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Nur über deine LeicheNur über deine Leiche

Nur über deine Leiche

Thriller

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Nur über deine Leiche — Inhalt

John Cleaver arbeitet für das FBI, doch er ist nicht einfach ein Ermittler. Er ist achtzehn Jahre alt, kann Dämonen sehen und er ist ein Killer ... Längst weiß die Regierung, dass uralte dämonische Mächte unter uns weilen. Ein Spezialteam des FBI hat die Aufgabe, die dunklen Feinde zu vernichten. Immer wieder gelang es John und seinem Team bislang, die Dämonen zur Strecke zu bringen. Doch diesmal ist alles anders - denn der grausame Mörder verfügt über ungeahnte Kräfte und kommt John gefährlich nahe ...

Erschienen am 19.10.2015
Übersetzer: Jürgen Langowski
384 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28024-2
Erschienen am 19.10.2015
Übersetzer: Jürgen Langowski
384 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97036-5

Leseprobe zu »Nur über deine Leiche«

Kapitel 1

 

» A. «
Ich hob den Kopf und hielt mich an der Ladeklappe des Lastwagens fest, auf dem wir über den Highway rumpelten. Der Wind pfiff mir ins Gesicht, die Tonlage änderte sich, sobald ich den Kopf hob. Ich war eingeschlafen, und meine Träume – blutüberströmt und voll schriller Schreie – verblassten. Es war eine Erleichterung. Erschrocken sah ich mich nach Brooke um und fürchtete schon das Schlimmste, doch sie saß neben mir. Das kurze Haar flatterte ihr hinter dem Kopf, und sie lächelte. Sie war nicht gesprungen, mit ihr war alles in Ordnung. [...]

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Kapitel 1

 

» A. «
Ich hob den Kopf und hielt mich an der Ladeklappe des Lastwagens fest, auf dem wir über den Highway rumpelten. Der Wind pfiff mir ins Gesicht, die Tonlage änderte sich, sobald ich den Kopf hob. Ich war eingeschlafen, und meine Träume – blutüberströmt und voll schriller Schreie – verblassten. Es war eine Erleichterung. Erschrocken sah ich mich nach Brooke um und fürchtete schon das Schlimmste, doch sie saß neben mir. Das kurze Haar flatterte ihr hinter dem Kopf, und sie lächelte. Sie war nicht gesprungen, mit ihr war alles in Ordnung. Sie deutete auf die Reklametafel, an der wir gerade vorbeifuhren.
» Proud America Motel «, erklärte sie. » Fünfzehn Kilometer. Damit könnte ich bis zum F kommen, aber das B fehlt. «
Anscheinend fuhren wir durch eine ländliche Gegend. Auf beiden Seiten der Straße standen niedrige Zäune, dahinter erstreckten sich flache Weizenfelder, die hier und dort mit Hecken, Baumreihen und unbefestigten alten Straßen unterteilt waren. Ein paar Kilometer links vor uns hing eine Staubwolke in der Luft. Vermutlich ein Farmer oder ein Erntehelfer, der mit dem Traktor über einen staubigen alten Weg fuhr. Wieder einmal schüttelte uns der Lastwagen durch. Boy Dog winselte. Er hatte lieber festen Boden unter den Pfoten, wo er nicht ständig aus dem Schlaf gerissen wurde, aber als Anhalter musste man eben nehmen, was man bekam. Brooke legte dem Basset eine Hand auf den Kopf und kraulte ihn hinter den Schlappohren. Ich sah mich um und hoffte, Obstwiesen zu entdecken, aber so weit das Auge reichte, gab es nichts als Weizenfelder. In einem Obstgarten hätten wir etwas essen können, doch der Weizen war so nutzlos wie ein Acker voller Zahn­stocher.
» Da haben wir’s. « Brooke deutete auf ein weiteres Schild. » Highway-Abschnitt unterhalten von der Baker Commu­nity Church. B, C, D, E. «
» Gibt es in dieser Gegend überhaupt genug Schilder für das Spiel ? «, fragte ich. » Wir sind hier weit vom Schuss. «
» Fünfzehn Kilometer bis zum Motel «, widersprach ­Brooke. » Das heißt, wir sind auch ungefähr fünfzehn Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Vielleicht sogar ­weniger. «
» Dann ist es nicht so schlimm «, antwortete ich. Obwohl ich es längst auswendig wusste, zählte ich im Kopf noch einmal unser Geld zusammen : hundertsiebenunddreißig Dollar und achtundzwanzig Cent. Ich erinnerte mich, dass ich früher die Cents nie mitgezählt hatte. Ich war vollauf damit zufrieden gewesen, alles bis zum nächsten vollen Dollar abzurunden und das Kleingeld im Sofa zu verlieren. Inzwischen kam mir das wie ein Luxus vor, und die Erinnerung versetzte mir einen Stich. Wenn man genügend Kleingeld sammelte, hatte man irgendwann einen ganzen Dollar zusammen. Damit konnte man in einem Rasthof einen Burger oder an einem Straßenstand ein paar Äpfel kaufen. Mir knurrte der Magen, und ich schob den Gedanken an die nächste Mahlzeit beiseite. Denk nicht darüber nach, so­lange es noch weit weg ist, dachte ich. Sonst quälst du dich nur.
Der Wind wehte mir das Haar immer wieder in die Augen. Ich musste sie mir bald schneiden. Im letzten Monat hatte Brooke sich das Haar kurz geschnitten. Ihr masku­liner Pagenschnitt erleichterte die Haarpflege auf der Reise ganz erheblich. Ich sah sie an. Sie spähte gerade am Führerhaus des Lastwagens vorbei und hielt nach dem nächsten Schild Ausschau. Wahrscheinlich musste auch sie sich bald wieder das Haar schneiden, und wir mussten beide dringend duschen.
» Wie heißt sie denn ? «, fragte Brooke.
» Wer ? «
» Die Stadt, in die wir fahren. «
» Das habe ich dir schon gesagt «, antwortete ich und bereute meine Worte sofort wieder. Sie zog die Mundwinkel herunter und wirkte verletzt oder verlegen. Vielleicht ­sogar beides. » Baker «, ergänzte ich leise. » Genau wie die Kirchengemeinde, deren Schild wir gerade gesehen haben. «
» Ich erinnere mich nicht «, erwiderte sie. » Wahrscheinlich hast du es einer der anderen gesagt. «
Ich nickte und betrachtete die flache Straße hinter uns, die sich in der Ferne hinter einer Kurve verlor. Eine der ande­ren. » Weißt du, wer es war ? «
» F, G und H «, erklärte sie, ohne meine Frage zu beantworten. » Gebrauchte Nutzfahrzeuge. Jetzt noch einmal die Hotelreklame, dann haben wir auch das I. «
» Aber beim J bleiben wir wieder hängen «, wandte ich ein. » Anscheinend bekommen wir nie ein J. «
Brooke nickte und sah nach vorn. Ihr Blick war leer – sie suchte nicht, sondern starrte nur in die Ferne, vergaß die Welt ringsum und verlor sich in den Erinnerungen an ein anderes Leben. » Vielleicht Kveta «, beantwortete sie endlich meine Frage. » In der letzten Zeit war ich oft Kveta. Oder Brooke. Ich glaube, ich bin öfter Brooke als eine andere Person. «
» Das liegt daran, dass du … « Ich hielt inne. Brooke war ihr Normalzustand – oder hätte es sein sollen. Falls er das nicht mehr war, fühlte sie sich nur noch mieser, wenn ich weiter darauf herumritt. Ich bekam ein schlechtes Ge­wissen, sobald ich darüber nachdachte, denn dieses ganze Elend war meine Schuld. Der Körper sollte allein Brooke gehören. Ich hatte alle anderen Erinnerungen in sie hinein­gelassen.
Früher hatte ich nie Schuldgefühle bekommen, aber mittlerweile …
Nein, das stimmte nicht ganz. Ich hatte mich die ganze Zeit schlecht gefühlt. Der Unterschied war nur, dass ich mich inzwischen manchmal gut fühlte, und wegen dieses Kontrasts erschienen mir die schlechten Zeiten viel schlimmer.
Ich hielt den Blick auf die Straße gerichtet und sah sie nicht an. » Wer bist du jetzt gerade ? «
Sie starrte mich an, doch aus den Augenwinkeln konnte ich nicht erkennen, ob sie verletzt, überrascht oder einfach nur neugierig war. » Weißt du das nicht ? «
» Tut mir leid «, gab ich zurück. Brooke war von einem Monster besessen gewesen, das sich vorher Zehntausender, vielleicht sogar Hunderttausender anderer Mädchen bemächtigt hatte. Deren Erinnerungen und Persönlichkeiten waren mit Brooke verschmolzen. Nur ein kleiner Bruchteil der Erinnerungen in Brookes Kopf gehörten tatsächlich ihr, und bei dieser gewaltigen Auswahl war nie mit Bestimmtheit zu sagen, welche Persönlichkeit wann auftauchte. » Ihr habt ja alle Brookes Gesicht. Ihr müsstet euch schon … ­irgendwie anmelden. «
» Ich bin Lucinda «, antwortete Brooke. » Du erinnerst dich doch an mich, oder ? «
Ich nickte. Sie war oft Lucinda, besonders wenn wir reisten. Das Wenige, was ich über Lucinda wusste, ließ allerdings nicht den Schluss zu, dass das Mädchen oft unterwegs gewesen war. » Du bist an deinem Hochzeitstag gestorben «, sagte ich, hielt inne und sah sie neugierig an. » Lucinda ist schon vor einigen Jahrhunderten gestorben. Woher kennst du das Spiel mit den Reklametafeln ? «
» Keine Ahnung «, antwortete Brooke/Lucinda mit einem Achselzucken. » Ich kenne es eben. «
Nun wurde ich erst recht neugierig. Ich richtete mich auf, lehnte mich an die Ladeklappe und hielt mich fest, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. » Glaubst du, das hat etwas zu bedeuten ? Könnte es sein, dass deine Persönlichkeiten miteinander reden ? «
» Wir können nicht miteinander reden, wir teilen nur gewisse Informationen. Ich weiß zum Beispiel einiges, was Brooke weiß, und einiges, was Aga weiß. Von anderen Mädchen habe ich andere Einzelheiten erfahren. Wie das funktioniert, kann ich aber nicht sagen. «
» Möchtest du es denn gern herausfinden ? «
Sie schwieg lange, dachte nach und kraulte Boy Dogs Kopf. Der Lastwagen bremste etwas, und auf einmal rief Brooke : » I, J, K ! Baker Junior High ! « Triumphierend pumpte sie mit der Faust und lehnte sich an die seitliche Lade­klappe, um am Führerhaus vorbei nach vorn zu spähen. » Ja ! Das J ist gar nicht unmöglich. Lass uns sehen, was wir sonst noch finden ! «
Wir fuhren in die Stadt hinein, es waren noch zwei oder drei Kilometer bis zum Zentrum, aber die Bebauung ­wurde rasch dichter. Schließlich kamen wir auch am Proud America Motel vorbei. Hoffentlich mussten wir nicht dort übernachten. Inzwischen, seit sich unsere ganze weltliche Habe in einer Hosentasche und zwei Rucksäcken befand, dachte ich über Geld ganz anders als früher. Wir konnten uns eine Nacht in dem Motel leisten, wahrscheinlich sogar mehrere, wenn es so billig war, wie es aussah – aber was dann ? Geld zu haben war nicht das Gleiche wie ein Einkommen zu haben. Wo würden wir nächste Woche wohnen, und was würden wir essen, wenn wir heute alles ausgaben ?
Hundertsiebenunddreißig Dollar und achtundzwanzig Cent. Manchmal konnten wir uns etwas aus den Ver­stecken besorgen, die Albert Potash hier und dort im ganzen Land angelegt hatte. Geld, Waffen und Proviant – verstaut in den Schließfächern der Busbahnhöfe, in Lagerhallen, manchmal auch in Spinden von Turnhallen und Fitnessstudios. Nach seinem Tod hatten wir die Liste in seinen ­Sachen gefunden und uns ein Jahr lang über Wasser ge­halten, aber allmählich wurde es eng. Es gab nicht mehr viele Verstecke, und das nächste war Tausende Meilen entfernt.
» L «, sagte Brooke. Sie ging die Buchstaben durch, ohne zu erklären, woher sie stammten. » M. « Es gab eine Pause. » N, O, P. Mann, ein Q finden wir niemals. «
» Such doch nach Qualität. « Ich schloss die Augen und ­bemühte mich, nicht mehr an die schwindenden Bargeldreserven zu denken. » In dieser Stadt muss doch jemand Qualitätsprodukte verkaufen. Vielleicht gibt es auch ­einen … einen Friseur, wo du einen Qualitätshaarschnitt bekommst. «
Brooke lachte. » Glaubst du wirklich, in einer so kleinen Stadt gibt es einen so guten Friseur ? «
» Qualität ist relativ. « Ich gestattete mir ein schwaches Lächeln. Alles, was Brooke zum Lachen brachte, war gut. » Der beste Frisiersalon in der Stadt ist der mit den Qualitätshaarschnitten, ganz unabhängig davon, wie der Rest der Welt die Haare schneidet. «
» Vielleicht finden wir auch einen Obststand, der Quitten verkauft «, erklärte sie. » Dann haben wir jeder ein Q. «
» Ich spiele nicht mit. «
» Könntest du aber. «
» Ich bin zu schlecht in diesem Spiel. «
» Das liegt nur daran, dass du alles, was du siehst, laut buchstabierst «, schalt sie mich. » Du kannst nicht einfach ein Auto ansehen und behaupten, du hättest ein A. Du musst das A irgendwo geschrieben sehen. «
» Aber du lässt es mich ja nicht aufschreiben. «
» Du darfst es auch nicht selbst aufschreiben, das wäre geschummelt. «
Ich zuckte mit den Achseln und betrachtete ein Restaurant, an dem wir gerade vorbeifuhren. » Irgendwie reizt mich das Spiel nicht. « Das Restaurant hieß Dairy Keen und war ein ziemlich schmuddeliger Ableger von Dairy Queen. Wahrscheinlich immer noch zu teuer für uns, falls wir im Ort nichts wirklich Billiges fanden. Vor dem Lokal hingen zwei Jugendliche herum, sie lehnten an der vorderen Wand. Die Szene erinnerte mich an den alten Friendly ­Burger in Clayton. Ein winziges Lokal, in dem nur die Einheimischen gegessen hatten, und auch das nur, bis ein McDonald’s geöffnet hatte. Brooke und ich hatten uns in dem Restaurant verabredet. Mit Marci war ich auch einmal dort gewesen. In einer Stadt wie Clayton gab es nicht viele Möglichkeiten. Wie es aussah, galt das auch für Baker.
Ich vermisste Marci. Ich bemühte mich, nicht an sie zu denken, aber sie war immer bei mir und fuhr wie ein Geist auf dem Lastwagen mit. Unsichtbar und körperlos, aber immer da, immer gegenwärtig.
» Dairy Keen hat kein Q «, sagte Brooke. » Leute, wenn ihr euren Lokalen Namen gebt, müsst ihr doch an das Alphabetspiel denken. Seid ihr denn wirklich so rücksichtslos ? «
Unterdessen überlegte ich mir, wie es weitergehen ­sollte. Als Erstes mussten wir nach einem Busbahnhof ­suchen. Falls wir keinen entdeckten, tat es auch eine Bank – nicht weil wir Geldgeschäfte tätigen wollten, sondern weil das ein guter Ort war, um nach dem Busbahnhof zu fragen. In einer Kleinstadt wie dieser konnten wir nicht einfach irgendwo fragen. Wir sahen aus wie Obdachlose. Wenn wir irgendein Geschäft betraten, tuschelten die ­Leute im Handumdrehen, dass jugendliche Bettler in die Stadt gekommen seien, und niemand würde uns mehr helfen. Die Geschäftsinhaber in den Kleinstädten gaben aufeinander acht. Die Bankangestellten bewegten sich ­dagegen in anderen Kreisen, und mit denen konnten wir reden, ohne Gefahr zu laufen, dass sie gleich den nächsten Ladenbesitzer anriefen und ihn warnten. Letzten Endes wollten wir natürlich zum Busbahnhof, weil wir dort billig duschen oder wenigstens andere Herumtreiber treffen und erfahren konnten, wo es Duschen gab. Herumtreiber gaben aufeinander ebenso gut acht wie die Ladenbesitzer. Sobald wir sauber waren und bessere Kleidung angezogen hatten, sahen wir wieder aus wie normale Touristen, die auf dem Weg zu einem anderen Ort hier Station gemacht hatten. Dann konnten wir in der Stadt herumlaufen, ohne die Alarmglocken in den Köpfen der Einwohner schrillen zu hören. Wir würden uns etwas zu essen besorgen und die Gemeinde aufsuchen – nicht die Baker Community, sondern die andere, die Sekte. Das war der Grund dafür, dass wir überhaupt hergekommen waren. Vermutlich wollten die meisten Einwohner von Baker nicht darüber reden, aber jeder kannte sie, und wenn wir Glück hatten, machte uns jemand auf ein Mitglied aufmerksam.
» Qualitätsfutter und Dünger «, sagte Brooke. » Q und R, ein S und ein T, das U, und dort drüben gibt es noch ein V. Videoverleih. Kann man in diesem Ort wirklich noch ­Videofilme leihen ? Sind wir in die Vergangenheit getrampt ? «
» Der Laden ist anscheinend geschlossen «, antwortete ich nach einem Blick auf den Eingangsbereich. Solch einen Verleih hatte es auch in Clayton gegeben. Die Erfolgs­geschichte der DVDs hatte er noch mitgenommen und war eingegangen, als das Internet diesen Geschäftszweig zerstört hatte. Vor einigen Jahren waren sie pleitegegangen, und niemand hatte das leere Ladenlokal übernommen. Hier sah es nicht anders aus.
» Wenigstens ist das Schild stehen geblieben «, sagte Brooke. » Es freut mich, dass ein paar Bewohner dieser Stadt meine Bedürfnisse berücksichtigen. « Sie schnitt eine Grimasse und sah mich an. » Wie heißt sie noch mal ? «
» Die Stadt ? « Anscheinend hatte sie gerade wieder die Persönlichkeit gewechselt. Viele Gedanken übertrugen sich von einer zur nächsten Person, aber manche auch nicht. Sie überspielte die Wechsel, indem sie so tat, als ­hätte sie ein schlechtes Gedächtnis. » Baker «, antwortete ich. » Wir wollen hier die Jünger des Lichts untersuchen. «
» Yashodh «, entgegnete Brooke und nickte. » Wir wollen ihn töten. «
Ich spürte den vertrauten Hauch des Todes. » Oder er bringt uns um. «
» Das sagst du jedes Mal. «
» Eines Tages wird es sich bewahrheiten. «
Der Lastwagen fuhr langsamer, wahrscheinlich suchte der Fahrer nach einer geeigneten Stelle, um uns abzu­setzen. Ich packte die Riemen meines Rucksacks und machte mich bereit, von der Ladefläche zu springen. Brooke jedoch kümmerte sich nicht um ihr Gepäck, sondern betrachtete die Gebäude am Straßenrand. Es waren hohe Ziegelbauten mit Ladenlokalen, im ersten Stock hatten die Fassaden Zier­giebel. Einige waren gestrichen, andere mit Holz oder Kunststoff verkleidet, bei wieder anderen zeigten sich nur die nackten Backsteine oder die Rückstände alter Schilder. ­Deren Beschriftung war stark verwittert und unleserlich geworden. Ein Friseur, ein Antiquitätenladen, eine Pizzeria, die viel moderner wirkte als alle anderen Geschäfte. Ich überlegte, ob wir an der Hintertür um Reste bitten konnten.
Der Lastwagen hielt am Straßenrand vor einer satt­grünen Wiese. Dahinter erhob sich ein öffentliches Ge­bäude, vielleicht das Rathaus. Ich sprang ab und langte nach Brookes Rucksack, als der Fahrer das Fenster herunterkurbelte. » Passt das so ? Ich könnte euch noch ein paar Blocks weiter mitnehmen. «
» Das ist bestens. « Ein paar Blocks weiter wären nett ­gewesen, weil wir dann auf der anderen Seite des Ortes ­gelandet wären. Von dort aus hätten wir uns in unserem eigenen Tempo vorarbeiten können. Allerdings war es nie gut, die Fahrer um zusätzliche Gefälligkeiten zu bitten. Sie sollten das Gefühl haben, großzügig zu sein, und sich nicht ausgenutzt fühlen – so, als hätten sie gern noch mehr getan, und nicht, als hätten sie schon zu viel getan. Ich deutete auf die Heckklappe. » Darf ich die Klappe öffnen, um den Hund herunterzuholen ? «
» Kein Problem «, antwortete der Fahrer. Er bot mir allerdings keine Hilfe an, also war es vermutlich richtig ge­wesen, die Weiterfahrt abzulehnen. Er vergaß uns bereits, er hatte sich von den lästigen Anhaltern befreit und war in Gedanken schon einen Kilometer weiter. Ich ließ die Heckklappe herunter und hob Boy Dog heraus. Er roch nach Dreck und nach Hund. Er brauchte ebenso dringend ein Bad wie wir. Gelassen blieb er auf dem Gehweg sitzen, wo ich ihn hingepflanzt hatte, und kratzte sich mit einem kurzen Vorderbein am Ohr. Ich bot Brooke eine Hand an. Sie war gedankenverloren, wie es so oft geschah. Ich rief sie an, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
» Brooke ? «
Sie drehte sich zu mir um, schien mich aber nicht zu erkennen. » Wer ? «
» Lucinda. « Da sie nicht reagierte, versuchte ich es mit einem weiteren Namen. » Kveta ? «
» Ich bin … « Sie hielt inne. » Es tut mir so leid, John. «
Die Warnzeichen waren alle da – die Desorientierung, der niedergeschlagene Blick, die beinahe wimmernde Stimme. Ich setzte mein allerbestes Lächeln auf und nahm ihre Hand. Der Körperkontakt war die beste Möglichkeit, sie aus einer Stimmungsschwankung herauszureißen. » Wir sind früh eingetroffen «, sagte ich. » Alles ist in bester Ordnung. «
» Ich will nicht so sein «, sagte sie, ohne sich zu rühren. Sanft zog ich und blickte nicht nach vorn, ob der Fahrer unruhig wurde. Wenn er sie anschrie, sie solle sich beeilen, wurde alles nur noch schlimmer.
Sie erinnerte sich an die Leben von hunderttausend Mädchen und wusste, wie jedes einzelne von ihnen gestorben war. Selbstmord war für Brooke so selbstverständlich wie das Atmen.
» Möchtest du Pizza zum Abendessen ? «, fragte ich. » ­Einen Block zurück habe ich ein nettes Lokal gesehen. «
» Wir können uns keine Pizza leisten. «
» Wir dürfen auch mal prassen «, sagte ich und zog noch einmal an ihrer Hand. » Komm, wir sehen es uns an ! Was meinst du, ob sie hier vielleicht sogar einen richtigen Holzofen haben ? «
Auch darauf ging sie nicht ein, doch nach einem weiteren sanften Zupfen am Arm kletterte sie endlich von der Ladefläche herunter. Sie schnitt eine Grimasse und klopfte sich den Staub ab. Dabei zeigte sie erheblich mehr Gefühl, als es der Staub eigentlich verdient hätte. Ich riskierte es, sie drei kostbare Sekunden lang loszulassen, schloss die Heckklappe und rief dem Fahrer ein Dankeschön zu. Wortlos fuhr er ab. Boy Dog bellte gereizt, als ihm die Auspuffwolke um die Nase wehte.
» Ich bin Pearl «, sagte Brooke. » Sie haben mich Pearly ­genannt, und mein Vater sagte, ich sei der größte Schatz in seinem Leben. Ich hatte ein Dutzend Verehrer und das schönste Pferd im ganzen Land. Wir haben in diesem Jahr alle Wettrennen gewonnen, aber sie ließen mich absichtlich gewinnen. Ich weiß auch nicht warum. Ich war schrecklich, und wenn ich länger gelebt und sie besser kennengelernt hätte, dann hätten sie mich so gesehen, wie ich wirklich … «
» Ich bin am Verhungern «, fiel ich ihr ins Wort, sobald ich begriff, worauf ihre Worte hinausliefen. Ich hatte schon eine ihrer Hände gefasst und nahm jetzt auch die andere. Dann sah ich ihr tief in die Augen. Mit gutem Zureden konnte ich sie nicht herausholen, aber ich konnte sie ablenken und auf andere Gedanken bringen. » Ich esse am liebsten Pizza mit Champignons «, erklärte ich. » Viele Leute mögen sie nicht, aber ich finde sie köstlich – weich, saftig, dieser unvergleichliche Geschmack. Wenn sie auf eine ­Pizza gelegt werden, backen sie gleich im Ofen mit und kommen heiß und frisch heraus. Das passt perfekt zur ­Tomatensoße. Magst du Pilze ? «
» Ich habe mich von dem Pferd hinuntergestürzt «, fuhr Pearl fort. » Ich … ich weiß nicht einmal mehr seinen ­Namen. Aber es war nicht schuld an meinem Tod. Das waren die anderen Pferde hinter mir. Sie konnten nicht mehr rechtzeitig ausweichen und trampelten mich nieder. Alle haben zugesehen. «
» Wie wäre es mit Paprikasalami ? «, fragte ich. » Jeder mag Salami. Dann noch dieses Chilipulver, das man sich da­rüberstreuen kann – ob die das haben ? Komm, lass uns nachsehen. «
» Hör auf damit ! «, kreischte sie. » Ich weiß, was du tust, und ich hasse dich dafür ! Du behandelst mich immer so ! «
Ich holte tief Luft und zwang mich zur Ruhe. Die Straße war nicht sonderlich belebt, aber wenn sie zu viel Aufmerksamkeit erregte, konnte es verhängnisvoll werden. Auch ohne Selbstmordversuch. Es gab Verfolger, die nach uns suchten. Menschen und andere Wesen. Wesen, die uns auf keinen Fall entdecken durften. Wenn Brooke sich lautstark mit mir stritt, tauchte womöglich irgendwann die ­Polizei auf, und dann saßen wir in der Patsche. Leise redete ich auf sie ein und rieb mit dem Daumen über ihre ­Finger.
» Du bist müde «, sagte ich. » Wahrscheinlich bist du erschöpft und hast Hunger, du fühlst dich nicht wohl, und das ist alles meine Schuld. Es tut mir leid. «
» Halt den Mund ! « Sie wollte die Hände wegreißen, aber ich hielt sie fest.
» Du musst dich ausruhen «, fuhr ich fort. » Wir müssen etwas essen, du musst dich umziehen, und vielleicht können wir heute Abend sogar in einem richtigen Motel schlafen. Na, wie gefällt dir das ? «
» Du solltest nicht bei mir bleiben. « Binnen Sekundenbruchteilen schwenkte sie von Hassgefühlen gegen mich zu Selbstvorwürfen um. » Ich bin furchtbar. Ich mache nur Mist. Ohne mich kommst du viel besser zurecht … «
» Ohne dich würde ich das überhaupt nicht schaffen «, widersprach ich. » Wir sind ein Team, vergiss das nicht. Du bist das Hirn, ich bin die Hand. Wir sind Partner bis zum bitteren Ende. Die einzige tote Last hier ist Boy Dog. « Ich zuckte zusammen, kaum dass ich die Worte ausgesprochen hatte, und verfluchte die Gehirnwindungen, die mich zu der Formulierung tote Last geführt hatten, aber sie reagierte nicht darauf. Vielmehr blieb sie reglos stehen, den Blick zu Boden gesenkt, und hob den Kopf, als ein Kleinlaster vorbeifuhr und mit den Reifen Kieselsteine hochwirbelte. Boy Dog kläffte einmal kurz und halbherzig. Ich wechselte die Taktik und deutete auf den Lastwagen, der sich schon wieder entfernte. » Weller Transporte, da hätten wir ein W. Jetzt brauchen wir nur noch ein X. Es müsste hier doch ein … einen Saxophonladen geben, oder ? Vielleicht eine Taxizentrale ? Einen Fleischer, der Grillhaxen im Sonderangebot hat ? «
Ich ging auf sie zu und wollte sie wegziehen, irgendwohin, damit sie sich setzen, etwas essen und ein Glas Wasser trinken konnte, aber sie entzog sich mir und rannte mitten auf die Straße …
… direkt vor einen anderen Kleinlaster. Ich machte auf dem Absatz kehrt und griff nach ihr, verfehlte ihre Finger jedoch um eine Handbreit. Der Lastwagenfahrer hupte zornig und trat voll auf die Bremse. Brooke richtete sich mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen vor ihm auf. Ich rannte auf sie zu, sah aus den Augenwinkeln den Lastwagen ausweichen und wollte Brooke in Sicherheit bringen, ohne zu wissen, wo es überhaupt sicher war. Wie beim Rugby prallte ich gegen sie und stieß sie zum Straßenrand. Ich stolperte, rappelte mich wieder auf und blieb auf den Beinen, bis wir auf der anderen Seite am Rinnstein zu Boden sanken, nachdem wir zwischen zwei Autos von einer verrosteten Stoßstange abgeprallt waren. Der Kleinlaster fuhr dröhnend vorbei, korrigierte die Fahrt­richtung und vermied um Haaresbreite einen Unfall. ­Brooke schluchzte. Rasch überprüfte ich sie auf Verletzungen. Kratzer an den Armen, ein Riss in den Jeans, aber keine Knochenbrüche oder Schnittwunden. Ich hatte mir den rechten Arm im Schotter aufgekratzt. Behutsam wischte ich die Krümel ab.
» Alles in Ordnung ? «, fragte ein Fußgänger. Er blickte zwischen braunen Pappschachteln, die er mit beiden ­Armen trug, auf uns herab.
» Uns ist nichts passiert «, antwortete ich, obwohl der Arm höllisch brannte.
» Das sollten Sie mal nachsehen lassen «, fügte er hinzu. Dann zögerte er und ging schließlich weiter.
Wir waren nicht sein Problem.
Brooke hatte sich zusammengerollt und weinte. Ich legte ihr eine Hand auf den Arm und sah mich um, ob sonst noch jemand den Beinahe-Unfall bemerkt hatte. Niemand kam aus den Geschäften, niemand sprach uns an. Nur zu gern hätte ich sie angeschrien und gegen die ganze Welt gewütet, die dieses dünne gebrochene Mädchen so kalt­herzig vergessen und vernachlässigt hatte. Am liebsten hätte ich sie alle umgebracht. Aber etwas Besseres, als nicht beachtet zu werden, konnte uns gar nicht passieren. Wir durften nicht auffallen. Ich wandte mich wieder an Brooke. » Schon gut «, beruhigte ich sie leise. » Alles ist gut. «
» Du hast mich gerettet «, sagte Brooke.
» Jedes Mal «, antwortete ich. » Du weißt, dass ich das ­immer tun werde. «
» Das musst du nicht tun «, antwortete sie. » Ich bin es nicht wert. «
» Sag das nicht. « Es wurde dunkel. Dringender denn je mussten wir einen Unterschlupf finden und duschen, vielleicht brauchte ich auch ein Desinfektionsmittel für den Arm. Einen Arzt wollte ich nicht aufsuchen – dort würde man zu viele Fragen stellen und nach Informationen bohren, die wir nicht preisgeben konnten. Eine Apotheke vielleicht. Selbst in einer Kleinstadt wie dieser musste es eine Apotheke geben. Und viele Medikamente haben ein X im Namen, dachte ich. Vielleicht heitert sie das auf. Langsam stand ich auf und bot ihr den gesunden Arm an, doch sie zog mich wieder zu sich hinunter und umarmte mich traurig und verzweifelt.
Schließlich richtete sie sich auf und wischte sich die Tränen und den Schmutz aus dem Gesicht. » Ich liebe dich, John «, sagte sie.
Das weiß ich, wollte ich antworten – ich wollte immer auf diese Weise antworten, und wie immer bekam ich die ­Worte nicht heraus. Ich hatte nur einen einzigen Menschen geliebt, aber Niemand hatte von Marci Besitz er­griffen und sie getötet, um zu Brooke weiterzuspringen. Das war fast zwei Jahre her. Das Monster hatte Marci erwischt, und ich war ein Opfer zu spät gekommen, um ihr zu helfen. Wenigstens hatte ich Brooke gerettet.
Wahrscheinlich musste ich sie retten, bis ich starb.

Dan Wells

Über Dan Wells

Biographie

Dan Wells studierte Englisch an der Brigham Young University in Provo, Utah, und war Redakteur beim Science-Fiction-Magazin »The Leading Edge«. Mit »Ich bin kein Serienkiller« erschuf er das kontroverseste und ungewöhnlichste Thrillerdebüt der letzten Jahre. Nach seinen futuristischen Thrillern um...

Kommentare zum Buch

Nur über deine Leiche
angeltearz / LovelyBooks am 19.11.2015

Superspannend, teilweise echt gruselig und wieder ein überraschendes Ende. Dieser Leseeindruck ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

Das Alphabet-Spiel
Bellexr / LovelyBooks am 03.11.2015

Die Dämonenjagd geht in die 5. Runde … unterhaltsam und wendungsreich erzählt. Dieses Fazit ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

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