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Opas EisbergOpas Eisberg

Opas Eisberg

Auf Spurensuche durch Grönland

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Opas Eisberg — Inhalt

Auf Skiern durch Grönland

Im Sommer 1912 gelingt einer kleinen Schweizer Expedition die Durchquerung und Vermessung des grönländischen Inlandeises. Unter den Teilnehmern: ein junger deutscher Architekt, der die Pionierleistung ebenso akribisch wie geistreich festhält. 100 Jahre später fällt das Tagebuch in die Hände seines Enkels Stephan Orth, der seinen abenteuerlustigen Großvater nie kennengelernt hat. Nach der Lektüre steht für ihn fest: Es ist an der Zeit, das Versäumnis nachzuholen – und wenn er dafür selbst eine Expedition wagen muss, die an die Grenzen seiner Kraft geht…

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 19.01.2015
288 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-40567-6
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 16.04.2013
272 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96204-9

Leseprobe zu »Opas Eisberg«

März 2004
Herrsching am Ammersee

 

Mein Opa starb 24 Jahre vor meiner Geburt. Persönlich begegnet bin ich ihm nur ein Mal, kurz nach dem Tod meiner Oma. Sie sollte zu ihm in sein Grab auf dem Herrschinger Friedhof gelegt werden. Doch als das Grab geöffnet wurde, fand der Totengräber weder Sargspuren noch Knochenreste: Opas sterbliche Überreste hatten seit Jahrzehnten in einer Urne gelegen, die in dem kastanienbraunen Renaissanceschrank in seinem früheren Arbeitszimmer neben Tagebüchern und Fotoalben stand, im ersten Stock der Alten Mühle am See. Umgeben [...]

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März 2004
Herrsching am Ammersee

 

Mein Opa starb 24 Jahre vor meiner Geburt. Persönlich begegnet bin ich ihm nur ein Mal, kurz nach dem Tod meiner Oma. Sie sollte zu ihm in sein Grab auf dem Herrschinger Friedhof gelegt werden. Doch als das Grab geöffnet wurde, fand der Totengräber weder Sargspuren noch Knochenreste: Opas sterbliche Überreste hatten seit Jahrzehnten in einer Urne gelegen, die in dem kastanienbraunen Renaissanceschrank in seinem früheren Arbeitszimmer neben Tagebüchern und Fotoalben stand, im ersten Stock der Alten Mühle am See. Umgeben von riesigen Bücherregalen und einem Werkzeugtisch.

»Roderich Fick – 16. August 1886 – 13. Juli 1955« stand auf dem schwarzen vasenartigen Gefäß, das meine Mutter 49 Jahre nach dem Tod ihres Vaters aus dem Schrank holte. Als sie die Urne bewegte, schien darin nicht nur sandweiche Asche zu sein, sondern auch etwas Festes, Größeres. Plock. Ein unangenehmes Scheppern war zu hören, wenn der Gegenstand gegen die Metallwand schlug, so wie der Klang einer großen Münze, die in eine Spendenbox aus Blech fällt. Außen klebten noch Erdreste. Jemand musste die Urne ausgegraben haben, damit Opa seine letzte Ruhe in seinem Lieblingsschrank finden konnte. Legal war das nicht, in Deutschland herrscht Friedhofszwang. »Das kommt gar nicht so selten vor«, versicherte der freundliche Pfarrer, den meine Mutter später verlegen fragte, ob es möglich sei, eine fast 50 Jahre alte Urne ein zweites Mal zu begraben.

Plock. Das einzige Geräusch, das ich je von meinem Opa gehört habe. Ich weiß nicht, wie seine Stimme geklungen hat. Wie er sich bewegte. Wie er gerochen hat.

Mein anderer Opa starb, als ich zwei war. Beim Abtrocknen in der Küche kippte er plötzlich um, Herzversagen. Ich erinnere mich an genau zwei Erlebnisse mit ihm: wie er mich in einer Schubkarre durch den Garten fährt und wie er im Familienurlaub auf Texel immer wieder versucht, mich davon abzuhalten, den halben Sandstrand zu verspeisen. Genau genommen erinnere ich mich nicht wirklich, es wurde mir nur so oft davon erzählt, dass es mir wie eine eigene Erinnerung vorkommt.

Ich weiß also nicht, wie das ist, einen Großvater zu haben.

Klar, ich kenne Fotos von Roderich. Spitze Nase, scharfer Greifvogelblick. Auffällig ist, dass er auf Bildern fast nie lächelte. War er ein sympathischer Mensch? Seine Totenmaske aus Gips lag immer im Studierzimmer neben einer roten Kerze, die Tag und Nacht brannte, die geschlossenen Lider zur bröckelnden Decke gerichtet. Vorstehende Wangenknochen, sauber über dem linken Ohr gescheitelte Haare, schmale Lippen. Neben der Maske Abdrücke seiner Hände mit sehr feinen, langen Fingern, die Mittelhandknochen zeichneten sich deutlich ab, die Daumen im gleichen Winkel nach hinten gebogen wie meine. Mehr Künstler- als Handwerkerhände.

Und natürlich kannte ich die »Grönland-Diele« im Untergeschoss. Vom Garten her roch es hier immer nach einer Mischung aus nassem Holz und frischem Laub, an der Wand standen rie-sige Planschränke mit handgeschriebenen Etiketten. »Ernst-Sachs-Bad Schweinfurt«, »Wettbewerb Deutsches Museum Bibliothek«, »Donaubrücke Regensburg«. Darüber hingen Kajakpaddel, Inuitwaffen und Speere mit Karabinerhaken aus Walrosselfenbein, Prachtstücke für jedes Völkerkundemuseum. Außerdem ein einzelner Kinderschuh aus Seehundleder, seltsam plattfüßig geformt. Wenn ich als Achtjähriger daran vorbeilief, auf dem Weg in den Garten zum Fußballspielen, fragte ich mich jedes Mal, was das für Füße sein müssen, die in solche Schuhe passen.

Ich habe mich nie sonderlich für den Mann interessiert, dem all diese Dinge einmal gehört haben. Ahnenforschung beschäftigt die Menschen normalerweise in einem Alter, in dem sie selbst schon kurz davor sind, nur noch als Name und Datum in irgendwelchen Stammbäumen zu existieren.

Ahnenforschung hat nichts mit der Welt der Lebenden zu tun, dachte ich immer, sondern mit Archiven, Listen, unleserlichen Briefen und Staub.

Und mit Geschichtshalden wie dem alten Renaissanceschrank in der Mühle in Herrsching. Fein geschnitzte Holzvertäfelungen; ein massiver Eisenschlüssel, so schwer wie ein Briefbeschwerer; breite Türen, die beim Öffnen ächzen, als würden sie nur widerwillig die verborgenen Geheimnisse der Innenfächer preisgeben.In jeder Familie gibt es einen vergleichbaren Ort. Ein paar Regalfächer auf dem Speicher oder eine verstaubte Kommode, in der Erinnerungen aufbewahrt werden: Tagebücher, Ohrringe, Münzsammlungen, Kriegsabzeichen. Persönliche Kleinigkeiten der Vorfahren, zu schade zum Wegwerfen, aber zu alltäglich für eine genauere Betrachtung.

Wie das unscheinbare Büchlein im tarnfarbengrauen Leineneinband, das jahrzehntelang direkt neben der Urne gelegen hatte, direkt neben Opa. Keiner in meiner Familie hatte sich je dafür interessiert. Leicht schimmliger Papiergeruch, obendrauf ein unkenntliches rotes Siegel und ein dunkler Fett- oder Wasserfleck. »Grönland 1912/13« steht, mit schwarzer Tusche geschrieben, über der ersten von 208 leicht vergilbten Seiten. 19,5 mal 13 Zentimeter groß, 2,2 Zentimeter dick, 390 Gramm schwer: Opas Expeditionstagebuch.

Natürlich hatte die Familie immer gewusst, dass es da liegt. Dass mein Großvater 1912 zu einer Forschungsreise nach Grönland aufgebrochen war. Ein lebensgefährliches Unterfangen, kaum weniger riskant als die Südpolfahrten von Robert Falcon Scott und Roald Amundsen kurz zuvor. Stoff für einen Abenteuerroman. Und gleichzeitig: der Opa halt. Wen interessiert schon das alte Zeug.

Als ich das Tagebuch das erste Mal aufschlug, fiel mir zunächst eine Illustration in der Innenseite des Umschlags auf. Opa hatte dort eine Zeichnung von Wilhelm Busch eingeklebt. Sie zeigt einen Raben, der auf einen Totenschädel kotet. Darunter steht: »Selbst mancher Weise besieht ein leeres Denkgehäuse mit Ernst und Bangen – Der Rabe ist ganz unbefangen.« Ob sich Opa bei seinem Aufbruch wünschte, ein bisschen wie dieser Vogel zu sein, dem der Tod keine Angst einjagt?

Ich blätterte weiter durch die alten Seiten. In einer Liste seiner Ausrüstung entdeckte ich die Bezeichnung »scheissende Rabenbüchli« und schlussfolgerte, dass er so seine Notizbücher genannt haben musste. Weiter hinten, auf Seite 137, fiel mein Blick auf eine Bleistiftzeichnung. Drei Männer, die einen vollbepackten Schlitten von einem etwa 40 Grad steilen Schneeabhang herablassen. Einer sitzt vorne und stemmt sich mit aller Kraft gegen den Schlitten. Ein anderer zerrt oben an dem Gefährt, der Dritte sichert es mit einem Seil, das er an einem Schneepickel fixiert hat. Die Männer haben keine Gesichter, ihre Köpfe sind konturlos wie Schatten.

Ein gesichtsloser Schatten. Das wäre Opa für mich wahrscheinlich trotz des Tagebuchfundes geblieben, hätte mein Vater nicht kurz darauf in einem Landkartengeschäft in München eine Entdeckung gemacht. Als Professor für Alte Geschichte interessiert ihn die Vergangenheit mehr als mich. In dem Geschäft hatte eine Karte von Ostgrönland sein Interesse geweckt. Er betrachtete den kilometerbreiten Sermilik-Fjord mit seinen verästelten Buchten, das Örtchen Tasiilaq, im Westen die riesige Eisfläche, weißes Papier. Und Ficks Bjerg. Einen Berg, der nach meinem Opa benannt ist. Flankiert von Hoesslys Bjerg und Gaule Bjerg, den steinernen Denkmälern der beiden anderen Schattenmänner auf der Zeichnung im Tagebuch meines Opas.

Nachdem mir mein Vater von seinem Fund berichtet hatte, googelte ich den Namen des Berges, um ihn mir genauer anzuschauen. Doch die Bildersuche listete keine Fotos, nur ein paar Satellitenbilder, die kaum etwas erkennen ließen. Ein Berg, den nicht mal Google auf dem Schirm hat, dachte ich, muss verdammt abgelegen sein.

»Da müsste man eigentlich mal hin«, sagte mein Vater. Ich war mir nicht sicher, ob er das ernst meinte. Zum nächsten Weihnachten bekamen mein Bruder und ich ringgebundene Kopien von Opas Reisebericht geschenkt und das Buch »Quer durchs Grönlandeis«, das Alfred de Quervain, Opas Expeditionsleiter, 1914 veröffentlicht hatte. Es schien also an der Zeit zu sein, sich auf einen ungewöhnlichen Familienurlaub vorzubereiten. Ich schlug das fast 100 Jahre alte Tagebuch meines Großvaters auf und begann, in seinen Aufzeichnungen zu lesen.

 


Juni 1912
Grönland, Inlandeis, Tagebuch Roderich Fick

 

Wir waren bis zum Hals im Wasser, hielten uns an den Schlitten und fühlten keinen Grund. Die Schlitten sanken langsam mehr und mehr. Hü und mir gelang es schnell, uns auf die Schollen zu ziehen. Ich wollte Q. die Hand reichen, um ihm auch auf eine Eisscholle herauszuhelfen. Er verweigerte die Hilfe und zog sich an einem Schlitten selbst auch raus. Unsere Kleider waren in dem kalten Wind fast momentan zu Eispanzern gefrohren. . . .

Hü und ich beginnen, die Säcke von seinem Schlitten loszuschneiden. Hoessli nimmt die Sachen in Empfang und bringt sie auf festeres Eis in Sicherheit. Allmählig macht Q. auch mit. Doch oft brechen wir wieder durch und baden von neuem. Da sehe ich, dass mein Schlitten schon fast verschwunden ist. Er liegt auch am weitesten in der aufgebrochenen Gegend. Es schauen nur noch die grünen Schlittensäcke oben ein wenig raus. Da heisst es schnell machen, denn die Kochkiste ist auf meinem Schlitten. Ich nehme die Sondierstange aus Bambus mit und gelange auch mit einige Male durchbrechen an den Schlitten. Dort finde ich mit der Sondierstange in etwa 2 m Tiefe Grund. Ich knie, mich auf die Sondierstange stützend, auf Schneeschuhen, die über die Scholle und den Schlitten gelegt sind, im eisigen Wasser und schneide mit dem Messer unter Wasser die an den Schlitten gebundenen Säcke los. Auf einmal geht die Sondierstange ins Grundlose. Sie war bloss auf eine dünne Eisschicht gestützt, die durchbrach, und ich liege wieder ganz im Wasser. Es gelingt mir wieder, mit Hülfe der Schneeschuhe mich halb über Wasser zu halten. Der Schlitten ist jetzt zu tief drin zum losschneiden der Säcke. Da muss ich die letzten Pemikan 25-Pfund-Büchsen einzeln oben aus den Säcken holen und auf das festere Eis schmeissen, wo sie Hoessli in Empfang nimmt. Endlich soweit fertig, dass der Schlitten am Seil rauszuziehen ist nach 3 kalten Stunden. Ich bemerke erst jetzt, dass ich mir unter Wasser mehrmals beim Losschneiden der Säcke in die gefühllosen Finger geschnitten habe und stark blute; mein linker Daumen ist schon unbeweglich und weiss. Durch Massieren und Reiben auf dem blossen Bauch gelingt es noch mit der Zeit, das Blut wieder in Umlauf zu bringen. Das Gefühl kehrt in Form von heftigem Schmerz zurück.

Jetzt aber schnell das Zelt aufschlagen und in die Schlafsäcke. Die andern ziehen sich ganz um und neue Unterkleider an. Ich will sie noch sparen und begnüge mich damit, die Eispanzer auszuziehen, um die Unterkleider im Schlafsack auf dem Leib zu trocknen. es ist nicht grad behaglich, aber schlafen kann ich doch. Das war ein Abenteuer, das die Reise ja nur verschönert, da es gut abgelaufen ist.

 

Januar 2011
Hamburg

 

Ein Abenteuer, das die Reise nur verschönert, da es gut abgelaufen ist?! Es gefällt mir gar nicht, wie leichtfertig mein Opa nicht nur mit den Regeln der Orthografie, sondern auch mit seinem Leben umgeht – und damit auch mit meinem. Wenn er da draußen in einem arktischen Eissee erfriert, bringt er nicht nur sich um, sondern verhindert auch meine Existenz. Was für ein Egoist.

Andererseits kann ich wohl kaum einen Tagebucheintrag von ihm erwarten, der von der Zukunft handelt: »Wenn ich hier sterbe, kann ich nicht in 38 Jahren in zweiter Ehe eine Tochter haben und keinen Enkel in 67 Jahren, die in 99 Jahren zusammen nach Grönland fliegen, um auf einen nach mir benannten Berg zu steigen.«

Von meiner Mutter weiß ich, dass mit »Q.« der Expeditionsleiter Alfred de Quervain gemeint ist und mit »Hü« Roderichs gut ein Jahr jüngerer Freund Karl Gaule. Woher der seltsame Spitzname kommt, kann sie leider nicht sagen. Auch weiß sie nicht, was den jungen Architekturstudenten dazu brachte, in einer kaum erforschten Eiswüste sein Leben aufs Spiel zu setzen. »Schon als Kind faszinierte ihn die Arktis – und wahrscheinlich wollte er beweisen, dass er ein ganzer Kerl ist«, mutmaßt meine Mutter am Telefon. Sie hat Opa nur in ihren ersten fünf Lebensjahren erlebt. Doch dank der Briefe und alten Aufzeichnungen, die sie studiert hat, kennt sie die Familiengeschichte besser als alle anderen.

Roderich wurde in Würzburg geboren. Als er ein Jahr alt war, zog die Familie nach Zürich. Er hatte fünf Schwestern – Hildegard, Gisela, Brunhilde, Ingeburg und Waltrut – und den acht Jahre jüngeren Bruder Roland. Mit ihm verstand er sich am besten. Die Familie genoss die Privilegien des aufstrebenden Mittelstandes. Adolf, der Vater, war ein erfolgreicher Augenarzt, als Erfinder der Kontaktlinse ein echter Pionier seines Fachs. Er setzte hohe Erwartungen in seinen Ältesten. Am liebsten wäre es ihm gewesen, Roderich – »ruhmreich« bedeutet der Name auf Althochdeutsch – hätte eine Militärlaufbahn eingeschlagen, um heldenhaft für das Vaterland zu kämpfen. Er schickte ihn in jungen Jahren zum Fechten, Turnen und Reiten. Der Junge bewies große Geschicklichkeit, sogar in Kombinationen dieser Disziplinen: Alte Fotos zeigen ihn im Handstand auf dem Pferdesattel.

Auch handwerklich war er so begabt, dass er Reparaturen im Haus oftmals selbst ausführte, in seiner Werkstatt im Garten hatte er einen eigenen Schmiedeofen und eine Drehbank.

Weniger willkommen war dem Vater die künstlerische Ader seines Sohnes, der ständig zeichnete und an Skulpturen herumhämmerte. Dass er in der Schule ein Jahr wiederholen musste, empfanden die Eltern als Katastrophe. »Damals habe ich dem armen Jungen über sein Sitzenbleiben so bittere Vorwürfe gemacht, daß er ganz aufgelöst war in Verzweiflung«, schrieb sein Vater Jahrzehnte später in seinen Memoiren. »Ich fürchte, er hat mir das, wenigstens im Unterbewußtsein, bis zum heutigen Tag noch nicht verziehen.«

Die Mutter zeigte mehr Empathie für die Kunstbegeisterung ihres Sohnes. Sie selbst zeichnete, war eine gesellige Frau, die aber auch einen Hang zum Melancholischen hatte. Für sie war Roderich »prächtig im Charakter, aber ein Sonderling« und eine »ausgesprochene Einspännernatur«, wie sie in ihrem Tagebuch notierte.

Und sie bedauerte, dass er als junger Mann sehr nachlässig war, was seinen Kleidungsstil anging: »Eben stand Roderich da, wie ein schlanker Seiltänzer, vielmehr wie ein armer Geiger, in zu engen u. zu kurzen blauen Hosen u. geigte mir in eindringlichsten Tönen sein Schicksal vor – nemlich seine Kleidernoth – u. rief dazwischen: ›ich bin ein armer Geiger mit einem glänzenden Hintern‹ – er meinte seine abgewetzte Hose – und weiter fluteten die Töne. Wir hatten nemlich vorher eine lange Unterhaltung darüber, daß er sich nothgedrungen eine conventionelle Hose zulegen – sich im übrigen Architektenkleidung zulegen muß – um Carrière zu machen«, schrieb sie im November 1910. Vier Monate später beschäftigte sie sich erneut mit seinem Äußeren: »Roderich schildert immer mit großer Genugthuung, wie er stets beim Besuchemachen, sei es hier od. in fremder Stadt bei Verwandten od. Freunden, zunächst als Stromer od. Halunke vor der Thüre stehen gelassen od. mit einem mißtrauischen: ›Was wünschen Sie?‹ durch den Spalt der Thüre nach seinem Begehr gefragt würde. ›Ich muß doch was sehr Lumpenhaftes an mir haben‹ – dabei lacht er übers ganze Gesicht u. freut sich dabei.

Er erzählt mit Vorliebe sein Erlebnis in München, wo er an einer Buchhandlung stand, als mit einmal ihn jemand auf die Schulter klopft. Er sah sich um – ein alter zerlumpter Mann stand da u. entschuldigte sich: ›Ach so, ich dachte Sie wären mein Sohn‹ – Roderich wird wohl zeitlebens sich seine Carrière verderben mit seinen Schrullen, mit seiner Gleichgültigkeit gegen seinen äußeren Menschen. Dabei könnte er eine hocharistokratische Erscheinung sein, einer von der höchsten Kaste. Schade! Als sein Vater ihm, wie so oft schon, Vorstellungen darüber machte u. sagte: ›Ja, das ist aber ein Hinderniß für dich‹ – antwortete er: ›Ich bin ja selbst ein Hinderniß‹. Auch schildert er gern seine Zukunft als ›Pfannenflicker‹. Er käme dann vor meine Thüre, um nach alten Pfannen zu fragen. Seine Niederlassung sei dann im Niederdorf, wo er sich einen ehemaligen Lokus als Werkstätte eingerichtet habe, da er kein Geld habe, um sonst ein Lokal zu miethen.«

In zuversichtlicheren Momenten war mein Opa aber offenbar überzeugt davon, dass in ihm weit mehr steckte als ein wandernder Handwerker in Lumpen. Und in einer lebensgefährlichen Expedition sah er augenscheinlich die beste Möglichkeit, um seinen Heldenmut zu beweisen – und seinen Eltern und sich selbst zu zeigen, dass er aus härterem Holz geschnitzt war.

Im Jahr 1908, während seines Studiums in Zürich, erfuhr Roderich, dass der Schweizer Geophysiker Alfred de Quervain eine Arktis-Expedition plante. Er bewarb sich für eine Forschungsreise an die Westküste Grönlands, wurde aber wegen fehlender geografischer Kenntnisse abgelehnt. Mit dem Zug fuhr er wenig später nach Berlin, um sich persönlich dem Polarforscher Wilhelm Filchner vorzustellen, der per Schiff zum Südpol reisen wollte. Filchner imponierte, dass der junge Mann die Adresse seines Expeditionsbüros Unter den Linden ausfindig gemacht hatte. Er ließ einen Arzt kommen, der Roderich untersuchte und für arktistauglich befand. Doch die wissenschaftlichen Stellen waren schon vergeben, sodass Filchner nur einen Platz auf der Warteliste anbieten konnte.

Als Roderich erfuhr, dass Ferdinand Graf von Zeppelin mit einem Luftschiff zum Nordpol fliegen wollte, verfasste er eine weitere Bewerbung. Aber eine Erkundungsreise des Grafen nach Spitzbergen ergab, dass die Fluggeräte für diesen Versuch zunächst noch weiterentwickelt werden müssten, und die Expedition wurde abgeblasen. Um seine Chancen auf eine Arktis-Expedition zu verbessern, ging Roderich für ein Semester nach Dresden, wo er bei Professor Bernhard Pattenhausen Seminare über Astronomie, Meteorologie und Vermessungskunde besuchte. In dem Dresdner Vorort Hellerau wohnte das Patenkind seiner Mutter, Marie Günther, mit ihrer Familie. Er verliebte sich Hals über Kopf in sie, fand aber während seines Aufenthaltes in Dresden nur selten einen guten Vorwand, um ihre Familie zu besuchen.

Außerdem war er mit seinen Studien beschäftigt. Für praktische Übungen fuhren die Studenten für mehrere Wochen ins Erzgebirge. Nach dem Pflichtprogramm blieb Roderich oft bis in die frühen Morgenstunden auf, um mit Pattenhausens Assistent Ingershoff geografische Ortsbestimmung zu trainieren. Die schlaflosen Nächte am Kleinen Hildebrand und am Mikroskoptheodolit zahlten sich aus: Mit einem Zeugnis voller Einsen und einem Empfehlungsschreiben des Professors kehrte er nach Zürich zurück und bot sich erneut bei de Quervain als Mitstreiter an. Diesmal ging es um ein noch größeres Abenteuer als zuvor, die Durchquerung des grönländischen Inlandeises. Der angesehene Geophysiker lud ihn und Karl Gaule im Herbst 1911 zu einem Vorstellungsgespräch in sein Studierzimmer im meteorologischen Institut.

 

Februar 2011
München-Pasing, Ladengeschäft eines Trekkinganbieters

 

Ein paar Sekunden Stille. Ein ungläubiger Blick, ein »Ich glaube, Sie sind hier falsch«-Blick. Dann noch einmal die Nachfrage: »Wo wollen Sie hin?!« Die für Grönland zuständige Mitarbeiterin des Trekking-Reiseveranstalters mustert das grauhaarige Paar vor ihr von oben bis unten. Wie Sportler sehen sie nicht aus. Beide tragen schwere Einkaufstüten, er eine Krawatte unter dem Anorak. Gerade haben sie verkündet, die Gruppentour »Im Banne des ewigen Eises« gebucht zu haben, Reisenummer GLK01, Anfang bis Mitte August. Sie wünschen sich noch ein paar Informationen zur benötigten Ausrüstung fürs Zelttrekking in der Wildnis. »Sie wissen schon, dass es da kein Krankenhaus gibt?« Die beiden Besucher nicken. Dann sagt die Arktisexpertin einen Satz, den Verkäufer ziemlich selten sagen, wenn es um ein Produkt im Wert von zwei mal 3000 Euro geht und die Kunden schon das Portemonnaie gezückt haben: »Das sollten Sie sich noch einmal sehr gut überlegen!«

Ganz unberechtigt ist ihr Hinweis nicht. Laut Katalog gilt die 16-tägige Reise als »schwierig«, drei Punkte auf der fünfstufigen Skala: »Die Routen führen teilweise durch unwegsame Regionen, die bereits physisch wie psychisch Entbehrungen erfordern.« Dann folgt die Unterstellung »Sie freuen sich auf längere alpine Bergwanderungen mit Etappen bis zu acht Stunden«. Ob das stimmt, können die beiden Besucher nicht beurteilen. Normalerweise besteht ihr Outdoor-Programm aus kurzen Sonntagsspaziergängen. Immerhin, in Zelten haben sie früher schon mal übernachtet, Mitte der Siebzigerjahre. Was die Ausrüstung angeht, hat sich seitdem einiges getan, mit viel Interesse begutachten sie bunte Hardshell-Jacken und Funktionswäsche.

»Sie müssen da mit Gepäck gehen, ohne gespurte Wege. Können Sie das?«

Meine Eltern, er 66 Jahre alt, sie 60, sind um eine ehrliche Antwort verlegen.

Im Katalog des Reiseveranstalters hatte mein Onkel eine Ostgrönlandtour mit Besteigung des Ficks Bjerg entdeckt. Ein paar Anrufe später hatte er acht Leute zusammen: Onkel, Tante, Papa, Mama, beide Söhne und zwei Freunde. Wir reservierten die komplette Gruppenreise.

Wobei klar war, dass sich einige Familienmitglieder intensiver vorbereiten mussten als andere. Denn Abenteuer sind relativ: Für Roderich bedeutete eine mehrmonatige Expeditionsreise ins Unbekannte, dass er an seine Grenzen gehen musste, für meine Eltern gilt auf einer zweiwöchigen »Trekkingreise mit Pioniercharakter« (Katalogbeschreibung) das Gleiche.

Nach der Warnung im Trekkingshop sind sie kurz davor, die Reise abzusagen. Oder ein Alternativprogramm zu wählen: »Ich setze mich auch für zwei Wochen auf einen Stein in Tasiilaq«, sagt mein Vater.

Doch dann schicken sie das Formular ab, auf dem man die anspruchsvollsten Touren der vergangenen fünf Jahre angeben muss, und überweisen zehn Prozent des Gesamtpreises als Anzahlung. Ein paar Tage später landet auf dem Schreibtisch der für Grönland zuständigen Mitarbeiterin in München-Pasing die Information, dass die Eheleute Orth »Mittelgebirgswanderungen (Sauerland) und einzelne Etappen des Rheinsteigs« bewältigt haben, gewöhnlich einmal pro Woche drei Stunden wandern gehen und nun ihr erstes arktisches Abenteuer planen.

Jetzt gibt es kein Zurück mehr: Die beiden kaufen sich wasserfeste Trekkingschuhe und fangen an zu trainieren.

 

Oktober 1911
Zürich, Schweizerische meteorologische Zentralanstalt

 

»Besuche bitte kurz« steht auf dem Zettel an der Tür von Alfred de Quervains Büro. Doch der 32-jährige Forscher mit schwungvoll gezwirbeltem Schnurrbart und Zwicker auf der Nase nimmt sich viel Zeit für Roderich und Karl. Schließlich erklärt er, wie mein Opa später schreibt, dass »wir uns nun als Teilnehmer der Expedition betrachten konnten! Der Traum meiner Jugend sollte also wirklich in Erfüllung gehen!«

Roderich erinnert sich daran, dass in dem Büro des Expeditionsleiters »eine bemerkenswerte Unordnung« herrscht und kaum Platz zum Sitzen vorhanden ist, weil selbst die Stühle mit Büchern und Instrumenten »vollgepfropft« sind. An der Wand hängt eine große Grönlandkarte, auf der mit schwarzen Papierstreifen die geplante Strecke aufgezeichnet ist: eine gerade Linie, die diagonal über die weiße Fläche auf der Karte verläuft. Von Jakobshavn nach Angmagssalik, etwa 700 Kilometer durchs weiße Nichts. Nur der Norweger Fridtjof Nansen hatte es vorher geschafft, quer durch Grönland zu wandern. Seine geplante Route im Jahr 1888 entsprach ziemlich genau der von de Quervain, allerdings drifteten seine Boote bei der Anreise so weit ab, dass er auf eine erheblich kürzere Route weiter südlich ausweichen musste. Nansens Motto lautete »Der Tod oder die Westküste«, de Quervain gibt als Parole »Der Tod oder die Ostküste« aus.

Kaum hat mein Opa die Zusage erhalten, zieht er sich in die Werkstatt neben dem Haus seiner Eltern zurück, am Fuß des Zürichbergs in der Schmelzbergstraße 34. Ein Foto aus der Zeit zeigt den Raum mit einer Werkbank, einem Schaubild der Sternzeichen, halb fertigen Geigen und einem Regal voller dicker Wälzer – eindeutig zu erkennen ist nur Stielers Hand-Atlas, ein geografisches Standardwerk seiner Zeit.

Roderich macht sich an die Arbeit. Er lässt einen Nansen-Kocher brennen, um auszurechnen, wie viel Benzin die vierköpfige Mannschaft unter arktischen Bedingungen brauchen wird. Mit einer Federwaage testet er, bei welcher Belastung verschiedene Stoffe reißen, um das stabilste Material für die Zelte zu ermitteln. Über einem Feuer erhitzt er Holz, um es für die Spanten der Kajaks biegsam zu machen. Die Paddelboote baut er nach grönländischem Muster, 52 Zentimeter breit, 5,40 Meter lang. Ganz authentisch sind sie nicht, statt Seehundleder kommt als Außenhaut Amsterdamer Segeltuch zum Einsatz, das er mit weißer Ölfarbe wasserdicht macht.

Roderich baut eine Segelvorrichtung für die drei Schlitten, die aus Christiania geliefert wurden, dem heutigen Oslo. Aus Pappelholz zimmert er leichtgewichtige Kisten für die Messinstrumente, die Kanten verstärkt er mit Blech.

Zusammen mit de Quervain und Gaule testet er die Kajaks auf dem Zürichsee. Prompt kentert Gaule. Er versucht verzweifelt, sich aufzurichten, ein paarmal kann er nach Luft schnappen über dem Wasser, dann rührt sich nichts mehr. Roderich kentert sein eigenes Kajak, um herauskriechen zu können, fürchtet er doch um das Leben des besten Freundes. Just in dem Moment kann sich Gaule wieder aufrichten, prustend kommt er nach oben. Nun treibt Roderichs Kajak ab, er schwimmt hinterher und muss viel Wasser schlucken, bis er es zu fassen bekommt. Dann kraulen beide zu de Quervains Boot, halten sich an ihm fest und schreien um Hilfe. Ein Werftbesitzer hört sie und fischt sie mit seinem Motorboot aus dem eiskalten Wasser.

Ungeachtet dieses Zwischenfalls notiert Roderich später: »Die Vorbereitungszeit und der Betrieb in der Werkstatt waren für mich etwas sehr Stimmungsvolles. Wie viel, fast alles beim Gelingen eines solchen Unternehmens liegt gerade an den Vorbereitungen!«

 

Februar 2011
Hamburg

 

Anders als mein Opa hatte ich nicht schon als Kind den Traum, durch eisige Polarregionen zu laufen. Mit sechs wollte ich Schiffsmuseumsdirektor werden, mit elf Ägyptologe und mit 15 Rockgitarrist. Mit 20, als ich wirklich einen Plan gebraucht hätte, hatte ich keinen mehr. Also reiste ich ein bisschen in der Welt herum, stieg auf ein paar Berge und wurde Journalist.

Ich schreibe oft über Achttausender-Besteigungen und neue alpinistische Rekorde, über die großen Outdoor-Abenteurer unserer Zeit. In Interviews haben mir Grenzgänger mit ausgemergelten Wangen und glänzenden Augen davon erzählt, wie man sich schlagartig eins mit der Natur fühlt, wenn man sich auf Leben und Tod mit ihr auseinandersetzt. Die Schlüsselstellen auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest oder K2 sind mir aus vielen Erzählungen fast so vertraut wie der Weg von meiner Wohnung ins Büro. Ich habe alle Abenteuerklassiker gelesen, habe vom Lesesessel aus mit Reinhold Messner die höchsten Berge der Welt bestiegen und mit Jon Krakauer den Everest-Kommerz verflucht, mit Hermann Buhl am Nanga Parbat triumphiert und mit Kurt Diemberger am K2 um Leben und Tod gekämpft. Ich bin mit Roald Amundsen zum Südpol gestapft und starb mit Robert F. Scott im Zelt.

Und jetzt hat mich das Tagebuch meines Opas so gepackt, dass es mich bis in den Schlaf verfolgt. Letztens habe ich geträumt, dass meine Mutter und ich zu Opas Obduktion eingeladen sind. Eine Krankenschwester schiebt die Liege aus Metall herein, unter einem Tuch liegt eine Art Mumie, in weiße Binden gewickelt. Wir bekommen Buttermesser in die Hand gedrückt und sollen anfangen, wissen aber nicht so recht, womit. Zaghaft schnibble ich ein wenig am Arm herum, ans Gesicht traue ich mich nicht. »Das hat doch keinen Sinn«, sage ich, dann bin ich aufgewacht.

 

10. April 1912
Atlantischer Ozean

 

Roderich Fick, ein hochgewachsener Mittzwanziger mit unentschlossenem Schnurrbart und Schirmmütze, steht steuerbord an der Reling der »Hans Egede« und sieht zum ersten Mal die Südküste der größten Insel der Erde. Zwölf Tage lebt er schon an Bord des fürchterlich schaukelnden Dreimaster-Dampfschiffs, Baujahr 1905. Zwölf Tage in einem 52,3 Meter langen und 10,5 Meter breiten Gefängnis aus Holz und Metall.

Die Überfahrt aus Kopenhagen ist ein täglicher Kampf mit der Seekrankheit. Wenn der Gong zum Essen ertönt oder der dänische Schiffsjunge Arthur jeden einzeln fragt »Vil du komme at spise?«, winken die grüngesichtigen Polarforscher meist mit Nachdruck ab. Nur die Hafersuppe am Morgen bleibt die vorgesehene Zeit im Magen. Fischpudding dagegen, »die schlimmste Erfindung der dänischen Phantasie« (Alfred de Quervain), kann keiner der sieben Schweizer an Bord mehr sehen. Genau genommen sind es sechs Schweizer und ein Deutscher, aber Roderich fühlt sich nach 24 Jahren in Zürich längst als Landsmann. Auch sprachlich fällt er nicht auf, viele Substantive in seinem Tagebuch enden ganz schweizerisch auf »li«.

Die Nationalität ist bei dem vor ihm liegenden Unternehmen nicht ganz unwichtig, de Quervain hat vorher Bewerber aus Norwegen, Österreich und Frankreich abgewiesen. Er ist der Meinung, dass bei der Erforschung der Polarregionen nun endlich einmal die Schweiz eine historische Rolle spielen soll.

Oft sitzt Roderich in diesen qualvollen Tagen, in denen das Schiff zum Spielball der Elemente wird, zusammen mit seinem Freund Karl Gaule auf dem Eisengitter hinter dem Schornstein, zwischen den beiden Rettungsbooten. Über dem Kesselraum ist es ein bisschen wärmer als auf dem Rest des Decks, außerdem kommt hier das Meerwasser nicht hin, das weiter unten regelmäßig knöchelhoch die Planken flutet. Für diese Annehmlichkeiten nehmen sie selbst den durchdringenden Gestank von verbranntem Öl in Kauf. »Ich möchte sie als thermotrop von den übrigen mehr aerotropen Mitgliedern unterscheiden«, schreibt der um Kategorisierungen nie verlegene de Quervain. Er nennt seine zwei jüngsten Mitstreiter »die Germanen vom Zürichberg«, weil auch Gaules Vater, der Medizinprofessor Justus Gaule, aus Deutschland stammt.

Gaule junior ist etwa 1,75 Meter groß, hat ein schmales, längliches Gesicht, kurz geschorene dunkelblonde Haare und einen leichten Bauchansatz. Für Abwechslung an Bord sorgt sein »Dynamometer«, eine kleine Gerätschaft, mit der sich die Stärke des Händedrucks messen lässt. Bei Wettkämpfen bestehen die Expeditionsteilnehmer ihre erste Kraftprobe: An guten Tagen erreichen alle um die 60 Kilo, um Längen schlagen sie die dänischen Besatzungsmitglieder, die im Schnitt nur 42 Kilo schaffen.

Gesprächsthemen finden die beiden Arztsöhne genug auf ihrem Gitterrost. Beide haben gerade ihr Studium beendet, Gaule als Ingenieur, Roderich als Architekt, allerdings ohne Abschluss. Beide wissen noch nicht so recht, was sie beruflich machen wollen – falls sie lebend von der Expedition zurückkommen. Sie wissen nicht, ob sie jemals wieder eine Atlantik-Schifffahrt in die andere Richtung machen werden. Roderich plagen zusätzlich zu den Ängsten vor den bevorstehenden Prüfungen noch andere düstere Gedanken. Kurz vor der Einschiffung in Kopenhagen hat er erfahren, dass Marie Günther aus Hellerau, in die er heimlich verliebt ist, schwer erkrankt ist. Verwandte von ihr hatten ihm vor seinem Aufbruch berichtet, dass sie wohl bald sterben werde – ohne zu ahnen, wie nah sich die beiden stehen. Er konnte sich nicht einmal mehr von ihr verabschieden, obwohl er eigens dafür mit dem Zug aus Zürich einen Abstecher über Dresden gemacht hatte.

Vielleicht diskutieren Gaule und Roderich auch darüber, ob die musikalischen Imitationen von Wind und Meer in Wagners »Fliegendem Holländer« der tatsächlichen Kraft der Elemente gerecht werden. In Kopenhagen haben sie kurz vor der Abfahrt die Oper besucht, die von dem Kapitän handelt, der Gott und den Naturgewalten trotzen will und für seinen Hochmut büßen muss. Er wird dazu verdammt, mit einem Geisterschiff über die Weltmeere zu fahren und jedem Unglück zu bringen, der seine Wege kreuzt.

Den Arktisreisenden begegnet unterwegs kein verfluchtes Schiff, doch auch die Eisberge Grönlands können Unglück verheißen. Plateaus, Inseln und Torbögen aus Kälte, die bis zu 100 Meter aus dem Wasser ragen und einen trügerischen Frieden ausstrahlen. Weiße Schönheiten mit versteckten Kielen unter Wasser, die Schiffsrümpfe aufschlitzen können.

Doch der dänische Kapitän navigiert die 900 Bruttoregistertonnen der »Hans Egede« problemlos um alle Hindernisse. Endlich, am 14. April 1912, ist ein Ende der aufreibenden Überfahrt in Sicht. Noch zwei Tage an der Küste entlang, dann wird das Schiff in Godthaab anlegen, der nördlichsten Hauptstadt der Welt. Endlich fester Boden unter den Füßen.

Wie sehr de Quervain ihn herbeigesehnt hat, klingt in einer Tagebuchpassage an: »Ist es die Mühe wert, aufs neue eine Dampferüberfahrt über den Atlantischen Ozean zu schildern? Wenn damit einer jener Kolosse gemeint wäre, auf denen man wie auf einer schwimmenden Insel etwa nach Neuyork hinübergeschoben wird, ohne dass man vom hohen Promenadendeck herab die Wellen überhaupt recht wahrnimmt, ohne dass man irgend eine Bequemlichkeit vermissen muss, die man auf dem festen Land beanspruchte – dann allerdings würde ich mir eine solche Wiederholung schenken. Wer so hinüberfährt, weiss kaum, was Sturm und Wellen sind. Aber wer am Ausgang des Winters in die Stürme des Nordatlantischen Ozeans hinauffährt, auf einer solchen Nussschale wie unser Grönlanddampfer schaukelnd, der hat immer noch zu erzählen von unvergesslichen Erinnerungen, wenn auch weniger von Siegen als von Niederlagen.«

Von allen Passagieren der »Hans Egede« ist es Hans Hoessly, ein 29-jähriger Chirurg aus St. Moritz, den die Schiffsreise am meisten mitgenommen hat. Auf Fotos ist er oft als breit grinsende Frohnatur mit Pfeife im Mundwinkel zu sehen. Allerdings nur auf Fotos, die auf dem Festland gemacht wurden: »Hoessli erwähnte heute in Verbindung mit Meerfahrt und Seekrankheit den Tag seiner Geburt in einer geradezu ablehnenden Weise«, schreibt de Quervain.

Der Arzt komplettiert die Vierergruppe, die Grönland von West nach Ost durchqueren will. Die anderen drei Forscher an Bord, Paul Louis Mercanton, Wilhelm Jost und August Stolberg, bilden die »Westgruppe«. Sie werden an der Küste zurückbleiben, um Eisbewegungen zu erforschen und mit Wetterballons zu messen, wie sich Druck und Strömungen in höheren Luftschichten verändern.

De Quervain steuert schon zum zweiten Mal Westgrönland an. Drei Jahre zuvor war er schon einmal dort gewesen, für meteorologische Messungen und eine 26-tägige Erkundungstour auf dem Inlandeis. Auf dieser Tour reifte die Idee, eine Überquerung zu versuchen. Über ein Jahr lang bereitete er akribisch jedes Detail vor. Die Route, die Ausrüstung, die Finanzierung, das Depot am Zielpunkt. Alfred de Quervain überlässt die Dinge nicht gern dem Zufall. So sehr liebt er Präzision und Zuverlässigkeit, dass er sich zwischen seinen Messinstrumenten wohler fühlt als in der Gegenwart von Menschen mit ihren Fehlern und Ungenauigkeiten. Auf fast jedem Foto von seinen Reisen hält er einen Kompass, einen Windmesser, eine Uhr oder ein Barometer in der Hand.

Jetzt sucht er in Gedanken immer wieder nach Schwachpunkten, die er übersehen haben könnte. Wohl wissend, dass seine Planungen ein Problem beinhalten, das für alle fatal sein könnte und an dem er nichts ändern kann. Doch das bleibt zunächst sein Geheimnis.

 

6. August 2011
Grönland, Ostküste

 

Hamburg – Reykjavik: dreieinhalb Flugstunden. Reykjavik – Kulusuk: zwei Stunden. Niemand muss heutzutage zwei Wochen auf einem schwankenden Dampfer ertragen, um nach Grönland zu reisen. Durch das Flugzeugfenster sehe ich zwischen einem Mosaik aus Packeisschollen zum ersten Mal in meinem Leben Eisberge. Diese Exemplare sind mehr Inseln als Berge, mit breiten Plateaus, aus denen Spitzen wie Zitadellen emporwachsen. Sie haben Buchten, Steilküsten und sanft geneigte Böden, komplexe Zufallsgebilde, die weiß zwischen matt wirkenden Schollen aufleuchten. Auch wenn ihre Kiele unter dem Wasser hellblau schimmern: Selbst aus der Vogelperspektive mag man kaum glauben, dass 85 Prozent ihrer Eismasse unter der Meeresoberfläche liegen. Man sieht, dass dort mehr Schönheit verborgen ist, aber man kann sich ihre wahren Ausmaße nicht vorstellen.

Auf Island können Touristen für 533 Euro Tagesausflüge nach Kulusuk buchen. Rundgang im Ort, bunte Holzhäuschen angucken, Eisberge angucken, Künstler beim Schnitzen von Walrosszahn-Figuren angucken, das Eisbärfell an der Wand der wohnzimmergroßen Abflughalle angucken. Möglichst viel gucken, möglichst schnell. Nach viereinhalb Stunden geht der Flug zurück.

Unerwartet haben wir ein paar Stunden Aufenthalt in Kulusuk. Eigentlich sollte es von hier aus per Motorboot weitergehen, aber der Fjord ist vor lauter Packeis unpassierbar. Der Reiseveranstalter hat für unsere Gruppe neun Sitze in einem Hubschrauber gebucht, und der kommt erst am Nachmittag. So haben wir Zeit für den ersten gemeinsamen Spaziergang in Grönland.

Unterhalb des winzigen Flughafens gabelt sich der Schotterweg. Zwei Möglichkeiten, rechts oder links, und die erste Orientierungsleistung unseres Reiseleiters Patrick Schoengruber besteht darin, dass er sich verläuft. Patrick, ein athletischer Naturbursche Ende 30 mit kurz geschorenen Haaren und bairischem Zungenschlag, stellt sich dabei als gut gelauntes Energiebündel und sehr rücksichtsvoller Chef heraus. »Bei so einer Familientour muss ich aufpassen – wenn ich es mir mit einem verscherze, habe ich gleich alle gegen mich«, erklärt er grinsend. Neun Monate im Jahr arbeitet der gebürtige Bayer als Bad-Installateur in London, drei Monate reist er mit Gruppen durch die Weltgeschichte. Grönland hat es ihm besonders angetan, letztes Jahr ließ er sich von einem Boot allein an einem Fjordufer absetzen und genoss jede Minute in der Einsamkeit.

In einem großen Bogen spazieren hinter ihm acht Menschen in nagelneuen Wanderhosen und Goretexjacken von der Ortschaft weg, die hinter Hügeln verborgen ist: meine Eltern, Friederike, Musik- und Schwedischlehrerin, und Wolfgang, Professor für Alte Geschichte, vor einem Jahr wurde er pensioniert. Seine Geschwister Uli, pensionierter Arzt, und Traudl, Hauptschullehrerin. Mein Bruder Christian, Uni-Dozent in Altgriechisch. Eckhart, Uni-Dozent in Philosophie. Melanie, Lehrerin. Und ich, der Journalist, der sonst über die Abenteuer anderer Leute schreibt. Fünf Doktortitel haben wir in unserer Gruppe, die Quote derer, die schon ein paar anspruchsvolle Alpintouren auf dem Buckel haben, ist geringer.

Zwischen Wollgrasbüschen, kleinen Bächen und Geröll laufen wir nun querfeldein zurück in Richtung Küste. Wir kommen an einem See vorbei und staunen über Kinder, die darin baden, ihre bunten Fahrräder liegen am Ufer. Das bräunliche Wasser dürfte kaum mehr als fünf Grad warm sein.

Im Ort werden wir vom lauten Gewinsel der Schlittenhunde begrüßt. Man sagt, Grönlands Hunde bellen nur, wenn sich ein Eisbär nähert. Das scheint momentan nicht der Fall zu sein, denn sie jaulen im Falsett, klingen mal wie krähende Hähne oder wie 100 quietschende Türen gleichzeitig, dann so, wie man sich Wölfe vorstellt, die den Vollmond anheulen.

Zahme Haustiere sind das nicht, mit rauer Gewalt zerren sie an schmiedeeisernen Ketten, normale Lederriemen würden dem Gezerre nicht standhalten. Die Hunde wirken ausgemergelt unter ihrem grauen Fell. »Manche von ihnen werden nur einmal pro Woche gefüttert«, sagt Patrick und empfiehlt, den erwachsenen Tieren nicht zu nah zu kommen.

Es ist kein Wunder, dass Tagestouristen Hunderte Euro zahlen, um nach Kulusuk zu fliegen. Die Lage des Örtchens ist phänomenal. Vom Ufer blickt man über einen Fjordarm voller Eisberge, auf der anderen Seite ragen schroffe Berggipfel mit ihren Gletscherflanken in die Höhe. Zwar liegt auf der Straße viel Müll, und es stinkt nach Fisch, doch die Häuser selbst wirken gepflegt, an einigen kleben Satellitenschüsseln. Dänemark investiert viel Geld, damit diese Seite Ostgrönlands vorzeigbar aussieht für die Touristen.

Zwei Dänen, die von Besuchern profitieren, sind Johan und Gudrun. Seit 14 Jahren kommt das Paar in den Sommermonaten hierher, um Langlauf- und Schlittentouren anzubieten und im Souvenirshop Seehundfelle und Pelzmützen, Landkarten und Grönland-T-Shirts zu verkaufen. Der elfjährige Sohn serviert Kaffee in weißen Plastikbechern. An der Wand hängen nachkolorierte Fotos von Inuit in traditioneller Tracht, darüber ein Kajak und alte Speere und Harpunen der Inuit. Auf einer Glasvitrine liegt ein Eisbärenschädel. »Das sieht ja aus wie zu Hause«, sagt meine Mutter. Wie in Opas Grönland-Diele. Zu seiner Zeit gab es hier noch keine Ortschaft, keinen Flughafen, keine Flug-zeuge.

Opas Tagebuch hat meine Mutter im Original mitgenommen, es klemmt in ihrem Tagesrucksack zwischen Fleecepulli und Wasserflasche, nur von einem Frischhaltebeutel geschützt. Ich halte das für keine gute Idee auf einer Trekkingreise, sage aber nichts.

An den Anblick meiner Eltern in ihren Outdoorklamotten muss ich mich noch gewöhnen. Es gibt wohl keine zwei Menschen auf der Welt, die ich besser kenne. In karierten Funktionshemden und skandinavischen Synthetikhosen mit aufgesetzten Taschen wirken sie wie verkleidet. Tausende Euro haben sie in die Ausrüstung gesteckt, um alle Empfehlungen des Reiseveranstalters umzusetzen. Na ja, fast alle Empfehlungen: Gamaschen als Regenschutz kamen ihnen dann doch zu altmodisch vor. Mein Vater, 1,91 Meter groß, kaum ein Gramm Fett am Körper, verlässt sonst selten das Haus ohne Anzug und polierte Lederschuhe. Jetzt trägt er einen olivgrünen Schlapphut, einen Pullunder aus Wolle und eine Sonnenbrille aus den Siebzigern, die mit ihrem breiten Hornrand fast schon wieder zeitgemäß wirkt. Meine Mutter, etwa 20 Zentimeter kleiner als er, trägt eine blaue Wollmütze mit Schneeflockenmotiv und eine knallrote Regenjacke. Normalerweise bevorzugt sie dezentere Farben.

Wir gehen in die Kirche. Das hat Tradition: Auf allen Familienreisen, an die ich mich erinnern kann, gingen wir in die Kirche, manchmal mehrfach an einem Tag. Nicht, weil meine Eltern besonders religiös wären, sondern hauptsächlich aus kulturgeschichtlichem Interesse. Mit gezücktem »Reclams Kunstführer« durch gotische Kathedralen, norwegische Stabkirchen, romanische Kreuzgänge. Niemand verlässt den Raum, bevor jedes Wandgemälde und jede Heiligenfigur zugeordnet und interpretiert ist. Als Teenager habe ich es gehasst.

In der Kirche von Kulusuk gibt es nicht viel zu interpretieren. Giftgrün gestrichene Holzbänke, ein paar bunte Fenster. Ein Modellschiff hängt an der Decke, ein Dreimaster, dankbare Seeleute waren es, die das Gotteshaus gebaut haben. Die Kniebänke vor dem Altar sind mit Robbenfell gepolstert, der Raum ist auf Saunatemperatur geheizt. Meine Mutter setzt sich an die kleine Elektroorgel vorne rechts und spielt vom Blatt Choräle aus dem aufgeschlagenen Liederbuch. Das nächste Stück spielt Uli, mein Onkel, wir sind eine musikalische Reisegruppe. Eckhart, ein Freund der Familie, legt mit »Für Elise« nach. Mein Vater drängt zum Gehen.

Ein roter Hubschrauber mit neun Sitzplätzen bringt uns nach Tasiilaq, zehn Minuten dauert der Flug über das Packeis. Dreiecke, Vierecke und Fünfecke treiben im Meer, Puzzleteile, die auseinanderdriften und mit der Zeit immer schlechter zusammenpassen, bis sie schließlich ganz verschwinden. Am Flughafen wartet ein Transporter, der unsere Taschen und Rucksäcke zum Zeltplatz bringt. Der liegt am Ufer zwischen einem Schiffsfriedhof und der Müllhalde, aber von beidem weit genug entfernt, um die Fjordidylle zu wahren. Ein paar Zelte stehen schon, 24 Geografiestudenten aus Augsburg sind hier, um sich in der Landvermessung zu üben.

Tasiilaq, der siebtgrößte Ort Grönlands, hat einen staubigen Fußballplatz, einen Frachthafen und ein Hotel namens »Angmagssalik«, so hieß die Ortschaft früher. Rote, blaue und gelbe Häuschen aus importierten Holzschindeln klammern sich an den Hang, ihre dreistelligen Hausnummern wirken wie verzweifelte Versuche, die Winzigkeit des Ortes zu verschleiern.

Kinder hüpfen auf Trampolinen auf und ab, Schlittenhundbabys balgen sich zwischen Grasbüscheln. Auf der gepflasterten Hauptstraße ohne Ampeln fährt nur alle fünf Minuten ein Auto, sie endet hinter den Häusern bald im Nichts. Fernstraßen gibt es nicht, wo sollten sie auch hinführen. Etwa 2000 Menschen leben hier, zwischen dem Inlandeis im Westen und einem Treibeisgürtel im Osten, den Frachtschiffe nur wenige Monate im Jahr passieren können. Wahrscheinlich ist Tasiilaq die einsamste Stadt Europas, wer die nächstgrößere besuchen will, muss mehr als 650 Kilometer zurücklegen.

Patrick holt fünf grüne Zelte aus einer Wellblechlagerhalle und führt vor, wie man sie aufbaut. Camping für Wiedereinsteiger: Wieso ist die Zeltstange zu lang, um in die vorgesehene Lasche zu passen? Muss die Dachstange über oder unter die beiden Querstreben? Wie groß sollten die Felsbrocken sein, die auf hartem Untergrund die Zeltheringe ersetzen?

Zum Abendessen brät Patrick in einer riesigen Metallpfanne Fisch, dazu gibt es Reis und Wirsing. Über uns pittoreske Holzhäuser, vor uns ein Plastiknapf voller Köstlichkeiten – das Gefühl, in ein Abenteuer voller Anstrengungen und Entbehrungen geraten zu sein, will sich in diesem Luxus-Camp nicht recht einstellen. Nur die Fliegenbataillone, die auf Haut und Haaren landen, nerven ein wenig. Tante Traudl trägt schon ihr Moskitonetz um den Kopf und sieht aus wie eine Imkerin.

»Wollen wir noch in die Disko?«, fragt Patrick. Ein letztes Bier vor der Wildnis klingt verlockend, Eckhart, Uli und ich gehen mit.Die einzige Bar des Ortes liegt in einer dunklen Ecke am Hafen mit seinen Motorbooten und kleinen Segelyachten. Vor dem Eingang rauchen Männer mit glasigen Augen überteuerte Marlboros, 75 Kronen kostet eine Packung, mehr als zehn Euro, und lallen vorbeihuschenden Frauen Liebesschwüre hinterher.

Es gibt nur eine Biersorte, Tuborg. Von den Barhockern beobachten die Gäste den Verlauf eines Billardspiels. Eine ziemlich betrunkene Frau mit Kurzhaarfrisur, etwa Mitte 20, drückt Patrick ihre Bierflasche in die Hand und versenkt dann gegen ihren doppelt so alten Gegner eine Kugel nach der anderen. Sie macht ihn regelrecht fertig, zwischendurch grinst sie Patrick stolz an. Dann will sie tanzen, schiebt uns in den menschenleeren Nebenraum. Diskokugeln, rote Scheinwerfer, »I will survive«. Ein Türsteher verlangt Eintritt. Wir gehen zurück zu den Barhockern.

Eine rundliche Frau mit asiatischen Zügen rupft ein paar Daunenfedern von meinem Fleecepulli und lacht vor sich hin. Sie heißt Senna, ist 30 und arbeitet an der Schule. »I learned English four years«, sagt sie, dann bringt sie uns bei, wie man »Prost«, »Wie geht’s« und »Ich liebe dich« auf Grönländisch sagt. Als »Living next door to Alice« von Smokie aus alten Lautsprechern scheppert, singt sie mit, plötzlich akzentfrei, sie kennt jedes Wort. Der Song handelt von einer Frau, die abhaut. Eine große Limousine hält vor ihrer Haustür, und sie verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Ich sage ihr, dass mir Tasiilaq gefalle, die Hafenbucht, die Landschaft ringsum, und sie wird mit einem Mal ernst. »Ich hasse es hier. Die Winter sind schrecklich. Ich will in eine Stadt, ich hasse meine Mutter und noch mehr meinen Vater«, bricht es aus ihr heraus. Wenn sie es sich leisten könnte, wäre sie schon längst in Dänemark. Im Oktober flieht sie für ein paar Tage in die Hauptstadt Nuuk, um ihren Geburtstag zu feiern. »Der Flug kostet mehr als 500 Euro, dann habe ich kein Geld mehr für eine Party.«

Tasiilaq mag eine Idylle sein für den Besucher, »wie ein ruhiger See« bedeutet sein Name. Aber es ist offenbar kein Paradies für die Einwohner. Seit Kampagnen von Umweltschützern dafür gesorgt haben, dass die Jäger kaum noch Robbenfelle verkaufen können, sind viele Bewohner arbeitslos, leben von der Sozialhilfe der dänischen Regierung. Tasiilaq hat eine der höchsten Selbstmordraten der Welt, im Winter versinkt die Stadt monatelang in der eisigen Polarnacht. Alkoholismus und Missbrauch sind in vielen Familien Alltag. Die Inuit haben ihre traditionelle Kultur gegen Holzhäuser, Handys und Fernseher eingetauscht – und dabei einen Teil ihrer früheren Friedfertigkeit verloren. Einst wurden Konflikte durch Lachduelle beigelegt, über Jahrtausende gab es hier keine Kriege oder Revolten.

Europäer lehrten die Inuit schließlich, was Zivilisation bedeutet. Ab 1894 unterhielten die Dänen in Tasiilaq eine ständige Verwaltung, Schiffe brachten Holz und Lebensmittel, beides Mangelware in Ostgrönland. Die Einheimischen, die als Nomaden umherzogen und in einfachen Erdhütten Schutz vor den Wintern suchten, waren durch Hungersnöte stark dezimiert worden Möglicherweise bewahrte die Ankunft der Dänen die paar Hundert Bewohner der Region vor dem Aussterben. Schon bald nahm die Bevölkerung wieder zu.

Auch heute schicken die Dänen noch Geld, Lehrer und Polizisten. Doch selbst die mildesten Kolonialherren kennen keine Formel, wie man indigene und westliche Kultur ohne Kollateralschäden zusammenbringt.

Heutzutage bleiben die meisten der Besucher nur für einen Tag. Sie schwärmen morgens in Zodiacbooten vom Kreuzfahrtschiff aus, mit ihren Kameras und Geldbörsen und Handgelenk-Bändchen, und sind abends wieder verschwunden, wie ein Tagtraum.

Auf staubigen Straßen laufen wir zurück zum Zeltplatz. Zum Einschlafen lauschen wir dem Krachen rollender Eisberge in der Fjordbucht und dem Gewinsel der Hunde am Ufer.

 

Stephan Orth

Über Stephan Orth

Biografie

Stephan Orth, Jahrgang 1979, studierte Anglistik, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie und Journalismus. Von 2008 bis 2016 arbeitete er als Redakteur im Reiseressort von SPIEGEL ONLINE, bevor er sich als Autor selbstständig machte. Für seine Reportagen wurde Orth mehrfach mit dem Columbus-Preis...

Medien zu »Opas Eisberg«


Kommentare zum Buch

Opas Eisberg
Wolfgang Half am 29.12.2014

Das Buch ist eine ausgezeichnete Präsentation über die Möglichkeit in diesem fast menschenabweisenden Land zu leben. Da die Gruppe allerdings von außen versorgt wurde, gabe es in der Versorgung und Verständigung keine Probleme. Dagegen wurden die Menschen dort erst 1884 von Gustav Holm entdeckt. Was daraus heute geworden ist, vermittelt der Autor in hervorragender Weise. Selber war ich zwar nur für drei Wochen 1976 in dem Distrikt. Das Schiff mit meiner Ausrüstung blieb im Eis hängen. Von der Faltbootreise wurde nichts. Trotzdem war es eine unvergessliche Tour mit dem Boot des Klinikchefs. Der Tourismuss lag damals in den Anfängen. Ein Campingplatz oder Hotel mit gediegener Küche war nicht vorstellbar. Die Landschaft ist von einer nicht zu beschreibenden Großartigkeit die der Autor wiederholt präsentiert. 

Lesung
marianne müller am 24.05.2013

hallo,   wird Herr Orth auch Lesungen aus diesem Buch geben? Wenn ja können Sie mir hierzu bitte Informationen zukommen lassen?   danke & viele Grüße Marianne Müller

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