Debatte vertieft.

» Nun, bei denen stellt sich die Sache ganz ­anders dar. Sie haben an Winthrops Expedition teilgenommen und ihm geholfen, all die wundervollen Dinge aus der Grabstätte zu bergen, und ich möchte wetten, dass sie ihm auch helfen werden, den alten Priester auszuwickeln. «

» Ein Priester ? Ich dachte, es sei ein Pharao. «

Newbury zog eine Augenbraue hoch. » Hm. Wenn man gewisse Objekte hier betrachtet, wird deutlich, dass die Person in dieser Hülle niemals ein König war. Zudem gibt es vermutlich sehr gute Gründe dafür, dass die Grabräuber die Gruft so lange in Ruhe gelassen haben. Es muss in Zu­sammenhang mit der Bestattung etwas geben, das Winthrop uns nicht verrät. Wie auch immer, wir werden es gewiss bald erfahren. Da kommt auch schon unser Gastgeber … «

Purefoy drehte sich um und entdeckte Winthrop am Fuß der prächtigen Treppe. Der Mann klatschte dreimal laut in die Hände, worauf die versammelten Gäste verstummten.

» Lords, Ladys, Gentlemen, willkommen. Ich hof­fe, Ihre Gläser sind ordentlich gefüllt. Wir werden nun damit beginnen, die mumifizierten Überreste unseres thebanischen Königs zu enthüllen. Wenn Sie sich dazu bitte im Salon einfinden wollen ? Mein Kollege Mister Wilfred Blake «, Winthrop ­deutete auf die drei Männer, die Newbury zuvor ­erwähnt hatte, » wird Ihnen gern alles erklären, während wir uns unserer Aufgabe widmen. Wir beginnen sogleich. Vielen Dank. «

Es gab einen kurzen Applaus, dann kam wieder Leben in die Gesellschaft, und die Gäste strömten zu der großen weißen Doppeltür, die zum Salon führte. Purefoy wandte sich an Newbury, der rasch das Champagnerglas leerte und dem Reporter winkte, ihm zu folgen. » Kommen Sie. Wir wollen einen guten Platz ergattern. «

Der Reporter schob den Notizblock in die Jacken­tasche und stellte das nicht ganz geleerte Glas auf einem Tischchen ab, um Newbury durch die Reihen der Vitrinen zum Salon zu folgen. Alle mög­lichen Größen der Gesellschaft tummelten sich in der Nähe, als wäre der nun beginnende Programmpunkt der Abendunterhaltung ein Ereignis, das sie notgedrungen lächelnd über sich ergehen lassen mussten, ehe sie wieder miteinander plaudern und anstoßen konnten. Newbury dagegen brannte of­fen­bar darauf, sich mit Purefoy bis ganz nach vorn zu zwängen, und als sie endlich die Schwelle des großen Salons überschritten hatten, fiel es ­ihnen tatsächlich nicht schwer, fast am Kopfende des Tischs einen Platz zu finden.

Purefoy nahm sich einen Moment Zeit, den Raum zu betrachten. Die Vorhänge waren vorge­zogen, um das dämmernde Tageslicht abzuhalten, als Beleuchtung dienten eine Reihe flackernder Gaslampen, die das Zimmer in einen weichen gelben Schein tauchten. An der hinteren Wand ragten dunkle hölzerne Bücherregale voller staubiger ­alter Wälzer auf, die im schwachen Licht kaum voneinander zu unterscheiden waren. Die Gäste hatten einen lockeren Kreis um den langen Tisch gebildet und tuschelten miteinander. Purefoy kostete den Moment aus, als er neben Newbury seinen Platz fand.

Das dominierende Objekt im Raum war natürlich der hölzerne Sarkophag des alten Ägypters. Er lag auf dem Tisch, war in etwa den Formen des ­Besitzers nachgebildet und bot einen wunder­vollen Anblick. Jeder Fingerbreit war mit komp­lizierten Mustern und Zeichnungen geschmückt. Die Handwerker, die ihn geschaffen hatten, mussten wahre Meister ihres Fachs gewesen sein, was umso beeindruckender war, da sie bereits vor ­viertausend Jahren gelebt hatten. Blattgold schimmerte im warmen Licht der Gaslampen, blaue Tinte und eingearbeitete Edelsteine er­gänzten den Schmuck. Auf den Rumpf und die Beine des Sargs waren lange Kolonnen schwarzer Hie­roglyphen gemalt, darüber prangten in Rot un­gewöhnliche Zeichen, welche die ursprüng­liche Schrift zu einem großen Teil überdeckten. Die rote Tinte war ein wenig verblichen, und so war klar, dass die Markierungen historischen Ursprungs und von Winthrop und seinen Männern während der Expedition nicht angerührt worden waren.

Purefoy beugte sich vor, um das Gesicht zu betrachten, das in den hölzernen Deckel geschnitzt war. Die Augen starrten leer zur Decke hinauf und verrieten nichts über den Besitzer des Sarkophags. Die stark stilisierte Miene vermochte keinen treffenden Eindruck von dem damals lebenden Menschen zu vermitteln.

Newbury beugte sich herüber und flüsterte dem Reporter etwas ins Ohr. » Haben Sie so etwas schon einmal gesehen ? «

Purefoy schüttelte den Kopf.

» Nun, ich hoffe, Sie sind nicht zimperlich. ­Jedenfalls ist es ein faszinierendes Gebiet, wirklich faszinierend. Ich glaube, wir werden eine Überraschung erleben. « Wieder zog er die Augenbrauen hoch und lächelte Purefoy verschwörerisch an.

Der Reporter sah sich um. Die anderen Gäste hatten sich hinter ihnen versammelt. Die meisten hatten ihre Gläser mitgebracht, im weichen Licht schimmerten die Gesichter. Purefoy verschränkte die Arme hinter dem Rücken und wartete.

Gleich darauf ging ein Raunen durch die Menge, denn die vier Expeditionsmitglieder kamen ­­­
herein. Sie hatten die Anzugjacken und Hüte abgelegt, die Hemdsärmel hochgekrempelt und Lederhandschuhe und Schürzen angelegt. Winthrop und Blake traten als Erste an den Tisch, die anderen ­beiden Männer schufen ihnen Platz und ba-ten die Zuschauer, ein wenig zurückzutreten. Win­throp hatte ein bizarres Gerät mitgebracht, das sich als mechanische Sehhilfe entpuppte. Einer Brille ähnlich wurde es mithilfe eines Drahtgerüsts auf dem Kopf befestigt. Der Forscher klappte sich Linsen vor die Augen und fummelte mit einem Werkzeug an den Seiten herum, bis sie scharfgestellt waren. Als die Vorbereitungen abgeschlossen ­waren, trat Winthrop an den Sarg. Blake eilte zum Kopf­ende des Tischs, um das Publikum zu informieren. Er räusperte sich, worauf das Getuschel der Zuschauer erstarb.

Über George Mann

Biografie

George Mann ist Autor zahlreicher Drehbücher für die TV-Serie »Doctor Who«, phantastischer Romane und Erzählungen. Nach »Affinity Bridge« und »Osiris Ritual« führt er in »Immorality Engine« den Leser erneut in die faszinierende Welt des Steampunk. George Mann lebt mit Frau und Kindern in England.

Medien zu »Osiris Ritual«

Pressestimmen

Der Tagesspiegel

»Der amerikanische Schriftsteller George Mann hat für seinen Roman 'Osiris Ritual' an den Stellschrauben der Weltgeschichte gedreht und ein retro-futuristisches Alternativszenario entworfen.«

The Guardian

Ein unvergesslich aufregender Roman, der uns wie ein Schnellzug überrollt.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden