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Nummer 3

Nummer 3

Thriller

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Nummer 3 — Inhalt

Bislang war Amy die Tochter eines reichen Bankers, die gemeinsam mit ihren Eltern zu einem langweiligen Segeltörn aufbrach. Doch jetzt ist sie "Nummer Drei" - eine Geisel in der Gewalt von Piraten. Vor der Küste Somalias haben sie Amys Yacht geentert und die gesamte Besatzung gefangen genommen. Damit zwischen Piraten und Geiseln keine emotionale Beziehung entsteht, werden allen Passagieren Nummern gegeben. Amy wird Geisel Nummer Drei - doch das verhindert nicht, dass sie sich ihrem Bewacher, dem jungen Farouz annähert. Damit bringt sie sich in Lebensgefahr und beschwört eine Katastrophe herauf ...

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 11.05.2015
Übersetzer: Jürgen Langowski
368 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98215-3

Leseprobe zu »Nummer 3«

Küste von Eyl

Puntland, Somalia

Oktober 2008

 

Wir stehen auf der Tauchplattform unserer Jacht im brutalen Sonnenlicht.

Dad hat mir einen Arm um die Schultern gelegt. Sein Schweiß riecht stechend. Das ist ziemlich ungewöhnlich. Im richtigen Leben riecht Dad nach Clinique-Feuchtigkeitscreme für Männer, und wenn er ausnahmsweise mal lässig daherkommen will, nimmt er die Manschettenknöpfe ab. Jetzt trägt er ein zerfetztes kurzärmeliges Hemd. Allerdings ist diese Situation unendlich weit vom Normalzustand entfernt.

Jemand zielt mit einer Pistole auf meinen [...]

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Küste von Eyl

Puntland, Somalia

Oktober 2008

 

Wir stehen auf der Tauchplattform unserer Jacht im brutalen Sonnenlicht.

Dad hat mir einen Arm um die Schultern gelegt. Sein Schweiß riecht stechend. Das ist ziemlich ungewöhnlich. Im richtigen Leben riecht Dad nach Clinique-Feuchtigkeitscreme für Männer, und wenn er ausnahmsweise mal lässig daherkommen will, nimmt er die Manschettenknöpfe ab. Jetzt trägt er ein zerfetztes kurzärmeliges Hemd. Allerdings ist diese Situation unendlich weit vom Normalzustand entfernt.

Jemand zielt mit einer Pistole auf meinen Kopf.

Die Piraten haben uns umringt, über uns lodert der Glutball der Sonne, brät uns. Der Lauf der Waffe blitzt grellweiß.

Ahmed, der Anführer, schreit wegen eines Schlauchboots der Marine herum, das uns angeblich zu nahe kommt.

»Beiboot muss abdrehen«, sagt er laut in das Handsprechfunkgerät. »Abdrehen, oder wir erschießen Geiseln.«

Das Schlauchboot dreht nicht ab. Es hüpft über die Wellen auf uns zu, ich erkenne die uniformierten und bewaffneten Marinesoldaten, die darin sitzen. Niemand sollte bewaffnetsein, denke ich. Das ist ein Teil der Abmachung.

Ich verkrampfe mich, ziehe die Schultern ein und gebe in den Knien nach, als hätte mir jemand unsichtbare, aber starke Bänder an die Gliedmaßen gebunden und kräftig daran gezogen.

»Keine Sorge, Amy«, sagt Dad. »Hier wird niemand erschossen.«

»Mund halten, Nummer Eins!«, befiehlt Ahmed.

Wir sind nämlich durchnummeriert.

Mein Vater ist Nummer Eins.

Die Stiefmutter ist Nummer Zwei.

Ich bin Nummer Drei.

So ist es vermutlich leichter für die Piraten, wenn sie uns erschießen müssen. Allerdings haben sie uns versprochen, dass es nicht dazu kommt, wenn sich alle an ihre Anweisungen halten.

Wir beobachten das Schlauchboot, das nicht den Eindruck erweckt, als werde es umkehren. Meine Haut juckt am ganzen Körper vom Schweiß und von der heißen Sonne.

Ahmed drückt wieder auf die Sprechtaste.

»Abdrehen!«, ruft er. »Oder Geisel stirbt.«

Zuerst war ich sauer, weil die Stiefmutter vor mir dran war, dass sie Nummer Zwei und ich Nummer Drei sein sollte. Typisch, dass sie schon wieder wichtiger war als ich. So lief es immer ab, seitdem sie vor anderthalb Jahren nach einer Büroparty betrunken aus einem Taxi aus- und in unser Leben eingestiegen ist. Aber das – meine Gereiztheit –, das war vorher. Bevor sich alles zugespitzt hat und die ganze Sache auf einmal kein Abenteuer mehr war. Inzwischen ist die Stellung der Stiefmutter in der Hierarchie der Geiseln meine geringste Sorge.

Irgendwann dachte ich, wenn wirklich ernsthaft etwas den Bach runtergeht, dann wird sie wahrscheinlich vor mir erschossen.

Unsere Crew ist ebenfalls nummeriert, aber die Leute stehen ein Stück abseits. Unsere Familie umgibt so etwas wie ein Kraftfeld, das die angeheuerten Helfer auf Abstand hält.

»Beiboot stoppen«, sagt Ahmed ins Funkgerät, »oder wir erschießen Mädchen.«

Oh, denke ich. Also wird Nummer Drei wohl doch zuerst erschossen. Ich bin so unbeteiligt, als hätte das alles gar nichts mit mir zu tun, als solle eine andere Person eine Kugel in den Kopf bekommen.

Das Beiboot dreht nicht ab. Ahmed lässt den Daumen auf dem Sprechknopf.

»Farouz, erschieß Nummer Drei!«, befiehlt er.

Klingt seine Stimme tatsächlich ein wenig brüchig?

Ahmed, du willst es nicht tun!, möchte ich ihm zurufen. Ich weiß, dass du es gar nicht willst. Und wenn doch? Wenn er tatsächlich bereit ist, mich zu töten?

Und wenn Farouz bereit ist, den Befehl auszuführen?

Mit leicht zitternder Hand richtet Farouz die Waffe auf mich. Es ist eine Pistole. Gewöhnlich trägt er sie, mit einer Schnur befestigt, am Hosenbund. Das Modell und das Kaliber kenne ich nicht. Im richtigen Leben interessiere ich mich nicht für Waffen. Auf einmal scheint es aber schrecklich wichtig zu sein, als könne ich nie wieder Ruhe finden, wenn ich nicht weiß, mit welchem Pistolenmodell er mich tötet.

»Was für eine Pistole ist das, Farouz?«, frage ich.

»Halt den Mund! Halt einfach den Mund!«, ruft er.

Er fuchtelt jetzt so wild herum, dass er mich vermutlich sowieso verfehlen würde. Aber dann würde mich Ahmed oder einer der anderen erschießen. Ahmed und die anderen beiden haben AK-47. Das ist eine der wenigen Waffen, die ich erkenne, und das auch nur, weil die Terroristen in Filmen sie immer benutzen.

»Erschieß sie!«, drängt Ahmed.

Das Schlauchboot ist noch dreißig Meter entfernt. Ich erkenne einen Marinesoldaten, der uns mit einem Fernglas beobachtet. Die ganze Szene ist überwältigend und sehr scharf. Genau, scharf ist das richtige Wort. Mir scheint, alles um mich herum – die Wellen, das weiße Segel der Jacht, Dads Hemdkragen –, all das könnte mich schneiden, wenn ich die Hände ausstrecke und es berühre. Das ist sogar buchstäblich richtig, weil meine Piercings bei dieser Hitze Nebenwirkungen haben. Die Sonne erhitzt das Metall, und wenn ich das Gesicht berühre und sie verschiebe, brennen sie auf der Haut.

»Töte sie!«, brüllt Ahmed.

Die Stiefmutter bricht in Tränen aus.

Ich stehe da und warte auf den Knall. Aber nein, denke ich. Ich kann es gar nicht hören, oder? Es ist vermutlich wie ein Blitz oder ein Gewehrschuss. Sobald es mich trifft, nehme ich nichts mehr wahr. Für mich gibt es nur den Einschlag und die Gewalt, aber keine Geräusche.

Ich schließe die Augen und warte auf den Tod.

Mein Name ist Amy Fields.

Aber die Männer nennen mich Nummer Drei.

 

 

Dreieinhalb Monate früher


1 Über mir explodierte der Baum und entließ einen Schwarm krächzender Sittiche, deren Flügel wie Gewehrschüsse knallten.

Ich fuhr auf und hätte beinahe meine Schultasche fallen gelassen.

Die verdammten Vögel, dachte ich. Niemand wusste, woher sie gekommen waren. Manche behaupteten, sie seien aus einem Privatzoo entflogen. Einmal erzählte mir jemand, man habe sie für Filmaufnahmen in den Teddington Studios importiert. Es waren Halsbandsittiche aus dem Himalaja, was erklärte, warum sie auch im kühlen Londoner Klima so gut gediehen. Sie kamen zwar in der ganzen Stadt vor, aber Mom, die sich mit den verrücktesten Sachen auskannte, hielt den Schwarm bei uns für den größten. Wenn man am Fluss entlang in Richtung Richmond ging, entdeckte man die Vögel in den Bäumen. Kleine grüne und gelbe Körper, die blitzschnell aufflatterten und einen Heidenlärm veranstalteten. Mom sagte immer, je schöner der Vogel, desto hässlicher der Gesang. Deshalb seien Nachtigallen unscheinbar braun, während Papageien ein Gekreisch ausstießen, das Tote aufwecken könne.

An diesem Morgen war ich auf dem Weg zur Schule. Genauer gesagt sollte es mein letzter Schultag werden, an dem die Abschlussprüfungen stattfinden würden. Wie jeden Morgen ging ich über die Allmende zur Haltestelle der Linie 65.

Die Schule war ein Mädchencollege in Surbiton. Wir wohnten in Ham, das einerseits zu London gehört, andererseits aber ein richtiges kleines Dorf mit Allmende, Pub und Kirche war. London war ringsherum gewachsen und hatte das Dorf unverändert gelassen. So wie einen Ehering, der einem richtig fetten Menschen ins Fleisch einwächst.

Das Wort ham bedeutet auf Altenglisch so viel wie Dorf, was man in Namen wie Buckingham oder Cheltenham wiederfindet. Offensichtlich ereignete sich in Ham so wenig, dass es genau wie in alten Tagen einfach das Dorf war, das nichts Besonderes aufzuweisen hatte. Abgesehen davon, dass es auf eine verdrehte Weise natürlich schon wieder außergewöhnlich war, wenn dort rein gar nichts passierte. Irgendwie hatte sich der Ort in der Vergangenheit verloren wie ein Schiff, das lange kein Land mehr sieht, bis die Menschen darauf schließlich eine leicht abgewandelte Sprache sprechen. Deshalb hatte das Dorf tatsächlich etwas Wunderliches an sich, so als sei es geradewegs einem Märchenbuch entsprungen.

So gab es dort beispielsweise eine Straße, die Halsabschneidergasse hieß. Der schmale Weg führte zur Themse hinunter. Zwischen der Allmende, wo wir wohnten, und dem riesigen Richmond Park erstreckte sich außerdem ein Waldstück, das – Ehrenwort, ich lüge nicht – die Wildnis hieß. Es war tatsächlich ziemlich wild. Eine Gegend, wo in Krimis gern mal Leute ermordet werden.

Das Verrückteste war aber dieser Sittichschwarm.

Woher die Vögel auch gekommen waren, man sah sie ständig – sie hockten auf Stromleitungen oder flogen umher –, aber ich konnte mich nie richtig an sie gewöhnen. Vor den braunen und grauen Farbtönen Londons im Hintergrund waren sie unglaublich bunt, und ich dachte mir: Wie lange dauert es wohl, bis man wirklich irgendwo zu Hause ist ? Manche Leute behaupteten, die Sittiche seien schon seit fünfzig Jahren in der Gegend. Wann kommt der Zeitpunkt, an dem wir sagen, na gut, jetzt sind sie Briten? Ich meine, wir haben in der Schule gelernt, dass die Römer vor tausend Jahren Fasane nach Britannien brachten, und heute sind Fasane so britisch, wie nur irgendetwas britisch sein kann.

Ich bin den Sittichen ziemlich ähnlich. Ich bin zur Hälfte Britin und zur Hälfte Amerikanerin und lebte damals erst seit ein paar Jahren in England. Abgesehen von Carrie und Esme, die ich als Freundinnen betrachtete, hatte ich mich noch nicht richtig an das Leben hier gewöhnt. Im Gegensatz zu den versnobteren Mädchen standen die beiden auf amerikanische Serien und hielten deshalb auch große Stücke auf mich. Sie forderten mich oft auf, irgendetwas zu wiederholen, weil sie meinen Akzent mochten und neue Ausdrücke von mir lernen wollten. Aber von diesen Freundinnen abgesehen konnte ich nicht behaupten, sonderlich beliebt zu sein. Deshalb beobachtete ich oft die Sittiche und fragte mich, wie lange es wohl dauern würde, bis ich eine echte Britin wurde.

Eigentlich will ich aber auf Folgendes hinaus: Falls Sie zu den wenigen gehören, die schon einmal in Ham waren, dann wissen Sie, wie die Allmende aussieht und welche Häuser dort stehen, und dann ist Ihnen auch klar, dass mein Dad stinkreich ist. Er hat damals für eine Investmentbank gearbeitet. Genauer gesagt – er hat sie geleitet. Er ist Brite, während meine Mom – Sie haben es erraten – in Amerika geboren wurde. Kaum zu glauben, aber sie kam ursprünglich aus Arkansas. Allerdings ist sie mit achtzehn weggegangen, hat die Farm ihrer Eltern verlassen, wo sich horizontale Felder bis zum Horizont erstreckten, und sich in die vertikale Welt von New York gestürzt.

Sie und Dad haben sich kennengelernt, als er in Manhattan in der amerikanischen Filiale seiner Firma gearbeitet hat. Ich bin dort zur Schule gegangen, bis ich zwölf war. Dann hat Dad den Job in London bekommen, und wir sind umgezogen. Mom musste natürlich nicht arbeiten, aber sie hatte einen Job bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift, den sie mochte, und ließ sich nach unserem Umzug in das Londoner Büro versetzen. Es ist eine dieser Zeitschriften, die jeder kennt, sogar die Leute, die nichts von Wissenschaft verstehen.

Damit will ich sagen, dass es in meiner Welt nicht gerade alltäglich war, wenn man, noch dazu von der Direktorin persönlich, ein Hausverbot bekam.

Ich saß schon im 65er auf der rechten Seite, als Esme und Carrie einstiegen. Deshalb bemerkten sie zuerst nicht, was mit mir los war. Esme war aufgeregt, weil ihre Eltern übers Wochenende wegfahren wollten. Sie ließ sich neben mir auf den Sitz fallen und plapperte drauflos, während Carrie sich erheblich vorsichtiger hinter uns niederließ. Um ehrlich zu sein – dies sollte Ihnen schon so ziemlich alles über meine beiden besten Freundinnen verraten, was man über sie wissen muss.

Wenn ich sie meine besten Freundinnen nenne, dann heißt das nicht, dass ich sie wirklich so liebte wie Seelengefährtinnen. Sie waren ganz in Ordnung und hassten mich eben nicht so sehr wie die meisten anderen.

»Sie sind volle zwei Tage weg, Amy«, schwärmte Esme. »Ein komplett leeres Haus. Achtundvierzig Stunden Party!« Sie sagte nicht einmal »Hallo!« oder so. Das lag ihr einfach nicht. »Das wird riesig«, fuhr sie fort.

»Aber dein rotznasiger Bruder ist doch da«, wandte Carrie ein.

»Ich weiß nicht, ich finde Jack heiß«, gab ich zu bedenken.

»Bäh«, stöhnte Esme. »Nun werd bloß nicht pervers und mach meinen Bruder an!«

Carrie schnitt eine angewiderte Grimasse und wollte noch etwas ergänzen, aber mir war klar, dass sie das Gesicht verzog, weil ich mich umgewandt und sie es gesehen hatte.

Carrie starrte mich an.

»O mein Gott!«, sagte sie. »Dein Gesicht.«

»Amy!«, kreischte Esme. »Die schmeißen dich raus. Das ist unfassbar.«

»Es ist komplett bescheuert«, bekräftigte Carrie.

Ich hatte Stecker in einer Augenbraue, in der Nase, in der Unterlippe, in den Ohren. An allen Piercings saßen kleine Dornen. Mir gefiel’s – ich wollte der Welt eine klare Kante zeigen.

»Die können mich nicht rauswerfen«, widersprach ich. »Es ist mein letzter Schultag.«

»Oh, richtig«, räumte Carrie ein. »Französisch hast du gar nicht belegt, oder?«

Französisch war die letzte Prüfung, und wer nicht geprüft wurde, hatte früher frei.

»Non«, antwortete ich.

»Du Glückspilz«, sagte sie. Dann betrachtete sie meine Stecker aus der Nähe. »Was hat dein Dad dazu gesagt ?«

»Nichts.«

»Wow. Dein Dad ist cool.«

Ich hob die Schultern. Er war keineswegs cool. Genau genommen mochte er die Piercings wahrscheinlich gar nicht, aber wenn er von der Arbeit nach Hause kam, achtete er kaum auf mich und hatte deshalb bisher noch nichts bemerkt. Aus diesem Grund hatte ich sie mir überhaupt machen lassen. Ich wollte ihn ärgern, und deshalb ärgerte mich die Tatsache, dass er sich nicht ärgerte.

Wir steuerten geradewegs die Turnhalle an, wo die Prüfungen stattfinden sollten. Unterwegs hielt uns jedoch die Schauspiellehrerin Miss Fletcher auf. Wie immer saß ihre Brille schief, und ihr Haar sah aus wie nach einer Übernachtung im Gebüsch. Sie starrte mein Gesicht an, als hätte sie im Wohnzimmer eine Schlange entdeckt.

»Miss Fields, was haben Sie sich dabei nur gedacht ? Sie kennen doch die Regeln in Bezug auf … Körperschmuck. Für dieses Vergehen könnten Sie der Schule verwiesen werden.«

»Es ist meine letzte Prüfung«, widersprach ich. »Dann bin ich sowieso für immer weg.«

»Genau«, beharrte Miss Fletcher. »Noch sind Sie Schülerin dieser Schule, und die Regeln sind eindeutig. Kommen Sie mit, junge Dame! Wir gehen zu Missis Brooks.«

Mrs. Brooks war die Direktorin. Ich verdrehte für Carrie und Esme die Augen.

»Bis später«, sagte ich.

»Äh … ja, bis später«, antwortete Carrie. Sie war anscheinend gleichermaßen beeindruckt wie besorgt.

Miss Fletcher wartete draußen. Als ich über den Teppichboden des Büros ging, machte die Schulleiterin ein trauriges, ergebenes Gesicht, wie es die Eltern eines missratenen Kindes manchmal tun, was vermutlich aus der Sicht der Direktorin die Situation zutreffend beschrieb.

»Miss Fields«, begann sie, »Sie wissen doch, dass Ihnen unsere Schule sehr mitfühlend und nachsichtig begegnet ist. Aber dieses Mal haben Sie es wirklich übertrieben.«

»Es ist mein letzter Tag«, erinnerte ich sie.

»Das weiß ich. Ich weiß auch, dass kürzlich der Geburtstag Ihrer Mutter war und dass erst zwei Jahre vergangen sind, seit … nun ja …«

Ich wollte es ihr nicht zu leicht machen und schwieg.

Sie schlug die Augen nieder. Ich betrachtete die grauen Wurzeln der blonden Haare.

»Also gut.« Mrs. Brooks heftete den Blick unverwandt auf den Schreibtisch. »Nehmen Sie an der Prüfung teil. Aber danach verlassen Sie sofort die Schule. Den Aufenthaltsraum dürfen Sie nicht betreten. Sie sollen den anderen kein schlechtes Beispiel geben.«

»Soll mir recht sein«, willigte ich ein.

Dann kehrte ich allein in die Sporthalle zurück. Zur Prüfung kam ich etwa zwei Minuten zu spät, deshalb schlich ich zu meinem Tisch und drehte das Papier herum. Ich suchte mir die Aufgaben heraus, die ich am besten konnte, und schrieb die Antworten mit Bleistift nieder. Als ich aufblickte, verriet mir die große Wanduhr neben den Kletterseilen, dass mir noch fünf Minuten blieben.

Fünf Minuten, dann war die Schule für immer vorbei.

Ich vergewisserte mich, dass die Aufsicht führenden Lehrer abgelenkt waren. Einer las ein Buch, der andere blickte aus dem Fenster und hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt.

Also griff ich in die Tasche, zog eine Zigarette heraus und steckte sie mir in den Mund. Das Mädchen am Nachbartisch wandte sich um und starrte mich mit großen Augen an. Dann öffnete ich mein Federmäppchen, nahm die kleine Streichholzschachtel heraus und riss eins der Hölzchen an, hielt es an die Zigarette und hörte das Knistern, während ich den Rauch inhalierte.

Dann atmete ich aus, und sofort waren die Aufsichtspersonen auf den Beinen und schleppten mich aus der Turnhalle. Ein paar Minuten später tauchte Mrs. Brooks auf und eskortierte mich zum Schultor.

»Sehr schön«, sagte sie, als sie mich sogar noch bis zur Bushaltestelle begleitete. »Nun haben Sie Ihren großen Auftritt gehabt. Natürlich fallen Sie automatisch durch die Prüfung.«

»Was?«, antwortete ich. »Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.«

»Ich fürchte schon«, entgegnete sie. »Sie müssen begreifen, was Konsequenzen sind, Amy. Ein solches Verhalten … es muss Grenzen geben.«

Schweigend blickte ich zu Boden.

»So«, fuhr sie schließlich fort, »da haben Sie ein schönes Durcheinander angerichtet. Fühlen Sie sich nun besser?«

Nein, wollte ich erwidern. Nein, ich fühle mich nicht besser.

Bei der letzten Prüfung, bei der ich mir mitten in der Turnhalle eine Zigarette angezündet hatte – wie Esme mir verriet, sollte der Vorfall zur Schullegende werden –, war es um Physik gegangen.

Das passte gut.

In Physik hatten wir etwas über Dynamik und die physikalischen Gesetze gelernt, die für Flüssigkeiten und Gase gelten. Es gab eine Zeit in meinem Leben, da glaubte ich, die Regeln zu kennen und alles zu verstehen, was unveränderlich nun einmal ist, wie es ist. Ich wusste, dass Wasser bergab fließt und Luft ihren Druck verliert, wenn sie sich ausdehnt.

Ich verstand auch einige andere Zusammenhänge.

Wenn man älter wird, wird man klüger.

Geld schenkt Sicherheit.

Menschen, die sterben, sind so alt wie meine Oma und mein Opa.

Ich dachte, ich wüsste über diese Dinge ebenso gut Bescheid, wie ich wusste, dass ein Behälter irgendwann überläuft, wenn man lange genug Wasser hineingießt.

Das war ein Irrtum.

Nicholas Lake

Über Nicholas Lake

Biografie

Nicholas Lake lebt als Autor und Lektor in England.

Kommentare zum Buch

Beeindruckende Amy!
kassandra10 am 09.12.2013

Amy ist anders als die anderen. Ihr Daddy ist steinreich und deshalb ist die Familie von den USA nach London gezogen. Amy besucht dort eine Mädchenschule und lässt sich aus Trotz gegenüber ihrem Vater und dem Rest der Welt im Gesicht piercen.   Doch der Schuss geht nach hinten los, sie wird von der Schule verwiesen und kann somit nicht die letzte Prüfung bestehen und dann gerät sie im anschließenden Urlaub mit dem Vater und der neuen Stiefmutter mitten hinein in ein Piratenmanöver.   Amy ist die Nummer 3 und ausgerechnet sie soll als Erste erschossen werden? Was für ein Abenteuer!   Beeindruckende Amy!

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