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Nur ein letzter KussNur ein letzter KussNur ein letzter Kuss

Nur ein letzter Kuss

Roman

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Nur ein letzter Kuss — Inhalt

Abby Gordons Ehe ist ein Scherbenhaufen: Nachdem schon ihr Kinderwunsch nicht erfüllt wurde, stellt sich jetzt heraus, dass ihr Mann auch noch fremdgegangen ist. Was bleibt ihr anderes übrig, als ihn hochkant hinauszuwerfen und sich verzweifelt in die Arbeit zu stürzen? Zum Glück plant das Royal Cartography Institute gerade eine große Ausstellung zu den britischen Entdeckungsreisenden, und Abby hofft, die Geschichten von Himalaya-, Südpol- und Afrika-Expeditionen helfen ihr über ihren Liebeskummer hinweg. Dabei stößt sie auf das Foto einer zu Tränen rührenden Abschiedsszene zwischen einem Amazonasforscher und seiner Geliebten. Abby macht das Bild zum Mittelpunkt der Ausstellung - und sieht sich bei der Eröffnung einer überraschenden Besucherin gegenüber: Rosamund Bailey, einer Ikone des Journalismus, der Frau auf dem Foto. Als Rosamund ihr die tragische Geschichte des spurlos verschwundenen Entdeckers erzählt, fasst Abby einen wagemutigen Entschluss.


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€ 14,99 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 02.05.2016
Übersetzt von: Katrin Behringer
464 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-8270-1299-9
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 03.07.2018
Übersetzt von: Katrin Behringer
464 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31312-4
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 02.05.2016
Übersetzt von: Katrin Behringer
464 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7870-4

Leseprobe zu »Nur ein letzter Kuss«

Prolog
Buckinghamshire, Anfang 1961


Er kam zu spät, natürlich kam er zu spät. Dominic Blake war geradezu berüchtigt dafür, immer und überall zu spät zu kommen. Egal, ob es sich um eine Party, ein Kartenspiel oder gar eine Hochzeit handelte – man konnte davon ausgehen, dass Dominic stets als Letzter auftauchen, sich verlegen durchs Haar streichen und dabei beschämt grinsen würde, um sich charmant aus der Affäre zu ziehen. Natürlich gehörte all das zu seiner Masche, dennoch war es Dominic wirklich unangenehm, Vee enttäuschen zu müssen. An diesem Abend [...]

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Prolog
Buckinghamshire, Anfang 1961


Er kam zu spät, natürlich kam er zu spät. Dominic Blake war geradezu berüchtigt dafür, immer und überall zu spät zu kommen. Egal, ob es sich um eine Party, ein Kartenspiel oder gar eine Hochzeit handelte – man konnte davon ausgehen, dass Dominic stets als Letzter auftauchen, sich verlegen durchs Haar streichen und dabei beschämt grinsen würde, um sich charmant aus der Affäre zu ziehen. Natürlich gehörte all das zu seiner Masche, dennoch war es Dominic wirklich unangenehm, Vee enttäuschen zu müssen. An diesem Abend hatte es sich allerdings nicht vermeiden lassen.
»Verdammt«, fluchte er leise, als sein Wagen gegen den Bordstein stieß, nachdem er die Kurve zu schnell genommen hatte. »Was soll’s«, sagte er zu sich selbst, sprang aus dem AC Ace und eilte die Steinstufen von Batcombe House hinauf.
»Guten Abend, Connors«, begrüßte er den älteren Mann, der ihm die Tür geöffnet hatte, und schob sich an ihm vorbei. »Sind die Herrschaften noch beim Essen?«
»Lady Victoria ist im Speisesaal, Sir«, antwortete der Butler, »allerdings wird meines Wissens gerade der Nachtisch abgeräumt.«
»Bestens«, erwiderte Dominic, richtete seine Fliege und trat dann durch die Flügeltür.
Er wurde mit Pfiffen und ironischem Beifall begrüßt.
»Schon gut, schon gut«, rief er und hob entschuldigend die Hände, »ich weiß, auf mich ist wie immer kein Verlass.«
Er durchquerte den Raum, steuerte auf eine Frau am Kopf­ende des Tisches zu, beugte sich zu ihr hinab und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Tut mir leid, Vee«, sagte er. »Was musst du bloß von mir denken?«
»Du weißt verdammt gut, was ich von dir denke, Dominic Blake«, erwiderte sie, doch ihre Worte wurden durch die Andeutung eines Lächelns auf den roten Lippen gemildert. »Da du ja nun leider meine gesittete Dinnerparty gesprengt hast, er­warte ich als Wiedergutmachung zumindest ein paar skandal­trächtige Klatschgeschichten.«
»Ich werde mein Bestes tun.«
»Der Kaffee wird im Salon serviert«, verkündete Victoria an ihre Gäste gewandt, während sie aufstand. »Zur Strafe für sein Zuspätkommen wird Mr Blake den Fandango tanzen.«
Dominic verbeugte sich theatralisch und erntete erneut spöttische Pfiffe, während sich die Gruppe vom Tisch erhob. Die Crème de la Crème der Gesellschaft, dachte Dominic, als er den Blick über die Gästeschar schweifen ließ. Die Männer mit ihren vom Bordeauxwein geröteten Gesichtern und maß­geschneiderten Anzügen, gefertigt von Schneidern, die bereits für ihre Väter gearbeitet hatten, die Frauen in Seide und Perlen, mit wachsamen Augen, denen nichts entging. Alles an ihnen verströmte eine Aura von Wohlstand: die Art, wie sie sich bewegten und lachten, der Eindruck, dass nichts sie je wirklich berühren konnte.
»Na, dann lass mal hören!«, flüsterte Victoria, die sich dicht neben Dominic gestellt hatte.
»Was hören?«
»Deine Ausrede natürlich. Ich weiß, dass du eine hast. Was war es denn diesmal? Eine dringende Sitzung der Admiralität? Auf der Flucht vor maltesischen Gangstern? Eine kranke Großmutter?«
Dominic schmunzelte. »Diesmal habe ich tatsächlich keine Ausrede, Vee. Ich habe schlicht und einfach verschlafen.«
»Verschlafen?«, rief sie lachend aus und blickte hinüber zu der aufwendig gearbeiteten goldenen Standuhr auf dem Kaminsims. »Es ist Viertel vor zehn, Dominic. Was bist du, ein Vampir?«
Er beugte sich zu ihr, um ihr zuzuflüstern: »Tja, um ehrlich zu sein, war ich im Claridge’s und habe an der Bar eine junge Dame kennengelernt. Sie hat darauf bestanden, dass ich …«
Victoria legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Schon gut, ich glaube, ich möchte es lieber doch nicht so genau wissen. Ich werde mich einfach damit zufriedengeben, dass du jetzt hier bist. Im Übrigen hoffe ich, dass es nichts Ernstes ist mit diesem Mädchen aus dem Claridge’s. Ich habe nämlich mehrere außerordentlich bezaubernde Damen zu meiner Abendgesellschaft eingeladen. Attraktiv, aus angesehenen Familien …«, flüsterte sie theatralisch.
»Nach dir ist jede Frau eine Enttäuschung, Vee, das weißt du doch«, erwiderte er lachend und umfasste sanft ihre Schultern.
Vee stieß ein ironisches »Ha!« aus, doch Dominic konnte sehen, dass sie sich über das Kompliment freute. Kurioserweise war dies keine leere Schmeichelei. Lady Victoria Harbord besaß nahezu sämtliche Eigenschaften, die er sich von einer Frau erhoffte. Sie war gutaussehend, elegant und hochintelligent; ­zudem war sie großzügig und besaß eine Vorliebe für das Unkonventionelle, was sowohl die moderne Inneneinrichtung als auch die Tatsache erklärte, dass Dominic Blake – Herausgeber-Schrägstrich-Abenteurer – zu ihren Abendgesellschaften eingeladen wurde.
Wer weiß? Wenn die Dinge anders lägen …, dachte er, als ein kleiner, rundlicher Mann im Smoking zu ihnen trat und den Arm um Victorias Taille legte.
»Du hast es ja doch noch geschafft, Dominic«, rief Tony Harbord mit dröhnender Stimme und starkem amerikanischen Akzent. »Worüber tratschst du denn schon wieder mit meiner Frau?«
»Sie will mich verkuppeln«, antwortete Dominic mit einem Lächeln und zwinkerte Victoria zu. Als sie zurücklächelte, fragte er sich wieder einmal, ob seine Freundin den wohlhabenden New Yorker tatsächlich liebte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass eine Frau von bester adliger Abstammung des Geldes wegen geheiratet hätte. Doch auch wenn Victoria und der wesentlich ältere Tony oberflächlich betrachtet ein seltsames Paar abgaben, so war Dominic doch häufig gerührt und fast neidisch, wenn er die echte Zuneigung sah, die die beiden offenbar verband.
»Sehr schön«, bemerkte Tony lachend und schnitt mit ­einem goldenen Zigarrenabschneider die Spitze seiner Zigarre ab. »Je früher du jemanden findest, desto besser, Blake. Du musst allmählich sesshaft werden, und sei es bloß, damit ihr nicht selbst zum Klatschthema werdet, meine Frau und du.«
Dominic musste zugeben, dass die Party ziemlich gut war. Ab und zu kam es vor, dass solche Gesellschaften trotz Victorias erstaunlichem Talent, interessante Leute aufzustöbern, sterbenslangweilig waren, weil alle in ihre typischen Rollen zurück­fielen: Die Männer ließen sich über Politik und die bevor­stehende Jagd am Wochenende aus, während die Frauen sich auf Anekdoten über ihre Kinder beschränkten, von denen jedes einzelne ein angehender Rachmaninow, Picasso oder Cicero war.
Heute Abend jedoch hatte er sich bereits mit einem Dichter unterhalten, der der Meinung war, Pflanzen könnten miteinander kommunizieren, und mit einem prominenten Politiker der Tory-Partei, der durchblicken ließ, dass er insgeheim ein leidenschaftlicher Anhänger der Freikörperkultur war – »Finden Sie nicht auch, dass diese gestärkten Hemden einen furchtbar einengen?«
Außerdem hatte er Brandy mit Jim French getrunken, einem texanischen Industriellen und Freund von Tony, den er zuvor nur vom Hörensagen gekannt hatte und dem der Ruf voraus­eilte, ein skrupelloser Waffenhändler zu sein. French war ihm auf Anhieb unsympathisch gewesen, doch er musste zugeben, dass er ein faszinierendes Porträt in der Capital abgäbe, der Zeitschrift, die er herausbrachte. Dies hatte er auch Victoria gegenüber erwähnt, in der Hoffnung, sie könne ein weiteres Zusammentreffen arrangieren, doch sie hatte ihn sofort gewarnt, es sei unklug, sich die Reichen zum Feind zu machen.
Die interessanteste Unterhaltung hatte er mit einem Bibliothekar aus Oxford geführt, der – nach nur minimalem Drängen – froh, um nicht zu sagen erleichtert gewirkt hatte, zuzu­geben, dass er während des Krieges in einem Stallgebäude in Wiltshire chemische Waffen entwickelt hatte.
»Wissen Sie was?«, hatte der alte Mann gesagt, »das waren die besten fünf Jahre meines Lebens. Ich weiß, damals sind Menschen gestorben – mein eigener Bruder ist in Arnheim abgeschossen worden –, aber trotzdem hatte man das erhebende Gefühl, etwas zu tun, Teil von etwas Größerem zu sein … Können Sie das nachvollziehen? Ich will ehrlich sein, junger Mann, seither kommt mir alles irgendwie schal vor.«
Irgendwann entschuldigte sich Dominic, weil er an die frische Luft gehen wollte. Er musste lächeln, als er einen Blick auf die Abendgesellschaft warf, verbarg es aber, indem er sein Brandyglas an die Lippen hob. Es war merkwürdig: Er wusste über jeden der hier Anwesenden etwas. Zwar war nicht alles davon skandalträchtig, sondern manches lediglich aufschlussreich, trotzdem fragte er sich, warum die Leute ausgerechnet ihm das alles erzählten. Theoretisch hätten sie ihn meiden müssen wie die Pest. Sie wussten, dass er der Herausgeber der Capital war – eines der humorvolleren, aber dennoch schonungslosen Magazine am Zeitungskiosk. Er galt als stadtbekanntes Klatschmaul und berüchtigter Playboy, ein Image, das er nur allzu gern pflegte. Dennoch hatte er die Erfahrung gemacht, dass die Menschen sich ihm gegenüber bereitwillig öffneten. Vielleicht liegt es ja an meinem ehrlichen Gesicht, dachte er mit einem weiteren Lächeln.
Der wahre Grund war jedoch viel simpler: Er bekam einfach deshalb Antworten, weil er Fragen stellte. Die Engländer waren viel zu höflich, um sich nach den Angelegenheiten anderer ­Leute zu erkundigen, weshalb sie, falls jemand tatsächlich danach fragte, demjenigen gleich erleichtert ihr Herz ausschütteten.
Dies war Dominic bereits in jungen Jahren aufgefallen, wenn seine Eltern in ihrem bescheidenen Pfarrhaus auf dem Lande Besuch von Freunden bekamen. Die Reichen redeten gern. Nicht das Geld, sondern der Klatsch regierte ihre Welt. Und über nichts redeten reiche Leute lieber als über sich selbst. Was nützte einem ein Riesengeschäft in Südafrika oder eine ­Affäre mit der Frau seines besten Freundes, wenn man hinterher nicht damit prahlen konnte?
Er befand sich inzwischen in der Bibliothek, von wo aus mehrere Glastüren zu einem herrlich duftenden Garten hinausgingen. Er blieb kurz stehen und fuhr mit dem Finger über Victo­rias umfangreiche Sammlung ledergebundener Bücher. Als er ein Geräusch hinter sich hörte, drehte er sich rasch um. Im Türrahmen stand, eine Hand auf der Hüfte abgestützt, eine wunderschöne Blondine, ganz die Femme fatale aus einem Film noir.
»Versteckst du dich schon wieder vor mir, Dommy?«, säuselte Isabella Hamilton, die Frau von Gerald Hamilton, einem Mitglied des britischen Kabinetts. »Du bist so spät hier auf­getaucht, dass ich schon dachte, du willst mir aus dem Weg gehen.«
Langsam, fast gemächlich, kam sie auf ihn zu, ihre Absätze klackten leise auf dem Parkett.
»Ich würde mich nie vor dir verstecken, Izzy«, erwiderte er und lächelte verführerisch. »Aber wir wollen doch keine pein­liche Situation provozieren. Nicht vor aller Augen.«
»Du kannst mich meinetwegen in jede noch so peinliche Lage bringen, Dominic Blake«, gab sie lächelnd zurück und strich ihm mit dem Finger über die Wange. »Du weißt, ich würde alles tun, was du willst. Du musst mich nur darum bitten.«
»Izzy, wir können doch nicht …«, sagte er und wich einen kleinen Schritt zurück.
»Warum denn nicht?«, flüsterte sie. »Es wäre schließlich nicht das erste Mal.«
Sofort tauchte vor seinem geistigen Auge eine Reihe höchst angenehmer Bilder auf.
»Ich will dich«, hauchte sie ihm ins Ohr.
»Izzy, bitte.« Es fiel ihm zunehmend schwer, sich zu beherrschen.
»Ich will dich jetzt sofort«, flüsterte sie und berührte mit den Lippen sanft seinen Mund.
Er spürte ein jähes Schuldgefühl, ein plötzliches Bedauern, und griff nach ihrer Hand, während er langsam den Kopf schüttelte.
»Wir dürfen nicht«, sagte er mit etwas mehr Nachdruck.
»Warum denn nicht?«, fragte sie noch einmal schmollend und riss sich von ihm los.
»Weil wir nicht dürfen.«
Isabella brauchte einen Augenblick, um sich wieder zu ­sammeln, sie wusste, dass sie ihren Willen nicht durchsetzen konnte. Zumindest nicht dieses Mal.
»Bist du dir ganz sicher?«
»Ja, das bin ich«, sagte er und nickte.
»Dann sollte ich wohl besser zurückgehen«, sagte sie und verzog ihren schönen Mund. »Gerald vermisst mich sicher schon. Du weißt ja, wie er an mir hängt.«
»Das wundert mich nicht«, erwiderte Dominic mit echter Zuneigung.
Ihr Gesichtsausdruck hellte sich etwas auf und sie drückte schnell einen Kuss auf ihre Fingerspitzen und legte sie ihm auf die Lippen.
»Mach’s gut, Dominic«, sagte sie. Er schloss die Augen und genoss die warme, vielsagende Berührung, wohl wissend, dass er sie zum letzten Mal spüren würde.
Er sah ihr nach, bis ihre schlanke Silhouette wieder in die laute Abendgesellschaft eingetaucht war, und zündete sich dann eine Zigarette an.
Anschließend schob er den schweren grünen Samtvorhang beiseite und öffnete die Flügeltüren. Ein angenehm kalter Luftzug streifte sein Gesicht, und er blies einen langen, sich kringelnden Rauchring aus.
Hier war er nun, auf einer der schicksten Partys des Jahres, umgeben von den Reichen und Schönen der britischen Gesellschaft, und dennoch fühlte er sich leer und rastlos.
Vielleicht hatte Tony ja recht. Vielleicht sollte er wirklich sesshaft werden. Er hatte es satt, schöne, junge Frauen wie ­Isabella und all die anderen austauschbaren Blondinen, Rot­haarigen und Brünetten zu benutzen. Vielleicht brauchte er ­tatsächlich eine Veränderung in seinem Leben, auch wenn das leichter gesagt als getan war, dachte er, während er stirn­runzelnd dem aufsteigenden Rauch nachsah.
»Dominic.«
Er konnte die Stimme zunächst nicht zuordnen. Einen be­unruhigenden Moment lang glaubte er, Gerald Hamilton wollte ihn zur Rede stellen, doch dann registrierte er den Akzent.
»Eugene.« Er lächelte erleichtert und trat die Zigarette
aus.
Er hatte den russischen Marineattaché, der an der Botschaft seines Landes in Kensington tätig war, um Weihnachten herum kennengelernt und mochte ihn sehr. Zunächst hatte es ihn gewundert, dass Eugene zu Gesellschaften und Dinnerpartys wie dieser eingeladen wurde. Den Sowjets wurde sonst großes Misstrauen entgegengebracht, und das zu Recht, schließ­lich war der Kalte Krieg in vollem Gange. Doch im Grunde war jemand Geheim­nisvolles und Verbotenes – wie beispielsweise ein gutaussehender sowjetischer Marineattaché – in den Salons der High Society genauso willkommen wie etwa Dominic.
»Wie geht es dir, mein Freund?«, fragte er und legte dem Russen die Hand auf die Schulter.
Eugene nickte lediglich.
»Können wir reden?«, fragte er.
Dominic war stets bereit zuzuhören. Er zog sein Zigarettenetui aus der Tasche, ließ es aufschnappen und bot seinem Freund eine tabakbraune Sobranie an.
»Selbstverständlich«, erwiderte er, als sie hinaus in den Garten traten.
Der schwere, süßliche Duft von Narzissen und feuchtem Gras lag in der Luft und der Vollmond tauchte den Garten in ein träges, milchigweißes Licht.
Sie setzten sich auf eine steinerne Bank. Als Eugene zu erzählen begann, schlug Dominic die Beine übereinander und blies einen weiteren Rauchring in die Luft, ohne zu ahnen, dass diese Unterhaltung sein Leben für immer verändern würde.

 


Kapitel 1
London, Gegenwart


Abby Gordon sah auf die sepiafarbene Landkarte hinunter, die ausgebreitet auf dem Eichentisch lag, und seufzte. Interessierte es eigentlich irgendwen, wo Samarkand lag?, dachte sie trotzig. Plötzlich verspürte sie das dringende Bedürfnis, die Landkarte zu einem Ball zusammenzuknüllen und sie in den Verbrennungs­ofen zu werfen. Sie malte sich aus, wie die Karte Feuer fangen, auflodern und schließlich verbrennen würde. Kopfschüttelnd sah sie sich um und fragte sich, ob irgendjemand bemerkt hatte, dass sie rot wurde. Nein, auf der anderen Seite der Glastür befand sich lediglich der sympathische Mr Bramley, ein älterer Wissenschaftler. Er saß tief über seine Forschungsarbeiten gebeugt.
Mr Bramley zumindest war das Schicksal der Landkarte nicht egal. Mr Bramley würde wahrscheinlich sogar in den Verbrennungsofen springen, um sie zu retten.
Reiß dich zusammen, Abby, schalt sie sich, als sie sich vorstellte, wie Mr Bramley in Flammen stand.
Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte ihr die Arbeit als Ar­chivarin am Royal Cartography Institute noch großen Spaß ­gemacht. Natürlich war es nicht die Tate Modern oder das Courtauld Institute. Sie verbrachte ihre Tage nicht damit, unbezahlbare Gemälde zu katalogisieren wie manche ihrer Freundinnen, mit denen sie Kunstgeschichte studiert hatte. Sie arbeitete auch nicht für eine angesagte Galerie oder ein renommiertes Auktionshaus oder als Assistentin eines berühmten Fotografen. Dennoch war das Institut keineswegs unbekannt: Landkarten-Freaks und Geografieliebhaber aus aller Welt sprachen nur mit höchster Erfurcht vom Archiv des RCI. Abby selbst gehörte zwar nicht zu dieser Spezies, doch sie freute sich jedes Mal wie eine Schneekönigin über die Schätze, die sie inmitten des ganzen Krimskrams zutage förderte. Da waren zunächst die Land­karten, und zwar Tausende davon, die in klimatisierten (beziehungs­weise, wenn man keine Strumpfhose trug, eiskalten) begeh­baren Schränken aufbewahrt wurden. Dann gab es die Atlanten, manche davon gewöhnlich, andere äußerst selten und wertvoll, darunter auch ein Atlas aus dem Besitz von Marie Antoinette, ein schwerer ledergebundener Band, den niemand – nicht einmal ihr Chef Stephen – anfassen durfte. Und dann gab es noch die Artefakte – ein alter Stiefel, eine Sauerstoffflasche, ein stumpf gewordener Messingkompass –, die größtenteils wahllos in die Pappkartons neben Abbys Schreibtisch gestopft worden waren. Oberflächlich betrachtet handelte es sich dabei lediglich um Überreste längst vergessener Expeditionen. Doch hinter jedem einzelnen dieser Gegenstände verbarg sich eine Geschichte: der Kompass des Polarforschers Captain Scott, der Tropenhelm des Afrikareisenden Henry Morton Stanley, ein Eispickel vom Erstbesteigungsversuch des Mount Everest.
Obwohl die Einrichtung auf Landkarten spezialisiert war, bestand der Großteil der Sammlung überraschender­weise aus Fotografien. Aus Hunderttausenden Negativen und Dias, die seit der Erfindung der Kamera von jeder Expedition gesammelt worden waren. Allerdings hatten die meisten von ­ihnen noch nie ihre Kisten verlassen, und genau aus diesem Grund war Abby vor achtzehn Monaten eingestellt worden: Sie sollte sie katalogisieren und dann hoffentlich ans Tageslicht ­holen, eine wahre Mammutaufgabe.
Sie holte tief Luft, rollte die Landkarte auf und schob sie vorsichtig in die dazugehörige Rolle, froh, dass sie zumindest einen Punkt auf ihrer heutigen To-do-Liste abhaken konnte.
Russische Steppen, gedruckt und handkoloriert, circa 1789, Morgan Johnson. Abby wusste, dass die Karte Tausende Pfund wert war, falls sie jemals versteigert werden würde. Nicht dass sie das tatsächlich würde. Stattdessen versauerte sie hier im staubigen Keller des Royal Cartography Institute, achtlos in ein Regal ­geschoben, geduldig darauf wartend, dass jemand sich für sie interessieren würde.
Tja, wie sich das anfühlte, wusste sie nur zu gut.
Da klingelte das Telefon.
»Hallo, hier ist das Archiv«, meldete sich Abby mit ihrer schönsten Telefonstimme. »Hallo?«
Zunächst waren nur ein tiefer Atemzug, gedämpftes Stimmengewirr und Lachen im Hintergrund zu hören. Instinktiv wusste sie, dass es ihr Chef war, der sich von einer ausgedehnten Mittagspause zurückmeldete.
»Abigail, ich bin’s, Stephen. Kannst du mich hören?«
Abby musste gegen ihren Willen lächeln. Stephen Carter, der Leiter des RCI-Archivs, war stets heillos überfordert, wenn es ums Telefonieren ging. Er stellte sich an wie ein viktoria­nischer Gentleman, der zum ersten Mal in seinem Leben einen dieser fürchterlichen neumodischen Apparate benutzen musste.
»Wie läuft es bei dir? Alles klar so weit?«
Abby sah an dem Kistenstapel empor, der sich vor ihr auftürmte und bedrohlich schwankte.
»Nichts, was ich nicht bewältigen könnte.«
»Sehr gut, sehr gut«, rief er übertrieben enthusiastisch aus. »Äh, eigentlich wollte ich dir nur kurz Bescheid geben, dass ich nicht weiß, ob ich es heute Nachmittag noch mal ins Büro schaffe; du weißt ja, wie solche Meetings laufen.«
Das wusste sie in der Tat. Stephen lallte bereits leicht.
»Aber dafür habe ich gute Nachrichten«, fuhr er fort. »Christine hat hochinteressante Informationen über die Ausstellung. Ich kann es kaum erwarten, dir davon zu erzählen.«
Heute war Stephens monatliches Mittagessen mit Christine Vey, der Leiterin der Sammlungen, eine aufgeblasene Wichtigtuerin, der rein gar nichts am RCI, dafür aber umso mehr an ­ihrer Karriere lag. Christines Pläne erfüllten Abby stets mit Unbehagen; für die Leute am Institut verhießen sie selten etwas Gutes.
»Irgendetwas, was ich wissen sollte?«, erkundigte sie sich.
»Wir reden morgen darüber«, sagte Stephen. »Das Beste wäre wohl, wir würden eine Lagebesprechung zum aktuellen Stand der Dinge abhalten. Christine will einen ausführlichen schriftlichen Bericht über die neuesten Entwicklungen. Sie hat mit der Ausstellung ein ziemliches Risiko auf sich genommen, wir dürfen sie also auf keinen Fall enttäuschen. Haben wir uns verstanden?«
»Natürlich«, murmelte Abby und tippte nebenher schnell eine E-Mail an ihre drei besten Freundinnen Anna, Ginny und Suze, um zu fragen, ob es bei ihrer Verabredung heute Abend bleiben würde.
»Als Allererstes werden wir morgen die endgültige Bild­auswahl durchgehen, danach kannst du die Dias und Negative ­rüber ins Labor bringen«, erläuterte Stephen weiter. Er sprach sehr hastig, offenbar wollte er das Gespräch rasch beenden.
»Ich muss jetzt Schluss machen. Ach, und könntest du die Morgan-Landkarte von 1789 für Mr Bramley rauslegen? Du weißt ja, wie penibel er ist.«
»Schon passiert«, erwiderte sie und sah im selben Moment, dass Suze bereits zurückgemailt hatte.
Ja, klar, wir sehen uns gleich in der Bar. Schön, dass Du Dich besser fühlst.
»Ausgezeichnet, Abigail, du bist ein Schatz.«
Und dann hatte er auch schon aufgelegt.
Abby legte das Telefon zurück auf die Station und sah auf die Uhr. Es war noch nicht einmal halb fünf. Eine Ewigkeit bis zum Feierabend, selbst wenn Stephen nicht noch einmal zurück ins Büro kommen würde.
Aber sie musste sich ohnehin noch auf die Lagebesprechung vorbereiten. Stephen Carter war an sich kein schlechter Chef, aber er war ein Pedant und außerdem sehr darum bemüht, es seinen Vorgesetzten recht zu machen, und da sie – dank ihres befristeten Vertrags – streng genommen nur eine Zeitarbeitskraft war, würde sie als Sündenbock für sämtliche Pannen, Fehlschläge oder Ungereimtheiten im Archiv herhalten müssen.
Und im Moment war sie vollkommen auf sich allein gestellt, sie musste ohne das Sicherheitsnetz einer Familie oder eines Partners auskommen. Deshalb wollte sie sich gar nicht aus­malen, welche Konsequenzen es hätte, wenn sie ihren Job verlöre.
Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, doch sie bemühte sich, ihre Gefühle zu unterdrücken, während sie sich in das Fotoarchiv begab: lange Reihen kriegsschiffgrauer Metall­regale, in denen Dutzende Archivkisten voller Negative, Dia­positive und Abzüge lagerten.
Sie schritt die Regalreihen ab und strich dabei mit dem Finger über die Kisten. Eigentlich mochte sie diesen Teil ihrer Arbeit am liebsten. Für Landkarten konnte sie sich nicht allzu sehr begeistern: Wie konnte irgendjemand angesichts eines schlecht gezeichneten Umrisses der Grafschaft Lancashire ins Schwärmen geraten? Mit den Fotografien jedoch war das anders. Sie hatten etwas Magisches an sich. Sie waren intime, persönliche Zeugnisse einer Zeit, in der die Welt noch nicht vollständig erforscht gewesen war, aufgenommen von den wenigen Menschen, die sich hinausgewagt hatten in die noch unbekannte Wildnis. Abby holte eine Kiste herunter und nahm dann auf einem Bürostuhl Platz. Grob gesagt bestand ihre Arbeit darin, die Sammlung zu katalogisieren, also zu vermerken, was die einzelnen Kisten enthielten: Expedition, Jahr, Erdteil, Namen, erreichte Ziele und dergleichen, sodass die Angaben im Computer erfasst und mit Querverweisen versehen werden konnten.
Doch daneben hatte sie noch eine weitere Aufgabe: Sie sollte die Geister der Vergangenheit für das Institut lebendig werden lassen. Das war der eigentliche Grund für ihre Anstellung gewesen: Sie sollte Ausstellungen kuratieren, um all diese lang vergessenen Dias der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Ihre erste Ausstellung sollte anlässlich der Zweihundertjahrfeier des Instituts in drei Wochen stattfinden; allerdings hatte Abby leichte Zweifel, ob sie tatsächlich schon so weit waren. Die Zusammenstellung der Bilder war einfach gewesen. Der Titel der Ausstellung lautete Die großen britischen Forschungsreisenden, und sie hatte aus einer Vielzahl spektakulärer Expeditionen auswählen können: Besteigungen des Mount Everest und des K2, Polarreisen und sogar Livingstones Suche nach den Nilquellen. Doch irgendetwas fehlte noch, eine Leerstelle im Herzen der Ausstellung, ­etwas, was sie zwar nicht genau benennen konnte, von dem sie aber hoffte, dass sie es erkennen würde, sobald sie darauf stieß.
Sie holte tief Luft, zog eine schmale Kiste heraus und öff­nete sie. Darin befand sich eine Auswahl an Dias. Sie nahm das erste heraus und hielt es gegen das Licht: eine Gruppe winziger Gestalten, die angesichts des verschneiten Gipfels im Hintergrund wie Zwerge wirkten. Sie hielt das nächste hoch: eine Halbnahaufnahme eines Teams von Trägern, die den unsicht­baren Fotografen angrinsten. Sie drehte die Kiste auf die Seite; sie war beschriftet mit Mortimer-Expedition, Nepal, 1948. Dann ­rollte sie ihren Stuhl hinüber zu der Leuchtplatte, schaltete sie ein und griff nach einer Dialupe, einer Art Vergrößerungsglas, durch das hindurch man das Bild betrachten konnte, als wäre es ein normaler Abzug.
Das scharf umrissene Schwarzweißbild der zerklüfteten Hima­laya-Gipfel war eindrucksvoll, doch im Grunde unterschied es sich kaum von den Dutzenden anderer atemberaubender Bilder, die sie bereits von verschneiten abgelegenen Gegenden zusammengetragen hatte. Und genau das war das Problem: Die ganze Ausstellung wirkte sehr verschneit, sehr hügelig, sehr weiß. Sehr eintönig.
Sie blies die Backen auf und wünschte sich, sie dürfte eine Tasse Tee in das Fotoarchiv mitbringen. Doch das war in den be­engten Räumlichkeiten, die Abby immer an alte U-Boot-Filme erinnerten, streng verboten.
Schade nur, dass die durchtrainierten Matrosen fehlen, dachte sie grimmig.
Einen Augenblick lang bereute sie es, in einer derart dunklen und abgeschotteten Umgebung zu arbeiten. Ihre Freundinnen hatten sie allesamt für verrückt erklärt, als sie ihre Vollzeitstelle aufgegeben hatte. Doch sie kannten ja auch nicht den wahren Grund für ihre Kündigung. Sie wussten nicht, weshalb sie ihre Festanstellung im V&A, dem berühmten Victoria & Albert Museum, für eine Stelle als freie Mitarbeiterin am RCI aufgegeben hatte.
Denn Abby und Nick Gordon hatten mit niemandem über ihre vergeblichen Bemühungen, ein Kind zu bekommen, gesprochen. Obwohl sie als erstes Paar in ihrem Freundeskreis geheiratet hatten, wurden sie nie gefragt, ob sie an Nachwuchs dachten. Sie waren Mitte dreißig, lebten in London, amüsierten sich und gaben beruflich Vollgas. Außerdem war es ein Tabu­thema, eine äußerst private Angelegenheit. Man fragte nicht nach, wenn man vermutete, dass ein befreundetes Paar mit Fruchtbarkeitsproblemen zu kämpfen hatte. Nicht, wenn sie nicht von sich aus darüber sprechen wollten.
Abby und Nick waren vor den Schwierigkeiten einer künstlichen Befruchtung gewarnt worden. Doch sie hätte nicht ­gedacht, dass es sie körperlich und auch emotional derart be­lasten würde. Sie hatte ihren Arbeitsplatz aufgegeben und die flexiblere Stelle am Institut angenommen. Und trotzdem war kein Baby gekommen. Und dann gab es auf einmal auch keinen Mann mehr.
Sie zog eine weitere Kiste heraus, diesmal mit Schwarzweißabzügen. Peru, Amazonas, lautete die Beschriftung, 1961.
Sie versuchte, sich zu konzentrieren und die ungebetenen Erinnerungen an Nick zu verdrängen.
Nachdem sie sich wieder hingesetzt hatte, nahm sie die ­Fotos aus der Schachtel, balancierte den Stapel auf ihren Oberschenkeln und blätterte ihn aufmerksam durch.
Auf dem ersten Bild, einer Weitwinkelaufnahme eines langgezogenen Tals mit üppiger Regenwaldvegetation, war ein Mann zu sehen, der sich um mehrere Maultiere kümmerte. Das zweite Foto war eine hübsche Nahaufnahme von einem Kolibri, das dritte zeigte eine Schar von Trägern mit zerfurchten, von der Sonne gegerbten Gesichtern. Sie schleppten riesige Körbe.
Immerhin liegt zur Abwechslung mal kein Schnee, dachte sie. Sie ahnte, dass sie in dieser Kiste etwas Nützliches finden würde.
Sie ging die anderen Bilder durch, bis eine Fotografie sie inne­halten ließ. Ein Bild von einem Mann und einer Frau, nur Zentimeter voneinander entfernt. Seine Hand ruhte auf ihrer Wange und sie hatte in einer zärtlichen Abschiedsgeste die Handfläche darüber gelegt. Abby stockte der Atem. Das Bild war wunderschön, geradezu ergreifend, auch wenn sie nicht genau sagen konnte, warum. Die Situation an sich war nicht besonders ungewöhnlich, eine Szene, wie man sie tagtäglich auf Bahnhöfen und Flughäfen beobachten konnte.
Doch dieses Foto war anders: Es lag Anspannung, Herzschmerz darin. Die Frau wirkte aufgelöst, verzweifelt. Aber ­weshalb? Wer war dieser Mann? Und wer war die Frau, die ihn liebte?
Sie drehte das Bild um und las die Beschriftung auf der Rückseite: Blake-Expedition, Peru, August 1961.
Aus den übrigen Fotografien konnte sie schließen, dass er in den Dschungel gereist war. Hatte sie ihn angefleht, zu bleiben? Und war er trotzdem fortgegangen? Sie fragte sich, wie alt dieses Liebespaar inzwischen sein mochte, ob sie beide noch am Leben und immer noch ein Paar waren.
Ihr Blick fiel wieder auf das Bild. Verdammt, es war wirklich gut. Sie wusste auf Anhieb, dass es sich perfekt für die Ausstellung eignen würde. Atemberaubende und dramatische Aufnahmen hatte sie inzwischen schon zur Genüge: winzige Gestalten, die eine Felswand erklommen, Schiffe, die mit dicken Eiszapfen behangen zwischen Eisschollen feststeckten. Aber das hier? Das hier war anders. Das Foto barg Emotionen, es vermittelte einem das Gefühl, dass es bei Forschungsreisen um mehr ging als ledig­lich darum, aufzubrechen und fortzugehen. Es verankerte die heldenhafte Tat in der Wirklichkeit und brachte einen zum Nachdenken: Was wäre, wenn ich fortgehen würde? Wie würde ich mich fühlen? Und was würde ich empfinden, wenn ich diejenige wäre, die zurückbleibt? Die Fotografie sprach deutlich von der Macht der Liebe und der Angst vor dem Verlust.
Sie merkte erst, dass sie weinte, als eine dicke Träne auf die Leuchtplatte tropfte.
Mensch, Abby, du kannst doch nicht die unbezahlbaren Arte­fakte vollheulen, schalt sie sich und eilte aus dem Foto­archiv, um ein Taschentuch zu holen.
»Abigail? Geht es Ihnen gut?«
Als sie sich umdrehte, stand Mr Bramley vor ihr und musterte sie besorgt. Christopher Bramley zählte zu den treuesten Mitgliedern des Instituts: Er kam häufig hinunter ins Archiv, um zusätzliche Materialien für seine Forschungsarbeit anzufordern. Ein weißhaariger, gebeugter und eher wortkarger Mann, der normalerweise nur sprach, wenn er irgendein Dokument oder eine Landkarte benötigte.
»Ja, danke, es ist alles in Ordnung«, erwiderte Abby schnell und rieb sich die feuchten Augen.
Der alte Mann hob die Brauen. »Das hoffe ich sehr«, meinte er freundlich.
Sie fragte sich, wie viel er über sie und ihr Leben wusste. Ob er davon gehört hatte.
»Bitte sehr. Das sind die Landkarten, die Sie angefordert hatten«, sagte sie etwas heiterer.
»Ich glaube, ich bin für heute Ihr letzter Kunde. Im Institut ist kaum noch jemand«, bemerkte er lächelnd, während er in seinen Taschen wühlte und ein Taschentuch zutage förderte. Er reichte es ihr. »Ich bin sicher, Mr Carter hätte nichts dagegen, wenn Sie heute ein bisschen eher Schluss machen.«
Sie beschloss, genau das zu tun, und kehrte in das Foto­archiv zurück, um ihre Sachen zusammenzupacken.
Die Aufnahme von der Blake-Expedition steckte sie in einen kartonierten Umschlag. Sie wollte Stephen gleich morgen dazu befragen, schließlich arbeitete er schon seit über zehn Jahren am RCI und besaß ein enzyklopädisches Wissen über jeden ­Forschungsreisenden und Kartografen der letzten drei­hundert Jahre.
Dann schaltete sie die Lichter aus, sah nach, ob alles ab­geschlossen war, und zog sich ihre Jacke an.
»Sehe ich Sie morgen wieder, Mr Bramley?«, fragte sie, während sie sich ihre Tasche über die Schulter schwang und den Lesesaal durchquerte.
»Sollte mich nicht wundern«, gab der alte Mann zurück. »Gehen Sie noch aus?«
»Ja, ich gehe mit ein paar Freundinnen was trinken.«
Er lächelte. »Dann amüsieren Sie sich schön, Abigail. Sie haben es sich verdient.«
Sie erwiderte sein Lächeln. Zwar hatte sie sich bis jetzt noch nicht sonderlich auf ihren Mädelsabend gefreut, aber vielleicht war es ja genau das, was sie brauchte. Sie rannte die Keller­treppe hinauf und trat in die lichtdurchflutete Vorhalle des ­Instituts. Zurück in die Zivilisation, dachte sie, als sie auf ihr Handy blickte und sah, dass sie im Keller, wo es keinen Empfang gab, einen Anruf verpasst hatte.
Sie wählte die Mailbox. Während sie die Nachricht abhörte, wurde ihr so übel, als hätte ihr jemand einen Schlag in die Magengrube versetzt.
»Hi Abs, ich bin’s, Nick. Ruf mich bitte zurück. Wir müssen reden.«

 


Kapitel 2


»Er will mit mir reden, könnt ihr euch das vorstellen?«, fragte Abby kopfschüttelnd. Sie saßen am Tresen des Hemingway’s, einer Cocktailbar in Wimbledon Village. Sie war sich sicher, dass sie bereits lallte, obwohl sie erst vor zwanzig Minuten gekommen war.
»Glaubst du, er hat etwas zu seiner Verteidigung zu sagen?«, fragte Suze, während sie mit einem Zahnstocher eine hellgrüne Olive aufspießte.
»Vermutlich nichts, was ich hören will«, erwiderte Abby, die sich über den Anruf ihres Mannes immer mehr aufregte.
»Ah, seht mal, der Manager hat eine freie Sitzecke für uns gefunden«, rief Anna, sprang auf und griff nach dem Krug Pimm’s. »Kommt schnell, bevor uns eine Horde attraktiver Tennisspieler den Platz wegschnappt.«
»Schön wär’s«, erwiderte Abby lächelnd, auch wenn ihr im Grunde ihres Herzens nicht nach Lachen zumute war.
In Wimbledon wurde gerade das berühmte zweiwöchige Tennisturnier ausgetragen. Nach einem Spieltag im All England Club wurden deshalb im schicken Londoner Postleitzahlenbereich SW19 ständig irgendwelche Stars oder berühmte Sportler gesichtet.
Anna, Suze und Ginny waren der Meinung gewesen, dass sie sich schon viel zu lange zu Hause verkroch und dass diese aufregenden Wochen die perfekte Gelegenheit waren, um endlich mal wieder vor die Tür zu kommen.
Normalerweise hätte sie ihnen recht gegeben. Normalerweise mochte sie diese Jahreszeit, eine Zeit, in der man draußen im Café sitzen, sich mit Freundinnen amüsieren und das geschäf­tige Treiben um einen herum beobachten konnte. Heute Abend jedoch wäre sie von der U-Bahn-Station am liebsten direkt nach Hause gegangen, so wie sie es an jedem anderen Tag der letzten sechs Wochen getan hatte; ihr kleines Reihenhaus lag nicht weit von dem Hügel, den sie auf dem Weg nach Wimbledon Village hinaufmusste.
Als sie im Institut ihre Sachen zusammengepackt hatte, hatte sie sich noch auf den Abend mit ihren Freundinnen gefreut, doch nun, da sie hier war, spürte sie deutlich, dass sie nicht in der Stimmung war, zu lachen, Cocktails zu schlürfen und so zu tun, als hätte sie keine Probleme. Sie wollte niemanden sehen und mit niemandem reden. Tief in ihrem Innersten wusste sie natürlich, dass sie sich nicht ewig verkriechen konnte. Sie wusste, dass sie sich der Wirklichkeit stellen und Entscheidungen treffen, dass sie ihren Mut zusammennehmen und endlich mit ­ihrem Mann reden musste. Sie konnte seine Nachrichten nicht länger ignorieren. Doch auch wenn es an der Zeit war, Nick Gordon gegenüberzutreten, wusste sie noch immer nicht, was sie ihm überhaupt sagen sollte. Hoffentlich würde sie heute Abend ein paar Tipps von ihren Freundinnen bekommen.
»Da ist Ginny«, rief Suze, als sie in die beigefarbene, mit Leder bezogene Sitzecke rutschten. Abby stöhnte beim Anblick der hochgewachsenen Brünetten im Stillen auf. Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre sie hocherfreut gewesen, ihre langjährige Freundin zu sehen: Neben Anna, einer zielstrebigen, erfolg­reichen Anwältin, war Ginny ihre kompetenteste Freundin, eine knallharte, nüchterne Vermögensverwalterin, die Art von Person, die man sich in einer Krise an seiner Seite wünschte. Doch leider war sie außerdem Nicks Schwester, und auch wenn sie richtig reagiert und auf ihren »bescheuerten Bruder« geschimpft, Abby alle paar Tage angerufen, ihr die Kontaktdaten von Eheberatern und Therapeuten weitergeleitet und ihr kleine Päckchen mit Macarons und Keksen geschickt hatte, war Abby sich nie ganz sicher, ob sie wirklich hundertprozentig zu ihr hielt.
»Habe ich was verpasst?«, erkundigte sich Ginny, nachdem sie sich neben Anna gesetzt hatte.
»Nick hat angerufen«, erklärte Suze. Sie blickte von ihrem Cocktail auf.
»Und? Hast du mit ihm geredet?«, fragte Ginny, als würde sie sich an eine versammelte Vorstandsriege wenden.
Abby sank in sich zusammen und schüttelte den Kopf.
»Er hat diese Woche schon sechsmal angerufen. Ich habe nicht mit ihm gesprochen, aber er lässt mich trotzdem nicht in Ruhe. Wenn das so weitergeht, brauche ich keine Scheidung, sondern ein gerichtliches Kontaktverbot.«
Ihre Freundinnen lachten zwar höflich, doch sie merkte, dass das S-Wort in die Unterhaltung eingeschlagen hatte wie eine Bombe.
»Hast du wenigstens mal mit einer der Eheberaterinnen gesprochen, die ich dir empfohlen habe? Melanie Naylor zum Beispiel? Sie soll sehr gut sein«, hakte Ginny auf ihre sachliche Art nach. »Ihre Klienten kommen aus den höchsten Kreisen. Sogar Promis schwören auf sie.«
»Aber Eheberatung würde ja bedeuten, dass ich meine Ehe retten will.«
»Das solltest du auch zumindest versuchen«, erwiderte ­Ginny unverblümt.
»Ich sage ja nicht, dass du zu rigoros bist, Abby …«, mischte sich Suze ein und füllte ihr Glas bis knapp unter den Rand mit Pimm’s auf.
»Aber genau das denkst du, hab ich recht?«, konterte Abby, die sich zusehends in die Ecke gedrängt fühlte.
»Du kannst ihm doch nicht für immer aus dem Weg gehen«, sagte Anna etwas freundlicher. »Und indem du seine Nach­richten löschst, löschst du noch lange nicht alles aus, was passiert ist.«
»Wie könnte ich das je vergessen?«, sagte Abby seufzend und musste wieder einmal an den Moment denken, in dem ihr Leben zusammengebrochen war wie ein Kartenhaus.
Eine SMS. So hatte sie herausgefunden, dass ihr Mann sie betrogen hatte. Sie waren auf dem Weg zu einem sonntäglichen Mittagessen bei einem Freund gewesen und hatten kurz angehalten, um zu tanken. Nick, der zum Bezahlen ausgestiegen war, hatte sein Handy auf dem Sitz liegen lassen, dasselbe Handy, mit dem Abby zehn Minuten vorher Bescheid gegeben hatte, dass sie etwas später kommen würden. Bei ihrem eigenen Handy war der Akku leer gewesen.
Sie hatte erwartet, irgendeine nichtssagende Floskel ihres Gastgebers zu lesen, etwas wie: Kein Problem! Das Hähnchen ist noch im Ofen! Lasst euch ruhig Zeit :)
Doch stattdessen sah sie die Nachricht einer Frau, deren Namen sie noch immer nicht kannte. Eine Handvoll Wörter, die auf ihre Ehe wie eine Atomexplosion gewirkt hatten.
Ich würde dich gern wiedersehen. Ja, ich weiß, mir macht der Gedanke auch Angst, aber ich glaube, wir würden gut zusammenpassen. Kuss
Sie musste sich fast übergeben, so übel war ihr von dem Geruch der Benzindämpfe und den verräterischen Worten. Als sie aufblickte, kam Nick gerade mit zwei ihrer Lieblingsschokoriegel in der Hand zurückgerannt. Trotz des heftigen Früh­lingsregens lag ein Lächeln auf seinem Gesicht. Eine ­Sekunde lang fragte sie sich, ob sie nicht einfach so tun sollte, als hätte sie die SMS nicht gesehen, ob sie nicht einfach so weiterleben sollte wie bisher, ganz gleich, was sie da gerade gelesen hatte.
Doch ihr blieben nur wenige Augenblicke für ihre Entscheidung, und so streckte sie ihm, direkt nachdem er eingestiegen war, wortlos das Handy entgegen.
»Du hast eine Nachricht bekommen«, sagte sie lediglich und registrierte sofort den leichten Anflug von Panik, der über sein Gesicht huschte. Noch bevor er die SMS las, wurde ihr klar, dass nichts mehr je wieder so sein würde wie zuvor.
Als er sie dann tatsächlich gelesen hatte, versuchte er gar nicht erst, irgendetwas abzustreiten.
Und bis er mit heiserer Stimme ein »Sorry, Abs« heraus­gebracht hatte, war sie bereits Hals über Kopf aus dem Auto geflüchtet. Ihre Augen waren von Tränen verschleiert, das ­Hupen der Autos dröhnte in ihren Ohren. Nick folgte ihr, mit seinen langen Schritten holte er sie schnell ein. Er packte sie an den Schultern. Für einen Außenstehenden mussten sie wie ein Paar auf einem Nicholas-Sparks-Filmplakat gewirkt haben, das sich einer leidenschaftlichen Umarmung im Regen hingibt.
Doch stattdessen hatte er ihr erklärt, dass sie eine Klientin von ihm war und dass er während einer seiner vielen Geschäftsreisen zu tief ins Glas geschaut hatte und dann betrunken mit ihr im Bett gelandet war. Es sei eine einmalige Sache gewesen, verteidigte er sich beschämt. Sie habe ihm nichts bedeutet, er sei schlicht und einfach betrunken und deprimiert gewesen. Doch Abby konnte es danach nicht mehr ertragen, in seiner Nähe zu sein. Konnte es nicht ertragen, wenn er sie berührte. Sie hielt das nächste Taxi an und fuhr zurück nach Hause. Bis er dort eingetroffen war, hatte sie bereits seine Sachen zusammengepackt und alles – sogar den hübschen rosafarbenen Kaschmirschal, den er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, sowie zwei Eintrittskarten fürs Freiluftkino – in Müllsäcke gestopft und in den Flur gestellt. Sie hatte ihn angeschrien, er solle verschwinden, und ihm sämtliche Schimpfworte an den Kopf geknallt, die ihr eingefallen waren.
Gedankenverloren spielte Abby mit dem Stiel ihres Cocktailglases.
»Danke, dass ihr heute Abend mitgekommen seid.«
Die Freundinnen nickten ihr aufmunternd zu.
»Ich lasse mir doch nicht die Chance entgehen, Roger Federer zu begegnen«, erklärte Anna schmunzelnd, um die Stimmung etwas aufzulockern.
»Und was gibt es bei euch so Neues?«, fragte Abby eine Spur fröhlicher. Das Letzte, was sie wollte, war, ausschließlich auf ihren eigenen Problemen herumzureiten.
»Arbeit, Arbeit, Arbeit«, stöhnte Ginny. »Ich bereite gerade einen Deal vor, der sich endlos hinzieht.«
»Und ich habe beschlossen, mir keinen Stress mehr wegen der Hochzeit zu machen, ich bin quasi zum Anti-Brautmonster mutiert«, erzählte Anna.
»Aber das geht doch nicht, Anna, du heiratest in knapp sechs Wochen! Du müsstest schon längst weinend dem Floristen in den Armen liegen und deine Wutanfälle an dem armen Cupcake-Lieferanten auslassen«, witzelte Ginny.
»Cupcakes wird es auf meiner Hochzeit gar nicht geben«, entgegnete Anna lachend.
Ginny grinste. »Spielverderberin.«
»Tja, und ich war diese Woche bei einer Hellseherin. Sie meinte, dass mir schon bald jemand den Kopf verdrehen wird«, verkündete Suze, die Single war, seit sie sich endlich von ihrem untreuen Freund Terry, einem Spielerberater, getrennt hatte.
»Ich würde mir wahnsinnig gern den Kopf verdrehen lassen«, sagte Ginny sehnsüchtig. »Und zwar nicht nur, weil ich jobmäßig so eingespannt bin, dass ich gar nicht die Zeit hätte, es langsam angehen zu lassen. Es ist doch toll, wenn ein Mann eine große Geste wagt und einen zum Beispiel nach Paris oder Rom entführt, oder nicht?«
»Wie Mikhail Baryshnikov in der letzten Staffel von Sex and the City, als er mit Carrie nach Paris fliegt«, warf Abby ein.
»Aber das hat ja kein gutes Ende genommen«, gab Anna zu bedenken.
»Wieso? Was ist denn passiert?« Alles, was mit Popkultur zu tun hatte, schien an Ginny irgendwie vorbeigegangen zu sein.
»Er hat sie geschlagen«, antwortete Suze. »Petrovsky hat Carrie eine Ohrfeige verpasst.«
»Ja, aber sie war sowieso in Mr Big verliebt. Es hätte ohnehin nicht funktioniert«, wandte Abby ein, die jede Szene ihrer Lieblingsserie noch im Gedächtnis hatte. »Und dann ist Mr Big nach Paris gekommen, um sie zu retten.«
»Das würde ich mal eine große Geste nennen«, seufzte Suze und nickte nachdrücklich.
Die Kellnerin brachte ihnen ein paar Snacks, und Abby fing an, an einem Hähnchenflügel zu knabbern.
»Ich weiß nicht … Eigentlich halte ich nicht viel von großen Gesten«, erklärte Anna an Suze gewandt. »Oft sind sie ­total oberflächlich. Es gehört nicht viel dazu, einen Haufen Geld auszugeben oder eine große Klappe zu haben. Manchmal sind gerade die kleinen Dinge ein viel größerer Liebesbeweis. Ich finde es zum Beispiel wahnsinnig schön, wenn Matt Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um mir zu helfen, obwohl ich ihn gar nicht darum gebeten habe. Oder wenn er mir ein Buch schenkt, von dem ich ihm irgendwann mal erzählt habe.«
Ginny holte ihr summendes Handy aus der Handtasche.
»Mist. New York«, murmelte sie, bevor sie sich entschuldigte und die Bar verließ, um den Anruf entgegenzunehmen. Abby ließ erleichtert die Schultern sinken.
»Sie ist zwar Nicks Schwester, aber sie will trotzdem das Beste für dich«, sagte Anna intuitiv.
Abby sah ihre Freundin an. »Und das wäre?«
Eine peinliche Stille trat ein.
»Was hast du denn jetzt vor, Abs?«, meinte Anna schließlich.
»Na, was schon. Ich werde mir einen Anwalt suchen, ein paar Formulare ausfüllen und mich scheiden lassen. Zack. So läuft das doch, oder?« Ihre Stimme überschlug sich und sie versuchte, sich mit einem großen Schluck Pimm’s zu beruhigen.
»Bist du sicher, dass du das wirklich willst?«
»Was wäre denn die Alternative? Dass ich ihm verzeihe? Das kann ich nicht. Ich habe ewig darüber nachgedacht, aber er hat nun mal mit einer anderen geschlafen und ich komme einfach nicht darüber hinweg. Über die Untreue, die Lügen … Ich kann ihm nicht mehr vertrauen. Und wenn das Vertrauen erst mal weg ist, kann man es auch nicht wieder herbeizaubern. Zwischen uns würde es nie wieder so sein wie früher.«
»Aber das muss doch nicht heißen, dass er dich nicht mehr liebt«, erwiderte Anna nachdenklich. »Männer werden so schnell schwach. Wenn man ihnen etwas Verlockendes vor die Nase setzt, dann greifen sie eben zu. So wie Tiger Woods.«
»Lass den mal bitte aus dem Spiel«, entgegnete Suze und verdrehte die Augen. »Der hatte ja deutlich mehr als eine Geliebte, wie sich herausgestellt hat.«
»Sie war nicht Nicks Geliebte«, gab Abby scharf zurück. Suze warf ihr einen ironischen Blick zu.
»Jetzt nimm ihn nicht auch noch in Schutz.«
»Ich nehme ihn doch gar nicht in Schutz. Ich will mich nur selbst schützen.«
»Man weiß erst, was man vergeben kann, wenn es wirklich so weit ist. Zumindest erlebe ich das dauernd bei der Arbeit«, sagte Anna. Sie war Medienanwältin und verbrachte den Großteil ihrer Zeit damit, Unterlassungsansprüche durchzusetzen, damit die Fehltritte ihrer Mandanten nicht in der Presse breitgetreten wurden. »Die Leute begehen so viele egoistische Dummheiten – sie filmen sich beim Sex, haben Affären mit ­ihren Filmpartnern – und ihre Ehefrauen oder Ehemänner vergeben ihnen trotzdem immer wieder.«
»Vielleicht ist das bei Promis ja anders«, entgegnete Abby säuerlich.
»Im Grunde ist es ja auch leichter, zu verzeihen und sich einfach damit abzufinden«, warf Suze schulterzuckend ein. »Terry zum Beispiel war ein totales Arschloch. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft ich so getan habe, als hätte ich den Lippenstift an seinem Kragen nicht bemerkt. Tja, aber die Alter­native wäre eben gewesen, auszuziehen, mir eine neue Wohnung zu suchen, auf eigenen Beinen zu stehen und mich wieder auf die mühsame Prozedur der Partnersuche einzulassen. Manchmal ist es leichter, einfach die Klappe zu halten, auch wenn ich jedes Mal wieder etwas von meiner Selbstachtung verloren habe.«
»Nicht hinschauen«, sagte Anna und senkte ihre Stimme zu einem Flüstern, »ich glaube, der blonde Typ an der Bar hat ein Auge auf dich geworfen, Abs.«
Abby hatte sich schon sehr lange weder sexy noch begehrenswert gefühlt, und die Vorstellung, dass jemand ihr interessierte Blicke zuwarf, machte sie nervös. Sie sah unauffällig in die Richtung, in die ihre Freundin blickte. In dem Moment sah tatsächlich ein gutaussehender Mann Mitte zwanzig zu ihr her­über. Auf seinen Lippen lag ein amüsiertes Lächeln.
»Mann, Abs, der ist total heiß«, zischte Suze.
Abby griff schnell nach ihrem Drink und fragte sich, ob jeder in der Bar sehen konnte, dass sie rot wurde. Verdammt, vermutlich konnte man es sogar noch vom Weltraum aus sehen.
»Kein Interesse«, sagte sie entschieden. »Die Männerwelt kann mir gestohlen bleiben. Ab jetzt gibt es für mich nur noch Katzen und Kuchenbacken.«
Suze schnappte sich den Krug Pimm’s und kippte den letzten Rest in ihr Glas.
»Bist du sicher, dass du ihm keine Chance geben willst?«
Abby lächelte traurig und schüttelte den Kopf.
»In dem Fall werde ich mich jetzt abschießen und mein Glück probieren. Wer weiß, vielleicht komme ich ja in männ­licher Begleitung auf deine Hochzeit, Anna.«
Während sie beobachteten, wie Suze den gutaussehenden fremden Mann ansprach, musste Abby sich widerstrebend eingestehen, dass sie eine Spur von Bewunderung für ihre Freundin empfand. Offenbar hatte sie die Hoffnung auf die wahre Liebe noch nicht aufgegeben.
Anna verschränkte die Arme auf der Tischplatte und beugte sich nach vorn.
»Menschen machen Fehler, Abby. Ich finde es gar nicht so schlimm zu verzeihen«, sagte sie mit ruhiger Stimme.
»Auf wessen Seite stehst du eigentlich?«, fragte Abby brüsk, biss sich dann aber auf die Zunge; sie wollte nicht gemein sein. Anna war zurzeit ihre engste Freundin, diejenige, mit der sie am meisten gemeinsam hatte, diejenige, von der sie wusste, dass sie sich in einer Krise an sie wenden konnte. An die sie sich tatsächlich gewandt hatte in den ersten Tagen nach der Trennung. Sie hatten stundenlang miteinander telefoniert und Anna hatte ihr einfach zugehört, ohne irgendwelche dummen oder mit­leidigen Kommentare abzugeben.
»Ich bin auf deiner Seite, Abs«, antwortete Anna und legte eine Hand auf ihren Unterarm. »Aber ich weiß eben, wie sehr du Nick liebst. Ich weiß, wie sehr er dich liebt und wie gut ihr zusammengepasst habt.«
»Bevor er mir das Herz gebrochen hat«, sagte Abby mit ­leiser Stimme.
Anna wühlte in ihrer Tasche und zog etwas heraus. »Hier ist Matts Visitenkarte«, sagte sie und schob ihr eine geprägte ­weiße Karte hin. Annas Verlobter war einer der besten Scheidungsanwälte Londons. Die Visitenkarte hätte Abby im Grunde nicht gebraucht, es hätte Dutzende anderer Möglichkeiten gegeben, ihn zu kontaktieren, über Facebook, per E-Mail oder über LinkedIn, wo sie sich vor mehreren Wochen angemeldet und sich dabei ziemlich erwachsen gefühlt hatte. Außerdem war Matt ihr Kumpel, sie konnte ihn einfach anrufen, wenn sie mit ihm reden wollte. Annas ernsthafte Geste machte ihr jedoch bewusst, dass es bei dieser Sache um den Rest ihres ­Lebens ging.
»Du weißt, wie gut er ist«, fügte Anna hinzu. »Aber wenn es dir irgendwie unangenehm sein sollte … Er hat auch hervor­ragende Kollegen, die dich vertreten könnten. Falls du das wirklich willst.«
Beim Gedanken daran, das Haus zu verkaufen, ihren Besitz aufzuteilen und Nick niemals wiederzusehen, drehte sich Abby der Magen um.
Sie schloss die Augen und stellte sich vor, wie sie seine Gegenwart in ihrem Leben vermissen würde; selbst seine schrecklichen SMS, in denen er sie anflehte, ihr zu verzeihen. Nick Gordon mochte ihr zwar das Herz gebrochen haben, aber er war trotzdem die Liebe ihres Lebens, und die Vorstellung, ihn niemals wiederzusehen, niemals wieder seine Stimme zu hören, war fast unerträglich.
»Was hast du denn jetzt vor?«, wollte Anna erneut wissen und leerte ihr Glas.
»Darüber muss ich erst einmal gründlich nachdenken«, er­widerte Abby leise.
Das war die Untertreibung ihres Lebens.

 


Kapitel 3


Abby war überhaupt nicht nach Arbeiten zumute. Ehrlich gesagt war ihr schon seit längerem nicht nach Arbeiten zumute, aber als sie an diesem Morgen aus der U-Bahn stieg und die Exhibition Road hinaufging, graute ihr noch mehr davor als sonst. Sie nahm einen Schluck von ihrem Latte macchiato und hoffte, er würde wenigstens ansatzweise gegen ihren Kater helfen, doch irgendwie schien er nicht zu wirken. In den Windschutzscheiben der Autos spiegelte sich das Sonnenlicht, und trotz ihrer überdimensionalen Sonnenbrille kam es ihr so vor, als würden das grelle Licht, der Lärm und die Nachwirkungen des letzten Abends auf ihren Schädel einhämmern. Was war nur in sie gefahren, sich mitten in der Woche so zu betrinken? Sie war keine neunzehn mehr; die Zeiten, in denen sie sich von ­einem Kater schnell erholt hatte, waren längst vorbei.
Sie überquerte die Straße und wurde dabei fast von einem weißen Lieferwagen angefahren. Der Fahrer drückte auf die Hupe und brüllte sie aus dem Fenster heraus an.
»Na? Warst du gestern feiern?«, rief im gleichen Moment jemand hinter ihr.
Sie drehte sich um und hätte fast ihren Kaffee fallen gelassen, als sie direkt in ein strahlendes Gesicht blickte.
»Lauren! Hast du mich erschreckt«, stieß sie hervor.
»Tut mir leid, aber du warst mit deinen Gedanken auch ganz woanders, stimmt’s? Hast du an die vielen Cocktails gedacht, die du gestern Abend in dich reingeschüttet hast?«
Einen Moment lang war Abby irritiert, wie treffsicher ihre Freundin die Situation analysiert hatte. Doch das war vermutlich Teil ihres Mysteriums. Lauren Stone verstand es geschickt, sich mit einer Aura des Geheimnisvollen zu umgeben. Die hippiemäßigen Kaftane, die lila Strumpfhosen, die nerdige Brille und ihr leidenschaftliches Interesse an der Uhrmacherkunst – all das war eine sorgfältige Inszenierung, die von der Tatsache ablenken sollte, dass Lauren sowohl unglaublich attraktiv als auch hochintelligent war.
»Die Sonne scheint gar nicht«, bemerkte sie und wies mit einem Nicken auf Abbys Sonnenbrille.
»Mir ist ein bisschen schlecht.«
»Was habt ihr denn gefeiert?«
»Ach, nichts Besonderes, wir waren bloß mal wieder zusammen weg. Ein typischer Mädelsabend: Wir haben uns mit Pimm’s zugeschüttet und über Männer gelästert.«
»Finde ich gut«, sagte Lauren, griff in ihre Tasche und holte eine Banane heraus. »Hier, für dich. Kalium.«
»Danke, ich will dir aber nichts wegessen.«
»Keine Sorge, ich habe ein ganzes Bündel dabei.« Lauren grinste. »Ich bin auch total verkatert.«
»Wirklich?«
»Ja, ich hatte ein Date.«
»Das klingt ja spannend. Mit jemandem, den ich kenne? ­Jemand Interessantes?«
»Höchst interessant. Alex Scott vom V&A.«
»Nicht schlecht«, erwiderte Abby bewundernd, die den hauseigenen Frauenschwarm des Museums vom Sehen kannte. »Und wie war’s?«
»Erzähl ich dir später«, sagte Lauren und winkte ab. »Ich warte lieber erst mal ab, ob er zurückruft.«
Sie bogen durch das Tor des RCI-Gebäudes und zeigten Mr Smith, dem betagten Pförtner, der mehr oder weniger aufrecht hinter dem Empfangsschalter saß, ihre Ausweise vor. Abby fragte sich häufig, warum sie sich überhaupt die Mühe machten in Anbetracht der Tatsache, dass er sich sowieso nur zwei weibliche Gesichter merken musste und er wohl kaum aufspringen und ihnen nachlaufen würde, doch irgendwie war es zu einer Art Gewohnheit geworden.
»Wie läuft es mit der Ausstellung?«, wollte Lauren wissen, bevor sich ihre Wege trennten.
»Wir kommen ganz gut voran, denke ich, auch wenn Stephens und meine Vorstellung von einem ausdrucksstarken Bild ziemlich auseinandergehen.«
Lauren schnaubte verächtlich.
»Das wundert mich nicht! Ich habe gesehen, wie der Mann sich kleidet, guter Geschmack gehört definitiv nicht zu seinen Stärken. Tja, also wenn du Hilfe brauchst, melde dich einfach. Im Moment ertrinke ich nicht gerade in Arbeit.«
»Schön, dann kannst du mir ja eine ausführliche E-Mail mit allen schmutzigen Details zu deinem Date mit Alex Scott schicken«, sagte Abby grinsend.
Schweren Herzens verabschiedete sie sich von Lauren, stieg die alten Steinstufen hinunter in den Keller und holte tief Luft, bevor sie das Archiv betrat.
»Guten Morgen, Abigail«, begrüßte sie Stephen und blickte mit hochgezogenen Augenbrauen zur Uhr, die über der Tür hing. »Es ist schon zwei Minuten nach.«
Auch das war ein kleines Ritual, das sie pflegten. Abby machte fast jeden Tag Überstunden und kam auch häufig am Wochenende ins Büro, wenn ein Mitglied des RCI kurzfristig etwas Bestimmtes aus dem Archiv benötigte. Trotzdem konnte Stephen es nicht lassen, ihr unter die Nase zu reiben, wenn sie auch nur eine Sekunde zu spät dran war.
»Das gestrige Meeting mit Christine war sehr aufschlussreich«, erklärte er, als Abby an ihrem Schreibtisch Platz genommen hatte. Ein selbstzufriedenes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Abby bemühte sich, jeglichen Gedanken an das Sexualleben ihres Chefs auszublenden – bis vor kurzem war sie sich noch nicht einmal sicher gewesen, ob er auf Männer oder auf Frauen stand. Doch das war, bevor Christine Vey ans RCI gekommen war. Inzwischen reichte die bloße Erwähnung ihres Namens, um Stephen in Verzückung zu versetzen.
»Nun ja«, sagte er versonnen und setzte seine Brille auf. »Die gute Nachricht ist, dass Christine mehrere Vertreter der Presse zum Eröffnungsabend eingeladen hat. Etliche haben auch bereits zugesagt.«
»Das ist ja großartig«, erwiderte Abby freudig überrascht. Dass über ihre Arbeit womöglich in einer überregionalen Zeitung berichtet werden würde, war eine tolle Neuigkeit.
»Es wird noch besser«, sagte er und hob eine Hand. »Der Chronicle hat vor, einen seiner besten Journalisten vorbeizu­schicken. Wenn sie die Bilder für stark genug halten, wollen sie in der Samstagsausgabe einen vierseitigen Sonderbeitrag dar­über bringen.«
»Das heißt, die Ausstellung muss wirklich gut werden«, entgegnete Abby und war aufgeregt und nervös zugleich.
»Richtig. Insofern wäre es vermutlich das Beste, wenn wir heute Nachmittag die Bilder durchgehen, die bis jetzt in der engeren Auswahl sind, und dann eine endgültige Entscheidung treffen. Wenn wirklich Leute von der Presse kommen, dann muss die Ausstellung die Besucher packen. Sie muss sie elektrisieren, meine liebe Abigail.«
Seine Worte erinnerten sie an etwas.
»Was das angeht«, sagte sie, während sie ihren Schreibtisch absuchte, »wollte ich dich noch zu einem Bild löchern, das ich gefunden habe.«
»Na, dann löchere mal los«, erwiderte Stephen mit all­wissen­der Miene.
Sie zog einen Briefumschlag hervor und reichte ihrem Chef das darin enthaltene Foto.
»Das habe ich gestern Abend in der Sammlung gefunden«, erklärte sie und lehnte sich etwas nach vorn. »Peru, 1961, die Blake-Expedition … Sagt dir das etwas?«
»Dominic Blake«, murmelte Stephen nickend. »Er wollte ­einen abgelegenen Bereich des Amazonasregenwalds karto­grafieren, das war zumindest das offizielle Ziel der Expedition. Natürlich gab es Gerüchte …«
»Was für Gerüchte?«
»Gerüchte, dass er in Wirklichkeit Paititi, die verlorene Stadt, entdecken wollte, in der die legendären Schätze der Inka verborgen liegen.« Er warf einen flüchtigen Blick auf die Fotografie und schnipste sie dann zu Abby zurück. »Das ist natürlich völliger Unsinn, ein Ammenmärchen, genau wie die Legende von Eldorado, die nur deshalb immer noch kursiert, weil die Leute unbedingt daran glauben wollen.«
»Also hat er sie nie gefunden?«
»Er hat überhaupt nichts gefunden«, sagte Stephen. »Genau genommen ist er niemals zurückgekehrt.«
Abby blieb fast die Luft weg.
»Ist er gestorben?«
»Davon ist auszugehen«, antwortete Stephen achsel­zuckend. »Ich glaube, das war das letzte offizielle Foto der Expedition. Er ist tief in den Dschungel vorgedrungen und wurde nie wieder gesehen.«
Abby merkte, wie ihre Hände zu zittern begannen. Sie wusste selbst nicht, weshalb sie so bestürzt, so traurig war.
»Was ist denn los?«, fragte Stephen.
»Nichts«, entgegnete sie leise. »Aber dadurch wird das Bild vermutlich noch aussagekräftiger. Noch perfekter.«
»Perfekt wofür?«, hakte Stephen irritiert nach.
»Für die Ausstellung.«
»Für die Ausstellung? Das ist doch wohl nicht dein Ernst«, rief er spöttisch. »So etwas können wir unmöglich verwenden. Es sieht aus, als käme es aus einer Fotoreportage in einem Klatschmagazin.«
Abby war fest entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen.
»Du hast doch selbst gesagt, dass die Ausstellung so mitreißend wie möglich werden soll. Das Foto könnte das Herzstück bilden, um das herum wir die ganze Ausstellung konzipieren.«
»Abby, Blake war ein unbedeutender Abenteurer, ein Playboy, wenn man den Berichten über ihn trauen darf. Ich muss dich doch wohl nicht daran erinnern, dass die Ausstellung den Titel Die großen britischen Forschungsreisenden trägt. Wir wollen an die besten erinnern. An die wirklich großen, wichtigen Ent­decker.«
Es war leicht, sich von Stephens selbstsicherem Auftreten umstimmen zu lassen, doch Abby merkte auf einmal, dass ihr das Foto von Blake wirklich am Herzen lag.
»Wir haben doch schon so viele Aufnahmen von den Ent­deckungsreisenden und ihren Triumphen«, erwiderte sie deshalb, »wir haben Bilder vom Mount Everest, vom Nord- und Südpol, von Burton am Tanganjikasee, von der Nordwestpassage. Allerdings glaube ich, dass der Durchschnittsmensch von heute kaum nachvollziehen kann, wie viel Mut und Entschlossenheit man zu jener Zeit aufbringen musste, um solche Heldentaten zu vollbringen. Den Mount Everest zu bezwingen ist längst nicht mehr so beeindruckend wie noch vor fünfzig Jahren. Inzwischen kennt jeder jemanden, der irgendeinen Marathon gelaufen oder für einen guten Zweck den Kilimandscharo hochgestiegen ist. Wir reden hier von der GPS-Generation, Stephen. Forschungsreisende faszinieren die Leute nicht mehr. Sie können sich nicht in sie hineinversetzen. Nicht so wie du.«
»GPS-Generation«. Abby freute sich, dass ihr dieser Ausdruck eingefallen war, und sie konnte sehen, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte. Stephen sah düster drein.
»Das ist ja eine ziemlich deprimierende Sicht der Dinge. Aber da könnte was dran sein«, sagte er und rieb sich betrübt das Kinn.
Abby nickte.
»In dieser Ausstellung sollte es nicht bloß um Gipfel und Triumphe gehen und darum, wer wo zuerst war. Es sollte um Verlust gehen, um Mut und darum, Herz zu zeigen.« Sie legte unwillkürlich die Hand auf die Brust, überrascht, wie nahe ihr das Thema ging.
Stephen schwieg nachdenklich und nickte dann.
»Hm«, überlegte er und legte den Kopf schief, um die Fotografie noch einmal zu betrachten. »Wir könnten es als Gegenstück zu den Briefen von Captain Scotts Frau präsentieren.«
»Ja, das ist eine hervorragende Idee«, erwiderte Abby und hielt den Atem an. Aus Erfahrung wusste sie, dass Stephens empfindliches Ego sich in dem Glauben wiegen musste, jeder Vorschlag würde von ihm selbst stammen.
»Na gut. Dann füg doch bitte die Blake-Bilder in den Abschnitt über die Südhalbkugel ein und finde etwas mehr über die Frau auf dem Foto heraus.«
Erfreut griff Abby zum Telefon und wählte eine interne Nummer.
»Hallo?«, meldete sich eine rauchige Stimme.
»Erwischt, scharfe Lady«, erwiderte Abby lachend.
»Ach, du bist es«, sagte Lauren verdrießlich.
»Wieso? Hattest du gehofft, es wäre George Clooney, der nach einer Karte von Darfur sucht?«
»Nein, ich dachte bloß, Alex würde sich vielleicht bei mir melden.«
»Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Ich wollte dich fragen, ob du mir vielleicht dabei helfen könntest, Informationen über einen gewissen Dominic Blake zu sammeln. Ein Forschungsreisender aus den Sechzigern. Mich würde vor allem interessieren, ob er verheiratet war.«
»Eigentlich wollte ich mich gerade hinsetzen und heimlich in der Grazia blättern«, seufzte Lauren, klang dabei aber schon etwas fröhlicher.
»Stephen braucht die Informationen so schnell wie möglich.«
»Ja, ja, schon gut. Komm einfach später vorbei. Mal sehen, was ich bis dahin für dich ausgraben kann.«
»Guck mal, so sieht er aus«, sagte Lauren und schlug ein Exemplar des Buchs Drei Jahrhunderte der Entdeckung von Peter May auf, die Bibel der Forschungsreisen, in der sämtliche Expeditionen verzeichnet waren. Mit einem dumpfen Knall ließ sie den Wälzer auf ihren Schreibtisch fallen und zeigte auf einen gutaussehenden Mann in einem Parka. »Darf man jemanden heiß finden, der schon tot ist, oder ist das komisch?«
»Er sah wirklich gut aus«, räumte Abby ein und fing an, den Text zu überfliegen.
»Wenn er noch leben würde, hätte er bestimmt seine eigene Fernsehshow und eine Schlafsackkollektion«, sagte Lauren. »Was weißt du denn schon alles über ihn? Seine Geschichte ist nämlich wirklich traurig.«
Auf dem eher förmlich wirkenden Foto stand Dominic Blake mit einem Seil um die Schultern an einem Berghang, im Hintergrund stapelten sich Ausrüstungsgegenstände. Er hatte eine ­steife, etwas gezwungene Pose eingenommen, aber dennoch schien es, als würde er einen direkt durch die Kameralinse hindurch anblicken und fragen: Und wer bist du? Wenn man genau hinsah, konnte man sogar die Andeutung eines Lächelns er­ahnen.
»Wohin wollte er denn auf diesem Foto?«
»Zum Karakorumpass«, entnahm Lauren der Bildunterschrift.
»Er ist ja ganz schön rumgekommen.«
»Wenn du wüsstest. Ich habe meine Mutter angerufen, die in den Sechzigerjahren Gott und die Welt gekannt hat. Ihr zufolge hat er damals die halbe High Society gevögelt. Woher stammt eigentlich dein plötzliches Interesse an ihm?«
»Ich will ein Bild von ihm in der Ausstellung verwenden.«
»Dann sage ich gleich meiner Mum Bescheid. Das könnte dir glatt eine zahlende Besucherin mehr verschaffen.«
»Was ist mit der Frau? Wir brauchen unbedingt noch mehr Infos für die Begleittexte.«
»Über sie habe ich noch nichts gefunden. Es gibt einen Wiki­pedia-Eintrag zu Dominic Blake, der aber ziemlich nichtssagend ist. Er hat in Cambridge studiert, war Herausgeber einer seit Ewigkeiten eingestellten Zeitschrift namens Capital, hat ein paar Bücher geschrieben und ansonsten die Welt bereist. Anscheinend war er nicht verheiratet.«
»Tja, hier sieht er jedenfalls ziemlich verliebt aus«, entgegnete Abby und hielt Lauren das Foto hin, das sie mitgebracht hatte.
Lauren seufzte auf, als sie das Bild betrachtete.
»Wow. Was würde man nicht alles dafür geben, einmal so von einem Mann angesehen zu werden. Die Frau kann sich glücklich schätzen.«
Abby stimmte ihr stillschweigend zu.
»Es gab noch mehr Fotos in der Archivkiste«, erklärte sie. »Auf diesem hier kann man das Gesicht der Frau etwas besser erkennen.«
»Mal sehen, vielleicht können wir sie ja auf diese Weise aufspüren«, meinte Lauren, klickte auf Google-Bilder und tippte die Worte Dominic Blake, Capital-Magazin und Freundin ein.
Auf dem Bildschirm erschienen mehrere zufällige Treffer, auf einigen Fotos war sogar der richtige Dominic Blake zu ­sehen.
»Irgendwo dort hinten bunkern wir haufenweise alte Gesellschaftsmagazine. Wirf doch da mal einen Blick hinein, während ich mich im Online-Archiv des Spectator umsehe.«
Abby wanderte durch die Regalreihen der Bibliothek – ein beeindruckender Ort. Vom Fußboden bis zur Decke stapelten sich Bücher zu allen erdenklichen Themen, die für die Mitglieder des Instituts von Interesse sein mochten, von Geologie bis hin zu Vogelarten der nördlichen Tundra.
Sie hievte einen der in Leder gebundenen Sammelbände auf einen Lesetisch: das Magazin Bystander, Jahrgänge 1958–1962. Sie musste lächeln: Vermutlich waren nicht wenige der hochwohlgeborenen Mitglieder des RCI mit den Leuten in diesem Gesellschaftsmagazin befreundet oder sogar verwandt. Sie blätterte schnell vor bis zum Januar 1961 und fand die Partyseiten: jede Menge Fotos von feinen Pinkeln, die sich prächtig amüsierten. Abgesehen von der Kleidung und der körnigen Auf­lösung hätten sie auch aus den Gesellschaftsseiten des aktuellen Tatler stammen können. Dieselben strahlenden Gesichter, dieselben Cocktails, dieselben eleganten Häuser, die man im Hintergrund nur erahnen konnte. Sie blätterte weiter zur Februar-Ausgabe, dann vor bis zum März, April, Mai, Juni und Juli. Dort, inmitten der Berichterstattung über den Großen Preis von Monaco des Jahres 1961, fand sie schließlich das attraktive Gesicht, nach dem sie gesucht hatte. Es war unverkennbar Dominic Blake, mit einer Zigarette in der Hand, den Arm auf der Rückenlehne eines Sofas ausgestreckt. Neben ihm saß eine ­lachende Frau. Abby hielt inne. Das war sie. Ihr Blick fiel auf die Bildunterschrift: Abenteurer Dominic Blake und Rosamund Bailey, 14. Mai 1961.
Sie trug das Buch hinüber zu Lauren.
»Sie heißt Rosamund Bailey.«
»Der Name sagt mir was«, erwiderte ihre Freundin und tippte ihn sofort in eine Suchmaschine ein.
Abby riss überrascht die Augen auf, als sie die vielen Ergebnisse sah, die ausgespuckt wurden.
»Sie ist ja viel berühmter als Dominic«, murmelte Lauren, während sie ihren Wikipedia-Eintrag überflogen:
Rosamund Bailey ist eine britische Journalistin und politische Aktivistin. Sie zeichnete verantwortlich für die kontroverse Kolumne »Blick von der Galerie« in der Wochenzeitung The Observer und wirkte bei der Gründung der Umweltschutzorganisation Greenscreen sowie der wohltätigen Vereinigung FemCo mit. FemCo war maß­geblich daran beteiligt, eine Änderung der internationalen Gesetz­gebung über die Ausbeutung von Frauen in der Dritten Welt herbei­zuführen.
Wow. Anders als Abby gedacht hatte, war Rosamund Bailey keine brave Hausfrau aus einer Grafschaft bei London, sondern eine Art Superwoman.
Sie scrollte sich durch die zahlreichen archivierten Artikel, die die Frau verfasst hatte: »Welchen Preis hat das Leben?«, »Die Armutspolitik der Konservativen«, »Müssen wir in Zukunft das Säbelrasseln für die Amerikaner übernehmen?« Sie brauchte die Beiträge nur kurz zu überfliegen, um festzustellen, dass es sich um kritische linke Meinungsäußerungen handelte. Die Biografie ging noch weiter: Protestmärsche gegen die nukleare Aufrüstung, Demonstrationen in der Downing Street, Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg. In den darauffolgenden Jahrzehnten war Rosamund Bailey Mitglied verschiedener Denkfabriken der Regierung gewesen und war in wichtigen Fernseh- und Radio­sendungen aufgetreten. Abby wunderte sich, dass sie noch nie etwas von ihr gehört hatte.
»Die beiden müssen ja ein seltsames Paar abgegeben haben. Der Abenteurer und Playboy und die kämpferische Feministin«, sagte sie nachdenklich.
»Glaubst du, dass sie noch lebt?«
»Vermutlich ist sie noch gar nicht so alt«, erwiderte Abby, während sie im Kopf ihr Alter überschlug. »Vielleicht Mitte siebzig?«
»Versuch doch, sie zu finden und zur Ausstellung einzu­laden!«

Tasmina Perry

Über Tasmina Perry

Biografie

Tasmina Perry arbeitete als Juristin, bevor sie für Frauenmagazine zu schreiben begann. Ihre Artikel für Elle, Glamour oder Marie-Claire wurden mehrfach ausgezeichnet. Nach ihrer Gründung des Reise- und Modemagazin Jaunt verlegte sie sich ganz auf das Schreiben von Romanen. Ihre Bücher finden sich...

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