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Olivia und der Duft der Liebe

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Olivia und der Duft der Liebe — Inhalt

»Betty’s Waffle House« ist ein zauberhafter Ort. Hier gibt es die leckersten Waffeln der Stadt. Und Tobias, den süßesten Mann der Welt. Lange schon ist die Kellnerin Olivia heimlich in ihn verliebt, und unbeirrbar setzt sie daher alles daran, ihn zu bezaubern. Eines Tages entdeckt sie dabei plötzlich magische Kräfte in sich. Dumm nur, dass sie sie nicht kontrollieren kann …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 08.12.2014
Übersetzer: Bärbel Arnold, Velten Arnold
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98189-7

Leseprobe zu »Olivia und der Duft der Liebe«

Für Jenny, die mir das Leben gerettet
und mir damit ermöglicht hat, dieses Buch zu schreiben

 

 

 

Im Waffelcafé Crazy Cousin Betty’s gibt es magisches Linoleum. Na gut, vielleicht ist es auch nicht wirklich magisch. Es ist dieses eine merkwürdig leuchtende blaue Quadrat inmitten all der ansonsten im Schachbrettmuster verlegten dunkelblauen und weißen Quadrate. Es fiel mir zum ersten Mal ins Auge, als ich sechs war, und ich erinnere mich, wie ich an Bettys lavendelblauem Rock gezupft und auf den Boden gezeigt habe. Betty, die mir schon damals steinalt [...]

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Für Jenny, die mir das Leben gerettet
und mir damit ermöglicht hat, dieses Buch zu schreiben

 

 

 

Im Waffelcafé Crazy Cousin Betty’s gibt es magisches Linoleum. Na gut, vielleicht ist es auch nicht wirklich magisch. Es ist dieses eine merkwürdig leuchtende blaue Quadrat inmitten all der ansonsten im Schachbrettmuster verlegten dunkelblauen und weißen Quadrate. Es fiel mir zum ersten Mal ins Auge, als ich sechs war, und ich erinnere mich, wie ich an Bettys lavendelblauem Rock gezupft und auf den Boden gezeigt habe. Betty, die mir schon damals steinalt vorkam, kniete sich hin, damit ihre von Krähenfüßen umgebenen Augen mit meinen auf gleicher Höhe waren.
»Ah, das? Das ist ein magisches Quadrat«, erklärte sie mir. »Wenn du dich daraufstellst und dir etwas wünschst, geht dein Wunsch in Erfüllung.«
» Wirklich ? «
Sie zwinkerte. »Und ob! Aber stell dich nicht einfach immer darauf, wenn du eine neue Puppe haben möchtest oder ein Motorrad. Mit Magie ist nicht zu spaßen, Olivia.« Und mit diesen Worten stand sie auf, wuschelte mir durchs Haar und ging wieder an die Arbeit.
Ich glaubte ihr nicht. Selbst in dem zarten Alter merkte ich, wenn man mir einen Bären aufbinden wollte.
Aber dann, unmittelbar nachdem ich angefangen hatte, im CCB’s zu arbeiten, wollte ich unbedingt, dass Robbie Pecorino mich zum Abschlussball der Highschool einlädt. Aus reinem Jux stellte ich mich spätabends auf das Quadrat und tatsächlich – zwei Tage später lud er mich ein. Also, das war echt cool. Doch dann gab es das Mal, als ich mir wünschte, dass mein Freund Charlie, mit dem ich während meiner Collegezeit zusammen war, mir ein bisschen mehr Freiraum gewähren möge, und das Ganze endete damit, dass er mich abservierte, um sich stattdessen in eine Beziehung mit seinem Mitbewohner Neil zu stürzen. Schließlich stellte ich mich noch einmal vor sechs Jahren auf das Quadrat, als ich mittlerweile zweiundzwanzig war, und wünschte mir, dass meine Mutter keinen Krebs mehr haben sollte.
Zwei Monate später starb sie.
Danach hörte ich auf zu wünschen. Natürlich habe ich nicht wirklich geglaubt, dass dieses Linoleumquadrat magische Kräfte hat und Wünsche erfüllen kann, aber … irgendwie habe ich es doch geglaubt. Und dass es ein sadistisches kleines Monster ist, das es möglichst zu meiden galt. Immer wenn ich eine Bestellung in Nische 9 entgegennahm, stand ich entweder zu nah am Tisch oder zu weit davon weg, um bloß nicht auf das Quadrat zu treten und mir unbeabsichtigt irgendetwas zu wünschen. Doch an jenem Freitagabend im Juni, als ich mit meinem Mopp über das Quadrat wischte, erwog ich, nur einen Augenblick lang, jenen entscheidenden Wunsch zu äußern, dessen Erfüllung dafür sorgen sollte, dass ich endlich die Kurve kriegte.
»Bist du immer noch nicht fertig?«
Ich stand mitten im dämmrigen und leeren Speiseraum, den Stiel des Wischmopps in der Hand und einen meiner weißen Keds-Schuhe bereits über das Quadrat gehoben. Als ich aufblickte, sah ich Tobias Shoop, den Abendkoch im CCB’s. Sein kräftig gebauter Körper steckte in seinem Standard-Outfit: zerknitterten Jeans und schwarzem T-Shirt. Sein Grinsen war ein bisschen zu breit für sein Gesicht, seine Schneidezähne standen leicht übereinander, und seine Bartstoppeln sprossen quasi, während man ihn ansah, aber, verdammt, ich war in ihn verknallt. Und daran musste ich etwas ändern, denn in diesen Mann verknallt zu sein, brachte mich noch um. Doch so, wie er dastand und mich ansah, konnte ich meine Verknalltheit auch nicht einfach wegwünschen, also zog ich den Fuß zurück und begann wieder zu wischen. »Sehe ich so aus, als wäre ich fertig?«
Er lehnte am Türpfosten, verdeckte mit seiner kräftigen Statur nahezu das gesamte Licht, das von der Küche in den Speiseraum fiel, und sah mich einfach nur in seiner typischen Art an, indem er mich eben einfach nur … ansah. Er betrachtete mich mit einem seiner typischen Tobias-Blicke – totale Fokussierung mit einem leichten Glühen in den Augen, was ich bescheuerterweise für romantisches Interesse gehalten hatte – und schlenderte auf mich zu. »Brauchst du Hilfe?«
»Nein.« Ich stellte den Wischmopp neben mich und sah Tobias an. Sein dunkles Haar war an den Schläfen von verfrühten grau schimmernden Strähnen durchzogen. Es juckte mich in den Fingern, sie durch dieses Haar fahren zu lassen, diesem verräterischen Trieb nachzugeben, der überhaupt erst alles verbockt hatte.
»Ich bin so gut wie fertig«, erwiderte ich kühl. »Du kannst ruhig gehen. Ich schließe ab.«
Seine Reaktion bestand darin, zu Nische 9 hinüberzuschlendern, sich auf den Tisch zu hieven und mich anzustarren.
Ich wischte weiter. »Du kannst gehen, wirklich. Ob du es glaubst oder nicht – bevor du hier angefangen hast, habe ich immer alleine abgeschlossen.«
»Das ist mir egal.«
Mir aber nicht, dachte ich, wischte mit meinem Mopp über das Quadrat und wünschte mir, dass er einfach nur abhauen und mich in Ruhe lassen würde. Dummerweise stand ich in dem Augenblick, in dem ich es mir wünschte, nicht auf dem Quadrat, also blieb er, wo er war.
»Hörst du irgendwann auf, sauer auf mich zu sein?«, fragte er.
»Ich bin nicht sauer auf dich«, erwiderte ich wie ein Sprechautomat und wischte erneut über das Quadrat. Ich wünsche mir, dass du Pickel kriegst. Wisch.
»Ich bin kein Idiot, Liv. Ich weiß, dass du sauer bist.« Er stieß einen tiefen Seufzer aus. » Können wir wenigstens darüber reden ? «
»Gerne, aber ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.« Wisch. Wisch. Ich wünsche mir, dass dir irre lange Haare aus den Ohren wachsen. Wisch.
»Das kannst du deiner Oma erzählen.«
Ich hörte auf zu wischen und sah ihn an. »Wenn das ein Versuch sein soll, dich bei mir einzuschleimen, hast du es vergeigt.«
»Ich versuche nicht, mich bei dir einzuschleimen«, stellte er klar. »Ich will nur, dass zwischen uns alles wieder ist wie früher. Du weißt schon. Bevor du sauer auf mich warst.«
Dir soll ein Klumpfuß wachsen. »Ich. Bin. Nicht. Sauer.«
Er sprang vom Tisch und griff nach meinem Arm. Und ich spürte den Stromstoß, der mich jedes Mal durchzuckte, wenn er mich berührte. Ich zog den Arm weg und zwang mich, ihn anzusehen, wobei ich mir alle Mühe gab, weiterhin einen Ausdruck absoluter Gleichgültigkeit aufzusetzen, doch wahrscheinlich brachte ich nur etwas zustande, was irgendwo zwischen unterwürfiger Anbetung und dürftig unterdrückter Wut einzuordnen war.
»Du willst mir also weismachen, dass zwischen uns alles in Ordnung ist?«, fragte er skeptisch.
» Genau. «
Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich herausfordernd an. »Dann komm heute Abend zu mir, und wir sehen uns Die Ritter der Kokosnuss an.«
Ich blickte ihn an, und es besänftigte mich vorübergehend, als ich an all die Abende dachte, die wir während der vergangenen eineinhalb Jahre gemeinsam damit verbracht hatten, uns irgendwelche bescheuerten Filme anzusehen oder stundenlang über Gott und die Welt zu reden. Doch dann kollidierten diese Erinnerungen frontal mit der Erinnerung daran, was während unseres Filmabends am letzten Freitag vorgefallen war, und meine Besänftigung war wie weggeblasen.
Ein Klumpfuß und ein Buckel. »Geht nicht. Ich muss packen.«
Er sah mich verblüfft an. »Packen? Wo willst du denn hin?«
Ich holte Luft, war ein bisschen nervös, schaffte es jedoch – zumindest hoffte ich das –, vor Selbstbewusstsein strotzend zu erwidern : » Nach Schottland. «
Er wich überrascht zurück. »Nach Schottland? Warum?«
»Weil da der Dartpfeil auf der Karte gelandet ist«, antwortete ich, meinen herausfordernden Tonfall beibehaltend. »In Schottland geht’s los. Dann reise ich durch ganz Europa, wie ein Collegeabsolvent nach der bestandenen Abschlussprüfung.«
»Wie bitte? Du gehst auf Rucksacktour?«
» Ja. Irgendwie kam mir die Idee, und im ersten Moment dachte ich: He, das ist doch verrückt, aber je länger ich darüber nachdenke, desto aufregender finde ich das Ganze. Ich habe ein bisschen Geld gespart, und zusammen mit dem Erlös aus dem Verkauf des Hauses … «
»Du willst dein Haus verkaufen?«
»… müsste ich gut sechs Monate über die Runden kommen, bevor ich mich irgendwo niederlasse und mir eine Arbeit suche. Aber bis dahin dürfte ich wohl herausgefunden haben, wo ich bleiben will.Vielleicht arbeite ich wieder als Kellnerin, aber dann in Italien oder in Wien. Und wenn ich zurück muss in die USA, gehe ich vielleicht nach Atlanta oder nach San Diego. Irgendwohin, wo es warm ist, glaube ich.«
»Wovon, zum Teufel, redest du da eigentlich?«
Ich hielt inne, blickte ihn an und ließ auf mich wirken, was ich sah. Er war breit gebaut, und in ihm schlummerte eine Kraft, die lieber nie jemand testete. Er war intelligent, selbstbewusst und nachdenklich schweigsam, bis man ihn in ein Gespräch über die Themen verwickelte, die ihn faszinierten, wie Science-Fiction- oder Fantasy-Romane oder die Art und Weise, in der sich Verschwörungstheorien ausbreiten wie Viren, die den Verstand infizieren. Er stand für alles, was in meinem Leben richtig lief, und für alles, was falsch lief.
Und es war höchste Zeit, dass ich meine Fixierung auf ihn beendete.
»Ich rede davon, dass ich wegziehe. Ich verlasse das Land. Tschüss. «

Er verdaute meine Worte kurz. »Wenn du das wegen dem machst, was letzte Woche zwischen uns vorgefallen …«
Ich schnaubte, vielleicht ein bisschen zu laut. »Schalt einen Gang runter, Superego. Es geht nicht immer nur um dich.«
»Das Timing ist eben ein bisschen auffällig, das ist alles.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Klar, das Timing. Du meinst, dass ich mich dir an den Hals geworfen habe, nachdem ich eineinhalb Jahre darauf gewartet habe, dass du den ersten Schritt machst, bloß um mir einen Korb zu holen und anschließend drei Tage lang komplett ignoriert zu werden …«
»Mensch, Liv, ich habe dir doch gesagt, dass es mir leid tut.« »… könnte mich dazu inspiriert haben, ein Bild von dir auszudrucken, es an meine Pinnwand zu hängen und mit einem Dartpfeil auf dich zu zielen, dich aber zu verfehlen und aus Versehen meine Weltkarte zu treffen.«
»Na wenigstens bist du nicht einfach nur verrückt geworden«, sagte er rundheraus.
»Ich werde weder bestätigen noch leugnen, dass es sich so zugetragen hat, aber Tatsache ist, dass mir, als ich den Staub von der Weltkarte gepustet und das Loch neben Edinburgh gesehen habe, schlagartig bewusst wurde, was für eine tolle Idee das ist.« Ich seufzte und sah ihn an. »Ich bin achtundzwanzig, Tobias. Ich habe es satt, darauf zu warten, dass mein Leben mich findet, deshalb ziehe ich los und mache mich auf die Suche.«
Er starrte mich an. »Das macht doch keinen Sinn.«
Und plötzlich spürte ich, wie mir, völlig unsinnigerweise, Tränen in die Augen stiegen. »Ich muss als Erste von hier verschwinden. «
Er schüttelte den Kopf. »Wovon, zum Teufel, redest du?«
»Ich rede von dir.« Sein erschrockener Gesichtsausdruck jagte einen Schmerzstoß durch mich hindurch, und ich hob die Hand, um ihn davon abzuhalten, etwas zu sagen. Nicht dass er den Anschein machte, als hätte er das vorgehabt. »Keine Angst. Ich werde dich nicht noch einmal küssen. Ich habe meine Lektion gelernt.«
» Liv … «
Ich hob erneut die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. »Du bist kein Hinterwäldler,Tobias. Eines Tages wirst du von hier weggehen, und wenn du das tust und ich nicht vor dir gegangen bin, werde ich mich den Rest meines Lebens vor Sehnsucht nach dir verzehren. So wie es meiner Mutter mit meinem Vater ergangen ist. Ich habe den Mistkerl nie auch nur kennengelernt, aber wer auch immer er war – er hat einen Teil meiner Mutter mit sich genommen, den sie nie zurückgekriegt hat, und das wird mir nicht passieren. «
Es folgte ein ausgedehnter unerträglicher Moment des Schweigens, und mein Herz galoppierte in der Hoffnung, dass er mich in die Arme schließen und mir sagen würde, dass seine Zurückweisung am vergangenen Freitag nur ein Missverständnis gewesen sei und er mich begleiten würde, wohin auch immer ich ginge. Doch stattdessen fragte er nur: »Wann reist du ab?«
Ich umklammerte den Wischmopp, presste ihn an meine Schulter. »Ich brauche noch etwas Zeit, um das Haus loszuwerden und meine Sachen zu verkaufen oder einzulagern.«
Er kam einen Schritt auf mich zu. »Wann?«
»Mein Flug geht am 10. August.«
»Du hast dir schon ein Ticket gekauft?«
Ich zuckte mit den Achseln. »Man muss schon Nägel mit Köpfen machen. «
»Also in … sechs Wochen?«
» Ja. «
Er nickte und lehnte sich zurück an den Tisch in Nische 9; wobei er geistesabwesend einen Fuß auf das Quadrat stellte. Normalerweise wäre ich besorgt gewesen, aber Tobias war nicht der Typ, der sich irgendetwas wünschte und hoffte, dass es einfach so in Erfüllung ging. Wenn er etwas wollte, sah er zu, dass er es bekam.
Und wenn er es nicht bekam, dann eben nicht.
Er räusperte sich. »Jedes Mal, wenn du eine Ziege siehst, möchte ich ein Foto.Von dir mit der Ziege.«
»Was soll denn der Schwachsinn?«, fragte ich.
»In Europa gibt es jede Menge Ziegen. Auf diese Weise vergisst du mich nicht.«
Wir sahen einander einige Augenblicke lang in die Augen, und ich verlor völlig den Verstand. Vor meinem inneren Auge spulten sich im Schnelldurchlauf Dutzende Szenarien ab. Wie er mich bittet zu bleiben. Wie ich ihn bitte, mich zu begleiten. Wie wir beide neben einer Ziege stehen und einem Ortsansässigen unseren Fotoapparat reichen. Und jedes Szenario endete mit einem Kuss …
Doch genau von diesen Hirngespinsten wollte ich mich ja befreien. Ich wischte erneut mit dem Mopp über das magische Quadrat und fragte mich, ob ich mein Verliebtsein – ohne das Quadrat mit den Füßen zu betreten – wohl auch mithilfe des Mopps wegwünschen konnte.
» Liv ? «
Ich sah zu ihm auf. » Geh nach Hause. Ich kann es nicht, solange du hier rumstehst.«
»Was kannst du nicht? Wischen?«
Ich blickte hinunter auf das Quadrat und sah dann wieder zu ihm. » Nein. Wünschen. «
»Was wünschst du dir denn?«, fragte er, und in diesem Moment klingelte die Glocke an der Eingangstür.
»Gott sei Dank! Sie haben noch geöffnet!«
Ich blickte an Tobias’ Schulter vorbei und sah eine kleine, rundliche schwarze Frau mittleren Alters in der geöffneten Tür stehen. Eine heiße Sommerbrise, die hereinwehte und in Wettstreit mit unserer nicht voll funktionstüchtigen Klimaanlage trat, bauschte den Rock ihres leuchtend orangefarbenen Sommerkleids. »Ich habe die erste mögliche Ausfahrt von der Schnellstraße genommen, aber auf der ganzen Main Street brennt kein einziges Licht mehr außer bei Ihnen. Und das um zehn Uhr abends. Ist hier überall der Strom ausgefallen?«
»Willkommen im Nachtleben von Nodaway Falls«, sagte ich, wandte mich zu Tobias um und flüsterte ihm zu: »Ich muss vergessen haben, die Tür abzuschließen.«
Die Frau lächelte. »Nodaway Falls. Das gefällt mir. Ein schöner Name für eine Stadt: Nodaway Falls. Ich mag Städte mit schönen Namen.« In ihrer Stimme schwang ein Hauch von südlicher Geschmeidigkeit, und ihr Gesicht strahlte förmlich vor Liebenswürdigkeit. »Ich bin so froh, dass Sie geöffnet haben. Ich habe nämlich gerade einen beinah übernatürlichen Heißhunger auf Waffeln.«
Sie ließ sich auf einem Hocker an der Theke nieder, und Tobias ging, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, zu ihr.
»Die Auswahl ist nicht mehr besonders groß«, stellte er klar. »Wir wollten gerade schließen, deshalb ist schon fast alles weggeräumt, aber ein paar Waffeln kann ich Ihnen auf die Schnelle noch zubereiten. Und wenn Liv mit dem Wischen fertig ist, haben Sie sicher schon gegessen.«
Er bedachte mich mit einem matten, halbherzigen Lächeln, das ich erwiderte. Normalerweise hätte ich seine Bemerkung mit irgendeiner forschen Geste beantwortet, aber Normalität gab es zwischen uns nicht mehr. Die ungezwungene, manchmal ruppige Art, wie wir miteinander umgegangen waren, war betretener Höflichkeit gewichen. Diese Erkenntnis machte mich so traurig, dass ich plötzlich den unbändigen Drang verspürte, mich in Nische 9 zu verkriechen und mich ein bisschen auszuheulen.
Die Frau machte eine wegwerfende Handbewegung. »Keine Sorge, junger Mann. Ich brauche keine Auswahl. Bereiten Sie mir einfach die süßeste, kalorienhaltigste Variante zu.«
»Das sind die Schokoladenwaffeln auf belgische Art, mit heißer Karamellsoße,Vanilleeis und Schlagsahne. Möchten Sie auch die Kirsche obendrauf, oder sind Ihnen Früchte zu gesund?«
Die Frau beugte sich vor. »Reden Sie von diesen kleinen strahlend roten Dingern, die vor Zucker und künstlichem Farbstoff nur so triefen?«
» Maraschinokirschen ? «, fragte er zurück. » Ja, genau die. «
Sie überlegte kurz und sagte dann: »Geben Sie mir vier. Und einen Kaffee bitte.«
»Alles klar«, entgegnete Tobias und holte die kleine Kaffeemaschine hervor, die Brenda, unsere Morgenkellnerin, für die Tage unter dem Tresen bereithielt, wenn sie in aller Herrgottsfrühe den Laden aufmachte. Die Industriekaffeemaschine produzierte die Getränke für ihren Geschmack nicht schnell genug. Ich stellte den Mopp in den Eimer und eilte hinzu.
»Ich mach das schon«, sagte ich, ging hinter die Theke und nahm ihm die Kaffeemaschine aus der Hand. »Es geht schneller, wenn wir beide mit anpacken.«

Er sah mich kurz an. »Geh nach Hause. Ich übernehme das.«
»Hör auf herumzudiskutieren und back die Waffeln!« Ich steckte den Stecker der kleinen Kaffeemaschine in die Steckdose, klappte den Filterbehälter heraus und nahm die Kanne, um sie mit Wasser zu füllen. Als ich das nächste Mal aufblickte, war Tobias bereits in der Küche verschwunden. Ich starrte zur Tür, doch dann überkam mich ein merkwürdiges Kitzeln in der Nase. Ich nieste, wobei ich den Kopf in klassischer Kellnerinnenmanier zu meiner Schulter hindrehte.
»Alles in Ordnung mit Ihnen, Kindchen?«, fragte die Frau und betrachtete mich aufmerksam, während sie ihre noch geöffnete Handtasche auf den Hocker neben sich legte.
Ich nahm zwei Kaffeebecher, stellte sie auf den Tresen und schüttelte den Kopf, um das Kitzelgefühl in meinen Nebenhöhlen loszuwerden. »Ja. Wahrscheinlich nur ein Anflug von Heuschnupfen. «
»Verstehe«, entgegnete sie, den Blick noch immer auf mich gerichtet. »Haben Sie oft Heuschnupfen?«
»Eigentlich nicht.« Und dann stieg mir der Geruch von etwas Scharfem in die Nase, und ich musste wieder niesen. Ich schniefte ein paarmal und nieste erneut. »Verdammt noch mal!«, brachte ich hervor, als ich wieder sprechen konnte. »Was ist das bloß ? «
»Hmm?« Sie langte nach der Keramikschale mit den Süßstofftütchen.
»Dieser … Geruch. Er kitzelt irgendwie in der Nase.Wie Pfeffer, aber es riecht eher nach … Lakritz vielleicht?« Ich blickte auf und stellte fest, dass die Frau mich mit hochgezogenen Augenbrauen musterte. Dann gab sie einen Laut des Missbehagens von sich und schob die Schale mit den Süßstofftütchen weg.
»Was ist heutzutage bloß mit den Frauen los? Stopfen sich mit all diesen unnatürlichen chemischen Substanzen voll, bis sie nur noch aus Haut und Knochen bestehen! Soll ich Ihnen was sagen, Kindchen? Ein Mann, der ein bisschen Fleisch auf den Rippen einer Frau nicht zu schätzen weiß, steht eigentlich gar nicht auf Frauen. Haben Sie auch richtigen Zucker?«
Ich brauchte einen Augenblick, um zu realisieren, dass sie mir eine Frage gestellt hatte. »Oh. Zucker? Klar haben wir den.« Ich langte unter den Tresen und holte den Zuckerstreuer hervor. Dann holte ich noch die Kaffeesahne aus dem Kühlschrank und stellte ihr auch diese hin. Schließlich nahm ich die Kaffeekanne aus der Maschine, schenkte uns beiden je einen Becher ein und stellte die Kanne zurück. Ich trank meinen Kaffee schwarz und nippte schon mal daran, während sie noch reichlich Zucker und Kaffeesahne in ihren Becher gab. Eigentlich mag ich keinen schwarzen Kaffee, aber die Kalorien in Form von Kaffeesahne und Zucker waren es nicht wert, und nach ihrer kleinen Ansprache konnte ich mir wohl kaum wie sonst zuckerfreies, milchfreies Pulver in meinen Kaffee kippen.
»Wie heißen Sie, Kindchen?«, fragte sie mich, während sie umrührte.
»Olivia.« Ich sah nach unten und zeigte auf mein Namensschild. »Die meisten Leute nennen mich Liv.«
»Davina Granville.« Sie hielt mir die Hand hin, und ich schüttelte sie, dann sah sie mich einen Moment lang an. »Ein schöner Name, Olivia.« Sie nippte an ihrem Kaffee, ohne ihren Blick von mir abzuwenden. »Sind Sie nach jemandem aus Ihrer Familie benannt ? «
»Jedenfalls nicht nach jemandem von der Seite meiner Mutter. «
Sie hörte auf zu rühren. »Und väterlicherseits?«
»Ich habe meinen Vater nie kennengelernt.« Hinter mir schob Tobias einen Teller in die Durchreiche und läutete das Glöckchen. Ich ging hin, doch als ich den Teller nehmen wollte, zog er ihn zurück.
»Geh nach Hause«, sagte er.
»Gib mir den Teller«, forderte ich ihn auf, »sonst kommt von uns beiden heute keiner mehr nach Hause.« Er zögerte einen Augenblick, dann ließ er den Teller los. Ich stellte ihn vor Davina auf den Tresen und fragte: »Übernachten Sie hier in der Stadt, oder sind Sie nur auf der Durchreise?«
Sie legte den Kopf schief und sah mich an. »Ich bin noch unentschieden, aber ich glaube, ich bleibe hier.«
»Oh, es gibt eine sehr gute Frühstückspension an der Augustine Street. Sie müssen einfach weiter die Straße entlang, an der zweiten Ampel links, und da sehen Sie ein großes gelbes viktorianisches Haus aus dem neunzehnten Jahrhundert. Sie können es gar nicht verfehlen. Die Pension wird von Grace Higgins-Hooper und Addie Hooper-Higgins geführt, und sie haben das Haus komplett im Stil der damaligen Zeit restauriert. Es ist wirklich beeindruckend.« Dann beugte ich mich vor und sprach im Flüsterton weiter, obwohl wir ja allein waren. »Aber kommen Sie zum Frühstück lieber hierher. Addie mischt sämtlichen Speisen grundsätzlich Leinsamen bei.«
Davina lachte, kostete von ihrer Waffel und schloss die Augen. » Mhm. «
Ich lächelte. Zum ersten Mal genoss ich es, jemandem dabei zuzusehen, wie er Tobias’ Waffeln aß. »Er ist ziemlich gut, nicht wahr ? «
Die metallene Küchentür schwang auf, und Tobias kam heraus. Er stellte sich neben mich an den Tresen, verpasste mir einen Hüftstoß und drängte mich in Richtung Tür.
Ich richtete mich auf. »Okay, das reicht jetzt. Geh nach Hause. Du gehst mir echt auf den Senkel.«
Er nahm mich am Ellbogen, zog mich ein Stück zur Seite und sagte: »Du gehst nach Hause.«
»Ich muss noch zu Ende wischen.«
»Ich kann wischen.«
Ich entwand ihm behutsam meinen Ellbogen. »Wenn du willst, dass ich nicht mehr sauer auf dich bin, hör auf, ständig meine Gouvernante zu spielen. Ich bin nicht zwölf. Ich kann alleine abschließen. « Er sah Davina an und dann wieder mich. »Na gut, aber … sei vorsichtig, okay ? «
» Ja, klar. Gute Nacht. «
Er seufzte, ging zur Tür und verschwand schließlich. Ich ging zurück zum Tresen und lehnte mich an die Wand, doch als ich aufsah, musste ich feststellen, dass Davina mich in einer Weise ansah, die in mir das Gefühl aufkommen ließ, ich hätte Tobias vielleicht lieber doch nicht so voreilig nach Hause schicken sollen.
Sie legte die Gabel hin. »Sagen Sie mal, Kindchen, glauben Sie eigentlich an Magie?«
Ich brauchte einen Moment, um den abrupten Themenwechsel zu verdauen. Dann fragte ich: »Hä? Wie meinen Sie das? Ob ich an Magier und Zauberer glaube?«
»Nein.« Ihre Augen waren weit aufgerissen, und jetzt, da ich etwas genauer hinsah, entdeckte ich in ihnen auch etwas leicht Verrücktes. Ich war zwar an ein beträchtliches Ausmaß an Verrücktheit gewöhnt – schließlich habe ich mein ganzes Leben in Nodaway verbracht, und Sie würden staunen, wenn Sie mal die Gaußkurve für das hiesige Maß an Verrücktheit sehen würden –, aber in dem Augenblick waren mir diese irren Augen schon ein bisschen unbehaglich.
»Ich muss noch wischen«, sagte ich und verließ meinen Platz hinter dem Tresen. Ich ging zum Wischeimer hinüber und hoffte, dass sie mit dem Essen fertig sein würde, wenn ich die Arbeit beendet hatte.
Als ich unter allen Tischen gewischt hatte, ging ich wieder zurück zu den Nischen und dem magischen Quadrat und dachte, dass es gewiss nicht schaden könnte, mir zu wünschen, dass diese Frau ihr Essen möglichst schnell beenden und dann verschwinden würde. Ich warf ihr einen verstohlenen Blick zu, um mich zu vergewissern, dass sie mich nicht beobachtete.
Doch genau das tat sie. Sie hatte den Barhocker umgedreht, saß jetzt mit dem Rücken zum Tresen und sah mich mit durchdringendem Blick an, als wollte sie mich genau unter die Lupe nehmen. Es war gruselig. Ich hielt den Stiel des Wischmopps fest umklammert. Sie war mir körperlich überlegen, aber ich hatte einen stabilen Industriemopp und meine Jugend auf meiner Seite.
»Es ist schon spät«, stellte ich fest. »Vielleicht könnten Sie zum Ende kommen, damit wir beide gehen können?«
In diesem Augenblick zog sie ohne ein Wort irgendetwas aus ihrer Handtasche und schleuderte es mir entgegen. Ich ging instinktiv einen Schritt nach vorn, eine Hand immer noch um den Griff des Mopps geschlossen, und fing den Gegenstand aus der Luft auf. Es war eine alte Sportsocke, die mit einer sandartigen Substanz gefüllt und in der Mitte verknotet war.
»Igitt!« Ich fasste den Sockenknubbel mit spitzen Fingern an, hielt ihn hoch und weit von mir weg und sah wieder die Frau an. »Also gut. Sie haben das Maß an Verrücktheit soeben mächtig in die Höhe getrieben.«
Und dann musste ich niesen. Und noch mal niesen. Der merkwürdige Pfeffergeruch von kurz zuvor kehrte zurück, doch diesmal stärker, er überflutete meine Sinne, meine Augen tränten, und ich musste erneut niesen.
»Tja, habe ich es mir doch gedacht«, stellte Davina fest, und durch den Nebel meines Niesens hindurch sah ich, wie sie auf mich zukam. »Jetzt machen Sie sich mal nicht in die Hose, das musste einfach sein. Es war nicht richtig von Ihnen, nicht zuzulassen, dass Sie sind, was Sie sind.«
Ich starrte sie mit tränenden Augen an, meine Nebenhöhlen rebellierten. »Was bin ich denn?«, fragte ich schniefend und versuchte, das unangenehme Brennen in meinen Augen wegzublinzeln. »Was ist denn mit mir?«
Sie blieb gut dreißig Zentimeter vor mir stehen, legte den Kopf schräg und lächelte mich an. In ihren Augen lag Verwunderung. »Na, Sie verfügen über magische Kräfte.«
»Nein, das stimmt nicht. Ich bin Kell… – hatschi! – Kellnerin.« Das scharfe Beißen in meinen Nebenhöhlen wurde schlimmer, und ich schüttelte den Kopf, um mich von all dem zu befreien, aber es wurde nur noch unerträglicher.
»Oh, Sie sind viel mehr als das, Olivia«, stellte sie klar und nahm mir die Socke ab. Ich wich vor ihr zurück und nieste erneut. Sie warf die Socke zu dem Hocker, auf dem sie gesessen hatte, also gut drei Meter weit weg, aber ich konnte trotzdem nicht aufhören zu niesen, und allmählich geriet ich in Panik. Ich wich noch ein Stück zurück, und diesmal landete mein Fuß auf den nassen Fäden des Mopps, und ich verlor das Gleichgewicht. Ich zog den Stiel des Mopps zu mir, knallte ihn mir unbeabsichtigt ins Gesicht und schlug daraufhin wild mit den Armen um mich wie eine Comicfigur. Davina schrie irgendetwas und rannte auf mich zu, doch letztendlich siegte die Schwerkraft; ich fiel hin und krachte mit dem Hinterkopf auf das magische Quadrat. Benommen blinzelte ich ein paarmal. Ich sah Davina, die über mich gebeugt dastand und irgendetwas sagte, das ich jedoch nicht verstand. Sie wirkte besorgt.
»Was haben Sie mit mir gemacht?«, fragte ich oder versuchte es zumindest, denn von dem Aufprall klingelten mir noch die Ohren, weshalb ich nicht sicher war, ob mir tatsächlich Worte über die Lippen kamen.
» Liv ! «
Als ich die Augen öffnete, kam es mir vor, als wäre höchstens eine Sekunde vergangen, doch diesmal war es Tobias, der sich über mich beugte.
»Oh, hallo.« Ich rappelte mich hoch auf die Ellbogen, und er half mir auf die Füße, indem er mich an den Armen zog, die höllisch kribbelten. Ich musste mir beim Aufprall auf den Boden einen Nerv eingeklemmt haben oder irgendetwas in der Art.

Über Lucy March

Biografie

Lucy March ist die fantasievolle Persönlichkeitsseite der amerikanischen Bestsellerautorin Lani Diane Rich. Sie ist Lehrerin, Autorin und Bloggerin und lebt an einem Fluss in Ohio mit ihrem Mann, ihren beiden Töchtern, zwei Katzen und fünf Hunden.

Pressestimmen

Lea

»Zum Träumen.«

B.Z.

»Ein zauberhaftes Vergnügen.«

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