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Nur der Spumante kann uns rettenNur der Spumante kann uns retten

Nur der Spumante kann uns retten

Kriminalroman

Taschenbuch
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Nur der Spumante kann uns retten — Inhalt

Am Morgen des Ostersonntags liegt auf den Stufen des Tempels von Possagno die Leiche eines Priesters und stört die Idylle der hügeligen Landschaft. Kommissar Stuckys erste Ermittlungen ergeben, dass der tote Priester wohl nicht mehr im Dienst war und gerade von einem jüngeren, gutaussehenden Nachfolger ersetzt wurde. Hatte er Feinde? Mehr und mehr verstricken sich die Dorfbewohner in rätselhafte Aussagen. Warum ist der Tierzüchter Bressan so schweigsam wie die Fische in seinem Aquarium? Welche Geheimnisse birgt die Sammlung an Aktfotografien in der Dorfkneipe? Und was hat es mit dem Selbstmord der Nonne Schwester Giulia auf sich?

 

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzer: Sylvia Höfer
304 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-0967-0
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzer: Sylvia Höfer
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7707-3

Leseprobe zu »Nur der Spumante kann uns retten«


1. April, Sonntag
» Sie kollern «, sagte Stucky zu Agente Landrulli.
» Kollern … ? «
» Ja, du hast richtig gehört ! Ich gehe hier rein, und du gehst zur Rückseite. «
» Mit der Pistole im Anschlag ? «
» Unbedingt ! Truthühner, auch Puten genannt, sind höchstgefährliche Tiere … ! «
Rund um den Lagerschuppen zogen die Feuerwehrleute Schläuche hinter sich her, die auf der Erde eine feucht glänzende Schaumspur zurückließen.
Stucky hatte Mühe, hier auf dieser düsteren, tief in der Marca Trevigiana versteckten Geflügelfarm voranzukommen. Umgeben von der schwarzen [...]

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1. April, Sonntag
» Sie kollern «, sagte Stucky zu Agente Landrulli.
» Kollern … ? «
» Ja, du hast richtig gehört ! Ich gehe hier rein, und du gehst zur Rückseite. «
» Mit der Pistole im Anschlag ? «
» Unbedingt ! Truthühner, auch Puten genannt, sind höchstgefährliche Tiere … ! «
Rund um den Lagerschuppen zogen die Feuerwehrleute Schläuche hinter sich her, die auf der Erde eine feucht glänzende Schaumspur zurückließen.
Stucky hatte Mühe, hier auf dieser düsteren, tief in der Marca Trevigiana versteckten Geflügelfarm voranzukommen. Umgeben von der schwarzen Erde der Maisfelder, die auf die Aussaat warteten, konnte er in dem gedämpften Licht hier drinnen überhaupt keine Einzelheiten erkennen. Hinzu kam noch der widerwärtige Geruch des überall im Stall verschmierten Futters. Wer weiß, was für Zeug die da hineintun ?, schoss es Stucky durch den Kopf.
Er machte ein paar reglose schwarze Klumpen aus. Im Dämmerlicht der Lampen, das auf die Reihen der Tränken fiel, erinnerten die Körper der verendeten Truthühner an rauchgefüllte Luftballons. Die übrigen, die überlebt hatten, befanden sich am Ende des Stalls ; sie hatten sich auf der rechten Seite zusammengedrängt und kollerten, wobei sie ihre Köpfe mit den auffallenden Halslappen aufgeregt in die Luft reckten. Meleagris gallopavo. Schade, dass sie über das, was hier geschehen war, keine Zeugenaussagen machen konnten.
Stucky stolperte über etwas und fluchte. Draußen, an der Seite des Stalls, hörte er es rumoren.
» Landrulli ? Was ist los ? «
» Ich kann nicht weiter ! «
» Komm hierher ! «
Als er den Agente, eigentlich nur seine Silhouette, am Eingang auftauchen sah, rief er ihm zu, dass er eintreten solle, aber Landrulli blieb wie angewurzelt stehen und brüllte zurück : » Ich bin allergisch ! « Ausgeschlossen, ihn jetzt von seinem letzten Vorposten wegzubewegen.
» Allergisch, auch das noch ! «, seufzte Stucky und stieß ­einen Lockruf aus, der wie trut-trut klang ; als Kind hatte er ihn in manchen Gärten auf dem Land gehört, in denen solche Tiere noch frei herumspaziert waren. Aus der Ferne fixierten ihn die Truthühner mit geneigtem Kopf und unergründlichem Blick. » Ihr landet als Putenbrust mit Rosmarin auf dem Teller ! «, schrie Stucky ihnen zu.
» Beleidigen Sie sie nicht, Signor Inspektor ! «, erwiderte Landrulli wie ein Echo.
» Antimama, da ist er ja ! «
Die Leiche des Mannes lag in der Mitte des Stalls, ­neben einer Tränke, genau so, wie die Feuerwehrleute, die im Polizeipräsidium angerufen hatten, es ihnen gemeldet hatten : bäuchlings, das Gesicht in einer Mischung aus Säge­mehl und Exkrementen, auf der linken Schläfe
Blut.
» Landrulli, hier ist er ! «
Stucky kauerte sich nieder, während die Truthühner ihm, wie es ihre Gewohnheit war, im Chor antworteten. Der Chor schwoll an ; sie hielten eine regelrechte Ansprache, wohl ihre Art der Danksagung für die Errettung aus dem ganzen Qualm.
Stucky hob den Blick zum Himmel, hinauf zum Dachstuhl, zu den Fensteröffnungen und den Kabeln, die sich von einem Teil des Stalls zum anderen spannten. Das Feuer war im Lagerschuppen ausgebrochen, auf der linken Seite des Gebäudes. Ein alter Herr hatte während seines schlaffördernden Nachtspaziergangs Flammen und Rauch bemerkt und die Feuerwehr verständigt. Nichts gesehen hatte dagegen der Arbeiter, der am Abend seinen letzten Kontrollgang gemacht hatte, bevor er sich schlafen legte, und der jetzt am Eingang, hinter Landrulli, wartete. Er trug nur ein baumwollenes Unterhemd, denn all diese Rumänen, die so dürr waren wie er, schienen niemals zu frieren. Neben ihm standen, aufgereiht wie für ein Fahndungsfoto, sämtliche Mitglieder seiner Familie, alle mit bekümmerter Miene. Dürr und bekümmert, vor allem der kleine Junge.
Der Inspektor wandte sich zum Ende des Stalls, wo er einen Ausgang sah, falls es sich nicht um eine Tür han­delte, die der Architekt aus Spaß dort eingesetzt hatte. Sie war verschlossen. Dann richtete er sein Augenmerk auf die halb geschlossenen Seitenfenster.
» Hör zu, Landrulli … «, brüllte er. » Signor Davanzo ist wohl in der Nähe gewesen, auf einer aufmerksamen nächtlichen Tour, um die Gräben und den Zustand des Getreides zu kontrollieren. Aus einer seiner Anlagen hat er Flammen schlagen und Rauch aufsteigen gesehen. ›Verdammt, so was passiert doch nie !‹, wird er sich gesagt haben. Er kommt mit dem Auto angefahren, stürzt he­raus, rennt aber nicht zum Lagerschuppen, der in Flammen steht, sondern in den Stall, wo die Truthühner ein­gesperrt sind, und jetzt liegt er hier, mausetot. Niemand sonst hat etwas gesehen. Weder der rumänische Arbeiter, der im Nebengebäude wohnt, noch dessen Frau noch die zwölfjährige Tochter oder das andere Kind, niemand. Nur die Truthühner … «
» … die Truthühner. Das habe ich notiert, Signor In­spektor. «
» Was heißt hier ›notiert‹ ? Die Frage ist : Erscheint dir das plausibel ? «
» Er wird versucht haben, die Tiere zu befreien, und hat sich dabei ebenfalls eine Rauchvergiftung zuge­zogen. «
» Er soll versucht haben, die Tiere zu befreien, sagst du ? Und wie hätten diese hinkefüßigen Trampel entkommen sollen ? «
» Na ja, die Angst verleiht ihnen bestimmt Flügel ! «
» Aber Flügel haben sie doch schon ! Flügel haben sie, Landrulli … Ich dreh jetzt die Leiche um. «
» Und die Kriminaltechniker ? «
» Die werden sie eben auf dem Rücken liegend vor­finden. «
» Nein, tun Sie das nicht, Signor Inspektor ! «
» Meiner Meinung nach hat er sich den Kopf angeschla­gen. Also, ich drehe ihn jetzt um … «
Der massige Körper des Mannes hinderte Stucky ­vorerst daran, die Kriminaltechniker in Harnisch zu bringen.
» Landrulli ! Ich brauche Hilfe … der Mann ist schwer wie ein Felsblock. «
» Signor Inspektor, ich bin allergisch … «
» Antimama ! Allergisch gegen was ? «
» Gegen Puterpollen. «
» Gegen … Pollen ? Landrulli, hierher, aber dalli ! «
Sie zogen ihre Handschuhe an und drehten die Leiche um. Das Gesicht des Mannes war von einem hässlichen Grinsen entstellt, schmerzverzerrt. Aber bei der Wunde am Kopf handelte es sich lediglich um eine Schürfung ; sie konnte nicht die Todesursache gewesen sein.
Stucky kramte in den Taschen des Toten. Die üblichen Sachen : ein Taschentuch, ein Bund Schlüssel, wohl allesamt Kopien, jeder von ihnen mit einem schönen Etikett versehen, eine Brieftasche.
» Den hat der Schlag getroffen «, bemerkte Stucky. Landrulli hielt sich die behandschuhten Hände vor den Mund.
» Komm mit, Landrulli ! Wir schauen uns mal die überlebenden Truthühner an. «
Die Tiere waren einfach kollabiert, und ihre Gelenke hatten sich unter ihrem Gewicht ganz versteift. Die Schuppenhaut ihrer Füße war gesprenkelt, manche Zehen oder Gelenke sahen aus wie von Lepra zerfressen ; vielleicht waren die fehlenden Teile irgendwo in der staubigen Streu verloren gegangen.
» Siehst du ? Wie sollen die denn davonlaufen ? Gehen wir zum Auto «, sagte Stucky und führte Landrulli praktisch an der Hand nach draußen.
Die rechte Tür der Mercedes-Luxuslimousine stand noch sperrangelweit offen, und auch das Handschuhfach innen war aufgeklappt.
» Landrulli, geh ins Haus zu den Rumänen und lass dir von einem der Kinder das Handy des Toten zurück­geben. «
Stucky kauerte sich nieder, um den Fahrersitz besser unter die Lupe nehmen zu können, und stieg dann in den Innenraum. Nach Aussage des rumänischen Arbeiters war dies der Mercedes des Puten- und Straußenzüchters. Ein paar zerknitterte Akten auf den Rücksitzen, Fachzeitschriften zum Thema Futtermittel, ein Fotoapparat, ein Aschenbecher voller Kippen, einige davon die Reste schlanker Damenzigaretten.
Er öffnete den Kofferraum, dem ein strenger Benzin­geruch entströmte. Stiefel, Regenmantel aus blauem Wachs­tuch und eine Kapuze für den Kopf. Ein prak­tisches Outfit für den Besuch eines seiner Zuchtbetriebe.
Landrulli kam, mit einem Handy in der Luft fuchtelnd, auf ihn zugerannt.
» Gefunden ! Der kleine Junge hatte es mitgenommen. «
» Ist doch klar. Kinder sind nun mal wissbegierig … «
» Was meinen Sie, Signor Inspektor ? Kein Mord ? «
» Ich meine gar nichts. Wir werden sehen, was die Kriminaltechniker im Auto finden und in welche Richtung die Vermutungen gehen. Aber Dr. Panzuto wird, wenn er die Leiche öffnet, sofort wissen, was genau sein Herz zum Stillstand gebracht hat … «
» Dann machen wir uns also mal keine allzu großen Sorgen. «
» Meiner Meinung nach wollte Signor Davanzo hier ­Puten flambieren. Aber wie kam er auf die Idee, in den Stall zu gehen ? «
» Gewissensbisse ? «
» Das glaubst du doch selbst nicht ! «
Stucky ging mit Landrulli um das Gebäude herum, zur Rückseite, weil er vermutete, dass sich dort, auf der Höhe der abgesperrten Tür, die er drinnen entdeckt hatte, ein weiterer Raum befand. Sie mussten sich mühsam zwischen Holzbänken und einem alten abgestellten Lieferwagen hindurchzwängen. Es handelte sich um eine Art Kontrollraum, den man auch von außen betreten konnte. Von hier aus wurden die Beleuchtung, die automatische Verteilung von Futter und Wasser sowie die Öffnung und Schließung der Fenster geregelt.
» Weißt du, was passiert ist, Landrulli ? «, fragte Stucky, während er die Schalttafeln betrachtete. » Signor Davanzo hat das Feuer im Lagerraum gelegt und im Weglaufen gesehen, dass die Stallfenster geschlossen waren. Ach nein ! Die Puten mussten ja gut durchgeräuchert werden. Warum sollte man also das Feuer am Brennen hindern ? Er hat sich über das Missgeschick geärgert und gedacht, der schnellste Weg in die Kommandozentrale, von der aus sich die Fenster öffnen und schließen lassen, würde direkt durch den Stall führen. «
» Eine ganz dumme Idee, Signor Inspektor ! «
» In der Tat, Landrulli ! Zudem ist der Mann noch un­geschickt : Er rennt hinein, die Schlüssel fallen ihm in die frisch aufgerührte Mischung aus Sägespänen und Truthuhnscheiße, er findet sie nicht, verliert Zeit, flucht und beschließt, zum Auto zurückzukehren, um die Reserveschlüssel zu holen, dieses Mal hält er es für klüger, den Stall von hinten zu betreten, er tapst herum wie ein Faultier, stolpert über die Bänke und schlägt sich den Kopf auf und beinahe ruft er noch aus … «
» ›Wie oft habe ich den Arbeitern gesagt, dass sie hier Ordnung machen sollen !‹ «
» Genau ! Er setzt die Fensterautomatik in Bewegung, hat aber nicht die Absicht, noch einmal zwischen den Bänken auszurutschen, und beschließt wie ein Südtiroler Bär, der sich in Österreich aufspüren lassen möchte, den Stall noch einmal zu durchqueren. Auch wenn der sich immer mehr mit Rauch füllt. Und da hat ihm sein Herz einen Streich gespielt. «
» Aber entschuldigen Sie, Signor Inspektor, in diesem ganzen Tohuwabohu soll der Tote daran gedacht haben, beide Türen des Kontrollraums, die innere und die äußere, zuzusperren ? «
» Landrulli, hier lässt niemand eine Tür unverschlossen ! Niemals ! Merk dir das. «
Gerade ging die Sonne auf.
Es war ein trockenes und mildes Frühjahr. Auch in der fröhlichen Marca Trevigiana sprach man von einem sommerlichen Frühling, der dem Treibhauseffekt zu ver­danken sei.
Der warme Frühling hatte seine guten Seiten. In den Autowaschanlagen drängten sich die Leute und brachten Scheiben und Motorhauben auf Hochglanz, und zu Hause gingen die Männer daran, den rund um ihre Häuser empor­gewachsenen Wäldchen mit der Motorsense den Garaus zu machen.
Während Landrulli vor sich hin döste, verlangsamte Stucky das Tempo. Diese Art von menschlicher Aktivität interessierte ihn, so wie alle inkohärenten Tätigkeiten seine Neugierde erregten. Die Leute standen vor der Autowaschanlage Schlange, in Gedanken versunken, fast so, als ginge es um ein bedeutsames Ereignis, wie die Geburt des ersten Kindes, eine Abiturprüfung oder die Ent­nahme einer Probe, mittels deren der Stand der Trans­aminasen festgestellt werden sollte. Ganz zu schweigen von all den männlichen Wesen mit den über den Rücken geschnallten Motorsensen, die an die US-Marines im vietnamesischen Dschungel erinnerten – dasselbe Stirn­runzeln, derselbe Gesichtsausdruck voller Misstrauen, das sich hier gegen irgendein Grasgewächs, eine Brennnessel, ein kaum gesprossenes Wermutblatt richtete und folgende Frage ausdrückte : Was habt ihr in meinem Garten ver­loren ? Dieselben Herrschaften würden dann im Herbst mit Laubpustern unterwegs sein, die so stark bliesen wie die Bora in Triest, um eine armselige Blätterinvasion von ihrem Grund und Boden zu vertreiben.
Hinter ihm wurde gehupt, und Stucky gab etwas Gas, aber nur bis zur nächsten Bar.
» Landrulli ! Frühstück ! «
Landrulli hielt sein Croissant beim Essen mit so spitzen Fingern fest, als handele es sich um etwas Unreines, was es ja auch war, zumindest im Vergleich zu gewissen neapolitanischen Backwaren.
» Hast du gewusst, dass Truthühner polygam sind ? «
» Die Glücklichen … «
» Und dass sich die Hähne in der Paarungszeit heftige Kämpfe liefern ? «
» Wie heftig denn ? «
» Sie können auch tödlich enden. «
» Das ist nur konsequent. «
» Und dass sie stundenlang in den Himmel starren können … ? «
» Da übertreiben sie aber ! «
» Oder sie philosophieren. « Stucky nippte von seinem Kaffee und stellte fest : » Man hat uns für nichts und wieder nichts so früh aus dem Bett geschmissen. «
» Heute ist der 1. April «, seufzte Landrulli.
» Siehst du, dann passt ja alles zusammen. Aber der Tote ist ein echter Toter. Keiner, dem man bei der Verkürzung seines Lebens Beistand hätte leisten müssen … «
» Signor Inspektor, noch was anderes : Agente Bitonto möchte mir heute Abend den Teig für den Padre-Pio-­Kuchen bringen. Seine Frau weiß nicht mehr, wohin damit … «
» Und daraus würdest du einen Sonntagskuchen ­backen ? «
» Man beginnt damit an einem Sonntag. Es dauert näm­lich zehn Tage, bis die Mischung backfertig ist. Außerdem – wie könnte ich je Padre Pios Teig wegwerfen ? «
» Da hast du dir ja was Schönes aufgehalst … «
Am Nachmittag ging Inspektor Stucky am Teppich­geschäft von daij Cyrus vorbei. » Hast du am Sonntag geöffnet ? «, hatte er ihn tags zuvor am Telefon gefragt. Viele Läden waren offen. Daij Cyrus hatte geseufzt, und Stucky hatte im Geiste gesehen, wie er dabei auf sein Glas chai starrte. » Ich weiß nicht «, hatte sein in die Jahre gekommener Onkel geantwortet. » Außerdem habe ich sowieso nichts zu tun. «
Mit jeder Woche, die verging, vernahm der alte Herr immer deutlicher den Lockruf seiner Heimat, Persien, und vielleicht packte er schon seine Koffer, aber nie ganz voll, weil er immer neue Nachrichten hörte, die ihn erschreckten. In langen Telefonaten mit den Verwandten, die ihm dort noch verblieben waren, kam er zunehmend vom Hundertsten ins Tausendste. Am Ende redeten alle von den orientalischen Schwitzbädern, von Pistazien und von Ferien, die man vor Ewigkeiten gemeinsam am Kaspischen Meer verbracht hatte, und davon, dass die Zeit immer kürzer und in jeder Erinnerung immer länger wurde.
Im Geschäft war niemand ; auf die schönen Teppiche fiel zwar ein schwacher Lichtschein, der ihre Farben zum Leuchten brachte, aber der Laden selbst war geschlossen. Daij Cyrus war also zu Hause geblieben und betrachtete Fotos oder sah sich zum x-ten Mal die Videoaufzeichnung einer Hochzeit an, die man ihm aus dem Iran geschickt hatte.
Stucky machte auf der Piazza dei Signori Rast. Er hatte eine Vorliebe für die Tischchen unter der Loggia, und zwar wegen der Stufen : Diese wenigen majestätischen Stufen gaben einem das Gefühl, eine Entscheidung getroffen, einen kleinen Schritt auf sein Ziel hin getan zu haben.

2. April, Montag
» Antimama ! Noch immer ! «, rief Inspektor Stucky aus, während er sich auf dem Balkon seiner Wohnung im ­Vicolo Dotti blicken ließ. Die Schwestern ! Dieser ganze Krach um sieben Uhr in der Früh ! Er hatte versucht, das Radio lauter zu stellen und sich auf die Wege zu konzen­trieren, die sein Rasiermesser zurücklegte, aber infolge der Erschütterungen der Decke und der geschwisterlichen Schreie bestand die Gefahr, dass er am Ende noch wegen Rasurverletzungen würde verbluten müssen, zumal er gar keine blutstillende Watte im Haus hatte. Er schwor sich, sich einen Bart wachsen zu lassen und sich zum Ausgleich die Haare auf dem Kopf abzuschneiden. Yin und Yang, ganz klassisch. Er hatte sich vorgestellt, dass Signorina ­Veronica auf dem Fußboden herumhüpfte und ihr Be­wegungspensum zu Lasten der Balken absolvierte, während Signorina Sandra in gebührendem Abstand Kleidungsstücke und Schuhe durch die Luft warf. Das Gesicht halb eingeseift, halb glatt rasiert, hatte er, in seinen veilchenfarbenen Bademantel gehüllt, vom Fenster aus nur ein paarmal ein respektvolles » Aber meine Damen, meine Damen ! « gemurmelt.
Die Dezibel, immer wieder die Dezibel.
Stucky hatte überprüft, ob jemand auf der Gasse unterwegs war, und festgestellt, dass draußen niemand durch den Lärm gestört wurde ; dann trat er vor die Tür, um bei den Nachbarinnen Sturm zu klingeln. Mit Sicherheit ­äugte jetzt Signor Boldrin durch den Briefkastenschlitz in der Erwartung, dass der Hüter des Gesetzes ein bisschen Anstand einfordern werde.
» Signor Inspektor ! Schon wach ? «, zwitscherte Signo­rina Sandra, die jüngere der beiden. » Oh, Sie sind im Bademantel, und noch dazu in einem violetten ! «, fügte sie aufrichtig beeindruckt hinzu. » Ich könnte mir denken, dass Ihnen der Kaffee ausgegangen ist. Ihr Männer versteht es einfach nicht, halbwegs vernünftige Vorratslisten zu führen. Ich bringe Ihnen gleich einen … «
» Signora Sandra, Kaffee habe ich genug. «
» Zucker ? «
» Nein. «
» Aber was könnte Ihnen sonst um diese Uhrzeit fehlen ? «
Stucky hätte nur zu gern gesagt : Ruhe. Aber das Rehkitzchen zwinkerte so herum, dass den Inspektor der Mut verließ.
» Ich müsste mal mit Ihnen reden. « Er hatte den Satz noch nicht beendet, da wollte er sich schon auf die Zunge beißen, denn er fühlte sich in einen Strudel hineingesogen, sobald er sah, dass die Frau die Tür aufriss, die Treppen hinuntereilte und ihm das schmiedeeiserne Tor aufhielt.
» Mit mir ? «
» Ich muss mit Ihnen … genauer gesagt, mit Ihnen beiden reden. « Er versuchte, die Initiative zurückzugewinnen, und tatsächlich sah er, wie die Frau sich straffte und das Tor zudrückte. Stucky musste sich couragiert den Eintritt erzwingen.
» Wir müssen uns Klarheit verschaffen … «
Mit Trampelschritten stieg die Frau vor ihm Stufe für Stufe hoch und brachte dabei den Goldschmuck an ihren Handgelenken zum Klimpern.
» Veronica ! Der Inspektor ! «, brüllte sie an der Tür. Darauf ertönte ein Schmähwort, das Stucky überhörte. Si­gnorina Veronica war von Natur aus impulsiv, und ge­wisse Disziplinlosigkeiten musste man bei ihr einfach in Kauf nehmen. Sie trat aus einer Tür heraus, halb bekleidet, weich und üppig, und wedelte mit einem Blatt Papier herum. Sie war wie weißer Phosphor – tödlich, wenn man ihn verschluckt, und schon bei Zimmertemperatur entflammbar.
» Der Inspektor … «, sagte Signorina Sandra.
» Na und ? Hat er noch nie eine bea mona gesehen ? «
» Veronica, der Inspektor ist gekommen, um etwas zu klären. «
» Sandra ! Nicht nur das Girokonto … auch die Rechnung ! « Und tatsächlich, dieses Blatt Papier, das sie so bedrohlich hin und her schwenkte, war nichts anderes als eine Telefonrechnung.
» Vor zwei Tagen war es wegen des Autos «, versuchte Stucky zu protestieren, » und letzte Woche ging es darum, wer von Ihnen als Erste in Lignano Urlaub machen darf. «
» Ja, und ? «, sagte Signorina Veronica, die der Bade­mantel des Inspektors keineswegs in Verlegenheit brachte.
» Es geht darum, dass Ihre Nachbarn, angefangen bei meiner Wenigkeit, nicht an Ihren familiären Angelegenheiten teilhaben möchten … Wir sind diskret. «
» Wir nicht ! «
Das entsprach durchaus der Wahrheit ! Aber Stucky begriff, dass die Diskussion zum x-ten Mal aus dem Ruder lief und dass diese beiden keiner vernünftigen Argumentation zugänglich sein würden.
» Ich werde Bericht erstatten müssen. «
» Wem ? «
» Meinen Vorgesetzten. «
» Gnanca bon ! Versuchen Sie’s doch ! «, sagte Veronica und rückte provozierend ihren Busen zurecht.
» Wir haben keine Angst vor der Obrigkeit «, bekräftigte Sandra.
» Ich werde wirklich Bericht erstatten «, sagte Stucky und trat den Rückzug an. Während er die Treppe hinunterging, boxte er wie zur Drohung in die Luft und zwinkerte in Richtung von Signor Boldrins Balkon, um dem Nachbarn zu signalisieren, dass er diesen beiden Single-Damen gehörig die Meinung gesagt hatte. Er hatte den Eindruck, dass Signor Boldrin aus seiner Deckung heraus den Kopf schüttelte. Nur ein paar Tage nach einem Meinungsaustausch mit den beiden Amazonen war nämlich sein Kartäuserkater, pausbackig und schmiegsam wie ein Neugeborenes, verschwunden, und seither hatte er die Nase voll.
Agente Landrulli war noch nicht im Polizeipräsidium erschienen, und Stucky nutzte die Zeit, um ein paar Schubladen in Ordnung zu bringen und den Bericht vom Vortag über den Toten im Putenstall noch einmal zu lesen. Auch der später eingetroffene Arzt und die Kollegen waren sich einig gewesen, dass der Putenzüchter eines natürlichen Todes gestorben war.
Wenn man den Tod eines Betrügers in spe, der diesen in flagranti ereilte, tatsächlich als etwas Natürliches bezeichnen kann, überlegte Stucky, während er Signor Davan­zos Vermögensaufstellung und seine Gewinn- und Verlustrechnungen durchblätterte. Glücksspiel. Davanzo war dafür bekannt gewesen, dass er sich auf hochriskante Spiele einließ, und zwar im Kasino von Nova Gorica. Hinzu kamen die Frauen. Über sein Handy waren unzählige Anrufe mit Damen getätigt worden, die für Tugenden bekannt waren, welche überhaupt nichts mit Mitgefühl zu tun hatten. Der Herr hatte anscheinend immer Zeit für gewisse bewegungsintensive Übungen gefunden. Vielleicht waren es diese Anstrengungen gewesen, die ihn letztlich ins Jenseits beförderten, und nicht die Hoffnung, die Versicherung betrügen und so sein Girokonto auf­füllen zu können. Wie oft mag er zu seiner Frau gesagt haben : » Meine Liebe, ich schau mal nach, ob die Truthühner nicht die Vogelgrippe bekommen haben. « Von wegen Vogelgrippe !
Vielleicht als Einzige wirklich betrübt war die rumä­nische Familie, deren Mitglieder das ganze Tohuwabohu mit Beklommenheit verfolgt hatten und bald aus den Fenstern spähten, bald, vollzählig versammelt, stocksteif vor der Tür standen. Ihnen waren die Truthühner ans Herz gewachsen, natürlich. Jetzt, da der Alte tot war, wussten sie nicht, wie es mit den Geflügelfarmen weitergehen würde. Man braucht schon eine gewisse Tierliebe, um sich auf eine solche Tätigkeit einzulassen. Und vielleicht eine zwischen Perlhühnern und Enten, Schweinen und Pfauen verbrachte Kindheit. Wie es früher eben auf den Land­gütern zuging. Würden dort, wo jetzt die Ställe standen, bald Reihenhäuser errichtet werden ? Das war die Frage, die Stucky von den Gesichtern der Rumänen abgelesen hatte.
Man braucht nicht lange, um das Profil eines Bleistifts zu studieren. Doch der Inspektor drehte ihn immer wieder zwischen den Fingern hin und her und hielt ein Auge zugedrückt, um die Spitze zu fixieren. Er führte den Gegenstand näher zu sich heran und dann wieder zurück und versuchte, den Punkt zu erwischen, an dem er ihn am schärfsten sah. Mal kniff er das eine, mal das andere Auge zu, dann beide gleichzeitig. Nervtötende Übungen. Er atme­te erleichtert auf, als er Landrulli kommen sah.
» Siehst du ? Es war ein natürlicher Tod. «
» Buongiorno, Signor Inspektor. Ja, ich habe mir gerade den Kollegen angehört, der die toxikologischen Unter­suchungen durchgeführt hat. Jede Menge Alkohol im Blut … «
» Armer Kerl «, sagte Stucky, » Alkohol und Weiber, und am Ende haucht er sein Leben zwischen Putenexkrementen aus. Ob da wohl irgendeine Moral dahintersteckt ? «
» Und ob, Signor Inspektor … ! «
» Ach ja ? Welche denn ? «
» Dass man dann, wenn man Kaninchen züchtet, weniger Ärger hat. Kaninchen machen weniger Dreck … «
» Landrulli, was ist in diesem Glas ? «
» Das ist der Teig für den Padre-Pio-Kuchen, den mir gestern Agente Bitonto gegeben hat. «
Stucky ließ sich das Glas reichen, hob die Plastikfolie an und betrachtete den gelblichen Teigkloß.
» Er wächst, also … er geht auf «, flüsterte Landrulli.
» Das soll wirklich zehn Tage dauern ? Zehn Tage mit diesem Zeug ? «
» Aber das macht doch absolut keine Arbeit. «
» Keine Arbeit ? Am Ende wirst du die Nächte durch­wachen, um in Echtzeit mitzuerleben, wie dieser Teig aufgeht, oder du wirst ihn anpusten, damit er noch lockerer wird ! Du wirst mit Ringen unter den Augen ins Büro kommen, von denen dich nicht einmal ein Padre Pio befreien kann … «
» Ganz ehrlich, Signor Inspektor, ich glaube, ich lasse ihn hier, in meinem Büro. Vielleicht bringt er uns Glück. «
» Hör zu, Landrulli, nachdem du dich um den Teig gekümmert und ihm das kleine Einmaleins erklärt hast, denken wir auch mal an die Steuerzahler : Es gibt nämlich einige Vorgänge zu bearbeiten. Und ich muss jetzt Tatorte in Augenschein nehmen. «
» Allein … ? «
» Ja, allein. «
Zwei Tage zuvor war einem friedfertigen Rentner, der ­ruhig atmend an der Festungsmauer, den sogenannten Mura, entlangging und dabei die besten Jahre seines Lebens Revue passieren ließ, ein um einen Baum geschlungenes Seil aufgefallen. Auf dem Rückweg, als er vielleicht schon etwas langsamer war und den Details vermehrte Aufmerksamkeit schenkte, hatte er bemerkt, dass dieses Seil blutverschmiert aussah. Er war zu dem Schluss gelangt, dass man damit wohl ein Tier, wahrscheinlich einen Hund, angebunden hatte. Jedenfalls hatte er die Sache der Polizei gemeldet, und die hatte das Seil nach einer ersten Überprüfung genaueren Analysen unterzogen. Und diese hatten ergeben, dass es sich nicht um das Blut von einem Hund oder einem anderen Tier handelte, sondern um das Blut eines Menschen.
» Merkwürdig «, hatte Kommissar Leonardis Kommentar gelautet, nachdem er das Foto und die Untersuchungsergebnisse studiert hatte. » Sehen wir uns die Sache doch einmal genauer an, Signor Inspektor. «
» Es wird nicht leicht sein, sich ein Bild von dem zu machen, was hier vorgefallen ist. «
» Besser, wir schauen einmal nach. «
So fand sich Stucky vor einer jungen Rosskastanie wieder, die man als Ersatz für andere, bereits im Absterben begriffene Gewächse angepflanzt hatte. Sonst gab es dort überhaupt nichts, alles ringsum war nur Kies, mehrmals aufgemischter Kies. An der Rinde des Baums war keine Spur von irgendeinem armen Kerl zu sehen, den man hier mitten in der Nacht festgebunden und verprügelt haben könnte.
» Oho ! «, rief der Inspektor aus, kauerte sich nieder und nahm den Kies näher unter die Lupe. Ein Splitter vom Spezialglas einer Armbanduhr von der Art, wie sie in der ganzen Stadt vielleicht nur zwei oder drei Personen be­saßen. Volltreffer ! Er lächelte dem runden namenlosen weißen Kieselstein zu, den er in der Hand hielt.
Dann stieg er die Stufen hinauf und schaute vom Rand der Mauer in die Tiefe. Dort unten konnten gebrauchte Taschentücher oder sonstige Fetzen herumliegen, mit ­denen das Blut gestillt worden war, das auf dem Kies nicht die geringsten Spuren hinterlassen hatte. Treviso war eben eine saubere Stadt.
Es ist ja nicht so, dass wir uns um alle Verrücktheiten dieser Welt kümmern müssten, dachte Stucky. Nur Kommissar Leonardi legte seine eigene, persönliche Sensibilität gegenüber Dingen an den Tag, die herrenlos in der Stadt herumlagen und die er irgendwelchen kriminellen Vereinigungen zuordnete. Gewiss, der Kommissar widmete der Tatsache, dass sich ähnliche Dinge in wenigen, aber immer denselben Zonen der Stadt fanden, keine besondere Aufmerksamkeit. Solche Zonen umfassten die Gegend rund um den Bahnhof und vor allem die Wege entlang den alten Mura. Tatsächlich schienen diese Spazierwege verdächtige Fundstücke geradezu magnetisch anzuziehen. In der Asservatenkammer des Polizeipräsi­diums lagerten Messer, Armeefunkgeräte und sogar ein prächtiges Samuraischwert. Ferner Handschellen, Ketten, Vergrößerungsgläser sowie ein Spazierstock, der eine Stahlstange enthielt. Konnte das denn wahr sein ? Das ­alles auf den Mura von Treviso ? Und jetzt kam auch noch ein blutverschmiertes Seil dazu.
Ich werde dem Kommissar sagen, dass es keine Hinweise gab, überlegte Stucky, weil alles von Profis aus­geklügelt war, aber wenn wir dieses blutbefleckte Seil mit den anderen Fundstücken in Verbindung bringen, ergibt sich schon ein beunruhigendes Bild. Dass es ein beunruhigendes Bild war, würde den Kommissar insofern wieder beruhigen, als so ein beunruhigendes Bild beweisen würde, dass seine analytischen Fähigkeiten nach wie vor intakt waren.
Im Weitergehen ertappte sich Stucky bei der Über­legung, dass auch ihm das Bedürfnis nicht fremd war, ­einen Sinn in seiner Arbeit finden zu wollen. In den ­Phasen, in denen keine nennenswerten kriminellen Ereignisse stattfanden, fühlte er sich nicht ganz glücklich. Dann war es, als säße er auf einer Wartebank und sähe dem Leben zu, wie es ohne Hindernisse vor sich hin plätscherte. Die Tatsache, dass niemand ein Messer in den Körper ­eines anderen rammt, ist vom Standpunkt des Bürgers aus gesehen erfreulich, für den Profi aber schrecklich. Nur ein Verbrechen, ein geraubtes Leben, würde die Bürger aufschrecken, und sie würden ihn dann wie ein strenger Trainer mit großen Gesten von seiner Wartebank herunterholen : Ein Mensch ist ermordet worden ! Jetzt bist du an der Reihe ! Und so entsetzlich auch der Anlass sein mochte – er würde sich in Bewegung setzen und ihm ­einen Wert verleihen. Nun fragte sich Stucky, ob Leute wie er möglicherweise gar keine Feinde des Verbrechens waren, nicht für Gerechtigkeit sorgten und den Tod gar nicht hassten, sondern einfach nur liebend gern Probleme lösten. Und zwar möglichst vertrackte Probleme. Nicht Fragen nach dem Ursprung des Universums oder nach der Vereinigung der Konstanten der Natur. Sondern solche nach der beängstigenden Leichtigkeit, mit der ein Individuum einer Spezies ein anderes Individuum der eigenen Spezies aus dem Weg räumen kann.

3. April, Dienstag
» Von der Kritik der reinen Vernunft haben Sie keine Ahnung. Sie werden es im Leben nie zu etwas bringen. «
» Stimmt, Herr Lehrer. «
Professor Socal mochte seine Schüler nicht, und die Gedanken von Kant, zusammen mit denen von Hegel und anderen, boten ihm eine Gelegenheit, dies zu be­weisen. Kant & Co. dienten Herrn Professor Socal im Wesentlichen dazu, die Unvereinbarkeit von Schülern und Philosophie groß herauszustreichen. Stucky zog es später vor, Chemie zu studieren, die mit ihren Wunderdingen, die allesamt im Bereich des Unendlichen lagen, eine Art angewandte Philosophie darstellte, denn auch die Philosophie hatte ja ihre eigenen Wunderdinge, die ebenfalls alle in der Sphäre des Unendlichen angesiedelt waren.
Und jetzt stand also der arme Socal vor ihm, alt, abgemagert und längst im Ruhestand. Als Gymnasiallehrer, der aus Treviso stammte, hatte man ihn vor Jahrzehnten einmal nach Venedig versetzt. Soeben war er ins Polizeipräsidium gekommen, um nachzuprüfen, ob man seine Meldung bezüglich des blutverschmierten Seils auch ernst genommen hatte. Er hatte zunächst einen Wachmann gefragt, und dieser hatte ihn an die Polizei verwiesen. Der betagte Lehrer hatte seinen ehemaligen Schüler nicht wiedererkannt, und Stucky war beinahe in Ver­suchung geraten, sich zu outen und dann seine Reaktion zu genießen.
» Es war also menschliches Blut. «
» Ja, Signor Socal. Menschliches Blut. «
» Sind Sie sicher ? «
» Die Analysen … «
» Dann war es also gut, dass ich Sie darauf aufmerksam gemacht habe. «
» Sie haben Ihre Pflicht getan. «
» Wenn alle so wären wie ich … «
» … wäre die Welt perfekt. «
Der Alte hielt die gelb verfärbten Hände mit ihren tintenblauen Adern ineinander verschränkt und wackelte mit dem Kopf hin und her. Überschlägig berechnet musste er über siebzig sein, ein entsprechend angerostetes Stück ­Eisen. Der Sauerstoff war aggressiv ans Werk gegangen und hatte ganze Arbeit geleistet.
Je länger Stucky den Mann betrachtete, desto mehr hatte er das Gefühl, ihm gestehen zu müssen : Kant hat mich seinerzeit angekotzt. Kein Kunststück, vor einer Klasse pickliger Dummköpfe so herumzusalbadern !
Der Inspektor erhob sich vom Schreibtisch ; Kommissar Leonardi hatte den Alten zu ihm geschickt, weil es ihm nichts ausmachte, dass die Hälfte der Leute, die irgendwo in der Stadt auf seltsame Hinweise stießen, Wirrköpfe ­waren. Hauptsache, man behielt die Kontrolle über die Details.
» Herr Professor Socal, ich begleite Sie zum Ausgang. «
» Professor ? Ich bin kein Professor. Ich bin ein Kapitän auf großer Fahrt. Meine Kabine hat die Nummer 42 … «
Auf der Türschwelle versprach Stucky dem Alten, ihn über die Angelegenheit mit dem blutverschmierten Seil auf dem Laufenden zu halten.
» Ein satanistisches Ritual «, zischte Socal und schloss verängstigt die Augen.
» Die Sekten haben wir im Griff. Seien Sie unbesorgt ! «
» Aber was ist mit dem Sekt ? «, fragte der Mann und kicherte los wie ein hormongesteuerter Pennäler. Ganz schön schlagfertig, dachte Stucky. Wäre er zu meiner Schulzeit schon so gewesen, hätte ich auch den Kant besser verkraftet.
Er sah ihm aus dem Fenster nach, bis er unter den Arkaden verschwand. Unvorstellbar, dass eine solche Kreatur es ein paar Jahrzehnte zuvor geschafft hatte, ihm das Leben zu vermiesen.
Offen gestanden hatte die Schule ihm überhaupt viel vermiest ; das hatte nicht nur an Professor Socal allein gelegen, sondern vor allem an dem Hinunterwürgen von Dingen, deren Nutzen geringer war als die Mühe, sie zu vergessen.
Agente Landrulli war gerade dabei, seinen Geist mit­ Hilfe eines Handbuchs über Indizien, Beweise und In­tuitionen zu schulen. Aus den Augenwinkeln sah Stucky, wie er sich in seinem Büro mit einem kerzendicken Bleistift Notizen machte. Dabei warf der Agente verzehrende Blicke auf einen Topf, dessen Inhalt mit einem weißen, bestickten Tuch warm gehalten wurde.
Der Inspektor entwischte, in Richtung Stadtzentrum.
Secondo stellte die Gläser auf dem Tisch in eine Reihe. Ein guter Wein, obwohl sich der Wirt von der neuen Mode­erscheinung, dem Sprizz, bedroht fühlte, die offensichtlich auch seine Kundschaft in den Bann geschlagen hatte. Er selbst betrachtete den Sprizz, diese Mischung aus Wein und Farbstoffen, als Gepansche, ließ sich aber darauf ein und rächte sich nur mit seinen Preisen.
Stucky mochte diese sympathische Mixtur ganz gern, vor allem die Orangenscheibe gefiel ihm : Die Menschheit unterteilte sich in Zitronen- und Orangenliebhaber ; in Leute, die wie Raubvögel am Glas kratzten, um die Scheibe zwischen die Finger zu bekommen, und solche, die vorsichtig den Zeigefinger ausstreckten ; in Typen, die das Glas immer weiter kippten im Vertrauen darauf, dass die Schwerkraft diesen schmackhaften Bissen von selbst zu den vorgestreckten Lippen lenken würde, und andere, die dieses Teilchen aus der Gattung der Zitruspflanzen philosophisch und mit innerer Distanz betrachteten, es im Glas zurückließen und einem Schicksal biologischer Wiederverwertung zuführten.
» Was haben Sie an Ostern vor, Signor Inspektor ? «
» Ein paar Tage in Dalmatien. «
» In Jugoslawien ? In Begleitung ? «
Stucky blickte in die listigen Äuglein des Gastwirts, der Desinteresse heuchelte.
» Allein. «
» Aber … Ihre Freundin ? «
» Die hat sich eine Denkpause genehmigt. «
» Oho ! Heute nennt man so etwas also ›Denken‹ ! «
» Ja, Denken. «
» Denk nur, mein Schatz, denk nur nach. «
» Secondooo ! «
» Entschuldigen Sie bitte, Signor Inspektor ! Ich habe nur laut nachgedacht. Übrigens – haben Sie etwas über den Halunken vom Sile-Ufer gehört ? «
» Ein Halunke ? «
» Mein Schwager geht immer am Sile joggen ; es ist nur ein Vorwand, damit er den Hund nicht Gassi führen muss. Meine Schwester traktiert ihn, und er geht joggen. Wissen Sie, dass irgendein Idiot ihn angerempelt hat ? «
» So was kann vorkommen. «
» Er ist auf dem Boden gelandet wie Fallobst ! «
» Das tut mir aber leid. «
» Anderen ist das auch passiert. Seit über einem Monat gibt es dort einen Idioten, der die Jogger zu Fall bringt. «
» Uns hat man bisher aber noch nicht darüber informiert. «
» Was soll man denn der Polizei sagen ? Bei all den Scherereien, die Sie haben, wird nicht gleich jeder, der geschubst wird, bei Ihnen aufkreuzen. «
Während er seinen Prosecco trank, dachte Stucky über diesen » Halunken « nach.
» Wie oft ist das denn passiert ? «
» Vier oder fünf Mal, soweit ich weiß. «
» Merkwürdige Sache. «
» Und wohin genau geht’s in Dalmatien ? «
Am Abend ging Stucky auf den Alzaie spazieren. Das sind die alten Treidelwege, die den heutigen Trevisanern als autofreies Naherholungsgebiet dienen. Sie führen am Fluss Sile entlang und bilden eine magische Grenze zwischen Land und Wasser. Jedes Mal, wenn der Inspektor dorthin ging, hellte sich seine Stimmung auf, und zum Abendessen kehrte er dann gern bei Makallè ein, das schöne Restaurant in Porto di Fiera, von dem aus man den Sonnenuntergang bewundern konnte.
An der Tür des Lokals hing heute ein Blatt mit einem Hinweis für die Gäste : » Hüten Sie sich vor dem Rempler, der auf den Alzaie sein Unwesen treibt «.
» Was soll das denn heißen ? «, fragte er die Kellnerin, die ihn zu seinem Stammtisch führte.
» Das ist eine Warnung an unsere Gäste «, sagte die junge Frau in gleichgültigem Ton.
» Wieso ? «
» Es hat zwei Vorfälle gegeben … innerhalb einer ­Woche. «
» Vorfälle welcher Art ? «
» Im Zusammenhang mit den Leuten, die abends hier joggen gehen. Es ist jemand unterwegs, der sie übel anrempelt. «
» Frauen, vermutlich. «
» Aber nein, nein ! Der hat es auf Männer abgesehen … einen Typen hat er sogar nur zweihundert Meter von hier zu Boden gestoßen. «
» Und diesen Vorfall hat niemand angezeigt ? «
» Es gibt ja immer noch die Mundpropaganda. Wir warnen unsere Gäste. Einen Aperitif ? «
» Nein danke, nichts. «
Stucky setzte sich dicht ans Fenster. Er sah Gestalten, die schnell vorüberliefen, manche schritten zügig aus, andere bewegten sich ungelenk, mit schweren Füßen, sie kamen einzeln oder in kleinen Gruppen ; es gab Paare, die ihre Spannungen abbauten, und Künstler, die mit Musik in den Ohren hofften, den Anlauf vor dem großen Sprung zu nehmen, zu starten und in höhere Sphären aufzusteigen.
» Signorina, einen Moment bitte. Bringen Sie mir doch einen Wein ! « Mit dem Glas in der Hand stand er auf, ging hinaus und fing an, die Leute zu zählen, die an ihm vorbeiliefen, während die Dunkelheit anbrach. Es waren nicht gerade wenige !
» Zwischen sechs und acht Uhr kommen sie, und zwar massenweise ! «, berichtete ihm dann die Kellnerin, die ­darauf wartete, dass der Inspektor einen ersten Gang ­bestellte. » Und am Morgen auch ! Aber da haben wir geschlossen, und ich könnte Ihnen nicht sagen, wie es dann zugeht. «
Stucky kaute langsam und dachte auch nach dem ­Essen noch lange nach. Ein Belästiger auf den Alzaie. Er schwankte zwischen Widerwillen und Interesse. Einem unbändigen Interesse.

Über Fulvio Ervas

Biografie

Fulvio Ervas, geboren 1955, studierte Agrarwissenschaften und forschte über Tierhaltung, insbesondere bei Kühen. Heute arbeitet er hauptsächlich als Schriftsteller und lebt in der Nähe von Treviso mit seiner Familie und vielen Haustieren. Sein Sachbuch »Wenn ich dich umarme, hab keine Angst« war...

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