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OmniOmni

Omni

Roman

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Omni — Inhalt

Gewinner des Kurd-Laßwitz-Preises 2017! Aurelius, vor zehntausend Jahren auf der legendären Erde geboren, ist einer von nur sechs Menschen, die Zugang zu Omni haben, einem Zusammenschluss von Superzivilisationen, der die Macht über die Milchstraße innehat. Nun erhält Aurelius seinen letzten Auftrag: Er soll verhindern, dass ein rätselhaftes Artefakt an Bord des im Hyperraum gestrandeten Raumschiffs Kuritania in falsche Hände gerät. Eine einflussreiche Schattenorganisation ist dem Wrack bereits auf der Spur. Der Agent Forrester und seine Tochter Zinnober sollen den Fund bergen und Aurelius entführen – denn mit seiner Hilfe könnte das Artefakt wieder aktiviert werden. Doch die Mission gerät außer Kontrolle – und Aurelius, Forrester und Zinnober finden sich in einem undurchsichtigen Spiel wieder, das die Zukunft der ganzen Menschheit bedroht ...

Erschienen am 04.10.2016
560 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70359-8
Erschienen am 04.10.2016
560 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97548-3
»Science Fiction vom Allerfeinsten. Hochspannende, intelligente und philosophische Space Opera vom derzeit besten deutschen Science Fiction Autor.«
buchwelten.wordpress.com

Leseprobe zu »Omni«

Prolog

 

Der Asteroid, ein Felsbrocken mit einem Durchmesser von knapp fünfhundert Kilometern, zog einsam seine Bahn am Ende des Perseusarms der Milchstraße, viele Lichtjahre vom nächsten Sonnensystem entfernt. An seinem dunklen Himmel leuchtete das Feuerrad der Galaxis, hell genug, um auf der rauen, zerklüfteten Oberfläche des Asteroiden Muster aus Licht und Schatten zu erschaffen. Der Felsbrocken hatte keine Atmosphäre, die Schallwellen übertragen konnte, aber der Mann hörte, wie die dünne Kruste aus Methan- und Ammoniakeis unter seinen Stiefeln [...]

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Prolog

 

Der Asteroid, ein Felsbrocken mit einem Durchmesser von knapp fünfhundert Kilometern, zog einsam seine Bahn am Ende des Perseusarms der Milchstraße, viele Lichtjahre vom nächsten Sonnensystem entfernt. An seinem dunklen Himmel leuchtete das Feuerrad der Galaxis, hell genug, um auf der rauen, zerklüfteten Oberfläche des Asteroiden Muster aus Licht und Schatten zu erschaffen. Der Felsbrocken hatte keine Atmosphäre, die Schallwellen übertragen konnte, aber der Mann hörte, wie die dünne Kruste aus Methan- und Ammoniakeis unter seinen Stiefeln knirschte, als er sich der Mulde mit der Figur näherte, die älter war als er selbst, älter als zehntausend Jahre. Der Kontinua-Film – die für gewöhnliche Augen unsichtbare zweite Haut, die ihn vor dem kalten Vakuum des Alls und der harten Strahlung schützte – verwandelte die Vibrationen in Geräusche.

Die Figur erhob sich am tiefsten Punkt der Mulde; sie war einem Humanoiden nachempfunden, vielleicht einer Frau, die Gesichtszüge wirkten weich und sanft. Beide Arme waren erhoben, den Sternen entgegengestreckt. Wie bei seinem ersten Besuch vor mehr als tausend Jahren betrachtete der Mann die jadegrünen Augen und versuchte zu verstehen, was ihr Blick bedeutete. Sehnsucht? Staunen angesichts der Unermesslichkeit des Universums? Zum siebten Mal befand sich der Mann an diesem Ort, und wieder lag etwas anderes in den Augen, diesmal vielleicht ein Hauch von Melancholie.

Ein Licht erschien neben ihm, ein blauer Punkt, der zur senkrechten Linie einer Kontinua-Brücke wurde. Eine Gestalt trat aus ihr, legte mit einem Schritt so viele Lichtjahre zurück, wie der Mann alt war: zehntausend.

»Wieder hier, Aurelius?« Die Worte der Gestalt klangen wie leiser Gesang. »An diesem Ort?«

Der Mann lächelte kurz, vielleicht ein wenig wehmütig. »Von hier aus kann ich die Erde sehen.«

»Die Erde, Aurelius?«

»Beziehungsweise den Punkt der Galaxis, wo sich das Sol-System befindet.« Er deutete nach oben zum Orionarm der Galaxis. »Dort. Es gibt nicht mehr viele Menschen, die sich daran erinnern.«

»Außer dir nur fünf. Die anderen ausgewählten Reisenden.«

Der Mann namens Aurelius, vor zehn Jahrtausenden auf der Erde als Lukas Jaylen Ciriako geboren, deutete auf die Figur. »Wer hat die Statue erschaffen? Sie ist eine Million Jahre alt. Das sagen die Sensoren meines Schiffes.«

»Wir sind Omni, aber selbst wir wissen nicht alles.« Die Gestalt, die aus dem blauen Leuchten der Kontinua-Brücke gekommen war, breitete dünne Arme aus. »Warum wählst du für unser Treffen ausgerechnet diesen abgelegenen Ort?«

»Weil er abgelegen ist. Weil man hier Abstand hat, die Dinge aus einer anderen Perspektive sieht. Auf der Erde gibt es – oder gab es – ein Sprichwort: ›Man muss den Wald verlassen, um ihn zu sehen.‹«

Aurelius wandte sich von der Statue ab, die seit einer Million Jahren die Arme zu den Sternen hob. Das Wesen, das aus der Brücke gekommen war, schien mehr Licht als feste Substanz zu sein. Es ähnelte den Engeln des Sprawl, durch das die Raumschiffe der Menschen und einiger Äquivalent-Zivilisationen flogen. Vielleicht war es so alt wie die Statue, vielleicht noch viel älter. Aurelius kannte es seit fast zehntausend Jahren: Thrako von den Inper, der dreizehnten von vierzehn ihm bekannten Superzivilisationen des Omni.

»Das klingt nachdenklich«, sagte Thrako. Aurelius dachte von ihm als »er«, aber vermutlich hatte der Inper gar kein Geschlecht. Elfenbeinfarben und halb durchsichtig stand er vor dem Blau der Brücke, die Gliedmaßen lang und dünn, der Rumpf in der Mitte wie zusammengeschnürt, der schmale Kopf ein nach hinten führender Bogen. Die großen, silbernen Augen nahmen die Hälfte des Gesichts ein.

»Ich bin nachdenklich«, sagte Aurelius. »Ich denke über unsere Missionen nach. Sie scheinen nicht viel zu bewirken. Wir greifen hier und dort ein, vorsichtig, mit sanfter Hand, oft an Stellen, die auf den ersten Blick betrachtet unwichtig sind, und offenbar verändert sich nicht viel.«

»Zehntausend Jahre sind nicht viel Zeit.«

»Für Menschen schon.«

»Für einzelne von ihnen, für Individuen, aber nicht für die ganze Spezies, nicht für ihre Rolle auf der galaktischen Bühne.«

Aurelius seufzte, blickte erneut nach oben und betrachtete die Milchstraße. Eine große Bühne, ja, mit mehr Darstellern, als ein Mensch zählen konnte, und es fand nicht nur ein Stück auf ihr statt, sondern viele, vor allem Dramen und Tragödien.

»Eine letzte Mission«, sagte er langsam und fühlte das Gewicht in den Worten. »Dann möchte ich zurück ins Omni. Zurück zu euch. Für hundert Jahre.«

»Du hast dir eine Rückkehr verdient, Aurelius. Du könntest sofort zurückkehren, und für mehr als nur hundert deiner Jahre.«

»Eine letzte Mission«, wiederholte Aurelius. »Damit ich genug Zeit bekomme für eine Neubesinnung.«

»Was hast du vor?«, fragte Thrako.

Aurelius schickte ihm die Daten.

Mehrere Sekunden verstrichen, und als Aurelius’ Blick zu den jadegrünen Augen der Figur zurückkehrte, schienen sie sich erneut verändert zu haben. Etwas Abwartendes lag jetzt in ihnen.

»Es würde dich in Gefahr bringen«, sagte Thrako schließlich.

»Das lässt sich nicht vermeiden.«

»Du kannst sterben, Aurelius. Du bist nicht vor Gewalt geschützt.«

»Ich weiß.«

»Wir würden es sehr bedauern, dich zu verlieren.«

»Omni wird mich nicht verlieren.«

»Du willst deine Anonymität aufgeben, dich zu erkennen geben.«

»Das sieht der Plan vor, ja. Ich werde auf alles vorbereitet sein.«

Thrako klang fast traurig, als er sang: »Man kann nie auf alles vorbereitet sein, Aurelius. Das Unerwartete liegt immer auf der Lauer, überall.«

»Ich werde so gut vorbereitet sein wie möglich. Ist Omni einverstanden?«

Wieder folgten zwei oder drei Sekunden der Stille. Im blauen Spalt der Kontinua-Brücke flackerte es.

»Natürlich. Es liegt in deinem Ermessensspielraum. Es betrifft dich. Ich/wir sind einverstanden.«

Aurelius neigte kurz den Kopf. »Gut. Ich mache mich sofort auf den Weg. Wir sehen uns bald wieder.« Er drehte sich um und ging in Richtung seines Schiffes, das hundert Meter entfernt zwischen den Felsen auf ihn wartete.

»Aurelius?«

Er blieb stehen und drehte sich halb um.

»Ich wünsche dir Glück«, sagte Thrako und winkte mit beiden schmalen Händen.

»Das Glück«, erwiderte Aurelius, »ist ein unsicherer Verbündeter.«

 

 

 

Ein verlorenes Paradies

 

1

 

Das Wohnboot schaukelte sanft auf den Wellen des globalen Ozeans. Mit geschlossenen Augen empfing Forrester das letzte warme Licht der untergehenden Sonne. Erst nach einer Weile merkte er, dass es still geworden war; er hörte nur noch das leise Plätschern, mit dem das Boot durchs Wasser glitt.

Er hob die Lider.

Eine junge Frau, vor kurzer Zeit noch ein Mädchen, saß zwei Meter entfernt auf den Fersen: eine schmale Silhouette, das lange Haar ebenso rot wie ihre Augen. Forrester betrachtete sie wie ein Wunder, das Wunder des Lebens, von ihm gezeugt, eine Crohani von Javaid. Die crohanische Reife hatte vor fünf Jahren auf diesem namenlosen Planeten eingesetzt und das Mädchen zu einer Frau heranwachsen lassen, aber Forrester sah noch immer das Kind, das sie gewesen war, als sie sich auf dieser Welt niedergelassen hatten, in der Hoffnung, von niemandem gefunden zu werden. Eine schöne Frau, dachte er mit dem Stolz des Vaters. Dass sie menschliche – seine – Gene in sich trug, dass sie nur zur Hälfte Crohani war, sah man ihr nicht an.

»Wie friedlich alles ist, wie still«, sagte Zinnober. So lautete die Übersetzung des crohanischen Namens, Isdina-Iaschu, in InterLingua, und so nannte Forrester sie seit fünf Jahren, seit er wusste, dass er eine Tochter hatte. Ein passender Name, fand er.

Sie blickte zum Himmel hoch, an dem bereits die ersten Sterne erschienen – hier am Äquator dauerte die Dämmerung nur wenige Minuten. Ihre Augen suchten etwas, wie jeden Abend, wenn das Firmament für wenige Minuten den Schleier hob und reflektiertes Licht der Sonne hinter der Krümmung des Planeten Objekte zeigte, die sich aus dem Orbit näherten.

»Denk nicht daran«, sagte Forrester. Er wusste, was Zinnober durch den Kopf ging.

»Ich hätte gern Gelegenheit gehabt, meine Mutter besser kennenzulernen«, sagte Zinnober und hielt noch immer Ausschau, nach einem glitzernden Punkt, der sich bewegte, nach einem Schiff. Sie lachte gern, sie war wie eine Blume, die das Licht liebte, aber ihre Stimmung konnte auch schnell umschlagen, als genügte manchmal der Hauch eines Schattens, um ihre Seele zu verdunkeln.

Forrester dachte an Nala, Zinnobers Mutter, die auf Javaid gestorben war. Er erinnerte sich an ihre letzten Worte, an ihr Blut und seine Schuld. »Sie hätte sich darüber gefreut zu sehen, was aus dir geworden ist.«

Ein Lächeln huschte über Zinnobers Lippen und verschwand wieder. Weitere Sterne erschienen. »Der Himmel wird nicht immer leer bleiben, Vinz. Irgendwann wird man uns finden.«

Forrester lag noch immer auf dem Vorderdeck des Wohnbootes und stützte sich auf die Ellenbogen. Warmer Wind strich über sie hinweg. »Wir haben unsere Spuren verwischt. Niemand weiß, dass wir hier sind. Außerdem liegt dieses Sonnensystem am Ende eines Nebenstrangs, fernab aller Hauptrouten; von hier aus geht es nur mit einem Sprungschiff oder einem Horati-Segler weiter. Warum sollte jemand hierherkommen?«

»Du hast dem Duka von Javaid ein Omni-Artefakt gestohlen, seinen Talisman. Und ich habe dabei geholfen. Ich bin zur Verräterin geworden. Schlimmer noch, ich bin das Produkt eines Verrats, denn Nala, eine seiner Exquisitinnen, hat sich mit einem Außenweltler eingelassen, mit dem Mann, der ihm später den Talisman stahl. Der Duka sucht uns beide, aber vor allem sucht er mich, denn ich verkörpere eine besondere Schmach für ihn. Wenn er mich findet, wird er mich bestrafen, ein Exempel an mir statuieren, um seine Ehre wiederherzustellen.«

Forrester hörte diese Worte nicht zum ersten Mal, aber sie schmerzten erneut. »Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert.«

»Wir sind hier ganz allein«, sagte Zinnober. Sie sah übers Meer, das unruhiger zu werden begann. »Hier kann uns niemand helfen. Vielleicht hat der Duka einen Likotha geschickt. Likotha geben nie auf, auch wenn sie jahrelang unterwegs sind.«

Das Boot schaukelte heftiger.

»Es geht los.« Forrester stand auf. Vier Monde kletterten über den Horizont: der erste goldgelb; der zweite weiß und nicht weit von ihm entfernt; der dritte etwas weiter im Nordosten, blau wie Saphir und von grauen Linien durchzogen; der vierte rot wie Rubin. »Die Flutwelle kommt, so hoch wie seit Jahren nicht.«

»Vinz …« Sie benutzte oft die Kurzform seines Vornamens, hatte ihn nie »Vater« genannt. Die Gründe dafür kannte Forrester nicht.

Er stand auf und ergriff ihre Hand. »Komm zum Ruder.«

»Vinz …«

Er zog sie mit sich übers Deck zum Ruderstand, und dort kam sie, die Welle, eine silberne Wand, zwanzig Meter hoch, wie die Instrumente anzeigten, erzeugt von den Gezeitenkräften der vier Monde, die sich alle sieben Jahre in dieser Konstellation trafen. Sie waren vorbereitet, sie hatten geübt und den Autopiloten programmiert, für alle Fälle. Aber sie brauchten ihn nicht, denn jeder Handgriff saß, als sie das Wohnboot in den Wind drehten und die Segel setzten. Zinnober vergaß, was sie ihm hatte sagen wollen, und das war auch gut so. Erleichtert hörte Forrester ihr fröhliches Lachen, als sie selbst das Ruder übernahm und mit dem Boot die Welle ritt, fast fünfzig Kilometer weit, es dann über den Kamm hinweg in die glatte See dahinter steuerte.

»Und morgen sehen wir uns den Tempel am Riff an!«, rief Zinnober nach dem langen Wellenritt. Sie umarmte ihn und es schien wieder ein unbeschwertes Kind zu sein, das die Arme um ihn schlang.

 

In jener Nacht fand Forrester keine Ruhe. Als das Meer Stunden nach der großen Welle glatt wie Glas lag, als selbst das Plätschern am Rumpf des Wohnbootes aufhörte und es völlig still wurde, verließ er sein kleines Schlafzimmer, ging auf leisen Sohlen die Kajütentreppe hoch und trat auf dem Hauptdeck an die Reling. Fünf Jahre, dachte er; seine Gedanken schienen in dieser stillen Nacht laut im Kopf widerzuhallen. Seit fünf Jahren versteckten sie sich, aber selbst wenn sie niemand auf dieser abgelegenen Welt fand, irgendwann mussten sie fort von hier. Zinnober sollte mehr vom Leben erfahren als nur eine leere Welt und die Gesellschaft ihres Vaters; dort draußen wartete ein ganzes Universum auf sie. Aber wie sollte er sie schützen? Vor fünf Jahren, nach der Mission auf Javaid, hatte er die Agentur verlassen, um Zinnober in Sicherheit zu bringen – ein leichter Schritt, denn nach Nathans Ausscheiden war die Agentur ohnehin immer weniger Heimat für ihn gewesen. Leider bedeutete er, dass er nicht auf die früheren Ressourcen zurückgreifen konnte; er war, mehr oder weniger, auf sich allein gestellt.

Forrester atmete die kühle Luft tief ein, blickte nach oben und betrachtete das Band der Milchstraße am dunklen Himmel. Zahllose Sterne, zahllose Planeten, wimmelndes Leben … Zinnober hatte es verdient, das alles kennenzulernen.

Zwischen zwei besonders hellen Sternen blitzte es. Forrester hielt die Augen weit offen und wartete, aber das kurze Glitzern wiederholte sich nicht. Im Westen glühte eine Sternschnuppe auf; abgesehen davon rührte sich nichts am dunklen Himmel. Die Nacht blieb still, unbewegt.

Ich sehe Gespenster, dachte Forrester und kehrte unter Deck zurück.

 

 

 

2

 

Der Bioadapter des Wohnbootes stattete sie am nächsten Morgen mit Kiemen und einer dünnen Schuppenhaut aus, die Zinnober das Aussehen einer Nixe mit Flammenhaar verlieh.

»Die Rückbildung nachher kann recht unangenehm sein.« Forrester lauschte dem Klang seiner veränderten Stimme und betastete die Kiemenlappen an Hals und Brust. Der Adapter hatte dafür gesorgt, dass sie sich nicht wie Fremdkörper anfühlten.

»Damit werden wir schon fertig.« Im Licht der gerade über den fernen Horizont gekletterten Sonne trat Zinnober zum Rand des Wohnbootes, sprang und verschwand mit dem Kopf voran im grünblauen Meer.

Forrester folgte ihr.

Das Wasser war warm und klar wie Glas – alle Einzelheiten des Riffs ließen sich deutlich erkennen. Zinnober schwamm zwischen den Nesselbündeln von Äquivalent-Quallen, deren Gift ihrer Schuppenhaut nichts anhaben konnte. Ein Schwarm silbriger Stangenfische teilte sich vor ihr, als sie tiefer tauchte, dem Rücken des Riffs entgegen. Sie wirkte fast selbst wie ein Fisch, der einen roten Schleier trug.

Die Sensoren des Wohnbootes hatten weder Leviathane noch Äquiv-Haie in der Nähe geortet, aber Forrester hielt trotzdem mit seinen veränderten Augen – ein dünner Film schützte sie vor dem Salzwasser und erfüllte auch die Funktion einer Linse – nach ihnen Ausschau. Unter ihm tauchte Zinnober mit der Agilität, die ihr auch außerhalb des Wassers zu eigen war. Ihre Bewegungen wirkten wie ein Tanz, mal schneller, mal langsamer, und besaßen eine beeindruckende natürliche Eleganz.

Der alte Tempel – so hatte Forrester ihn genannt, obwohl es vielleicht die Reste einer untergegangenen Stadt waren, oder auch etwas ganz anderes – befand sich in einer Höhle in der Flanke des Riffs. Zinnober wartete dort auf ihn und winkte.

»Nicht so langsam, alter Mann, nicht so langsam!«, rief sie. Die Kiemen veränderten auch ihre Stimme.

In der Höhle war es nicht dunkel, aber düsterer als draußen im offenen Meer. Nur ganz oben, dicht unter der von Saugkrabben bewachsenen Decke, gab es eine kleine Luftblase, die Zinnober und Forrester aber nicht brauchten. Sie schwammen an den Stümpfen alabasterweißer Säulen vorbei, glitten über die muschelbesetzten Marmorplatten eingestürzter Decken hinweg und erreichten nach kurzer Zeit eine Art Nische in der Rückwand der Höhle. Forrester leuchtete mit der Lampe, die er mitgenommen hatte. Ihr Licht fiel auf sieben Statuen, die Geschöpfe aus unterschiedlichen Spezies zeigten, alle annähernd humanoid.

»Keine Fische«, sagte Zinnober. »Keine Bewohner des Meeres.«

»Dies muss einmal Teil einer Insel gewesen sein, oder eines Kontinents. Als ich zum ersten Mal hierhergekommen bin, habe ich die Bots des Schiffes unter anderem mit geologischen Untersuchungen beauftragt. Dieser Planet hatte einmal zwei Kontinente.«

»Und dies könnten ihre Bewohner gewesen sein.« Zinnober schwamm näher und berührte die Statuen, eine nach der anderen. Forrester wusste, wie sehr sie dies liebte: Artefakte, Hinterlassenschaften fremder Kulturen, die Schatten der Vergangenheit. Es lag an ihrer crohanischen Herkunft; das Vergangene, die Ahnen, spielten auf Javaid eine wichtige Rolle. »Oder es sind Darstellungen ihrer Götter.«

Zinnober drehte sich und ließ den Blick ihrer roten Augen durch die Höhle schweifen. »Vielleicht existieren sie noch, die alten Götter. Vielleicht haben sie den Untergang dieses Tempels überlebt.«

»Es gibt keine Götter, Zinnober«, sagte Forrester. »Es hat nie welche gegeben. Für Sünde, Buße und Erlösung sind allein wir selbst zuständig.« Das klang ziemlich bitter, selbst für seine eigenen Ohren, selbst hier, unter Wasser, und für einen Moment brachte es Erinnerungen an Nathan, der aus der Agentur gedrängt worden war, nachdem er versucht hatte, sie zu reformieren. In einem etwas leichteren Ton fügte er hinzu: »Und übrigens, so alt bin ich nicht. Nur siebzig Jahre, nicht einmal die Hälfte meines Lebens.«

Der Sensor an Forresters Hals meldete sich mit einer kurzen Vibration, die sich zweimal wiederholte.

Zinnober sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. »Was ist?«

Mit kräftigen Bewegungen schwamm er zur Höhlenöffnung und blickte von dort nach oben, zur Wasseroberfläche. Zwei Schatten zeigten sich, wo nur einer sein sollte. Neben dem Wohnboot schaukelte ein zweites Objekt in der Dünung.

»Wir haben Besuch bekommen.«

Furcht erschien in Zinnobers Gesicht. Sie sah sich schnell um, wie auf der Suche nach einem Fluchtweg oder einem Versteck.

»Wer auch immer das dort oben ist …«, sagte Forrester langsam. »Er kann uns bestimmt orten. Ein Bioscanner genügt, um zu erkennen, dass sich hier unten zwei Lebensformen befinden, die nicht hierher gehören.«

»Wenn es Likotha sind, Vinz …«, begann Zinnober voller Furcht.

»Wir müssen zum Wohnboot zurück«, sagte Forrester und sah ihr in die roten Augen. »Was auch immer geschieht, wer auch immer der Besucher ist … Ich möchte, dass du sofort den sicheren Raum aufsuchst, wenn wir an Bord sind. Und du verlässt ihn nur, wenn ich das Zeichen gebe, hast du verstanden?«

»Ja, Vinz.«

Andreas Brandhorst

Über Andreas Brandhorst

Biografie

www.andreasbrandhorst.de

Medien zu »Omni«

Pressestimmen

buchwelten.wordpress.com

»Science Fiction vom Allerfeinsten. Hochspannende, intelligente und philosophische Space Opera vom derzeit besten deutschen Science Fiction Autor.«

phantastisch-lesen.de

»Der Roman ›Omni‹ bietet fesselnde und nachhaltige Sciene-Fiction Unterhaltung mit vielen klugen Fragen und dem berühmten ›sense of wonder‹.«

forum.scifinews.de

»Eine unglaublich kompakte, umfangreiche und spannende Geschichte, in einem weit entfernten Universum.«

stuffed shelves.de

»Die Geschichte ist packend, umfangreich und, wie auch das Universum dahinter, sehr gut durchdacht. Dazu gibt es wieder tolle Figuren und die eine oder andere Passage, die nachdenklich stimmt und nachhallt. Es wundert mich nicht, dass Brandhorst zur Speerspitze der deutschen SciFi-Autoren gehört. «

Andromeda Nachrichten 256

»Mit einer scheinbaren Leichtigkeit entwirft Andreas Brandhorst wieder einmal ein überaus lesenswertes SF-Setting.«

Geek!

»Mit seinem jüngsten Roman hat er sich sowohl schriftstellerisch als auch als Weltenschöpfer erneut gesteigert und ein Universum entwickelt, in das man gerne öfter eintauchen und von dem man mehr erfahren möchte.«

robots-and-dragons.de

»Natürlich ist Andreas Brandhorsts neuer Roman wieder großes Kino. Alles ist gigantisch, uralt, mächtig, sonderbar und exotisch.«

Kommentare zum Buch

Gefährliche Mission
Karin Wenz-Langhans am 29.11.2016

Der zehntausendjährige Mensch Aurelius ist einer der sechs Reisenden, die im Auftrag von Omni handeln und mit ihnen in Verbindung stehen. Omni ist ein Zusammenschluss von vierzehn Superzivilisationen, die die Macht über die Milchstraße innehaben. Als das Wrack der vor zweihundert Jahren verschollenen Kuritania gefunden wird, befindet sich an Bord eine geheimnisvolle Maschine. Die Agentur, eine Organisation der Menschen, will diese Maschine in ihren Besitz bekommen und Aurelius entführen lassen, da er der Schlüssel ist, um die Maschine in Betrieb nehmen zu können. Mit der Entführung wird ein ehemaliger Mitarbeiter der Agentur, Vinzent Forrester, beauftragt, der mit seiner Tochter Zinnober auf einem vergessenen Planeten untergetaucht ist.   Mit diesem Roman schickt der Autor den Leser auf eine Reise in das Gesellschaftssystem der Milchstraße in vielen tausend Jahren: vierzehn Superzivilisationen bilden Omni und haben das Sagen – die Menschen gehören nicht dazu, was bei diesen zu Unmut führt, da sie teilweise nach mehr Macht und Einfluss streben.   Sechs Reisende, Menschen von der legendären Erde, sind im Auftrag von Omni unterwegs. Nicht nur verfügen sie über eine sehr lange Lebensspanne, auch organisch unterscheiden sie sich von den Menschen.   Sehr gespannt war ich darauf, mehr über Omni zu erfahren, wie sie ihre Macht gegenüber den anderen Zivilisationen ausüben. In diesem Buch bleibt Omni etwas vage, da im nächsten Jahr ein weiteres Abenteuer im Omniversum erscheinen wird. Aber das, was wir erfahren, macht mich sehr neugierig auf den zweiten Teil – und ich bin nicht überrascht, dass die Menschen nicht zu den Superzivilisationen gehören.   Vinzent Forrester und seine Tochter Zinnober sind zwei sehr interessante Charaktere: da nach ihnen gesucht wird, tauchen sie auf einem namenlosen Planeten unter. Für Vinzent steht die Sicherheit seiner Tochter an oberster Stelle, da er sich für den Tod ihrer Mutter verantwortlich fühlt. Allerdings trifft er dabei Entscheidungen, dich mich fassungslos machten, zumal sie fatale Folgen haben. Dadurch hatte es Vinzent bei mir deutlich schwerer als Zinnober, was meine Sympathie für ihn angeht. Eine weitere spannende Figur ist Cassandra, die künstliche Intelligenz an Bord von Vinz' Raumschiff, die sehr menschlich anmutet.   Absolut faszinierend und geheimnisvoll sind die sogenannten Engel: bei ihnen handelt es sich um Wesen, die im Sprawl leben, einem übergeordneten Medium, in welchem sehr hohe Geschwindigkeiten erreicht werden können. Unter normalen Umständen kann ein Mensch mit den Engeln nicht kommunizieren, jedoch üben sie auf Vinzent eine besondere Anziehungskraft aus.   Ebenso geheimnisvoll ist die Maschine an Bord der verunglückten Kuritania: woher kommt sie, welchen Zweck hat sie und wie kann man sie einsetzen? Oder sollten ihre Geheimnisse lieber weiterhin verborgen bleiben?   Während des Lesen schält sich immer mehr die Frage heraus, ob man bestimmte Ereignisse eigentlich ändern kann oder das Ergebnis immer im Voraus feststeht. Welche Auswirkungen hat der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings auf die Milchstraße?   Auch wenn ein paar Ahnungen von mir in die richtige Richtung wiesen, hat mich das Ende dennoch überrascht. Mir hat auch dieses Buch von Andreas Brandhorst wieder sehr gut gefallen, die ausgewogene Mischung zwischen einzelnen Kampfszenen und den ruhigen Momenten sowie den intelligenten Überlegungen machen immer den besonderen Reiz seiner Bücher aus. 

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